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Ulrich Holbein – Knallmasse

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Der lange Weg nach Roussillon

Meine jüngste Lektüre griff ich mir vom SUB und ich rätsle seitdem, wer mir dieses Buch empfahl oder wodurch ich auf die Idee kam, es zu subben.

Da ich den Klappentext ignorierte und einfach danach ging, dass es ein Buch von einer Autorin sein sollte, überraschte mich »Ein Ire in Paris« von Jo Baker in mehrfacher Hinsicht. Zum einen ist es ein Buch über den Zweiten Weltkrieg, zum anderen taucht darin James Joyce auf und ganz zum Schluss erfuhr ich dann in der Anmerkung der Autorin, dass es sich beim namenlosen Protagonisten um Samuel Beckett handelte.

»Ein Ire in Paris« von jo Baker; Cover: Sabine Kwauka

Vermutlich kam mir das Buch im Zuge meiner Dubliner-Lektüre unter und landete dann auf meinem Wunschzettel.

Das Buch handelt von Becketts Erlebnissen von 1939 bis 1946. Er verbrachte diese Jahre überwiegend in Frankreich, floh erst nach Vichy, ging nach Paris zurück, floh wieder, diesmal unter schlimmeren Bedingungen nach Roussillon, einem Ort in der Provence , schloss sich dem Widerstand an und half nach der Befreiung bei der Errichtung eines Krankenhauses. Diese biographischen Eckpunkte belebte Jo Baker mit einer intensiven Sprache und einer sehr intimen Nähe zu Beckett und seiner Freundin Suzanne.

Das führte dazu, dass ich beim Lesen sehr tief in den Ereignissen und den Gräueln jener Tage steckte. Dadurch wird man still und auf eine schwer fassbare Art traurig. Man steigt aus der S-Bahn und muss erst einmal realisieren, dass man gar nicht an irgendetwas leidet. Dass die Leute um einem herum ein Recht auf Freude und Frieden haben.

Beeindruckende Erfahrung. Das Buch las sich sehr schnell weg, als biografischer Einstieg zu Beckett bestimmt nicht die schlechteste Wahl. Dabei hatte ich mit dem irischen Autor noch nichts weiter zu tun, als das Grundlagenwissen zu »Warten auf Godot«. Wenn Jo Baker Recht hat, sind jene Kriegserlebnisse aber die Basis seiner schriftstellerischen Arbeiten, insofern wäre ich jetzt bereit für Becket.

Meine Rezi ist nicht besonders ausführlich geworden, da das Buch mehr etwas zum Erleben ist, als zum Auseinandernehmen: »Ein Ire in Paris« von Jo Baker

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Vor dem Ende kommen noch mehr Bände

Wenn man einmal mit einem Mehrteiler angefangen hat, ist es nicht leicht, mittendrin aufzuhören. Außer man ist Autorin oder Autor von Fantasy-Romanen. Dann sprudeln die Wörter nur so aus einem heraus und was ist schon eine Trilogie, wenn man drei schreiben kann?

Aleš Pickar gibt selbst gar nicht an, auf wie viele Bände er sein Fantasy-Epos »Kalion« angelegt hat. Ich dachte, es wäre eine Trilogie und war dann beim Lesen von Band »Die zwölf Kronen« zunehmend gespannt, wie er die vielen Handlungsfäden auflösen will. Tja, halt gar nicht. Zumindest nicht in diesem Band. Gleichzeitig führt er in zwei neuen Handlungsebenen komplett neue Kulturen ein, die den epischen Story-Arc in Richtung Renaissance bzw. in eine spoilerfrei nicht zu benennende komplett andere Ecke lenken.

Die zwölf Kronen von Aleš Pickar; Cover: Aleš Pickar

Der Band erschien bereits Ende letzten Jahres und ich hatte sein Erscheinen zunächst verpasst, dann vergessen, dann keine Zeit gehabt und mit einem gewissen schlechten Gewissen kaufte ich mir den Band dann endlich letzten Monat auf der Nacht der Drachenfliege. Auch wenn ich ja eigentlich grad gar keine Fantasy lesen mag, kann ich angefangene Reihen einfach nicht leiden, zumal mir die beiden ersten Bände recht gut gefielen.

»Die zwölf Kronen« beginnen recht brutal, aber Aleš Pickar nutzt diesen Einstieg, um verschiedene Figuren auf den Weg zu bringen. Davon gibt es inzwischen jede Menge. Ich kam auf dreizehn Handlungsstränge. Einige treffen aufeinander, einige trennen sich dann auch wieder. Und keine Handlungsebene stellte sich als langweilig heraus. Zwar wäre ich gern viel länger mit Nelei unterwegs gewesen, aber bei dem riesigen Ensemble will wohl jede Figur mal ins Rampenlicht. Im Zentrum des Romans steht die Invasion durch die Peleori und Argan-Khôr. Die bestehende Welt wird durcheinandergerüttelt und Aleš Pickar gelingt es, das entstehende Chaos dadurch auszudrücken, dass er eine Zeitlang immer wieder zwischen den Schauplätzen wechselt. In der finalen Schlacht treffen dann einige seiner Figuren wieder aufeinander. Doch man spürt, es ist nur ein kurzer Moment bevor es im nächsten Band mit Wucht weiter geht. Zumindest vermute ich das.

Angekündigt ist der nächste Roman noch nicht, mal sehen, ob ich den vierten Band zeitnaher in die Mangel nehme.

Etwas mehr zur Handlung schrieb ich in meiner Rezi: Die zwölf Kronen von Aleš Pickar

Roberta und die tödliche Einsamkeit

Wenn sich das Feuilleton mit Science-Fiction beschäftigt, gelten zunächst zwei Regeln: Erstens darf das Wort Science-Fiction nicht aufkommen und zweitens muss das Werk in einem Major-Verlag erschienen sein. So lesen sich die Buchvorstellungen auch meist äußerst kastriert, da nur auf einen Bruchteil des Genres zurückgegriffen wird. Das Problem ist, dass ich mich dann beim Lesen immer so sehr über die selektive Wahrnehmung aufrege, dass das besprochene Buch unter keinem guten Stern bei mir scheint. Aber als ich jüngst Rezension von Cornelia Geißler zu »Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten« in der Berliner Zeitung las, dachte ich mir: SF von einer Autorin – bitte Aufmerksamkeit! Perfekt an dem Artikel war zumindest der Lesungshinweis und so eilte ich gestern nach zwei Filmen des Fantasy Film Festes zum Moritzplatz um die Autorin Emma Braslavsky kennenzulernen.

Emma Braslavsky

Die gebürtige Erfurterin ist mein Jahrgang und kam mir in meiner Filterblase bisher noch nicht unter. Ja ja, auch ich leide unter selektiver Wahrnehmung.

Die Lesung fand in der Buchhandlung am Moritzplatz statt, ein kleiner, modern eingerichteter Laden im Haus des Aufbau-Verlages.

Die Ankündigung im Schaufenster

Im Gespräch mit ihrer Lektorin Doris Plöschberger erzählte Emma Braslavsky ausführlich über ihre Recherche zum Roman, der sie tief in den aktuellen Stand der Hubot-Fertigung und KI-Forschung führte. Dabei muss sie sich ein recht breites Wissen angelegt haben, denn sie redete mit großer Begeisterung und wie ein Wasserfall. Es war eine Freude, ihr zuzuhören.

Emma Braslavsky und Doris Plöschberger

In den drei Textpassagen, die sie vorlas, entwickelte sich eine recht spannende Zukunftsvision eines Zusammenlebens mit Androiden und den negativen Auswirkungen auf das menschliche Sozialverhalten. Denn ihr Berlin leidet unter einer exorbitant angestiegenen Selbstmordrate und eine speziell für dieses Problem gebaute Androidin, Roberta, soll die Ermittlungsbehörde dabei unterstützen, die Gründe dieses Anstiegs aufzuklären. Zunächst probehalber mit einem ›einfachen‹ Fall.

Die Autorin während der Lesung

Das Buch stieg direkt auf die höchste SUB-Position bei mir ein. Aber lieber Suhrkamp-Verlag: Bei dem Preis sollte doch wohl ein Lesebändchen drin sein! Was ist los mit euch Anbietern von gebundenen Büchern? Klauen Elfen bei euch die Lesebändchen? Werft sie raus!

Natürlich habe ich nun ein signiertes Exemplar

Friss Nudeln, nerviger Erzähler!

Feine Kleinverlage mit Phantastik im Programm gibt es eine Menge, sodass es kaum möglich scheint, sie alle im Blick zu behalten. Praktisch für einen Siebhirnler wie mich sind daher nette Produkthinweise mit ausführlichen Buchvorstellungen und wenn ich dann auch gleich Hier! rufe, trudeln irgendwann erquickliche Neuerscheinungen ein.

So just geschehen mit »Riesen sind nur große Menschen« von René Frauchiger aus dem homunculus Verlag.

Riesen sind nur große Menschen von René Frauchiger; Cover: Joseph Reinthaler

Der Indi-Verlag aus Erlangen bescherte mir schon mit Ulrich Holbeins »Knallmasse« und »Ymir oder: Aus der Hirnschale der Himmel« von Verlags-Mitgesellschafter Philip Krömer phantastische Lesestunden.

»Riesen sind nur große Menschen« befasst sich primär mit Fremdenhass und Diskriminierung. Allerdings verpackt er diese schweren Themen auf interessante und sehr unterhaltsame Weise.

Da wäre zunächst das Setting. Die Handlung des Romans spielt auf einem der titelgebenden Riesen. Hephaistos liegt schon ziemlich lange unbeweglich herum und so entwickelte sich auf ihm eine Mikro-Zivilisation mit kleinen Menschen und Tieren. Während man in der Metropole Stirnstadt recht demokratisch und tolerant lebt, versucht man im fernen Dorf Runzlingen mittels eigener Bürgerwehr alles Fremde und Neue aufzuhalten. Deren Finanzierung ist etwas dubios und so startet eine Untersuchung, die sich mit einer Entführung, Menschenjagd und Abstieg in den Magen des Riesen verbindet.

Die zweite Besonderheit ist das beständige Durchbrechen der Vierten Wand. Wie in einer Mockumentary kommentieren die Figuren das Geschehen, streiten mit dem Erzähler und unterhalten sich miteinander, selbst wenn sie handlungstechnisch dazu nicht in der Lage sein sollten. Allerdings wird es zunehmend handlungsrelevanter. Das erinnert natürlich an die Thursday-Next-Reihe von Jasper Fforde, vor der ich immer noch nicht alle Bände gelesen habe.

Und zu guter Letzt verfügt eine der Figuren, Achilles, über eine ganz besondere Fähigkeit: Wenn er eine Sache irgendwohin haben möchte, geht das nicht direkt, sondern quasi über die Bande. Nicht ohne Grund kommen deshalb die Leute, um ihm beim Pizza-Backen und den gegen Wände, Decke und Möbel fliegenden Zutaten zuzuschauen. Auch diese abgefahrene Besonderheit ist nicht nur Gadget, sondern spielt eine wichtige Rolle innerhalb der Handlung.

In Summe ergibt sich ein Roman, dem eine Balance zwischen politischem Ernst, literarischem Experiment und phantastischer Exzentrik gelingt. Zudem entwickelt René Frauchiger seine Hephaistos-Welt von einer dystopischen zu einer utopischen. Hat man auch nicht allzu oft. Science-Fiction von ihrer kreativsten Seite!

Drüben im Fantasyguide gehe ich im Einzelnen auf die Figuren ein: »Riesen sind nur große Menschen« von René Frauchiger

Das Glitzern des glitschigen Glitches

Als Softwareentwickler, Computerspieler und Science-Fiction-Leser meine ich, mich etwas in jenen modernen Gefilden auszukennen, jedoch liegen meine Grenzen noch fiel dichter als ich befürchtete.

Was ist passiert? Gestern besuchte ich ein hochspannendes Lese-Event im Literarischen Colloquium Berlin: »Zwischen Optimierung und Untergang. Ein dystopischer Abend auf vier Bühnen.« Ich wollte da unbedingt hin, weil gleich vier SF-Schaffende Bücher vorstellten, darunter Anja Kümmel, die ich schon seit Jahren einmal live erleben wollte. Daneben präsentierten Julia von Lucadou, Juan S. Guse und Philipp Schönthaler ihre in diesem oder letztem Jahr erschienenen SF-Werke.

Hausgast im LCB: Julia von lucadou

Julia von Lucadou ist sogar gerade Hausgast im LCB, wodurch sie es am einfachsten hatte, das Haus am Wannsee zu erreichen, denn ganz so easy war es nicht. So fuhr die S-Bahn den Bahnhof Wannsee nicht an und auf der Regionalbahnstrecke schwelten Schwellen. Vermutlich kamen deshalb auch nicht ganz so viele wie man den Aufbauten nach erwartet hatte, aber dennoch genügend junges und vergnügt lauschendes Volk.

Anja Kümmel, Juan S. Guse, Philipp Schönthaler und Julia von lucadou

Zunächst gab es ein kurzes Gespräch, das in den Händen von Anja Kümmel lag, die ein paar Fragen vorbereitet hatte, in denen es um Dystopie im weiteren Sinne ging.

Juan S. Guse wandte ein, mit dem Begriff nicht so recht etwas anfangen zu können und ich hatte die Vermutung, dass ihm der Begriff etwas zu eng an Science-Fiction grenzt.

Juan S. Guse

Während Anja Kümmel offensichtlich die Werke der anderen drei kannte, spürte ich doch eine gewisse Unkenntnis der deutschsprachigen SF. Ich stelle mir das so vor, dass sie sich mit ihren Werken auf einer kleinen Insel der Phantastik im Ozean der Belletristik wähnen ohne zu wissen, dass sie da auf der Spitze eines Eisberges angelangt sind. Nun ja, als SF-Fan freut man sich über jeden Neuzugang, wobei Anja Kümmel natürlich seit »Träume digitaler Schläfer« aus dem Jahr 2012 fest zum Kanon der SF hierzulande zählt.

Anja Kümmel

Bald fiel dann auch dieses ominöse Wort glitch, das mir so gar nix sagte und ich entnahm der Diskussion, dass es sich um einen Fehler oder eine Abweichung von der Regel handeln muss. Hatte ich noch nie gehört. Wahrscheinlich reichen in meinem Umfeld Bug und Exploit völlig aus. Und noch einen Begriff kannte ich nicht: Off-the-grid als Genre-Eingrenzung. Ich lese wohl einfach die falschen Magazine und Publikationen, dass mir diese Slang-Begriffe noch nicht unterkamen. Das macht den Besuch im LCB für mich auch immer so spannend, man schnuppert in eine Literaturszene hinein, die, obwohl ich ihre Werke lese, mit meinem Leben kaum Berührungspunkte haben. Vermutlich ist das ein glitch und wir sind of-the-grid von einander.

Nach der Gesprächsrunde wurde das Publikum gebeten, sich auf zwei Räume zu verteilen, einer Lesung zu lauschen und nach fünfzehn Minuten, deren Ablauf durch einen mörderischen Gong verkündet wurde, den Ort zu tauschen. Zunächst lasen so Philipp Schönthaler und Julia von Lucadou, dann im Obergeschoss Anja Kümmel und Juan S. Guse.

Philipp Schönthaler

Ich blieb gleich im Hauptsaal sitzen und lauschte Philipp Schönthaler, der aus seinem Roman »Weg aller Wellen« vorlas, der gerade erst letzten Monat erschienen ist. Es ging in den Anfangsszenen um einen Mann, der am Venenscanner seiner Firma scheitert und somit nicht zur Arbeit gelangt. Das klang nach einer Geschichte über jemanden, der aus dem System fällt. Vielleicht ganz spannend.

Julia von Lucadou las aus dem Anfang ihres Romans »Die Hochhausspringerin«. Die titelgebende Figur will dem Leben als virale Persönlichkeit aussteigen, eine Psychologin soll sie umstimmen. Der Roman wurde eigentlich überall eher gelobt und so nutzte ich die Gelegenheit, mir Buch und Autogramm zu holen.

Julia las sehr poetisch

Dann folgten wir ins Obergeschoss zur Lesung von Anja Kümmel. »V oder die Vierte Wand« stammt schon aus dem Jahr 2016, dennoch hatte ich sofort die Figuren und Beziehungsgeflechte wieder vor Augen. Ich freue mich schon auf die nächsten Werke von ihr.

Anja Kümmel

Zu guter Letzt ging es ins Atrium, dem Dachboden der Villa. Eine sehr coole Lesekulisse mit einem deutlichen Hall. »Juan S. Guses« Roman »Miami Punk« fiel mir schon auf der Leipziger Buchmesse im März auf. Ich hatte reingelesen, wurde aber nicht warm damit. Nach der Lesung hat sich mein Eindruck nicht geändert, obwohl Juan sehr schön vorlas und auch ein paar Krümel Humor durchschimmerten. Aber insgesamt macht der Roman auf mich so den Eindruck einer Ansammlung tiefschürfender Gedanken und Ideen, mehr Projektionsfläche als eine Erzählung. Das hatte ich gerade mit Mardi zur Genüge.

ein stimmungsvoller Ort

Die rigide Lesungsanordnung beende das Event recht früh, aber man konnte noch an der Bar und in den Ausstellungsräumen mit den Autorinnen und Autoren ins Gespräch kommen und auch Autogramme erbitten, was ich natürlich ausnutzte.

»Die Hochhausspringerin« für mich!

Mal eine ganz andere Form der Lesung im LCB, die mir sehr gut gefiel. Könnte von mir aus öfter so ablaufen.

Ohne Käse biste Neese

Noch ein paar doch recht schwierigen und damit langwierigen Werken flutsch die Lektüre momentan bei mir ganz gut und der Rezensionsberg schmilzt langsam ab.

Im Schmelz schwimmt nun auch »Käsablanca« von Stefan Goebels aus der wunderbaren »Edition Drachenfliege« des periplaneta Verlages.

Käsablanca von Stefan Goebels; Cover: Tom Manegold

Im Klappentext steht bereits alles, was man vor dem Lesen über den schrecklichen schrägen Inhalt wissen muss und daher zitiere ich ihn hier mal:

Eigentlich wollte Lava Rougette ihrem Freund Floyd nur einen Denkzettel verpassen. Dass er gekidnappt und lebendig in einem Käse begraben wird, war nicht ihre Absicht. Während sie sich also auf den Weg zum Käsepalast macht, hobelt Floyd sich einen Weg aus seinem Sarg. Doch das ist nur der Anfang seiner Heldenreise: In den käsigen Gängen wimmelt es vor mordlustigen Clown-Zombinen, die nur ein Ziel haben: ihn! Wie gut, dass ihm plötzlich Lola und die Schimmelpriester zur Seite stehen.

Und Lava Rougette? Die erlebt mit den Cheezern und jeder Menge psychoaktivem Parmesan ihren ganz eigenen Trip. Doch wer steckt dahinter? Warum passiert all das? Wie kann man aus dem Laib entkommen? Wie kommt man rein? Und ganz wichtig: Ist noch etwas von dem Käse da? Und warum macht dieser Käse so glücklich?

Ihr seht, es steckt da eine ganz irre, dystopische Welt mit Horror-Elementen und seltsamen Figuren drin. Bei mir hat es ein paar Kapitel gedauert, bis ich erkannte, dass der Roman lustig sein will und ein paar mehr, bis ich ihn auch wirklich lustig fand. Ich hätte den Klappentext vielleicht doch vorher lesen sollen, wie ihr das grad hoffentlich tatet. Wenn man wie ich unbeleckt hineinspringt, könnte Ratlosigkeit und ein leichtes Befremden eintreten. Aber wenn der Humorgroschen gefallen ist, wird’s nicht nur heftig, sondern auch cool.

In meiner Rezi zog ich den Vergleich mit der Horror-Komödie »Zombiland«, denn auf sie wird in »Käsablanca« nicht nur direkt referenziert, sondern ich fand ihn zunächst auch nicht lustig. Nur im Unterschied zu »Käsablanca« änderte sich das bei dem Film bis zum Schluss nicht.

Stefan Goebels schlug mir in »Käsablanca« jede Menge Käse-Witze und –Wortspiele um die Ohren, vermischt mit satten Horror-Elementen und wirklich nur die dicksaftige Käse-Fassade trennt den Roman von einer typisch zynischen Dystopie. Das muss man mögen und sich darauf einlassen. Wenn man das aber macht, erlebt man jede Menge Gaudi – und ich musste mich grad massiv zwingen, keinen Käse zu schreiben. Wortspielereien sind ja eine kleine Liebe von mir.

Das Phantastische an der Edition Drachenfliege und der Grund, warum ich aus ihr alles blind probiere, ist: Die Bücher überraschen sehr, sehr oft mit skurrilen Ideen, krassen Figuren und unvorhersehbaren Plots. Das periplaneta-Team hat da ein ganz wunderbares Händchengewimmel für einzigartige Geschichten. Kann man gar nicht oft genug drauf hinweisen.

Also folgt Floyd durch den Käse und rennt an seiner Seite mit Schimmelpriestern, Agent Orange und Lola um euer Leben und holt euch endlich einen Parmesan-Riegel aus dem Kühlschrank. Oder besser zwei.

Bedarf! Bedarf!

Samstagabend kochte die Stadt. Während sich in der Alten Försterei die Union-Fans auf ihren ersten Bundesliga-Sieg einsangen, machte ich mich bei 30° im Schatten auf, um der Science-Fiction zu frönen. Denn Amandara lud erneut zu einer Lesung in die Kulturbremse. Auf dem Programm standen Sabrina Železný, An Brenach und Theresa Hannig. Über Sabrina hatte ich auch erst von der Lesung erfahren, da sie den Termin stolz verzwitscherte.

Die Kulturbremse ist eine Zirkusschule, die von Clown, Zauberer und Tausendsassa Noopy nun schon seit fast zehn Jahren betrieben wird. Furchtbar stolz erzählte er auch gleich vom vergangenen Abend, als die Meystersinger mit Luci van Org und Roman Shamov den Raum rockte und die Hitze noch viel heftiger durch Moabits Straßen kroch.

Amandara und Noopy bei der Begrüßung

Ich kannte die Örtlichkeiten bereits von der Märchen-Lesung im Januar und hatte mich entsprechend vorbereitet. Neben den drei Autorinnen sowie Amandara und Noopy entdeckte ich unter den Gästen auch Claudia Rapp, die sensationell in einem Avengers-Kleid erschienen war und mit gewohnt ansteckender Fröhlichkeit auftrat.

Den Lesungsteil begann Lamahüterin Sabrina Železný, die uns Auszüge ihres Romans »Feuerschwingen« zu Gehör brachte.

Sabrina Železný

Darin geht es um raumfahrende Inkas und Spanier (Iberer) in einer alternativen Zeitlinie. Auf der Suche nach dem legendären El Dorado stürzen zwei Mitglieder der verfeindeten Völker, Manko und Gonzalo, auf die verlassene Erde ab. Das ungleiche Pärchen trifft dort direkt auf Monster …

Sabrina ist großer Fan Südamerikas und spricht die spanischen und Quechua-Wörter mit wunderbarem Sound aus. Ich spüre schon, dass ich an dem Roman auf lange Sicht nicht vorbei komme. Aus ihren Twitterfeets kannte ich bereits ihre Erfahrungen mit widerspenstigen Figuren, die »ein hohes Maß an Eigendynamik hatten und auch nicht davor zurückschreckten in der Mitte alle meine Plotplanungen über den Haufen zu werfen und mir dann zu beweisen, dass sie recht hatten. Sie haben immer Recht.«

»Feuerschwingen« verspricht nicht nur aus diesem Grund, ganz lustig zu sein. Nicht umsonst ist ihr Twitter-Name eben: Lamahüterin.

Die Lamahüterin im Einsatz

Ihr Debüt »Kondorkinder« wird im nächsten Jahr neu erscheinen, als Gesamtausgabe im Art Skript Phantastik Verlag, in der die beiden 2013 als getrennte Bände erschienen Handlungsstränge als abwechselnde Ebenen zusammengeführt werden.

Theresa stellte ihr in der Fragerunde die »böse Frage« nach dem Geschlecht der Protagonisten, und Sabrina bekannte mit entwaffnender Offenheit, dass sie es 2013, als der Roman entstand, noch nicht hinterfragt hatte. »Sie sind mir so zugelaufen. Es gibt auch ein paar coole Frauenfiguren in dem Buch. Heute würde ich auch schon gucken, dass mehr dabei sind.«

Eine sichtlich aufgeregte An Brenach aus Friedenau setzte sich als Zweite auf den Lesethron.

An Brenach

Die Autorin war mir bis dato völlig unbekannt, aber sie überzeugte mit ihrer großartigen Geschichte »Die Wanderläden« über eine etwas schräge KI. Als Begleiter eines sehr speziellen Händlers – Mr. K. – hat die KI alle Subroutinen voll zu tun, die Bedarfsdetektoren der Kraal-Familie auszuwerten und den Raumschiffladen via Hyperraum an den Ort zu bringen, wo die bedürftige Kundschaft wartet. Doch es gibt diese Tage, da geht einfach alles schief und so eine KI ist auch nur ein Mensch.

Während ihrer Lesung offenbarte An ein herrliches Talent, die verschiedenen Stimmungen und Seltsamkeiten ihrer Hauptfigur darzustellen. Die Story hatte sie extra für den Abend geschrieben und noch keinen Plan, wo und ob sie veröffentlicht werden wird.

eine großartige Erzählerin: An

Es wäre sehr schade, wenn die Geschichte in einer Schublade verschwinden würde und überhaupt will ich ganz dringend mehr von An lesen.

Nach der Pause zeigte uns Noopy einen ziemlich coolen Zaubertrick mit einem wandernden Loch für eine Schlüsselkette. Keine Ahnung, wie der Trick funktioniert: Noopy hatte uns, sein Publikum, fest in Bann und Griff.

Noopy verschiebt Löcher

So gefesselt waren wir reif für Theresa Hannig. Seit ihrem Seraph-Gewinn 2018 für »Die Optimierer« als bestes Debüt rührt sie nicht nur das Phantastik-Fandom ordentlich durch.

Theresa im Gespräch mit Andreas Brandhorst, dem anderen Seraph-Gewinner auf der LBM 2018

Nach ihrer Auseinandersetzung mit der deutschsprachigen Wikipedia kennen sie vermutlich auch darüber hinaus sehr viele Menschen. Und Theresa hat kein Problem, ein Publikum zu binden. Sie erzählte, dass ihre Lesung eigentlich über eine Stunde ginge und sie auch in Schulen auftreten würde, da es die »Die Optimierer« in Bayern als Dystopie-Beispiel auf den Stundenplan geschafft hat. In Dresden sogar ins Theater. Die Lese-Erfahrung merkte man ihr an. Mit großer Präzision, Gespür für Timing, herrlichem Sarkasmus und gesungenen Liedtexten, präsentierte sie eine Szene aus dem Optimierer-Nachfolgeband »Die Unvollkommenen«.

Theresa Hannig

Lila Richter wurde wegen Hochverrats zu lebenslanger Haft verurteilt und nach fünf Jahren Verwahrung zur Bewährung in das Internat Kühlungsborn gebracht. Denn die Bundesrepublik Europa hat in ihrer Optimalwohlökonomie auch den Strafvollzug optimiert …

Was für ein bitterböser Stoff. Zwar habe ich den ersten Band bisher nicht gelesen, aber den zweiten kaufte ich der Autorin ab. Nun brauch ich nur noch Mut zum Lesen. Dystopien sind ja nicht gerade meine Lieblingsspeise. Aber immerhin wird der nächste Roman der Vollzeitautorin eine Utopie, versprach sie ganz fest.

Im Anschluss erzählte sie auf Amandaras Wunsch hin noch etwas über die Wikipedia-Problematik und schloss mit dem Anliegen, den konservativen Kräften innerhalb der Wikipedia mit Freundlichkeit zu begegnen.

Theresa erzählte von der Wikipedia-Konferenz am Vortag

» […]Good hearted people, die mit Enthusiasmus und positivem Denken versuchen, das alles irgendwie wieder zu dem Zustand zurück zu bringen, den es 2001 mal hatte. Also bitte schaut’s euch einfach mal an, editiert ein paar Artikel – macht einfach mal! Das würde dem Ganzen sehr, sehr viel bringen.«

Dafür erntete sie großen Applaus. Sie hat natürlich Recht damit, dass man den verkrusteten Strukturen innerhalb eines solchen Projektes am bestem mit beharrlichem guten Vorbild beikommen kann. Meinen Wiki-Account erstellte ich 2005 und sehr viel habe ich bisher da nicht mitgemacht. Schon damals schreckte mich das krasse Regelwerk ab. Aber ich sollte wirklich mehr positive Vibes einbringen. Wenn ich denn mal enzyklopädisches Wissen beizutragen habe.

Mit diesem kämpferischen Appell Theresas endete ein sehr feiner SF-Abend. Nun muss ich mir nur noch die nächsten Termine in der Kulturbremse merken, denn Amandara schwärmte von einem vollem Programm!

Sabrina, Noopy, Theresa, An und auf dem Thron: Amandara

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