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Ulrich Holbein – Knallmasse

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Schwarze Laternen

Vor einem Jahr stellte Gisbert zu Knyphausen in der Union-Schlosserei die ersten Rohfassungen von Songs für sein neues Album Das Licht dieser Welt vor. Es war ein intimes Konzert, Gisbert war sich der Wirkung der Songs noch unsicher.

Ganz anders das Konzert am Freitag in der Columbiahalle.

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Gisbert zu Knyphausen am 12.01.2018 in der Columbiahalle

Wegen der Nachfrage musste es aus dem Huxleys dorthin verlegt werden, wodurch auch wir noch Karten bekamen und es war voll.

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Yippie Yeah

Die Vorband Yippie Yeah überraschte mich durch starke Texte; vielleicht schau ich mir die mal näher an.

Mit einer großartigen Band stellte Gisbert die neuen Songs sehr professionell auf die Bühne. Es ist ja immer eine große Freude, Bläser zu erleben und hier krachte und säuselte die Musik genau an den richtigen Stellen. die Instrumentierung kam sehr gut zur Geltung und im Nachhinein höre ich jetzt auch bei der Plattenaufnahme die Posaune im Hintergrund quaken oder brummen.

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Blaues Licht, was sonst?

Ein intimes Konzert ist natürlich immer schöner, aber andererseits scheint Gisbert mehr Raum für die eigene Präsenz zu haben, kann mehr aus sich und mehr in die Songs bringen. Zumindest ich hatte das Gefühl, das er sich mehr hineinwarf.

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Das Plattencover gab ein wunderschönes Bühnenbild ab

Trotzdem spürt man irgendwie immer noch, dass er sehr stark am Tod von Nils Koppruch zu leiden hatte. Die neuen Songs mögen zwar teilweise froher klingen, der Tod und die Einsamkeit strecken aber deutlich ihre Köpfe hervor und singen lauthals mit.

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Cover von Das Licht dieser Welt

 

Es bleibt Novembermusik, Winterblues, egal wie rockig es wird, Gisberts Stimme schwingt in Melancholie – zumindest in den deutschsprachigen Songs. Die beiden englischen Titel sind lockerer, perlen munterer und dringen nicht so tief unter die Haut, so sehr sie es auch versuchen.

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Spielten wunderbar zusammen

Ein Klasse Konzert und wieder Gisbert als Auftakt des Konzertjahres, ich finds großartig.

Traurig hingegen macht mich der Tod von Dolores O’Riordan.

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Bury the Hatchet

Sie ist ein halbes Jahr jünger als ich gewesen, unfassbar. Die Cranberries waren so eine Band, die nach einem tollen Album oft ein schwaches brachten. Bury the Hatchet aus dem Jahr 1999 gehört zu meinen Lieblingsalben und wenn ein Song zu dieser miesen Todesnachricht passt, dann Saving Grace. Ich konnte sie live erleben und noch heute wird mir ganz schummerig bei Linger. Jetzt werden mir wohl immer Tränen kommen.

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Das Funkeln schwarzer Perlen im dunklen All

Neues Jahr, neue Preise! Die Nominierungen für den Kurd Laßwitz Preis stehen an und da ich ja gerade erst meine Lektüreliste 2017 durchforstet habe, bietet es sich an, auch gleich nach Nominierungswürdigem zu buddeln. Wobei ich mit dem Absenden noch warten werde, denn Der Kanon mechanischer Seelen von Michael Marrak ist offiziell 2017 erschienen und ich vermute, dass dieser Roman relevant sein wird.

Für die Kategorie Bester SF-Roman des Jahres 2017 stehen zwölf Werke zur Auswahl und wie jedes Jahr zerbreche ich mir den Kopf, was für mich an einem Roman nominierungswürdig ist. Das Feld ist extrem unterschiedlich und reicht vom heißen Sexabenteuer bis zur Mathe lastigen Hard-SF.

Hat eines der Bücher Potential, ein Genre-Klassiker zu werden? Schwer zu sagen. Die Wurmloch-Odyssee ist zwar in dieser Form eine Neuerscheinung, aber durch ihre lange Editionsgeschichte schon irgendwie ein Klassiker. Sowohl sprachlich als auch von der Ideenverarbeitung her gehört der Episodenroman definitiv an die Spitze der Liste, doch ich befürchte stark, dass er nicht zugelassen wird. Werkausgabe und so.

Wie nun weiter auf der Werkeleiter? Vergleichen wir mal die Postapokalypsen.
Da es keine Extra-Kategorie für Debüts gibt, muss sich Junktown brav einreihen und im direkten Vergleich zu Qualityland steckt der Roman von Matthias Oden zurück. Westlake Haven ist von den dreien wohl das technisch interessanteste SF-Werk und bot neben den bereits bekannten Schrecken unserer digitalen Zukunft mir zumindest noch weitere Themenbereiche an.

Kommen wir zur Space Opera. Kai Meyer lieferte mit Die Krone der Sterne ein spannendes und unterhaltsames SF-Debüt. O.R.I.O.N entwickelte sich in diesem Jahr mit den Bänden 6 und 7 deutlich weiter in Richtung Horror. Alle drei Romane sind gute Unterhaltung, gehören aber nicht auf eine Nominierungsliste. Die Nadir-Variante bildet leider den letzten Platz in diesem Subgenre, da hier für mich einfach zu wenig passte.

Uwe Posts SF-Satire um den Weltraumdetektiv Walpar las sich genauso vergnüglich wie das Robotermärchen Knallmasse von Ulrich Holbein, jedoch fand ich die liebenswürdige Reise des Roboters insgesamt charmanter. Ob aber eine überarbeitete Neuasgabe für den KLP akzeptiert wird, wage ich zu bezweifeln.

Was mach ich nun mit dem neuen Dath? Im Nachhinein betrachtet fehlt dem Roman einfach das gewisse Extra für einen Spitzenplatz. Tolle Figurenkonstellation, raffinierte Szenen und ein wissenschaftlicher Unterbau, aber Daths Poesie ist mir zu kühl geblieben, der Matheanteil zu trocken.

Bleibt das Sexabenteuerchen von Guido Krain. Ich glaub, es hat sich den zwölften Platz redlich verdient. Egal wie finster mich Herr Hammer jetzt auch anstarrt.

Somit hätten wir, tada!, eine vorläufige Nominierungsliste. Die ersten drei werden weiterkommen und ich werde Udo Klotz Ersatzkandidaten anbieten müssen.
Sind jetzt nun die großen Kracher dabei gewesen? Nein. Kann sein, dass ich ihn bisher einfach verpasst habe, in der Liste von sf-lit.de finden sich immerhin knapp hundert Titel. Aber man kann ja nie alles lesen.

Meine Nominierungskanditatentopzwölf für die KLP-Kategorie Bester SF-Roman 2017:
01. Angela Steinmüller, Erik Simon und Karlheinz Steinmüller – Die Wurmloch-Odyssee
02. Marc Späni – Westlake Haven
03. Ulrich Holbein – Knallmasse
04. Marc-Uwe Kling – Qualityland
05. Matthias Oden – Junktown
06. Dietmar Dath – Der Schnitt durch die Sonne
07. Uwe Post – Walpar Tonnraffir und die Ursuppe mit extra Chili
08. Guido Krain – Friedhof der Assassine
09. Kai Meyer – Die Krone der Sterne
10. Norma Feye – Himmelfahrt
11. Armin Rößler – Die Nadir-Variante
12. Guido Krain – Hammer & Söckchen

Zu den restlichen Kategorien werde ich mich vielleicht gesondert äußern.

Jahresrückblick 2017

Im vergangenen Jahr beendete ich die Lektüre von 51 Büchern. Die Science-Fiction überwog mit 24 Werken, gefolgt von der Fantasy mit acht Bänden, fünf Klassikern, jeweils vier Sachbüchern und vier Nonfiction Büchern, drei Anthologien, zwei Lyrikbänden und einem Comic.

Das Geschlechterverhältnis betrug 35 zu 11 gegen die Autorinnen. Also wie im vergangenen Jahr etwa ein Verhältnis von 3:1.

43 der Bücher las ich frisch gekauft, vier griff ich vom SUB nach einer Wartezeit von mehr als einem Monat, vier Bücher fischte ich aus dem Regal, darunter eines bei meinen Eltern. Zwei Bücher las ich erneut. Wobei ich hier den Herrn der Ringe nicht mitzähle, da ich in dem eigentlich ständig lese.

Insgesamt hatte ich ein glückliches Händchen mit der Lektüre-Auswahl, es gab eigentlich nur ein schwaches Buch, der mir von Kai Meyer empfohlene Sammelband Die besten Stories von Leigh Brackett war nichts für mich.

Am wichtigsten ist mir die Beschäftigung mit Henry JamesDas Durchdrehen der Schraube. Hierfür las ich nicht nur zwei Biographien, sondern auch diverse Essays von Virginia Woolf und eine Abhandlung von H. P. Lovecraft. Neben der Rezi für den Fantasyguide entstand daraus ein Artikel, der in einer der nächsten Ausgaben des Horror-Magazins Zwielicht zu finden sein wird.

Bereits veröffentlicht wurden meine beiden Rezis zu den Werkausgaben-Kollaborationsbänden von Angela Steinmüller, Erik Simon und Karlheinz Steinmüller. Sie erschienen gekürzt im aktuellen Science Fiction Jahr 2017. Eine für mich überraschende Veröffentlichung und ein sehr erfreulicher Abschluss dieser Lektüre, da mir beide Bände sehr gefielen. Zudem führte ich mit den Dreien sehr schöne Interviews.

Meine Science-Fiction Highlights werden angeführt von Lord Gamma. Warum auch immer ich den bisher nicht las, er war jedoch das Warten wert und das wird bestimmt auch für Michael Marraks neusten Roman, Der Kanon mechanischer Seelen gelten, den ich täglich erwarte. Neben Frank Hebbens Novelle Im Nebel kein Wort gab es etliche Dystopien, die ich ja eigentlich nicht so mag, aber trotzdem sehr gut zu lesen waren, wie Neosapiens von Nik Page, Junktown von Matthias Oden und Marc-Uwe Klings Qualityland.
Ungewöhnlichen Lesespaß boten zudem Philip Krömers Ymir oder aus der Hirnschale der Himmel, Knallmasse von Ulrich Holbein und Carl Amerys An den Feuern der Leyermark, das ich auf Empfehlung von Erik Simon auserwählte.

Die Fantasy beinhaltete keine herausragenden Werke, aber größtenteils angenehme Unterhaltung. Als Beispiel sei hier Drúdir von Swantje Niemann genannt, deren Folgeband ich auf jeden Fall lesen werde.

Bei den Klassikern gab es nur Höhepunkte. Henry James habe ich schon erwähnt. Fjodor Dostojewskijs Der Spieler oder Roulettenburg war ein ebenso liebliches Lesevergnügen, wie die Unheimlichen Geschichten von Poe in der Baudelaire-Ausgabe, auch wenn die Übersetzung im Netz für Entrüstung sorgte. Dank unserer Silberhochzeitsreise nach Edinburgh wurde Entführt von Robert Louis Stevenson zu einem ganz besonderen und intensiven Erlebnis und Victor Hugos Der lachende Mann ist ein völlig zu Unrecht kaum beachtetes Meisterwerk. Die vierbändige Golkonda-Klassikerausgabe ist jede Unterstützung wert!

Auch die Nonfiction-Werke sind allesamt erwähnenswert. Die Geschichte der Liebe von Nicole Krauss hatte mir Markus Mäurer ans Herz gelegt und diese Empfehlung bestätigte mir einmal mehr seinen vorzüglichen Literaturgeschmack. Wir konnten auch die Verfilmung des Romans im Kino sehen, sie verfügt aber nicht über denselben Zauber wie die literarische Vorlage.
In die bittersüßbösen Geschichten von Periplaneta-Cheffin Marion Alexa Müller habe ich mich bereits in ihren ersten Sammelband verliebt und Die unterschätzte Kunst des Scheiterns und weitere Mysterien im Leben von Menschen und anderen Kleintieren vertiefte diese Schwärmerei noch. Ich bin auch sehr glücklich, die Verführerin im Sommer live erlebt zu haben.
Der Verlag Schwarzer Ritter konnte auch dieses Jahr wieder mit seinen Kinderbüchern punkten. Hagen Tronje Grützmacher und Rudolf Eizenhöfer krallten sich für Alrik der Basiliskenschreck die DSA-Lizenz und auch hier muss ich einfach eine Lanze brechen. Fördert den Zauberernachwuchs!
Tja und dann war da noch Robert Merle. Endlich las ich den ersten Band der gleichnamigen Reihe Fortune de France und auch wenn ich das Frauenbild dort etwas kritisch sehe, ist der Folgeband schon auf den SUB für 2018 gelandet.

Neben den Lesungen im LCB bot die Lyrik mir vor allem durch Frank Hebben und Nikolaj Djatschenkos wunderschönen Band Die Fugen einer Stadt eine kuschelige Heimstatt. Ich selbst verfasste im letzten Jahr nur acht Gedichte. Was aber im Vergleich zu null Prosatexten eine gewaltige Leistung darstellt.

Bleibt noch meine Comic-Lektüre. Vermutlich habe ich im Laufe des Jahres noch ein paar mehr Bände in den Fingern gehabt, aber Vanna Vincis Frida ist defintiv mein Comic-Highlight. Diese künstlerisch ungemein fesselnde Biographie hat meinen Blick auf Frida Kahlo nachhaltig verändert.

Zu Lesungen, Cons und Musik des Jahres 2017 werde ich gesondert bloggen, anbei noch die komplette Buchliste samt Links zu meinen Rezensionen, soweit ich welche verfasste:

Kim Stanley Robinson – Aurora
Aleš Pickar – Die lautlose Woge
Philip Krömer – Ymir oder aus der Hirnschale der Himmel
Frank Hebben – Im Nebel kein Wort
Kai Meyer – Die Krone der Sterne
Alan Dean Foster – Auch keine Tränen aus Kristall
Fjodor Dostojewskij – Der Spieler oder Roulettenburg
Edgar Allan Poe – Unheimliche Geschichten
Nicole Krauss – Die Geschichte der Liebe
Die besten Stories von Leigh Brackett
Ulrich Holbein – Knallmasse
Frank Hebben und Nikolaj Djatschenko – Die Fugen der Stadt
Joane K. Rowling – Harry Potter und der Halbblutprinz
Stephanie Schnee – Esmeralda in Nöten
Verena Auffermann – Henry James (Leben in Bildern)
Henry James – Das Durchdrehen der Schraube
Hazel Hutchison – Henry James Biografie
Gamer hrsg. von André Skora, Armin Rößler und Frank Hebben
Nik Page – Neosapiens
Matthias Oden – Junktown
Virginia Woolf – Granit und Regenbogen
Robert Louis Stevenson – Entführt
Victor Hugo – Der lachende Mann
Vernor Vinge – Der Friedenskrieg
Sebastian Brinkmann – Kolossansturm
Luís de Camões – Die Lusiaden
Norma Feye – Himmelfahrt
Werner Herzog – Lissabon
Am Ende der Reise hrsg. von Alisha Bionda
Angela Steinmüller, Erik Simon und Karlheinz Steinmüller – Die Wurmloch-Odyssee
Marion Alexa Müller – Die unterschätzte Kunst des Scheiterns und weitere Mysterien im Leben von Menschen und anderen Kleintieren
Dietmar Dath – Der Schnitt durch die Sonne
Angele Steinmüller, Erik Simon und Karlheinz Steinmüller – Leichter als Vakuum
Vanna Vinci – Frida
Holger M. Pohl – Wanderung im Heute
Guido Krain – Hammer & Söckchen
Uwe Post – Walpar Tonnraffir und der Zeigefinger Gottes
Ingo Marschalk – Der Diamantenplanet
Uwe Post – Walpar Tonnraffir und die Ursuppe mit extra Chili
Marc-Uwe Kling – Qualityland
Dark Poems hrsg. von Alasha Bionda
Swantje Niemann – Drúdir
Carl Amery – An den Feuern der Leyermark
Marc Späni – Westlake Haven
Hagen Tronje Grützmacher und Rudolf Eizenhöfer – Alrik der Basiliskenschreck
Guido Krain – Friedhof der Assassine
Armin Rößler – Die Nadir-Variante
Aleš Pickar – Die dunkle Wunde
Michael Marrak – Lord Gamma
Robert Merle – Fortune de France
Carl Amery – Das Königsprojekt

Schotten, Zoten und ein gesundes Maß

Der Feiertagsurlaub hinterließ mir einige leere weiße Blätter. Man kommt zu nüscht zwischen Bescherung und Pfannkuchen. Nun aber los und frisch ans Werk.

Mein letztes Buch in 2017 stammt erneut von Carl Amery. Das Königsprojekt gehörte zu den Werken, die mir Erik Simon zu lesen empfahl und da es Buch des Dezember-Klassikerlesezirkels im SFN wurde, konnte ich es mir eher als gedacht zu Gemüte führen.

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Das Königsprojekt von Carl Amery, Cover: Gerhard M. Hotop

Im Roman geht es um eine Zeitmaschine, die Leonardo da Vinci einst erfand und derer sich die katholische Kirche im Vatikan bedient, um Veränderungen der Geschichte in ihrem Sinne vorzunehmen. Die extra dafür ausgebildeten Schlüsselsoldaten dürfen dabei nur im Rahmen der belegten Ereignisse agieren. Oder besser gesagt: Sie dürfen all das machen, von dem keine Quellen Zeugnis ablegen. Das jüngste Projekt soll die katholischen Jakobiner zurück auf den schottischen Thron bringen. Da passt es ganz gut, dass ein Bayer 1954 am Ende der Stuart-Erbfolge steht.

Amery bastelt daraus einige parodistische Szenen über Kirche, Bayern und Schotten. Gewürzt mit etwas Geheimdienstaction und Mafiamethoden. Viele gute Ideen, die aber zum Schluss alle verpuffen. Im SFN wurde vermutet, dass dies ein Hinweis auf einen postmodernen Roman sei, naja, die Postmoderne entschuldigt nicht jedes Scheitern.

Mich hat das Buch jedenfalls nicht mitgerissen. Zwar ist mir bewusst, dass Amery hier mit tiefer Humorkelle austeilte, aber lustig fand ich es kaum. Zudem leidet der Roman viel zu oft an Amerys unbändiger Lust am Verschwurbeln. Er baut Sätze, die mir selbst bei genauer Betrachtung ihre Bedeutung vorenthielten. Amery liebt stilistische Spielereien und an vielen Stellen steckt er dabei so tief in seiner literarischen Zeit, dass mir Unwissenden der Zugang versperrt bleibt. Amery machte mir dabei nicht einmal als Wortkünstler Spaß. Zumindest nicht in diesem Roman, entsprechend nüchtern fällt auch meine Rezi aus: Das Königsprojekt von Carl Amery

Meine kleine Burg

Oh glückliche Tage der Kindheit, da ich in den Hofpausen heimlich zur Karl-Marx-Buchhandlung pilgerte um köstliches Lesefutter zu erwerben! Dort entdeckte ich Robert Merle eines Tages.
Madrapour, Die geschützten Männer, Malevil, Die Insel … ich verschlang, was ich in die Finger bekam. Jahre später entdeckte ich ihn wieder in einer Buchhandlung und erfuhr, dass er sich inzwischen mit einer Romanreihe zur französischen Geschichte befasste. Und vermutlich habe ich aus keinem anderen Land mehr nichtphantastische Romane gelesen. Ja, ich hatte eine richtige französische Phase. Dumas, Balzac, France, Flaubert und vor allem natürlich Zola, durch dessen Rougon-Macquart ich mich fast komplett gelesen habe. Also hatte ich keine große Hemmschwelle und fing einfach mitten in der Fortune de France Reihe an, weil der Aufbau-Verlag mir natürlich von grad erschienenen Band ein Rezi-Exemplar zusandte. Es war Der Tag bricht an, der letzte Band mit den Memoiren von Pierre de Siorac. Ich las dann kurz hintereinander auch die Bände 7-9. Obwohl sie tatsächlich mein grundlegendes Geschichtsinteresse befriedigten, gab es diverse Kritikpunkte und ich verschob die weitere Lektüre auf später.

Als sich nun dieses Später bei mir meldete, beschloss ich, mir endlich Band 1 zu besorgen und danach dauerte es bestimmt noch einmal zwei Jahre bis sich Fortune de France aus dem SUB erhob.

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Fortune de France von Robert Merle

Der erste Band ist auch der Start von Pierres Erinnerungen. Merle beschreibt darin, wie sich der Vater Jean mit einem Soldatenkumpel im Périgord ein Landgut samt Burg kauft und es zu einem florierenden Unternehmen ausbaut. Dabei müssen Pest, Religionskriege, Staatsunruhen und natürlich amouröse Abenteuer überstanden werden. Recht schnell war ich wieder gefangen von Merles Kunst, Historie und spannende Familiengeschichte miteinander zu verknüpfen. Es macht Spaß, wenn er die kleine Baronie langsam wachsen lässt. Wie in einem Aufbauspiel kommen dabei dann nach und nach ein Steinbruch, eine Mühle, Ziegen, Schweine, Korbflechterei hinzu. Das erfreut das alte Siedler-Herz.

Der große religiöse Konflikt, der sich auch innerhalb der Familie Siorac auswirkt, hat mich nicht wirklich gereizt. Die Unterschiede zwischen den christlichen Strömungen sind für einen Außenstehenden dann doch eher gering. Interessant fand ich jedoch, dass das 16. Jahrhundert damit ähnliche Probleme besaß, wie sie etwa in arabischen Ländern heute auftreten. Arme Männer können keine Familie gründen, weil sie weder Frau noch Kinder versorgen können. Es entsteht unter anderem sexueller Frust. Und um Sex geht es bei Merle doch recht häufig. Ich vermute ja stark, dass Merle das Thema etwas über das historische Maß hinaus spannend fand.
Natürlich befinden wir uns in einem kriegerischen Zeitalter. Recht und Ordnung kann kaum aufrecht gehalten werden, jedermann musste sich selbst beschützen. Plünderungen waren an der Tagesordnungen, Vergewaltigungen gehörten zum Lohn der Söldner. Für Mädchen und Frauen war es überlebenswichtig, Schutz zu bekommen, versorgt zu werden. Unser netter Burgherr geht mit diesem Zwang, trotz angeblicher Frömmigkeit, recht egoistisch um. Gute Diener werden mit Frauen versorgt, die Rettung vor Hunger und Pest lässt er sich gern mit Sex vergelten, etwas, dass sein Sohn in einem späteren Roman ihm gleichtun wird. Pierre hat zudem in der Tochter seiner Amme ein heißblütiges Mädchen, das zu ihm ins Bettchen schlüpft und ihm bereits mit neun Jahren verführt. Und während die Amme stillt, erfreut sich die versammelte männliche Burgbelegschaft an ihrem Anblick. Die Amme darf übrigens jedes Mal, wenn Madame schwanger ist, zu ihrem Mann, und nur dann, um sich ebenfalls schwängern zu lassen. Die Milch für die Herrschaft soll ja fließen.
Diese vielen Beispiele der auch sexuellen Abhängigkeit von Frauen im 16. Jahrhundert stellt Merle doch recht freundlich dar. Klar, es sind Memoiren eines Mannes, aber der Ton ist doch recht lüstern. Fünfhundert Jahre später müssen immer noch Mädchen und Frauen unter denselben Gewalt- und Machtverhältnissen leben.
Marion vom schiefgelesen-Blog hat grad heute erste über ihre Lektüre von Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht gebloggt. Das passt thematisch hervorragend.

Ich werde die Fortune de France Reihe weiterlesen, weil sie spannende Geschichtslektionen enthalten, ich Frankreich mag und Robert Merle ein guter Erzähler ist.
Meine Rezi im Fantasyguide: Fortune den France von Robert Merle

April, April, ich bin die falsche Prill!

Es ist Weihnachtszeit und Vorfreude steckt in allen Dingen. Seltsamerweise verdreht meine Umwelt schnell die Augen, wenn ich auf die Fragen nach meinen Wünschen mit Büchern antworte.

Okay, ich kann verstehen, wenn das für Schenkende inzwischen langweilig geworden ist und so kauf ich mir all die Bücher eben selbst. Vorfreuen kann ich mich ja trotzdem. Und mit etwas Geschick kann man das ewige Warten auf heißersehnte Bücher süß verkürzen, indem man etwa endlich mal eine Lektüre nachholt.

Bis also Der Kanon mechanischer Seelen an meine Brust gedrückt werden kann, hab ich ins Regal gegriffen und mir endlich Lord Gamma zu Gemüte geführt.

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Lord Gamma von Michael Marrak; Cover: Thomas Thiemeyer

Warum tat ich das nicht bereits früher? Der Roman wurde überall gelobt und empfohlen und gehypt und gepusht und getoptent – wahrscheinlich bin ich einfach ein oller Stiesel und will mit einer atypischen Lektüreauswahl bestechen.

Fakt ist: Mit Lord Gamma hat Michael Marrak einen sehr guten SF-Roman geschaffen. Die Idee ist cool, die Sprache zum Niederknien und ganz zum Schluss gibt es sogar eine für mich funktionierende Auflösung. Der Roman hat einen magischen Sound, fast lässig in seiner Epik und trotzdem berührend. Ein Buch, auf dessen zweite Lektüre man sich sofort freut.
Und ich liebe die Farbe des Covers von Thomas Thiemeyer!

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Bereits 2014 auf dem ElsterCon holte ich mir Michael Marraks Signatur in meinen Lord Gamma

Mehr in meiner Rezi: Lord Gamma von Michael Marrak

Aber, trotz aller Ablenkungsversuche: Der Kanon mechanischer Seelen ist bestellt und bezahlt, nun muss er nur noch den Weg durch das Winterland schaffen und frisch duftend zu mir gelangen. Was brauch ich da den Weihnachtsmann?
Äh, Stopp! Die Herr der Ringe Blu Rays bleiben im Sack!

Wenn Ameisen mit Worten antworten

Am Krabbeln und Knistern wirst du sie erkennen und sie werden sich in Massen auf dich stürzen!

Ja, kreatürliche Ängste vor dem großen Krabbeln kannte wohl auch Herbert G. Wells. Der Urgroßpapa der modernen SF schrieb eine Reihe von Kurzgeschichten, in denen er bereits recht früh Fragen nachging, die wir noch heute nicht ordentlich beantworten können oder wollen.

Das Imperium der Ameisen geht der Frage nach, ob Ameisen in der Lage wären, den Menschen zu verdrängen. Oliver Döhring schnappte sich diese eher nicht so bekannte Geschichte von Wells für seine kleine Hörspielreihe bei Universal und transportierte sie in die Moderne.

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Das Imperium der Ameisen von Herbert George Wells

Dabei erweiterte er sie um eine kleine Rahmenhandlung, durch die es ihm möglich wurde, ein etwas spektakuläreres Finale zu inszenieren. Diese Modernisierung gefiel mir bei seiner Version von Die Zeitmaschine nicht so, aber hier hatte er das richtige Händchen, wie ich finde.

Es gibt ja immer wieder Geschichten, die von Möglichkeiten berichten, wie die Menschheit durch evolutionär fittere Spezies verdrängt werden. Ob Affen, Wale, Aliens oder eben Ameisen. Durch die schiere Masse allein schon erscheint es irgendwie vorstellbarer, dass Ameisen, würden sie ersteinmal die Menschen als Feinde erachten, kaum Probleme hätten, uns vom Planeten zu fegen. Das Hörspiel verdeutlicht das sehr fesselnd und legt seinen Fokus eindeutig auf den Abenteueraspekt.

Mir sind solche Hörspiele deutlich lieber als die auf Kunst und Experimente besessenen Produktionen, in denen psychedelische Klangwelten, wabernde Sprachschnipsel und mehrfach gebrochene Handlungsfragmente sich mühen, Schwächen in der Story zu verdecken.

Das Imperium der Ameisen wird wohl keinen DSFP erringen, aber Spaß bereiten.
Meine Rezi lauert im Fantasyguide: Das Imperium der Ameisen von Herbert George Wells

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