Montbron

Archiv

Blogstatistik

  • 30.079 hits

Was kostet ein Leben?

Matt Ruffs Art zu schreiben begeisterte mich von den ersten Seiten seines Debüts »Fool on the Hill« an. Natürlich wollte ich dran bleiben und noch mehr von ihm lesen, es blieb dann aber bei dem beeindruckenden »Ich und die anderen«. Es kamen irgendwie immer wieder andere Bücher und Leseprojekte dazwischen …

Nun aber erwarb ich in einem spontanen Kaufrausch im Otherland die Taschenbuchausgabe von »Lovecraft Country«. Das Buch war ja in letzter Zeit omnipräsent und wurde inzwischen im Serienformat verfilmt. Und das passt, denn das Buch ist eine Art Episodenroman, wobei alle Figuren und Plots trotzdem zusammengehören.

Lovecraft Country von Matt Ruff

Die USA sind in den 50er Jahren vom Rassismus geprägt. Der Vater des jungen Ex-Soldaten Atticus hatte eine geniale Idee, es seinen Leuten leichter zu machen, die Bundesstaaten zu bereisen, in denen der Rassenhass besonders schlimm wütet, er schuf »The Safe Negro Travel Guide«. Das erleichtert das Auffinden von Hotels, Restaurants und Tankstellen, die Menschen nicht wegen ihrer Hautfarbe abweisen.

Dennoch ist das Reisen stets gefährlich, wie wir bereits nach wenigen Seiten bangend miterleben müssen. Zwar gelangt Atticus halbwegs unbeschadet zu Hause an, jedoch muss er auf der Suche nach seinem verschollenen Vater erneut durch Feindesland.

Der Rassismus zieht sich durch das Buch, beherrscht Handlung und Figuren aber nicht in der Art, dass sie davon erdrückt werden. Matt Ruff mischt in die historische Gefahrenlage noch etwas lovecraftschen Horror, was, wie der Rassismus, zum Titel passt, und fügt noch weitere spannende Zutaten hinzu. Etwa eine begeisterte Astronomin, die den Weltraum bereist. Die Geschichte einer Versklavten, die Buch darüber führt, was ihr der Sklavenhalter an Lohn und Entschädigungen schuldet. Eine junge Frau, die in der Haut einer anderen erblüht. Ein alter Geist, der seine Meisterin findet. Ein Junge, der sich Ängsten stellen muss, die ihn und seine Familie bedrohen. Religiöse Fanatiker mit Zauberkräften und machtvollen Büchern.

All das wird wunderbar erzählt, voller Fantasie und Liebe zur Phantastik. Trotz der klassischen Settings sind die Figuren modern, besitzen die Strahlkraft menschlicher Charaktere, die mehr Leben besitzen als manche echte Menschen. Ich bin mal wieder hin und weg von Matt Ruffs Talent und Kunstfertigkeit. Natürlich durch die Worte von Anna und Wolf Heinrich Leube, die das Ganze ins Deutsche übertrugen.

Mal sehen, wie die Serie wird, ein erster Seh-Versuch scheiterte, da der Streamingdienst zur Originalfassung keine englischen Untertitel anbot und ich nichts von dem verstand, was die Figuren sagten, zumal die erste Szene nicht im Buch vorkam.

Trotzdem bin ich gespannt, wie Ruffs überbordender Phantastikozean umgesetzt wurde. Ein paar Worte mehr gibt es wieder drüben im Fantasyguide: Lovecraft Country von Matt Ruff

Das Problem mit dem magischen Zeitmanagement

Home Office ist ganz toll, aber mir fehlen die drei Stunden Lesezeit täglich in den Öffis auf meinem Arbeitsweg. Da Management jeglicher Art und ich auf Kriegsfuß stehen, hab ich noch keine Lösung gefunden, wie ich mir auch zu Hause Freiraum zum Lesen schaffe. Aber immerhin komme ich pflichtbewusst dazu, Rezensionsexemplare zu lesen, auch wenn ich schon lange kaum noch etwas anfordere, trotz diverser Angebote. Ich kauf die Bücher auch lieber.

Jedenfalls konnte ich mich bei einem Buch dann doch nicht beherrschen, das im Pressetext einfach zu cool klang:

»ob mit Ovids „Metamorphosen“, Murakamis „1Q84“ oder Tove Janssons „Mumins“ – beim Lesen betreten wir eine andere Welt. Durch Bücher erreichen wir Orte, Zeiten und Ereignisse, die für uns unendlich fern und manchmal fast undenkbar sind. Die Journalistin Laura Miller hat sich auf die Reise durch zwei Jahrtausende Literaturgeschichte begeben und die hundert faszinierendsten Fantasiewelten zusammengetragen: von uralten Legenden und Mythen über Klassiker der Weltliteratur bis zum „goldenen Zeitalter der Fantasy“ und aktuellen Bestsellern.«

Wonderlands herausgegeben von Laura Miller; Cover: Jim Tierney

Na, könnt ihr euch mein Sabbern vorstellen? Okay, müsst ihr auch nicht. Als das Buch dann Monate später ankam, hatte ich das natürlich schon wieder komplett vergessen, aber das Buch ist optisch ein Schmuckstück, gibt sich wie ein oldschool-Lexikon mit tollen Abbildungen und ganz schnell klebten jede Menge Markerfähnchen drin. Ich hörte dann damit bald auf, weil mir klar wurde, dass ich auf lange Sicht gar nicht all jene Bücher kaufen und lesen kann, die mir »Wonderlands« schmackhaft machte.

Gerade bei den Werken aus den 1970er fand ich eine Reihe spannend klingender Werke von Autorinnen, von denen ich bisher noch nichts gehört hatte. Das wird ein Projekt für nächstes Jahr.

Das Buch grast so ziemliche alle Subgenres der Phantastik ab, vom Gilgamesch-Epos bis ins Jahr 2015. Etwa Dreißig der Artikel behandelten Werke die ich gelesen habe oder zumindest Teile der besprochenen Universen. Dazu kommen einige Wunderländer, die ich aus Verfilmungen kenne, etwa »Narnia«, deren Lektüre ich mir aber klemme.

Die Qualität der einzelnen Artikel ist unterschiedlich, aber insgesamt für einen Überblick sehr gut. Klar gibt es Lücken, so fehlte mir die »Unendliche Geschichte« oder der Hinweis auf Alexander Wolkows großartige Fortsetzung vom Baums »Wizzard of Oz«. Der Schwerpunkt lag auf englischsprachiger Literatur bzw. auf Werken, die in Großbritannien und den USA erfolgreich wurden.

Ich denke, dass ich »Wonderlands«, regelmäßig nutzen werde, selbst wenn die SUBs beständig wachsen. Irgendwas ist ja immer.

Ein paar Zeilen mehr drüben in meiner Rezension: Wonderlands herausgegeben von Laura Miller

Geistvolles Gesellschaftsgekrabbel

Der Herbstblues hat mich voll erwischt und es fällt mir schwer, mich auzuraffen, diverse Schreibprojekte voranzutreiben, was auch dieses Blog zu spüren bekommt. Aber zu Halloween nutz’ ich ein paar freie Minuten, um endlich wieder von meiner Lektüre zu berichten.

»Qualityland« ist auch schon wieder ein paar Jahre her. Das Buch wurde ein riesiger Erfolg und sogar zum Schulbuch. Ich fand’s auch ganz witzig, natürlich unter der Prämisse, dass einige der Gags von anderen SF-AutorInnen schon erzählt worden waren.

Qualityland 2.0 von Marc-Uwe Kling, Cover: Roman Klein

Was nun auch auf »Qualityland 2.0« zutrifft. Marc-Uwe Kling ist ein netter Typ mit einer soliden Comedy-Variante. Lesungen von ihm, die man im Netz problemlos findet, sind eine sehr spaßige Angelegenheit und er hat auch in der Fortsetzung seiner Dystopie keine Schwierigkeiten, aktuelle technologische und soziale Entwicklungen in eine absurde Zukunft zu führen. Vom achtstündigen Dritten Weltkrieg bis hin zum wunderbaren Verinnern – Marc-Uwe Kling hat eine Menge böser Ideen oder zumindest die Fähigkeit, sie in schräge Szenen zu fassen.

Das ist natürlich auch politisch, aber in erster Linie beste Unterhaltung, die mir wieder sehr viel Spaß bereitete. Dass Science-Fiction bei klassischen Belletristik-Verlagen auch in Serie möglich ist, begrüße ich ausdrücklich und vielleicht sucht man ja in Zukunft auch mal Kontakt zu den gestandenen Autorinnen und Autoren der deutschsprachigen Phantastik, um sie und ihre Werke einem breiteren Publikum bekannt zu machen. Da gibt es noch eine Menge Schätze zu heben!

Ich hab noch Stoff für eine ganze Reihe von Blogbeiträgen, muss mich nur aufraffen. Corona-Lockdown heißt für mich normales Arbeiten, sodass ich jetzt nicht mit erzwungener zusätzlicher Freizeit bestückt werde und nur-Lesen ist im Moment irgendwie einfacher.

Aber zumindest die Pflichtrezis schaffe ich und darum hier nun der Link: Qualityland 2.0 von Marc-Uwe Kling

Meines Bruders Träume

Wenn man Bücher nicht gleich kauft, wird es wahrscheinlich nie etwas. Das hab ich schon sehr oft erlebt und darum war ich froh, als mir die jüngste Veröffentlichung von Ralph C. Doege wieder ins Gedächtnis geholt wurde, den ich seit seiner Geschichte um den Balkonstaat sehr schätze. Nun konnte er die Erzählung »Yume. Träumen in Tokio« bei Septime unterbringen.

Im Septime Verlag erschien die wunderbare Gesamtausgabe der Werke von Alice Sheldon aka James Tiptree Jr. und auch »Yume« erhielt eine elegante und moderne Gestaltung.

Yume. Träumen in Tokio von Ralph C. Doege

In »Yume« begleiten wir einen aus Deutschland angereisten Mann bei seinen Spaziergängen durch Tokio, wobei nie wirklich geklärt ist, ob er sich in einem Traumzustand befindet oder wach ist. Denn in Tokio soll er seinen im Koma liegenden Zwillingsbruder durch das Yuma genannte Gerät beim Erwachen helfen. Dafür muss er selbst schlafen und träumen.

Die Stadt wird dabei zu einem Ort, der die inneren Zustände des Mannes widerspiegelt. Von Einsamkeit bis hin zur Suche nach den Wendepunkten in seiner Kindheit. Erinnerungen tragen ihn dabei näher in die Gegenwart seines Bruders, als es in den vergangenen Jahren geschah. Und da ist noch Mari, die Frau seines Bruders und die Wissenschaftlerin hinter Yume …

Das Buch ist ein einziges melancholischen Schweben durch eine ferne Welt. Schwarzweißfotos präsentieren eine zusätzliche Sichtebene und verbinden sich mit den traumhaften Bewegungen des Protagonisten und ich begann bald zu rätseln, welche Stellen denn nun real sein sollten, was Traum, was vom Bruder Herübergewehtes. Eine ruhiges und nachdenklich machendes Leseerlebnis. Irgendwie ein Herbstbuch. Etwas für die Blaue Stunde.

Ein paar Worte mehr in meiner Rezi im Fantasyguide: Yume. Träumen in Tokio von Ralph C. Doege

Monstermäßig Matsch und Menetekel

Es soll ja Leute geben, die kaufen sich ein neues Buch erst, wenn sie das vorherige ausgelesen haben. Ich mache das dezent anders. Darum versubbe ich regelmäßig. Soziale Medien tragen daran Mitschuld. Etwa Twitter. In meiner Blase ploppen dort jeden Tag so viele Neuerscheinungen auf, dass es kaum zu verhindern ist, dass meine Finger plötzlich tippen: Brauch ich.

Bevor mein Hirn realisiert hat, was da geschieht, kommt schon die Antwort: Gern doch – und schwupps sitz ich der Falle. Die nächste 400-Seiten-Antho trudelt ins Haus …

Was mir Markus Heitkamp da aber zusandte, war ein Gedicht von Buch. Roter Seitenschnitt, Retro-Cover und viele coole Illustration von Christian Günther: »German Kaiju«

German Kaiju herausgegeben von Markus Heitkamp, Cover: Christian Günther

Die Veröffentlichung im letzten Jahr habe ich nicht so recht wahrgenommen, da Godzilla und co. einfach nicht mein Thema sind. Ich hatte in den 80ern einige der Filme in der Reihe »Mumien Monster Mutation« im ndr gesehen und war jetzt nicht so angefixt, aber hey, die Reaktionen auf Twitter kochten jedes Mal hoch, wenn die Sprache auf »German Kaju« kam und vielleicht gärte in mir auch noch die enthusiastische Vorstellung im Mai beim E-Book Event der Brennenden Buchstaben.

Das Buch kam an, ohne Rechnung – Markus schenkte mir ein Exemplar!

Hat mich das beeinflusst? Vielleicht, ein bisschen, aber letztlich mussten mich die Geschichten selbst überzeugen.

Und das haben sie! Vor allem, weil sich nichts wiederholte. Jedes Monster war anders, die Herangehensweisen unterschieden sich sehr stark und bis auf zwei nicht ganz so perfekte Texte, rissen mich die Katastrophenabenteuer durch die Bank mit. Es macht einfach großen Spaß, dem BER beim Untergang zuzusehen. Nur so als Beispiel.

Vor allem aber hatte ich das Buch sehr gern in der Hand. Als besonderes Gimick befand sich am Ende der Anthologie eine Umschlag mit einer Bonus-Story, die man nur im Notfall lesen sollte.

Der Notfall

Was ich natürlich tat, immerhin ist Corona und irgendwo geschieht grad bestimmt auch Elfenwerk. Ob aber Herr von Aster der beste Retter in Not ist? Zumindest süffisant schreiben kann er.

Christian von Aster und Markus Heitkamp auf der Buch Berlin 2018

Im SFN hatte ich versucht, einen offenen Lesezirkel loszutreten, was nicht ganz so gelang, aber immerhin konnte ich so das Buch in Häppchen genießen und meine Gedanken und Eindrücke in Worte fassen, was dann das Schreiben der Rezi etwas vereinfachte. Doch lest selbst: »German Kaiju« herausgegeben von Markus Heitkamp

Einmal neues Leben bitte

Immer wieder überraschen mich ja die großen Publikumsverlage mit phantastischen Neuerscheinungen von Bestseller-AutorInnen. Im Regelfall hab ich dann von denen noch nie etwas gehört, wie jüngst mit Hans Rath geschehen. »Im nächsten Leben wird alles besser« schneite bei mir unaufgefordert herein aber aus einer Laune heraus nahm ich mir das Buch recht zeitnah vor.

Im nächsten Leben wird alles besser von Hans Rath; Cover: Karin Hildebrand Lau und Vladimir Sviracevic

Buchhändler Arnold wacht 25 Jahre in der Zukunft auf, ohne sich an die verstrichene Zeit erinnern zu können. Mit seinem Service-Roboter Gustav macht er sich in der fremden Zukunft auf, seine Vergangenheit kennen zu lernen.

Der Zukunftsteil ist durchaus amüsant, ein kleines Buddy-Adventure, und lebt von der Idee, dass ein 78jähriger Mann es nicht ganz leicht damit hat, sich in all dem zurecht zu finden. Zudem muss er damit klarkommen, dass er in den vergangenen Jahren etliches tat, was sein 54jähriges Ich nicht so toll findet.

Soweit alles ganz lustig, wenn es Hans Rath nicht eigentlich um das doch recht langweilige Heute von Arnold gegangen wäre. Die Figur ist eher Buchhalter als Buchhändler, staubtrocken und öde. Es gibt sehr viele Rückblicke, die gerade das erste Drittel sehr zäh machten, weil mich die Eheprobleme Arnolds ebenso wenig interessierten wie seine Kumpelgespräche. Die Figur wird lediglich dadurch interessant, dass sie in der Zukunft etwas erlebt.

Tja und dann hört der Roman einfach nicht im richtigen Moment auf. Sehr schade. Hans Rath hätte mehr SF wagen sollen. Es ist bestimmt auch wichtig, Gegenwartsromane zu schreiben, aber nicht alles liefert auch eine erzählenswerte Geschichte. Was aber rein subjektives Empfinden ist: »Im nächsten Leben wird alles besser« von Hans Rath

Knochen wollen auch nur reden

Vom humunculus verlag habe ich inzwischen eine ganze Menge spannender Phantastik gelesen und so kreativ, wie dieser Verlag aufgestellt ist, wird da wohl noch so einiges bei mir anlanden, so wie jetzt ein Buch, dass die bisherigen außergewöhnlichen Ausgaben des Verlages noch topt: »Der Heilige mit der roten Schnur« von Flavius Ardelean.

Rumänische Phantastik dürfte ich seit der Wende nicht mehr in den Händen gehalten haben und auch der Name Flavius Ardelean ist mir bisher nicht untergekommen. Doch das sollte für die Zukunft und ein für alle Mal passé sein, denn »Der Heilige mit der roten Schnur« hat mich schwer beeindruckt.

Der Heilige mit der roten Schnur von Flavius Ardelean, Cover: Ecaterina Gabriela

Zunächst beginnt das Ganze recht harmlos, irgendwie fantasymäßig nur anspruchsvoll geschrieben: Ein reisender Händler lässt sich von einem Fahrer mit Pferdekarren mitnehmen, der ihm sogleich die Geschichte von Taush erzählt, der einst jene Stadt gründete, zu der der Mitfahrer just unterwegs ist.

Doch schon der Hinweis, dass der Preis der Beförderung später genannt wird, macht skeptisch – nun ja, der Kutscher ist zudem ein Skellett – jedenfalls schnippelt es dem Schlafenden das Fleisch von den Beinen und fügt es bei sich ein.

Und so geht das nun weiter. Taush etwa zieht sich den titelgebenden roten Faden aus dem Bauchnabel, wickelt ihn um die Hand eines Sterbenden und erleichtert jener Person den Wechsel in eine nächste Welt.

Doch auch Kampf gegen die Un’Welt, zu der Taush später aufbricht, bringt jede Menge ekliger Gewalt und Monstrositäten, aber auch Liebe – »Der Heilige mit der roten Schnur« steckt voller Parabeln, Symbole und Metaphern, ist angefüllt von Betrachtungenen zum Wesen der Menschen und ihres Lebens.

Aber das Ganze wirkt überhaupt erst so großartig durch die Kombination mit den schaurig-schönen Zeichnungen von Ecaterina Gabriela. Schon das Cover gibt eine Vorstellung davon, wie phantastisch das Buch bebildert ist. Keine reine Illustrationen, eher bildliche Weitungen der Szenen. Mit solchen Büchern kann man mich zum Schmelzen bringen.

Dieses Jahr steckt wirklich voller kleiner Buchperlen! Etwas mehr zum Buch gibt es wieder in meiner Fantasyguide-Rezi: Der Heilige mit der roten Schnur von Flavius Ardelean

Eisiger Spiegel der Gewalt

Lesezirkel sind sehr oft eine grandiose Quelle, AutorInnen und Werke kennenzulernen, von denen man noch nie gehört hat. So ging es mir mit dem Buch des August-Klassikerlesezirkels im SFN.

Weder sagte mir der Name Anna Kavan, noch der Titel ihres laut Wikipedia berühmtesten Romans »Eis« etwas. Der Klappentext klang verführerisch und ich hätte das Buch auch gelesen, wenn es nicht ausgewählt worden wäre.

Geschrieben hat es Anna Kavan 1967, ein Jahr vor ihrem Tod, und jetzt wurde es vom schweizerischen Verlag Diaphanes in der Reihe »Forward Fiction« erstmals auf Deutsch publiziert. Ich finde solche literatur-archäologischen Projekte bewundernswert. Die Reihe hat auf der Homepage des Verlages bisher keine eigene Seite, aber ich hoffe sehr, dass da noch mehr passieren wird. In der Vorschau findet sich schon einmal einen Ballard – das muss ich mir merken.

Eos von Anna Kavan

»Eis« ist kein normaler Roman, vielmehr muss man sich durch teilweise sehr verwirrende Sprünge in Zeit, Ort und Figurenperspektive kämpfen. Der männliche Protagonist begibt sich in einer postapokalyptischen Welt, die auf eine Eiszeit zu steuert, auf die Suche nach einem Mädchen, das er seit seiner Kindheit kennt. Sobald er sie findet, wird er brutal zu ihr – es wird angedeutet, dass er gegen ihren Willen mit ihr schläft – und verlässt sie wieder, überlässt sie einem anderen oder flieht vor dem Eis, um sich sofort wieder auf die Suche nach ihr zu machen. Das ist verstörend und sehr bizarr, es gibt keine wirklichen Zusammenhänge der Motivationen, für mich fand ich irgendwann die Erklärung, dass alle Figuren Teile der selben Persönlichkeit sind. Ein schrecklicher innerer Kampf mit vielen Selbstverletzungen, vielleicht Ausdruck von Verletzungen, die in der äußeren Welt stattfanden.

Aber trotz der vielen visualisierten Gewalt und der Zerstörungen, der Kälte, las sich »Eis« erstaunlich gut. Ich wurde hineingezogen in diese mäandrierende und repetitive Suche, denn die Sprache des Buches ist toll. Ein berauschendes Buch, dessen Lektüre ich nicht so einfach Genuss nennen möchte, aber es hat mich beeindruckt.

Ein paar Worte mehr gibt’s in meiner Rezi: »Eis« von Anna Kavan

Regeln sind zum Brechen da

Ab und zu breche ich meine eigene Regel, weniger Rezensionsexemplare zu ordern und schwupps bringt die post mir einen Ziegelstein, der mich die Entscheidung spontan bereuen lässt. Wegen der Dicke. Aber zum Glück trog der Schein dieses Mal, denn »Die letzte Astronautin« von David Wellington wurde von Piper mit dickem Papier, großer Schrift und breiten Rändern ganz schön aufgepustet. Außerdem las sich der Roman doch recht flott – eine schöne Abwechslung zum megaschweren Lesezirkelbuch, aber zu dem dann demnächst mehr.

Die letzte Astronautin von David Wellington; Cover: Lauren Panepinto

Das Weltraumabenteuer entstand in Folge der 2017er Aufregung um den Zigarren-förmigen Asteroid 1I/’Oumuamua und spielt im Jahr 2055. Ein ähnliches Objekt wird gesichtet und diesmal weisen Kurskorrekturen auf ein Raumschiff hin. Sowohl die NASA als auch eine private Firma starten Erkundungsmissionen, denn so ein großer Brocken könnte die Erde auslöschen.

Die NASA-Mission leitet die letzte Astronautin, Sally Jansen, mit Schuldkomplexen beladen, weil nach einem Unfall auf ihrer Mars-Mission einige Jahre zuvor, das Astronauten-Programm eingestellt wurde.

In der Folge entwickelt der Autor eine spannende Handlung um das Rätsel des Objektes, verbunden mit jeder Menge Konflikten zwischen den Figuren. Das meiste davon fand ich sehr US-amerikanisch. Konkurrenzdenken, militärisches Säbelrasseln und die völlig an den Haaren herbeigezogenen und mit Hass aufgeladenen Vorwürfe gegenüber Sally Jansen, die eigentlich nur die Notfallregeln befolgte, die ein ganzes Heer von NASA-Fachleuten für den Fall eines Unfalls festlegten. Insofern stand für mich die Figuren-Motivation auf sehr tönernen Füßen, zumal die eigentliche Handlung das gar nicht nötig gehabt hätte. Aber vielleicht wollte David Wellington kein einfaches Creature-Horror-Weltraumabenteuer verfassen.

Letztlich empfand ich das Ganze als sehr solide erzählt, aber auch nicht sonderlich inspirierend: Die letzte Astronautin von David Wellington

Fotobomben und ein Herz im Feldeinsatz

Ein paar Tage Urlaub ohne Kultur geht ja gar nicht, überlegte sich meine Liebste und so suchten wir nach Möglichkeiten in Corona-Zeiten, uns dem vielfältigen kulturellen Leben des Hauptdorfes anzuschließen. Das bedeutet zuerst einmal: Zeitfenster finden. Dann, mit den diversen verelften Webseiten klarzukommen, auf denen man sich registrieren und Termine buchen muss. Meist wird das ausgelagert an irgendwelche supercoolen Startups, die mit dem iPad in der Hand geboren wurden und denen es schnurzpiepegal ist, ob Ottonormalverbraucher versteht, was da so auf Denglisch erwartet wird, oder ob sie bereit sind, ominösen Drittanbietern ihre Daten für eine simple Zeitfensterreservierung in den Rachen zu werfen.

Die Hälfte der Events fiel also aus wegen technischer Inkompatibilität, etliche waren schon ausgebucht, also entschlossen wir uns, in die Akademie der Künste am Pariser Platz in die John Heartfield Ausstellung Fotografie plus Dynamit zu gehen.

Die Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin

Ich bin seit meiner Kindheit Fan der Fotokollagen Heartfields. Klar, sie waren Bestandteil der sozialistischen Bildung und somit instrumentalisiert, was mir damals aber weder bewusst war, noch mich interessierte, ich fand sie einfach nur ziemlich kraftvoll und wirksam in ihrer schonungslosen Brutalität. In der Ausstellung fanden sich diverse Originale, sodass man die Arbeitsweise Heartfields erkennen konnte, wenn man ganz nah heranging. Neben den Plakaten zeigte man auch sehr viele Buchcover und Beispiele seiner Materialsammlungen für die Collagen. Zur Biographie gab es einige Infos und natürlich viele Fotos aus Heartfields Leben, aus der Zeit vom ersten Weltkrieg bis hin zur Arbeit in der DDR, von Theateraufführen mit seinen Kulissen, Videos zur Zeitgeschichte und Aufnahmen einer Mutter Courage-Aufführung am BE mit Helene Weigel, zu der er mit seinem Bruder Wieland Herzfelde die Bühnenbilder entwarf.

Nur mit Maske!

Die Ausstellung selbst war dünn besucht, ich denke aber, dass es exakt die Zeitfenstermenge an BesucherInnen darstellte. Alle mit Maske und stets wartend, bis man mit einem Objekt fertig war. Also sehr diszipliniert und auf die Ausstellung fokussiert. Es war schön, aber auch anstrengend. Ein lohnendes Kulturcomeback für uns alle!

Danach schlenderten wir noch Richtung Charité, am Regierungsviertel vorbei und es ist immer wieder erschreckend, mit welcher perfiden Hässlichkeit die neuen Regierungsgebäude aufwarten. Überdimensionierte Betonklötze, für alles andere als Menschen gemacht. Ganz besonders entsetzlich ist der Erweiterungsbau des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses. Wie sehr muss man Berlin hassen, um es so zu verschandeln? Das DDR-Regierungsviertel um die Sperlingsgasse herum muss wohl die Grundlage dafür gebildet haben. Hauptsache, jegliche urbane Struktur wird zerstört.

Naja, Richtung Charité wurde es dann gemütlicher und da sah man dann auch wieder Menschen verweilen. Erfahrungsgemäß halten die Betonklötze ja zum Glück nicht lange. Wir hams ja.

%d Bloggern gefällt das: