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Das Glitzern des glitschigen Glitches

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Als Softwareentwickler, Computerspieler und Science-Fiction-Leser meine ich, mich etwas in jenen modernen Gefilden auszukennen, jedoch liegen meine Grenzen noch fiel dichter als ich befürchtete.

Was ist passiert? Gestern besuchte ich ein hochspannendes Lese-Event im Literarischen Colloquium Berlin: »Zwischen Optimierung und Untergang. Ein dystopischer Abend auf vier Bühnen.« Ich wollte da unbedingt hin, weil gleich vier SF-Schaffende Bücher vorstellten, darunter Anja Kümmel, die ich schon seit Jahren einmal live erleben wollte. Daneben präsentierten Julia von Lucadou, Juan S. Guse und Philipp Schönthaler ihre in diesem oder letztem Jahr erschienenen SF-Werke.

Hausgast im LCB: Julia von lucadou

Julia von Lucadou ist sogar gerade Hausgast im LCB, wodurch sie es am einfachsten hatte, das Haus am Wannsee zu erreichen, denn ganz so easy war es nicht. So fuhr die S-Bahn den Bahnhof Wannsee nicht an und auf der Regionalbahnstrecke schwelten Schwellen. Vermutlich kamen deshalb auch nicht ganz so viele wie man den Aufbauten nach erwartet hatte, aber dennoch genügend junges und vergnügt lauschendes Volk.

Anja Kümmel, Juan S. Guse, Philipp Schönthaler und Julia von lucadou

Zunächst gab es ein kurzes Gespräch, das in den Händen von Anja Kümmel lag, die ein paar Fragen vorbereitet hatte, in denen es um Dystopie im weiteren Sinne ging.

Juan S. Guse wandte ein, mit dem Begriff nicht so recht etwas anfangen zu können und ich hatte die Vermutung, dass ihm der Begriff etwas zu eng an Science-Fiction grenzt.

Juan S. Guse

Während Anja Kümmel offensichtlich die Werke der anderen drei kannte, spürte ich doch eine gewisse Unkenntnis der deutschsprachigen SF. Ich stelle mir das so vor, dass sie sich mit ihren Werken auf einer kleinen Insel der Phantastik im Ozean der Belletristik wähnen ohne zu wissen, dass sie da auf der Spitze eines Eisberges angelangt sind. Nun ja, als SF-Fan freut man sich über jeden Neuzugang, wobei Anja Kümmel natürlich seit »Träume digitaler Schläfer« aus dem Jahr 2012 fest zum Kanon der SF hierzulande zählt.

Anja Kümmel

Bald fiel dann auch dieses ominöse Wort glitch, das mir so gar nix sagte und ich entnahm der Diskussion, dass es sich um einen Fehler oder eine Abweichung von der Regel handeln muss. Hatte ich noch nie gehört. Wahrscheinlich reichen in meinem Umfeld Bug und Exploit völlig aus. Und noch einen Begriff kannte ich nicht: Off-the-grid als Genre-Eingrenzung. Ich lese wohl einfach die falschen Magazine und Publikationen, dass mir diese Slang-Begriffe noch nicht unterkamen. Das macht den Besuch im LCB für mich auch immer so spannend, man schnuppert in eine Literaturszene hinein, die, obwohl ich ihre Werke lese, mit meinem Leben kaum Berührungspunkte haben. Vermutlich ist das ein glitch und wir sind of-the-grid von einander.

Nach der Gesprächsrunde wurde das Publikum gebeten, sich auf zwei Räume zu verteilen, einer Lesung zu lauschen und nach fünfzehn Minuten, deren Ablauf durch einen mörderischen Gong verkündet wurde, den Ort zu tauschen. Zunächst lasen so Philipp Schönthaler und Julia von Lucadou, dann im Obergeschoss Anja Kümmel und Juan S. Guse.

Philipp Schönthaler

Ich blieb gleich im Hauptsaal sitzen und lauschte Philipp Schönthaler, der aus seinem Roman »Weg aller Wellen« vorlas, der gerade erst letzten Monat erschienen ist. Es ging in den Anfangsszenen um einen Mann, der am Venenscanner seiner Firma scheitert und somit nicht zur Arbeit gelangt. Das klang nach einer Geschichte über jemanden, der aus dem System fällt. Vielleicht ganz spannend.

Julia von Lucadou las aus dem Anfang ihres Romans »Die Hochhausspringerin«. Die titelgebende Figur will dem Leben als virale Persönlichkeit aussteigen, eine Psychologin soll sie umstimmen. Der Roman wurde eigentlich überall eher gelobt und so nutzte ich die Gelegenheit, mir Buch und Autogramm zu holen.

Julia las sehr poetisch

Dann folgten wir ins Obergeschoss zur Lesung von Anja Kümmel. »V oder die Vierte Wand« stammt schon aus dem Jahr 2016, dennoch hatte ich sofort die Figuren und Beziehungsgeflechte wieder vor Augen. Ich freue mich schon auf die nächsten Werke von ihr.

Anja Kümmel

Zu guter Letzt ging es ins Atrium, dem Dachboden der Villa. Eine sehr coole Lesekulisse mit einem deutlichen Hall. »Juan S. Guses« Roman »Miami Punk« fiel mir schon auf der Leipziger Buchmesse im März auf. Ich hatte reingelesen, wurde aber nicht warm damit. Nach der Lesung hat sich mein Eindruck nicht geändert, obwohl Juan sehr schön vorlas und auch ein paar Krümel Humor durchschimmerten. Aber insgesamt macht der Roman auf mich so den Eindruck einer Ansammlung tiefschürfender Gedanken und Ideen, mehr Projektionsfläche als eine Erzählung. Das hatte ich gerade mit Mardi zur Genüge.

ein stimmungsvoller Ort

Die rigide Lesungsanordnung beende das Event recht früh, aber man konnte noch an der Bar und in den Ausstellungsräumen mit den Autorinnen und Autoren ins Gespräch kommen und auch Autogramme erbitten, was ich natürlich ausnutzte.

»Die Hochhausspringerin« für mich!

Mal eine ganz andere Form der Lesung im LCB, die mir sehr gut gefiel. Könnte von mir aus öfter so ablaufen.


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