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Archiv der Kategorie: Literatur

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Was lange währt, wird NOVA

Im Januar standen wieder einmal die Nominierungen für den Kurd Laßwitz Preis an und da ich dem leidgeprüften Blick von Udo Klotz selbst dann nicht widerstehen kann, wenn er nur in meiner Einbildung aus der Erinnerungsmail auf mich herniederfährt, griff ich mir endlich die 25. Ausgabe des SF-Magazins NOVA, um wenigstens ein paar Ideen für die Kurzgeschichten-Kategorie zu bekommen.

Die 25 erschien zwei Jahre nach der 24 und wenige Wochen vor der 26. Verlagswechselbedingt hatte ich die 26 dann auch vor der 25 im Haus. Und kein Bock, sie zu lesen. 2018 wurde ich mit Phantastik-Anthologien zugeschüttet. So gern ich auch Kurzgeschichten lese, reichen mir davon zwei Bände im Jahr vollkommen aus. Denn meiner Erfahrung nach gibt es einfach kaum mehr als ein Dutzend wirklich guter Storys pro Jahrgang und diese aus hundert Anthos rauszufinden würde bedeuten, tausend mittelmäßige bis miese Geschichten lesen zu müssen.

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NOVA 25, Cover von Olaf G. Hilscher

Theoretisch steht das NOVA-Team für eine exzellente Story-Auswahl, sodass ich also zumindest eine brauchbare Chance habe, dort nominierungswürdige Kandidaten zu finden. Tatsächlich fand ich sie auch. Allerdings war das schon ein heftiges Gekratze in den Ecken und restlos zufrieden bin ich mit der 25 nicht. Und noch etwas unmotivierter, die 26 zu lesen.

Wer sich vom seltsam langweiligen Titelbild nicht abschrecken lässt, sollte sich auf jeden Fall »Entkoppelt« von Marcus Hammerschmitt und »Enola in Ewigkeit« von Thomas Sieber ansehen. Zwei wunderbar erzählte Geschichten und gerade »Enola« hat das gewisse Etwas. Aber ich bin schon länger Fan der Geschichten von Thomas Sieber.

In meiner Rezi gehe ich auf die einzelnen Texte der NOVA 25 näher ein, hier deshalb nur der Verweis darauf: Nova 25 herausgegeben von Olaf G. Hilscher und Michael K. Iwoleit

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Die Nacht der Kleinen Leute

Es war zu erwarten, dass zur Vorstellung einer Anthologie, deren Mitwirkende die phantastische Literatur hierzulande seit Jahren prägen, jede Menge Feenvolk und auch genügend Trolle und Zwerge in das Kreuzberger Otherland wandern würden.
So gut gefüllt sah man die buchgewaltigen Hallen selten. Das Ziel des phantastischen Volkes war die »Anderswelt«. Eine Anthologie, herausgegeben von benSwerk und Holger Much.

Ben dürfte als Coverkünstlerin vielen bekannt sein, schuf sie doch unzählige Designs für die Golkonda-Bücher und so wundert es nicht, dass auch neun Bildkünstlerinnen und Bildkünstler mit ihren Zeichnungen, Gemälden und Illustrationen in »Anderswelt« vertreten sind.

Das Otherland war also gerappelt voll, man sah die, die immer hier sind und auch die, die man stets hier und dort antrifft.

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Die stolze Herausgeberin: Ben

Pünktlichst begann der Lesungsteil. Ben freute sich, die »Anderswelt« im Otherland zu präsentieren, dem Ort, an dem nach ihren eigenen Worten Realität magisch wird und Fantasie real. Oder wie die Otherlander es formulierten: Phantastik wahr wird und Realität magisch.

Nach Bens kleiner Projektvorstellung bestieg als Erster Zauberer Christian von Aster das gefährliche Podest der Poesie und eröffnete mit dieser sportlichen Höchstleistung den Reigen lustiger Podestpossierlichkeiten, denn das mühevolle Erklimmen der Lesebühne machte das Podium für Christian zum Symbol für den Balanceakt zwischen Realität und Phantastik.

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Christian von Aster

In Anbetracht fehlender Zeit für eine Geschichte war er ganz froh, dass man ihm die Möglichkeit gab, mit einem Gedicht in der »Anderswelt« vertreten sein zu dürfen. Als Inspiration zu seinem Poem »Die wilde Jagd« diente ihm das Bild »Nachtvolk« von Holger Much, ebenfalls im Buch zu finden. Der Vortrag, mit dem sich die Pforte zur Anderswelt öffnete, erklang gewohnt stimmgewaltig und wohlbetont.

Ihm folgte der einzige und anbetungswürdige Jasper Nicolaisen und Jasper besitzt eine wunderbar prägnante Erzählstimme, der ich stundenlang lauschen könnte.

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Jasper Nicolaisen

Er war froh, endlich wieder Phantastik bringen zu können, denn in letzter Zeit sei er gezwungen gewesen, ganze Bücher mit echten Menschen vollzuschreiben.
In »Schwarzbraun ist die Haselnuss« geht er darum auch ganz tief in die Schatten von Neukölln und erzählt von den Kleinen Leuten. Eine wunderbare Liebeserklärung an die Menschen, die jenseits normaler Lebensentwürfe in Berlin leben. Jasper kredenzte eine breite und bis in die tiefsten Poren liebenswerte urbane Märchenwelt. Wenn ihr einen einzigen Grund braucht, »Anderswelt« zu kaufen, dann solltet ihr in diese Geschichte hineinlesen. Berlin war schon lange nicht mehr so mythisch!

Sodann folgte Otherlander Simon Weinert, der in »Wo die Feen herkommen« eine Verbindung zwischen der Einsamkeit jugendlicher Dichter und der Geburt von mythischen Wesen herstellte.

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Seine Beschreibungen über das Großwerden in einem Dörfchen der Schwäbischen Alp zeugten von tiefen Verständnis jener Zeit, da Bücherleser mit drängenden Körpersäften fernab Gleichgesinnter ihre eigenen magischen Orte erschufen.
Das klang autobiographisch und war auch deshalb sehr amüsant.

Und um das Trio der ehemaligen Lesebühne »Schlotzen & Kloben« voll zu machen, folgte Jakob Schmidt.

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Jakob Schmidt

Vor der Pause teaserte er uns mit dem Beginn seiner Geschichte »Die Wechselbälger«, die auch die Anthologie eröffnet. Bei Jacob stehen ebenfalls seltsame kleine Leute im Mittelpunkt und zeigen durch ihre Andersartigkeit, wie komisch eigentlich das ist, was wir als normale Welt betrachten.

Dirk-Boris Rödel eröffnete nach der Meisterung des Podestbesteigens die zweite Lesungshälfte mit »Die Hexe«, einer Mischung aus Gedicht und alternativer Genesis.

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Dirk-Boris Rödel

Er war auch der erste mir unbekannte Autor des Abends und sah auf jeden Fall wie ein sehr ambitionierter Phantastikautor aus.

Zurück in die nüchterne Welt holte uns sodann Jenny-Mai Nuyen mit dem autobiografischen Text »Pascal entscheidet«.

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Jenny-Mai Nuyen

Sie las den Text wegen seiner Länge nur an, empfahl uns aber unbedingt die Lektüre der ganzen Geschichte, weil man hinterher entweder gläubig oder Atheist würde. Mir wäre es ja lieber, durch das Lesen phantastischer Geschichten gesund oder zumindest schlanker zu werden.

Isa Theobald entführte uns danach in die schottische Mythologie und in die Zeit kindlicher Offenheit und Freude an der magischen Natur der Welt.

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Isa Theobald

Isa erfüllte sich mit der Lesung einen Lebenstraum, nach dem sie vor ein, zwei Jahren via Facebook diesen merkwürdigen Buchladen auf der anderen Seite der Republik entdeckte. Sie nahm nun extra 800 Kilometer Weg in Kauf, um endlich im Otherland zu lesen.

Mit einer ganz besonderen Geschichte beschloss Tobias O. Meißner den Abend. »Den Wald vor lauter Bäumen nicht« versteht man nur in Kombination mit der Illustration von Ben, die sie deshalb auch mittels Beamer und Leinwand an passender Stelle einblendete.

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Tobias O. Meißner

Tobias bezeichnete sich als Leichtgewicht unter den Autoren, nachdem er mühelos das Podest erklommen hatte und stellte einen übernatürlichen Zusammenhang zwischen den Geschichten des Abends her. Mit ihm endete der Textteil und die Diashow mit Bildern der Anthologie leitete zum Kunst- und Partyteil über.

Ein reger Run auf die Künstlerschafft begann und es wurden noch fleißig Autogramme und Pläne ausgetauscht.

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Simon signiert strahlend

Ein schönes Buch, ein schöner Abend in schöner Gesellschaft – ein Hoch auf die Fantasie und all die kleinen Leute, die uns inspirieren und unsere offenen Ohren und Herzen verdienen.

Irgendwas mit Dampf und Zwergen

Zwerge in der Fantasy über auf mich einen enormen Reiz aus, dem ich selten widerstehen kann. Auch wenn meine Leidenschaft hauptsächlich den alten Warhammer-Dawi gilt, freut es mich doch hin und wieder, wenn ich sympathische Zwergenwelten in neuen Romanen finden kann. So ging es mir mit »Drúdir« von Swantje Niemann.
Ich war bei ihrer Buchpremiere dabei und traf sie dann auf der Buch Berlin und im Periplaneta Literaturcafé, da sie dort zwischenzeitlich ein Praktikum als Lektorin absolvierte.

Als Swantje ankündigte, im Periplaneta Literaturcafé aus »Drúdir« zu lesen, stand für mich sofort fest, dass ich das unmöglich versäumen kann, immerhin sollte ja Band 2, »Drúdir – Masken und Spiegel« irgendwann erscheinen.

Verleger Tom Manegold schwärmte in seiner Vorstellungsrede von Swantjes Arbeit für Periplaneta und versuchte mit seiner eZigarette den für eine Steampunklesung notwendigen Dampf zu erzeugen.

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Dampfgroßmeister Tom Manegold

Dann entführte uns She Goes North mit traumhaft gesungenen Songs in ihre lyrischen Welten und bereitete so eine fantastische Grundlage für Swantjes Lesung.

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She Goes North

Swantje begann auch zunächst mit dem Anfang und brachte uns mit mehreren kurzen Kapiteln auf Drúdirs Reise zu den Hintergründen der Ermordung seines alten Lehrmeisters.

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Swantje

Nach der Pause gab es dann auch tatsächlich die erhofften Auszüge aus Band 2. Drúdir besucht darin eine Menschenrepublik. Die Leute dort haben sich vor fünfzehn Jahren von einem absolutistischen König befreit und experimentieren mit der Demokratie. Was allerdings grad nicht so besonders gut klappt. Im Mittelpunkt steht eine jungen Maskenmacherin, deren Vater ermordet wurde und die hinter Drúdirs Besuch mehr vermutet.
Ich bin gespannt, was Swantje dieses Mal an Technik, Magie und Politik zusammenmischt.

Das Buch erscheint zur Leipziger Buchmesse und nicht bei Periplaneta, sondern wie auch Band 1 in der Edition Roter Drache. Swantje berichtete auch mit großem Stolz, dass sie sogar eine Lesung auf der LBM bestreiten darf, womit sich ein Traum ihrer Fan-Tage erfüllt.
Klar, dass das Buch auf der LBM erworben wird! Und auch auf den eMail-Verteilen von She Goes North haben wir uns gesetzt, damit wir auf keinen Fall das Erscheinen ihrer EP verpassen. Und auch wenn Tom ihre lyrischen Bilder durch das Heraufbeschwören von Umweltgefahren in Gefahr brachte, wird der nächste Sommer zu diesen Klängen episch.

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Froschkönige gehören ans Buch, nicht an die Wand

Ein Abend im Periplaneta Literaturcafé ist immer wieder ein zwergenreicherwärmendes Erlebnis, besonders wenn es Bier, Zwerge und himmlische Musik zu genießen gilt. Für Grungni!

Punkerknacker

Während sich Karl Nagel 1979 die gefärbten Haare steifseifte, biss ich eine Lehrerin, die mich zur Direktorin schleifen wollte. Im Grunde waren wir für einen kurzen Zeitraum im Punksein vereint. Nur wusste ich das damals nicht und heute auch erst seit ein paar Tagen. Denn jetzt habe ich Karl Nagels literarisches Spätwerk »Schlund« ergründet.
Er hatte mich wegen einer Rezension angeschrieben, weil Frank Böhmert meinte, ich sei »stets neugierig und gern am Besprechen«.

Bis dato sagten mir weder Karl Nagel noch Peter Altenburg etwas. Klar, von den Chaostagen hatte ich schon gehört, aber eher von deren destruktiven Seiten. Aber tatsächlich hatte mich das Anschreiben neugierig gemacht.

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Schlund von Karl Nagel

»Schlund« ist ein schräges Buch, da es autobiografische Erinnerungen mit Hintergründen zu Musik und Leuten der Punk-Hochzeit verquirrlt und auch noch eine abgefahrene Dystopie enthält. Ich erfuhr hier erstmals von der Existenz einer ganzen Menge deutscher Bands, die einst provozierten, Skandale auslösten oder einfach nur krachende Gigs ablieferten.
Meine musikalischen Punkabenteuer damals hatten mit Die Ärzte und Sabber von Billy Idol zu tun. Im noch kreuzbraven Friedrichshain bestand Punk für mich zumindest hauptsächlich aus speziellen Klamotten und Zubehör.

In »Schlund« erfährt man aus einer sehr subjektiven Sicht eine ganze Menge mehr darüber, was Punk sein konnte, was nicht und wohin sich das alles entwickelte oder verrottete. Es gibt einige Kapitel, die etwas auf der Stelle treten, aber das löst Karl Nagel durch das dystopische Ende noch ganz geschickt auf.
Wirklich großartig sind die vielen Foto-Collagen. Die verwildern das Buch auf eine schaurigschöne Weise, auch wenn das jetzt kitschig klingt, aber ich hab mich beim Umblättern immer auf das nächste Bild gefreut.

Vor einem Jahr las ich den letzten Teil von Mark Twains geheimer Autobiographie, dieses Jahr »Schlund« von Karl Nagel – ich denk, die beiden hätten sich prächtig verstanden.

Übrigens bekam der »Schlund«-Verleger Klaus Farin grad das Bundesverdienstkreuz.  Zumindest stand das überall im Netz. Auf der HP des Präsidenten ist man noch im Dezember. Das Dingens gab es nicht wegen »Schlund«, zumindest offiziell nicht. Wer weiß schon, wen die Punker von einst heute nicht alles unterwandert haben …

Zu meiner Rezi im Fantasyguide geht’s hier lang: Schlund von Karl Nagel

Manche Märchen mögen’s kürzer

Noch im letzten Jahr bekam ich über Facebook den Hinweis von Michael Marrak, dass er im Januar ein Lesung mit Christian von Aster in Berlin abhalten werde und da ich beiden blind in Sachen cooler Phantastik vertraue, landete der Termin sofort in meinem Kalender.

Die Infos zur Veranstaltung waren nicht besonders konkret, nur dass es eine Nachmittags- und Abendlesung geben werde und Märchen das Thema seien.
Wir entschlossen uns, einen Spaziergang durch Moabit mit der Lesung zu verbinden und da im Winter das Licht eher nachmittags zur Besichtigung unbekannter Welten geeignet ist als im trüben Abenddunkel, wählten wir die 15 Uhr Vorstellung. Erst beim Erforschen der Location kam mir in den Sinn, dass die frühe Lesung Kinderkompatibel gedacht sein und sich somit das Programm am Abend unterscheiden könnte.

Aber egal, wir hatten einen Plan und los ging’s.

Die Gegend am Nordufer der Spree macht einen eher ruhigen Eindruck. Zwischen Altbaubeständen gibt es jede Menge seltsamer Neubauten, dennoch spürt man die lebendigen Reste eines Arbeiterviertels.

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Die Kulturbremse verstärkte diesen Eindruck noch. Ein kleines Projekt für Kinder, wo der Hausherr die Gäste persönlich mit Handschlag und netten Worten begrüßt und sich engagiert um die kleinsten Gäste kümmert. Bühne und Publikum befanden sich im Trainingsraum der Kulturbremse, in dem sonst Kinder Zirkusdinge lernen können.

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Amandara

Zunächst stellte uns Amandara den Hintergrund der Lesungen vor. So gingen die Einnahmen des Tages komplett zu gleichen Teilen an Frecher Spatz e. V. und Brot und Bücher e. V.

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Der noch nicht alte Conrad

Als musikalische Begleitung hatte sie Conrad, den Saitenreichen, gewinnen können, der von Spilwut und Wolgemut bekannt sein könnte und nicht nur wunderbar Harfe spielt, sondern auch ein lustiger und freundlicher Kerl zu sein scheint.

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Mächenmagier von Aster

Dann ging es los. Christian von Aster erzählte kurz, dass er erst im letzten Jahr wieder zu den Märchen fand, als er 450 Märchenbücher aus einem Nachlass erstand. Dabei wurde ihm bewusst, dass Märchen sein ursprünglicher Zugang zu Geschichten waren. Heute lebt er davon, dass er Geschichten erzählt. Märchen haben auch heute noch Bedeutung.
Mit einem magischer Fingerbewegung änderte er das Licht der kleinen Kugel auf dem Tisch zu seiner Seite und dann begann er mit dem Märchen aus Indien »Die Ziegenkönigin«.

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Michael Marrak

Michael Marrak stellte dann mit »Die Sternenfrau« eines der indianischen Märchen vor, die in Der Garten des Uroboros zu finden sein werden, seinem nächsten Roman, der im Frühjahr bei Amrûn erscheinen wird.

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Ingeborg Middendorf

Ingeborg Middendorf hatte sich das Märchen vom »Tischlein deck dich, dem Goldesel und dem Knüppel aus dem Sack« in der Fassung der Gebrüder Grimm ausgewählt. Leider zog sie das Märchen extrem in die Länge und unterbrach es immer wieder für Erklärungen. Trotz zunehmender Unruhe der Kinder.

Dadurch musste das Programm dann leider verkürzt werden. Christian erzählte noch ein kurzes Märchen aus der Schweiz, »Das schneeweiße Steinchen« aber Michaels zweites Märchen, »Das Sternenmädchen«, das er für das schönere seiner beiden Texte hält, musste leider entfallen. Traurig, aber da ich mir das Buch sowieso kaufen werden, und es auch sofort zu lesen gedenke, kann ich diese kleine Unschärfe bald beseitigen.
Man hätte die Wartezeit bis zur Abendlesung noch mit Gesprächen und Imbiss überbrücken können, aber wir entfalteten den Regenschirm und zogen Richtung Hansaviertel davon, den kleinen Spaziergang durchs Unbekannte fortzusetzen.

Jahresrückblick 2018

Es wird Zeit für einen kleinen Rückblick auf mein Lesejahr 2018. Für mich selbst überraschend, komme ich nur auf 40 gelesene Bücher plus einem abgebrochenem. Nach den 51 vom letzten Jahr also schon ein starker Rückgang, ohne dass mir selbst bewusst wäre, weniger gelesen zu haben. Leider sank auch die Anzahl der Autorinnen. Nur fünf der Bücher stammten von Frauen, jetzt mal ohne die Anthologien. Dieses Ungleichgewicht werde ich wohl nur mit expliziter Werkauswahl ändern können

Erstaunlich gleich verteilt sind dieses Mal Fantasy und SF mit jeweils dreizehn Werken, die Nonfiction folgt dicht auf mit neun, die Klassiker mit vier und die Sachbücher mit zwei Werken, darunter vier Anthologien.

Zwei Bücher, »Federico« von Waldtraut Lewin und »Peter Simpel« von Frederick Marryat las ich erneut, beide mit großem Vergnügen und wohligem Erinnern an die Zeit der erstmaligen Lektüre in Jugend- bzw. Kindertagen.

Vierzehn Bücher waren Rezensionsexemplare. Ganze vier Werke meiner Lektüreliste befanden sich schon seit längerem in meinem Besitz, was bedeutet, dass ich 22 der in diesem Jahr erworbenen Bücher auch zeitnah las. Allerdings ist das nur die Spitze des 2018er Bücherberges.

Dann schau ich mal nach meinen Highlights. Die SF wurde beherrscht von Jeff VanderMeers »Southern-Reach«-Trilogie, deren Lektüre wunderbar durch den Netflix-Film »Auslöschung« ergänzt wurde. Genauso beeindruckend fand ich »Walkaway« von Cory Doctorow, dessen Lesung ich traurigerweise wegen Krankheit versäumte.

Und erwähnen muss ich noch Alfred Lemans Kurzgeschichtensammlung »Der unsichtbare Dispatcher«, die ich auf Empfehlung von Erik Simon las und deren Rezension ich immer noch nicht fertig habe.

Die Fantasy wurde überstrahlt von Michael Endes »Unendlicher Geschichte«, von der ich vermutet hatte, sie bereits gelesen zu haben, was sich als Irrtum erwies.

Ein ganz großes Projekt für mich war die Lektüre von Oliver Plaschkas »Fairwater«. Nicht nur weil ich das Buch beeindruckend fand, sondern auch weil Oliver via Twitter seinen Soundtrack zum Buch präsentierte und ich über mehrere Nächte in eine ganz neue Musikwelt eintauchen konnte.

Bei den Klassikern überraschte mich die »Nachtmahr-Abtei« von Thomas Love Peacock, deren Witz und Esprit ich nicht erwartet hatte, dachte ich doch es gehört zu den Schauergeschichten wie Horace Walpoles »Das Schloss von Ortranto«, das ich für einen Zwielicht-Artikel las. Der ist aber bisher ebensowenig verfasst, wie eine Rezi zum Buch. Ich werde es wohl noch einmal lesen müssen, bevor ich die Texte dazu verfasse, was ich aber unbedingt noch machen möchte.

Eine ganz besonders herzerwärmende und auch traurige Lektüre stellte der dritte Band von Mark Twains geheimer Autobiographie dar. Es ist furchtbar traurig, ihn bis zu seinen letzten Gedanken zu begleiten, aber Sam Clemens ist so ein charmantes Schlitzohr, so ein liebenswürdiger Grantler, den ich sehr liebgewonnen habe, egal wie sehr ich mir auch vor Augen halte, dass er das genauso mit seinen Texten vorhatte.

Ein ganz besonderes Projekt im letzten Jahr stellte meine Lektüre von einigen Werken der Shortlist für den Deutschen Buchpreis dar. Ich wollte mir einmal selbst ein Bild über den Teil der aktuellen deutschsprachigen Literatur machen, den ich normalerweise ignoriere. Die Erfahrungen sind zwiespältig. Den Gewinnertitel musste ich abbrechen zu lesen, was mir nicht oft passiert, aber das Buch wurde immer langweiliger. Gefallen hat mir hingegen Stephan Thomes historischer Roman »Gott der Barbaren«, der mir etliche Geschichtskenntnisse einbrachte. Zudem besuchte ich im Rahmen des Projekts eine beeindruckende Lesung von Nino Haratischwili, deren Roman nun zumindest auf meinem fernen SUB liegt.

Ebenfalls etwas Besonderes stellte für mich »Tiefsommer« von Jesko Habert dar. Das Buch wechselt in der Mitte sehr überraschend das Genre und wird von mir daher auch für den KLP nominiert werden. Aber mit dem Buch verbunden fühle ich mich vor allem durch eine sehr anregende Lesung und dem bezaubernden Konzertabend zusammen mit Sommertag. Intensiver kann man sich kaum mit einem Buch befassen. Okay, ein Interview könnte ich noch machen, allerdings vermute ich nicht, dass mir Jesko großartig mehr erzählen könnte, als ich inzwischen bereits von ihm zum Buch und seiner Entstehung gehört habe.

Überhaupt besuchte ich auch 2018 wieder etliche gelungene Veranstaltungen. Neben dem Elstercon und dem BuCon besuchte ich die Leipziger Buchmesse sowie die Buch Berlin und etliche Lesungen sowohl in persona als auch in Second Life mit Avatar. Insofern mögen 40 gelesene Bücher nicht nach viel klingen, aber ich bin mit meinem literarischen 2018 rundum zufrieden. Mal sehen, wohin mich die Lektüre in diesem Jahr führt, der Beginn ist ja schon einmal sehr politisch mit Le Guin und der Punkrundreise von Karl Nagel.

Die Welt dreht sich einfach nicht weiter

Trotz Internet und GPS habe ich oft das Gefühl, wir als Menschheit kommen keinen wichtigen Schritt voran. Für schnellen Profit wird die Umwelt zerstört, werden andere Menschen ausgebeutet und ermordet. Wie man an den Dieselbetrügern und Monsanto sieht, auch völlig straffrei.

Erschreckend zu sehen, dass bestimmte Idiotien immer wieder kehren, egal wie oft man dagegen ankämpft.

»The Word for World is Forest« von Ursula K. Le Guin ist so ein aufrüttelndes Zeichen gegen Rassismus, Umweltzerstörung und Diskriminierung.

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The Word for World is Forest von Ursula K. Le Guin, Cover: Darell Gulin und Jamie Stafford-Hill

1972 erschienen und Hugo-prämiert, gehört es zu den bekanntesten Werken der im letzten Jahr verstorbenen Autorin und ein Lesezirkel im SFN bot mir die Gelegenheit, diese Lücke endlich zu schließen. Da es keine aktuelle deutsche Ausgabe des Werkes gibt (von Plänen dafür habe ich unken hören), erwarb ich im Otherland eine englischsprachige Ausgabe von 2010.

Während der Lektüre verstärkte sich mein Eindruck immer mehr, dass Le Guin da eine Entwicklung beschreibt, die sich leider genauso auch gerade auf unserem Planeten abspielt. Für Holz und Drogen wird Urwald gerodet und Eingeborene ermordet. Auch die Verachtung gegenüber Frauen und Nichtweiße findet sich gefühlt genauso auch heute. Immer noch.

Ziemlich erschreckend und deprimierend. Wo bleibt unsere Liga der Intelligenz, dies zu ächten und verbieten?

Nichtsdestotrotz war es eine lohnenswerte Lektüre für mich. Ich konnte zudem endlich einmal wieder ein Buch im englischen Original lesen und es ging sogar erstaunlich gut. An wichtigen Stellen musste ich schon gründlich nachdenken, aber insgesamt konnte ich das Buch flüssig lesen. Le Guin zählt zu Recht zu den wichtigen literarischen Stimmen, und vielleicht bewirken ihre Werke ja doch irgendwann etwas.

Wie gewohnt, gibt es eine etwas ausführlichere Besprechung drüben im Fantasyguide: The Word for World is Forest von Ursula K. Le Guin

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