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Lollis gab es keine

Vielleicht habt ihr schon das eine oder andere vom diesjährigen Lollapalooza in Hoppegarten gehört. Ein Musikfestival auf der Rennbahn nahe Berlin. Da das quasi bei uns um die Ecke ist, besorgten wir uns früh Karten.

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Das Lollapalooza in Hoppegarten

Die Veranstalter hatten dann irgendwann die Bomben-Idee, dass man die Karten nachträglich personalisieren müsse. Die entsprechende Mail hab ich natürlich zunächst ignoriert, hatte ich doch drei Karten ausgedruckt und fertig. So wie immer.

Pustekuchen.

Jedes Ticket musste einen Namen haben. Aber nicht nur das. Für jede Karte brauchte man auch einen eigenen Account und obendrein eine eigene Mail-Addy. Keine Ahnung, wie das bei anderen Familien ist, bei uns bin ich dafür zuständig und so durfte ich den Quatsch natürlich dreimal machen. Samt Fakeaddys um die Mails an mich weiterzuleiten. Ob das jetzt Terroristen abschreckt? Mich auf jeden Fall.

Nunja. Der Busshuttle zum Eingang klappte tadellos. Am Eingang bekam man sein Bändchen mit Überwachungschip, den man zum kostenlosen Bezahlen nutzen sollte. Dafür musste man Geld auf den Chip laden. Klappte vormittags problemlos, nachmittags fiel ein Großteil der Kassen aus. Epic Fail. Noch dämlicher ist es, dass man denen zwar Bargeld geben kann, sie aber Restguthaben nicht auszahlen.

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Elfenwerk

Service sieht anders aus. Die schmalbrüstigen Begründungen, warum bargeldlos so toll sei, glauben eh nur Manager die sich solche Systeme aufquatschen lassen. Lange Schlangen an Essensbuden und Getränkeständen gab es trotzdem, denn selten ist das Bezahlen der zeitaufwändige Part. Aber egal.

Es war ja trotzdem ein tolles Event. Das Festivalgelände bestand nicht nur aus kunterbunten Bühnen, es gab ein Riesenrad, Bespaßungsareale für Groß und Klein und Nahrungsmittel von gesundheitsschädlich bis ökovegan.

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Das Lolla-Gelände am sonnigen Sonntag

Der Samstag stand für uns ganz im Zeichen von EDMElectronic Dance Music. Von dieser Abkürzung hatte ich bis dato noch nichts gehört, aber Nachwuchs wollte sich das unbedingt geben. Unser erster Act war Filous, ein DJ, dem man seine zwanzig Lenze nicht ansieht und der sehr schüchtern wirkte, aber trotz Nieselregens die bereits sehr zahlreiche Menge in Tanzlaune versetzte.

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Filous

Die von ihm verarbeiteten Songs kannte ich nicht. Was vor allem daran liegt, dass sie für mich ähnlich ununterscheidbar sind wie die aktuellen Automodelle. Das ändert auch kein neuer Beat. Zwischendurch kam klei auf die Bühne und sang ein paar Songs, sehr enthusiastisch und hipp.

klei

klei

Überhaupt fiel mir auf, wie ausgelassen gerade auch die Mädchen abhotten und das mit Tanzbewegungen, die ich früher verwendete, um öde Songs zu veralbern. Es war nicht der letzte Moment des Tages, an dem ich mich vom Musikgeschmack abgehängt fühlte.

Sicherheitshalber hatte ich auf meinen neuen Fotoapparat verzichtet und die alte Kamera eingesteckt, da die auch in die Hosentasche passt. Lustigerweise konnte ich jetzt durch das Wissen über die Neue wesentlich mehr aus ihr herauskitzeln. Nur im Dunkeln zeigten sich ihre Beschränkungen und so gibt es hier nicht von allen Acts Bilderchen.

Aber weiter gings mit Drunken Masters, die noch mehr aufs Gaspedal traten und sogar ein/zwei Songs verwurstelten, die ich kannte.

Drunken_Masters

Drunken Masters

Dann aber verließen wir den hippen Teil mir unbekannter DJs und eilten zu Wanda.

Wanda

Wanda

Die Österreicher hatten keine Probleme, die Massen zum Toben und Mitsingen zu bewegen, exklusive Nachwuchs natürlich, der sich im falschen Film fühlte.

Weiter zu George Ezra.

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George Ezra

Immer noch mit jugendlichem Charme und Schüchternheit moderierte er jeden Song an und schloss erwartungsgemäß mit »Budapest«, was so ziemlich jeden in beschwingte Stimmung versetzte.

Der Tross zog zu den Beatsteaks weiter. Geile Band, viele geile Songs, Wahnsinns live Stimmung. Berliner eben.

Beatsteaks

Beatsteaks

Musikalisch aber auf dem Rückzug, wenn man mal so vergleicht zwischen ihren Alben von vor zehn Jahren und dem aktuellen Brocken.

Wir verließen die Hauptbühne etwas früher Richtung EDM, da Nachwuchs Yellow Claw sehen wollte.

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Yellow Claw

Für uns eine Stunde Folter. Ein paar Beats mehr und es wäre Techno gewesen, den ich schon in den 90ern hasste. Konsequenterweise ließen wir Nachwuchs dann dort, um sich Galantis alleine anzuhören, denn wir erhofften uns Erholung bei Mumford & Sons.

Galantis

Galantis

Dabei kamen wir natürlich noch in den Genuss einiger Materia-Songs, wie »Lila Wolken« und »Kids«, sowie eines Auftritts als Marsimoto. Marteria war so in Feierlaune, dass er mit seinen Fans vor der Bühne noch tanzte, als der Ton schon längst auf Bühne 1 lag und sich Mumford & Sons in harmonischen Gesängen wälzten. Das ist Gute-Laune-Mucke und versöhnte uns mit dem EDM-lastigen Tag. Da wir schon etliche Stunden in den Knochen hatten, blieben wir nicht bis zum Schluss, holten den Nachwuchs aus seiner Buller-Ecke ab und ließen uns nach Hause shutteln. Offensichtlich rechtzeitig genug, um dem Heimreise-Chaos zu entgehen, von dem wir erst am nächsten Morgen hörten.

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Die Sonne kam zum Untergehen

So aber waren wir noch rechtzeitig zu Hause, sodass wir die Last Night of the Proms noch sehen konnten. Ich mag dieses Event vor allem wegen der ausgelassenen Stimmung und wie die Britten hier nicht nur ihre Musiktradition feiern, sondern auch sich selbst. Es ist einfach tieftraurig, dass sie die EU verlassen.

Aber zurück zum Lolla. Nachwuchs wollte am zweiten Festivaltag nicht wieder mit, was uns das Musikprogramm etwas einfacher gestalten ließ.
Die Sonne begrüßte uns auf dem Feld und mit Bonaparte fing ein echter Festivaltag an.

Bonaparte

Bonaparte

Coole Mucke, witziges Tanztheater und schrille Kostüme – Bonapartes Auftritte sind einfach irre. Wir legten uns auf die Wiese und genossen das herrliche Wetter und die nackten Leiber auf den Leinwänden.

Anschließend schauten wir kurz zu Django Django, die uns aber weder bekannt waren, noch begeisterten, also folgen wir der Empfehlung des Nachwuchses, Alma eine Chance zu geben.

Alma

Alma

Die junge Dame performte mit ihrer Schwester, wobei es auch Schwester im Geiste gewesen sein kann, so genau habe ich es nicht verstanden. Sehr quirlig und kraftvoll, mich hat es vor allem auch interessiert, weil mir der Chorus von »Bonfire« im Ohr hängen geblieben war. Würde mir jetzt kein Album kaufen, aber unterhaltsam war es auf jeden Fall.

In Vorbereitung auf unser Highlight zogen wir vor die Hauptbühne. Dort sang Anne-Marie.

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Anne-Marie

Die junge Frau sah aus wie Madonna zu »Like a Virgin«-Zeiten, also wirklich süß, klang aber wie Miley Cyrus, gähn.

Während sich dann auf Bühne 2 Rudimental verausgabte, platzierten wir uns schön dicht vor der Hauptbühne und warteten auf AnnenMayKantereit. Und die waren großartig.

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AnnenMayKantereit

Völlig überwältigt von der Masse mitsingbereiter Fans, gaben sie alles. Henning May hüpfte immer wieder euphorisch herum, setzte ein spitzbübisches Lächeln auf und sah einfach megasympathisch aus.

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Für »Barfuß am Klavier« zog Henning auch die Socken aus

Unterstützung mit der Trompete erhielten sie erst von Ferdinand »Ferdi« Schwarz und später mit der Posaune von Julia Gruber, alles alte Bekannte der Band aus früheren Tagen.

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Ferdi und Julia Gruber

Das letzte Lied bestritten sie mit der Höchsten Eisenbahn: Zehntausende sangen mit ihnen »Du hast den Farbfilm vergessen«. Henning konnte sich das Grinsen nicht verkneifen, als er sang »ich im Bikini«.

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Volle Bühne

Das war stimmungsmäßig definitiv der Höhepunkt für uns.

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Henning und Francesco Wilking

 

Da ich mir lieber London Grammar als Cro anhören wollte, eilten wir wieder zur alternativen Bühne.

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London Grammar

Die Sängerin Hannah Reid singt wie ein Engel und gibt sich auf der Bühne auch so. Keine Ahnung warum ich noch keine Platte von ihnen im Schrank habe. Extrem himmlisch. Allerdings verführte sie die Ohren meiner Liebsten nicht im selben Maße, sodass wir bald wieder zurück wanderten, um für die Foo Fighters ein hübsches Plätzchen zu suchen. Dabei sahen wir noch etwas von Cro.

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Cro schwebte rechts etwas erhöht.

Ich find ihn eher langweilig, aber er tut auch keinem weh.

Dann krachte es, die Welt erbebte und ein Sturm beförderte den Brandenburger Sand ins Universum: Foo Fighters. Meine Liebste konnte ein brauchbares Handyfoto knipsen:

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Die Foo Fighters bliesen alles weg

Sie hatten viel vor und wollten jeden Shit von all ihren shitty Scheiben spielen und wahrscheinlich waren 80 % der Festivalbesucher nur wegen ihnen da, zumindest herrschten ihre Fan-Shirts deutlich vor. Kopfzertrümmernder Rock ist ein perfektes Festivalende.

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Uns hat‘s gefallen. Nächstes Jahr findet das Lollapalooza im tiefsten Westberlin statt und wahrscheinlich werden wir trotzdem hinreisen. Ich hoffe bloß, dass die Veranstalter das dämliche Ticketsystem ändern und wieder Bargeld zulassen. Man braucht nicht jeden neuen Rotz, wenn das Alte fehlerfrei funktioniert – denn im Mittelpunkt steht die Musik!
Lolla!

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Berlin im Sonnenschein

Es war im Jahre 2009 als ich das allererste Mal Regina Spektor life erleben konnte. Sie tourte mit ihrem Album Far und bezauberte nicht nur mich im ausverkauften Fritzclub im Postbahnhof (inzwischen ehemaliger Fritzclub).
Natürlich schwor ich mir damals, sie wieder zu sehen. Ach Jahre lang musste ich warten, gestern war es so weit: Regina weilte in Berlin und ich nicht im Urlaub. Juhu.

Einziger Wehrmutstropfen: Sie spielte im Tempodrom. Das Dingens hasse ich. Es ist teuer, unbequem und kann nur durch die sanitären Anlagen punkten. Aber für Regina Spektor kann man diverse Opfer bringen.

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Regina Spektor im Tempodrom

Während all der Jahre brachte sie neben einem Live-Album zwei neue Platten heraus. 2012 das sehr kurze What We Saw From The Cheap Seats und letztes Jahr Remember Us To Life und jedesmal wurde ihre Lieder feste musikalische Begleiter. Neben den Songs von Anna Ternheim gehören die Lieder von Regina Spektor zu jener Art von Musik, die ich immer wieder hören, fühlen und denken kann. Darum laufen sie auch regelmäßig in meinem Player und ich habe zwar ein paar Lieblingssongs, aber eigentlich höre ich mich durch alle Platten.

So handhabte sie es auch am Montag in ihrem Konzert. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, war das älteste Lied der Sailor Song vom Album Soviet Kitsch, Far dominierte mit sieben Songs, Remember Us To Life folgte dicht auf mit sechs, Begin to Hope mit drei und What We Saw From The Cheap Seats mit zweien, wobei sie Ballad Of A Politician nutzte, um an ihre eigene Geschichte als Emigrantin zu erinnern.

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Regina und die Gitarre

Wie gewohnt blieb sie in ihren Ansagen schüchtern und bedankte sich zaghaft, war sichtlich erfreut über einen üppigen Blumenstrauß, und bedankte sich für das sonnige Berlin nach den verregneten Tourtagen vorher.

Meist spielte sie am Klavier und natürlich schnallte sie sich für The Trapper and the Furrier, aber vor allem für das rockige That Time die E-Gitarre um.

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Etwas unscharf, aber es kam ja auf die Musik an

Sie kann ja schnelle Nummern genauso kraftvoll raushämmern wie eine ihrer unzähligen Power-Balladen, wobei der absolute Höhepunkt wieder einmal Après Moi darstellte, das mit seiner russischen Strophe schon immer einzigartig klang.

Ihre Begleitung bestand aus Schlagzeug, Cello und Keyboard, die alles an Musik abdecken konnte und einen großartigen Sound lieferte. Regina füllte das Zelt aber auch so mit ihrer Stimme komplett aus. Leider war das Tempodrom nicht ausverkauft, aber der langanhaltende Applaus ließ das schnell vergessen.

Die Zugabe und das Konzert beendete Samson, bei dem ich wohl immer dahinschmelzen werde und zum Glück war ich mit meiner Liebsten im Konzert – es war ein perfekter Moment.

Nee, ich!

Wenn eine Kleinkunstkapelle wie Knorkator einen neuen Tonträger auf die Massen ihrer Fans wirft, folgt sie selbst auch bald. Zum Abschluss ihrer Ich bin der Boss-Tour gab sich die Meiste Band der Welt in der Columbiahalle die Ehre. Das altehrwürdige Hause wurde gleich zweimal hintereinander ausverkauft, wie es sich eben für die heimatlichen Gefilde gehört.

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Ich bin der Boss – Knorkator

Altehrwürdig ist auch die Band, was man bereits bei der ersten Vorband deutlich zu spüren bekam. Denn Frontmann von Black Monster Truck ist kein anderer als Alfs gerade noch klitzekleiner Sohn Tim Tom. Die sympathische Schülercombo gab gepflegten Ghscore zum Besten, samt Growling und ordentlich Saft auf den Saiten. Den stolzen Papa sah man kurz selbst im Publikum, wie er vergnügt den Gig verfolgte.

Black Monster Truck

Black Monster Truck

Aus dem wilden Osten Berlins stammt auch Tschaika 21/16, die Gitarre und Schlagzeug wurden durch eine Trompete ergänzt hatten. Der Trompeter baute zunächst einen kleinen Turm aus Holzklötzchen, bevor er ziemlich versiert in das musikalische Geschehen eingriff. Das wilde Gemisch aus Rock, Stoner und Noise schrammte stets ganz nah an öder Textlastigkeit vorbei und verwirrte die Menge doch ein wenig.

Tschaika 2116

Tschaika 21/16

Knorkator selbst geben ja bereits seit Zehntausendjahren Konzerte und ich habe noch keines erlebt, das auch nur irgendwie langweilig war. Die Jungs haben eine unendliche Anzahl von Songs, deren Refrains sich gnadenlos laut durch den Saal schreien lassen.

Von der neuen Platte ist ist das natürlich zunächst einmal der Titelsong Ich bin der Boss. Als die Menge ein letztes Mal diesen gängigen Slogan brüllte, beendete Stumpen den Song mit einem markigen »Nee, ich!«

Zu Zähneputzen, Pullern, Ab ins Bett! holte er sich einen Milchbart auf die Bühne, die sich aber auf einen Stuhl setzen musste, als Buzz Dee grinsend feststellte, dass der Kleene größer als Stumpen war.

Überhaupt ist es immer wieder eine Freude, Stumpen in Action zu erleben. Der Mann ist fitter als ein Turnschuh, hat die Menge stets völlig im Griff und blastert jeden seiner Songs mit Kraft und prolligem Feinsinn hinaus. Er ist sich für kein noch so irres Outfit zu schade und meistert selbst Paukenschläge auf den Kopf mit breitem Grinsen.

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Auch die Band setzte sich hin

Sie spielten noch diverse andere Songs der neuen Scheibe, zu Setz Dich hin, mussten wir uns tatsächlich hinsetzen, was in der Bier triefenden Columbiahalle kein ganz so großer Spaß war. Aber angesichts einer doch beachtlichen Anzahl etwas älterer Fans, stand man bald wieder Gelenke krachend auf. Insgesamt aber gab es eine große Altersdurchmischung, selbst die durchtrainierten Pogohüpfer fehlten nicht.

Als wir uns durch frenetischen Jubel die Zugabe verdient hatten, gab es dann weitere Hits aus dem riesigen Repertoire samt Böse, Ficken und natürlich Weg nach unten.

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Stumpen im Feuerrad

Kurz, es war ein phantastischer Konzertabend, Knorkator sind einfach die Meisten!

Und immer wieder hüppen!

Musik muss tanzbar sein, meinte Judith Holofernes mal in irgendeinem der vielen klugen Interviews die sie so führt. Deshalb gibt es auf jeder ihrer Platten genügend Songs zum infernalischen Gehopse.

Ich mag das total.

Nachdem ich sträflicherweise ihr letztes Album Ein leichtes Schwert erst letztes Jahr für mich entdeckte, hatte ich das neue sofort vorbestellt, sie auf Twitter verfolgt und schwupps Konzertkarten geordert.

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Judith stellt Teitur als Vorband vor

Das Konzert fand nun am Dienstag im Lido statt. Der Club liegt im Wrangelkiez in Kreuzberg und ich war echt noch nie dort. Keine Ahnung warum, immerhin hab ich jahrelang nur paar Kilometer entfernt in Friedrichshain gelebt. Aber damals waren wir mehr auf den Prenzlberg ausgerichtet und belagerten den Frannzclub.

Frank Böhmert schrieb mir gleich, dass ich das Lido mögen würde und er hat mich natürlich wieder einmal ausgelesen wie einen übervollen USB-Stick. Der Laden ist kuschelig bis in den kleinsten Sessel der Lounge und perfekt für ein intimes Club-Konzert geeignet.

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Buch, CD und heiße Tapete im Lido

Ich hatte mich vorher nach einer Fotoerlaubnis erkundigt und konnte somit weitere Erfahrungen mit meiner Lumix sammeln. Ich liebe sie! Zwar zoomte sie mittendrin plötzlich von ganz alleine (ich habe gar nix niemals gemacht, ehrlich!) extrem an Judith heran, aber bis auf diese kleene Eigenwilligkeit schnurrte das Kätzchen mit zärtlicher Eleganz.

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und über den Rand  …

Das Konzert bediente alle Erwartungen. Es gab jede Menge Chaos, ein paar Schwerter und das Crossover mit Teitur, der uns als Vorband einheizen und zum Lachen bringen durfte.

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Teitur

Die auf Twitter ausgelobten beiden Helden-Songs stammten vom Album Soundso, das quasi nun gar nicht so zu meinen Lieblingen gehört, aber trotzdem passten sie super rein. Aber gegen die letzte Zugabe, Elefant, kommt so schnell nix heran.

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Judith und Band

Es war zu kurz, aber mitten in der Woche bin ich darüber nicht wirklich böse. Da ich die Fotoerlaubnis via Fantasyguide geordert hatte, gibt es auch dort einen Bericht: Judith Holofernes am 21.03.2017 im Lido in Berlin Kreuzberg

Manche Lieder sind unendlich

Nina Hagen. Irgendein Bild von ihr hat man wohl sofort im Kopf. Teile ihres Lebens strömten immer mal wieder durch die Presse. Wer mit exzentrischem Punk wenig anfangen kann, wird sie musikalisch wie ich eher nicht wahrgenommen haben. Im Ausland strahlte sie stets greller, bunter und lauter. Doch Faszination löste sie immer schon bei mir aus. Was ich so von ihr mitbekam, waren meist pikierte Berichte, inszenierte Fremdschämmomente konservativer Medien, die in mir das vage Gefühl hinterließen, dass Nina Hagen einfach ein bisschen zu crazy für diese schnöde, graue Welt sei.

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Das BE mit Brecht im frühen Frühling

Was kann also ein Brechtliederabend mit Nina Hagen im Berliner Ensemble anderes werden als eine verrückte Tour de Force?

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Fast schon eine Institution: Nina Hagen sing Brecht

Und im Prinzip wurde er das auch. Nina ist kein junger Hüpfer mehr, die Stimme ist älter, Opernkoloraturen gab es keine mehr, wohl aber das bekannte Quieken, Kieksen und Tonlagengespringe. Ähnlich wild ging es durch das Liederwerk von Brecht, versetzt mit Songs anderer Liedermacher, etwa von Dylan. Je weiter der Abend voranschritt umso dichter wurde ihre Assoziationskette, selbst mitten in einem Song konnte ein Gedankenblitz zu einem anderen Song führen – großartig, wie ihre Begleitmusiker die Melodien aufnahmen und den sitzenden Wirbelwind mühelos auf ihrer Liedschnitzeljagd folgten.

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Nina, großartige Musiker und ein Mann mit Zigarre.

Daneben gab sie eine Menge Geschichten zum Besten, las Historisches von diversen Blättern ab, wies auf ihre mannigfachen Schirmfrauenschaften hin und auch zwei Spitzen gegen Biermann flogen durch das altehrwürdige Brechthaus. Schon als kleene Göre saß Nina hier im Rang und entdeckte Brecht für sich. Und auch Kurt Weil, denn was wären die Lieder ohne die Musik?

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Nina Hagen

Es gab eine Zugabe und Nina hätte auch noch gerne weitergemacht, gegen Elf schien sie erst richtig auf Betriebstemperatur gekommen zu sein. Aber zum Glück gibt sie diese Liederabende in unregelmäßigen Abständen immer mal wieder. Eine Chance, diese etwas verpeilte, aber liebenswerte Künstlerin in Action und in Farbe zu erleben.

Der eiserne Gisbert

Anfang Dezember verschickte Gisbert zu Knyphausen eine Rundmail an seine Newsletter-Abonnementen, um auf ein Clubkonzert aufmerksam zu machen und ich konnte es kaum fassen, wo es stattfinden sollte: in der Alten Försterei, hier in Köpenick.

Ihr könnt mir glauben, dass ich innerhalb der nächsten Minuten zunächst die Regierungsformalitäten und dann die Karten klar machte. Der Andrang war offensichtlich so groß, dass Gisbert ein paar Tage später ein Zusatzkonzert ankündigte.

Wir kannten bisher nur das Stadion und waren noch nie im Gebäude der Haupttribüne, daher wanderten wir auch wie gewohnt Richtung Hintereingang. Der natürlich zu geschlossen hatte und so kamen wir noch in den Genuss eines kleinen Winterspazierganges, da wir das Stadion fast einmal umrunden mussten.

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Gisbert, ein Wintertag und die Alte Försterei

Das Konzert fand in der Schlosserei statt, quasi das erste Obergeschoss des neuen Eingangsgebäudes und es ist als Konzertlocation der Hammer. Super Verkehrsanbindung, riesiger Parkplatz und bei uns um die Ecke.

Okay, die Bühne ist winzig, aber der Sound ist klasse, die Crew freundlich, die Klos pikobello und nun ja, es gibt auch Bier. Berliner Pilsner kann man mal trinken.

Es begrüßte uns ein Unioner, der uns die große Hintergrundgeschichte des Abends servierte. So lief vor acht Jahren im Stadion der Song Sommertag von Gisbert und machte ihn zum Fan. Als er letztes Jahr versuchte Karten für ein Konzert zu bekommen, waren die so fix weg, dass er sich dachte, es sei wohl einfacher, den Gisbert nach Köpenick zu holen.

Da das Zusatzkonzert bereits am Vorabend stattfand, konnte Gisbert auch gleich loslegen.

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Gisbert zu Knyphausen

Er spielte sich quer durch sein Repertoire und natürlich auch Sommertag. Dazu kamen einige Songs die eventuell oder garantiert auf der nächsten Platte zu finden sein werden, für die er im März ins Studio geht. Selbst an den Texten arbeitet er noch.

Ganz wunderbar fand ich seinen Song zum Timm Thaler Film von Andreas Dresen, der allerdings ganz am Ende des Abspannes laufen wird. Wer nicht so lange warten wollte, konnte sich gestern eine Vinyl-Single kaufen.

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klein, aber fein: die Bühne der Schlosserei

Ein Klubkonzert ist etwas feines. Die Stimmung ist, gerade bei einem Liedermacher, meist friedlich familiär und auch Gisbert schien die eher intime Atmosphäre zu genießen. Es war ein wunderbarer Konzertauftakt für 2017, zumal ich Gisberts Songs eher im Winter und im Herbst höre.

Es wäre wirklich wunderbar, wenn sich die Schlosserei als Konzertort etablieren könnte – so fix und früh waren wir noch nie zu Hause. Fehlen jetzt eigentlich nur noch ein paar Szenekneipen links und rechts für die lauen Sommernächte.

Ein Jahr Mucke

Wie versprochen ein kleiner Rückblick auf mein musikalisches Jahr 2016.

Ich kaufte mir im vergangenen 15 CDs und eine LP, davon waren neun Neuerscheinungen und sieben Alben die Erfüllung älterer Wünsche. Die komplette Liste findet sich unten.

Von diesen fünfzehn Alben sind drei mit deutlichem Abstand meine Highlights.

Ganz oben Remember Us to Life von Regina Spektor. Sie hatte sich viel Zeit genommen für ihr neues Album und auch wenn die Kritiken wenig berauschend klingen, ich bin auch dieses Mal hin und weg. Ich mag einfach, mit welcher Leichtigkeit Regina Spektor Songs entwirft, die mir bereits nach dem ersten Mal wie alte Bekannte vorkommen. Das Album ist ruhiger und ernster als der Vorgänger, weniger verspielt und bombastischer arrangiert.

Es kann durchaus sein, dass sie ganz langsam in eine Richtung treibt, in der ich ihr nicht folgen mag, wie es mir etwa auch bei Tori Amos geht, aber 2016 war definitiv nicht das Jahr, in dem ich von Regina Spektor loskam. Alle ihre Alben laufen regelmäßig in meinem Player.

Putzigerweise war dies der erste LP-Kauf seit Jahren und prompt enthielt das Doppelalbum zweimal die Platte Zwei. Zum Glück klappte der Umtausch via amazon schnell und problemlos, aber irgendwie bezeichnend fand ich‘s schon.

Kommen wir zum Highlight Nummer Zwei: Judith Holofernes mochte ich seit dem allerersten Hören der Reklamation und auch die weiteren Helden-Scheiben gehören immer noch zu meinen Lieblingsplatten. Dabei bin ich gleicher Maßen heftig in die Texte verliebt wie in Judiths stimmlicher Interpretation. Sie kann Textstellen eine Bedeutung einhauchen, wie ich es bisher nur bei Tamara Danz erlebte.

Und doch verlor ich die Gute aus den Augen. Zwar bekam ich ihre Solo-Pfade mit, kümmerte mich aber nicht weiter darum, bis ich in irgendeinem von mir verfolgten Blogpost las, ihr Album Ein leichtes Schwert hätte sein Leben verändert.

Bei einer der nächsten Youtube-Abende holte ich dann Judith aus der Versenkung und nach staunensvollem und in wiedererweckter Verzückung Dahinschmelzen wurde die CD bestellt. Inzwischen läuft auch sie bei mir in regelmäßigen Wohlfühlsessions.

Nach den Jahren der politischen Empörung und Liebe-vollen Jugend springt Judith als wildgeprüftes Mitglied eines Elternkollektivs durch die Gegend und singt ebenso grandios von diesem Leben, wie sie es vorher von ihrem alten tat.

Das ist eine extrem schwierige Sache, denn die allermeisten Musikerinnen und Musiker, die in ihrer unruhevollen Jugend geile Mucke schufen, ziehen aus ihrem glücklichen Familienleben nix als langweilige Songs.

Für den 17. März ist Ich Bin Das Chaos angekündigt, ich hab‘s gleich vorbestellt und auch schon Konzertkarten geordert. Noch einmal will ich Judith nicht aus den Augen oder Ohren verlieren.

Mein drittes Lieblingsalbum ist quasi der allergrößte Kontrast dazu und gefällt mir wahrscheinlich genau aus diesem Grunde.

Die mir bis dato vollkommen unbekannte Band Die Heiterkeit bescherte uns im letzten Jahr Pop & Tod I+II. Die gar nicht so heiteren Songs sind in der Mehrzahl vollkommen abgefahren, ungewöhnlich und skurril. Ich mag sie alle.

Das Album reiht sich ein in die Liste cooler Entdeckungen der letzten Jahre: Supermoon von Sophie Hunger und natürlich Über das Grübeln von Balbina.

Gehofft hatte ich auch, dass mir For The Young von Anna Ternheim besser gefallen würde. Ich werde sie noch einige Male hören, aber während ich Separation Road (2007) und Somebody Outside (2006) mindestens einmal im Monat in mein trauriges Gemüt fließen lasse, hat mich die 2016er Platte bisher noch nicht so verführt.

Weitere Alben, die nicht das brachten, was ich mir von ihnen erhoffte:

Udo Lindenbergs Stärker als die Zeit war enttäuschend und auch von Knorkator gibt es bessere Scheiben als Ich Bin Der Boss, etwa das rundumperfekte Ich hasse Musik oder das geniale HighMudLeader. Aber selbstverständlich bin ich Ende März beim Konzert.

Auf das Debüt von AnnenMayKantereit hatte ich mich auch sehr gefreut, aber im Wesentlichen überzeugen weiterhin nur die paar Singles, das Album Alles Nix Konkretes ist doch recht durchwachsen.

Schwer hatten es auch PJ Harvey und Anohni mit ihren neuen Platten The Hope Six Demolition Project und Hopelessness, die alten Höchstleistungen zu überbieten, und so werden Let England Shake und I’m a Bird now weiterhin meine erste Wahl sein, wenn ich die Stimmen der beiden hören möchte.

Daneben gibt es noch eine Reihe von Platten, die gut sind, exakt in den Erwartungen liegen aber nur in die erweiterte Rotation gelangen. So das neue Wilco-Album Schmilco. Es passt in die Band-Historie, macht großen Spaß und lohnt jedes Hören. Das lässt sich auch von zwei spät gekauften Alben sagen: Kaputt von Destroyer und das 2014 Trümmer-Album, die wie der kleine Bruder von Ja, Panik klingen.

Wenig Eindruck hinterließen Between The Times And The Tides von Lee Ranaldo, David Lynch‘s Crazy Clown Time und Zettel auf dem Boden von Niels Frevert – alles Blindkäufe aus Empfehlungen.

Aber Mut zum Risiko gehört eben auch dazu, wenn man mal etwas Neues entdecken will. Als Quellen für Tipps nutze ich in erster Linie zwei Zeitschriften: Die Spex und Schall.

Zwar überschneidet sich der Spex-Musikgeschmack zu höchsten zehn Prozent mit meinem, aber ich mag die Themen und die intellektuelle Herausforderung, der Sprache zu folgen. Die Spex beschnüffelt Dinge wie Mode, Kunst oder Architektur auf eine so schräge Weise, wie sie mir sonst nicht unterkommt. Das ist manchmal sehr inspirierend.

Schall widmet sich vorwiegend deutsch/sprachiger Musik ohne sich um Genres zu kümmern und verwundert mich immer wieder mit neuen Blickwinkeln auf KünstlerInnen, die ich in irgendwelche Vorurteilsschubladen beerdigt hatte.

Daneben guck ich, was man bei abgehört (Spon) so vorstellt und lese natürlich die Musikkritiken im Feuilleton der Berliner Zeitung – da sammelt sich dann immer mal wieder etwas an.

Ein Album fehlt noch: Blind Guardian‘s Nightfall In Middle-Earth entdeckte ich in den guten alten napster-Zeiten und seitdem gab es immer mal wieder Momente, wo ich genau diese Musik hören wollte. Jetzt war einfach Zeit, das Album in der 2007er Aufbesserung zu kaufen.

Was lief sonst noch in meinem Player? Natürlich einige der ultralangen Folgen von Methodisch Inkorrekt und mein absoluter Lieblingspodcast Viva Britannia, das leider 2016 etwas weniger oft erschien, sowie aus Rezensionsgründen die neuen Folgen der Mark Brandis, Raumkadett Hörspielreihe, leider allesamt super produziert aber schlecht geschrieben.

Ui, doch ne Menge Text geworden. Aber im Gegensatz zu den gelesenen Büchern schreib ich ja übers Jahr hinweg kaum mal etwas zu meinen Audiogenüssen.

Meine Musikeinkäufe 2016:

Die Heiterkeit: Pop & Tod I+II (Juni 2016)

Judith Holofernes: Ein leichtes Schwert (Februar 2014)

Knorkator: Ich Bin Der Boss (September 2016)

Wilco: Schmilco (September 2016)

Regina Spektor: Remember Us to Life (September 2016)

Niels Frevert: Zettel auf dem Boden (November 2011)

Lee Ranaldo: Between The Times And The Tides (März 2012)

Destroyer: Kaputt (Januar 2011)

Udo Lindenberg: Stärker als die Zeit (April 2016)

Trümmer: Trümmer (August 2014)

Anohni: Hopelessness (Mai 2016)

David Lynch: Crazy Clown Time (November 2011)

AnnenMayKantereit: Alles Nix Konkretes (März 2016)

Blind Guardian: Nightfall In Middle-Earth – Remastered (Juni 2007)

PJ Harvey: The Hope Six Demolition Project (April 2016)

Anna Ternheim: For The Young (Januar 2016)

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