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Roberta und die tödliche Einsamkeit

Wenn sich das Feuilleton mit Science-Fiction beschäftigt, gelten zunächst zwei Regeln: Erstens darf das Wort Science-Fiction nicht aufkommen und zweitens muss das Werk in einem Major-Verlag erschienen sein. So lesen sich die Buchvorstellungen auch meist äußerst kastriert, da nur auf einen Bruchteil des Genres zurückgegriffen wird. Das Problem ist, dass ich mich dann beim Lesen immer so sehr über die selektive Wahrnehmung aufrege, dass das besprochene Buch unter keinem guten Stern bei mir scheint. Aber als ich jüngst Rezension von Cornelia Geißler zu »Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten« in der Berliner Zeitung las, dachte ich mir: SF von einer Autorin – bitte Aufmerksamkeit! Perfekt an dem Artikel war zumindest der Lesungshinweis und so eilte ich gestern nach zwei Filmen des Fantasy Film Festes zum Moritzplatz um die Autorin Emma Braslavsky kennenzulernen.

Emma Braslavsky

Die gebürtige Erfurterin ist mein Jahrgang und kam mir in meiner Filterblase bisher noch nicht unter. Ja ja, auch ich leide unter selektiver Wahrnehmung.

Die Lesung fand in der Buchhandlung am Moritzplatz statt, ein kleiner, modern eingerichteter Laden im Haus des Aufbau-Verlages.

Die Ankündigung im Schaufenster

Im Gespräch mit ihrer Lektorin Doris Plöschberger erzählte Emma Braslavsky ausführlich über ihre Recherche zum Roman, der sie tief in den aktuellen Stand der Hubot-Fertigung und KI-Forschung führte. Dabei muss sie sich ein recht breites Wissen angelegt haben, denn sie redete mit großer Begeisterung und wie ein Wasserfall. Es war eine Freude, ihr zuzuhören.

Emma Braslavsky und Doris Plöschberger

In den drei Textpassagen, die sie vorlas, entwickelte sich eine recht spannende Zukunftsvision eines Zusammenlebens mit Androiden und den negativen Auswirkungen auf das menschliche Sozialverhalten. Denn ihr Berlin leidet unter einer exorbitant angestiegenen Selbstmordrate und eine speziell für dieses Problem gebaute Androidin, Roberta, soll die Ermittlungsbehörde dabei unterstützen, die Gründe dieses Anstiegs aufzuklären. Zunächst probehalber mit einem ›einfachen‹ Fall.

Die Autorin während der Lesung

Das Buch stieg direkt auf die höchste SUB-Position bei mir ein. Aber lieber Suhrkamp-Verlag: Bei dem Preis sollte doch wohl ein Lesebändchen drin sein! Was ist los mit euch Anbietern von gebundenen Büchern? Klauen Elfen bei euch die Lesebändchen? Werft sie raus!

Natürlich habe ich nun ein signiertes Exemplar

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Friss Nudeln, nerviger Erzähler!

Feine Kleinverlage mit Phantastik im Programm gibt es eine Menge, sodass es kaum möglich scheint, sie alle im Blick zu behalten. Praktisch für einen Siebhirnler wie mich sind daher nette Produkthinweise mit ausführlichen Buchvorstellungen und wenn ich dann auch gleich Hier! rufe, trudeln irgendwann erquickliche Neuerscheinungen ein.

So just geschehen mit »Riesen sind nur große Menschen« von René Frauchiger aus dem homunculus Verlag.

Riesen sind nur große Menschen von René Frauchiger; Cover: Joseph Reinthaler

Der Indi-Verlag aus Erlangen bescherte mir schon mit Ulrich Holbeins »Knallmasse« und »Ymir oder: Aus der Hirnschale der Himmel« von Verlags-Mitgesellschafter Philip Krömer phantastische Lesestunden.

»Riesen sind nur große Menschen« befasst sich primär mit Fremdenhass und Diskriminierung. Allerdings verpackt er diese schweren Themen auf interessante und sehr unterhaltsame Weise.

Da wäre zunächst das Setting. Die Handlung des Romans spielt auf einem der titelgebenden Riesen. Hephaistos liegt schon ziemlich lange unbeweglich herum und so entwickelte sich auf ihm eine Mikro-Zivilisation mit kleinen Menschen und Tieren. Während man in der Metropole Stirnstadt recht demokratisch und tolerant lebt, versucht man im fernen Dorf Runzlingen mittels eigener Bürgerwehr alles Fremde und Neue aufzuhalten. Deren Finanzierung ist etwas dubios und so startet eine Untersuchung, die sich mit einer Entführung, Menschenjagd und Abstieg in den Magen des Riesen verbindet.

Die zweite Besonderheit ist das beständige Durchbrechen der Vierten Wand. Wie in einer Mockumentary kommentieren die Figuren das Geschehen, streiten mit dem Erzähler und unterhalten sich miteinander, selbst wenn sie handlungstechnisch dazu nicht in der Lage sein sollten. Allerdings wird es zunehmend handlungsrelevanter. Das erinnert natürlich an die Thursday-Next-Reihe von Jasper Fforde, vor der ich immer noch nicht alle Bände gelesen habe.

Und zu guter Letzt verfügt eine der Figuren, Achilles, über eine ganz besondere Fähigkeit: Wenn er eine Sache irgendwohin haben möchte, geht das nicht direkt, sondern quasi über die Bande. Nicht ohne Grund kommen deshalb die Leute, um ihm beim Pizza-Backen und den gegen Wände, Decke und Möbel fliegenden Zutaten zuzuschauen. Auch diese abgefahrene Besonderheit ist nicht nur Gadget, sondern spielt eine wichtige Rolle innerhalb der Handlung.

In Summe ergibt sich ein Roman, dem eine Balance zwischen politischem Ernst, literarischem Experiment und phantastischer Exzentrik gelingt. Zudem entwickelt René Frauchiger seine Hephaistos-Welt von einer dystopischen zu einer utopischen. Hat man auch nicht allzu oft. Science-Fiction von ihrer kreativsten Seite!

Drüben im Fantasyguide gehe ich im Einzelnen auf die Figuren ein: »Riesen sind nur große Menschen« von René Frauchiger

Das Glitzern des glitschigen Glitches

Als Softwareentwickler, Computerspieler und Science-Fiction-Leser meine ich, mich etwas in jenen modernen Gefilden auszukennen, jedoch liegen meine Grenzen noch fiel dichter als ich befürchtete.

Was ist passiert? Gestern besuchte ich ein hochspannendes Lese-Event im Literarischen Colloquium Berlin: »Zwischen Optimierung und Untergang. Ein dystopischer Abend auf vier Bühnen.« Ich wollte da unbedingt hin, weil gleich vier SF-Schaffende Bücher vorstellten, darunter Anja Kümmel, die ich schon seit Jahren einmal live erleben wollte. Daneben präsentierten Julia von Lucadou, Juan S. Guse und Philipp Schönthaler ihre in diesem oder letztem Jahr erschienenen SF-Werke.

Hausgast im LCB: Julia von lucadou

Julia von Lucadou ist sogar gerade Hausgast im LCB, wodurch sie es am einfachsten hatte, das Haus am Wannsee zu erreichen, denn ganz so easy war es nicht. So fuhr die S-Bahn den Bahnhof Wannsee nicht an und auf der Regionalbahnstrecke schwelten Schwellen. Vermutlich kamen deshalb auch nicht ganz so viele wie man den Aufbauten nach erwartet hatte, aber dennoch genügend junges und vergnügt lauschendes Volk.

Anja Kümmel, Juan S. Guse, Philipp Schönthaler und Julia von lucadou

Zunächst gab es ein kurzes Gespräch, das in den Händen von Anja Kümmel lag, die ein paar Fragen vorbereitet hatte, in denen es um Dystopie im weiteren Sinne ging.

Juan S. Guse wandte ein, mit dem Begriff nicht so recht etwas anfangen zu können und ich hatte die Vermutung, dass ihm der Begriff etwas zu eng an Science-Fiction grenzt.

Juan S. Guse

Während Anja Kümmel offensichtlich die Werke der anderen drei kannte, spürte ich doch eine gewisse Unkenntnis der deutschsprachigen SF. Ich stelle mir das so vor, dass sie sich mit ihren Werken auf einer kleinen Insel der Phantastik im Ozean der Belletristik wähnen ohne zu wissen, dass sie da auf der Spitze eines Eisberges angelangt sind. Nun ja, als SF-Fan freut man sich über jeden Neuzugang, wobei Anja Kümmel natürlich seit »Träume digitaler Schläfer« aus dem Jahr 2012 fest zum Kanon der SF hierzulande zählt.

Anja Kümmel

Bald fiel dann auch dieses ominöse Wort glitch, das mir so gar nix sagte und ich entnahm der Diskussion, dass es sich um einen Fehler oder eine Abweichung von der Regel handeln muss. Hatte ich noch nie gehört. Wahrscheinlich reichen in meinem Umfeld Bug und Exploit völlig aus. Und noch einen Begriff kannte ich nicht: Off-the-grid als Genre-Eingrenzung. Ich lese wohl einfach die falschen Magazine und Publikationen, dass mir diese Slang-Begriffe noch nicht unterkamen. Das macht den Besuch im LCB für mich auch immer so spannend, man schnuppert in eine Literaturszene hinein, die, obwohl ich ihre Werke lese, mit meinem Leben kaum Berührungspunkte haben. Vermutlich ist das ein glitch und wir sind of-the-grid von einander.

Nach der Gesprächsrunde wurde das Publikum gebeten, sich auf zwei Räume zu verteilen, einer Lesung zu lauschen und nach fünfzehn Minuten, deren Ablauf durch einen mörderischen Gong verkündet wurde, den Ort zu tauschen. Zunächst lasen so Philipp Schönthaler und Julia von Lucadou, dann im Obergeschoss Anja Kümmel und Juan S. Guse.

Philipp Schönthaler

Ich blieb gleich im Hauptsaal sitzen und lauschte Philipp Schönthaler, der aus seinem Roman »Weg aller Wellen« vorlas, der gerade erst letzten Monat erschienen ist. Es ging in den Anfangsszenen um einen Mann, der am Venenscanner seiner Firma scheitert und somit nicht zur Arbeit gelangt. Das klang nach einer Geschichte über jemanden, der aus dem System fällt. Vielleicht ganz spannend.

Julia von Lucadou las aus dem Anfang ihres Romans »Die Hochhausspringerin«. Die titelgebende Figur will dem Leben als virale Persönlichkeit aussteigen, eine Psychologin soll sie umstimmen. Der Roman wurde eigentlich überall eher gelobt und so nutzte ich die Gelegenheit, mir Buch und Autogramm zu holen.

Julia las sehr poetisch

Dann folgten wir ins Obergeschoss zur Lesung von Anja Kümmel. »V oder die Vierte Wand« stammt schon aus dem Jahr 2016, dennoch hatte ich sofort die Figuren und Beziehungsgeflechte wieder vor Augen. Ich freue mich schon auf die nächsten Werke von ihr.

Anja Kümmel

Zu guter Letzt ging es ins Atrium, dem Dachboden der Villa. Eine sehr coole Lesekulisse mit einem deutlichen Hall. »Juan S. Guses« Roman »Miami Punk« fiel mir schon auf der Leipziger Buchmesse im März auf. Ich hatte reingelesen, wurde aber nicht warm damit. Nach der Lesung hat sich mein Eindruck nicht geändert, obwohl Juan sehr schön vorlas und auch ein paar Krümel Humor durchschimmerten. Aber insgesamt macht der Roman auf mich so den Eindruck einer Ansammlung tiefschürfender Gedanken und Ideen, mehr Projektionsfläche als eine Erzählung. Das hatte ich gerade mit Mardi zur Genüge.

ein stimmungsvoller Ort

Die rigide Lesungsanordnung beende das Event recht früh, aber man konnte noch an der Bar und in den Ausstellungsräumen mit den Autorinnen und Autoren ins Gespräch kommen und auch Autogramme erbitten, was ich natürlich ausnutzte.

»Die Hochhausspringerin« für mich!

Mal eine ganz andere Form der Lesung im LCB, die mir sehr gut gefiel. Könnte von mir aus öfter so ablaufen.

Bedarf! Bedarf!

Samstagabend kochte die Stadt. Während sich in der Alten Försterei die Union-Fans auf ihren ersten Bundesliga-Sieg einsangen, machte ich mich bei 30° im Schatten auf, um der Science-Fiction zu frönen. Denn Amandara lud erneut zu einer Lesung in die Kulturbremse. Auf dem Programm standen Sabrina Železný, An Brenach und Theresa Hannig. Über Sabrina hatte ich auch erst von der Lesung erfahren, da sie den Termin stolz verzwitscherte.

Die Kulturbremse ist eine Zirkusschule, die von Clown, Zauberer und Tausendsassa Noopy nun schon seit fast zehn Jahren betrieben wird. Furchtbar stolz erzählte er auch gleich vom vergangenen Abend, als die Meystersinger mit Luci van Org und Roman Shamov den Raum rockte und die Hitze noch viel heftiger durch Moabits Straßen kroch.

Amandara und Noopy bei der Begrüßung

Ich kannte die Örtlichkeiten bereits von der Märchen-Lesung im Januar und hatte mich entsprechend vorbereitet. Neben den drei Autorinnen sowie Amandara und Noopy entdeckte ich unter den Gästen auch Claudia Rapp, die sensationell in einem Avengers-Kleid erschienen war und mit gewohnt ansteckender Fröhlichkeit auftrat.

Den Lesungsteil begann Lamahüterin Sabrina Železný, die uns Auszüge ihres Romans »Feuerschwingen« zu Gehör brachte.

Sabrina Železný

Darin geht es um raumfahrende Inkas und Spanier (Iberer) in einer alternativen Zeitlinie. Auf der Suche nach dem legendären El Dorado stürzen zwei Mitglieder der verfeindeten Völker, Manko und Gonzalo, auf die verlassene Erde ab. Das ungleiche Pärchen trifft dort direkt auf Monster …

Sabrina ist großer Fan Südamerikas und spricht die spanischen und Quechua-Wörter mit wunderbarem Sound aus. Ich spüre schon, dass ich an dem Roman auf lange Sicht nicht vorbei komme. Aus ihren Twitterfeets kannte ich bereits ihre Erfahrungen mit widerspenstigen Figuren, die »ein hohes Maß an Eigendynamik hatten und auch nicht davor zurückschreckten in der Mitte alle meine Plotplanungen über den Haufen zu werfen und mir dann zu beweisen, dass sie recht hatten. Sie haben immer Recht.«

»Feuerschwingen« verspricht nicht nur aus diesem Grund, ganz lustig zu sein. Nicht umsonst ist ihr Twitter-Name eben: Lamahüterin.

Die Lamahüterin im Einsatz

Ihr Debüt »Kondorkinder« wird im nächsten Jahr neu erscheinen, als Gesamtausgabe im Art Skript Phantastik Verlag, in der die beiden 2013 als getrennte Bände erschienen Handlungsstränge als abwechselnde Ebenen zusammengeführt werden.

Theresa stellte ihr in der Fragerunde die »böse Frage« nach dem Geschlecht der Protagonisten, und Sabrina bekannte mit entwaffnender Offenheit, dass sie es 2013, als der Roman entstand, noch nicht hinterfragt hatte. »Sie sind mir so zugelaufen. Es gibt auch ein paar coole Frauenfiguren in dem Buch. Heute würde ich auch schon gucken, dass mehr dabei sind.«

Eine sichtlich aufgeregte An Brenach aus Friedenau setzte sich als Zweite auf den Lesethron.

An Brenach

Die Autorin war mir bis dato völlig unbekannt, aber sie überzeugte mit ihrer großartigen Geschichte »Die Wanderläden« über eine etwas schräge KI. Als Begleiter eines sehr speziellen Händlers – Mr. K. – hat die KI alle Subroutinen voll zu tun, die Bedarfsdetektoren der Kraal-Familie auszuwerten und den Raumschiffladen via Hyperraum an den Ort zu bringen, wo die bedürftige Kundschaft wartet. Doch es gibt diese Tage, da geht einfach alles schief und so eine KI ist auch nur ein Mensch.

Während ihrer Lesung offenbarte An ein herrliches Talent, die verschiedenen Stimmungen und Seltsamkeiten ihrer Hauptfigur darzustellen. Die Story hatte sie extra für den Abend geschrieben und noch keinen Plan, wo und ob sie veröffentlicht werden wird.

eine großartige Erzählerin: An

Es wäre sehr schade, wenn die Geschichte in einer Schublade verschwinden würde und überhaupt will ich ganz dringend mehr von An lesen.

Nach der Pause zeigte uns Noopy einen ziemlich coolen Zaubertrick mit einem wandernden Loch für eine Schlüsselkette. Keine Ahnung, wie der Trick funktioniert: Noopy hatte uns, sein Publikum, fest in Bann und Griff.

Noopy verschiebt Löcher

So gefesselt waren wir reif für Theresa Hannig. Seit ihrem Seraph-Gewinn 2018 für »Die Optimierer« als bestes Debüt rührt sie nicht nur das Phantastik-Fandom ordentlich durch.

Theresa im Gespräch mit Andreas Brandhorst, dem anderen Seraph-Gewinner auf der LBM 2018

Nach ihrer Auseinandersetzung mit der deutschsprachigen Wikipedia kennen sie vermutlich auch darüber hinaus sehr viele Menschen. Und Theresa hat kein Problem, ein Publikum zu binden. Sie erzählte, dass ihre Lesung eigentlich über eine Stunde ginge und sie auch in Schulen auftreten würde, da es die »Die Optimierer« in Bayern als Dystopie-Beispiel auf den Stundenplan geschafft hat. In Dresden sogar ins Theater. Die Lese-Erfahrung merkte man ihr an. Mit großer Präzision, Gespür für Timing, herrlichem Sarkasmus und gesungenen Liedtexten, präsentierte sie eine Szene aus dem Optimierer-Nachfolgeband »Die Unvollkommenen«.

Theresa Hannig

Lila Richter wurde wegen Hochverrats zu lebenslanger Haft verurteilt und nach fünf Jahren Verwahrung zur Bewährung in das Internat Kühlungsborn gebracht. Denn die Bundesrepublik Europa hat in ihrer Optimalwohlökonomie auch den Strafvollzug optimiert …

Was für ein bitterböser Stoff. Zwar habe ich den ersten Band bisher nicht gelesen, aber den zweiten kaufte ich der Autorin ab. Nun brauch ich nur noch Mut zum Lesen. Dystopien sind ja nicht gerade meine Lieblingsspeise. Aber immerhin wird der nächste Roman der Vollzeitautorin eine Utopie, versprach sie ganz fest.

Im Anschluss erzählte sie auf Amandaras Wunsch hin noch etwas über die Wikipedia-Problematik und schloss mit dem Anliegen, den konservativen Kräften innerhalb der Wikipedia mit Freundlichkeit zu begegnen.

Theresa erzählte von der Wikipedia-Konferenz am Vortag

» […]Good hearted people, die mit Enthusiasmus und positivem Denken versuchen, das alles irgendwie wieder zu dem Zustand zurück zu bringen, den es 2001 mal hatte. Also bitte schaut’s euch einfach mal an, editiert ein paar Artikel – macht einfach mal! Das würde dem Ganzen sehr, sehr viel bringen.«

Dafür erntete sie großen Applaus. Sie hat natürlich Recht damit, dass man den verkrusteten Strukturen innerhalb eines solchen Projektes am bestem mit beharrlichem guten Vorbild beikommen kann. Meinen Wiki-Account erstellte ich 2005 und sehr viel habe ich bisher da nicht mitgemacht. Schon damals schreckte mich das krasse Regelwerk ab. Aber ich sollte wirklich mehr positive Vibes einbringen. Wenn ich denn mal enzyklopädisches Wissen beizutragen habe.

Mit diesem kämpferischen Appell Theresas endete ein sehr feiner SF-Abend. Nun muss ich mir nur noch die nächsten Termine in der Kulturbremse merken, denn Amandara schwärmte von einem vollem Programm!

Sabrina, Noopy, Theresa, An und auf dem Thron: Amandara

Lass uns rennen, Baby!

Es liegt hier ein hoher Stapel mit Anthologien und Kurzgeschichtensammlungen herum, den ich langsam abarbeiten will. Was nicht ganz so reizvoll ist, wenn man den Anspruch hat, darüber dann eine ausführliche Rezension zu verfassen, aber im Kampf für die gute Geschichte sind Opfer von Nöten!

Nach ihrer viel gelobten Anthologie Gamer aus dem Jahre 2016 ließen André Skora, Armin Rößler und Frank Hebben die nächste folgen: »Elvis hat das Gebäude verlassen«.

Als Thema lässt sich ein alternatives 1957 ausmachen. Bedingungen scheinen gewesen zu sein, dass typische Klischees der 50er auftauchen sollen, aber technologische Unterschiede zu unserer Wirklichkeit Fuß- und Angelpunkt der Geschichten sind.

Elvis hat das Gebäude verlassen, Cover Design: Jan Neidigk

Das führt zu einigen Parallelen im Plotinventar, wie das Diner, das Rennen mit heißen Maschinen und ein Wunderstoff, der Supertechnologien ermöglicht. Zwei Autorinnen und neun Autoren, darunter Mitherausgeber Armin Rößler, fanden dennoch recht unterschiedliche Themen, die sie mit den Baukastenteilen versorgten.

Ich bin kein Fan der 50er, vielleicht liegt es daran, dass mir nur eine Geschichte aus »Elvis hat das Gebäude verlassen« wirklich gut gefiel. Die Geschichten sind zwar alle gut und auch größtenteils toll erzählt, jedoch enthält das Buch keinen wirklichen Kracher.

Warum ich Thorsten Küpers »Belichtungszeit« etwas aus dem Rest hervorhebe, mag daran liegen, dass ich seine inszenierte Lesung in Second Life miterleben konnte und sie mir dadurch doch recht plastisch im Gedächtnis haftete.

Szenenbild aus »Belichtungszeit« live in Second Life am 13.04.2019

Das geht mir immer wieder mit Sachen des Küperpunks so. Lesungen können die Leserbindung wirklich nachhaltig beeinflussen. Wenigstens hat er jetzt endlich seinen KLP, für »Confinement«, dass ich natürlich auch in SL live hörte und sah.

Wer mehr über die Antho wissen will, kann meine mühsame Arbeit einer ausführlichen Rezension im Fantasguide bewundern: Elvis hat das Gebäude verlassen hrsg. von André Skora, Armin Rößler und Frank Hebben

Wer in die Zukunft fliegt, landet in der Vergangenheit

Ich bin seit meiner Jugend Fan des Autorenpaares Angela und Karlheinz Steinmüller. Mit »Andymon« verfassten sie eines meiner ewigen Lieblingsbücher und ich verfolge das Wirken der beiden seither fleißig. Was auch gar nicht schwer ist, immerhin wohnen sie auch in Köpenick und zum anderen besuchen sie regelmäßig Cons und andere Events.

Im April stellten sie im Otherland ihr jüngstes Werk vor: »Sphärenklänge. Geschichten von der Relativistischen Flotte«. Es erschien als Band 9 der Gesamtausgabe bei Memoranda, dem Golkonda-Imprint von Hardy Kettlitz, der die Reihe nach dem Untergang von Shayol fortführt.

Angela und Karlheinz im Otherland 2019

Normalerweise fasst so eine Werkausgabe ja das vor Urzeiten erschiene Zeugs der Delinquenten zusammen, aber bei den Steinmüller ist nix normal. Sie waren selber überrascht, als zu Beginn der Werkausgabe gleich dazugesagt wurde »… in zehn Bänden« – soviel hatten sie bis dato geschrieben. Deshalb gibt es in Band Neun nun auch nur vier alte Texte, die restlichen Acht sind knackig-frisch. Alle eint aber das Thema: Relativistisches Reisen durch den Kosmos. Was bedeutet es für die Menschen zu wissen, das in nur wenigen Jahren die Zurückgelassenen vielleicht sogar schon deren Enkel nicht mehr leben? Wie organisiert man eine Flotte sich relativistisch fortbewegender Schiffe? Wie kommt man bei einer Rückkehr zurecht oder mit Kolonien, von denen man am Beginn der Reise noch gar nichts wusste? Und vor allem: Was macht das aus uns?

Sphärenklänge von Angela Steinmüller und Karlheinz Steinmüller

Ganz besonders berührte mich die Geschichte um eine ausgemusterte Wissenschaftlerin, die man für verrückt hält und der man einen Androiden zur Seite stellt, um sie im Blick zu behalten. »URM 6754 und die Sphärenklänge« handelt vom Altern und vom Wunsch, respektiert zu werden. In Anbetracht der Geburtsjahrgänge von Angela und Karlheinz streift mich da mehr als nur ein sanfter Hauch der Wehmut.

Aber hey, noch sind die beiden putzmunter und fabrizieren beständig neue tolle Science-Fiction. Und es ist toll mit ihren Geschichten, mit ihnen selbst alt zu werden und jung zu bleiben. Das All ist nicht die Grenze, es ist der Anfang!

In meiner Rezi gehe ich ausführlich auf jede Story ein: Sphärenklänge von Angela Steinmüller und Karlheinz Steinmüller

Grummelnder Grime aus Görlitz

Ja, es hat eine gewisse Ironie, dass ich mir Sibylle Bergs »GRM Brainfuck« in Görlitz kaufte. Wir weilten in der östlichsten Metropole Deutschlands für ein geselliges Wochenende mit Freunden. Görlitz wurde nach den zweiten Weltkrieg geteilt, die Seite auf dem Ostufer der Neiße wurde polnisch. In der DDR vergaß man die Stadt irgendwie, wodurch sie fast zerfiel. Die Wende kam gerade noch rechtzeitig. Mit viel Geld, darunter die berühmte jährliche Million eines anonymen Spenders, wurde die Altstadt wunderschön restauriert. Leider gibt es kaum Arbeit, sodass die jungen Leute wegziehen. Es gibt viel Lehrstand, aber auch viel Tourismus. Und eine große Anhängerschaft populistischer Ideen.

An einem Buchladen vorbeizugehen, ohne ein Buch zu kaufen, ist Elfenwerk und sowas mach ich natürlich nicht. Der Laden war so ein schummriges, mit Buchstapeln vollgestelltes Zimmer, in dem ich ewig hätte stöbern können, doch bereits im Schaufenster winkte mir »GRM« zu. Als ob ich Klamotten kaufen muss, stürzte ich also zur Buchhändlerin und äußerste meinen Wunsch. Noch im Hotel begann ich zu lesen.

GRM Brainfuck von Sibylle Berg , Cover: Claus Richter

Das Buch erschien erst im April und mein Exemplar stammt schon aus der fünften Auflage. Was für ein Erfolg! Via Twitter hatte ich schon einen gewissen Hype um das Buch beobachten können. Ich folge Frau Berg dort schon eine ganze Weile, auf sie aufmerksam machte mich Frank Böhmert, der sie schon lange als Autorin schätzt.

Sie ist als Kolumnistin äußerst streitbar und bei Twitter auf sehr erfrischende Art, böse, spitzfindig und direkt. Mir kleinem Harmoniebolzen fehlt solch gespannte Armbrust, die mich ab und zu mal so richtig in die Realität schießt.

»GRM« ist eine hammerharte Dystopie. Dabei spitzt Sibylle Berg viele Gräuel gar nicht mal sonderlich zu. Vielmehr holt sie den ganzen alltäglichen Unrat zusammen und schüttet ihn über ihre Figuren aus. Sozialer Abstieg, Gewalt, technische Abhängigkeit, Diskriminierung – es gibt kein Erbarmen, weder für mich als Leser, noch für die Charaktere.

Natürlich beginnt man sich als alter weißer Mann recht bald ziemlich schlecht zu fühlen. Ein Großteil der Probleme dieser Welt und der von »GRM« steckt quasi in meinen Schuhen. Solche nicht dezenten Fingerzeige riefen viel Abwehr hervor. Was im Netz an Hass über das Buch und Sibylle Berg ausgeschüttet wurde, ist so erschreckend wie unverständlich. Keines der im Buch beschriebenen Verbrechen hat die Autorin begangen, erfunden oder befürwortet. Schon seltsam.

»Das Buch zur Stunde«, las ich irgendwo. Und das hätte »GRM« durchaus werden können. Aber für mein Empfinden hat Sibylle Berg irgendwann kein Ende mehr gefunden. Vielleicht wollte sie wirklich alles ins Buch packen, was sich Menschen gegenseitig antun und was an technischer Unterdrückung alles noch denkbar und möglich ist – jedenfalls setzt bald eine Übersättigung ein. Irgendwann relativieren sich die einzelnen Müllkrümel einfach zu einer Müllkippe. Zu viel des Üblen. Als Leser ist es ja recht leicht zu meinen: Das hätte man kürzer fassen können. Vielleicht gab es gute Gründe, »GRM« so ausufernd zu gestalten. Aber ich denke, dass sich diese umfassende Darstellung unserer düsteren Zukunft nicht ganz so tief eingraben wird, wie es ihr mit etwas feinerer Auswahl hätte gelingen können. Denn »GRM« ist an sich unser »1984«. Ein schwerverdauliches Buch, wirklich sehr gut geschrieben und über weite Teile fesselnd. Nun begrabt eure Handys, pflanzt eine Sonnenblume und seid lieb zueinander.

Wer etwas mehr über den Inhalt wissen möchte, findet das in meiner Rezi: »GRM Brainfuck« von Sibylle Berg

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