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Die Entmännlichung der Mythologie

Immer wieder gern verfolge ich das phantastische Programm der Edition Drachenfliege aus dem Hause Periplaneta. Um auch nix zu verpassen, lümmele ich immer mal wieder auf deren Homepage herum und so konnte ich deren neuesten Streich nicht verpassen. Zwar schon zur Wintersonnenwende erschienen, präsentierte Barbara Fischer am ersten Februar die überarbeitete Neuausgabe ihres Fantasy-Romans »Lilith«.

Das Periplaneta Literaturcafé im Februar

Im Vorfeld hatte ich mich jeglichen Spoilers verwehrt und so war ich dann doch überrascht, dass Lilith offenbar eine bekannte Figur der menschlichen Mythologie ist. Ich kannte bisher nur den Namen. Auch hatte ich noch etwas von einer ersten Frau des christlichen Adams gehört oder dass man ihr nachsagt, ihre Kinder zu essen. Insofern wurde der Abend für mich sehr lehrreich, denn Barbara Fischer las nicht nur aus ihrem Buch vor, sie gab nach der Pause auch einen aufschlussreichen Vortrag zur Veränderung der Lilith-Gestalt über die Jahrtausende, denn schon die Sumerer kannten sie.

Barbara Fischer während der Lesung

Dass dabei aus einer Schöpfungsgöttin eine Dämonin wurde, stellte Barbara Fischer als Produkt männlicher Deutungshoheit dar. Die Vorstellung, dass die Schöpfung weiblich ist, hat ja schon immer an der Rolle des Mannes genagt.

Odin hat es faustdick hinter den Ohren und das hörte man.

Um die Welt wieder gerade zu rücken, schuf Barbara Fischer nun eine Fantasy-Saga, die sich mythologischen Frauenfiguren widmet und ihre Geschichten neu erzählt. Neben Lilith wird das mit Frigg und Freya fortgesetzt. Wie Verleger Tom Manegold nach der Pause stolz verkündete, ist Band zwei bereits fertig und dürfte im März erscheinen, während Band 3 schon einen Titelbildentwurf von Holger Much besitzt (dessen Bilder ich großartig finde!) und nach Aussage der Autorin zu einem Drittel geschrieben ist.

Tom stammt aus einem Bild von Holger Much

Da bereits die sumerische Lilith auf einem Weltenbaum lebte, machte Barbara Fischer sie zur Mutter Odins und lässt die Handlung auf der Weltesche Yggdrasil spielen. Liliths Zwillingsbruder Ariman ist aus der Verbannung zurückgekehrt und will sich rächen. Das führt zu Auswirkungen auf allen Welten der Weltesche und etliche kuriose Gestalten tauchten in den kurzen Textschnipseln auf, die uns ausdrucksstark präsentiert wurden. Allerdings hatte ich beim Zuhören den Eindruck, eher ein Kinderbuch vor mir zu haben. Mal sehen, ob die eigene Lektüre das bestätigt.

Die Autorin hatte einen Bild von Yggdrasil zur Illustration der Handlungsschauplätze dabei

Das Buch ist furchtbar dick, eine Waffe, wie Tom bildhaft beschrieb und verwies gleich darauf, dass sie nicht nur so verrückt seien, zur Wintersonnenwende Bücher herauszubringen, sondern auch sofort die neue Rechtslage des verminderten Steuersatzes für eBooks nutzten und einen entsprechenden QR-Code im Klappumschlag unterbrachten. Allerdings lässt sich das Passwort nur nach Lektüre des ersten Kapitels ermitteln. Ein spannendes Konzept. Wie überhaupt das ganze Programm der Edition Drachenfliege nur so von herausgeberischem Mute strotzt. Ich finde das immer wieder überraschend und inspirierend.

Natürlich bat ich um eine Signatur

Mal sehen, wann es die »Weltenbaumsaga« in meine Lektüreliste verschlägt.

Ein geistvoller Abend neigte sich mit Applaus zu Ende …

Gobelin-Gemetzel im Waschhaus

Die erste Lesung des Jahres fand in einer gemütlichen Neuköllner Kneipe statt.

Das Posh Teckel

Stephan Urbach vom Ach je Verlag lud ins Posh Teckel, um zwei seiner Autoren die Gelegenheit zu geben, ihre neuesten Veröffentlichungen vorzustellen.

Verleger Stephan Urbach

Als großer Fan von Jasper Nicolaisen freute ich besonders auf sein neuestes Werk »Totes Zen«, das allerdings noch nicht in gedruckter Form vorlag.

Besser hatte es Daniel Decker, dessen Horror-Büchlein »Dør« man nach der Lesung käuflich erwerben konnte, nebst der Erzählung »Pitsch!« von Jasper.

Die Beginnzeit wurde unverkrampft großzügig interpretiert um den Nachtschwärmern eine Chance zur Teilnahme zu bieten. Dann jedoch wurde der kleine Lesungssaal gut ausgefüllt.

Daniel Decker

»Dør« enthält Unterlagen, die Daniel von seiner Freundin Susann Jakobus-Drechsler erhielt und die Geschichte einer seltsamen Band, ihrer Musik und den nachfolgenden Ermittlungen erzählt. Daniel las aus den ersten Kapiteln vor, sorgfältig bemüht, die sprachlichen Fallstricke seines Romans zu umgehen. Wer verwendet das Wort Wachhaus und wer verlegt sowas? Waschhaus geht doch viel flotter von der Zunge!

Wusch seinen Prota im Waschhaus: Daniel

Das machte auf jeden Fall Laune, den Roman zu lesen, zumal mich der Verleger großzügig mit einem Freiexemplar beschenkte.

Nach der Pause brüllte Jasper die Nachtschwärmer zurück zur Lesung und begann aus »Totes Zen« vom Handy zu lesen, nicht ohne vorab ein Echt-Zitat zu bringen. Echt Echt? Ja.

Lud zum Scherzen ein: Jasper Nicolaisen

Eine gewollt verkrampfte Lesehaltung spiegelte das Lebensgefühl des Protagonisten wieder. »Totes Zen« entstand vor vielen Jahren, als Jasper meinte, in der Elternzeit viel Zeit zum Schreiben zu haben. Das war nicht so und deshalb schlichen sich von Anfang an andere Themen in das angedachte Fantasy-Setting, etwa die Beziehung zwischen Vater und Kind. Es geht um Krass, Barbar und Ich-Erzähler, der glücklich die Akademie von Hawat absolviert hat, einen Abschluss in Barbarei und Berserkertum sein eigen nennt und sich auf die Suche nach seinem Vater macht, von dessen Existenz er erst vor kurzem erfuhr. Nun ist der aber ein finsterer Gott …

Krasse Haltung

Ich fühlte mich zurückversetzt in alte Schlotzen & Kloben Zeiten, da sich Simon Weinert, Jakob Schmidt und Jasper damit auszustechen versuchten, die abgefahrensten Fantasy-Geschichten zu kreieren. »Totes Zen« muss ich unbedingt lesen. Und mir ist es auch völlig Wurscht, ob Goblins es hassen, mit Gobelins verwechselt zu werden.

Hat bestimmt eine Fee im Bauch: Jasper

Im Anschluss kredenzte uns Jasper noch in Gänze »Pitsch!«, eine, nun ja, nicht ganz horrorfreie Aufklärung über Feen. So in etwa hatte ich mir das mit denen auch gedacht. Wer noch nie Jasper hat vortragen hören, hat noch nicht wirklich etwas erlebt. Der Mann ist grandios, pointiert, hat Sinn für Timing und schreibt sich die Texte auf den Leib. Lesebühnerfahrung der Meisterklasse.

Das Lesungsjahr hätte gar nicht besser starten können!

Roberta und die tödliche Einsamkeit

Wenn sich das Feuilleton mit Science-Fiction beschäftigt, gelten zunächst zwei Regeln: Erstens darf das Wort Science-Fiction nicht aufkommen und zweitens muss das Werk in einem Major-Verlag erschienen sein. So lesen sich die Buchvorstellungen auch meist äußerst kastriert, da nur auf einen Bruchteil des Genres zurückgegriffen wird. Das Problem ist, dass ich mich dann beim Lesen immer so sehr über die selektive Wahrnehmung aufrege, dass das besprochene Buch unter keinem guten Stern bei mir scheint. Aber als ich jüngst Rezension von Cornelia Geißler zu »Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten« in der Berliner Zeitung las, dachte ich mir: SF von einer Autorin – bitte Aufmerksamkeit! Perfekt an dem Artikel war zumindest der Lesungshinweis und so eilte ich gestern nach zwei Filmen des Fantasy Film Festes zum Moritzplatz um die Autorin Emma Braslavsky kennenzulernen.

Emma Braslavsky

Die gebürtige Erfurterin ist mein Jahrgang und kam mir in meiner Filterblase bisher noch nicht unter. Ja ja, auch ich leide unter selektiver Wahrnehmung.

Die Lesung fand in der Buchhandlung am Moritzplatz statt, ein kleiner, modern eingerichteter Laden im Haus des Aufbau-Verlages.

Die Ankündigung im Schaufenster

Im Gespräch mit ihrer Lektorin Doris Plöschberger erzählte Emma Braslavsky ausführlich über ihre Recherche zum Roman, der sie tief in den aktuellen Stand der Hubot-Fertigung und KI-Forschung führte. Dabei muss sie sich ein recht breites Wissen angelegt haben, denn sie redete mit großer Begeisterung und wie ein Wasserfall. Es war eine Freude, ihr zuzuhören.

Emma Braslavsky und Doris Plöschberger

In den drei Textpassagen, die sie vorlas, entwickelte sich eine recht spannende Zukunftsvision eines Zusammenlebens mit Androiden und den negativen Auswirkungen auf das menschliche Sozialverhalten. Denn ihr Berlin leidet unter einer exorbitant angestiegenen Selbstmordrate und eine speziell für dieses Problem gebaute Androidin, Roberta, soll die Ermittlungsbehörde dabei unterstützen, die Gründe dieses Anstiegs aufzuklären. Zunächst probehalber mit einem ›einfachen‹ Fall.

Die Autorin während der Lesung

Das Buch stieg direkt auf die höchste SUB-Position bei mir ein. Aber lieber Suhrkamp-Verlag: Bei dem Preis sollte doch wohl ein Lesebändchen drin sein! Was ist los mit euch Anbietern von gebundenen Büchern? Klauen Elfen bei euch die Lesebändchen? Werft sie raus!

Natürlich habe ich nun ein signiertes Exemplar

Das Glitzern des glitschigen Glitches

Als Softwareentwickler, Computerspieler und Science-Fiction-Leser meine ich, mich etwas in jenen modernen Gefilden auszukennen, jedoch liegen meine Grenzen noch fiel dichter als ich befürchtete.

Was ist passiert? Gestern besuchte ich ein hochspannendes Lese-Event im Literarischen Colloquium Berlin: »Zwischen Optimierung und Untergang. Ein dystopischer Abend auf vier Bühnen.« Ich wollte da unbedingt hin, weil gleich vier SF-Schaffende Bücher vorstellten, darunter Anja Kümmel, die ich schon seit Jahren einmal live erleben wollte. Daneben präsentierten Julia von Lucadou, Juan S. Guse und Philipp Schönthaler ihre in diesem oder letztem Jahr erschienenen SF-Werke.

Hausgast im LCB: Julia von lucadou

Julia von Lucadou ist sogar gerade Hausgast im LCB, wodurch sie es am einfachsten hatte, das Haus am Wannsee zu erreichen, denn ganz so easy war es nicht. So fuhr die S-Bahn den Bahnhof Wannsee nicht an und auf der Regionalbahnstrecke schwelten Schwellen. Vermutlich kamen deshalb auch nicht ganz so viele wie man den Aufbauten nach erwartet hatte, aber dennoch genügend junges und vergnügt lauschendes Volk.

Anja Kümmel, Juan S. Guse, Philipp Schönthaler und Julia von lucadou

Zunächst gab es ein kurzes Gespräch, das in den Händen von Anja Kümmel lag, die ein paar Fragen vorbereitet hatte, in denen es um Dystopie im weiteren Sinne ging.

Juan S. Guse wandte ein, mit dem Begriff nicht so recht etwas anfangen zu können und ich hatte die Vermutung, dass ihm der Begriff etwas zu eng an Science-Fiction grenzt.

Juan S. Guse

Während Anja Kümmel offensichtlich die Werke der anderen drei kannte, spürte ich doch eine gewisse Unkenntnis der deutschsprachigen SF. Ich stelle mir das so vor, dass sie sich mit ihren Werken auf einer kleinen Insel der Phantastik im Ozean der Belletristik wähnen ohne zu wissen, dass sie da auf der Spitze eines Eisberges angelangt sind. Nun ja, als SF-Fan freut man sich über jeden Neuzugang, wobei Anja Kümmel natürlich seit »Träume digitaler Schläfer« aus dem Jahr 2012 fest zum Kanon der SF hierzulande zählt.

Anja Kümmel

Bald fiel dann auch dieses ominöse Wort glitch, das mir so gar nix sagte und ich entnahm der Diskussion, dass es sich um einen Fehler oder eine Abweichung von der Regel handeln muss. Hatte ich noch nie gehört. Wahrscheinlich reichen in meinem Umfeld Bug und Exploit völlig aus. Und noch einen Begriff kannte ich nicht: Off-the-grid als Genre-Eingrenzung. Ich lese wohl einfach die falschen Magazine und Publikationen, dass mir diese Slang-Begriffe noch nicht unterkamen. Das macht den Besuch im LCB für mich auch immer so spannend, man schnuppert in eine Literaturszene hinein, die, obwohl ich ihre Werke lese, mit meinem Leben kaum Berührungspunkte haben. Vermutlich ist das ein glitch und wir sind of-the-grid von einander.

Nach der Gesprächsrunde wurde das Publikum gebeten, sich auf zwei Räume zu verteilen, einer Lesung zu lauschen und nach fünfzehn Minuten, deren Ablauf durch einen mörderischen Gong verkündet wurde, den Ort zu tauschen. Zunächst lasen so Philipp Schönthaler und Julia von Lucadou, dann im Obergeschoss Anja Kümmel und Juan S. Guse.

Philipp Schönthaler

Ich blieb gleich im Hauptsaal sitzen und lauschte Philipp Schönthaler, der aus seinem Roman »Weg aller Wellen« vorlas, der gerade erst letzten Monat erschienen ist. Es ging in den Anfangsszenen um einen Mann, der am Venenscanner seiner Firma scheitert und somit nicht zur Arbeit gelangt. Das klang nach einer Geschichte über jemanden, der aus dem System fällt. Vielleicht ganz spannend.

Julia von Lucadou las aus dem Anfang ihres Romans »Die Hochhausspringerin«. Die titelgebende Figur will dem Leben als virale Persönlichkeit aussteigen, eine Psychologin soll sie umstimmen. Der Roman wurde eigentlich überall eher gelobt und so nutzte ich die Gelegenheit, mir Buch und Autogramm zu holen.

Julia las sehr poetisch

Dann folgten wir ins Obergeschoss zur Lesung von Anja Kümmel. »V oder die Vierte Wand« stammt schon aus dem Jahr 2016, dennoch hatte ich sofort die Figuren und Beziehungsgeflechte wieder vor Augen. Ich freue mich schon auf die nächsten Werke von ihr.

Anja Kümmel

Zu guter Letzt ging es ins Atrium, dem Dachboden der Villa. Eine sehr coole Lesekulisse mit einem deutlichen Hall. »Juan S. Guses« Roman »Miami Punk« fiel mir schon auf der Leipziger Buchmesse im März auf. Ich hatte reingelesen, wurde aber nicht warm damit. Nach der Lesung hat sich mein Eindruck nicht geändert, obwohl Juan sehr schön vorlas und auch ein paar Krümel Humor durchschimmerten. Aber insgesamt macht der Roman auf mich so den Eindruck einer Ansammlung tiefschürfender Gedanken und Ideen, mehr Projektionsfläche als eine Erzählung. Das hatte ich gerade mit Mardi zur Genüge.

ein stimmungsvoller Ort

Die rigide Lesungsanordnung beende das Event recht früh, aber man konnte noch an der Bar und in den Ausstellungsräumen mit den Autorinnen und Autoren ins Gespräch kommen und auch Autogramme erbitten, was ich natürlich ausnutzte.

»Die Hochhausspringerin« für mich!

Mal eine ganz andere Form der Lesung im LCB, die mir sehr gut gefiel. Könnte von mir aus öfter so ablaufen.

Bedarf! Bedarf!

Samstagabend kochte die Stadt. Während sich in der Alten Försterei die Union-Fans auf ihren ersten Bundesliga-Sieg einsangen, machte ich mich bei 30° im Schatten auf, um der Science-Fiction zu frönen. Denn Amandara lud erneut zu einer Lesung in die Kulturbremse. Auf dem Programm standen Sabrina Železný, An Brenach und Theresa Hannig. Über Sabrina hatte ich auch erst von der Lesung erfahren, da sie den Termin stolz verzwitscherte.

Die Kulturbremse ist eine Zirkusschule, die von Clown, Zauberer und Tausendsassa Noopy nun schon seit fast zehn Jahren betrieben wird. Furchtbar stolz erzählte er auch gleich vom vergangenen Abend, als die Meystersinger mit Luci van Org und Roman Shamov den Raum rockte und die Hitze noch viel heftiger durch Moabits Straßen kroch.

Amandara und Noopy bei der Begrüßung

Ich kannte die Örtlichkeiten bereits von der Märchen-Lesung im Januar und hatte mich entsprechend vorbereitet. Neben den drei Autorinnen sowie Amandara und Noopy entdeckte ich unter den Gästen auch Claudia Rapp, die sensationell in einem Avengers-Kleid erschienen war und mit gewohnt ansteckender Fröhlichkeit auftrat.

Den Lesungsteil begann Lamahüterin Sabrina Železný, die uns Auszüge ihres Romans »Feuerschwingen« zu Gehör brachte.

Sabrina Železný

Darin geht es um raumfahrende Inkas und Spanier (Iberer) in einer alternativen Zeitlinie. Auf der Suche nach dem legendären El Dorado stürzen zwei Mitglieder der verfeindeten Völker, Manko und Gonzalo, auf die verlassene Erde ab. Das ungleiche Pärchen trifft dort direkt auf Monster …

Sabrina ist großer Fan Südamerikas und spricht die spanischen und Quechua-Wörter mit wunderbarem Sound aus. Ich spüre schon, dass ich an dem Roman auf lange Sicht nicht vorbei komme. Aus ihren Twitterfeets kannte ich bereits ihre Erfahrungen mit widerspenstigen Figuren, die »ein hohes Maß an Eigendynamik hatten und auch nicht davor zurückschreckten in der Mitte alle meine Plotplanungen über den Haufen zu werfen und mir dann zu beweisen, dass sie recht hatten. Sie haben immer Recht.«

»Feuerschwingen« verspricht nicht nur aus diesem Grund, ganz lustig zu sein. Nicht umsonst ist ihr Twitter-Name eben: Lamahüterin.

Die Lamahüterin im Einsatz

Ihr Debüt »Kondorkinder« wird im nächsten Jahr neu erscheinen, als Gesamtausgabe im Art Skript Phantastik Verlag, in der die beiden 2013 als getrennte Bände erschienen Handlungsstränge als abwechselnde Ebenen zusammengeführt werden.

Theresa stellte ihr in der Fragerunde die »böse Frage« nach dem Geschlecht der Protagonisten, und Sabrina bekannte mit entwaffnender Offenheit, dass sie es 2013, als der Roman entstand, noch nicht hinterfragt hatte. »Sie sind mir so zugelaufen. Es gibt auch ein paar coole Frauenfiguren in dem Buch. Heute würde ich auch schon gucken, dass mehr dabei sind.«

Eine sichtlich aufgeregte An Brenach aus Friedenau setzte sich als Zweite auf den Lesethron.

An Brenach

Die Autorin war mir bis dato völlig unbekannt, aber sie überzeugte mit ihrer großartigen Geschichte »Die Wanderläden« über eine etwas schräge KI. Als Begleiter eines sehr speziellen Händlers – Mr. K. – hat die KI alle Subroutinen voll zu tun, die Bedarfsdetektoren der Kraal-Familie auszuwerten und den Raumschiffladen via Hyperraum an den Ort zu bringen, wo die bedürftige Kundschaft wartet. Doch es gibt diese Tage, da geht einfach alles schief und so eine KI ist auch nur ein Mensch.

Während ihrer Lesung offenbarte An ein herrliches Talent, die verschiedenen Stimmungen und Seltsamkeiten ihrer Hauptfigur darzustellen. Die Story hatte sie extra für den Abend geschrieben und noch keinen Plan, wo und ob sie veröffentlicht werden wird.

eine großartige Erzählerin: An

Es wäre sehr schade, wenn die Geschichte in einer Schublade verschwinden würde und überhaupt will ich ganz dringend mehr von An lesen.

Nach der Pause zeigte uns Noopy einen ziemlich coolen Zaubertrick mit einem wandernden Loch für eine Schlüsselkette. Keine Ahnung, wie der Trick funktioniert: Noopy hatte uns, sein Publikum, fest in Bann und Griff.

Noopy verschiebt Löcher

So gefesselt waren wir reif für Theresa Hannig. Seit ihrem Seraph-Gewinn 2018 für »Die Optimierer« als bestes Debüt rührt sie nicht nur das Phantastik-Fandom ordentlich durch.

Theresa im Gespräch mit Andreas Brandhorst, dem anderen Seraph-Gewinner auf der LBM 2018

Nach ihrer Auseinandersetzung mit der deutschsprachigen Wikipedia kennen sie vermutlich auch darüber hinaus sehr viele Menschen. Und Theresa hat kein Problem, ein Publikum zu binden. Sie erzählte, dass ihre Lesung eigentlich über eine Stunde ginge und sie auch in Schulen auftreten würde, da es die »Die Optimierer« in Bayern als Dystopie-Beispiel auf den Stundenplan geschafft hat. In Dresden sogar ins Theater. Die Lese-Erfahrung merkte man ihr an. Mit großer Präzision, Gespür für Timing, herrlichem Sarkasmus und gesungenen Liedtexten, präsentierte sie eine Szene aus dem Optimierer-Nachfolgeband »Die Unvollkommenen«.

Theresa Hannig

Lila Richter wurde wegen Hochverrats zu lebenslanger Haft verurteilt und nach fünf Jahren Verwahrung zur Bewährung in das Internat Kühlungsborn gebracht. Denn die Bundesrepublik Europa hat in ihrer Optimalwohlökonomie auch den Strafvollzug optimiert …

Was für ein bitterböser Stoff. Zwar habe ich den ersten Band bisher nicht gelesen, aber den zweiten kaufte ich der Autorin ab. Nun brauch ich nur noch Mut zum Lesen. Dystopien sind ja nicht gerade meine Lieblingsspeise. Aber immerhin wird der nächste Roman der Vollzeitautorin eine Utopie, versprach sie ganz fest.

Im Anschluss erzählte sie auf Amandaras Wunsch hin noch etwas über die Wikipedia-Problematik und schloss mit dem Anliegen, den konservativen Kräften innerhalb der Wikipedia mit Freundlichkeit zu begegnen.

Theresa erzählte von der Wikipedia-Konferenz am Vortag

» […]Good hearted people, die mit Enthusiasmus und positivem Denken versuchen, das alles irgendwie wieder zu dem Zustand zurück zu bringen, den es 2001 mal hatte. Also bitte schaut’s euch einfach mal an, editiert ein paar Artikel – macht einfach mal! Das würde dem Ganzen sehr, sehr viel bringen.«

Dafür erntete sie großen Applaus. Sie hat natürlich Recht damit, dass man den verkrusteten Strukturen innerhalb eines solchen Projektes am bestem mit beharrlichem guten Vorbild beikommen kann. Meinen Wiki-Account erstellte ich 2005 und sehr viel habe ich bisher da nicht mitgemacht. Schon damals schreckte mich das krasse Regelwerk ab. Aber ich sollte wirklich mehr positive Vibes einbringen. Wenn ich denn mal enzyklopädisches Wissen beizutragen habe.

Mit diesem kämpferischen Appell Theresas endete ein sehr feiner SF-Abend. Nun muss ich mir nur noch die nächsten Termine in der Kulturbremse merken, denn Amandara schwärmte von einem vollem Programm!

Sabrina, Noopy, Theresa, An und auf dem Thron: Amandara

Bis der Chef ans Mikro drängt

Bereits am Freitag fand die zehnte »Nacht der Drachenfliege« im Literaturcafé Periplaneta statt.

In lauer Drachenfliegensommernacht

Obwohl ich da eigentlich immer hingehen will, klappte es erst zum zweiten Mal. Die Lesungsreihe steht ganz im Zeichen der Drachenfliege, denn die Libelle ist das Maskottchen der »Edition Drachenfliege« des periplaneta Verlags, der in ihr vor allem Phantastisches veröffentlicht. Meist schräges Zeug zwischen Urban Fantasy und Märchen – ich denke, seit dem Start der Edition hab ich so ziemlich alles gelesen, was in ihr erschien.

periplaneta-Lektorin Sarah Strehle wartet auf den Beginn der Nacht

Am Freitag standen deshalb auch keine Unbekannten im Scheinwerferlicht, zumindest für mich nicht.

Verleger Tom Manegold eröffnete den Abend gewohnt charmant lavierend und machte dem Publikum den Ausfall der musikalischen Begleitung schmackhaft.

Tom Manegold

Mitten in seine Begrüßung platzte der wahre Chef des Verlages auf den Armen seiner Mutter, der Autorin und Verlegerin Marion Alexa Müller, herein.

Marry hat DEN Chef fest im Blick

Konstantin heißt der Knirps und durfte nach der Pause auch ins Bettchen gehen, jedoch nicht ohne seine Künste am Mikro präsentiert zu haben.

Den Anfang des kulturellen Teils bestritt Jesko Habert. »Tiefsommer« gehörte zu meinen großen 2018er SF-Freuden und das dürfte jetzt der vierte Abend gewesen sein, an dem ich Auszüge aus dem Roman lauschte. Er las zunächst aus dem Fantasy-Teil des Romans und nach der Pause aus dem anderen, etwas anderen Teil. Ohne zu spoilern kann man da leider nichts weiter verraten.

Jesko Habert

Ans Mikro trat dann Swantje Niemann. Die junge Autorin arbeitete als Assistentin im Verlag, ihre High-Fantasy Trilogie »Drúdir« erscheint aber nicht dort, sondern in der »Edition Roter Drache«. Drúdir 2, »Masken und Spiegel«, erwarb ich schon auf der LBM und extra für den Abend hab ich’s auch endlich zu lesen begonnen.

Swantje Niemann

Allerdings nutzt Swantje die »Nacht der Drachenfliege« lieber zur Vorstellung von nicht so ernsten Texten und trug deshalb eine weitere Story um ihre lebendig gewordene Comicfigur vor, die mit den Entscheidungen ihres Zeichners nicht immer zufrieden ist. Ob ihr aber bei ihrer Rache der Cyber-Hoodie eines seltsamen jungen Pubertierenden helfen wird?

Aus dem fernen Wedding bei Moabit reiste Brauseboy Robert Rescue an. Ein Lesebühnenveteran, der mit dem »Intimitätendieb« vor einigen Jahren einen recht coolen Urban-Fantasy-Roman in der »Edition Drachenfliege« unterbringen konnte.

Robert Rescue

Er deutete an, dass sich das Ganze zu einer Serie um den Geisterjäger aus dem Wedding ausgewachsen hat, die er exklusiv für die »Edition Drachenfliege« verfasst. Die neueste Folge wurde durch die TV-Serie »Good Omens« inspiriert und handelt vom Besuch Klaus Pelzers in der WG der vier apokalyptischen Reiter. Die logischerweise im Wedding wohnen und mit Umweltverschmutzung, der ehemaligen Pest, ihre Nöte haben.

Ein weiterer, herrlich schräger Text, der hoffentlich auch einmal gedruckt erscheint.

Als Stargast des Abends und literarisches Finale des ersten Teiles wurde André Ziegenmeyer eingeführt. Sein quadratisches Bändchen »Igor Mortis« dürfte eines der ersten, oder sogar das erste Werk der »Edition Drachenfliege« gewesen sein, dass ich rezensierte. Aus heutiger Sicht sehr martialisch rezensierte.

André Ziegenmeyer

Seither gab es diverse kleine Bände mit Texten und Gedichten im periplaneta Verlag, jedoch landete bisher keiner davon in meinen Händen. Es sind auch eher Anekdoten und typische Lesebühnentexte. Witzig und pointenreich, aber in life natürlich wesentlich vergnüglicher, denn der Mann ist ein großartiger Vortragskünstler und Quatschmacher. Ein wichtiges Utensil wartete bereits den ganzen Abend auf seinen Einsatz.

Assistent Tom, im Vordergrund Hermann

Eine Art Dampfradio mit Nebelgenerator und Blitzkugel, aus dem er mittels Tastatureingabe kleine Sound- und Teaserschnipsel unters Volk brachte und das unter dem Namen Hermann, die Geschichtenmaschine berühmt werden dürfte. Quasi das Tool für ein Live-Hörspiel. Als Kaffeemühlenpraktikant zum Ankurbeln der Maschine fundierte Tom.

Nach einem kurzen Einblick in das Gehirn André Ziegenmeyers, wo ein Kopfgnomkumpel mit Quietschehammer hämmert, konnte André als noch gar nicht so alter Papa zudem auf einen großen Fundus lustiger autobiografischer Geschichten um seine Tochter Mathilda zurückgreifen, die auch in seinem jüngsten Quadrat »Der auf der Kuh surft« zu finden sind. Da ging es etwa um die Keksgeldkrise.

Ein Buch mit Kuh

Mit Hilfe Hermanns konnten wir dann in die Tiefen der Bollywoodbegeisterung des Autors eintauchen, was uns alle pausenreif glücklich machte.

Frisch gestärkt überredete Tom dann sein Apfelbrett, einen Kurzfilm zu zeigen, der eigentlich als Einstimmung für Andrés ersten Part gedacht war, weil darin eine Kuh mitspielt. »Mobile« von Verena Fels ist ungemein knuffig und sollte unbedingt weggeguckt werden!

Während sich DER Chef endgültig verabschiedete, durfte Jeskos seinen zweiten Lesungsteil begehen.

Eine Tiefsommernacht

Wie gesagt, ohne zu spoilern, ist darüber nichts zu berichten, außer, dass das Buch lesenswert ist und Jesko das atmosphärisch vortrug.

Tom stellte dann noch kurz das aktuelle Programm der »Edition Drachenfliege« vor, von dem ich bereits »Inferno für Anfänger« von C. C. Holister gelesen und auch schon rezensiert habe. Auf dem SUB liegen noch Philipp Multhaupts zweiter Erzählungsband »Herrn Murmelsams Trinklieder« und »Käsablanca« von Stefan Goebels, das ich sofort nach »Drúdir 2« wegknuspern werde.

Im Hintergrund ein Cover von Nicole Altenhoff

Slawische Mythologie aus einem Youtube-Video inspirierte Swantje zu ihrer zweiten Geschichte. Der Klimawandel hat Berlin zu einer Küstenstadt gemacht und die Welt führt einen unbarmherzigen Klima-Krieg.

Mythische Einblicke

Robert berichtete dann von seinen Erfahrungen mit Let’s Play-Videos und was ihn daran stört. Vor Schrott muss man eben wütend warnen. Seine fein ziselierten Ausführungen sprachen mir aus der traurigen Erfahrungstiefe. Tom fand es gruselig, wie viele aus dem Publikum an bestimmten Stellen lachen konnten. Ja, es gibt spezielle Probleme jenseits der Klimakrise …

Wartet auf die Ostsee in der Seestraße: Robert Rescue

Tom nutzte die Gelegenheit, um Bilder des Grafikers Holger Much vorzustellen, der auch für das Cover des »Intimitätendiebes« verantwortlich zeichnete.

Ein typisches Motiv von Holger Much

Danach sprang André auf den Zug des Erfolges und fuhr mit einen Mathilda-Geschichten fort. »The Walking Dead« behandelt die Probleme des väterlichen Biorhythmus’ in der Elternzeit, »Die schönste Geschichte der Welt« und »Sternenzicklein« vertieften unsere Bekanntschaft mit der fantasievollen Welt Mathildas und der beiden Ziegen Alice und Cooper.

Walking Dad André

Zum Abschluss gab es noch eine Story aus »Ententanz und Armageddon«, mit der wir eine Apokalypse, verkündet im Supermarkt, als Live-Hörspiel begleiten durften.

Es war erneut ein großartiger Abend der Phantastik, ich kaufte Bücher, trank gutes Bier und lauschte magischen Geschichten. Ob ich es zur Elften »Nacht der Drachenfliege« in den Prenzlauer Berg schaffe? Bisher spricht nichts dagegen. Möge kein Elfenwerk zwischen uns geraten!

Mit dem Kanu durch Verlagsstromschnellen

Das Buchpremierenjahr im Otherland ging letzte Woche in eine neue Runde. Selbst die Otherlander konnten auf Anhieb nicht benennen, die wievielte es nun ganz genau ist, als Michael Marrak die Doppelpremiere seines neuen Romans »Der Garten des Uroboros« und des Erzählungsbandes »Quo vadis, Armageddon?« feierte.

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Die Otherlander Wolfgang Tress und Simon Weinert grübeln

Der erste Band der »Besten Erzählungen von Michael Marrak in zwei Bänden« war zwar schon zur Leipziger Buchmesse erhältlich, aber wie Simon Weinert es formulierte: Buchmesse zählt ja nicht.

Michael Marrak erschien mit Amandara, die schon im Januar ein Märchen aus dem »Uroboros« in der Kulturbremse präsentierte.

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Amandara und Michael

Natürlich fand sich auch MEMORANDA-Verleger Hardy Kettlitz ein, sodass Michael sich ganz beruhigt im Kreise von Freunden und Fans platzieren konnte.

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Zwei Bände hat die von Hardy herausgegebene Reihe mit besten Erzählungen

Nach der Installation der passenden Lesebeleuchtung präsentierte der stolze Autor seine dicke Lesemappe mit den sorgfältig eingeklebten Seiten des »Uroboros«.

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Eine Lesung mit Michael Marrak hat immer Stil

Der »Uroboros« ist für Micha wie »Quo vadis, Armageddon?« auch, so ein »endlich-geschafft-Teil«, weil das Buch früher schon (unter einem anderen Titel) nach »Lord Gamma« bei Bastei Lübbe im Gespräch war. Eigentlich unfreiwillig, weil er seinem Agenten gegenüber die Romanidee erwähnte, der prompt den Cheflektor des Verlages anrief und so kam es dann sogar zu einem Vertrag, den Micha dann aber wieder kündigen musste, weil er sich einfach nicht reif für den Roman fühlte und er damals sein Konzept nicht umsetzen konnte.

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Micha und sein Buch

So hing der Roman lange in der Luft, war dann aber sogar schon drei Jahre vor dem »Kanon« fertig. Er zog den »Kanon« dann vor, weil er ihn geeigneter fand, um nach der langen Veröffentlichungspause wieder anzufangen. So repräsentiert der »Kanon« seine neue und der »Uroboros« seine alte Schreibe. Da der Verleger Jürgen Egelseer von den diesjährigen Schneebergen betroffen war, schrieb Micha den Roman nicht nur, zeichnete das Titelbild und die Innenillustrationen, er setzte das Buch auch noch!

»Uroboros« ist ein Synonym für die Erde. Es geht um eine Prophezeiung, bzw. um eine Apokatastasis (der Zungenbrecher bedeutet laut Wikipedia Wiederherstellung aller Dinge am Ende der Zeiten).

»Eine Idee, in der alles sich, als ein riesiggroßes, sinnloses Nichts entpuppt. Es ist ein Kreislauf, für den es unterschiedliche Längen gibt, zwischen zwölftausend und sogar zwei Millionen Jahren, und am Ende dieses Kreislaufes beginnt alles neu. […] Es ist eine Theorie nach der ab einem bestimmten Zeitpunkt alles endet und von vorne beginnt. Aber jetzt nicht von vorne beginnt und man bekommt eine neue Chance und man macht alles anders. […]
Man führt exakt das gleiche Leben sobald dieses Leben beginnt mit den exakt den gleichen Gedanken, den gleichen Gesprächen, den gleichen Worten, den gleichen Überlegungen. Es ist immer der gleiche Kreislauf. So eine Art völlig sinnloses, göttliches Hamsterrad. […]
Das Buch beschäftigt sich praktisch mit der Idee, was passiert wenn sich doch etwas ändert, was passiert, wenn es drei oder vier Anomalien gibt, die es Menschen ermöglichen, durch dieses göttliche Tabula rasa durchzuschlüpfen.«

So gibt es im »Uroboros« vier Handlungsstränge, die auf drei Erdteilen spielen und keinen wirklichen Haupthandlungsstrang. Zwar spielt der Archäologe Hippolyt Krispin aus »Morphogenesis« wieder mit, aber nur, weil sich Micha keinen neuen Archäologen ausdenken wollte. Eigentlich hatte er etwas vor wie in den Filmen »Rapa Nui« oder »Apocalyptica«, also komplett ohne Gegenwartshandlung. Das gefiel dem damaligen Verlag aber nicht. So ist dann ein Gegenwartsstrang doch noch eingeflossen und gibt dem ganzen eine Indiana-Jones-Atmosphäre, erklärte Micha.
Er las allerdings zwei Kapitel aus einem Strang in der Vergangenheit vor.
Im Jahre 1455 muss der Chachapoya-Junge Chebál einen ziemlich anstrengenden Initiierungsritus durchstehen. Dabei geht es um die Jagd auf einen riesigen Raubfisch und die Fahrt mit einem Kanu einen wilden Strom hinab durch Engpässe und Wasserfälle. Micha las das gewohnt spannend und fesselnd.

Im zweiten Teil deas Abends ging es zum Sammelband »Quo vadis, Armageddon?«, der eine lange Geschichte hinter sich hat.

»Was hier liegt, das Ding hier, in seiner jetzigen Inkarnation, ist eigentlich die Anthologie, für die damals »Lord Gamma« eine Kurzgeschichte hätte werden sollen.«
»Und das war 1999«, warf Hardy von der Seite ein.

Eine zwischenzeitliche Veröffentlichung bei Festa zerschlug sich auch und da einige der alten Erzählungen in irgendeiner Form in seine Romane eingeflossen sind, spürte er in sich auch nicht die Begeisterung, das Projekt voranzutreiben.
Die Stories sind weit verstreut erschienen. Viele der Anthologien sind vergriffen, teilweise sogar schon die Herausgeber verstorben, sodass es jetzt doch toll ist, die Geschichten zwischen zwei Deckeln zu haben.

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Lose Blätter und ein Bier – quo vadis?

Er las dann die allererste Geschichte, von der er selber denkt, hier begann es für ihn ernst zu werden mit der Schreiberei: »Dominion«. Sie erschien in der Alien Contact-Anthologie »Das Herz des Sonnenaufgangs« 1995 im Teil mit den neuen Geschichten. Es geht in der Story um einen Säbelzahntiger mit dem Namen Richard Madenbach, was Michael damals noch für einen coolen Namen hielt. Inzwischen liest es sich für ihn wie der »Kanon« in der Urzeit. Entsprechend amüsant wurde es dann auch.

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Die Situation ist ernst …

Im Anschluss hatten wir noch Zeit, um Fragen zu stellen. Schnell drehte sich das Gespräch um die Probleme, die man als Autor hat, wenn man ein paar Jahre von der Bühne verschwunden war. Micha arbeitete ja fast etliche Jahre an einem Computerspiel mit, das dann doch nicht veröffentlicht wurde. So lehnten alle großen Phantastik-Verlage den »Kanon« ab, der aber inzwischen so erfolgreich ist, dass justamente eine Hörbuchfassung im Verlag Hörbuch Hamburg herauskam, gelesen von keinem geringeren als Stefan Kaminski.
Sichtlich stolz erzählte Michael von dieser Auszeichnung seines phantastischen Romans.
Das Verlagswesen ist im Umbruch. Man kann gespannt sein, wohin uns das alles führt. Hauptsache, wir lesen weiter etwas von Michael Marrak und sehen uns im Otherland!

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Kein Buch ohne Signatur!

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