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Die Nacht der Kleinen Leute

Es war zu erwarten, dass zur Vorstellung einer Anthologie, deren Mitwirkende die phantastische Literatur hierzulande seit Jahren prägen, jede Menge Feenvolk und auch genügend Trolle und Zwerge in das Kreuzberger Otherland wandern würden.
So gut gefüllt sah man die buchgewaltigen Hallen selten. Das Ziel des phantastischen Volkes war die »Anderswelt«. Eine Anthologie, herausgegeben von benSwerk und Holger Much.

Ben dürfte als Coverkünstlerin vielen bekannt sein, schuf sie doch unzählige Designs für die Golkonda-Bücher und so wundert es nicht, dass auch neun Bildkünstlerinnen und Bildkünstler mit ihren Zeichnungen, Gemälden und Illustrationen in »Anderswelt« vertreten sind.

Das Otherland war also gerappelt voll, man sah die, die immer hier sind und auch die, die man stets hier und dort antrifft.

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Die stolze Herausgeberin: Ben

Pünktlichst begann der Lesungsteil. Ben freute sich, die »Anderswelt« im Otherland zu präsentieren, dem Ort, an dem nach ihren eigenen Worten Realität magisch wird und Fantasie real. Oder wie die Otherlander es formulierten: Phantastik wahr wird und Realität magisch.

Nach Bens kleiner Projektvorstellung bestieg als Erster Zauberer Christian von Aster das gefährliche Podest der Poesie und eröffnete mit dieser sportlichen Höchstleistung den Reigen lustiger Podestpossierlichkeiten, denn das mühevolle Erklimmen der Lesebühne machte das Podium für Christian zum Symbol für den Balanceakt zwischen Realität und Phantastik.

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Christian von Aster

In Anbetracht fehlender Zeit für eine Geschichte war er ganz froh, dass man ihm die Möglichkeit gab, mit einem Gedicht in der »Anderswelt« vertreten sein zu dürfen. Als Inspiration zu seinem Poem »Die wilde Jagd« diente ihm das Bild »Nachtvolk« von Holger Much, ebenfalls im Buch zu finden. Der Vortrag, mit dem sich die Pforte zur Anderswelt öffnete, erklang gewohnt stimmgewaltig und wohlbetont.

Ihm folgte der einzige und anbetungswürdige Jasper Nicolaisen und Jasper besitzt eine wunderbar prägnante Erzählstimme, der ich stundenlang lauschen könnte.

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Jasper Nicolaisen

Er war froh, endlich wieder Phantastik bringen zu können, denn in letzter Zeit sei er gezwungen gewesen, ganze Bücher mit echten Menschen vollzuschreiben.
In »Schwarzbraun ist die Haselnuss« geht er darum auch ganz tief in die Schatten von Neukölln und erzählt von den Kleinen Leuten. Eine wunderbare Liebeserklärung an die Menschen, die jenseits normaler Lebensentwürfe in Berlin leben. Jasper kredenzte eine breite und bis in die tiefsten Poren liebenswerte urbane Märchenwelt. Wenn ihr einen einzigen Grund braucht, »Anderswelt« zu kaufen, dann solltet ihr in diese Geschichte hineinlesen. Berlin war schon lange nicht mehr so mythisch!

Sodann folgte Otherlander Simon Weinert, der in »Wo die Feen herkommen« eine Verbindung zwischen der Einsamkeit jugendlicher Dichter und der Geburt von mythischen Wesen herstellte.

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Seine Beschreibungen über das Großwerden in einem Dörfchen der Schwäbischen Alp zeugten von tiefen Verständnis jener Zeit, da Bücherleser mit drängenden Körpersäften fernab Gleichgesinnter ihre eigenen magischen Orte erschufen.
Das klang autobiographisch und war auch deshalb sehr amüsant.

Und um das Trio der ehemaligen Lesebühne »Schlotzen & Kloben« voll zu machen, folgte Jakob Schmidt.

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Jakob Schmidt

Vor der Pause teaserte er uns mit dem Beginn seiner Geschichte »Die Wechselbälger«, die auch die Anthologie eröffnet. Bei Jacob stehen ebenfalls seltsame kleine Leute im Mittelpunkt und zeigen durch ihre Andersartigkeit, wie komisch eigentlich das ist, was wir als normale Welt betrachten.

Dirk-Boris Rödel eröffnete nach der Meisterung des Podestbesteigens die zweite Lesungshälfte mit »Die Hexe«, einer Mischung aus Gedicht und alternativer Genesis.

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Dirk-Boris Rödel

Er war auch der erste mir unbekannte Autor des Abends und sah auf jeden Fall wie ein sehr ambitionierter Phantastikautor aus.

Zurück in die nüchterne Welt holte uns sodann Jenny-Mai Nuyen mit dem autobiografischen Text »Pascal entscheidet«.

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Jenny-Mai Nuyen

Sie las den Text wegen seiner Länge nur an, empfahl uns aber unbedingt die Lektüre der ganzen Geschichte, weil man hinterher entweder gläubig oder Atheist würde. Mir wäre es ja lieber, durch das Lesen phantastischer Geschichten gesund oder zumindest schlanker zu werden.

Isa Theobald entführte uns danach in die schottische Mythologie und in die Zeit kindlicher Offenheit und Freude an der magischen Natur der Welt.

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Isa Theobald

Isa erfüllte sich mit der Lesung einen Lebenstraum, nach dem sie vor ein, zwei Jahren via Facebook diesen merkwürdigen Buchladen auf der anderen Seite der Republik entdeckte. Sie nahm nun extra 800 Kilometer Weg in Kauf, um endlich im Otherland zu lesen.

Mit einer ganz besonderen Geschichte beschloss Tobias O. Meißner den Abend. »Den Wald vor lauter Bäumen nicht« versteht man nur in Kombination mit der Illustration von Ben, die sie deshalb auch mittels Beamer und Leinwand an passender Stelle einblendete.

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Tobias O. Meißner

Tobias bezeichnete sich als Leichtgewicht unter den Autoren, nachdem er mühelos das Podest erklommen hatte und stellte einen übernatürlichen Zusammenhang zwischen den Geschichten des Abends her. Mit ihm endete der Textteil und die Diashow mit Bildern der Anthologie leitete zum Kunst- und Partyteil über.

Ein reger Run auf die Künstlerschafft begann und es wurden noch fleißig Autogramme und Pläne ausgetauscht.

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Simon signiert strahlend

Ein schönes Buch, ein schöner Abend in schöner Gesellschaft – ein Hoch auf die Fantasie und all die kleinen Leute, die uns inspirieren und unsere offenen Ohren und Herzen verdienen.

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Irgendwas mit Dampf und Zwergen

Zwerge in der Fantasy über auf mich einen enormen Reiz aus, dem ich selten widerstehen kann. Auch wenn meine Leidenschaft hauptsächlich den alten Warhammer-Dawi gilt, freut es mich doch hin und wieder, wenn ich sympathische Zwergenwelten in neuen Romanen finden kann. So ging es mir mit »Drúdir« von Swantje Niemann.
Ich war bei ihrer Buchpremiere dabei und traf sie dann auf der Buch Berlin und im Periplaneta Literaturcafé, da sie dort zwischenzeitlich ein Praktikum als Lektorin absolvierte.

Als Swantje ankündigte, im Periplaneta Literaturcafé aus »Drúdir« zu lesen, stand für mich sofort fest, dass ich das unmöglich versäumen kann, immerhin sollte ja Band 2, »Drúdir – Masken und Spiegel« irgendwann erscheinen.

Verleger Tom Manegold schwärmte in seiner Vorstellungsrede von Swantjes Arbeit für Periplaneta und versuchte mit seiner eZigarette den für eine Steampunklesung notwendigen Dampf zu erzeugen.

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Dampfgroßmeister Tom Manegold

Dann entführte uns She Goes North mit traumhaft gesungenen Songs in ihre lyrischen Welten und bereitete so eine fantastische Grundlage für Swantjes Lesung.

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She Goes North

Swantje begann auch zunächst mit dem Anfang und brachte uns mit mehreren kurzen Kapiteln auf Drúdirs Reise zu den Hintergründen der Ermordung seines alten Lehrmeisters.

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Swantje

Nach der Pause gab es dann auch tatsächlich die erhofften Auszüge aus Band 2. Drúdir besucht darin eine Menschenrepublik. Die Leute dort haben sich vor fünfzehn Jahren von einem absolutistischen König befreit und experimentieren mit der Demokratie. Was allerdings grad nicht so besonders gut klappt. Im Mittelpunkt steht eine jungen Maskenmacherin, deren Vater ermordet wurde und die hinter Drúdirs Besuch mehr vermutet.
Ich bin gespannt, was Swantje dieses Mal an Technik, Magie und Politik zusammenmischt.

Das Buch erscheint zur Leipziger Buchmesse und nicht bei Periplaneta, sondern wie auch Band 1 in der Edition Roter Drache. Swantje berichtete auch mit großem Stolz, dass sie sogar eine Lesung auf der LBM bestreiten darf, womit sich ein Traum ihrer Fan-Tage erfüllt.
Klar, dass das Buch auf der LBM erworben wird! Und auch auf den eMail-Verteilen von She Goes North haben wir uns gesetzt, damit wir auf keinen Fall das Erscheinen ihrer EP verpassen. Und auch wenn Tom ihre lyrischen Bilder durch das Heraufbeschwören von Umweltgefahren in Gefahr brachte, wird der nächste Sommer zu diesen Klängen episch.

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Froschkönige gehören ans Buch, nicht an die Wand

Ein Abend im Periplaneta Literaturcafé ist immer wieder ein zwergenreicherwärmendes Erlebnis, besonders wenn es Bier, Zwerge und himmlische Musik zu genießen gilt. Für Grungni!

Manche Märchen mögen’s kürzer

Noch im letzten Jahr bekam ich über Facebook den Hinweis von Michael Marrak, dass er im Januar ein Lesung mit Christian von Aster in Berlin abhalten werde und da ich beiden blind in Sachen cooler Phantastik vertraue, landete der Termin sofort in meinem Kalender.

Die Infos zur Veranstaltung waren nicht besonders konkret, nur dass es eine Nachmittags- und Abendlesung geben werde und Märchen das Thema seien.
Wir entschlossen uns, einen Spaziergang durch Moabit mit der Lesung zu verbinden und da im Winter das Licht eher nachmittags zur Besichtigung unbekannter Welten geeignet ist als im trüben Abenddunkel, wählten wir die 15 Uhr Vorstellung. Erst beim Erforschen der Location kam mir in den Sinn, dass die frühe Lesung Kinderkompatibel gedacht sein und sich somit das Programm am Abend unterscheiden könnte.

Aber egal, wir hatten einen Plan und los ging’s.

Die Gegend am Nordufer der Spree macht einen eher ruhigen Eindruck. Zwischen Altbaubeständen gibt es jede Menge seltsamer Neubauten, dennoch spürt man die lebendigen Reste eines Arbeiterviertels.

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Die Kulturbremse verstärkte diesen Eindruck noch. Ein kleines Projekt für Kinder, wo der Hausherr die Gäste persönlich mit Handschlag und netten Worten begrüßt und sich engagiert um die kleinsten Gäste kümmert. Bühne und Publikum befanden sich im Trainingsraum der Kulturbremse, in dem sonst Kinder Zirkusdinge lernen können.

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Amandara

Zunächst stellte uns Amandara den Hintergrund der Lesungen vor. So gingen die Einnahmen des Tages komplett zu gleichen Teilen an Frecher Spatz e. V. und Brot und Bücher e. V.

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Der noch nicht alte Conrad

Als musikalische Begleitung hatte sie Conrad, den Saitenreichen, gewinnen können, der von Spilwut und Wolgemut bekannt sein könnte und nicht nur wunderbar Harfe spielt, sondern auch ein lustiger und freundlicher Kerl zu sein scheint.

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Mächenmagier von Aster

Dann ging es los. Christian von Aster erzählte kurz, dass er erst im letzten Jahr wieder zu den Märchen fand, als er 450 Märchenbücher aus einem Nachlass erstand. Dabei wurde ihm bewusst, dass Märchen sein ursprünglicher Zugang zu Geschichten waren. Heute lebt er davon, dass er Geschichten erzählt. Märchen haben auch heute noch Bedeutung.
Mit einem magischer Fingerbewegung änderte er das Licht der kleinen Kugel auf dem Tisch zu seiner Seite und dann begann er mit dem Märchen aus Indien »Die Ziegenkönigin«.

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Michael Marrak

Michael Marrak stellte dann mit »Die Sternenfrau« eines der indianischen Märchen vor, die in Der Garten des Uroboros zu finden sein werden, seinem nächsten Roman, der im Frühjahr bei Amrûn erscheinen wird.

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Ingeborg Middendorf

Ingeborg Middendorf hatte sich das Märchen vom »Tischlein deck dich, dem Goldesel und dem Knüppel aus dem Sack« in der Fassung der Gebrüder Grimm ausgewählt. Leider zog sie das Märchen extrem in die Länge und unterbrach es immer wieder für Erklärungen. Trotz zunehmender Unruhe der Kinder.

Dadurch musste das Programm dann leider verkürzt werden. Christian erzählte noch ein kurzes Märchen aus der Schweiz, »Das schneeweiße Steinchen« aber Michaels zweites Märchen, »Das Sternenmädchen«, das er für das schönere seiner beiden Texte hält, musste leider entfallen. Traurig, aber da ich mir das Buch sowieso kaufen werden, und es auch sofort zu lesen gedenke, kann ich diese kleine Unschärfe bald beseitigen.
Man hätte die Wartezeit bis zur Abendlesung noch mit Gesprächen und Imbiss überbrücken können, aber wir entfalteten den Regenschirm und zogen Richtung Hansaviertel davon, den kleinen Spaziergang durchs Unbekannte fortzusetzen.

Der tiefste Sommer

Dass der Dezember einer der schnellsten Monate des Jahres ist, liegt nicht nur an Weihnachten, sondern vor allem an den vielen Terminen, die plötzlich aufploppen.
Alles kann man gar nicht machen, aber manche Veranstaltungen sind dann doch so verlockend, dass ich die Weihnachtserschöpfung beiseite fege. Damit ich nicht kneifen konnte, erzählte ich dieses Mal meinem besten Freund davon, der sich gern überraschen lässt und eisern zu allem mitkommt, was ich so heraussuche. Bisher ging das auch immer gut …

Wozu konnte ich also nicht Nein sagen? Zu Jesko Haberts Lesungsprojekt mit der Band Sommertag, von dem er damals bei seiner Buchvorstellung im Periplaneta-Literaturcafé erzählte.

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Tiefsommertag – eine geniale Verbindung

Das ganze fand in Kulturhaus Karlshorst statt. Vermutlich im Februar 2005 waren wir schon einmal dort, damals noch im Altbau, und sahen »Die Narrenschaukel« – Eine literarisch-musikalische Revue von Gerhard Branstner. Ich hatte den alten DDR-Banausen und SF-Autor kurz vorher für SONO #6: Funny Phantastik interviewt und schleppte meinen Freund und seine Freundin zu diesem nostalgischen Abend.
Es floss viel Rotwein in jener Nacht …
Leider riss der Krebs die erlebnishungrige Frau aus unserer Mitte. Aber dadurch wurde uns beiden der neuerliche Besuch im Kulturhaus zu etwas Besonderem.

Der Neubau besitzt zwar einen Galerieeingang zum Kulturhaus an der Treskowallee, der eigentliche Eingang befindet sich jedoch im Innenhof und führt ins Hinterhaus.

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Der Eingang zum Kulturhaus

Der Veranstaltungsraum mit gemütlicher Größe bietet neben Bühne und Bar etwa Platz für 30-40 Menschen und füllte sich auch erfreulich gut.
Altersbedingt und nach einem langen Arbeitstag ließen wir den Wein dieses Mal eher tröpfeln, aber wir waren ja auch des Gesanges wegen gekommen.

Jesko hatte Teile des Romanes Tiefsommer mit der Band Sommertag so aufbereitet, dass sie mit verteilten Rollen vorlesen und Lieder einbinden konnten. Dafür hatten Inke und Birdy eigene Songs umgeschrieben und sogar für das Projekt neues Material geschaffen.

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Birdy, Inka und Jesko

Da Inke inzwischen in Halle studiert, konnten die drei nur ein Wochenende zum Proben nutzen. Jesko warf ein, dass sein letztes Projekt daran zerbrach, dass er nach Halle zog und er fand es erwähnenswert, dass Halle nun schon wieder dazwischenfunkt.

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Birdy

Birdy spielte Gitarre, Inke kämpfte mit ihrer neuen Melodica (ich hoffe, ich hab die Namen korrekt zugeordnet) und Jesko setzte seine ganze charmante Slammer-Erfahrung ein.

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Inka und die Melodica 

Besonders in den Rap-artig vorgetragenen Lyrik-Teilen des Romans entwickelte sich ein ungeheurer Flow, der sowohl perfekt zur Handlung passte, als auch die Beziehungen der Figuren hervorstellte. Die anderen Lieder passten sich nicht weniger harmonisch ein.

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Inka

Inka konnte bei der Bearbeitung der Szenen ihr Sprach-Studium einbringen und dadurch entwickelte sich eine schöne Dynamik. Interessant fand ich, wer sich welche Rollen aussuchte. Die Interpretation der Figuren spiegelt die Leseerfahrung wider, wobei Birdy beichtete, den Roman erst vor kurzem beendet zu haben.

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Der Jesko

Auch lichttechnisch bot Jesko wieder die ganz große Atmosphäre auf. Es gab natürlich Orange und nach dem Bruch in der Handlung wechselte das Licht zu Blau.

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Blaue Stunde

Man muss den Roman schon lesen, um das Ganze zu verstehen. Genügend Exemplare hatte Jesko dabei und man konnte sich auch in eine Liste einschreiben, um nach Fertigstellung das Begleitalbum von Sommertag erstehen zu können.

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Mit der Gitarre in den tiefsten Sommer

Es war ein kurzweiliger Abend, der durch seine Intimität und Begeisterung erblühte. Das Projekt geht nach dieser Premiere auf Tour. Geht hin, es lohnt sich!

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Der Himmel über Berlin hat orangene Sphären …

Wenn sich mein bester Freund das nächste Mal einen Kulturabend wünscht, werd ich da ganz schön suchen müssen, um zumindest etwas gleichwertiges zu finden.
Aber eigentlich hat das bisher immer geklappt. Irgendwas geht in Berlin ja immer.

Das Zombiezünglein an der Waage

Als die Otherlander ihren letzten Stargast für das Jahr 2018 ankündigten, klingelte bei mir nichts: Nate Crowley.
Noch nie gehört.

Aber egal, wer ins Otherland kommt, hat Publikum verdient!

Als ich ankam, sah ich einen Mann mit Baby auf dem Arm und es gab keinen Zweifel für mich: Das muss Nate sein!
Exakt. Die junge Dame auf seinem Arm, war seine Tochter und ihr Name hat etwas mit Wasser zu tun, aber ich verstand ihn nicht genau. Während wir später ihren Vater in Beschlag nahmen, wurde sie im Hintergrund von ihrer Mutter gestillt. Ein unvergesslicher und auch wieder ganz typischer Otherland-Moment.

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Nate und seine Frauen

Wer ist nun aber Nate und was macht er im Otherland?

Die beste Buchhandlung der Welt zieht jede Menge Phantastik-Fans an, die lieber englische Originale lesen und so bildete sich der Speculative Fiction Book Club, der sich einmal im Monat trifft und jeweils ein Buch diskutiert, das man beim letzten Treffen auswählte.
Und hier schlug »The Death and Life of Schneider Wrack« von Nate ein wie eine Bombe. Inci schrieb darüber nicht nur begeistert im Otherland-Blog, sie kontaktierte auch gleich Nate und schwups dachte er sich, diese Fans guck ich mir mal an. Und zur Sicherheit brachte er seine beide Frauen mit. Als Rückendeckung, wie der Abend ja zeigte.

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Nate und Inci, im Hintergrund scherzt René mit Nates Tochter

Ich muss gestehen, dass mein Englisch bei weitem nicht ausreichte, mehr als Grundzüge der Diskussion über das Buch zu verstehen, aber Nate las sehr lustig vor und ein, zwei Gags bekam sogar ich mit.
Er hatte auch ein Exemplar seines Buches »100 Best Video Games (that never existed)« dabei und seine Kostproben daraus brachten auch mich zum Lachen.

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Dust ist das Lieblingsmonster seiner Frau

Nate hat in jungen Jahren in einem Aquarium-Laden gearbeitet und seither ein gespaltenes Verhältnis zu Fischen, was direkte Auswirkungen auf den Horror in »Schneider Wrack« hat. Und auch bei den »Video-Games« deutlich zu spüren war.

Es machte großen Spaß, die Book Club Leute vom Buch schwärmen zu hören und dabei konnte ich immer deutlicher erkennen, dass ich das Buch wohl unbedingt lesen muss. Gerade bin ich ja mitten in einem englischsprachigen Buch und eigentlich sollte das passen. Ich muss ja hinterher keine Klausur zum Inhalt schreiben.

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Beantworte alle Fragen: Nate

Ein toller, erinnerungswürdiger Abend, wie ich ihn liebe. Ich habe etwas völlig Neues kennengelernt und die Lesung war wahrlich familiär. Etwas ähnliches gab es schon mal, als nämlich Dan Wells mit seiner Großfamilie im Laden weilte und las. Ich fiel ja aus den Socken als Simon mir verklickerte, dass jener Abend bereits 2014 stattfand. Boah, soweit zurück hätte ich das nicht geschätzt.

Apropos Simon Weinert! Sein fulminanter und gewiefter Bösewichtroman »Tassilo, der Mumienabrichter« erschien einst als eBook und limitierte Taschenbuchausgabe, die man nur im Otherland erwerben konnte. Nun verkündete mir Simon stolz, dass es eine Neuauflage bei Golkonda im Frühjahr geben wird!
Hoffentlich wird das Buch jetzt endlich zum Megaseller, denn Simon reist so gern durch Amerika …

Und es gibt ein neues Cover! An mir wird’s nicht liegen!

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Simon Weinert mit dem Golkonda-Frühjahrsprogramm

So, für diese Woche kann ich zufrieden mit mir sein: Zweimal den inneren Elf besiegt und zu Lesungen gegangen. Nimm das, dunkler Winter!

Projekt Buchpreis – Teil 9

Im Literarischen Colloquium am Wannsee stellte am Mittwoch Nino Haratischwilli ihren Roman »Die Katze und der General« vor, der ja auch zur Shortlist des Buchpreises gehörte.

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Nino Haratischwili

Bisher stand das Buch nicht in meiner Projektliste, aber da ich schon lange nicht mehr im LCB war, nutzte ich diese Gelegenheit.

Nino Haratischwilli hat mich schwer begeistert. Ich wusste vorab quasi nix über sie, als dass sie eine junge Georgierin ist.
Sie kam 2003 mit ihren Eltern aus Georgien, hat dort aber bereits etwas Deutsch in der schule gelernt, unter anderem in einer Theater-AG. Inzwischen spricht sie fließend Deutsch und ich würde ihr eher einen norddeutschen Dialekt bescheinigen.

Sie las zunächst aus dem Prolog vor, in dem wir das junge tschetschenische Mädchen Nura kennenlernen, ihre Träume, ihre Welt. Im Hauptteil des Buches geht es um einen jener Russen, der Nura im Ersten Tschetschenien-Krieg vergewaltigten und dann töteten.
Die Männer werden zwar angeklagt, aber nicht schuldig gesprochen und daran leidet der General genannte Mann seither.

Der Roman basiert auf einer wahren Geschichte aus dem Zweiten Tschetschenien-Krieg und Nino Haratischwilli erzählte von ihrem Besuch in Tschetschenien, vom Leben der Menschen unter der von Russland beherrschten Diktatur. Wie das Land die Wunden der Kriege und Besetzung mit Farbe übertünscht, hinter Masken und Angst erstarrt. Die Geschichte nach 1990 verleugnet.
Aber man spürte deutlich, wie wichtig es ihr war, über das ihr bis dahin auch eher unbekannte Nachbarland Georgiens zu schreiben.

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Mutige Recherchen

Das klang alles sehr bewegend und vielleicht lese ich das Buch ja doch noch irgendwann, obwohl ich Vergewaltigungsgeschichten überhaupt nicht lesen mag. Mich überkommt heute noch das Entsetzen, wenn ich an jene Szene im Stillen Don denke. Krieg macht aus Männern Monster. Vielleicht, weil Monster sie führen und alles mit ihrer Monstrosität infizieren.

Klar kann ich die Qualität von »Die Katze und der General« nicht wirklich beurteilen, aber dieser Abend zeigte mir eine imponierende Autorin und ihr berühmtes Buch »Das achte Leben (Für Brilka)« wurde mir von meinem Sitznachbar dringend empfohlen. Das LCB war erstaunlich voll, natürlich wie stets gehörte ich zu den jüngsten, aber mich erfreut jedes Mal die Ernsthaftigkeit, mit der hier Literatur zelebriert wird. Diese ehrfurchtsvolle Aura, die allein schon durch ihren Glanz aus jedem Text Literatur macht. Das ist schon eine ganz eigene Stimmung.

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Maria-Christina Piwowarski und Nino Haratischwilli

Moderiert wurde der Abend von der Buchhändlerin und Autorin Maria-Christina Piwowarski, die das Gespräch sehr zurückhaltend und freundlich führte.

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Maria-Christina Piwowarski

Neues gibt es von meiner Lektüre des Buchpreisgewinner-Buches »Archipel« von Inger-Maria Mahlke. Ich breche es nun auf Seite 146 von 423 ab. Es ist mir einfach zu langweilig.

Trotz des ganz eigenen Schreibstils, der mir durchaus sehr gefällt, fehlt mir bisher irgendein Handlungsrahmen. Es gibt ein kompliziertes Geflecht aus Figuren, die teilweise sehr spannend eingeführt wurden und ganz besonders Julio, el Portero, habe ich richtig lieb gewonnen, aber es gibt keine Richtung für diese Episoden. Unmengen an Details pflastern die Szenen, doch sind sie nur Staffage, bedeutungslos für was auch immer. Irgendwann hab ich es aufgegeben, mir zu merken, was da wo herumliegt, wer was trinkt und trägt, weil es einfach zu viel wurde und ich nicht absehen konnte, was davon später noch eine Rolle spielen wird. Eine kunstvoll geschriebene Soap bleibt trotzdem eine Soap und interessiert mich nicht die Bohne.
Wie man komplexe Stilistik und spannende Geschichten miteinander verbindet, sieht man bei Pynchon, bei Inger-Maria Mahlke fand ich bisher nur Kunst, aber das Geschichtenerzählen blieb auf der Strecke. Sehr schade.

Die freien Geister von Erdsee

Am 29.11. lud der Verein Weltlesebühne ins Otherland. Im Zentrum stand Karen Nölle als Übersetzerin der »Erdsee«-Prachtausgabe sowie der »The Dispossessed«-Ausgabe »Freie Geister« bei Tor.

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Karen Nölle und Nadine Püschel

Da ich den Prachtband ganz unverhofft im Briefkasten vorfand und seither abends ab und zu in dem zwar wunderschönen, aber echt schweren Band lese und auch irgendwann bespreche, freute ich mich sehr auf die Gelegenheit, die Übersetzerin kennenzulernen.

Sie übersetzte nicht alles, Band 4 wurde von ihrem Mann, Hans-Ulrich Möhring, ins Deutsche übertragen, der auch im Publikum saß.

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Hans-Ulrich Möhring

Grandioserweise, denn er ist der »Otherland«-Übersetzer! Unter uns befand sich dann auch noch Anne-Marie Wachs, die für Golkonda den Essay-Band »Keine Zeit verlieren: Über Alter, Kunst, Kultur und Katzen« übersetzte.

Da auch Hannes Riffel und Hardy Kettlitz anwesend waren, überschlugen sich Wissensvermittlung, Insiderwissen und Literaturbegeisterung in stimmungsvollen und gewaltigen Saltos.

Die Moderation übernahm die Übersetzerin Nadine Püschel mit angenehm fröhlicher Begeisterung und stellte Karen, die Werke und auch das Besondere an Ursula K. Le Guin vor.

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Nadine Püschel

Zwar setzte sie ihre Bedeutung in Deutschland etwas weniger hoch an, als wohl der Großteil der anwesenden Fans, aber das schmälerte die gemeinsame Freude am Werk der großen Schriftstellerin nicht im Geringsten.

Karen konnte Ursula K. Le Guin noch persönlich treffen, sie starb ja im Frühjahr, und berichtete über das starke Interesse der Autorin an einer ordentlichen Übersetzung der Namen, sie hatte da wohl böse Erfahrungen mit einem bulgarischen Übersetzer gemacht.

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Schwere Lektüre

In der Welt von »Erdsee« ist Sprache sehr wichtig und in der deutschen Übersetzung wären englische Namen Fremdkörper.

Wir hörten Ausschnitte aus den beiden ersten Erdsee-Geschichten von Karen, während Hans-Ulrich Möhring vom Blatt etwas aus dem vierten Band vortrug. Dreimal stolperte er dabei über Schreibfehler und bat ganz burschikos grinsend seine Frau, im Buch nach zu sehen, ob sie es ins Buch geschafft hätten, jedoch Hannes hatte alle gnadenlos gekillt.

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Frisch aus dem Drucker

Das Bild des sich am Frühstückstisch abstimmenden Übersetzerpärchens flimmerte durch den Raum und man konnte auch spüren, dass die beiden sich und ihr Leben ganz wunderbar finden.

Die beiden fuhren auch auf den Spuren der Handlungsschauplätze in die USA und besuchten das Steens Mountain Country. Hier her kam Le Guin nicht nur 50 Jahre lang, Licht und Klima bestimmen ihre beiden Werke sehr stark.  Karen konnte hier das Gefühl für die Landschaft entwickeln, ohne das ihr die Übersetzung nicht gelingen wollte.

»The Dispossessed« ist für SF-Fans ähnlich bedeutsam wie »Earthsea« für Fantasy-Fans und das Buch erhielt mit »Freie Geister« nun bereits den dritten deutschen Titel.

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Karen las uns eine eine ungewöhliche Hotelszene vor.

Hannes erklärte dann auch, wie er dazu kam. »The Dispossessed« war für Le Guin auch eine Reminiszenz an Dostojewskis »Бесы«, im englischen »The Possessed«. Da bei Fischer die Übersetzung von Swetlana Geier »Böse Geister« heißt, fand er es nur passend, wenn nun Le Guins Werk »Freie Geister« benannt wurde. So wäre Dostojewski wieder im Spiel, das Wort Freigeist klingt an mit dem Bezug zum Anarchismus und der Antagonismus zum Besessen sein wird auch noch deutlich.

Solche kleinen Schwenker machen die Abende im Otherland zu etwas besonderem.

Ich hatte ja schon erwähnt, dass ich mir The Word for World is Forest von Le Guin an diesem Abend kaufte und als Sahnehäubchen hörte ich es Raunen, dass in einigen Jahren der Bedarf an einer Neuübersetzung gestillt werden könnte.

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Nicht nur Karen und Nadine hatten ihren Spaß

Doch bis dahin gibt es noch genug zu lesen, Bücher auf und ab in ferne Welten, other lands und fremde Betten!

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