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Archiv der Kategorie: Literatur

Das Set nach dem Text zum Bild

Während der Lockdowns kamen Online-Lesungen groß in Mode und aus irgendwelchen Gründen hatte ich gerade dann überhaupt keine Lust mehr darauf, obwohl ich seit vielen Jahren großer Fan der Online-Lesungen in Second Life bin, die zumeist von Thorsten Küper aka Küperpunk organisiert wurden.

Und nun, da sich die Pandemie ihrer endemischen Phase zu nähern scheint, kommt auch bei mir langsam das Gefühl zurück, virtuelle Lesungen zu brauchen. Deshalb war ich ganz froh, dass gestern ein Lesungsevent zur Anthologie »Am Anfang war das Bild« stattfand.

Mein Avatar vor einigen Bildern des Bandes

In den vergangenen Wochen hatte ich mich an einem Lesezirkel zum Buch im SFN beteiligt, kannte daher alle Texte und Bilder und freute mich sehr, einige der Autor·innen ein weiteres Mal live, nach dem Auftritt in einer Talkien-Folge, zu erleben.

Die Avatare von Heidrun Jänchen, Küperpunk und Aiki Mira vor dem Plakat von Uli Bendick

Die Antho enthält SF-Geschichten, die von Grafiken der Künstler Uli Bendick und Mario Franke inspiriert wurden. Die Mitmachenden konnten sich in einer Bildersammlung Grafiken auswählen, auf deren Grundlage sie ihrer Fantasie freien Lauf für Storys ließen. Hinterher nutzten die beiden Grafiker dann die so entstandenen Texte, um weitere Bilder passend dazu zu kreieren.

Das Plakat von Mario Franke

Das alles nahm nun Barlok Barbosa, um daraus die Bühnenbilder der Lesungen in SL zu gestalten und natürlich gelang ihm das wieder ganz großartig! Es ist eben doch etwas anderes, in diesen Sets während der Lesungen herumzulaufen, als das ganze dann später in Youtube zu betrachten, obwohl der Küperpunk hier viel Arbeit reinsteckt und es sich wirklich lohnt, die Videos anzugucken.

Wir trafen uns zunächst in der Galerie und Mitherausgeberin Aiki Mira besprach mit dem Küperpunk einige der Bilder von Uli Bendick und Mario Franke. Mario, der im Discord zugegen war, kommentierte das Ganze aus seiner Sicht. Hier in der Galerie fand dann im Anschluss an die Lesungen auch ein Konzert von Psiquence statt, der schön öfter mit seiner elektronischen Musik Lesungsevents atmosphärisch ausklingen ließ.

Der Küperpunk und Aiki im Set zu »Unser stilles Dorf«

Isabell Hemmrich begann den Lesungsteil mit »Unser stilles Dorf«, dessen Stil und Poetik mir beim Lesen sehr gefielen.

Heidrun im Set zu »Stille Post«

Ihr folgte Heidrun Jänchen, die ihre Geschichte »Stille Post« zunächst für die Klimawandel-Antho, ebenfalls bei Hirnkost erschienen, begann, aber dann liegen ließ, weil sie nicht so recht rund wurde. Aber ihr machen Figuren in der Schublade Gewissensbisse und als sie dann das Schmetterlingsbild im Katalog zur Antho sah, fiel ihr die angefangene Story wieder ein. Zeit, daraus eine ungewöhnliche Geschichte zu machen, die sich über mehrere Zeitsprünge hinweg erstreckt.

Aiki und Barlok im Set zu »Utopie27«

Aiki Miras »Utopie27« bildete den Abschluss des Buches und faszinierte durch ein stark beschriebenes Cyberpunksetting und einer sehr emotional anrührenden Lebensgeschichte.

Im Set zu »Das Licht«

Uwe Neuholds Story »Das Licht« hingegen fand ich im Buch eher nicht so gelungen, aber in der Lesung konnte er ihr neue Töne abringen.

Im Set zu »Onkel Nolte oder die hohe Kunst, aus dem Fenster zu schauen«

»Onkel Nolte oder die hohe Kunst, aus dem Fenster zu schauen« von Janika Rehak ist eine bezaubernde Liebesgeschichte, die mich schon im Buch sehr bewegte und in dem tollen Set von Barlok so richtig zum Funkeln kam.

Psiquence ließ den Abend ausklingen

Wie hier die Verbindung ganz unterschiedlicher Medien Kunst weiterschreibt, begeisterte mich den gesamten Abend über. Vom Bild zum Text zum 3D-Kunstwerk.

Grüße aus der Gruft der Zukunft

In den Neunzigern versuchte ich mit Hilfe der Amerika Gedenkbibliothek meinen Rückstand an westlicher Science-Fiction aufzuholen. Später dann kaufte ich jene Werke, die auf Listen der wichtigsten SF-Werke auftauchten und noch heute stehen davon etliche ungelesen im Regal. Die Menge ist einfach riesig, es erscheinen ständig neue Bücher und ich will ja nicht nur Science-Fiction lesen.

Aber ich bekam zumindest einen gewissen Überblick, konnte Namen zuordnen und wusste um prägende Titel.

Als ich nun Die Weltenschöpfer Band 1 von Charles Platt direkt vom Verleger Hardy Kettlitz erwarb, stöberte ich bereits auf der Heimfahrt in den ersten beiden der kommentierten Gespräche. Von Isaac Asimov habe ich einiges gelesen, Thomas M. Disch sagte mir nur vom Namen her etwas.

Aber die Art und Weise, wie Platt seine Interviews aus den 70ern begleitete und mit brandaktuellen Nachträgen versorgte, reizte mich. Platt selbst kannte ich überhaupt nicht und so stellte er sich mir als sehr streitbaren, zuweilen arrogant erscheinenden Autor vor, der zwar die bedeutendsten Personen der Szene traf, aber nicht als Fan mit ihnen sprach, sondern als Insider und meist auf Augenhöhe.

DIe Weltenschöpfer Band 1 von Charles Platt; Cover von S. Beneš

Die Portraits sind sehr launisch und geprägt von teilweise zynischen Beobachtungen zu den Wohnungen und Häusern der Besuchten. Was für mich besonders spannend war, da ich ja auch einige solcher Interviews in privatem Umfeld durchführte und mich selbst dabei eher als scheu und eingeschüchtert erlebte. Ein Unwohlsein, das zu einer immer größeren Schwelle im Lauf der Zeit wurde.

Platt erlebte das eher selten. Zwar sind seine Begegnungen, etwa mit Philip K. Dick, sehr strange, aber meist stellte er sie im Rückblick als professionelles Journallistenhandwerk dar, wenn nicht sogar gleich als Treff von Freunden.

Darunter dann auch zerbrechende Freundschaften wie die mit Harlan Ellison.

Von den 18 Autoren kannte ich nur sieben durch ihre Werke, vier Namen sagten mir sogar komplett gar nichts. Und spannend wurde es für mich meist dann, wenn mir die Autoren durch ihre Werke besonders sympathisch waren, wie Samuel R. Delany, Kurt Vonnegut Jr. und Philip José Farmer, aber natürlich bleiben die Zankereien und Seltsamkeiten länger im Gedächtnis haften.

Ich freue mich jetzt schon auf die beiden anderen Bände, darunter in Band 3 dann auch endlich als Autorin Joanna Russ.

Über Stock und Holm

Ich hatte mir dieses Jahr vorgenommen, ein wenig in den Programmen der Kleinverlage zu stöbern und Bücher zu probieren, die nicht primär zu meinen Lesevorlieben passen. Außerdem erliege ich ganz leicht Buchverführungen und so konnte ich einen Superdeal für die Valkyrie-Trilogie von Tina Skupin aus dem ohneohren Verlag nicht ignorieren.

So erwarb ich die drei Bücher im einheitlichen Design samt Gimmicks, wie einer Walkürebadeente, und hab den ersten Band im Sommer gelesen.

Frida für die Badewanne

»Zurück ins Jetzt« ist der Bericht der Walküre Frida, die im Auftrag Odins einen etwas peinlichen Fehler begeht und plötzlich im Stockholm unserer Tage wieder zu sich kommt. Asgard gilt als verschollen, die Norsen leben mehr oder weniger versteckt unter den Menschen und wollen keine Aufmerksamkeit erregen. Was Frida nun aber überhaupt nicht in die Wiege gelegt wurde.

»Zurück ins Jetzt« von Tina Skupin

Frida ist eine lustige Gesellin, der ich gern durch ihre Irrungen und Wirrungen folgte, wenn es auch recht bald klar wurde, dass ich hier eine typische Mary-Sue-Geschichte in den Händen hielt.

Aber wer will nicht mal als unbesiegbare Walküre mit einem Spraben für Die Freie Presse eintreten, mit Loki ein Tricktänzchen aufführen oder eine Prinzessin befreien, die Kirschblüte heißt und in einem Zuckerschloss wohnt? Ja, gerade letzteres kommt der Sache schon recht nahe.

Auf jeden Fall habe ich riesige Lust bekommen, nach Stockholm zu fahren, mir die Stadt mit strengem Norsen-Blick anzuschauen und nach veredeltem Glöck zu rufen.

Tina Skupin auf der buch Berlin 2019

Bestimmt werde ich sogar in die Folgebände reinschnuppern und vielleicht ist die Autorin mit Hut ja wieder mal live zu erleben, sodass ich mir die Bände signieren lassen kann.

Gut gedruckt ist halb zerfetzt

Den jüngsten SF-Roman der Orgel-Brüder habe ich in seinem Erscheinungsjahr gelesen und das ist schon erstaunlich. Aber sie warben auf eine so nette Art für »Behemoth«, dass ich nicht widerstehen konnte.

Im Zentrum steht die Betrachtung zweier Generationenraumschiffe mit unterschiedlicher gesellschaftlicher Herkunft, eines eher chinesisch geprägt, das andere stalinistisch, beide totalitär, und ihr Umgang mit dem zunehmenden Verfall der Schiffe und damit der Ordnung.

»Behemoth« von T.S. Orgel,

Die Inszenierung gefiel mir, wenn sie auch sehr auf Bekanntem aufbaut. Die beiden Systeme überraschen weder in den finsteren Dingen, als auch in den liebevollen Überlebensgeschichten.

Das dritte Schiff wird nicht näher betrachtet, es ist eher der Gute-Westen-Typ und von daher für die Orgels vielleicht zu langweilig oder der Platz bzw. die Zeit reichten nicht mehr.

Das spürt man dann im Finale, wenn eine entscheidende Volte dadurch einfach kalt serviert wird und man sich fragt, warum das »Aas« nun so handelt. Da fehlte mir dann doch jede Menge Exposition und Motivation. Überhaupt ist das Finale etwas zu viel Harry-Kim.

Das Cover ist leider wieder sowas Generisches und hat nur den Hauch eines Bezuges zum Roman, aber zumindest Weltraum und Objekte.

Nichtsdestotrotz hat mir die muntere SF-Abenteuergeschichte sehr gefallen, ich mochte eine Menge der Figuren und hätte mit einigen von ihnen gern noch mehr Zeit verbracht.

Cyril und die Liebe

Auf dem Schreibtisch stapeln sich die unbesprochenen Bücher, ich muss da endlich ran, also weiter mit dem Klassikerlesezirkelbuch Oktober: »Die Farben der Zeit« von Connie Willis.

Das Buch hatte ich mir mal antiquarisch besorgt, weil es irgendwo empfohlen wurde und wie das oft so ist, landete es im Bücherregal, oft mich stumm anklagend und auf bessere Tage wartend.

Die Farben der Zeit von Connie Willis; Cover: Rick Berry

Glück für den Wälzer, dass der Lesezirkelvorschlag kam und ich mitmachte. Und schon lange hat mich kein Buch mehr so zum Schmunzeln und Grinsen gebracht, wie »To Say Nothing Of The Doc Or How We Found The Bishop’s Bird Stump Tt Last«.

Es dauerte ein paar Seiten, bis mir bewusst wurde, dass es sich hier um ein lustiges Buch handelte, denn Zeitreisende, die in der Ruine einer von Deutschen im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kathedrale nach etwas suchen, lässt mich nicht automatisch in eine fröhliche Stimmung wechseln. Doch als der Penny fiel und ich mich in einen Monty-Python-Sketch versetzt fühlte, begann ich mich zu entspannen und die wilde Fahrt zu genießen.

In irgendeiner Zukunft des Jahres 2057 soll die zerstörte Kathedrale wieder aufgebaut werden und die sehr rigorose Lady Schrapnell, die hinter dem Projekt steht, hat fast die gesamte Historikertruppe Oxfords durch die Zeit gesendet, um des »Bischofs Vogeltränke« aufzuspüren, das letzte Detail, das zur feierlichen Neueröffnung noch fehlt.

Unsere Hauptfigur Ned hat schon ein paar Sprünge zu oft hinter sich und soll daher ins friedliche viktorianische Zeitalter reisen und sich von der Zeitkrankheit erholen. Gleichzeitig überträgt man ihm da noch diese kleine Aufgabe, doch durch das Chaos im Zeitinstitut und aufgrund seiner Verwirrtheit durch zu viele Sprünge, bekommt er nur die Hälfte mit. So schließt er sich nach seiner Ankunft im Jahre 1888 einem jungen Studenten an, der mit seinem Hund Cyril die Themse hinunterfahren will, ein Mädchen zu treffen, in das er sich Hals über Kopf verliebte.

Es entwickelt sich eine köstliche Parodie auf Zeit und Menschen, wir werden Zeugen einer süßen Liebesgeschichte und für mich als frischgebackenem Hundebesitzer gab es herrliche Charakterstudien verschiedener Haustiere.

Ein glücklichmachendes Buch. Ein Buch, dessen Lektüre eine ungemeinen Spaß bereitete und auch noch etwas Neues zum Thema Zeitreise-SF beitragen konnte.

Gute-Laune-Science-Fiction, die zu Recht den »Hugo« gewann oder wie wir heute jern janz modern sagen: Solarpunk.

Die Artifiziellisierung der Kritik im dystopischen Krieg der Hyperironie

Das Programm des Literarischen Colloquiums Berlin scanne ich regelmäßig nach Veranstaltungen mit interessanten Themen sowie Büchern und Menschen, die mich faszinieren. So fiel mir im Novemberprogramm der Name Charlotte Krafft auf.

Schuld an meinem Interesse an dieser Autorin ist Anja Kümmel, die im Tagesspiegel eine euphorische Besprechung des Erzählungsbandes »Die Palmen am Strand von Acapulco, sie nicken – Eine endlose Geschichte über den Tod in einer fremden Welt« veröffentlichte. Den Band besorgte ich mir über das Otherland und obwohl die Lektüre eine Weile dauerte, war ich hinterher auch begeistert. Es stellt für mich immer noch den besten SF-Erzählungsband 2020 dar und auch wenn meine Nominierung für den KLP versandete, werd’ ich das weiterhin verbreiten. Ich habe auch immer noch die feste Absicht, das Buch zu besprechen, aber so einfach ist das bei den sperrigen Texten nicht.

Wie auch immer, die Geschichten sind toll, abwechslungsreich und sehr literarisch geschrieben und machten mich sehr neugierig auf Charlotte Krafft.

Die jetzt an der Gesprächsrunde Stimmen der Kritik #4 teilnahm zusammen mit Joshua Groß und Rudi Nuss. Ein Projekt der germanistischen Fakultät der FU von Jutta Müller-Tamm, die auch den Abend eröffnete.


Jutta Müller-Tamm

Zunächst las Simon Schleusener eine wissenschaftliche Arbeit zur Einordnung des Themas Kritik in das Schaffen der Diskutierenden. Im Wesentlichen fanden sich ihre Namen in einem Buch, das das Wort Kritik im Titel trug, so mein Eindruck, aber ich erfuhr hier dass auch die beiden anderen Teilnehmer Science-Fiction schrieben!

Simon Schleusener

Quasi ein Volltreffer.

Joshua Groß, Charlotte Krafft und Rudi Nuss

Der Abend war ja an sich schon ungewöhnlich. Mein bester Freund liebt es, von mir zu Kulturveranstaltungen mitgenommen zu werden und so entschied er recht spontan, dass diese Veranstaltung cool klänge. Ich besorgte erstmals personalisierte Online-Tickets für das LCB – normalerweise gibt’s da immer solche grauen Papierschnipsel aus dem Schreibwarenladen. Aber vielleicht auch durch Corona ist die Webseite des LCBs deutlich moderner geworden. Es fand ja auch eine Zeit alles nur online statt.

Dann galt natürlich 2G und tatsächlich war der Eintritt auch noch frei, da alles durch die Uni gestemmt wurde. Und während ich normalerweise im LCB zu den Jüngsten des Publikums zählte, stellten wir beide dieses Mal die Alterspräsidenten, was meinen Freund zu dem Hinweis veranlasste, dass uns das in Zukunft öfter so gehen wird.

Nunja, er hatte wohl zu viel November. Jedenfalls sah es stark nach studentischer Basis aus und leider war die Veranstaltung nicht so gut besucht. Aber an einem Novembermontag im tiefsten Westen der Stadt sollte man auch nicht zu viel erwarten. Übrigens erkannte ich dann später auch tatsächlich Anja Kümmel unter den Gästen.

Joshua Groß

Das Thema war zwar Kritik, aber das fand sich dann eher am Rande. Nach dem germanistischen Essay las Joshua Groß eine Kurzgeschichte, in der es um einen Aufenthalt in Porto ging, der durch die ständige Nennung des chilenischen Comickünstlers und Regisseurs Alejandro Jodorowsky bestimmt wurde. Joshua Groß veröffentliche letztes Jahr den SF-Roman »Flexen in Miami«, der völlig an mir vorbeiging, den ich aber nun wohl bald bestellen werde und durch den Titel an Juan S. Guses Miami Punk erinnerte – und an einen anderen außergewöhnlichen SF-Abend im LCB.

Auf den Punkt

Joshua Groß dominierte nachher auch den Diskussionsteil und sprach mit dem Germanisten auf Augenhöhe. Wichtig erschien mir sein Hinweis, dass die Klassifizierung eines Buches meist nach einem Gesamteindruck erfolgt, obwohl eventuell Teile davon ganz anders sind. Ihm gefiel das nicht.

Charlotte Krafft

Charlotte Krafft las ihren Essay »PRAISE BOB« vor, in dem es um Fehler ging und dessen Teiltitel »Lob der Unsicherheit« lautete. Die Seiten klemmten in einem jener alten graumelierten Klemmhefter, dessen Einband man einmal ganz herumdrücken muss, um Seiten einklemmen zu können und in denen auch meine ersten Texte heute noch stecken.

Der Text um Poof, Pow, Wow und Why war teilweise witzig, teilweise ernst und sehr gern würde ich jetzt auch Texte ihres Erzählbandes von ihr vorgelesen bekommen. Sie signierte mir mein Exemplar hinterher und malte mit einem weißen Stift eine Palme hinein. Großartig, bezaubernd und cool!

Dieser Autorin werde ich durch ihre Texte folgen. Bin sehr gespannt, was sie noch so veröffentlicht. Sie verteidigte in der Diskussion die SF als innovatives Medium und ihr Hinweis auf Ursula K. Le Guin bescherte meinem Freund den nächste Lesetipp, nachdem ich ihn im letzten Monat mit Connie Willis »Farben der Zeit« versorgt hatte.

Das Ende der Hyperironie im Blick

Sie wurde dann auch noch zum Thema Hyperironie befragt, wohl ein Begriff, den sie mal irgendwo in einem anderen Essay definierte, heute aber nicht mehr ganz so zwingend findet, es sei denn, sie liest ihr Essay; was schon ziemlich lustig war.

Rudi Nuss

Rudi Nuss stellte uns sein Romanprojekt »Die Realität kommt« vor. Die stakkatoartig vorgetragenen Szenen klangen für mich nach typischer Schrottplatz-Dystopie. Hatte durch den Vortrag einen gewissen Reiz, inhaltlich eher nicht. Aber der Autor arbeitet sich da an für ihn wichtigen Themen ab, geht das sehr poetisch an und vielleicht trägt diese Stimmung ja den Roman, der nächstes Jahr erscheinen wird.

Die Zukunft der Science-Fiction: »Die Realität kommt«

In der Diskussion ging es eher um die Rolle der SF, Möglichkeiten der Rap-Sprache und irgendwann entschied ich, zu Hause das Wort »artifiziell« nachzuschlagen, da es so häufig vorkam, ohne dass sich mir der Sinn direkt aus dem Kontext erschloss. Es bedeutet künstlich. Tja, hätte ich mir aus dem Englischen herleiten können, AI – ich alter SF-Banause – aber so recht fällt mir kein Grund ein, »künstlich« auszutauschen.

Das Fazit des Abends fällte mein Freund: Kluges von klugen Menschen zu hören, ist immer ein Gewinn. Und kommt nicht so oft vor.

Außer man geht ab und zu ins LCB.

Luftig locker und maskiert

Die Buch Berlin 2021 in der Arena Treptow

Am Wochenende fand endlich wieder die Berliner Buchmesse Buch Berlin statt und nach all der monatelangen Vorfreude und dem Bangen, ob sie stattfinden darf, hatte ich vorab doch ein mulmiges Gefühl, zu einer Massenveranstaltung zu gehen.

Doch irgendwie musste ich einfach hin und das Risiko erschien mir dann doch akzeptabel, nach ein paar Argumenten eines Freundes, den ich dann leider um ein paar Augenblicke verpasste.

Um ein wenig den Massenandrang zu umgehen, war ich recht früh da. Erneut gab’s am Eingang für Online-Tickets lange Schlangen, während die Tageskasse leer stand. Es galt »Genesen und Geimpft« als Einlassregel, meine Handy-App funktionierte und so stand ich auch schon in der Halle. Die Arena ist sehr geräumig, die Standreihen lagen weit auseinander und es herrschte sichtbar wenig Betrieb.

Nadine Muriel mit stylischer Maske

Mein Hauptgrund herzukommen ist ja meist, ein paar vorher schon ausgesuchte Bücher zu erwerben und jede Menge Fotos von Buchschaffenden zu knipsen, die ich dann im Fantasyguide verwenden kann. Leider bin ich dann immer sehr schüchtern und trau mich kaum, den Fotoapparat zu zücken. Zu Hause ärgere ich mich dann über schlechte Bilder oder die verpasste Gelegenheit, die Namen der Leute auf den Fotos zu ermitteln. Aber das geht mir jedes Mal so und dennoch gibt es immer wieder geschlossene Lücken. Die Fotos des Jahrgangs 2021 werden dann auch vielleicht und hoffentlich mal etwas Besonderes sein, denn es sind Maskenfotos. Viele Anwesende ließen auch am Stand die Maske auf und das hat einen eigenen Reiz.

Ju Honisch

Aber ich hab natürlich dann doch ein paar Menschen angesprochen. Als erste begrüßte ich Ju Honisch, die ich seit Jahren immer wieder auf Events sehe und die mir einst Molo ans Herz legte. Zwar wurde ich mit ihrem Roman »Das Osidianherz«, der damals den DPP gewann, nicht warm, aber Ju ist einfach super nett und wir plauderten kurz. Dabei fielen mir die Dicke ihrer Werke auf, die sie dank Corona im Selbstverlag herausbringt, und sie präsentierte mir extra für diese Wälzer einen Waffenschein. Aber ich sag euch: Lest lieber ihre Bücher anstatt sie auf Elfen zu werfen.

Gleich daneben musste ich dann aber zuschlagen, denn der neue Roman von Swantje Niemann, »Das Buch der Augen«, ist jüngst in der Edition Roter Drache erschienen und ein Pflichtkauf. Ihre »Drúdir«-Trilogie gefiel mir sehr, handelt ja auch von einem Zwerg, zudem sah ich die Autorin auf diversen Lesungen, Cons und während ihrer Praktikumszeit im Periplaneta Verlag, der leider nicht dabei war, wie so viele.

Torsten Low (links)

Auch von Torsten Low musste ich ein Buch erwerben, denn von meinem alten Fantasyguide-Mitstreiter Holger M. Pohl erschien dort die bitterböse Branchensatire »Die Leiden des jungen Verlegers«, kurz Verlegerleiden, dass er selbst noch gar nicht in den Händen hielt, weil der bissige Verleger das wohl irgendwie vergaß. Aber Tina und Torsten erzählten von ihrem Corona-Blues und dem krassen Umstieg nach einem Jahr zurück ins Messe-Geschehen. Vor allem sei ihre Kälteresistenz abhanden gekommen, die sie sich in vielen Übernachtungen im Auto erworben hatten. Aber sie schienen mir sehr glücklich zu sein, wieder Bücher in Kisten zu packen und unter die Leute bringen zu können.

BenSwerk

Viele schöne Cover und Bücher weiter kam ich zu benSwerk, bei der ich eine Troll-Neuausgabe signieren ließ – ich mag ihre grafischen und zeichnerischen Arbeiten sehr, ihre Kreativität ist bewundernswert und ich erfreue mich eigentlich immer daran, wenn ich Bücher in den Händen halte, an denen sie mitwirkte.

Links daneben gab’s den Stand des Hirnkost Verlages, wo ich die großartige Anthologie »Am Anfang war das Bild« erwarb. Auf den Geschmack kam ich durch die jüngste Talkien-Ausgabe, in der die Beteiligten zu Wort kamen und man Eindrücke der Bilder gewinnen konnte, um die sich die SF-Geschichten drehen. Liegt jetzt es auf dem SUB recht weit oben.

Claudia Rapp und Hardy Kettlitz

Auf der anderen Seite von benSwerk erstreckten sich die Stände von Bernhard Kempen und Memoranda. Da ich quasi bereits das aktuelle Programm von Hardy Kettlitz’ Verlag in der Woche davor erworben hatte, machte ich nur Fotos und es traf sich ganz gut, dass Claudia Rapp zugegen war, denn so konnte sie mir einiges zum Metropol Con erzählen, der übernächstes Jahr, vom 28.–30.04. in Berlin, stattfinden wird; so Corona will. Ich muss da hin. Mit Claudia zu quatschen ist immer ein Vergnügen, sie ist eine begeisterte Phantastikerin, weitgereist und hat Superkräfte.

Liebe ist ein großes Buchthema

Ich zog dann noch die Stände auf und ab, bekam ein Regenbogenfähnchen und die Gelegenheit, ein paar der Autor·innen zu sehen, deren Werke in jüngster Zeit im Fantasyguide rezensiert wurden. Und die sehe ich tatsächlich eigentlich nur auf dieser kleinen, gemütlichen und queeren Messe.

Glücklich und Bücher-schwer zog ich von dannen.

Pirschgänge und Schmetterlingsflügel

Im SF-Club Andymon war ich schon ewig nicht mehr, aber Corona steigerte meinen Enthusiasmus, den inneren Elf zu überwinden, abends in die finstere Dunkelheit hinauszuziehen, um Kultur zu erleben.


SF-Club Andymon in den Räumen des »Kulturbunds Treptow« in der Ernststraße

Außerdem stellten die Steinmüllers ihren ersten Essayband »Streifzüge« vor. Der erschien bei Memoranda als Teil der Werkausgabe und Hardy Kettlitz höchstpersönlich scannte vor dem Kulturhaus die Impfzertifikate, denn es galt 2G (genesen oder geimpft, nicht gelesen oder gekauft).

Der Raum war voll, Hardys App zeigte 24 Geimpfte und Ralf Neukirchen begrüßte die Mitglieder und Gäste sichtlich mit Vergnügen. Da die Steinmüllers am Wochenende auf dem Penta-Con in Dresden, dem letzten leider, ihren KLP für »Marslandschaften« erhielten, wurde auch dieses Ereignis entsprechend erwähnt.

Ralf Neukirchen

Für die Erzählung hatte ich auch gestimmt, wenn auch sie nicht meine Favoritin war.

Um die Buchpremiere angemessen zu begehen, hatte Karlheinz einen kleinen Powerpoint-Vortrag vorbereitet und wer ihn kennt weiß, dass die Folien sehr gut gemacht sind und er zu jeder problemlos eine Stunde reden könnte. Er präsentierte uns die Hintergründe des Bandes, was, wie und warum ausgewählt wurde; immerhin hat das Paar hundert Essays sowie diverse Rezensionen und Verlagsgutachten im Repertoire.

Karlheinz Steinmüller

Natürlich ging er kurz auf einige der besprochenen Werke ein und machte uns den Mund entsprechend wässerig, etwa die französische SF des 19. Jahrhunderts zu entdecken.

Dann ging er auf die Mühen der Bildersuche ein, die nicht nur gemeinfrei sein, sondern auch in entsprechender Druckqualität gescannt werden mussten, was dank Moiré-Effekten, nicht immer gelang. So erfuhren wir auch, was die beiden an Geld für alte Drucke und Zeitungen auszugeben bereit sind.

Lustig auch die Anekdote zu Illustrationen der Italienischen Ausgabe von Herschels Mondabenteuer, in der die Mondfrauen anstelle von Fledermausflügeln die von Schmetterlingen trugen.

Scoperta Lunare

Erneut beeindruckten mich Wissen und Leidenschaft, die sich im Vortrag zeigten.

Es gab auch einen Ausblick auf die beiden nächsten Bände. Sie schlugen als Titel »Pirschgänge« in Fortsetzung der »Streifzüge« vor, aber Hardys Reaktion war nicht so enthusiastisch.

Immer wieder vergnüglich sind die kleinen Erwähnung »ihres lieben Freundes Erik« (Simon), der ihnen als strenger Lektor und Übersetzungsexperte keine einzige Ungenauigkeit durchgehenließ und dessen Meinung zu den Auswahlkriterien des Essay-Bandes zählte. Diese liebevollen Sticheleien finden sich immer wieder in Karlheinz’ Vorträgen und Gesprächen.

Ich hatte mit Erik Simon auch schon zu tun und er ist tatsächlich ungeheuer streng. Aber seither verwende ich den korrekten Apostroph.

Band drei der Essay-Bände wird dann auch den »Vorgriff auf das Lichte Morgen« enthalten, eine kommentierte Bibliographie der DDR-SF, den ich als sehr wichtiges Nachschlagewerk in der Ausgabe des EDFC bei mir im Regal stehen habe. Wenn sie dort auch überarbeiten, lohnt es sich umso mehr. Eigentlich bin ich ja eh schon fast soweit, mir auch die anderen Bände der Memoranda-Werkausgabe noch zu holen, denn sie sehen einfach besser aus. Die Shayol-Bände sind doch sehr 90er Jahre und optisch unansehnlich.

Hinterher hatte ich dann noch Gelegenheit von Hardy etwas über die nächsten Pläne von Memoranda erfahren.

Blick in den Vortragsraum, in der Mitte Karlheinz und Angela Steinmüller

Im dritten Band der Platt-Interviews wird dann endlich auch Joanna Russ auftauchen, zu der mir dann Hannes Riffel noch großartige Zukunftspläne offenbarte. Ich sollte meine SUBs schnellstmöglich abbauen.

Hardy mit dem ersten Charles-Platt-Band »Die Weltenschöpfer«

Gefreut habe ich mich auch, den Hirnkost-Macher Klaus Farin kennen zu lernen und kurz mit ihm zu plauschen. Ich bin ihm und dem Verlag immer noch sehr dankbar, dass sie das SF-Jahr fortführen. Die erste Auflage des 2021-Bandes ist fast ausverkauft, man hätte wohl hundert Exemplare mehr drucken können. Es bleibt aber dennoch ein Liebhaberprojekt. Zum Glück hab ich mir den Wikipedia-Eintrag zu Klaus Farin erst jetzt beim Schreiben des Blogartikels durchgelesen, ich hätte diese Szenelegende mit Kreuz am Bande vielleicht nicht angesprochen.

Klaus Farin und Hannes Riffel

Hirnkost wird neben Memoranda auf der Buch Berlin anzutreffen sein und auch benSwerk wird dabei sein. Von ihr wollte ich auch noch ein paar Sachen kaufen …

Hoffen wir, dass die Messe stattfindet, bei den aktuellen Zahlen hab ich da meine Befürchtungen.

Moderne Technik und Bücher

Ein schöner Abend, ich fühlte mich wohl dort und Corona ist Elfenwerk!

Verändernde Verwesung

»Der Heilige mit der roten Schnur« von Flavius Ardelean überraschte mich letztes Jahr durch völlig ungewohnte morbide Phantastik und ich bewunderte den homunculus Verlag erneut dafür, diese phantastischen Juwelen in der ganzen Welt auszugraben und in kunstvollen Ausgaben auf Deutsch zu präsentieren.

Daher brach ich für die Fortsetzung »Der Heilige zwischen den Welten« meinen Entschluss, keine Rezi-Exemplare mehr anzunehmen.

Der Heilige zwischen den Welten von Flavius Ardelean; Cover: Ecaterina Gabriella

Und hab es so ein bisschen bereut, denn das Buch war keine leichte Lektüre. Literarisch auf sehr hohem Niveau, mit jeder Menge großartiger Sätze – hier gilt meine Bewunderung auch der Übersetzerin Eva Ruth Wemme – aber der Inhalt ist vor allem emotional sehr heftig.

Wir erfahren mehr über den Heiligen Taush, aber vor allem über jene andere Welt, die im ersten Buch noch Un’Welt genannt wurde. Nun nehmen wir deren Perspektive ein und dort sieht man sich als Mehr’Welt. Die Mehr’Menschen leben in einer Kultur der Verwesung und Todesanbetung mit Ritualen voller Körpersäfte und Kot, ihr Bewusstsein nennen sie EKEL, ihr Synonym für Seele und Flavius Ardelean wirft uns hier mit allem hinein, was ich mir noch nie vorstellen wollte. Ein Splatter, in dem es nicht um Gewalt geht, sondern darum, eine andere Welt zu erreichen und sie zu erobern.

Das bringt er uns mit komplexen Figuren bei, deren Lebenswege voller Wunder, aber eben auch voller Wunden und irgendwie furchtbar schrecklich sind. Das erfordert auch Mut beim Lesen.

Es ist ein Monster von Buch, philosophisch, schön und anders. Einige der Szenen werde ich aufgrund ihrer bizarren Bildgewaltigkeit wohl nie vergessen.

Auch meine Rezension im Fantasyguide fängt nur schwach die Faszination ein, die dieses Buch hinterlässt: »Der Heilige zwischen den Welten« von Flavius Ardelean

Verdampfte Victoria

Auch in der Moabiter Kulturbremse geht’s wieder los. Noopi und Amandara nutzten die Gelegenheit, dass der Klett-Cotta Verlag eine kleine Lesereise der britischen Autorin Natasha Pulley durchführt, und organisierten eine kleine Lesung anlässlich des Erscheinens von »Der Uhrmacher in der Filigree Street«.

Das Buch kam bei unserem Rezensenten im Fantasyguide nicht so gut weg, ist aber prämiert, in zehn Sprachen übersetzt, Deutsch ist die Jüngste, und erfolgreich.

Natasha las zunächst ein Stückchen aus dem Beginn und obwohl sie sich selbst keine großen Fähigkeiten beim Vorlesen von Dialogen zusprach, meisterte sie den Part ganz famos.

Natasha Pulley

Amandara gab dann eine ihrer Lieblingsstellen zum besten, die im zweiten Handlungsplot angesiedelt ist. Dort geht es um einen jungen Japaner, der sich entschließt, in die koloniale britische Bürokratie einzutreten, aber nur für zehn Jahre, denn dann habe er etwas in London zu erledigen. Und dort, im Herzen der viktorianischen Welt, spielt dann der andere Plot um eine rätselhafte Uhr, die Unglücke vorherzusagen scheint.

Amandara

Das Ganze klang für mich in beiden Sprachen eigentlich sehr gut und wenn Budget, SUB und Zeit nicht gerade streikten, wäre ich wohl der Buchkaufverführung erlegen.

In der kurzen Fragerunde konnte die Autorin zeigen, wie euphorisch angloamerikanische Autor·innen für gewöhnlich in solchen Panels auftreten und so zeigte sie sich etwa sehr entzückt von Noopis kleinem Theater.

Mich interessierte, was denn für sie den Reiz des Viktorianischen Zeitalters ausmache, der gefühlt in fast allen Urban-Fantasyromanen von der Insel Handlungshintergrund ist. Als Übersetzerin des Abends fungierte Claudia Rapp, die sich gewohnt herzlich der Aufgabe widmete, obwohl Natasha durchaus gut Deutsch versteht.

Für mich überraschend begründete sie die Häufung damit, dass zum einen diese Zeit nur vier, fünf Generationen entfernt läge, sich die englische Sprache von damals kaum zur heutigen unterscheide und man insgesamt leicht recherchieren könne, was man für seine Werke benötigt. Man reise eben lieber auf einen Kurztrip nach Frankreich, als die beschwerliche Reise nach China zu wagen, so in etwa beschrieb sie das.

So habe ich das noch gar nicht betrachtet und auf Deutschland bezogen passt das vielleicht auch nicht. Zum einen hat die Nazizeit unsere Geschichtskontinuität heftig erschüttert und steht wie ein Achttausender vor unseren Blicken ins Tal des 19. Jahrhunderts und zum anderen ist meinem Gefühl nach jenes »Deutschland« nicht nebenan, sondern mehrere Zeitalter weit entfernt. Das hat man schon in der Schule gemerkt, als man mit Effie Briest und den Buddenbrooks gequält wurde.

Als Engländer·in fühlt man das natürlich anders, wie mir mehrere Besuche auf der Insel verdeutlichten. Auch in Frankreich ist das so.

Der Übersetzer des Buches, Jochen Schwarzer, ergänzte mit seiner warmen Säuselstimme, dass im 19. Jahrhundert ein großer technologischer Wandel stattfand, dessen Bewunderung er im Buch spürte. Ihn hätten bei der Recherche zur Übersetzung etwa überrascht, dass es mit dem Ausbau der Telegrafenkabel eine Art viktorianisches Internet mit Verschlüsselung etc. gegeben habe und die London Underground zunächst mit Dampfloks in den Tunneln und schmalen Haltestellen unterwegs war.

Diese Feststellung führte dann zur Diskussion um den Smog jener Zeit, die damit verbundenen Todeszahlen durch Lungenkrankheiten und der eigentlichen Farbe und Konsistenz des Londoner Nebels zur Zeit Queen Victorias.

Das ist ja immer so ein bisschen mein Problem mit den Fantasy-Geschichten, die sich vergangene Epochen als Handlungsort auserkiesen, sei es das Mittelalter oder eben das 19. Jahrhundert – es werden meist kuschelige Orte erfunden, die es dort kaum gab. Zumindest für die Mehrheit der Menschen nicht.

Aber das ist ja in vielen Geschichten auch nicht das Thema. Das Böse ist der dunkle Magier, ein Elf oder tumbe Machtgier; nicht die Umweltverschmutzung durch Kohleöfen oder die Lebensumstände der Grubenarbeiterfamilien.

Amandara und Noopi

Und doch war diese Lesung für mich ein kuscheliger Ort in einer Oktobernacht, in der es um Literatur, Geschichte und die Zukunft der Szene ging. Amandara kündigte nämlich für Dezember die Eröffnung eines neuen Veranstaltungsortes an, wo zukünftig die Phantastik-Lesungen stattfinden, während in der Kulturbremse die Autor·innen der Gegenwartsliteratur zu Wort kämen. Ich bin gespannt!

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