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Nee, ich!

Wenn eine Kleinkunstkapelle wie Knorkator einen neuen Tonträger auf die Massen ihrer Fans wirft, folgt sie selbst auch bald. Zum Abschluss ihrer Ich bin der Boss-Tour gab sich die Meiste Band der Welt in der Columbiahalle die Ehre. Das altehrwürdige Hause wurde gleich zweimal hintereinander ausverkauft, wie es sich eben für die heimatlichen Gefilde gehört.

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Ich bin der Boss – Knorkator

Altehrwürdig ist auch die Band, was man bereits bei der ersten Vorband deutlich zu spüren bekam. Denn Frontmann von Black Monster Truck ist kein anderer als Alfs gerade noch klitzekleiner Sohn Tim Tom. Die sympathische Schülercombo gab gepflegten Ghscore zum Besten, samt Growling und ordentlich Saft auf den Saiten. Den stolzen Papa sah man kurz selbst im Publikum, wie er vergnügt den Gig verfolgte.

Black Monster Truck

Black Monster Truck

Aus dem wilden Osten Berlins stammt auch Tschaika 21/16, die Gitarre und Schlagzeug wurden durch eine Trompete ergänzt hatten. Der Trompeter baute zunächst einen kleinen Turm aus Holzklötzchen, bevor er ziemlich versiert in das musikalische Geschehen eingriff. Das wilde Gemisch aus Rock, Stoner und Noise schrammte stets ganz nah an öder Textlastigkeit vorbei und verwirrte die Menge doch ein wenig.

Tschaika 2116

Tschaika 21/16

Knorkator selbst geben ja bereits seit Zehntausendjahren Konzerte und ich habe noch keines erlebt, das auch nur irgendwie langweilig war. Die Jungs haben eine unendliche Anzahl von Songs, deren Refrains sich gnadenlos laut durch den Saal schreien lassen.

Von der neuen Platte ist ist das natürlich zunächst einmal der Titelsong Ich bin der Boss. Als die Menge ein letztes Mal diesen gängigen Slogan brüllte, beendete Stumpen den Song mit einem markigen »Nee, ich!«

Zu Zähneputzen, Pullern, Ab ins Bett! holte er sich einen Milchbart auf die Bühne, die sich aber auf einen Stuhl setzen musste, als Buzz Dee grinsend feststellte, dass der Kleene größer als Stumpen war.

Überhaupt ist es immer wieder eine Freude, Stumpen in Action zu erleben. Der Mann ist fitter als ein Turnschuh, hat die Menge stets völlig im Griff und blastert jeden seiner Songs mit Kraft und prolligem Feinsinn hinaus. Er ist sich für kein noch so irres Outfit zu schade und meistert selbst Paukenschläge auf den Kopf mit breitem Grinsen.

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Auch die Band setzte sich hin

Sie spielten noch diverse andere Songs der neuen Scheibe, zu Setz Dich hin, mussten wir uns tatsächlich hinsetzen, was in der Bier triefenden Columbiahalle kein ganz so großer Spaß war. Aber angesichts einer doch beachtlichen Anzahl etwas älterer Fans, stand man bald wieder Gelenke krachend auf. Insgesamt aber gab es eine große Altersdurchmischung, selbst die durchtrainierten Pogohüpfer fehlten nicht.

Als wir uns durch frenetischen Jubel die Zugabe verdient hatten, gab es dann weitere Hits aus dem riesigen Repertoire samt Böse, Ficken und natürlich Weg nach unten.

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Stumpen im Feuerrad

Kurz, es war ein phantastischer Konzertabend, Knorkator sind einfach die Meisten!

Und immer wieder hüppen!

Musik muss tanzbar sein, meinte Judith Holofernes mal in irgendeinem der vielen klugen Interviews die sie so führt. Deshalb gibt es auf jeder ihrer Platten genügend Songs zum infernalischen Gehopse.

Ich mag das total.

Nachdem ich sträflicherweise ihr letztes Album Ein leichtes Schwert erst letztes Jahr für mich entdeckte, hatte ich das neue sofort vorbestellt, sie auf Twitter verfolgt und schwupps Konzertkarten geordert.

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Judith stellt Teitur als Vorband vor

Das Konzert fand nun am Dienstag im Lido statt. Der Club liegt im Wrangelkiez in Kreuzberg und ich war echt noch nie dort. Keine Ahnung warum, immerhin hab ich jahrelang nur paar Kilometer entfernt in Friedrichshain gelebt. Aber damals waren wir mehr auf den Prenzlberg ausgerichtet und belagerten den Frannzclub.

Frank Böhmert schrieb mir gleich, dass ich das Lido mögen würde und er hat mich natürlich wieder einmal ausgelesen wie einen übervollen USB-Stick. Der Laden ist kuschelig bis in den kleinsten Sessel der Lounge und perfekt für ein intimes Club-Konzert geeignet.

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Buch, CD und heiße Tapete im Lido

Ich hatte mich vorher nach einer Fotoerlaubnis erkundigt und konnte somit weitere Erfahrungen mit meiner Lumix sammeln. Ich liebe sie! Zwar zoomte sie mittendrin plötzlich von ganz alleine (ich habe gar nix niemals gemacht, ehrlich!) extrem an Judith heran, aber bis auf diese kleene Eigenwilligkeit schnurrte das Kätzchen mit zärtlicher Eleganz.

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und über den Rand  …

Das Konzert bediente alle Erwartungen. Es gab jede Menge Chaos, ein paar Schwerter und das Crossover mit Teitur, der uns als Vorband einheizen und zum Lachen bringen durfte.

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Teitur

Die auf Twitter ausgelobten beiden Helden-Songs stammten vom Album Soundso, das quasi nun gar nicht so zu meinen Lieblingen gehört, aber trotzdem passten sie super rein. Aber gegen die letzte Zugabe, Elefant, kommt so schnell nix heran.

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Judith und Band

Es war zu kurz, aber mitten in der Woche bin ich darüber nicht wirklich böse. Da ich die Fotoerlaubnis via Fantasyguide geordert hatte, gibt es auch dort einen Bericht: Judith Holofernes am 21.03.2017 im Lido in Berlin Kreuzberg

Manche Lieder sind unendlich

Nina Hagen. Irgendein Bild von ihr hat man wohl sofort im Kopf. Teile ihres Lebens strömten immer mal wieder durch die Presse. Wer mit exzentrischem Punk wenig anfangen kann, wird sie musikalisch wie ich eher nicht wahrgenommen haben. Im Ausland strahlte sie stets greller, bunter und lauter. Doch Faszination löste sie immer schon bei mir aus. Was ich so von ihr mitbekam, waren meist pikierte Berichte, inszenierte Fremdschämmomente konservativer Medien, die in mir das vage Gefühl hinterließen, dass Nina Hagen einfach ein bisschen zu crazy für diese schnöde, graue Welt sei.

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Das BE mit Brecht im frühen Frühling

Was kann also ein Brechtliederabend mit Nina Hagen im Berliner Ensemble anderes werden als eine verrückte Tour de Force?

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Fast schon eine Institution: Nina Hagen sing Brecht

Und im Prinzip wurde er das auch. Nina ist kein junger Hüpfer mehr, die Stimme ist älter, Opernkoloraturen gab es keine mehr, wohl aber das bekannte Quieken, Kieksen und Tonlagengespringe. Ähnlich wild ging es durch das Liederwerk von Brecht, versetzt mit Songs anderer Liedermacher, etwa von Dylan. Je weiter der Abend voranschritt umso dichter wurde ihre Assoziationskette, selbst mitten in einem Song konnte ein Gedankenblitz zu einem anderen Song führen – großartig, wie ihre Begleitmusiker die Melodien aufnahmen und den sitzenden Wirbelwind mühelos auf ihrer Liedschnitzeljagd folgten.

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Nina, großartige Musiker und ein Mann mit Zigarre.

Daneben gab sie eine Menge Geschichten zum Besten, las Historisches von diversen Blättern ab, wies auf ihre mannigfachen Schirmfrauenschaften hin und auch zwei Spitzen gegen Biermann flogen durch das altehrwürdige Brechthaus. Schon als kleene Göre saß Nina hier im Rang und entdeckte Brecht für sich. Und auch Kurt Weil, denn was wären die Lieder ohne die Musik?

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Nina Hagen

Es gab eine Zugabe und Nina hätte auch noch gerne weitergemacht, gegen Elf schien sie erst richtig auf Betriebstemperatur gekommen zu sein. Aber zum Glück gibt sie diese Liederabende in unregelmäßigen Abständen immer mal wieder. Eine Chance, diese etwas verpeilte, aber liebenswerte Künstlerin in Action und in Farbe zu erleben.

Der eiserne Gisbert

Anfang Dezember verschickte Gisbert zu Knyphausen eine Rundmail an seine Newsletter-Abonnementen, um auf ein Clubkonzert aufmerksam zu machen und ich konnte es kaum fassen, wo es stattfinden sollte: in der Alten Försterei, hier in Köpenick.

Ihr könnt mir glauben, dass ich innerhalb der nächsten Minuten zunächst die Regierungsformalitäten und dann die Karten klar machte. Der Andrang war offensichtlich so groß, dass Gisbert ein paar Tage später ein Zusatzkonzert ankündigte.

Wir kannten bisher nur das Stadion und waren noch nie im Gebäude der Haupttribüne, daher wanderten wir auch wie gewohnt Richtung Hintereingang. Der natürlich zu geschlossen hatte und so kamen wir noch in den Genuss eines kleinen Winterspazierganges, da wir das Stadion fast einmal umrunden mussten.

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Gisbert, ein Wintertag und die Alte Försterei

Das Konzert fand in der Schlosserei statt, quasi das erste Obergeschoss des neuen Eingangsgebäudes und es ist als Konzertlocation der Hammer. Super Verkehrsanbindung, riesiger Parkplatz und bei uns um die Ecke.

Okay, die Bühne ist winzig, aber der Sound ist klasse, die Crew freundlich, die Klos pikobello und nun ja, es gibt auch Bier. Berliner Pilsner kann man mal trinken.

Es begrüßte uns ein Unioner, der uns die große Hintergrundgeschichte des Abends servierte. So lief vor acht Jahren im Stadion der Song Sommertag von Gisbert und machte ihn zum Fan. Als er letztes Jahr versuchte Karten für ein Konzert zu bekommen, waren die so fix weg, dass er sich dachte, es sei wohl einfacher, den Gisbert nach Köpenick zu holen.

Da das Zusatzkonzert bereits am Vorabend stattfand, konnte Gisbert auch gleich loslegen.

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Gisbert zu Knyphausen

Er spielte sich quer durch sein Repertoire und natürlich auch Sommertag. Dazu kamen einige Songs die eventuell oder garantiert auf der nächsten Platte zu finden sein werden, für die er im März ins Studio geht. Selbst an den Texten arbeitet er noch.

Ganz wunderbar fand ich seinen Song zum Timm Thaler Film von Andreas Dresen, der allerdings ganz am Ende des Abspannes laufen wird. Wer nicht so lange warten wollte, konnte sich gestern eine Vinyl-Single kaufen.

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klein, aber fein: die Bühne der Schlosserei

Ein Klubkonzert ist etwas feines. Die Stimmung ist, gerade bei einem Liedermacher, meist friedlich familiär und auch Gisbert schien die eher intime Atmosphäre zu genießen. Es war ein wunderbarer Konzertauftakt für 2017, zumal ich Gisberts Songs eher im Winter und im Herbst höre.

Es wäre wirklich wunderbar, wenn sich die Schlosserei als Konzertort etablieren könnte – so fix und früh waren wir noch nie zu Hause. Fehlen jetzt eigentlich nur noch ein paar Szenekneipen links und rechts für die lauen Sommernächte.

Ein Jahr Mucke

Wie versprochen ein kleiner Rückblick auf mein musikalisches Jahr 2016.

Ich kaufte mir im vergangenen 15 CDs und eine LP, davon waren neun Neuerscheinungen und sieben Alben die Erfüllung älterer Wünsche. Die komplette Liste findet sich unten.

Von diesen fünfzehn Alben sind drei mit deutlichem Abstand meine Highlights.

Ganz oben Remember Us to Life von Regina Spektor. Sie hatte sich viel Zeit genommen für ihr neues Album und auch wenn die Kritiken wenig berauschend klingen, ich bin auch dieses Mal hin und weg. Ich mag einfach, mit welcher Leichtigkeit Regina Spektor Songs entwirft, die mir bereits nach dem ersten Mal wie alte Bekannte vorkommen. Das Album ist ruhiger und ernster als der Vorgänger, weniger verspielt und bombastischer arrangiert.

Es kann durchaus sein, dass sie ganz langsam in eine Richtung treibt, in der ich ihr nicht folgen mag, wie es mir etwa auch bei Tori Amos geht, aber 2016 war definitiv nicht das Jahr, in dem ich von Regina Spektor loskam. Alle ihre Alben laufen regelmäßig in meinem Player.

Putzigerweise war dies der erste LP-Kauf seit Jahren und prompt enthielt das Doppelalbum zweimal die Platte Zwei. Zum Glück klappte der Umtausch via amazon schnell und problemlos, aber irgendwie bezeichnend fand ich‘s schon.

Kommen wir zum Highlight Nummer Zwei: Judith Holofernes mochte ich seit dem allerersten Hören der Reklamation und auch die weiteren Helden-Scheiben gehören immer noch zu meinen Lieblingsplatten. Dabei bin ich gleicher Maßen heftig in die Texte verliebt wie in Judiths stimmlicher Interpretation. Sie kann Textstellen eine Bedeutung einhauchen, wie ich es bisher nur bei Tamara Danz erlebte.

Und doch verlor ich die Gute aus den Augen. Zwar bekam ich ihre Solo-Pfade mit, kümmerte mich aber nicht weiter darum, bis ich in irgendeinem von mir verfolgten Blogpost las, ihr Album Ein leichtes Schwert hätte sein Leben verändert.

Bei einer der nächsten Youtube-Abende holte ich dann Judith aus der Versenkung und nach staunensvollem und in wiedererweckter Verzückung Dahinschmelzen wurde die CD bestellt. Inzwischen läuft auch sie bei mir in regelmäßigen Wohlfühlsessions.

Nach den Jahren der politischen Empörung und Liebe-vollen Jugend springt Judith als wildgeprüftes Mitglied eines Elternkollektivs durch die Gegend und singt ebenso grandios von diesem Leben, wie sie es vorher von ihrem alten tat.

Das ist eine extrem schwierige Sache, denn die allermeisten Musikerinnen und Musiker, die in ihrer unruhevollen Jugend geile Mucke schufen, ziehen aus ihrem glücklichen Familienleben nix als langweilige Songs.

Für den 17. März ist Ich Bin Das Chaos angekündigt, ich hab‘s gleich vorbestellt und auch schon Konzertkarten geordert. Noch einmal will ich Judith nicht aus den Augen oder Ohren verlieren.

Mein drittes Lieblingsalbum ist quasi der allergrößte Kontrast dazu und gefällt mir wahrscheinlich genau aus diesem Grunde.

Die mir bis dato vollkommen unbekannte Band Die Heiterkeit bescherte uns im letzten Jahr Pop & Tod I+II. Die gar nicht so heiteren Songs sind in der Mehrzahl vollkommen abgefahren, ungewöhnlich und skurril. Ich mag sie alle.

Das Album reiht sich ein in die Liste cooler Entdeckungen der letzten Jahre: Supermoon von Sophie Hunger und natürlich Über das Grübeln von Balbina.

Gehofft hatte ich auch, dass mir For The Young von Anna Ternheim besser gefallen würde. Ich werde sie noch einige Male hören, aber während ich Separation Road (2007) und Somebody Outside (2006) mindestens einmal im Monat in mein trauriges Gemüt fließen lasse, hat mich die 2016er Platte bisher noch nicht so verführt.

Weitere Alben, die nicht das brachten, was ich mir von ihnen erhoffte:

Udo Lindenbergs Stärker als die Zeit war enttäuschend und auch von Knorkator gibt es bessere Scheiben als Ich Bin Der Boss, etwa das rundumperfekte Ich hasse Musik oder das geniale HighMudLeader. Aber selbstverständlich bin ich Ende März beim Konzert.

Auf das Debüt von AnnenMayKantereit hatte ich mich auch sehr gefreut, aber im Wesentlichen überzeugen weiterhin nur die paar Singles, das Album Alles Nix Konkretes ist doch recht durchwachsen.

Schwer hatten es auch PJ Harvey und Anohni mit ihren neuen Platten The Hope Six Demolition Project und Hopelessness, die alten Höchstleistungen zu überbieten, und so werden Let England Shake und I’m a Bird now weiterhin meine erste Wahl sein, wenn ich die Stimmen der beiden hören möchte.

Daneben gibt es noch eine Reihe von Platten, die gut sind, exakt in den Erwartungen liegen aber nur in die erweiterte Rotation gelangen. So das neue Wilco-Album Schmilco. Es passt in die Band-Historie, macht großen Spaß und lohnt jedes Hören. Das lässt sich auch von zwei spät gekauften Alben sagen: Kaputt von Destroyer und das 2014 Trümmer-Album, die wie der kleine Bruder von Ja, Panik klingen.

Wenig Eindruck hinterließen Between The Times And The Tides von Lee Ranaldo, David Lynch‘s Crazy Clown Time und Zettel auf dem Boden von Niels Frevert – alles Blindkäufe aus Empfehlungen.

Aber Mut zum Risiko gehört eben auch dazu, wenn man mal etwas Neues entdecken will. Als Quellen für Tipps nutze ich in erster Linie zwei Zeitschriften: Die Spex und Schall.

Zwar überschneidet sich der Spex-Musikgeschmack zu höchsten zehn Prozent mit meinem, aber ich mag die Themen und die intellektuelle Herausforderung, der Sprache zu folgen. Die Spex beschnüffelt Dinge wie Mode, Kunst oder Architektur auf eine so schräge Weise, wie sie mir sonst nicht unterkommt. Das ist manchmal sehr inspirierend.

Schall widmet sich vorwiegend deutsch/sprachiger Musik ohne sich um Genres zu kümmern und verwundert mich immer wieder mit neuen Blickwinkeln auf KünstlerInnen, die ich in irgendwelche Vorurteilsschubladen beerdigt hatte.

Daneben guck ich, was man bei abgehört (Spon) so vorstellt und lese natürlich die Musikkritiken im Feuilleton der Berliner Zeitung – da sammelt sich dann immer mal wieder etwas an.

Ein Album fehlt noch: Blind Guardian‘s Nightfall In Middle-Earth entdeckte ich in den guten alten napster-Zeiten und seitdem gab es immer mal wieder Momente, wo ich genau diese Musik hören wollte. Jetzt war einfach Zeit, das Album in der 2007er Aufbesserung zu kaufen.

Was lief sonst noch in meinem Player? Natürlich einige der ultralangen Folgen von Methodisch Inkorrekt und mein absoluter Lieblingspodcast Viva Britannia, das leider 2016 etwas weniger oft erschien, sowie aus Rezensionsgründen die neuen Folgen der Mark Brandis, Raumkadett Hörspielreihe, leider allesamt super produziert aber schlecht geschrieben.

Ui, doch ne Menge Text geworden. Aber im Gegensatz zu den gelesenen Büchern schreib ich ja übers Jahr hinweg kaum mal etwas zu meinen Audiogenüssen.

Meine Musikeinkäufe 2016:

Die Heiterkeit: Pop & Tod I+II (Juni 2016)

Judith Holofernes: Ein leichtes Schwert (Februar 2014)

Knorkator: Ich Bin Der Boss (September 2016)

Wilco: Schmilco (September 2016)

Regina Spektor: Remember Us to Life (September 2016)

Niels Frevert: Zettel auf dem Boden (November 2011)

Lee Ranaldo: Between The Times And The Tides (März 2012)

Destroyer: Kaputt (Januar 2011)

Udo Lindenberg: Stärker als die Zeit (April 2016)

Trümmer: Trümmer (August 2014)

Anohni: Hopelessness (Mai 2016)

David Lynch: Crazy Clown Time (November 2011)

AnnenMayKantereit: Alles Nix Konkretes (März 2016)

Blind Guardian: Nightfall In Middle-Earth – Remastered (Juni 2007)

PJ Harvey: The Hope Six Demolition Project (April 2016)

Anna Ternheim: For The Young (Januar 2016)

Verkifft bis heiter

Wenn ich mal wieder eine spannende Musik für mich entdecke, will ich sie auch live sehen. Das ist in Berlin zum Glück nicht ganz so schwer.

Im Frühjahr lief mir Die Heiterkeit über den Weg, vielmehr las ein ein paar spannende Artikel über die Band und nach drei Songs und zwei Videos wurde die Platte mit dem elegischen Namen Pop & Tod I / II gekauft.

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Pop & Tod I / II, Cover von Sonja Deffner

Für Konzerttickets fuhr ich extra zur KoKa36, denn das ganze sollte im //:about blank stattfinden, das seine Karten wohl nicht von jedem verkaufen lässt.
Noch nie gehört. Das ganze stellte sich als kleiner Klub in einem ehemaligen Wirtschaftsgebäude heraus und sah so aus wie Jugendclubs früher.

Natürlich waren wir zu früh. Ich habe keine Ahnung, warum man auf Tickets Zeiten draufschreibt, wenn man sie doch nicht einhält.
Als jemand, der Wochentags kurz nach fünf aufsteht, sehe ich das nicht ganz so gelassen.
Nun gut, irgendwann fing die Vorband Luchs (Facebook-Link) an, eine gothrockige Damenkombo, die mit breitem Bass hämmerte, aber ihre Stimmen nicht sonderlich in die Anlage brachte.

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Luchs

Die Heiterkeit trat dann auch komplett ohne Schnickschnack auf, was ich nach den kunstlastigen Videos nicht erwartet hatte.

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Der Klub war recht dunkel, aber das sind: Die Heiterkeit

Aber der Kontrast von Grabesstimme (Stella Sommer) und den hohen Stimmen von Hanitra Wagner am Bass und Keyboarderin Sonja Deffner ist schon cool.

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Stella Sommer mit einem Lächeln

Die Lieder sind ehrfurchtgebietend und es wäre ein tolles Konzert gewesen, wenn uns der Qualm diverser Räucherwaren nicht auf den Magen geschlagen wäre.

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Niemand trällert »Nacht« so schön wie Sonja Deffner

Das war sowas von 90er Jahre. Ich bin wohl zu alt für stinkende Klubs. Dieser ist von der Liste meiner Konzertlocations geflogen.
Die Heiterkeit natürlich nicht. Denn so cool, lässig und episch wie Stella Sommer singt wohl nur noch Dirk von Lotzow, aber der ist ja auch lediglich ein paar Tage nach mir geboren worden.

Das war mein Konzertjahr 2016. Weiter geht’s 2017 im März mit Knorkator. Da wird Gras bloß gehäckselt und nicht geraucht.

Travel blue and blind

Manche Dinge sind schon ziemlich seltsam. Etwa, dass ich mich in literarische Figuren verliebe. Die erste dürfte Constance gewesen sein – ich war damals eine Weile sehr erfolgreich als Musketier unterwegs. Später (unterbrochen von einer heftigen Schwärmerei für Aphrodite) eroberte mich Gamma aus Andymon. Die Reihe meiner Unverflossenen ist mit der Zeit länger geworden. Oh, süße Emma Bovary!

Noch ganz frisch ist meine Verzückung über einen blauen Wuschelkopf, den sich Guido Krain ausdachte. In seiner Space Opera O.R.I.O.N. spielt die geniale Hackerin und Bastlerin eine recht energische Rolle. Sie »adoptierte« einen zweihundert Jahre alten Soldaten, dessen technische Optimierungen ihn eigentlich zu einer tödlichen Kampfmaschine machen und der extreme Schwierigkeiten mit dummen Vorgesetzten hat. Zwischen den beiden läuft natürlich etwas, aber wie das bei solchen Konstellationen eben so ist, müssen sich beide darüber erst klar werden.

Und auch wenn Pali also vergeben ist, ist sie jetzt mein Mädchen und der Herr Krain täte besser daran, ihr nicht weh zu tun!

Nicht wundern, der flapsige Ton passt zur Reihe und ich habe gerade mit viel Vergnügen den fünften Band gelesen: Schwarzauges Schergen von Guido Krain

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Schwarzauges Schergen von Guido Krain, Cover von Shikomo

Aber ich will noch über ein anderes Mädchen schreiben: Suzanne.

Ich habe Leonhard Cohen erst sehr spät für mich entdeckt und das über Suzanne. Manchmal muss man eben zuhören und danach wollte ich auch mit ihr gehen, blind, am Ufer des Flusses.

Es gibt eine Dokumentation des NDR über eine Konzertreise Cohens mit dem Titel »Bird on the wire«, in der man seine Verletzlichkeit erahnen kann. Aber auch die sehr auf sich selbst bezogene Künstlerpersönlichkeit. Sie enthält eine Szene, in der trifft Cohen in Israel auf hochinteressierte ZuhörerInnen, darunter Esther Ofarim. Man spürt förmlich die Inspiration, die hier aus der Musik, aber vor allem aus Cohens Ausstrahlung leuchtet.

Mein Vater war ein großer Verehrer von Esther Ofarim und auf seiner Beerdigung spielten wir ihre Version von »Bird on the wire«.

Bye, Mr. Cohen!

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