Montbron

Gerade am Lesen:

Ulrich Holbein – Knallmasse

Gerade geschrieben:

Archive

Blogstatistik

  • 25.682 hits

Grenzenloses Grauen und eine Handvoll Enden

Als vor tausend Jahren Jürgen Schütz im SFN stolz verkündete, er würde in seinem kleinen Septime Verlag die weltweit erste Gesamtausgabe der Werke von Alice B. Sheldon herausgeben, besser bekannt unter ihrem lange unaufgdecktem männlichen Pseudonym James Tiptree Jr., war ich sofort Feuer und Flamme für das Projekt. Damals hatte ich noch nichts von ihr gelesen. Auch wenn ich heute weder alle Bände besitze, noch gelesen habe, bin ich immer noch genauso begeistert von dieser schmucken Reihe.

Helligkeit fällt vom Himmel von James Tiptree Jr.; Cover: Jürgen Schütz

Als der letzte Band »Helligkeit fällt von Himmel« für den Oktober-Klassikerlesezirkel im SFN gewählt wurde, fiel mir die Entscheidung nicht schwer, mitzumachen. Mein erster Roman von ihr, Band 10 der Gesamtausgabe. Das Werk erschien 1985, zwei Jahre vor ihrem Tod, der gerade erst wieder für einiges Aufsehen sorgte.

Immerhin erschoss sie sich 1987 nicht nur selbst, sondern im Rahmen eines Selbstmordpaktes auch ihren Ehemann. Da dieser Doppelselbstmord wohl nicht eindeutig belegt ist, wurde dieses Jahr der nach Tiptree benannte SF-Preis in »Otherwise Award« umbenannt, da Alice einen kranken Menschen getötet hatte – für kritische Stimmen ein Fall von Euthansie. Eine streitbare Entscheidung. Ich habe vor ein paar Jahren die Biographie »James Tiptree Jr. Das Doppelleben der Alice B. Sheldon« von Julie Phillips gelesen und neige daher zur Selbstmordtheorie. Durch die Lektüre dieser Biographie konnte ich auch einige Aspekte aus »Helligkeit fällt von Himmel« in das Leben der Autorin einordnen, ob das nun aber stimmt, ist natürlich nicht sicher, sondern reine Spekulation.

Frank Böhmert, Jürgen Schütz, Elvira Bittner und Julie Phillips auf der LBM 2015

Sheldon ist eine begnadete Schreiberin von Erzählungen gewesen, ihr Roman kann da nicht mithalten. Im Lesezirkel häuften sich schnell kritische Stimmen. Von langweilig bis Kitsch reichten bald die Meinungen und auch ich hatte es zunehmend schwerer, das Buch freundlich zu betrachten. Die Autorin steckte für mich einfach zu viel hinein. Zu viele Vorahnungen, zu viele Grausamkeiten, zu viele Rettungen, zu viele hochdramatische Beziehungsmomente und eben auch zu viele Enden. Kein in sich stimmiger und funktionierender Roman, trotz einiger sehr guter Inhalte und Figuren.

Trotzdem kommt das Buch jetzt ins Regal, denn die Gesamtausgabe bleibt ein Prachtstück.

In meiner Rezi gehe ich etwas mehr auf den Inhalt ein: Helligkeit fällt vom Himmel von James Tiptree Jr.

Ewig nervt auch ewig

Als alter Freund der Phantastik stelle ich mich seit Äonen dem Problem: Wie kommen die tollen phantastischen Werke in meinen wabernden Dunstkreis? Ein Musterbeispiel literarischer Kriegsführung gelang der SF-Debütantin Caroline Hofstätter. Okay, sie kommt auch aus der Werbung. Aber sie schaffte es nicht nur, sich in einem der beiden SF-Foren anzumelden, nein, ihr gelang es auch so über ihr Buch »Das Ewigkeitsprojekt« zu reden, dass ich gar nicht umhinkam, es kaufen und lesen zu wollen.

Das Ewigkeitsprojekt von Caroline Hofstätter; Cover: Timo Kümmel

Auf dem BuCon habe ich es dann am Stand des Atlantis Verlages brav erworben und mir auch signieren lassen. Real ist die Autorin übrigens genauso nett und stolz auf ihr Werk, wie virtuell.

Caroline signiert mein Exemplar

Womit wir schon beim Thema des Buches sind. Eine Medizinforscherin stellt eines Montagmorgens fest, dass nicht nur ihr Mann, sondern gleich alle Menschen aus ihrem Ort verschwunden sind, dafür bekommt sie per Mail Forschungsaufträge für ein Labor, dass sie via Laptop fernbedient. Die Seltsamkeiten häufen sich …

Der Roman ist kurz und knackig, 167 Seiten nur, schafft es aber dennoch, eine ganze Menge interessanter Ideen anzupacken, von denen der digitale Mensch wohl das wohl wichtigste Thema des Romans ist. Es ist schwer, über Inhalte des Buchs zu schreiben ohne zu spoilern, in meiner Rezi gehe ich da etwas tiefer, nur so viel: »Das Ewigkeitsprojekt« liefert keine einfachen Antworten auf existentielle Fragen.

Mir hat dieser SF-Roman wegen seiner direkten Perspektive sehr gefallen, auch wenn mir die Protagonistin an einigen Stellen zu langsam hinter die Dinge blickte. Doch so sind Figuren manchmal.

Es bleibt weiterhin ein spannendes SF-Jahr, in dem für mich die Werke von Autorinnen deutlich dominieren.

Als ich im Punk versank

Phantastik-Anthologien sind schlimmer als Elfen. Sie werden immer mehr, man wird sie nicht los, sie subben vor sich und sehen mich mit ihren großen bunten Covern vorwurfsvoll an.

Aber manchmal werde ich doch schwach und lass mich hinreißen. So konnte ich der schönen Dame »Xeno-Punk« nicht widerstehen, denn es klang einfach zu verlockend: Aliens und Punk, warum nicht?

»Xeno-Punk« herausgegeben von Sven Klöpping und Galax Acheronian; Cover: Galax Acheronian

Das ganze ist im Selbstverlag erschienen, wohl weil einer der Herausgeber Probleme mit dem bisherigen Verleger bekam, was mich bei den Beteiligten nicht wirklich verwundert hat. Aber es geht ja um Science-Fiction und nicht um Klatsch.

Ich war nie Punker, höre aber gerne Punk in diversen Ausrichtungen, er liegt mir deutlich näher als etwa Rap oder R&B. Von daher ist Punk für mich in erster Linie Musik. Erst danach zu etwa gleichen Teilen Rebellion und schräges Outfit – quasi steht Punk für den typischen Nachwuchs. Kleiner Scherz.

Die Autorinnen und Autoren von Xeno-Punk mixten diese Bestandteile kräftig mit Aliens und einige von ihnen wurden ganz philosophisch, indem sie der uralten Frage nachspürten, »Was ist Punk?«. Darauf wollen irgendwie immer alle eine Antwort, wie ich von Karl Nagel lernte, der die Nähe des Punks zu Aliens ja auch beschnupperte.

Wie in den meisten Anthologien gibt es auch in »Xeno-Punk« gute wie schlechte Texte. Leider keine herausragende SF-Story, dafür aber eine Menge wirklich abgefahrener Texte, die deutlich zeigen, wieviel Spaß es bereitete, den Punk ins Weltall zu tragen. Es könnte schlimmere Mission geben. Ich war gern dabei und kann nun endlich wieder ein Buch auf den Stapel einzusortierender Bücher legen, der mich mit seinen großen bunten Covern vorwurfsvoll anstarrt. Nun ja.

In meiner Rezension gibt’s konkrete Eindrücke zu den einzelnen Storys: »Xeno-Punk« herausgegeben von Sven Klöpping und Galax Acheronian

Verwahrt uns in Träumen

Wer die Liste der SF-Neuerscheinungen beobachtet, kann schnell das Gefühl bekommen, gerade läuft es wieder einmal so richtig gut für deutschsprachige Science-Fiction. Da ich ja seit einigen Jahren mein Leseverhalten daraufhin analysiere, warum so wenig Werke von Frauen dabei sind, verfolge ich ganz bewusst das Auftauchen von Autorinnen unter den Neuerscheinungen. Und gefühlt gibt es derzeit davon mehr, als ich lesen kann. Als alter Buchsammler bedeutet das aber eigentlich eher: mehr als ich mir merken und gleich kaufen kann.

Darum etwa versuche ich bei Lesungen immer ein Exemplar zu erwerben, klar, auch wegen der Signatur, aber selbst wenn mich der Stoff momentan nicht interessiert, hab ich das Buch schon mal da. Man weiß ja nie.

Dass ich »Die Unvollkommenen« von Theresa Hannig lesen würde, stand allerdings schon früh fest. Seit ihrem Debüt »Die Optimierer« ist sie in der Szene präsent. Sie gewann 2018 damit den Debüt-Seraph und ich konnte sie auf der LBM erstmals sehen, ohne ihre Lesung dort verfolgen zu können – mein Programm auf der LBM ist stets übervoll.

Die Unvollkommenen von Theresa Hannig

Ende August besuchte ich dann den SF-Autorinnen Abend in der Kulturbremse und erlebte Theresa dort dann endlich live, erwarb »Die Unvollkommenen« und legte sie zu Hause brav auf den Sonder-SUB. Das ist der Stapel mit Büchern aus Lesungen, die ich unbedingt noch lesen will.

Thersa während der Lesung

Beim Otherland hab ich jetzt auch »Feuerschwingen« von Sabrina Železný bestellt. Geht ja nicht, dass ich das jetzt auslasse. Mal sehen, wann das kommt, Wolfgang musste das irgendwie über den Verlag ohneOhren ordern.

»Die Unvollkommenen« wanderten jetzt in meine Hand, weil ich schon wieder eine Pause von meinen beiden Rezi-Exemplaren benötigte. Tja, was soll ich sagen: Ich las das Buch an einem Tag durch. Dieser schlecht heilende Bauchnabel bringt auch ein/zwei positive Dinge mit sich. An erster Stelle: Lesezeit.

Als direkte Fortsetzung der »Optimierer« setzt »Die Unvollkommenen« an nach der Verurteilung Lilas wegen Hochverrats und schildert zunächst den Strafvollzug in der dystopischen Roboter-Diktatur Bundesrepublik Europa. Das weitet sich dann zu einem fiesen Überlebenskampf, als sie den Auftrag erhält, die leibliche Mutter des Herrschers dazu zu überreden, mit ihm zu sprechen.

Lila steckt plötzlich mitten in einem gesellschaftlichen Umbruch.

Theresas Dystopie glänzt vor allem in der leichtfüßigen Integration philosophischer Probleme. So geht es um Rechte und Lebensweisen intelligenter Roboter, um die Funktion des Menschen in einer Welt mit solchen Robotern, um die Beziehung zu auf Chips übertragenen Bewusstseine und um die Bedeutung von technischen Erweiterungen des Menschen.

Ich fand das spannend erzählt und vor allem mit der genau richtigen Mischung aus Gesellschaftskritik und Denkanregungen.

Solche Romane beweisen mir, dass die deutschsprachige SF durchaus jene moderne, politische und vorwärts denkende Literatur gebären kann, die für eine kulturelle Überwindung von Antisemitismus, Diskriminierung, Faschismus und Klimakrisenleugnung so dringend gebraucht wird. Wir müssen die Nazis aus den Köpfen herausbekommen.

Mehr zum Inhalt schrieb ich drüben im Fantasyguide: Die Unvollkommenen von Theresa Hannig

Einhorn, ein Vampir und einmal Hexe per Anhalter

Irgendwann im Frühjahr explodierten im Otherland die Buchpremieren, unmöglich, jede mitzunehmen. So verpasste ich Jasper Nicolaisen, der sein jüngstes Buch »Erwachsen« präsentierte. Natürlich kaufte ich das Buch beim nächsten Otherlandbesuch trotzdem. Und ebenso natürlich las ich es erst einmal nicht.

Erwachsen von Jasper Nicolaisen; Cover: Sergio Vitale

Weil ich aber momentan Bauchnabelpflege betreiben muss und viel zum Lesen komme, ergab es sich, dass ich zur Ablenkung von den schwierigen Rezi-Brocken in den SUB griff und »Erwachsen« hervorzog. Und verschlang.

»Erwachsen« ist eine Familenkomödie ebenso wie ein Sozialroman, ein Nerdroman, eine Sinnsuche, Trauerbegleitung, eine Susan-Sontag-Hommage, eine kleine Sexualkunde, ein Liebesroman und eigentlich völlig ungeeignet, wenn jedes Lachen dem Bauch Schmerzen entlockt.

Den Ausgangspunkt bildet eine Beerdigung. Thomas hat seinen Mann durch einen Autounfall verloren und kommt damit nicht klar. Anwesend sind KollegInnen seines erfolgreichen StartUps und die Mütter seines pubertierenden Sohns.

Wenige Tage später hat er gekündigt, bekommt »Einzelfallhilfe« von Spritney Biers, erlebt eine Balkonszene und Zugang zu den beiden anderen Generationen seiner Familie. Und das klingt nur halb so schräg verworren, wie das Buch in Wahrheit ist, weil ich hier ja nicht spoilern will.

Mein Leben ist im Vergleich dazu doch ultrakonservativ und langweilig. Wobei mein Schatz mir da in Anbetracht meiner Krankenakten massiv widersprechen dürfte. Aber man soll ja Biographien nicht gegen einander aufwägen.

Kurzes Fazit: Das Buch ist wunderbar erzählt und eine Lesevergnügen. Echt schade, dass ich die Lesung verpasste. Etwas mehr gibt’s wieder in meiner Rezi: Erwachsen von Jasper Nicolaisen

Die Spielwiese der Triebe

Seit fünf Jahren begleite ich die Space Opera »O.R.I.O.N.« von Guido Krain nun schon. Was zunächst als »Star Trek«-Clone begann änderte sich zunehmend in eine Gewalt- und Sex-lastige SF-Reihe, die ich bisher so nicht kannte und auch nicht präferiere. Ich blieb vor allem bei der Stange, weil die Reihe eine Menge lustiger Szenen und ein paar coole SF-Ideen enthält, mir viele Figuren ans Herz wuchsen und ich es irgendwie schade finde, dass sie in meiner SF-Fandomblase niemand zu lesen scheint.

Wahrscheinlich ist sie auch zu extrem. Das Projekt krankte zuletzt daran, dass ihm die MitstreiterInnen wegbrachen und Guido somit die Reihe ganz alleine stemmen musste. Was natürlich dazu führte, dass seine Schreib- und Stoffvorlieben bestimmend wurden.

Ingenium von Guido Krain; Cover: Shikomo

Für die nächste Staffel wünsche ich mir da mehr Ausgeglichenheit. »Ingenium« lässt sich auch auf eine hintergründige Art lesen, was ich in meiner Rezension darzustellen versuche, aber vermutlich ist der Grim & Gritty Faktor doch reines Unterhaltungsmittel ohne tieferen Plan. Um es ganz klar auszudrücken: Eine Vergewaltigung finde ich nicht lustig, mag sie nicht als Plotfüllsel lesen müssen und habe kein Verständnis dafür, wenn die betroffenen Figuren ohne Spuren daraus hervorgehen. Mit so etwas habe ich komplexe Probleme. Aber ich habe die große Hoffnung, dass »O.R.I.O.N.« zwar eine düstere, horrorlastige SF-Serie bleibt, aber den Stoff für mehr Tiefe nutzt.

Wenn der Milchmann plötzlich klingelt

Mein Bauchnabel entschloss sich einst, in die weite Welt zu ziehen. Dadurch wurde mein Bauch nicht kleiner, nur löchrig und so kamen die sieben Zauberinnen aus dem Lande Chirurgie und schenkten mir einen Stopfen. Nun liege ich in weichen Daunen und harre der zukünftigen Dinge.

Zeit genug, den SUB abzuarbeiten. Leider schreibt sich das im Liegen auf dem Schleppi nicht so dolle, aber wenn mir fehlende Rezis auf dem Magen liegen, werden die Bauchschmerzen auch nicht geringer.

Also nun verkünde ich die frohe Kunde: Mein Reziberg aus der Edition Drachenfliege ist eingestampft! Mit »Herrn Murmelsams Trinklieder« von Philipp Multhaupt hab ich nun hoffentlich die Jahresproduktion geschafft.

Herrn Murmelsams Trinklieder von Philipp Multhaupt; Cover: Nicole Altenhoff

Ich wusste ja durch seinen todtraurigen, bittersüßen Liebesroman »Über die Erhabenheit toter Katzen und das Umwerben trauriger Mädchen« schon in etwa, was mich erwartet und so halfen mir die melancholischen, wehmütigen und bitteren Texte durch Wartezimmer und Sprechstunden.

Es geht in den Geschichten um verlorene Träume, die Liebe, Dinge hinter den Erwartungen und um jede Menge Alkohol. Verbunden durch ein paar Gedichte ergibt sich so ein Büchlein pulsierender Unschärfe, die genau jenen Teil des Lebens beschreibt, dem wir am liebsten gar nicht so genau ins Antlitz blicken möchten.

Ja, ich bin froh, dass das Buch vorbei ist, so etwas kann man nicht immer lesen. Aber es war auch wunderschön.

Drüben im Fantasyguide gehe ich auf jeden der 27 Texte kurz ein: »Herrn Murmelsams Trinklieder« von Philipp Multhaupt

%d Bloggern gefällt das: