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Im Universum hört dich keiner husten

Was liegt in Zeiten wie diesen näher, als eine virtuelle Lesung zu besuchen? Viele Kunstschaffende treibt es derzeit in die virtuellen Welten auf der Suche, die zerstörerische Kraft des kulturellen Herunterfahrens irgendwie abzufedern.

Die Lesungen in Second Life sind nun keine neue Erfindung, aber vielleicht erleben sie gerade jetzt einen besonderen Boom.

Offizielles Lesungsplakat

André Nagerski stellte hier bereits vor zwei Jahren seinen Roman »Roboter weinen heimlich« vor und gestern gab er uns in einer Doppellesung Einblicke in die beiden Nachfolger.

Für »Selfies vom Mond« gestaltete Barlok Barbosa eine grandiose SF-Kulisse. Die ausrangierte Kommandozentrale eines ausgeschlachteten Raumschiffes barg den Lesungsort und stimmte, sehr zur Freude des Autors, perfekt zur Beschreibung im Roman.

Das großartige Bühnenbild von Barlok

André Nagerski ist stolzer Familienvater und zu Beginn wuselten noch einige Mitglieder seines Haushalts im Äther herum, später verdrängte die leidenschaftliche Stimme des Autors jegliche Störquelle.

Mit vollem Einsatz: der Avatar von André Nagerski

Die »Bop-Saga« ist humoristische Science-Fiction. Bop heißt der Planet, auf dem alles begann. Im Jahr 220221 nerven ausgestoßene Roboter die Einheimischen Lebewesen von Bop, denn seit ein Roboterprophet Bop als Ort der Erleuchtung benannte, zogen Roboter aus allen Teilen des Universums hierhin und machen seither den Bewohnern das Leben zur Hölle.

Wir waren mitten drin …

In »Selfies auf dem Mond« spielt der Mond auch tatsächlich eine gewisse Rolle, aber André verwies dafür auf die Eigenlektüre, in der Lesung wollte er mehr dazu nicht verraten.

Die sehr coolen Cover der drei im Selbstverlag erschienenen Bände schuf ein guter Freund aus München, Stefan Kolmsperger, erzählte André auf Nachfrage des Gastgebers Thorsten Küper.

Auf die Frage, wie lange er an der Saga geschrieben hätte, antwortete André, dass er vielleicht vor zehn, fünfzehn Jahren damit begonnen habe, durchbrochen von den vier Kindern. Irgendwann sagte er sich: Gib mal Gas! Band Drei ging dann schon in drei, vier Jahren über die Bühne.

Aber zum Inhalt von Band 2: Die Truppe an Helden hat Bop verlassen, da sie von einem Alien die Aufgabe bekamen, das Universum zu retten. Dafür müssen sie den Planeten »Anyway« suchen, da dort Wegweiser leben, die ihnen den Weg zeigen können. Ort der Lesungshandlung ist der Komet Kieselschweif, hart umkämpft, da es dort Mineralien und Artefakte gibt. Die Exflamme unseres Protagonisten Ted nimmt ihn mit auf die Station, wo wir als Publikum dem Kapitel 31 lauschten.

Wir blieben alle drinnen

André las mit vollem Einsatz und verstellten Stimmen, wodurch die vielen Sprachspiele und Zweideutigkeiten gut zur Geltung kamen. Und die Lesung quoll davon förmlich über.

Für den zweiten Teil der Lesung wechselten wir in die Sim von BukTom Bloch. Dort gab es Kostproben aus »Warp-Life-Balance« und in in den Kulissen versteckt, jede Menge Anspielungen auf die Bücher. Wer welche erkannte, konnte an einem Gewinnspiel teilnehmen und bekam 42 Lindendollar, am besten für charitative Spenden auszugeben.

Erstaunlich viele Menschen nutzten die Lesung als Alternative zu Corona, allein in Second Life sah ich über 30, dazu kamen noch etliche HörerInnen des Radios Rote Dora und des Discord Voice-Chats, die ja für die Lesung nicht unbedingt in SL einloggen mussten.

André im Rampenlicht

Ein phantastischer Science-Fiction Abend mit Humor und genau das brauchte ich an so einem verseuchten Abend im März. Bleibt gesund!

Wir schwebten im Universum

Kapitalistische Ubermacht

Mein bester Freund reist demnächst nach Argentinien, um dort ein paar Wochen zu wandern. Deshalb wollte er sich vorher noch einmal treffen und natürlich sollte der Abend nicht nur etwas in den Magen, sondern auch etwas ins Hirn bringen. Als offizieller Kulturbeauftragter unser Beziehung schlug ich den Besuch einer meiner Lieblingsveranstaltungsorte vor: Das Periplaneta-Literaturcafé in der Bornholmer Straße.

Das periplaneta Literaturcafé in der Bornholmer Straße

Dort amtiert ja seit 20 Monaten ein neuer Chef und wie das bei diesen jungen Hipstern so ist, brachte er Verlag und Belegschaft nicht nur auf Trab, sondern auch durcheinander, sodass es jetzt Freitags das TresenLesen gibt.

Man kommt nicht daran vorbei

Das ich das eh mal probieren wollte, zuckelten wir also nach dem leckeren Koreaner-Besuch am letzten Freitag dort hin.

Der Abend stand unter dem Zeichen der periplaneta-Edition SubKultur, drei der dort veröffentlichten Autoren stellten ihre Werke vor, darunter auch mit einer Buchpremiere.

TresenLesentresenwesen

Verleger Tom Manegold gab den Barkeeper, wie er selbst es nannte, der unterbezahlteste Job im Gesundheitswesen, und zugleich wies er auf die Unschärfe des Konzeptes TresenLesen hin, da ja der Tresen während der Lesung für die Zuhörenden gesperrt ist.

Tom Manegold ersetzt PsychologInnen

Zunächst wurde ein Jingle eingespielt und dann traten auf: Joost Renders, Christian Schmitz und Kristjan Knall. Letzterer hatte keine Robbe, sondern eine Fellmütze auf dem Kopf, wegen der die Heizung runtergedreht wurde.

Christian Schmitz, Kristjan Knall und Joost Renders

Den Anfang machte Christian Schmitz, der schreibende Taxifahrer. Mit schönem Berliner Dialekt trug er seine Geschichten aus dem Leben vor. Mit seinen Fahrgästen erlebt er viel und er führt eine Statistik über die Anzahl der wirklich schlimmen Leute, die in seine Taxe steigen . Entgegen den Vermutungen beträgt sie nur 0,3%. Wären es mehr, würde ihm sein Beruf auch gar keinen Spaß mehr machen. Es hat seine Erlebnisse und Gedanken auch zu Buch gebracht: »Der Fuchsflüsterer vom Zeltinger Platz«, na klar in der Edition SubKultur erschienen. Seine Alltagsgeschichten präsentierte Christian Schmitz mit linker Gesinnung, dem Herz auf der Zunge und Spitzen gegen ausbeuterische Fahrdienste.

Christian Schmitz

Danach wurde per Moralomat ein Thema für den Lesebühnenabend bestimmt. Heraus kam: »Freundschaft ist schließlich echt daneben.« Quasi Hass, wie festgestellt wurde. »So erschließt sich langsam das Konzept und alle glauben, dass wir es einfach so geplant haben.«, merkte Tom an.

Thematisch passend durfte dann Kristjan Knall ans Mikrophon, der schon diverse satirische Rant-Bücher veröffentlichte, darunter »Neukölln – Ein Elendsbezirk schießt zurück«, aus dem er auch vorlas. Tom präsentierte später dann auch das Cover zu Knalls nächstem Werk: »Heldenhass«, das zur Buchmesse erscheint.

Kritstjan Knall

Die Texte sind teils sehr böse, nicht unbedingt lustig und mit viel Spaß an der Provokation. Was zum Motto »Da kri’st ja ’nen Knall« passt.

Es ist »[…] Satire mit Fußnoten. Also wenn man denkt, so’n Scheiß kann man sich nicht ausdenken, dann wird einem in diesem Buch aufs Butterbrot geschmiert, dass das alles wahr ist.«, stellte Tom den Autor vor. »Es ist übrigens die Hölle, ihn zu setzen, weil es gibt da dreizeilige Fußnoten … es ist so ähnlich wie Pornogucken, wo man gucken muss, ob man die Seite verbieten darf.« Ein Verlegerleben ist echt nicht einfach.

Der Dritte im Bunde, Joost Renders, präsentierte in einer Buchpremiere Episoden aus Berlin in »Hop On Hop Off«. Das orangene Cover stellte eher unbewusst den Hollandbezug her und verwies auf den Migrationshintergrund des Autors. Das Cover gewann übrigens sehr durch das Ausweichen auf einen professionellen Grafiker, wie Tom durch eine kleine Bilderserie der früheren, von ihm selbst erstellten, Versionen demonstrierte.

Joost Renders

Joost Renders las aus verschieden Teilen des Romans und daraus ergab sich ein sehr skurriles Kaleidoskop unseres geliebten Hauptdorfes.

Nach der Pause verloste die Tresengemeinschaft zunächst seltsame Getränke und die Stimmung wurde immer lockerer. Jeder las noch weitere Texte vor, selbst Tom stürmte ans Mikrophon und rezitierte seinen Text »Berlin am Meer«, den ich schon irgendwann mal hier gehört hatte.

Badefreudenvorfreude im Gesicht: Tom

Das TresenLesen SubKultur-Special endete mit donnerndem Applaus und wir zogen in die milde Vorfrühlingsluft des Prenzlauer Berges.

Verdienter Applaus für Tom, Christian, Kristjan und Joost

Die Entmännlichung der Mythologie

Immer wieder gern verfolge ich das phantastische Programm der Edition Drachenfliege aus dem Hause Periplaneta. Um auch nix zu verpassen, lümmele ich immer mal wieder auf deren Homepage herum und so konnte ich deren neuesten Streich nicht verpassen. Zwar schon zur Wintersonnenwende erschienen, präsentierte Barbara Fischer am ersten Februar die überarbeitete Neuausgabe ihres Fantasy-Romans »Lilith«.

Das Periplaneta Literaturcafé im Februar

Im Vorfeld hatte ich mich jeglichen Spoilers verwehrt und so war ich dann doch überrascht, dass Lilith offenbar eine bekannte Figur der menschlichen Mythologie ist. Ich kannte bisher nur den Namen. Auch hatte ich noch etwas von einer ersten Frau des christlichen Adams gehört oder dass man ihr nachsagt, ihre Kinder zu essen. Insofern wurde der Abend für mich sehr lehrreich, denn Barbara Fischer las nicht nur aus ihrem Buch vor, sie gab nach der Pause auch einen aufschlussreichen Vortrag zur Veränderung der Lilith-Gestalt über die Jahrtausende, denn schon die Sumerer kannten sie.

Barbara Fischer während der Lesung

Dass dabei aus einer Schöpfungsgöttin eine Dämonin wurde, stellte Barbara Fischer als Produkt männlicher Deutungshoheit dar. Die Vorstellung, dass die Schöpfung weiblich ist, hat ja schon immer an der Rolle des Mannes genagt.

Odin hat es faustdick hinter den Ohren und das hörte man.

Um die Welt wieder gerade zu rücken, schuf Barbara Fischer nun eine Fantasy-Saga, die sich mythologischen Frauenfiguren widmet und ihre Geschichten neu erzählt. Neben Lilith wird das mit Frigg und Freya fortgesetzt. Wie Verleger Tom Manegold nach der Pause stolz verkündete, ist Band zwei bereits fertig und dürfte im März erscheinen, während Band 3 schon einen Titelbildentwurf von Holger Much besitzt (dessen Bilder ich großartig finde!) und nach Aussage der Autorin zu einem Drittel geschrieben ist.

Tom stammt aus einem Bild von Holger Much

Da bereits die sumerische Lilith auf einem Weltenbaum lebte, machte Barbara Fischer sie zur Mutter Odins und lässt die Handlung auf der Weltesche Yggdrasil spielen. Liliths Zwillingsbruder Ariman ist aus der Verbannung zurückgekehrt und will sich rächen. Das führt zu Auswirkungen auf allen Welten der Weltesche und etliche kuriose Gestalten tauchten in den kurzen Textschnipseln auf, die uns ausdrucksstark präsentiert wurden. Allerdings hatte ich beim Zuhören den Eindruck, eher ein Kinderbuch vor mir zu haben. Mal sehen, ob die eigene Lektüre das bestätigt.

Die Autorin hatte einen Bild von Yggdrasil zur Illustration der Handlungsschauplätze dabei

Das Buch ist furchtbar dick, eine Waffe, wie Tom bildhaft beschrieb und verwies gleich darauf, dass sie nicht nur so verrückt seien, zur Wintersonnenwende Bücher herauszubringen, sondern auch sofort die neue Rechtslage des verminderten Steuersatzes für eBooks nutzten und einen entsprechenden QR-Code im Klappumschlag unterbrachten. Allerdings lässt sich das Passwort nur nach Lektüre des ersten Kapitels ermitteln. Ein spannendes Konzept. Wie überhaupt das ganze Programm der Edition Drachenfliege nur so von herausgeberischem Mute strotzt. Ich finde das immer wieder überraschend und inspirierend.

Natürlich bat ich um eine Signatur

Mal sehen, wann es die »Weltenbaumsaga« in meine Lektüreliste verschlägt.

Ein geistvoller Abend neigte sich mit Applaus zu Ende …

Gobelin-Gemetzel im Waschhaus

Die erste Lesung des Jahres fand in einer gemütlichen Neuköllner Kneipe statt.

Das Posh Teckel

Stephan Urbach vom Ach je Verlag lud ins Posh Teckel, um zwei seiner Autoren die Gelegenheit zu geben, ihre neuesten Veröffentlichungen vorzustellen.

Verleger Stephan Urbach

Als großer Fan von Jasper Nicolaisen freute ich besonders auf sein neuestes Werk »Totes Zen«, das allerdings noch nicht in gedruckter Form vorlag.

Besser hatte es Daniel Decker, dessen Horror-Büchlein »Dør« man nach der Lesung käuflich erwerben konnte, nebst der Erzählung »Pitsch!« von Jasper.

Die Beginnzeit wurde unverkrampft großzügig interpretiert um den Nachtschwärmern eine Chance zur Teilnahme zu bieten. Dann jedoch wurde der kleine Lesungssaal gut ausgefüllt.

Daniel Decker

»Dør« enthält Unterlagen, die Daniel von seiner Freundin Susann Jakobus-Drechsler erhielt und die Geschichte einer seltsamen Band, ihrer Musik und den nachfolgenden Ermittlungen erzählt. Daniel las aus den ersten Kapiteln vor, sorgfältig bemüht, die sprachlichen Fallstricke seines Romans zu umgehen. Wer verwendet das Wort Wachhaus und wer verlegt sowas? Waschhaus geht doch viel flotter von der Zunge!

Wusch seinen Prota im Waschhaus: Daniel

Das machte auf jeden Fall Laune, den Roman zu lesen, zumal mich der Verleger großzügig mit einem Freiexemplar beschenkte.

Nach der Pause brüllte Jasper die Nachtschwärmer zurück zur Lesung und begann aus »Totes Zen« vom Handy zu lesen, nicht ohne vorab ein Echt-Zitat zu bringen. Echt Echt? Ja.

Lud zum Scherzen ein: Jasper Nicolaisen

Eine gewollt verkrampfte Lesehaltung spiegelte das Lebensgefühl des Protagonisten wieder. »Totes Zen« entstand vor vielen Jahren, als Jasper meinte, in der Elternzeit viel Zeit zum Schreiben zu haben. Das war nicht so und deshalb schlichen sich von Anfang an andere Themen in das angedachte Fantasy-Setting, etwa die Beziehung zwischen Vater und Kind. Es geht um Krass, Barbar und Ich-Erzähler, der glücklich die Akademie von Hawat absolviert hat, einen Abschluss in Barbarei und Berserkertum sein eigen nennt und sich auf die Suche nach seinem Vater macht, von dessen Existenz er erst vor kurzem erfuhr. Nun ist der aber ein finsterer Gott …

Krasse Haltung

Ich fühlte mich zurückversetzt in alte Schlotzen & Kloben Zeiten, da sich Simon Weinert, Jakob Schmidt und Jasper damit auszustechen versuchten, die abgefahrensten Fantasy-Geschichten zu kreieren. »Totes Zen« muss ich unbedingt lesen. Und mir ist es auch völlig Wurscht, ob Goblins es hassen, mit Gobelins verwechselt zu werden.

Hat bestimmt eine Fee im Bauch: Jasper

Im Anschluss kredenzte uns Jasper noch in Gänze »Pitsch!«, eine, nun ja, nicht ganz horrorfreie Aufklärung über Feen. So in etwa hatte ich mir das mit denen auch gedacht. Wer noch nie Jasper hat vortragen hören, hat noch nicht wirklich etwas erlebt. Der Mann ist grandios, pointiert, hat Sinn für Timing und schreibt sich die Texte auf den Leib. Lesebühnerfahrung der Meisterklasse.

Das Lesungsjahr hätte gar nicht besser starten können!

Roberta und die tödliche Einsamkeit

Wenn sich das Feuilleton mit Science-Fiction beschäftigt, gelten zunächst zwei Regeln: Erstens darf das Wort Science-Fiction nicht aufkommen und zweitens muss das Werk in einem Major-Verlag erschienen sein. So lesen sich die Buchvorstellungen auch meist äußerst kastriert, da nur auf einen Bruchteil des Genres zurückgegriffen wird. Das Problem ist, dass ich mich dann beim Lesen immer so sehr über die selektive Wahrnehmung aufrege, dass das besprochene Buch unter keinem guten Stern bei mir scheint. Aber als ich jüngst Rezension von Cornelia Geißler zu »Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten« in der Berliner Zeitung las, dachte ich mir: SF von einer Autorin – bitte Aufmerksamkeit! Perfekt an dem Artikel war zumindest der Lesungshinweis und so eilte ich gestern nach zwei Filmen des Fantasy Film Festes zum Moritzplatz um die Autorin Emma Braslavsky kennenzulernen.

Emma Braslavsky

Die gebürtige Erfurterin ist mein Jahrgang und kam mir in meiner Filterblase bisher noch nicht unter. Ja ja, auch ich leide unter selektiver Wahrnehmung.

Die Lesung fand in der Buchhandlung am Moritzplatz statt, ein kleiner, modern eingerichteter Laden im Haus des Aufbau-Verlages.

Die Ankündigung im Schaufenster

Im Gespräch mit ihrer Lektorin Doris Plöschberger erzählte Emma Braslavsky ausführlich über ihre Recherche zum Roman, der sie tief in den aktuellen Stand der Hubot-Fertigung und KI-Forschung führte. Dabei muss sie sich ein recht breites Wissen angelegt haben, denn sie redete mit großer Begeisterung und wie ein Wasserfall. Es war eine Freude, ihr zuzuhören.

Emma Braslavsky und Doris Plöschberger

In den drei Textpassagen, die sie vorlas, entwickelte sich eine recht spannende Zukunftsvision eines Zusammenlebens mit Androiden und den negativen Auswirkungen auf das menschliche Sozialverhalten. Denn ihr Berlin leidet unter einer exorbitant angestiegenen Selbstmordrate und eine speziell für dieses Problem gebaute Androidin, Roberta, soll die Ermittlungsbehörde dabei unterstützen, die Gründe dieses Anstiegs aufzuklären. Zunächst probehalber mit einem ›einfachen‹ Fall.

Die Autorin während der Lesung

Das Buch stieg direkt auf die höchste SUB-Position bei mir ein. Aber lieber Suhrkamp-Verlag: Bei dem Preis sollte doch wohl ein Lesebändchen drin sein! Was ist los mit euch Anbietern von gebundenen Büchern? Klauen Elfen bei euch die Lesebändchen? Werft sie raus!

Natürlich habe ich nun ein signiertes Exemplar

Das Glitzern des glitschigen Glitches

Als Softwareentwickler, Computerspieler und Science-Fiction-Leser meine ich, mich etwas in jenen modernen Gefilden auszukennen, jedoch liegen meine Grenzen noch fiel dichter als ich befürchtete.

Was ist passiert? Gestern besuchte ich ein hochspannendes Lese-Event im Literarischen Colloquium Berlin: »Zwischen Optimierung und Untergang. Ein dystopischer Abend auf vier Bühnen.« Ich wollte da unbedingt hin, weil gleich vier SF-Schaffende Bücher vorstellten, darunter Anja Kümmel, die ich schon seit Jahren einmal live erleben wollte. Daneben präsentierten Julia von Lucadou, Juan S. Guse und Philipp Schönthaler ihre in diesem oder letztem Jahr erschienenen SF-Werke.

Hausgast im LCB: Julia von lucadou

Julia von Lucadou ist sogar gerade Hausgast im LCB, wodurch sie es am einfachsten hatte, das Haus am Wannsee zu erreichen, denn ganz so easy war es nicht. So fuhr die S-Bahn den Bahnhof Wannsee nicht an und auf der Regionalbahnstrecke schwelten Schwellen. Vermutlich kamen deshalb auch nicht ganz so viele wie man den Aufbauten nach erwartet hatte, aber dennoch genügend junges und vergnügt lauschendes Volk.

Anja Kümmel, Juan S. Guse, Philipp Schönthaler und Julia von lucadou

Zunächst gab es ein kurzes Gespräch, das in den Händen von Anja Kümmel lag, die ein paar Fragen vorbereitet hatte, in denen es um Dystopie im weiteren Sinne ging.

Juan S. Guse wandte ein, mit dem Begriff nicht so recht etwas anfangen zu können und ich hatte die Vermutung, dass ihm der Begriff etwas zu eng an Science-Fiction grenzt.

Juan S. Guse

Während Anja Kümmel offensichtlich die Werke der anderen drei kannte, spürte ich doch eine gewisse Unkenntnis der deutschsprachigen SF. Ich stelle mir das so vor, dass sie sich mit ihren Werken auf einer kleinen Insel der Phantastik im Ozean der Belletristik wähnen ohne zu wissen, dass sie da auf der Spitze eines Eisberges angelangt sind. Nun ja, als SF-Fan freut man sich über jeden Neuzugang, wobei Anja Kümmel natürlich seit »Träume digitaler Schläfer« aus dem Jahr 2012 fest zum Kanon der SF hierzulande zählt.

Anja Kümmel

Bald fiel dann auch dieses ominöse Wort glitch, das mir so gar nix sagte und ich entnahm der Diskussion, dass es sich um einen Fehler oder eine Abweichung von der Regel handeln muss. Hatte ich noch nie gehört. Wahrscheinlich reichen in meinem Umfeld Bug und Exploit völlig aus. Und noch einen Begriff kannte ich nicht: Off-the-grid als Genre-Eingrenzung. Ich lese wohl einfach die falschen Magazine und Publikationen, dass mir diese Slang-Begriffe noch nicht unterkamen. Das macht den Besuch im LCB für mich auch immer so spannend, man schnuppert in eine Literaturszene hinein, die, obwohl ich ihre Werke lese, mit meinem Leben kaum Berührungspunkte haben. Vermutlich ist das ein glitch und wir sind of-the-grid von einander.

Nach der Gesprächsrunde wurde das Publikum gebeten, sich auf zwei Räume zu verteilen, einer Lesung zu lauschen und nach fünfzehn Minuten, deren Ablauf durch einen mörderischen Gong verkündet wurde, den Ort zu tauschen. Zunächst lasen so Philipp Schönthaler und Julia von Lucadou, dann im Obergeschoss Anja Kümmel und Juan S. Guse.

Philipp Schönthaler

Ich blieb gleich im Hauptsaal sitzen und lauschte Philipp Schönthaler, der aus seinem Roman »Weg aller Wellen« vorlas, der gerade erst letzten Monat erschienen ist. Es ging in den Anfangsszenen um einen Mann, der am Venenscanner seiner Firma scheitert und somit nicht zur Arbeit gelangt. Das klang nach einer Geschichte über jemanden, der aus dem System fällt. Vielleicht ganz spannend.

Julia von Lucadou las aus dem Anfang ihres Romans »Die Hochhausspringerin«. Die titelgebende Figur will dem Leben als virale Persönlichkeit aussteigen, eine Psychologin soll sie umstimmen. Der Roman wurde eigentlich überall eher gelobt und so nutzte ich die Gelegenheit, mir Buch und Autogramm zu holen.

Julia las sehr poetisch

Dann folgten wir ins Obergeschoss zur Lesung von Anja Kümmel. »V oder die Vierte Wand« stammt schon aus dem Jahr 2016, dennoch hatte ich sofort die Figuren und Beziehungsgeflechte wieder vor Augen. Ich freue mich schon auf die nächsten Werke von ihr.

Anja Kümmel

Zu guter Letzt ging es ins Atrium, dem Dachboden der Villa. Eine sehr coole Lesekulisse mit einem deutlichen Hall. »Juan S. Guses« Roman »Miami Punk« fiel mir schon auf der Leipziger Buchmesse im März auf. Ich hatte reingelesen, wurde aber nicht warm damit. Nach der Lesung hat sich mein Eindruck nicht geändert, obwohl Juan sehr schön vorlas und auch ein paar Krümel Humor durchschimmerten. Aber insgesamt macht der Roman auf mich so den Eindruck einer Ansammlung tiefschürfender Gedanken und Ideen, mehr Projektionsfläche als eine Erzählung. Das hatte ich gerade mit Mardi zur Genüge.

ein stimmungsvoller Ort

Die rigide Lesungsanordnung beende das Event recht früh, aber man konnte noch an der Bar und in den Ausstellungsräumen mit den Autorinnen und Autoren ins Gespräch kommen und auch Autogramme erbitten, was ich natürlich ausnutzte.

»Die Hochhausspringerin« für mich!

Mal eine ganz andere Form der Lesung im LCB, die mir sehr gut gefiel. Könnte von mir aus öfter so ablaufen.

Bedarf! Bedarf!

Samstagabend kochte die Stadt. Während sich in der Alten Försterei die Union-Fans auf ihren ersten Bundesliga-Sieg einsangen, machte ich mich bei 30° im Schatten auf, um der Science-Fiction zu frönen. Denn Amandara lud erneut zu einer Lesung in die Kulturbremse. Auf dem Programm standen Sabrina Železný, An Brenach und Theresa Hannig. Über Sabrina hatte ich auch erst von der Lesung erfahren, da sie den Termin stolz verzwitscherte.

Die Kulturbremse ist eine Zirkusschule, die von Clown, Zauberer und Tausendsassa Noopy nun schon seit fast zehn Jahren betrieben wird. Furchtbar stolz erzählte er auch gleich vom vergangenen Abend, als die Meystersinger mit Luci van Org und Roman Shamov den Raum rockte und die Hitze noch viel heftiger durch Moabits Straßen kroch.

Amandara und Noopy bei der Begrüßung

Ich kannte die Örtlichkeiten bereits von der Märchen-Lesung im Januar und hatte mich entsprechend vorbereitet. Neben den drei Autorinnen sowie Amandara und Noopy entdeckte ich unter den Gästen auch Claudia Rapp, die sensationell in einem Avengers-Kleid erschienen war und mit gewohnt ansteckender Fröhlichkeit auftrat.

Den Lesungsteil begann Lamahüterin Sabrina Železný, die uns Auszüge ihres Romans »Feuerschwingen« zu Gehör brachte.

Sabrina Železný

Darin geht es um raumfahrende Inkas und Spanier (Iberer) in einer alternativen Zeitlinie. Auf der Suche nach dem legendären El Dorado stürzen zwei Mitglieder der verfeindeten Völker, Manko und Gonzalo, auf die verlassene Erde ab. Das ungleiche Pärchen trifft dort direkt auf Monster …

Sabrina ist großer Fan Südamerikas und spricht die spanischen und Quechua-Wörter mit wunderbarem Sound aus. Ich spüre schon, dass ich an dem Roman auf lange Sicht nicht vorbei komme. Aus ihren Twitterfeets kannte ich bereits ihre Erfahrungen mit widerspenstigen Figuren, die »ein hohes Maß an Eigendynamik hatten und auch nicht davor zurückschreckten in der Mitte alle meine Plotplanungen über den Haufen zu werfen und mir dann zu beweisen, dass sie recht hatten. Sie haben immer Recht.«

»Feuerschwingen« verspricht nicht nur aus diesem Grund, ganz lustig zu sein. Nicht umsonst ist ihr Twitter-Name eben: Lamahüterin.

Die Lamahüterin im Einsatz

Ihr Debüt »Kondorkinder« wird im nächsten Jahr neu erscheinen, als Gesamtausgabe im Art Skript Phantastik Verlag, in der die beiden 2013 als getrennte Bände erschienen Handlungsstränge als abwechselnde Ebenen zusammengeführt werden.

Theresa stellte ihr in der Fragerunde die »böse Frage« nach dem Geschlecht der Protagonisten, und Sabrina bekannte mit entwaffnender Offenheit, dass sie es 2013, als der Roman entstand, noch nicht hinterfragt hatte. »Sie sind mir so zugelaufen. Es gibt auch ein paar coole Frauenfiguren in dem Buch. Heute würde ich auch schon gucken, dass mehr dabei sind.«

Eine sichtlich aufgeregte An Brenach aus Friedenau setzte sich als Zweite auf den Lesethron.

An Brenach

Die Autorin war mir bis dato völlig unbekannt, aber sie überzeugte mit ihrer großartigen Geschichte »Die Wanderläden« über eine etwas schräge KI. Als Begleiter eines sehr speziellen Händlers – Mr. K. – hat die KI alle Subroutinen voll zu tun, die Bedarfsdetektoren der Kraal-Familie auszuwerten und den Raumschiffladen via Hyperraum an den Ort zu bringen, wo die bedürftige Kundschaft wartet. Doch es gibt diese Tage, da geht einfach alles schief und so eine KI ist auch nur ein Mensch.

Während ihrer Lesung offenbarte An ein herrliches Talent, die verschiedenen Stimmungen und Seltsamkeiten ihrer Hauptfigur darzustellen. Die Story hatte sie extra für den Abend geschrieben und noch keinen Plan, wo und ob sie veröffentlicht werden wird.

eine großartige Erzählerin: An

Es wäre sehr schade, wenn die Geschichte in einer Schublade verschwinden würde und überhaupt will ich ganz dringend mehr von An lesen.

Nach der Pause zeigte uns Noopy einen ziemlich coolen Zaubertrick mit einem wandernden Loch für eine Schlüsselkette. Keine Ahnung, wie der Trick funktioniert: Noopy hatte uns, sein Publikum, fest in Bann und Griff.

Noopy verschiebt Löcher

So gefesselt waren wir reif für Theresa Hannig. Seit ihrem Seraph-Gewinn 2018 für »Die Optimierer« als bestes Debüt rührt sie nicht nur das Phantastik-Fandom ordentlich durch.

Theresa im Gespräch mit Andreas Brandhorst, dem anderen Seraph-Gewinner auf der LBM 2018

Nach ihrer Auseinandersetzung mit der deutschsprachigen Wikipedia kennen sie vermutlich auch darüber hinaus sehr viele Menschen. Und Theresa hat kein Problem, ein Publikum zu binden. Sie erzählte, dass ihre Lesung eigentlich über eine Stunde ginge und sie auch in Schulen auftreten würde, da es die »Die Optimierer« in Bayern als Dystopie-Beispiel auf den Stundenplan geschafft hat. In Dresden sogar ins Theater. Die Lese-Erfahrung merkte man ihr an. Mit großer Präzision, Gespür für Timing, herrlichem Sarkasmus und gesungenen Liedtexten, präsentierte sie eine Szene aus dem Optimierer-Nachfolgeband »Die Unvollkommenen«.

Theresa Hannig

Lila Richter wurde wegen Hochverrats zu lebenslanger Haft verurteilt und nach fünf Jahren Verwahrung zur Bewährung in das Internat Kühlungsborn gebracht. Denn die Bundesrepublik Europa hat in ihrer Optimalwohlökonomie auch den Strafvollzug optimiert …

Was für ein bitterböser Stoff. Zwar habe ich den ersten Band bisher nicht gelesen, aber den zweiten kaufte ich der Autorin ab. Nun brauch ich nur noch Mut zum Lesen. Dystopien sind ja nicht gerade meine Lieblingsspeise. Aber immerhin wird der nächste Roman der Vollzeitautorin eine Utopie, versprach sie ganz fest.

Im Anschluss erzählte sie auf Amandaras Wunsch hin noch etwas über die Wikipedia-Problematik und schloss mit dem Anliegen, den konservativen Kräften innerhalb der Wikipedia mit Freundlichkeit zu begegnen.

Theresa erzählte von der Wikipedia-Konferenz am Vortag

» […]Good hearted people, die mit Enthusiasmus und positivem Denken versuchen, das alles irgendwie wieder zu dem Zustand zurück zu bringen, den es 2001 mal hatte. Also bitte schaut’s euch einfach mal an, editiert ein paar Artikel – macht einfach mal! Das würde dem Ganzen sehr, sehr viel bringen.«

Dafür erntete sie großen Applaus. Sie hat natürlich Recht damit, dass man den verkrusteten Strukturen innerhalb eines solchen Projektes am bestem mit beharrlichem guten Vorbild beikommen kann. Meinen Wiki-Account erstellte ich 2005 und sehr viel habe ich bisher da nicht mitgemacht. Schon damals schreckte mich das krasse Regelwerk ab. Aber ich sollte wirklich mehr positive Vibes einbringen. Wenn ich denn mal enzyklopädisches Wissen beizutragen habe.

Mit diesem kämpferischen Appell Theresas endete ein sehr feiner SF-Abend. Nun muss ich mir nur noch die nächsten Termine in der Kulturbremse merken, denn Amandara schwärmte von einem vollem Programm!

Sabrina, Noopy, Theresa, An und auf dem Thron: Amandara

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