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Die Liebe im Winter

Bereits im Februar las ich im Lesezirkel des SFN Ursula K. LeGuins Winterplanet.

Das Buch stand schon lange bei mir im Regal und als es ausgewählt wurde, nutzte ich die Chance, es endlich zu lesen.

Winterplanet von Ursula K. LeGuin; Cover von C. A, M. Thole

Das Buch beeindruckt vor allem durch die Idee einer Gesellschaft, in der sich Geschlechtlichkeit nur einmal im Monat für ein paar Tage zeigt und zufällig auf weiblich oder männlich fällt. Das verändert das zusammenleben der Menschen stark, da es weder eine Diskriminierung des Geschlechts wegen gibt, sexuelle Gewalt unbekannt ist und quasi jede Person in der Lage versetzt werden kann, sowohl Mutter als auch Vater zu sein.

In der eigentlichen Handlung geht es um einen Abgesandten der Ökumene, der zu erreichen versucht, dass sich der Planet ihnen anschließt. Wegen der klimatischen Bedingungen heißt der Planet Winter und der Höhepunkt des Romans ist eine lange Flucht über einen Gletscher. Der Abgesandte lernt dabei eine andere Form der Liebe kennen, grob gesagt.

Sprachlich wie inhaltlich ist LeGuin hier eine Meisterin, der Roman, im Original »The Left Hand of Darkness«, aus dem Jahre 1969 machte sie als SF-Autorin zu Recht berühmt.

Tot bist Du noch lange nicht!

Wenn man über die Jahrzehnte einem erfolgversprechenden Jungautoren folgt, erwartet man ja immer, dass die ganze Welt genauso begeistert ist, wie man selbst. Ja, Jahrzehnte klingt lang für einen kometenhaften Aufstieg, aber ist es nicht das Ding der Kometen, ewiglang unentdeckt durchs All zu ziehen und dann plötzlich mit einem riesigen Impact die Welt zu erschüttern?

Uwe Post wird jetzt vielleicht nicht die deutsche Literatur erneuern, aber für mich gehört er mit seinen Werken schon zum Kanon der aktuellen deutschsprachigen Phantastik und sollte explizit in der SF deutlich geläufiger sein. Aber man kann sich seine Leserschaft nicht basteln und ich denke, dass Uwe Post da schon ein wenig dran verzweifelt. Er schreibt pointierte Kurzgeschichten, die SF-Themen mit gesellschaftlichen Missständen kreuzen, dehnt das in Roman-Form aus, lässt die Satire weg, versucht’s mit Fantasy, mit Retro-Charme und dann ist doch ein Känguru-Freund in den Bestsellerlisten – mit fast identischen Geschichten und Worten.

Ich versteh’s auch nicht. Und natürlich liegt’s auch nicht an mir, denn mit jeden neuen Buch von Uwe spring ich in die Bresche und betone meine Freude an der Lektüre, an der Wahl der Themen und dem Wohlklang der Worte. Okay, letzteres ist etwas übertrieben.

E-TOT von Uwe Post, Cover: licarto

Mit seinem jüngsten Roman »E-TOT« hat Uwe nun Ideen aus einigen Kurzgeschichten in Romanform umgesetzt und bebildert das Leben nach dem Upload, vor allem der Tücken, die man quasi zwangsläufig damit haben wird, wenn man sich an den heutigen Stand der Technik, ihre Missbrauchsmöglichkeiten und dem desolaten Zustand unserer Zivilisation ausrichtet.

Eine fein gesponnene Dystopie mit typisch Post’schen Sinn fürs Groteske und wenn er das ganze noch etwas fokussierter auf den Punkt bringen, den Figuren etwas mehr Charakter verpassen könnte, müsste das mit dem Bestseller auch mal klappen. Ich fand das Buch gut und etwas mehr berichte ich in meiner Rezi: E-TOT von Uwe Post

Geistvolles Gesellschaftsgekrabbel

Der Herbstblues hat mich voll erwischt und es fällt mir schwer, mich auzuraffen, diverse Schreibprojekte voranzutreiben, was auch dieses Blog zu spüren bekommt. Aber zu Halloween nutz’ ich ein paar freie Minuten, um endlich wieder von meiner Lektüre zu berichten.

»Qualityland« ist auch schon wieder ein paar Jahre her. Das Buch wurde ein riesiger Erfolg und sogar zum Schulbuch. Ich fand’s auch ganz witzig, natürlich unter der Prämisse, dass einige der Gags von anderen SF-AutorInnen schon erzählt worden waren.

Qualityland 2.0 von Marc-Uwe Kling, Cover: Roman Klein

Was nun auch auf »Qualityland 2.0« zutrifft. Marc-Uwe Kling ist ein netter Typ mit einer soliden Comedy-Variante. Lesungen von ihm, die man im Netz problemlos findet, sind eine sehr spaßige Angelegenheit und er hat auch in der Fortsetzung seiner Dystopie keine Schwierigkeiten, aktuelle technologische und soziale Entwicklungen in eine absurde Zukunft zu führen. Vom achtstündigen Dritten Weltkrieg bis hin zum wunderbaren Verinnern – Marc-Uwe Kling hat eine Menge böser Ideen oder zumindest die Fähigkeit, sie in schräge Szenen zu fassen.

Das ist natürlich auch politisch, aber in erster Linie beste Unterhaltung, die mir wieder sehr viel Spaß bereitete. Dass Science-Fiction bei klassischen Belletristik-Verlagen auch in Serie möglich ist, begrüße ich ausdrücklich und vielleicht sucht man ja in Zukunft auch mal Kontakt zu den gestandenen Autorinnen und Autoren der deutschsprachigen Phantastik, um sie und ihre Werke einem breiteren Publikum bekannt zu machen. Da gibt es noch eine Menge Schätze zu heben!

Ich hab noch Stoff für eine ganze Reihe von Blogbeiträgen, muss mich nur aufraffen. Corona-Lockdown heißt für mich normales Arbeiten, sodass ich jetzt nicht mit erzwungener zusätzlicher Freizeit bestückt werde und nur-Lesen ist im Moment irgendwie einfacher.

Aber zumindest die Pflichtrezis schaffe ich und darum hier nun der Link: Qualityland 2.0 von Marc-Uwe Kling

Meines Bruders Träume

Wenn man Bücher nicht gleich kauft, wird es wahrscheinlich nie etwas. Das hab ich schon sehr oft erlebt und darum war ich froh, als mir die jüngste Veröffentlichung von Ralph C. Doege wieder ins Gedächtnis geholt wurde, den ich seit seiner Geschichte um den Balkonstaat sehr schätze. Nun konnte er die Erzählung »Yume. Träumen in Tokio« bei Septime unterbringen.

Im Septime Verlag erschien die wunderbare Gesamtausgabe der Werke von Alice Sheldon aka James Tiptree Jr. und auch »Yume« erhielt eine elegante und moderne Gestaltung.

Yume. Träumen in Tokio von Ralph C. Doege

In »Yume« begleiten wir einen aus Deutschland angereisten Mann bei seinen Spaziergängen durch Tokio, wobei nie wirklich geklärt ist, ob er sich in einem Traumzustand befindet oder wach ist. Denn in Tokio soll er seinen im Koma liegenden Zwillingsbruder durch das Yuma genannte Gerät beim Erwachen helfen. Dafür muss er selbst schlafen und träumen.

Die Stadt wird dabei zu einem Ort, der die inneren Zustände des Mannes widerspiegelt. Von Einsamkeit bis hin zur Suche nach den Wendepunkten in seiner Kindheit. Erinnerungen tragen ihn dabei näher in die Gegenwart seines Bruders, als es in den vergangenen Jahren geschah. Und da ist noch Mari, die Frau seines Bruders und die Wissenschaftlerin hinter Yume …

Das Buch ist ein einziges melancholischen Schweben durch eine ferne Welt. Schwarzweißfotos präsentieren eine zusätzliche Sichtebene und verbinden sich mit den traumhaften Bewegungen des Protagonisten und ich begann bald zu rätseln, welche Stellen denn nun real sein sollten, was Traum, was vom Bruder Herübergewehtes. Eine ruhiges und nachdenklich machendes Leseerlebnis. Irgendwie ein Herbstbuch. Etwas für die Blaue Stunde.

Ein paar Worte mehr in meiner Rezi im Fantasyguide: Yume. Träumen in Tokio von Ralph C. Doege

Monstermäßig Matsch und Menetekel

Es soll ja Leute geben, die kaufen sich ein neues Buch erst, wenn sie das vorherige ausgelesen haben. Ich mache das dezent anders. Darum versubbe ich regelmäßig. Soziale Medien tragen daran Mitschuld. Etwa Twitter. In meiner Blase ploppen dort jeden Tag so viele Neuerscheinungen auf, dass es kaum zu verhindern ist, dass meine Finger plötzlich tippen: Brauch ich.

Bevor mein Hirn realisiert hat, was da geschieht, kommt schon die Antwort: Gern doch – und schwupps sitz ich der Falle. Die nächste 400-Seiten-Antho trudelt ins Haus …

Was mir Markus Heitkamp da aber zusandte, war ein Gedicht von Buch. Roter Seitenschnitt, Retro-Cover und viele coole Illustration von Christian Günther: »German Kaiju«

German Kaiju herausgegeben von Markus Heitkamp, Cover: Christian Günther

Die Veröffentlichung im letzten Jahr habe ich nicht so recht wahrgenommen, da Godzilla und co. einfach nicht mein Thema sind. Ich hatte in den 80ern einige der Filme in der Reihe »Mumien Monster Mutation« im ndr gesehen und war jetzt nicht so angefixt, aber hey, die Reaktionen auf Twitter kochten jedes Mal hoch, wenn die Sprache auf »German Kaju« kam und vielleicht gärte in mir auch noch die enthusiastische Vorstellung im Mai beim E-Book Event der Brennenden Buchstaben.

Das Buch kam an, ohne Rechnung – Markus schenkte mir ein Exemplar!

Hat mich das beeinflusst? Vielleicht, ein bisschen, aber letztlich mussten mich die Geschichten selbst überzeugen.

Und das haben sie! Vor allem, weil sich nichts wiederholte. Jedes Monster war anders, die Herangehensweisen unterschieden sich sehr stark und bis auf zwei nicht ganz so perfekte Texte, rissen mich die Katastrophenabenteuer durch die Bank mit. Es macht einfach großen Spaß, dem BER beim Untergang zuzusehen. Nur so als Beispiel.

Vor allem aber hatte ich das Buch sehr gern in der Hand. Als besonderes Gimick befand sich am Ende der Anthologie eine Umschlag mit einer Bonus-Story, die man nur im Notfall lesen sollte.

Der Notfall

Was ich natürlich tat, immerhin ist Corona und irgendwo geschieht grad bestimmt auch Elfenwerk. Ob aber Herr von Aster der beste Retter in Not ist? Zumindest süffisant schreiben kann er.

Christian von Aster und Markus Heitkamp auf der Buch Berlin 2018

Im SFN hatte ich versucht, einen offenen Lesezirkel loszutreten, was nicht ganz so gelang, aber immerhin konnte ich so das Buch in Häppchen genießen und meine Gedanken und Eindrücke in Worte fassen, was dann das Schreiben der Rezi etwas vereinfachte. Doch lest selbst: »German Kaiju« herausgegeben von Markus Heitkamp

Eisiger Spiegel der Gewalt

Lesezirkel sind sehr oft eine grandiose Quelle, AutorInnen und Werke kennenzulernen, von denen man noch nie gehört hat. So ging es mir mit dem Buch des August-Klassikerlesezirkels im SFN.

Weder sagte mir der Name Anna Kavan, noch der Titel ihres laut Wikipedia berühmtesten Romans »Eis« etwas. Der Klappentext klang verführerisch und ich hätte das Buch auch gelesen, wenn es nicht ausgewählt worden wäre.

Geschrieben hat es Anna Kavan 1967, ein Jahr vor ihrem Tod, und jetzt wurde es vom schweizerischen Verlag Diaphanes in der Reihe »Forward Fiction« erstmals auf Deutsch publiziert. Ich finde solche literatur-archäologischen Projekte bewundernswert. Die Reihe hat auf der Homepage des Verlages bisher keine eigene Seite, aber ich hoffe sehr, dass da noch mehr passieren wird. In der Vorschau findet sich schon einmal einen Ballard – das muss ich mir merken.

Eos von Anna Kavan

»Eis« ist kein normaler Roman, vielmehr muss man sich durch teilweise sehr verwirrende Sprünge in Zeit, Ort und Figurenperspektive kämpfen. Der männliche Protagonist begibt sich in einer postapokalyptischen Welt, die auf eine Eiszeit zu steuert, auf die Suche nach einem Mädchen, das er seit seiner Kindheit kennt. Sobald er sie findet, wird er brutal zu ihr – es wird angedeutet, dass er gegen ihren Willen mit ihr schläft – und verlässt sie wieder, überlässt sie einem anderen oder flieht vor dem Eis, um sich sofort wieder auf die Suche nach ihr zu machen. Das ist verstörend und sehr bizarr, es gibt keine wirklichen Zusammenhänge der Motivationen, für mich fand ich irgendwann die Erklärung, dass alle Figuren Teile der selben Persönlichkeit sind. Ein schrecklicher innerer Kampf mit vielen Selbstverletzungen, vielleicht Ausdruck von Verletzungen, die in der äußeren Welt stattfanden.

Aber trotz der vielen visualisierten Gewalt und der Zerstörungen, der Kälte, las sich »Eis« erstaunlich gut. Ich wurde hineingezogen in diese mäandrierende und repetitive Suche, denn die Sprache des Buches ist toll. Ein berauschendes Buch, dessen Lektüre ich nicht so einfach Genuss nennen möchte, aber es hat mich beeindruckt.

Ein paar Worte mehr gibt’s in meiner Rezi: »Eis« von Anna Kavan

Regeln sind zum Brechen da

Ab und zu breche ich meine eigene Regel, weniger Rezensionsexemplare zu ordern und schwupps bringt die post mir einen Ziegelstein, der mich die Entscheidung spontan bereuen lässt. Wegen der Dicke. Aber zum Glück trog der Schein dieses Mal, denn »Die letzte Astronautin« von David Wellington wurde von Piper mit dickem Papier, großer Schrift und breiten Rändern ganz schön aufgepustet. Außerdem las sich der Roman doch recht flott – eine schöne Abwechslung zum megaschweren Lesezirkelbuch, aber zu dem dann demnächst mehr.

Die letzte Astronautin von David Wellington; Cover: Lauren Panepinto

Das Weltraumabenteuer entstand in Folge der 2017er Aufregung um den Zigarren-förmigen Asteroid 1I/’Oumuamua und spielt im Jahr 2055. Ein ähnliches Objekt wird gesichtet und diesmal weisen Kurskorrekturen auf ein Raumschiff hin. Sowohl die NASA als auch eine private Firma starten Erkundungsmissionen, denn so ein großer Brocken könnte die Erde auslöschen.

Die NASA-Mission leitet die letzte Astronautin, Sally Jansen, mit Schuldkomplexen beladen, weil nach einem Unfall auf ihrer Mars-Mission einige Jahre zuvor, das Astronauten-Programm eingestellt wurde.

In der Folge entwickelt der Autor eine spannende Handlung um das Rätsel des Objektes, verbunden mit jeder Menge Konflikten zwischen den Figuren. Das meiste davon fand ich sehr US-amerikanisch. Konkurrenzdenken, militärisches Säbelrasseln und die völlig an den Haaren herbeigezogenen und mit Hass aufgeladenen Vorwürfe gegenüber Sally Jansen, die eigentlich nur die Notfallregeln befolgte, die ein ganzes Heer von NASA-Fachleuten für den Fall eines Unfalls festlegten. Insofern stand für mich die Figuren-Motivation auf sehr tönernen Füßen, zumal die eigentliche Handlung das gar nicht nötig gehabt hätte. Aber vielleicht wollte David Wellington kein einfaches Creature-Horror-Weltraumabenteuer verfassen.

Letztlich empfand ich das Ganze als sehr solide erzählt, aber auch nicht sonderlich inspirierend: Die letzte Astronautin von David Wellington

Spulmaschinenabenteuer

Bevor ich auch nur eine Zeile von »Tagebuch eines Killerbots« las, wurde mir das Werk bereits dringendst ans Herz gelegt, denn der Übersetzer Frank Böhmert plauderte während einer unserer Treffen nicht nur über den Spaß an der Sprache des mörderischen Bots, er beschrieb auch die Tricks, die er verwenden musste, um Problem zu lösen, die im Englischen kaum bestehen.

Tagebuch eines Killerbots von Martha Wells, Cover: Jaime Jones

So ergibt sich im Original aus der Icherzählung des Protagonisten erst einmal nicht, welches Geschlecht Killerbot hat. Das lässt sich im Deutschen nicht ganz so einfach darstellen, da diverse Artikel und Personalpronomen in eine Denkrichtung weisen. Die SecUnit, der Killerbot, die Kampfmaschine und so weiter. Und obwohl ich mir also der Thematik bewusst war, stellte ich mir Killerbot von Anfang an eher als weiblich vor. Was bei der Maschine und erst recht, wenn man die Handlung dann kennt, Quark ist, aber ich konnte diese Prägung bei mir beobachten. Was eigentlich nur wieder bestätigt, dass der Mythos vom generischen Maskulin ebenfalls Quark ist. Das Geschlecht von Wörtern beeinflusst sehr wohl das projizierte Geschlecht.

Allerdings ist mir das bei Martha Wells Roman gar nicht wichtig gewesen, denn auch als geschlechtslose Maschine wuchs mir Killerbot sofort ans Herz. Die nach außen hin distanziert und professionell auftretende Security-Einheit brodelt innerlich wie ein Sonnencluster, flucht vom Feinsten und hat ganz eigene Strategien, nervige Menschen-Dinge zu ignorieren. Wenn’s mal wieder langweilig sein sollte, wird einfach eine Unterhaltungsserie gestreamt, zur Not kann man ja die Aufzeichnung des äußeren Geschehens zurückspulen. Was einige Male passiert, oft genug von panischen Verwünschungen begleitet.

Die vier Novellen sind klassische SF-Abenteuergeschichten, wobei Killerbot stets ein paar Menschen retten und dabei andere Technik und böse Menschenfirmen bezwingen muss.

Das ist durchwegs unterhaltsam, amüsant und auch immer wieder sehr berührend, denn Killerbot hat ein paar Dinge, an denen das virtuelle KI-Herz hängt. Und ich hing dann da auch dran.

Klar, an ganz vielen Stellen hatte ich Franks diebisch vergnügtes Gesicht vor Augen, wenn er Killerbot wieder etwas mit Schmackes auf die Zunge legen konnte und letztlich steckt nun in Killerbot auch ein wenig seiner Mentalität. Er war quasi die ganze Zeit beim Lesen als Vorleser dabei. Was so ein klein wenig darüber hinwegtröstete, dass wir uns Corona-bedingt schon so ewig nicht mehr in natura sehen konnten.

Ein vergnügliches Buch, dass zwar keine innovativen SF-Momente bietet, aber sicher einen der coolsten Handlungsträger, denen ich in der SF bisher begegnete: Tagebuch eines Killerbots von Martha Wells

Das bisschen Zukunft

Die Pandemie hat ein klein wenig die Klimaerwärmung aus den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, aber wie auch das Virus, verschwindet die Klimakrise nicht durchs Weggucken. Darum stand es für mich fest, dass ich mir das Anthologie-Projekt der Exodus-Redaktion »Der grüne Planet – Zukunft im Klimawandel« ansehen würde.

Der Band ist editorisch eine Pracht. Eine schön gestaltete Hardcover-Ausgabe mit Farbcollagen zu jedem der 23 Texten – allein das mach das Buch schon liebenswert.

Der grüne Planet herausgegeben von Hans Jürgen Kugler und René Moreau; Cover: benSwerk

Inhaltlich glänzt das Buch jedoch nicht im selben Umfang. Mir waren sehr viele der Beiträge einfach zu wenig Erzählung, zu wenig innovative Science-Fiction. Vielen Autorinnen und Autoren ging es darum, eine mögliche Zukunft unter den Eindrücken der Klimakatastrophe mit fiktiven geschichtlichen Daten anzureichern. Dadurch ergaben sich im Laufe des Bandes jede Menge dieser »Future-Histories«, die sich kaum unterschieden, nur die Jahreszahlen und Schauplätze variierten; in Summe so uninteressant wie belanglos. Denn jedes dieser prognostizierten Ereignisse hätte eine Geschichte sein können. Das Runterrasseln von Datümern ist es für mich aber nicht.

Als ich mich beim Einpflegen der Rezension mit den Hintergründen der Autorinnen und Autoren befasste, fiel mir auf, dass der Großteil der Beteiligten (21) älter sind als ich. Das verblüffte mich, weil ich das Thema primär im Kontext der »Fridays for Future«-Bewegung als Aufbegehren der Jugend erlebe, die hier nur mit Tino Falke und Christian Endres vertreten ist. In erster Linie also finden sich in »Der grüne Planet« Stimmen wieder, die mit Saurem Regen und Smog aufwuchsen. Vielleicht erklärt das die Wahl der Herangehensweise an das Thema. Das Ausmalen der Postapokalypse, die düsteren Zukunftsvisionen und Prophezeiungen und viele melancholische Rückblicke auf unsere, die Zukunft verprassende Gegenwart.

Ich tat mich schwer mit einem Großteil der Texte. Vielleicht bin ich bestimmte Textarten nicht mehr gewohnt und zu sehr im »show, don’t tell« gefangen oder erwarte einfach mehr Kreativität in Stil, Form und Science-Fiction, »Der grüne Planet – Zukunft im Klimawandel« bot mir davon nur ganz kleine Bröckchen, die ich etwas mehr drüben im Fantasyguide benenne: Der grüne Planet herausgegeben von Hans Jürgen Kugler und René Moreau

Das Wimmeln im Tank

Bereits im Klassikerlesezirkel des Monats April lasen wir im SFN »Das seltsame Tier aus dem Norden« von Lars Gustafsson. Aus diversen Gründen dauerte es einen Monat, ehe ich mich an die Rezension machte und erstaunlicherweise bemerkte ich beim Durchblättern für die Besprechung, dass mir das ganze im Nachhinein doch wesentlich besser gefällt, als während des Lesens im Zirkel.

Das seltsame Tier aus dem Norden von Lars Gustafsson; Cover: Claus Seitz und Franco Maria Ricci

Das Buch ist im besten Sinne Ideen-Literatur, unter phantastischen Gesichtspunkt eng an Lem angelehnt, von ihm stand auch die Idee einer Schwarmintelligenz von Mikrolebewesen in einem Tank. Bei Gustafsson ist diese Intelligenz der Lenker eines Sonnenseglers und vertreibt sich die Zeit damit, sich selbst Geschichten zu erzählen. Dabei bedient er sich unterschiedlicher erzählerischer Methoden. Mal gibt er nur eine Parabel zum besten, mal skizziert die Handlung nur und dann folgt gleich darauf eine komplett auserzählte Story. Eine Methode, die sich heute noch in den Geschichten von Erik Simon finden lässt.

Schwierig waren für mich die philosophischen Einschübe, da hier doch recht komplexe Gedanken gewälzt wurden, denen ich nicht folgen konnte. Meist sehe ich bei solchen Themen das Problem nicht. Aber das kann man ja Gustafsson nun nicht zur Last legen.

Es war also wirklich gut, das Buch nach der Lektüre etwas ruhen zu lassen und sich beim Schreiben mit dem zu befassen, was man dann als Nachhall in sich findet.

Deshalb ist die Rezi auch recht umfangreich geworden, weil ich auf jede Geschichte eingehen wollte: »Das seltsame Tier aus dem Norden« von Lars Gustafsson

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