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Unsre kleine Gärtnerei

Mit christlicher Religion hab ichs nicht so, von daher hat mich eine eingehende Betrachtung mittelalterlicher Gemälde mit religiösen Motiven nie sonderlich interessiert.

Nun hat sich aber Christian von Aster einem jener Werke gewidmet und da mich jener Wortmeister fasziniert, überwand ich alle kulturelle Schranken und fuhr in die Z-Bar. Denn dort präsentierte Herr von Aster Boschs Vermächtnis: Eine phantastische Anthologie für deren Geschichten die Beteiligten Bildausschnitte des Gemälde-Triptychons Garten der Lüste von Hieronymus Bosch als Inspirationsquelle bekamen.

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Boschs Vermächtnis, Cover und Herausgeber: Christian von Aster

Mit großer Freude, die alte Wirkstätte des StirnhirnhinterZimmers wieder zu betreten, präsentierte Christian das dicke Büchlein. Neben ihm waren eine Autorin und fünf Autoren nach Berlin geeilt, uns das gärtnerische Erbe zu vermachen.

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Lauschet dem Meister Christian von Aster!

Allen voran erzählte Luci van Org in Vogeltränke ein durchaus glaubwürdige Variante des christlichen Schöpfungsmythos, deren Witz sich zum Finale hin immer weiter steigerte.

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Luci van Org

Sie las das mit genau der richtigen Mischung aus komödiantischem Ernst und schalkhafter Klamotte.

Ulf Torreck ist mit der Geschichte Damenwahl unter dem Pseudonym David Gray in der Antho vertreten.

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Ulf Torreck

Er teaserte seine Geschichte nur an, die zumindest eine interessante Datingkatastrophe versprach. Der große Mann ließ irgendwann seine rechte Hand frei und sie agierte fortan als munter wuseltrommelnde Untermalung der Geschichte.

Sascha Dinse kannte ich schon von einigen Texten und seinem Blog. Auf seinen Auftritt war ich sehr gespannt. Ruhig, fast schüchtern im Auftreten bot er die perfekte Untermalung seiner düsteren, apokalyptischen Rachegeschichte Lisbeth, die so ziemlich alles zusammenfasst, was man sich unter dem finsteren Mitteleuropamittelalter vorstellt.

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Sascha Dinse

Ob man nun eine Stunde alte Cure-Platten (also die wirklich alten) hört oder Sascha Dinse lauscht – stimmungstechnisch kann es nicht trüber werden.
Zum Glück kam dann die Pause und hellte meine Laune mit Schwarzbier auf.

Nach der kurzen Reise in die Helligkeit stürmte Michael Marrak die Bühne.

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Michael Marrak

Wie Christian anmoderierte, ebenfalls Seraph-Preisträger und das, man kann es nie oft genug sagen, völlig zu Recht für den grandiosen Kanon mechanischer Seelen.
Doch zunächst quälte er sich mit den Tücken platzsparenden Buchsatzes. Die Parabel vom Zwielicht ist passenderweise als Triptychon gehalten und Micha wollte eigentlich einen kursiv gesetzten Part vorlesen, jedoch schwenkte er dann später auf einen anderen Teil um. Elfenwerk steckt in jedem Detail.

So konnte Daniel Illger zwar nicht sein Bier austrinken, sprang aber gern zu einem Schäferstündchen herbei.

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Daniel Illger

Wer sich in Illgers phantastischem Werk auskennt, wird keine fröhliche Unterhaltung erwarten. Und er blieb sich in Der Schäfer treu. Ich hatte ihn 2016 auf der Leipziger Buchmesse das erste Mal lesen gehört, als er aus seinem Debüt Skargat vorlas – Seraph prämiert, wie ein stolzer Gastgeber und Mitpreisträger erwähnte.
Daniels Vortragsweise hat sich mächtig weiter entwickelt und überraschte mich durch seine hintergründige Düsternis.

Hingegen wieder unbekannt war mir Bernhard Stäber.

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Bernhard Stäber

In der Antho ist er unter dem Pseudonym Robin Gates vertreten. Nachtmahr behandelt eine walisische Silvestertradition, Mari Lwyd, und verfügt über genau jenen sich langsam aufschaukelnden Grauen um das Unglück eines Familienmitgliedes, das ich überhaupt nicht gern ertrage.
Das ist einfach nix für mein Darth Vaterherz. Toll war der Teil der Geschichte, den wir hörten, aber trotzdem.

Christian von Aster hatte uns sehr unterschiedliche Geschichten versprochen, und die bekamen wir auch.

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Der Nachlassverwalter: von Aster

Er ließ den Abend dann noch mit einem typisch Asteroiden Vortrag seines Vorworts ausklingen.

Der Garten der Lüste erscheint einem nach solch einer Lesenacht in gänzlich anderem Licht. Bosch hat da wieder einmal ziemlich finstere Gestalten unter seinen Erben gefunden und ich feiere das! Möge Boschs Vermächtnis die Runde machen und die Dunkle Seite mächtiger. Ihr wisst schon, die haben die Kekse.

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Lustvoll im Garten der Fantasie: Sascha Dinse, Michael Marrak, Ulf Torreck, Bernhard Stäber, Luci van Org, Daniel Illger und Christian von Aster

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Im Schatten des großen Haufens

Derzeit läuft in Second Life das eBook-Event der Brennenden Buchstaben, das ich nun schon seit Jahren besuche. An etlichen Frühlingswochenenden gibt es diverse Lesungen aus allen literarischen Bereichen, dargeboten auf großartigen Bühnen ambitionierter SL-Künstler und Künstlerinnen.
Ich freute mich wie Gimli in Helms Klamm als mich BBE-Chef Thorsten Küper frug, ob ich nicht auch etwas lesen und den Fantasyguide vorstellen möchte. Dachte schon, er kommt nie!

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Offizielles Poster vom Kueperpunk

Mit Texten aus den letzten beiden Fantasyguide-Anthos im Gepäck machte ich mich also auf den Weg zu meinem PC und versuchte, eine Stunde lang nicht zu sterben.

Meine erste Story, Amtsfreuden aus Am Ende des Regens von 2014, behandelt einen Tag aus dem Leben eines Briefträgers, der für außerirdische Eroberer arbeitet. Die Riesenameisen gaben BukTom Bloch auch die Gelegenheit für seine sehr treffende Gestaltung des Lesungsortes in Second Life. Am Himmel schwebte ein Ameisenhaufen, die anwesenden Avatare konnten sich auf kleine Haufen setzen, es gab einen Briefkasten und einen Briefträger mit Trumpgesicht. Herrlich!

Das tollste war, dass mir BukTom zwei Leseanimationen baute, sodass mein Avatar während jeder Geschichte das passende Buch in der Hand hielt. Ich liebe dieses Detail!

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Mein SL-Avatar während der Lesung

Die Sprache kam über eine extra-Software, da der SL-interne Voice-Server Ärger machte und ich musste die gesamte Zeit meine Push-to-Talk-Taste gedrückt halten, was beim Umblättern akrobatische Höchstleistungen erforderte.

Die zweite Story, Verführerische Düfte aus der 2017er Antho Der letzte Turm im Niemandsland, passte nicht mehr ganz ins Zeitfenster, aber die Saramee-Geschichte bot einen schönen Cliffhanger und vielleicht reizt das ja zum Erwerb der Antho.
Gestern wurde ich auch endlich mit ihrer Fortsetzung für die nächste Antho fertig.

Als die Lesung zu Ende, der Applaus durchgescrollt und ich megafertig zum Kühlschrank für eine Gerstenkaltschale hüppte, hätte ich die Welt aus den Angeln heben können. Vorab war ich dann doch sehr aufgeregt und die Erleichterung hinterher überschwemmte mich mit Glück.

Wenn das BBE 2018 durch ist, werde ich wieder einen Bericht verfassen. Dieses Jahr konnte ich ein paar Veranstaltungen mehr besuchen und schon jetzt bin ich hin und weg von der Vielfalt der Texte und Bühnenbilder. Es gibt meines Wissens nach in Deutschland nichts Vergleichbares.

BukTom hat meine Lesung übrigens mitgeschnitten. Zunächst hört man etwas Vorgeplänkel, die eigentliche Lesung beginnt etwa bei zehn Minuten.

Es brennt ein einsam Mädchen

Der Periplaneta-Verlag versorgt mich seit Jahren mit kleinen erstaunlichen Urban-Fantasy Werken, die sie in schöner Regelmäßigkeit in der Edition Drachenfliege präsentieren.
Wenn mir die Verlagscheffin Marion Alexa Müller also eine Neuerscheinung ankündigt, greife ich inzwischen bedenkenlos zu. Auch wenn die Werke nicht unbedingt komplett meinen Geschmack treffen, habe ich inzwischen aber das sichere Gefühl, etwas vor die Augen zu bekommen, das auf irgendeine Art und Weise Ungewöhnliches bietet.

Im März erblickte Die Gleichheit der Blinden von Nora Beyer das Licht der Prenzlauer Bergwelt. Ich bin mit meiner Rezension wieder spät dran, aber sie im Erscheinungsjahr online zu stellen ist ein Selbst-auf-die-Schulter-klopfen wert.

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Die Gleichheit der Blinden von Nora Beyer, Cover: Nicole Altenhoff

Die Gleichheit der Blinden wird vom Verlag als »dystopischer Fantasy-Roman und eine Hommage an die Vielfalt und die Kraft der Gedanken« beschrieben. Das Wort Dystopie lässt bei mir alle Alarmglocken schrillen, denn es ist in meinem Lieblingsgenre ein Synonym für Tragödie.

Nora Beyer wählte für ihre Geschichte eine ähnliche Form wie schon Micheal Ende in seiner Unendlichen Geschichte. Das Mädchen Anna lebt in einer postapokalyptschen Welt, die durch Gleichschaltung und Verbannung jeglicher Fantasterei in eine mittelalterliche Lebensweise zurückgefallen ist. Anna kommt auf einem Scheiterhaufen zu sich und kann den Flammen gerade noch entfliehen.
Elsa hingegen ist eine Waise, lebt in unserer Zeit und verfügt über eine blühende Fantasie. Zumindest sieht sie eine Menge seltsamer Dinge, was ihr bisher über kurz oder lang noch bei jeder Pflegefamilie Probleme einbrachte.
Die Wege der beiden Mädchen und damit ihre Welten scheinen miteinander verbunden zu sein. Sowohl in Leid als auch im Schmerz.

Tatsächlich wird besonders Elsas Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik zu einem eindringlichen und besonders düsteren Teil des Romans. Nora Beyer wollte ganz offensichtlich weder eine normale Questfantasy schreiben noch ein fröhliches Girlpower-Abenteuer. Ihre Heldinnen werden von einer feindlichen Umwelt getrieben. Sie kämpfen um ihr Überleben und lernen dabei, dass all die Widerstände und Angriffe sich gegen ihr Wesen richten. So zahlreich die phantastischen Elemente in Die Gleichheit der Blinden auch sind, im Kern geht es um die gnadenlose und alltägliche Unterdrückung von Menschen, die nicht der Norm entsprechen. Also eigentlich mehr ein Plädoyer für Toleranz als eine Hommage. Hatte ich so nicht erwartet. Eine wunderbare Überraschung.

Mehr zum Buch drüben beim Fantasyguide in meiner Rezi: Die Gleichheit der Blinden von Nora Beyer

Das Durchdrehen der Drehbühne

Für die jüngste Ausgabe des Horror-Magazins Zwielicht befasste ich mich ja mit der Gespenstergeschichte The Turn of the Screw von Henry James. Sie gehört zur Hall of Fame der Horror-Literatur und reizt vor allen dadurch, dass man Handlung und Intention fast beliebig interpretieren kann. Der Impact der Story ist in Deutschland nicht so dolle, aber wenn ich erwähne, dass Benjamin Britten eine Oper auf der Grundlage der Geschichte komponierte, dann erhalte ich zumindest von manchen Gesprächspartnern eine wohlwollend überraschte Reaktion. Was entweder an Oper oder an Britten liegt.

Jedoch kam ich während der Arbeit an dem Artikel nicht auf die Idee, diese Oper anzuschauen. Ein purer Zufall ermöglichte mir das nun. Meine Mutter wollte uns zu Weihnachten etwas Besonders schenken und bot an, Karten für die frisch aufgepimpte Staatsoper zu besorgen. Oper ist nicht so unser Ding, doch ins Programm geschaut und yeah: The Turn of the Screw!

Programm

Programmheft zur Oper »The Turn of the Screw« von Benjamin Britten

Letzten Freitag also konnten wir an einem megaheißen Apriltag die Geschichte auf eine neue Art genießen.

Front

Staatsoper, Foto von Marcus Ebener

 

Die Staatsoper hat sich nicht wirklich verändert, zumindest was mir meine Erinnerung erzählte, lediglich die Saaldecke hat sich deutlich gestreckt.

Saal

Saalansicht © Gordon Welters phone +49 170 8346683 e-mail: mail@gordonwelters.com http://www.gordonwelters.com

Nicht hübsch, aber dem neuen Sound geschuldet. Was meine Ohren natürlich nicht zu würdigen wissen. Ich bin da Banause. Aber alles ist hübsch frisch glänzend, das Gestühl weich und noch nicht abgesessen und im Vergleich zum Schauspielhaus am Gendarmenmarkt megabequem.

Aber zur Oper selbst. Die Musik mutet modern an, es gibt keine pompös getragenen Melodien, keine voluminösen Musikwellen sondern zumeist schräge Untermalungen der Handlung. Und die hat es ja gehörig in sich. Ich zitiere hier den Text der Staatsoperinszenierung:

»Eine junge Frau soll sich als Governess auf den Landsitz Bly begeben, um dort für die Erziehung der zwei Waisen Flora und Miles zu sorgen. Auftraggeber ist der Onkel, zugleich Vormund der Waisen, der nicht belästigt werden will und die junge Frau auf absolute Verschwiegenheit über die Vorgänge auf seinem Landsitz einschwört. Tatsächlich geben ihr das Verhalten der beiden Kinder und die Vorkommnisse im Haus Rätsel auf. Auch die Haushälterin Mrs. Grose, die offenbar schon ihr halbes Leben in Bly verbracht hat, scheint ihr nicht ganz durchschaubar. Schließlich glaubt die Governess die schemenhaften Erscheinungen eines Mannes und einer Frau durch die Räume wandeln zu sehen und in ihnen die Geister der ehemaligen Angestellten Peter Quint und Miss Jessel zu erkennen …«

Ohne zu spoilern kann man weiter recht wenig über die Handlung sagen. Interessant an der Oper waren einige sehr deutliche Interpretationsansätze. So wird der Gouvernante ein sexuelles Interesse an ihren Schützling Miles hinzugefügt, dass sich aus der Story selbst eher nicht ergibt. Ebenso wird die Verbindung zwischen den Geschwistern intensiviert und ebenfalls sexuell aufgeladen, auch das für mich jedenfalls nicht im Text vorhanden.

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Sónja Grané (Flora) und Thomas Lichtenecker (Miles)

Im Programmheft befindet sich der Abdruck eines Gespräches zwischen Claus Guth, der für die Inszenierung verantwortlich zeichnet, der Dramaturgin Yvonne Gebauer, dem Dramaturgen Roman Reeger und dem Ausstatter Christian Schmidt. Darin wird deutlich, dass Britten selbst durch die Musik bereits eine Interpretationsrichtung vorgab. So steht die Unschuld der Gouvernante im Mittelpunkt. Ihre Gefühle für ihren Auftraggeber zünden ihr sexuelles Interesse und laden ihre gesamte Welt sexuell auf. Das habe ich auch in der Geschichte gefunden, würde aber nicht so weit gehen, ihr ein amouröses Interesse an Miles zu unterstellen. Vielmehr neige ich dazu, dass sie versucht, ihn vor dem Desaster der Lust zu bewahren. Weil sie durch den Verlust ihrer Unschuld von Geistern besessen wird, will sie verhindern, dass dies ihren Schützlingen auch passiert. Zumindest ist das einer der Ideen, die ich beim Nachdenken über die Story hatte.

Bei Henry James kommen die Geistererscheinungen nicht zu Wort. In der Oper lässt die Librettistin Myfanwy Piper sie sprechen, also singen. Für die Inszenierung dachte man sich diverse Tricks aus, um nicht mit Bettlaken hantieren zu müssen. So singen beide stets verborgen. Die Akustik funktionierte hierbei so gut, dass es nicht zu dumpfen Verdeckungseffekten kam, wenn die Stimmen hinter Wänden hervorkamen.

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Sónja Grané (Flora), Thomas Lichtenecker (Miles) und Emma Bell (Governess)

Dadurch schienen die Geister stets anwesend zu sein. Zudem war die Bühne so geschaffen, dass sich mit ihrer Drehung neue Fluchten, Korridore, Zimmer oder gar ein Labyrinth bildeten. Die SängerInnen konnten so in Bewegung bleiben und den strudelartigen Sog der Handlung erlaufen, hängen bleiben oder aus ihm fliehen. Das war faszinierend und großartig, Christian Schmidt vollbrachte hier ein szenisches Wunderwerk, dass eine beeindruckende Horroratmosphäre aufbaute. Wenn das Geschwisterpaar starr neben einer Tür steht, hat man automatisch Shining im Gedächtnis.
Diese Verfremdung wird noch gesteigert, wenn zwei Kinderdarsteller mit Riesenköpfen eine frühere Version der Geschwister darstellen. Zum einen verdeutlicht es noch einmal, dass die Zeit der kindlichen Unschuld vorbei ist, zum anderen bringen diese Szenen etwas unwirklich Monströses auf die Bühne. Die Kinder erscheinen nicht als etwas Nettes, Naives.

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Fabian Sturm (Miles/Komparserie), Emma Bell (Governess) und Zoe Ruf (Flora/Komparserie)

Die Oper lief im englischen Original, es gab über der sehr hohen Bühne Textanzeigen für Deutsch und Englisch, was sehr hilfreich ist, denn ich kann Opernstimmen nur selten Wörter entnehmen. Gerade Countertenor Thomas Lichtenecker, der den Miles spielte, habe ich überhaupt nicht verstanden. Aber okay, in sowas muss man sich wohl einhören und eine Fremdsprache macht das Ganze nicht einfacher.

Es war ein großes Vergnügen, mich auf diese doch ganz andere Art und Weise mit The Turn of the Screw zu befassen und es war natürlich auch ein himmlischer Abend mit meiner Liebsten.

Alle Fotos stammen übrigens von der Premiere am 15. November 2014 von Monika Rittershaus aus dem offiziellen Pressematerial der Staatsoper, ich habe nichts selbst geknippst, lediglich das Cover des Programmheftes scannte ich ein.

Bis zum bitteren Ende

Es ist geschafft. Nach Band 1 2015, Band 2 in 2016 habe ich nun den dritten Band der Geheimen Autobiographie von Mark Twain beendet.

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Meine geheime Autobiographie von Mark Twain

Er schrieb sie, um ihren Inhalt gleichmäßig auf seine Werke zu verteilen und damit die Schutzfrist des Urheberrechts zu verlängern. Samuel Clemens wollte so seinen Töchtern ein Einkommen verschaffen.
Im letzten Diktat erfährt man, warum der Plan umgestoßen wurde. Es beginnt mit: Jean ist tot!
Es gibt viele traurige Stellen in den drei Bänden, aber dieser letzte Eintrag ist in seiner zu Tränen rührenden Traurigkeit kaum zu überbieten. Jean ist die jüngste seiner Töchter. Sie litt an Epilepsie und starb Heiligabend 1909 nach einem Anfall in ihrem Badezimmer.
Im Herbst hatte Clara Clemens geheiratet und Twain lebte nun zusammen mit Jean allein im Haus (das Personal nicht mitgerechnet). Während er das Gesicht seiner toten Tochter betrachtet schreibt er sich die Tränen aus dem Herzen, erinnert sich an all die letzten Kleinigkeiten der Vortage, die nun für ihn zu Kostbarkeiten werden. Mit ihrem Tod gab es für ihn keine Notwendigkeit mehr, die Diktate fortzusetzen.
Und um diesen letzten Band der Autobiographie noch deprimierender enden zu lassen, fügten die Herausgeber noch ein Manuskript an, das von Twain nicht als Bestandteil der Autobiographie bestimmt wurde. In diesem Text, der als Brief an einen langjährigen Freund verfasst wurde, analysiert er die Umstände und Begebenheiten durch die ihn seine Sekretärin und dessen Freund über Jahre hinweg betrogen hatten und ihn fast enteignet hätten. Diese Ereignisse überschatteten 1909 und es würde mich nicht überraschen, wenn ihn dies so sehr schwächte, dass er der Krankheit im April 1910 erlag.
Ja, mit diesem Schluss hatte ich nicht gerechnet. Aber er vermiest mir natürlich nicht den Gesamteindruck.

Neben einer Vielzahl von Anekdoten und Geschichten über Personen die er kannte, mochte oder hasste gab es mehrere große Themen in seiner Autobiographie.

Natürlich ganz oben stand seine Familie. Sam Clemens beschreibt sie mit großer Herzenswärme und trotz etlicher trauriger Momente stets auch mit einem lustigen Funkeln in den Ecken seiner Sätze.

Damit verbunden ist sein Kampf für eine Verbesserung des Urheberrechts. Sein Wunsch, die Töchter zu versorgen ist verständlich, wenn auch stark mit der Idee verknüpft, dass Frauen in seiner Gesellschaftsschicht nicht für ihren Unterhalt arbeiten bräuchten, denn das sein Männersache. Er kam gar nicht auf die Idee, diese Abhängigkeit als unfair zu betrachten.

Sehr spannend fand ich seine Meinung zu zwei US-Präsidenten. Große Stücke hielt er von Ulysses S. Grant. Der ehemalige Bürgerkriegsgeneral hat Clemens so sehr beeindruckt, dass er dessen Autobiographie herausgab. Ein Werk, das ich durchaus gern lesen würde. Leider fehlt da eine preiswerte deutschsprachige Neuausgabe.
Ganz und gar nicht mochte er hingegen Theodore Roosevelt. Die Passagen über die Fehlpässe des Präsidenten lesen sich, wie heutige Beschreibungen von Donald Trump. In der deutschsprachigen Wikipedia findet sich zu Roosevelt nichts Negatives. Weder über Wahlmanipulation noch über dumme Aktionen. Vielleicht ging Mark Twain hier absichtlich mit harten Bandagen gegen einen unliebsamen Politiker vor und versuchte, ihm nach seinem Tod noch zu schaden, oder aber die Welt ist wirklich so vergesslich.
Vieles spricht dafür, dass Bösewichter nachträglich zu den Guten werden. Werden wir also Trump dereinst als normalen Präsidenten bezeichnen?
Twains Auslassungen über Roosevelt sind auf jeden Fall ein köstliches Stück politischer Satire.

Im dritten Band tauchte ein Thema auf, dass aus heutiger Sicht höchst seltsam anmutet. Der Siebzigjährige umgab sich gern mit jungen Mädchen, Teenies allesamt. »Unschuldige Dinger«. Er lieh sie sich von ihren Gouvernanten oder Müttern aus, um mit ihnen zu Dinners zu gehen, die ihn sonst angeödet hätten, oder bat sie, ihn auf Urlaubsausflügen zu begleiten. Für ihn wohl ein Ersatz für Enkelkinder.
Heute würde so etwas schon zuallererst an den Mädchen selbst scheitern. Mir fielen jedenfalls nur wenige Vierzehnjährige ein, die freiwillig einen alten Sack zu einem Treffen alter Säcke begleiten würden, um einen schönen Nachmittag zu verbringen.
Aber um 1900 schien das gesellschaftlich normal und individuell unbelastet zu sein.

Womit sich Sam Clemens sehr selbstironisch auseinandersetzte, waren seine Gutgläubigkeit und sein Talent, in Luftschlösser zu investieren. Was der Mann an Geld verloren hat durch dubiose Aktiengeschäfte, seltsame Erfindungen oder Trickbetrüger, ist schier unglaublich. Wohlstand war ihm wichtig, Geld jedoch nicht. Das handhabte er Ur-US-amerikanisch – es musste arbeiten. Verluste gehören dazu und verhindern nicht, es wieder zu versuchen.

Ebenso typisch für einen US-Bürger gab sich Sam Clemens als standfester Verteidiger der Demokratie. Ob er gegen undemokratische Methoden Roosevelts wetterte, seiner Befürchtung Ausdruck verlieh, die USA könne in die Monarchie zurückfallen oder er aus Prinzip den unterlegenen Kandidaten wählte, egal welcher Partei er angehörte, nur um die Wahl demokratischer werden zu lassen – sein Herz schlug für die USA, für die Demokratie und für die Freiheit. Und das bedeutete für ihn auch, das Handeln der gewählten Volksvertreter kritisch zu betrachten. Besonders deutlich wird das in der harschen Kritik am Massaker an den Moros auf den Philippinen 1906. Schlimmer kam wohl bei ihm nur der Belgische Schlächterkönig Leopold II. weg.

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Eine wunderbare Edition

So reihten sich für mich bei der Lektüre geschichtliche, private, literarische und gesellschaftliche Themen aneinander, dargereicht von einem der charmantesten, bissigsten, großzügigsten Erzähler, der mir bisher vor die Äuglein kam. Drei ganz wunderbare Bände, die mich nun insgesamt über vier Jahre begleitet haben. Es fühlt sich ein wenig wie ein Abschied an, obwohl ich die Bücher ja nicht weggebe. Ich sollte mir wohl alsbald das nächste Werk von Mark Twain vorknöpfen.

Die Eleganz der Dankbarkeit

Seit 25 Jahren machen Tocotronic nun schon Musik und etwa 20 davon habe ich bewusst mitverfolgt. Mir fielen sie auf mit »Die Welt kann mich nicht mehr verstehen« von ihrem dritten Album Wir kommen um uns zu beschweren. Eine schnelle, verrückte Nummer, die sich mir sofort ins Hirn brannte. Es war die Zeit der norddeutschen Bands und ihre Songs bildeten eine befreiende Abwechslung zu Eurodance und Techno.

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Tocotronic im Lensflare-Fieber

Über die Jahre und Alben hinweg fraßen sich die inzwischen vier Jungs durch diverse Stilrichtungen. Sänger Dirk von Lotzow versorgte die Tracks mit beachtenswerter Lyrik, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass sie Parolen und Phrasen irgendwie mühelos und geschmeidig integriert. So könnte man meinen, ein Tocotronic-Konzert sei die perfekte Plattform für Publikumsgesang und Statements. Aber erstaunlicherweise ist dem nicht ganz so, wie ich am gestrigen Zusatzkonzertabend feststellen durfte.

Zunächst konnte aber Ilgen-Nur mit ihrer Band die Columbiahalle vorheizen.

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Ilgen-Nur

Die Sängerin hat eine beeindruckend kraftvolle Stimme, die mit besseren Songs mehr zur Geltung käme. Vielleicht sollte sie auch lieber auf Deutsch singen. Aber ich werde versuchen, mir den Namen zu merken, da könnte etwas Größeres kommen.

Tocotronic präsentierten in ihrer Stammbesetzung in einem minimalistischen Bühnenaufbau.

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Rock pur

Dirk von Lowtzow sang und spielte diverse Gitarren, der ewig junge Jan Müller zupfte den Bass, Arne Zank liebkoste sein Schlagzeug während Rick McPhail lässig professionell mit seiner Gitarre auftrat. Der Rest des Sounds kam von zwei verdeckten Seitentischen. Letztlich sorgten drei Gitarren und ein Schlagzeug für einen dampfenden Rock-Abend.

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Dirk von Lotzow

Die Stimmung im Saal war zunächst nicht überbordend, eher erwartungsvoll. Hier standen viele Fans und wollten ihre Band hören, nur in der vorderen Hälfte des Runds begann sich alsbald ein kleiner Moshpit zu bilden.

Dirk von Lotzow übte sich in großen Gesten und eloquenten Ansagen, denen man auf jeden Fall Freude und Bewegtheit anmerkte, zumal sich das Publikum schnell erwärmte.
Das mit dem Mitsingen hielt sich jedoch in Grenzen. Vielleicht, weil es nicht allzu viele Schlagwortsongs auf die Setliste schafften. Das Potential spürte man bei »Aber hier leben, nein danke!« vom 2005er Album Pure Vernunft darf niemals siegen – auch schon wieder dreizehn Jahre alt.

Der Opener war wie erwartet aber der Titelsong von Tour und aktuellem Album »Die Unendlichkeit«. Mit Sternenhimmel und blauer Beleuchtung definitiv ein dräuender Beginn, der eigentlich sofort klarstellte, dass Tocotronic zwar mit einigem grauen Haar erschienen, aber weiterhin zeitlos gut in Form sind. Nicht wie ich, der nur paar Tage älter ist als Dirk von Lotzow und sich darüber freute, das Unendlichkeitsshirt nun endlich in der XXL zu bekommen.

Von Unendlichkeit gab es dann auch insgesamt mehr Songs zu hören als von den anderen Platten, das Album dominierte den Abend aber nicht. Vielmehr war die Mischung bunt, es gab »Letztes Jahr im Sommer«, »Let there be Rock«, »This Boy is Tocotronic«, »Hi Freaks«, »Kapitulation«, »Sag alles ab«, »Macht es nicht selbst«, »Bitte oszillieren Sie«, »Zucker« »Wie wir leben wollen« und noch mehr niemals alten Kram zu hören. Zwölf Alben bieten eben eine riesige Auswahl an Songs.

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Unendlichkeit für zwei Stunden

Während das Meiste wuchtig dahingerockt wurde, sang Dirk von Lotzow »Unwiederbringlich« ganz allein nur von sich selbst begleitet. Umso breiter wirkte der Sound der folgenden Tracks, einfach nur Rock für ein ganzes Universum.

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Die Stars des Abends

Nach zwei Zugaben wurden wir dann eine milde Frühlingsnacht entlassen, die Unendlichkeit in mir.

Was aus dem Wald herausschallt

Als der Antje Kunstmann Verlag die Southern-Reach-Trilogie von Jeff VanderMeer ankündigte, gehörte sie bereits zu den hochgelobtesten SF-Werken und eigentlich wollte ich mir die Bücher auch kaufen. Irgendwas kam dazwischen und ich vergaß es.

Dann aber brachte Netflix die Verfilmung vom ersten Band Auslöschung auf die Mattscheibe und einfacher kommt man ja nun nicht an den Stoff, dachte ich mir. So ließ sich die gesamte Familie von diesem außergewöhnlichen Film verzaubern, den wir gerne im Kino gesehen hätten. Natalie Portman verkörpert die Hauptrolle der Biologin mit einer Mischung aus Kühle und Zielstrebigkeit, die sich der geheimnisvollen Umgebung perfekt anpasst. Natürlich sind die Parallelen zu Tarkowskis Stalker mehr als deutlich, Regisseur Alex Garland gelang aber ein eigenständiger Film. Allein schon die Konstellation von vier Frauen als Protagonistinnen eines SF-Films dürfte bisher nicht allzu oft vorgekommen sein.

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Auslöschung von Jeff VanderMeer

Darüber hinaus ist der Film auch keine exakte Umsetzung des Buches. Jeff VanderMeer war involviert und so kann man aber davon ausgehen, dass zumindest einige seiner Motive direkt ins Script flossen. Kernidee des Films ist, dass die Umwelt in der seltsamen Area X wie unter einem gigantischen Prisma liegt und dadurch bis hin zu den Genen eine Zersplitterung stattfindet.

Nach dem Abspann einigte sich die Familie auf ein Boah und die Mittel für die Anschaffung der Trilogie wurden freigegeben. Auf der Leipziger Buchmesse erwarb ich dann die Taschenbuchausgabe von Knaur.

Da ich den Film zuerst sah, belegte mein Geist die Figuren automatisch mit den Gesichtern der Schauspielerinnen, allen voran Natalie Portman als Biologin.
Die Unterschiede zwischen Buch und Film sind teilweise groß. Aber die Änderungen für die filmische Umsetzung leuchten ein. Bestimmte Teile der Geschichte kann man nur schwer als spannende Momente einer zweistündigen Leinwandadaption verwenden. Daher gibt es im Film einige Actionmomente mehr und wird das visuelle betont. Wichtig zu wissen ist auch, dass Alex Garland nur den ersten Band der Trilogie kannte und auch nur ihn verfilmen wollte. Jetzt, nach der Lektüre des zweiten Bandes, in dem etwas mehr auf die Hintergründe der Psychologin eingegangen wird, fallen einige weitere Scriptentscheidungen auf, die der Story nicht ganz gerecht werden und tatsächlich einer Verfilmung von Autorität Steine in den Weg werfen könnten.

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Autorität von Jeff VanderMeer

Aber mit Autorität bekam auch die Leistung von Jennifer Jason Leigh für mich eine zusätzliche Bedeutung. Zwar spielt die Psychologin als Figur kaum eine Rolle im Buch, aber sie ist die gesamte Zeit über präsent und dann hatte ich Jennifer Jason Leigh vor Augen und dieses tief versteckte Meta-Wissen in ihren Blicken.
Bin schon gespannt, wie sich Band 3 in das Gesamtbild einfügt. Der Film gehört für mich auf jeden Fall untrennbar zu dieser Melange dazu.

Wer sich nicht spoilern lassen will, sollte meine Rezi zu Band 2 erst lesen, wenn sie oder er Band 1 durch hat.

Auslöschung von Jeff VanderMeer
Autorität von Jeff VanderMeer

Tja und nebenbei muss ich mich jetzt auch noch um die EU Datenschutz-Grundverordnung kümmern. Das mag hier im Blog einfach sein, für den Fantasyguide bedeutet es jede Menge Arbeit. Da wir nicht mit der aktuellsten Typo3-Version laufen, kann ich auch nicht einfach angepasste Extensions nutzen. Im schlimmsten Fall muss ich die Kommentarfunktion erstmal ausschalten. Der Wahnsinn für Hobbyseiten wird deutlich, wenn ich die bisherige und die zukünftige Datenschutzerklärung vergleiche. Von 146 Wörten zu 4542. Die einzigen, die das je durchlesen werden, sind Anwälte, vermute ich mal.

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