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Archiv der Kategorie: Literatur

Im blutigen Gedärm des Krieges

Es hat schon etwas Unwirkliches, dass uns mein jüngster Milchbart letzten Samstag in ein Theaterstück nach Euripides führte. In seinem Alter las ich mich durch alle erreichbaren Bände mit den Stücken der griechischen Antike – mein Lieblingsschreiber war eben jener Euripides.

Das Programmheft in meinem Antike-Regal

Seine Figuren wirkten auf mich lebendiger, moderner, näher. Und daran erinnerte mich auch »Hekabe – Im Herzen der Finsternis« in der Fassung von Stephan Kimmig. Keine direkte Umsetzung, sondern eher eine Collage aus Homers Illas und den Euripides-Stücken Die Troerinnen und eben Hekabe.

Das Theater-Plakat

Wer die Geschichte um den Fall Trojas kennt, weiß, dass in ihr ein Krieg beschrieben wurde, in dem sich Männer um Frauen prügeln, deren Meinung dazu ihnen egal ist. Hinterher sind viele der Männer tot und den Frauen steht ein Leben in Schmerz, Gewalt und Leid bevor. Und genau das wurde in den etwas über anderthalb Stunden aufs deutlichste präsentiert.

Paul Grill, hinten: Linn Reusse, Almut Zilcher, Katharina Matz; Foto: Arno Declair

Das Haus nennt des Stück ein Konzert und deshalb gibt es auf der Bühne auch nur vier Notenständer und einen großen Percussiontisch für einen Musiker – Michael Verhovec, der eine skurrile Soundlandschaft klimperte, hämmerte und fein ziselierte und später sogar mitspielte.

Die Texte aber wurden von drei Frauen und einem Mann vorgetragen, mit unterschiedlicher Verteilung der Rollen, ob Frau, Mann, Göttin oder Gott. Natürlich präsentierte Katharina Matz in ihrem neunten Lebensjahrzehnt die Rolle der Hekabe besonders eindringlich. Die alte Königin Hekabe, die Mord, Schändung und Versklavung ihrer Familie mit ansehen muss und letztlich in den Wellen eine zweifelhafte Erlösung findet.

Mit unterschiedlichen Mitteln wurde der Text präsentiert. Es wurde einzeln vorgetragen, als Chor, gesungen, getanzt, die Bühne als Raum genutzt, besonders Paul Grill offenbarte eine breite Wandlungsfähigkeit, aber mir gefielen auch die unabhängige Spritzigkeit von Linn Reusse und die abgeklärte Melancholie im Spiel von Almut Zilcher, wobei sie alle ja ganz unterschiedliche Figuren verkörperten und es daher keine einheitliche Darstellung über die gesamte Zeit gab.

Paul Grill, Almut Zilcher, Katharina Matz, Linn Reusse, Michael Verhovec; Foto: Arno Declair

Ich hatte dabei nie das Gefühl, dass mich hier jemand erziehen will, vielmehr wurde ich hineingezogen in die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Rollen, die Frauen in einem Krieg spielen. Was es heißt, die Schlacht zu überleben und als Opfer, Beute, Rest behandelt zu werden.

Sehr deutlich wurde das, als die Namen der toten Männer vorgetragen wurden und im Anschluss, als die Frauen hätten kommen sollen, der Text nur Leere aufwies. Die toten Frauen zu besingen, war damals nicht die Zeit, umso besser, dass es heute auffällt. So kann man es ändern, oder besser, gleich ganz verhindern. Ein Blick in die Tagespresse genügt ja. Männer führen Kriege und immer wieder um Nichts. Die Heldenfriedhöfe wuchern, während Frauen mit ihren Wunden leben lernen müssen.

Das Deutsche Theater in der Finsternis

Ja, das war ein beeindruckender Theater-Abend.

Das Schneekugelproblem

Selbst wenn ich in Büchern versinke, kann ich der Versuchung nicht widerstehen und erliege hin und wieder den süßen Lockrufen aus tausendundeiner Verlagsrundmail.

So kam »Kryonium« von Matthias A. K. Zimmermann aus dem Kadmos Verlag ins Haus.

»Kryonium« von Matthias A. K. Zimmermann

Der Klappentext las sich vielversprechend. Ein geheimnisvolles Schloss, ein Erzähler ohne Erinnerungen schmiedet Fluchtpläne, ein technoides Märchen, das sich mit Virtualität auseinandersetzt … Ich erwartete einen coolen phantastischen oder SF-Roman.

Nun weisen in letzter Zeit etliche meiner Lektüre-Kandidaten die Eigenschaft auf, gegen Ende hin Genre und Bedeutung zu wechseln, sodass ein spoilerfreies Berichten über alles Aspekte der Bücher nicht möglich ist. So auch hier.

Zwar wird der Märchen bzw. Fantasy-Teil recht schnell surreal und als geübter Leser erkennt man die Tricks der Traumweltverschleierung bald, Matthias A. K. Zimmermann liebt Modelle phantastischer Welten und diese Liebe weht kräftig durch »Kryonium«. Wie sich das alles aber dreht, soll hier nicht verraten werden.

Bis zur finalen Auflösung ergeben sich sehr viele spannende Momente und ich war gern mit dem Ich-Erzähler unterwegs, um die Rätsel hinter den Schneekugeln zu knacken. Leider bricht der Schluss gehörig ein. Mir ist der Sinn des Ganzen klar und ich verstehe, warum der Autor sich gerade für dieses Ende entschied, aber es ist literarisch kein raffiniertes oder gar aufregendes Ende.

Und gerade im letzten Teil haderte ich auch mit dem Stil. Hielt ich den Sachbuchton zunächst für eine besonders dargestellte Eigenschaft des Erzähler und ihn für einen rational-analysierenden Wissenschaftler, wird spätestens mit dem Wechsel der Erzählperspektive klar, dass mir hier eher die Schreibart des Autors im Allgemeinen nicht lag. Das trübt dann im Nachhinein auch die phantastische Aura der ersten beiden Teile, weil ich mir dann denke, dass die Figur einfach nicht wirklich gut geschrieben ist.

Aber das betrifft nicht den gedanklichen Teil des Buches, denn hier gibt es jede Menge Überlegenswertes, sehr viel Informationen und durchaus jede Menge Wissensvermittlung. Insofern fand ich »Kryonium« insgesamt lesenswert und als Science-Fantasy okay. Immerhin ist es das Debüt des Autors, das kann alles noch eleganter werden.

Ein paar Sätze mehr drüben in meiner Rezi für den Fantasyguide: »Kryonium« von Matthias A. K. Zimmermann

Die Entmännlichung der Mythologie

Immer wieder gern verfolge ich das phantastische Programm der Edition Drachenfliege aus dem Hause Periplaneta. Um auch nix zu verpassen, lümmele ich immer mal wieder auf deren Homepage herum und so konnte ich deren neuesten Streich nicht verpassen. Zwar schon zur Wintersonnenwende erschienen, präsentierte Barbara Fischer am ersten Februar die überarbeitete Neuausgabe ihres Fantasy-Romans »Lilith«.

Das Periplaneta Literaturcafé im Februar

Im Vorfeld hatte ich mich jeglichen Spoilers verwehrt und so war ich dann doch überrascht, dass Lilith offenbar eine bekannte Figur der menschlichen Mythologie ist. Ich kannte bisher nur den Namen. Auch hatte ich noch etwas von einer ersten Frau des christlichen Adams gehört oder dass man ihr nachsagt, ihre Kinder zu essen. Insofern wurde der Abend für mich sehr lehrreich, denn Barbara Fischer las nicht nur aus ihrem Buch vor, sie gab nach der Pause auch einen aufschlussreichen Vortrag zur Veränderung der Lilith-Gestalt über die Jahrtausende, denn schon die Sumerer kannten sie.

Barbara Fischer während der Lesung

Dass dabei aus einer Schöpfungsgöttin eine Dämonin wurde, stellte Barbara Fischer als Produkt männlicher Deutungshoheit dar. Die Vorstellung, dass die Schöpfung weiblich ist, hat ja schon immer an der Rolle des Mannes genagt.

Odin hat es faustdick hinter den Ohren und das hörte man.

Um die Welt wieder gerade zu rücken, schuf Barbara Fischer nun eine Fantasy-Saga, die sich mythologischen Frauenfiguren widmet und ihre Geschichten neu erzählt. Neben Lilith wird das mit Frigg und Freya fortgesetzt. Wie Verleger Tom Manegold nach der Pause stolz verkündete, ist Band zwei bereits fertig und dürfte im März erscheinen, während Band 3 schon einen Titelbildentwurf von Holger Much besitzt (dessen Bilder ich großartig finde!) und nach Aussage der Autorin zu einem Drittel geschrieben ist.

Tom stammt aus einem Bild von Holger Much

Da bereits die sumerische Lilith auf einem Weltenbaum lebte, machte Barbara Fischer sie zur Mutter Odins und lässt die Handlung auf der Weltesche Yggdrasil spielen. Liliths Zwillingsbruder Ariman ist aus der Verbannung zurückgekehrt und will sich rächen. Das führt zu Auswirkungen auf allen Welten der Weltesche und etliche kuriose Gestalten tauchten in den kurzen Textschnipseln auf, die uns ausdrucksstark präsentiert wurden. Allerdings hatte ich beim Zuhören den Eindruck, eher ein Kinderbuch vor mir zu haben. Mal sehen, ob die eigene Lektüre das bestätigt.

Die Autorin hatte einen Bild von Yggdrasil zur Illustration der Handlungsschauplätze dabei

Das Buch ist furchtbar dick, eine Waffe, wie Tom bildhaft beschrieb und verwies gleich darauf, dass sie nicht nur so verrückt seien, zur Wintersonnenwende Bücher herauszubringen, sondern auch sofort die neue Rechtslage des verminderten Steuersatzes für eBooks nutzten und einen entsprechenden QR-Code im Klappumschlag unterbrachten. Allerdings lässt sich das Passwort nur nach Lektüre des ersten Kapitels ermitteln. Ein spannendes Konzept. Wie überhaupt das ganze Programm der Edition Drachenfliege nur so von herausgeberischem Mute strotzt. Ich finde das immer wieder überraschend und inspirierend.

Natürlich bat ich um eine Signatur

Mal sehen, wann es die »Weltenbaumsaga« in meine Lektüreliste verschlägt.

Ein geistvoller Abend neigte sich mit Applaus zu Ende …

Laufband in den Tod

Unser jüngster Milchbart möchte nach dem Abi gern Psychologie studieren. Zielsicher wählte er für unseren nächsten Theaterbesuch daher »4.48 Psychose« von Sarah Kane aus. Es hatte gerade erst in der Inszenierung von Ulrich Rasche Premiere am Deutschen Theater und so kannte ich auch schon eine Besprechung aus der Berliner Zeitung, die mich unter normalen Umständen davon abgehalten hätte, dem Stück einen Besuch abzustatten.

Das DT in der finstren Nacht

Sarah Kane kam vier Tage nach mir zur Welt und brachte sich zwei Tage vor der Geburt meiner Zwillinge, mit 28 Jahren um. Diese erschütternden Korrelationen brachte meine Liebste auf den Tisch.

»4.48 Psychose« – Programmheft und Eintrittskarte (mit Sammelmotiv)

»4.48 Psychose« schickte Sarah Kane kurz vor ihrem Freitod an den Verleger, es bringt quasi ihren Leidensweg auf den Punkt und kündigt ihren Fortgang aus unserem hassverseuchten Jammertal an.

Es ist kein Theaterstück an sich, sondern eine Monolog über die Krankheit, oder vielmehr über das Leben, dass sie führte, denn es fällt mir sehr schwer, irgendeine Psyche als krank zu bezeichnen, wenn doch meist nur Normabweichung gemeint ist. Ich bin kein Psychologe und bleibe da lieber vorsichtig. Unser Geist ist arg komplex, wer kennt sich darin wirklich aus?

Ulrich Rasche soll Laufbänder in seinen Inszenierungen gern einsetzen und sie bestimmten auch »4.48 Psychose«. Die Bühne war schwarz und dunkel, nebelverhangen. Es gab einige Lichtelemente wie waagerechte Leuchtröhren, Spots und die Lampen der Notenblätter, von denen die Band den Soundtrack ablas. Auf der Drehbühne fanden sich vier breite Laufbänder, die man ebenfalls vor und zurück ziehen konnte, dadurch war es den Schauspielern möglich, die ganze Zeit in Bewegung zu bleiben, mal frontal zum Publikum, mal in Seitwärtsbewegung begriffen, mal nach hinten sich in der Dunkelheit auflösend, dann wieder aus ihr hervortretend. Im Rhythmus der Musik gingen sie ruhig und beständig, jede und jeder in einem eigenen, verzerrten Gang, mal schief, mal hakelig, mal elegant vorwärts schreitend. Teilweise erinnerte es mich an animierte Strichmännchen.

Foto: Arno Declair
Auf dem Bild: Justus Pfankuch, Yannik Stöbener, Linda Pöppel, Thorsten Hierse, Toni Jessen, Jürgen Lehmann, Katja Bürkle, Elias Arens

Der Rhythmus gab auch den Takt für die Worte vor. Der Text verteilte sich auf drei Frauen und sechs Männer, die auch übergreifend ein und dieselbe Figur sprachen, aber auch ein deutlicher Wortkampf zwischen den Geschlechtern war ab und zu zu erkennen.

Die von Durs Grünbein übersetzten Texte wurden Wort für Wort in das Publikum gehämmert und so mit Bedeutung aufgeladen, selbst dort, wo es keine gab und daraus entstanden drei lange Stunden Schmerz.

Ich hatte zwischendurch mit einem RLS-Anfall zu kämpfen und hoffte auf eine Pause, die man uns aber verwehrte und so vermischte sich die Bühnenpsychose mit meinen Scheinkrämpfen – wenn das nicht mitgelitten ist, was dann?

Es zog sich unendlich hin, ganze Szenen zogen an mir vorbei, ohne dass ich mich aufraffen konnte, dem enervierenden Psalmodieren zu folgen. Gerade als es um das ganze Geseele ging, stieg ich aus. Nicht alle im Publikum hielten das aus.

Was natürlich nicht am Ensemble lag. Die Leistung, drei Stunden, im Rhythmus, im Gehen, im Chor und solo, solch schweren Text zu schreien, zu leben, ja selbst zu sabbern, kann man kaum genügend würdigen.

Foto: Arno Declair
Auf dem Bild: Kathleen Morgeneyer, Elias Arens

Das Highlight für mich aber war die Musik von Nico van Wersch, ich hätte den Text dazu nicht gebraucht. Entfesselte Trommeln, sphärisches Keyboard und eGitarre-Geraune, drängende und kraftvolle Steigerungen, Sounds die zum Ausrasten einluden und an den Drums sah man hin und wieder Špela Mastnak wie ein Irrwisch hüpfen, wie Goblins Kriegsmärsche zelebrieren, dachte ich – die Musik machte aus einem anstrengenden, postdramatischen Martyrium etwas Besonderes.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich diese Aufführung so schnell vergessen werde und es gab großen Applaus, aber keinen sehr langen, Thema und Anstrengung hielten die Hände zurück.

Der Baalsam des Lebens

Mein jüngster Milchbart hat das Theater für sich entdeckt. Das ist ziemlich cool, da ich das mit 17 ebenfalls durchlebte und ich eine Weile regelmäßig ins Deutsche Theater und den Kammerspielen rannte, war doch alles neu und unbekannt. Vielleicht hatte ich auch einfach Glück, denn eines der ersten Stücke war Lessings »Philotas« mit Ulrich Mühe und es verschlug mir die Sprache. Es war ein aber auch ein großartiges Ensemble: Dagmar Manzel, Dieter Mann, Otto Mellies, Jutta Wachowiak und und und …

Die Verbundenheit blieb und mit der Liebsten sah ich später dann sogar noch die »Hamletmaschine«, mit Mühe als Hamlet.

Nach etlichen Jahren der Abstinenz sind wir nun Mitglieder im Theaterclub, allerdings nutzten wir ihn bisher doch eher für unterhaltsame Abende.

Der Nachwuchs nun aber hat in der Schule episches und postdramatisches Theater behandelt, dort selbst auf die Bühne gebracht und will jetzt alles im großen Theater sehen.

Eine perfekte Gelegenheit, Neues zu entdecken. Während er zu »Selbstbezichtigung« nach Handke noch mit Freunden ging, sahen wir nun am letzten Sonntag Brechts »Baal« im Berliner Ensemble.

Baal – Programmheftcover

Regisseur Ersan Mondtag nutzte eine Fassung von Clara Topic-Matutin, in der alle vier Fassungen des Stückes mit einander verwoben wurden.

Baal im Berliner Ensemble

Bühnenbild und Kostüme fand ich spektakulär. Das Ensemble begann mit Nacktkostümen, allesamt weiblich mit deutlich markierten Konturen, ebenfalls überschminkt leuchteten die Gesichter. Später trugen sie darüber schrille expressionistische Kleider wie von Otto Dix erschaffen. Die Drehbühne enthielt vier Settings, mit denen gekonnt hantiert wurde, es geschah immer irgendwo etwas.

Nichts fürs kleine Haus …

Im Zentrum allerdings stand Stefanie Reinsperger. Sie spielte den Baal gänzlich entfesselt, würzte die oft verschwurbelten Texte mit einem wuchtigen Wiener Akzent und trollte, tobte und stampfte durch die Szenen, als wäre sie ein gestandenes Mannsbild mit dicken Eiern und unbändiger, selbstzerstörerischer Lebenslust. Ihr verzieh man die mit obskurem Sinn aufgeladenen Tableaus, mehr Interpretationsangebot als Geschichte und minutenlanger Applaus belohnte das gesamte Ensemble für einen bunten, schrillen Theaterabend.

Nach Peymann ist also doch noch etwas los im Theater am Schiffbauer Damm.

Gobelin-Gemetzel im Waschhaus

Die erste Lesung des Jahres fand in einer gemütlichen Neuköllner Kneipe statt.

Das Posh Teckel

Stephan Urbach vom Ach je Verlag lud ins Posh Teckel, um zwei seiner Autoren die Gelegenheit zu geben, ihre neuesten Veröffentlichungen vorzustellen.

Verleger Stephan Urbach

Als großer Fan von Jasper Nicolaisen freute ich besonders auf sein neuestes Werk »Totes Zen«, das allerdings noch nicht in gedruckter Form vorlag.

Besser hatte es Daniel Decker, dessen Horror-Büchlein »Dør« man nach der Lesung käuflich erwerben konnte, nebst der Erzählung »Pitsch!« von Jasper.

Die Beginnzeit wurde unverkrampft großzügig interpretiert um den Nachtschwärmern eine Chance zur Teilnahme zu bieten. Dann jedoch wurde der kleine Lesungssaal gut ausgefüllt.

Daniel Decker

»Dør« enthält Unterlagen, die Daniel von seiner Freundin Susann Jakobus-Drechsler erhielt und die Geschichte einer seltsamen Band, ihrer Musik und den nachfolgenden Ermittlungen erzählt. Daniel las aus den ersten Kapiteln vor, sorgfältig bemüht, die sprachlichen Fallstricke seines Romans zu umgehen. Wer verwendet das Wort Wachhaus und wer verlegt sowas? Waschhaus geht doch viel flotter von der Zunge!

Wusch seinen Prota im Waschhaus: Daniel

Das machte auf jeden Fall Laune, den Roman zu lesen, zumal mich der Verleger großzügig mit einem Freiexemplar beschenkte.

Nach der Pause brüllte Jasper die Nachtschwärmer zurück zur Lesung und begann aus »Totes Zen« vom Handy zu lesen, nicht ohne vorab ein Echt-Zitat zu bringen. Echt Echt? Ja.

Lud zum Scherzen ein: Jasper Nicolaisen

Eine gewollt verkrampfte Lesehaltung spiegelte das Lebensgefühl des Protagonisten wieder. »Totes Zen« entstand vor vielen Jahren, als Jasper meinte, in der Elternzeit viel Zeit zum Schreiben zu haben. Das war nicht so und deshalb schlichen sich von Anfang an andere Themen in das angedachte Fantasy-Setting, etwa die Beziehung zwischen Vater und Kind. Es geht um Krass, Barbar und Ich-Erzähler, der glücklich die Akademie von Hawat absolviert hat, einen Abschluss in Barbarei und Berserkertum sein eigen nennt und sich auf die Suche nach seinem Vater macht, von dessen Existenz er erst vor kurzem erfuhr. Nun ist der aber ein finsterer Gott …

Krasse Haltung

Ich fühlte mich zurückversetzt in alte Schlotzen & Kloben Zeiten, da sich Simon Weinert, Jakob Schmidt und Jasper damit auszustechen versuchten, die abgefahrensten Fantasy-Geschichten zu kreieren. »Totes Zen« muss ich unbedingt lesen. Und mir ist es auch völlig Wurscht, ob Goblins es hassen, mit Gobelins verwechselt zu werden.

Hat bestimmt eine Fee im Bauch: Jasper

Im Anschluss kredenzte uns Jasper noch in Gänze »Pitsch!«, eine, nun ja, nicht ganz horrorfreie Aufklärung über Feen. So in etwa hatte ich mir das mit denen auch gedacht. Wer noch nie Jasper hat vortragen hören, hat noch nicht wirklich etwas erlebt. Der Mann ist grandios, pointiert, hat Sinn für Timing und schreibt sich die Texte auf den Leib. Lesebühnerfahrung der Meisterklasse.

Das Lesungsjahr hätte gar nicht besser starten können!

Von wegen unsichtbar – das Science-Fiction-Jahr der Frauen

In meinen Jahresrückblicken vermelde ich schon seit ein paar Jahren, wie die Anteil von Autorinnen zu Autoren auf meiner Lektüreliste ist. Die Dominanz der Männer führte mich zur Frage, warum so deutlich weniger Autorinnen in meinen Fokus gelangen. Eine Erklärung fand ich nicht. Anfang letzten Jahres nun gelang Theresa Hanning den Start einer fruchtbaren Diskussion zur Sichtbarkeit von SF-Autorinnen und ihrer Werke. Da gab es diverse Ideen, etwa spezielle Listen in der Wikipedia, die auch mir einiges zum Nachdenken mitgaben. Meine Lektüre stelle ich sehr willkürlich zusammen, also musste ich hier ansetzen und ich beschloss, meine Fühler aktiv auf Neuerscheinungen zu richten, die von Autorinnen stammen. Im Folgenden gehe ich zunächst auf das Problem mit der Sichtbarkeit ein um dann sieben Werke deutschsprachiger SF-Autorinnen zu betrachten, im Besonderen unter dem Aspekt, wie ich auf sie aufmerksam wurde.

Hierfür kann man die sehr vollständige Liste von Ralf Zacharias auf sf-lit.de nutzen oder ein paar Kanäle genauer im Blick behalten.

Meine wichtigste Quelle aber wurde Twitter. Durch Theresas Diskussion dort lernte ich etliche der Akteurinnen kennen, begann ihnen und ihren Verlagen zu folgen und bekam eine etwas breitere Vorstellung davon, wer sich als SF-Autorin sah, welche Werke als beachtenswert empfunden wurden oder was kurz vor der Veröffentlichung stand. Diese Twitter-Bubble wird wahrscheinlich auch nur einen kleinen Teil widerspiegeln, aber es ist der mir erreichbare Info-Fluss. Denn das Problem von Sichtbarkeit ist, dass sich SF-Autorin und potentielle Leserin / potentieller Leser in denselben Räumen aufhalten müssen.

Lange Zeit galten die beiden SF-Foren als erste Wahl zur Versorgung mit Informationen. Die jungen Autorinnen bevorzugen aber Plattformen wie Facebook oder Twitter. Das Problem mit diesen Social-Media-Programmen ist jedoch, dass ihre Informationen flüchtig sind und von unklaren Algorithmen gefiltert werden. Insofern ist der Vorwurf, SF-Autorinnen würden nicht wahrgenommen, etwas unfair, wenn deren Informationsflüsse ausschließlich dort erfolgen. Ähnlich kritisch sehe ich auch die Besprechung von Werken dort. Judith Vogt forderte mehr Diskussionen über Bücher von SF-Autorinnen auf Twitter. Sie selbst postet hierfür hin und wieder Kettentweets. Die Lesbarkeit dieser Besprechungen ist gering, der Plattform geschuldet wenig umfangreich und vor allem sind diese Tweets nicht nachhaltig. Es ist sehr schwer, sie wiederzufinden und wenn man sie verpasst hat, war es das. In Wikipedia-Einträgen habe ich zum Beispiel noch keine Verlinkung auf solche Tweets gefunden.

Darüber hinaus führt nach meinen Erfahrungen das Bewegen in einer Twitter-Bubble dazu, dass man sich gegenseitig eher Wertschätzung und Begeisterung versichert, als kritisch mit den Werken umzugehen. Gibt es Kritik, wird sie gern unter Ausschluss der Betroffenen abgehandelt. Obwohl Twitter hier mit einem einfachen @ die Möglichkeit liefert, Verlage und Schreibende in die Diskussion einzubeziehen, wird das sogar teilweise als Fehlverhalten gewertet, da man ungefragt Leute »tagt«. Der Weg vom Fettnäpfchen zum Shitstorm ist kurz. Gerade im Kampf um die Sichtbarkeit von Autorinnen lernte ich eine sehr niedrige Erregungsschwelle kennen.

Ich habe im letzten Jahr also nicht nur viel über Kommunikation gelernt, sondern auch tatsächlich einige Werke von SF-Autorinnen gelesen und natürlich auch besprochen. Insgesamt waren es elf, wobei der Erzählungsband »Sphärenklänge« eine Gemeinschaftsarbeit von Angela und Karlheinz Steinmüller darstellt. Das Paar schreibt schon seit Jahrzehnten zusammen. Ich habe die beiden bereits zweimal interviewt und mehrfach im Gespräch erlebt – ihre Werke sind echte Teamarbeit, deshalb lasse ich den Band hier einmal heraus. Auch die SF-Klassiker von Ursula K. Le Guin, Margaret Atwood und James Tiptree Jr. sollen hier nicht betrachtet werden, da deren Sichtbarkeit unzweifelhaft hoch ist.

Bleiben sieben SF-Werke von deutschsprachigen SF-Autorinnen, die allesamt nicht älter als drei Jahre sind.

Durch die Diskussion um die Liste mit SF-Autorinnen in der Wikipedia wurde ich auf Judith Vogt aufmerksam, die über mangelnde Aufmerksamkeit für ihre Space Opera »Roma Nova« berichtete. Der Roman erschien bei Bastei Lübbe und wenn wie hier ein Major-Verlag beim Marketing versagt, ist das symptomatisch für den Buchmarkt. »Roma Nova« ist ein Abenteuerroman und ich kann Judiths Wunsch nach Beachtung nachvollziehen, aber das Buch ist durchschnittliche Unterhaltung. Eine Unterbewertung kann ich nicht ausmachen. Im Gegenteil erhielt das Buch jede Menge Aufmerksamkeit und sogar eine Nominierung.

GRM

Sibylle Berg ist eine scharfzüngige Kolumnistin und verfasste mit »GRM« nicht ihren ersten SF-Roman. Er stand einige Wochen in den Bestseller-Listen und dürfte der erfolgreichste Roman der Liste sein. Es war auch meine erste Bekanntschaft mit der Bergschen Prosa und ich erwarb den Roman recht spontan in einer kleinen Görlitzer Buchhandlung. Zunächst begeisterten mich die Bissigkeit, die sprachliche Experimentierfreude und das technologisch konsequente Weiterdenken unserer Gegenwart. Aber dem Roman fehlte ein runder Abschluss, der letzte Teil zog sich in die Länge und lieferte zu viele inhaltliche Wiederholungen. Es hätte ein Meisterwerk werden können. Aber auf jeden Fall war es 2019 wohl der im deutschsprachigen Raum meistbeachtete SF-Roman. Zu keinem anderen SF-Werk fanden sich mehr Besprechungen im Feuilleton.

Dort erfuhr ich auch von Emma Braslavskys »Die Nach war bleich, die Lichter blinkten«, ging zu ihrer Lesung und las das Buch sofort. Mit den möglichen sozialen Veränderungen, die intelligente Androiden in unserer Gesellschaft bewirken könnten, nimmt der Roman eine bereits oft in der SF beackerte Thematik auf, verbindet das aber mit einer lyrischen Sprache und einer nicht ganz so üblichen Perspektive, was ihn für mich zu guter SF und einem lesenswerten Buch machte. Das Buch tauchte ansonsten nicht in meinen üblichen Kanälen auf. Vermutlich bestand hier auch nicht der Wunsch, als SF-Autorin wahrgenommen zu werden.

Dass ich an der Lektüre eines Romans von Theresa Hannig nicht vorbeikommen würde, stand für mich schon recht früh zu Beginn der Sichtbarkeitsdiskussion statt. Ihr Debüt »Die Optimierer« hatte mich thematisch damals nicht angesprochen. Mit ihm hatte sie den Debüt-Seraph gewonnen – bestimmt ein Optimum an Sichtbarkeit. Ich nutzte die Gelegenheit, sie letztes Jahr bei einer Lesung von SF-Autorinnen in Berlin life zu erleben und kaufte mir dort auch gleich die Fortsetzung »Die Unvollkommenen«. Für mich war es spannend, diverse thematische Parallelen zu Emma Braslavskys »Die Nach war bleich, die Lichter blinkten« zu entdecken. Zwar schreibt Theresa Hannig nicht so lyrisch, aber deshalb nicht minder gut. Das Buch verstärkte meinen Eindruck einer qualitativ hochwertigen Science Fiction von Autorinnen, über die wenn, dann weit außerhalb meiner Wahrnehmung diskutiert wird.

Caroline Hofstätter überließ ihre Sichtbarkeit nicht dem Zufall. Als PR-Expertin versuchte sie ihr SF-Debüt »Das Ewigkeitsprojekt« aktiv vorzustellen, zu bewerben und sich als Autorin bekannt zu machen. Sie meldete sich in beiden SF-Foren zu Wort, besuchte den BuCon, twitterte fleißig und absolvierte sogar eine Lesung in Second Life.

Carolines Avatar während der Second-Life-Lesung

Das Buch startet zunächst klaustrophobisch und ändert dann radikal sein Gesicht. Zwar ebenfalls kaum mit Neuem angereichert, ist der Roman aber sehr lesbar.

Auf der Lesung von SF-Autorinnen mit Theresa Hannig präsentierte auch Sabrina Železný ihr jüngstes Werk. »Feuerschwingen« ist wie »Roma Nova« eine Space Opera, die historische Erdkulturen in einen neuen Kontext stellt. Auch hier ist der Abenteuer-Aspekt zentral, allerdings spielt die Beziehung der beiden Hauptfiguren eine sehr wichtige Rolle und sorgt dafür, dass der Roman eben mehr ist, als eine einfache Space Opera. Das Buch erregte meine Aufmerksamkeit tatsächlich zuerst über Twitter.

Das trifft auch auf Melanie Vogltanz zu, deren »Shape Me« mein SF-Highlight 2019 ist. Die Autorin tauchte in meiner Timeline schon länger auf, zudem konnte man sie bereits auf mehreren BuCons erleben. Der Roman hatte mich insofern überrascht, da ich ihn quasi blind kaufte. Ich wusste, er ist mit SF gelabelt und passte somit in mein inoffizielles Projekt der Lektüre frisch erschienener SF von Autorinnen. Ich habe es schon mehrfach erwähnt, bei diesem Roman passt für mich alles: Stil, Figuren, Science, Politik und Umfang. Diesen Roman hätte ich wahrscheinlich nicht gelesen ohne die Sichtbarkeitsdebatte von Theresa Hannig.

Für mich hat sich das genaue Hinhören und Hinschauen also durchaus gelohnt. Vielleicht helfen auch meine Rezensionen, die Autorinnen und ihre Werke etwas sichtbarer zu machen, vielleicht auch, sie sichtbar bleiben zu lassen. Es ist in erster Linie ein aktiver Part von mir dazu notwendig gewesen, die Bücher zu finden. Ich musste meine Filterblase verlassen oder besser vielleicht, ich musste sie ausweiten. Das könnte mir auch dieses Jahr Hinweise auf interessante Bücher von SF-Autorinnen bescheren, ich bin gespannt, ob sich die so positiven Erfahrungen des vergangenen Jahres wiederholen lassen.

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