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Kerzen, Knochen und ein kleiner Krümel Krimi

In meiner Twitterblase fließt ein beständiger Fluss an neuen Buchveröffentlichungen und Lesespaßbegeisterung. Eine besonders große Welle schlug dort Liza Grimms »Talus« und irgendwann wurde auch ich mitgerissen und orderte das Werk der sympathischen Autorin, die ich schon auf der Leipziger Buchmesse erlebte. Sie strahlte dort mit einem unglaublich fröhlich stimmenden Lächeln, das mir im Gedächtnis blieb.

Liza Grimm auf der Leipziger Buchmesse 2018

Allerdings reizte mich inhaltlich bisher keines ihrer Bücher, aber nun konnte ich nicht ausreißen.

»Talus« spielt in Edinburgh. Großer Pluspunkt! Es tauchten auch bald die Geistertouren in den Vaults auf, die wir bei unserem Besuch natürlich mitnahmen.

»Talus« von Liza Grimm; Cover von Alexander Kopainski

Die Hauptfigur ist eine der Führerinnen und gerät in Ereignisse, die mit der magischen Hexen-Unterwelt der Stadt zu tun haben. Also eine klassische Urban-Fantasygeschichte, in deren Zentrum eine romantische Liaison steht. Der für mich spannendere Plot um Morde an Hexen, einer fiesen Seuche und Intrigen in der Unterwelt dümpelt dabei zunehmend im Hintergrund herum und das Ende wirkte dann auch überhastet. Da sehe ich sehr viel verschenktes Potential.

Gerade die Beziehungsszenen empfand ich als störend und auch stilistisch kam ich da in Gefilde, die ich meide.

Das Buch endet mit einem Cliffhanger, aber ich werde dem nicht weiter folgen. »Talus« ist leider nur Mittelmaß und auch dort nicht ganz oben dabei. Ich bin vielleicht auch einfach nicht die Zielgruppe.

Der lange Weg zurück

Nach anderthalb Jahren konnte ich gestern endlich wieder zu einer in natura Lesung gehen! periplaneta startete diesen Monat wieder das TresenLesen und wer den tieftraurigen Blogbeitrag von Tom Manegold, Wir sind Helden, gelesen hat, wird wissen, was diese Lesereihe für den Verlag, das Café und die Held·innen dahinter bedeutet.

Mir war es tatsächlich egal, wie das Programm aussah, Hauptsache wieder eine Lesung!

Vorgestellt wurde ein Buch aus der neuen Hardcover-Reihe des Verlags: Liberdade von Theresa Rath.

Theresa Rath mit ihrem Roman »Liberdade«

Es geht um eine junge Medizinstudentin aus München, die in einer für sie toxischen Beziehung lebt, ohne es zu merken, und erst durch einen Brasilienurlaub lernt, wer sie ist, wo sie herkommt und was das mit ihr macht – soweit mein Inhaltseindruck nach der Lesung.

Rollenbilder in Deutschland und Südamerika spielen ebenso eine wichtige Rolle, wie Liebe, Sex und Drogen – in Summe überhaupt nicht mein Lektüreinteresse, aber die Autorin hat wunderbar vorgelesen und vermittelte einen angenehmen Schreibstil. Das Ganze mit etwas Phantastik gewürzt und ich wäre Zielpublikum.

Tom las zum Einstieg eine bitterböse Story aus seinem Episoden Roman »Gespräche mit Goth«

Der Abend wurde von Tom moderiert, der das Buch auch lektorierte und so entwickelten sich immer wieder schöne Dispute zwischen Theresa und ihm über Content Notes, Machismo, Privilegien und die Bedeutungslosigkeit von Sondierungen in Anbetracht existentieller Nöte.

Tom und Theresa plauderten bereits vor der Lesung

Ich hab das alles einfach nur genossen und bin immer noch sehr glücklich, da gewesen zu sein. Bitte macht weiter!

Dieser zauberhafte Blütenfluch

Auf meinem Schreibtisch stapeln sich die Bücher, zu denen ich Kurzrezis für den Blog schreiben will, bevor sie uns Regal wandern. Nun legen sich auch noch unsere neuen kleinen Kätzchen obendrauf und schwupps ist der Blick auf den Bildschirm versperrt – ein deutliches Signal, jetzt endlich anzufangen. Also los.

Piers Anthony ist ein Autor, den ich durch Michael Schmidt kennenlernte, weil er mir zum einem von ihm vorschwärmte und mich zum anderen zur Mitarbeit an einem Artikel für den Fantasyguide überredete. Ich kaufte mir damals etliche der Werke über ebay, aber eines war nicht dabei: »Chthon«. Micha versuchte immer mal wieder, das Buch in den Klassiker-Lesezirkel des SFN zu schleusen, im April diesen Jahres war es dann endlich soweit.

Mein Exemplar ist eine ziemlich ranzige Taschenbuchausgabe der Version des Marion von Schröder Verlages; leider ist der Gebrauchtmarkt für eine deutschsprachige Ausgabe des Werkes mehr als übersichtlich und nach der Lektüre wünsche ich mir da durchaus ein schön gebundenes Buch, denn »Chthon« ist ein Werk, das ich wiederlesen möchte.

Chthon oder Der Planet der Verdammten von Piers Anthony

Das liegt vor allem an der verschachtelten und nicht linear erzählten Geschichte, deren Wendungen man meist erst im Nachhinein begreift. Wir verfolgen die Geschichte von Aton Fünf, der recht gut situiert auf einer friedlichen Welt aufwächst, die mit dem Handel einer besonderen Blume reich wurde. Diese Blume blüht, solange die schenkende Person die beschenkte liebt. Aton trifft nach seinem siebten Geburtstag im Wald unweit des Anwesens seines Vaters auf eine wunderschöne Frau, die ihn küsst, eine dieser Hvee genannten Blumen schenkt und ihm Liebe verspricht, solange er sich an ihr Lied erinnert.

Dieser Zauber der Mignonne verändert nicht nur das Leben Atons, er durchzieht das gesamte Buch.

Ein wesentlicher Bestandteil ist dabei das Leben Atons in den Minen des Gefängnisplaneten Chthon und hier gelingt Piers Anthony nicht nur ein sehr atmosphärisches Stück Survival-Literatur, er baut um diese sehr brutalen Szenen eine faszinierende Welt auf, die seines gleichen sucht.

»Chthon« ist erstklassige Science-Fiction und eine sehr detailliert ausgearbeitete Lebensgeschichte, deren Protagonist man nicht mögen kann, dessen Handlungen man aber nach und nach versteht.

Für mich ein Buch, dass ich garantiert noch einmal zur Hand nehmen werde.

Die Liebe im Winter

Bereits im Februar las ich im Lesezirkel des SFN Ursula K. LeGuins Winterplanet.

Das Buch stand schon lange bei mir im Regal und als es ausgewählt wurde, nutzte ich die Chance, es endlich zu lesen.

Winterplanet von Ursula K. LeGuin; Cover von C. A, M. Thole

Das Buch beeindruckt vor allem durch die Idee einer Gesellschaft, in der sich Geschlechtlichkeit nur einmal im Monat für ein paar Tage zeigt und zufällig auf weiblich oder männlich fällt. Das verändert das zusammenleben der Menschen stark, da es weder eine Diskriminierung des Geschlechts wegen gibt, sexuelle Gewalt unbekannt ist und quasi jede Person in der Lage versetzt werden kann, sowohl Mutter als auch Vater zu sein.

In der eigentlichen Handlung geht es um einen Abgesandten der Ökumene, der zu erreichen versucht, dass sich der Planet ihnen anschließt. Wegen der klimatischen Bedingungen heißt der Planet Winter und der Höhepunkt des Romans ist eine lange Flucht über einen Gletscher. Der Abgesandte lernt dabei eine andere Form der Liebe kennen, grob gesagt.

Sprachlich wie inhaltlich ist LeGuin hier eine Meisterin, der Roman, im Original »The Left Hand of Darkness«, aus dem Jahre 1969 machte sie als SF-Autorin zu Recht berühmt.

Vom Stapel unerledigter Dinge

Manche Erkenntnis reift lange und überfällt einen dann mit schmerzender Präzision. Zwei Monate habe ich dem Blog nix zu sagen gehabt. Das lag auch daran, dass ich kaum etwas las und das wiederum führt zum Kern des Problems.

Sicher spielt die Pandemie ihre zerstörerische Rolle, aber letztlich hat es sich schon eine Weile angekündigt. Mein innerer Zwang, gelesene Bücher zu rezensieren nahm mir nicht nur zunehmend die Freude am Lesen, es verschlimmerte die Last unerledigter Dinge. Das Buch lesen, es rezensieren, in den Fantasyguide einbauen, darüber bloggen und dann das Buch in die Datenbank einpflegen. Jeder Schritt stand mit dickem Schatten vor dem Griff zu einem ungelesenen Buch, die ich ja weiterhin brav anhäufe, weil ich lesen will. Ganz viel und am besten gleich.

Darum werd ich meine offenen Rezensionsexemplarschulden abarbeiten und dann pausieren. Vielleicht landen hier im Blog oder anderswo ein paar Worte zu Büchern, aber nicht mehr verpflichtend.

Baumliebchen vor Schönwalde, Februar 2021

Tränen aus Rost sind das Blut der Sterne

Corona hat ja jede Menge Pläne zerfetzt und dafür gesorgt, das ich mich das halbe Jahr in einem seltsamen Zustand zwischen antriebsloser Melancholie und Zeitverlorenheit befand. Zum Glück gab’s einen Haufen Arbeit, was dafür sorgte, dass der Kopf sich mit Codeproblemen befassen musste und durchgepustet wurde.

Das Fehlen von Lesungen und Cons wurde mir wieder so richtig bewusst, als mich Swantje Nieman anschrieb und frug, ob ich nicht Drúdir 3 lesen wollte. Aber logisch!

Garantiert hätte die phantastische Steampunkerin den ganzen Herbst in Lesungen verbracht und das Buch wäre mir schon viel eher in die Hände gefallen. So war ich froh, es noch halbwegs pünktlich verschlingen zu können und siehe da, es gefiel mir noch besser, als die beiden ersten Bände!

Drúdir – Schatten und Scherben von Swantje Niemann, Cover: Jörg Schlonies

Das mag daran liegen, dass ich nun schon viel zum Hintergrund der Welt kannte, mit Drúdir durch einige tiefe Täler der Traurigkeit gewandert bin und mir die Melange aus Politik, Steampunk-Fantasy mit Zwergen und tollen Figuren fest ans Herz gewachsen ist.

In »Schatten und Scherben« wird Drúdir von seiner Vergangenheit eingeholt. Aber nicht nur das zwingt ihn, sich damit auseinander zu setzen, wie er sich seine Zukunft vorstellt.

Sich seiner Fähigkeiten bewusst zu sein, sie zu akzeptieren, ist ja nur das eine. Man muss auch seinen Platz in der Welt finden.

Erwähnte ich schon die tollen Figuren? Swantje hat da ein großartiges Händchen für ambivalente Charaktere, die sich entwickeln dürfen, Fehler begehen oder einfach Dinge in Bewegung halten, ganz egal ob sie Zwerge, Elfen, Trolle oder Menschen sind. Zwar angelehnt an typische Vorstellungen dieser Fantasy-Rassen, aber moderner, irgendwie realistischer. Ich mag das einfach. Und ich vermute ganz stark, dass Swantje irgendwann wieder in die Welt ihrer ersten Trilogie zurückkehrt. Da sie mit den Drúdir-Bänden ihr Talent schärfen konnte, bin ich aber frohen Mutes, dass alles, was dem direkt nachfolgt, ebenfalls das Lesen wert sein wird und ich freu mich drauf!

Mehr zum Buch schrieb ich wieder in meiner Rezi: Drúdir – Schatten und Scherben von Swantje Niemann

Tot bist Du noch lange nicht!

Wenn man über die Jahrzehnte einem erfolgversprechenden Jungautoren folgt, erwartet man ja immer, dass die ganze Welt genauso begeistert ist, wie man selbst. Ja, Jahrzehnte klingt lang für einen kometenhaften Aufstieg, aber ist es nicht das Ding der Kometen, ewiglang unentdeckt durchs All zu ziehen und dann plötzlich mit einem riesigen Impact die Welt zu erschüttern?

Uwe Post wird jetzt vielleicht nicht die deutsche Literatur erneuern, aber für mich gehört er mit seinen Werken schon zum Kanon der aktuellen deutschsprachigen Phantastik und sollte explizit in der SF deutlich geläufiger sein. Aber man kann sich seine Leserschaft nicht basteln und ich denke, dass Uwe Post da schon ein wenig dran verzweifelt. Er schreibt pointierte Kurzgeschichten, die SF-Themen mit gesellschaftlichen Missständen kreuzen, dehnt das in Roman-Form aus, lässt die Satire weg, versucht’s mit Fantasy, mit Retro-Charme und dann ist doch ein Känguru-Freund in den Bestsellerlisten – mit fast identischen Geschichten und Worten.

Ich versteh’s auch nicht. Und natürlich liegt’s auch nicht an mir, denn mit jeden neuen Buch von Uwe spring ich in die Bresche und betone meine Freude an der Lektüre, an der Wahl der Themen und dem Wohlklang der Worte. Okay, letzteres ist etwas übertrieben.

E-TOT von Uwe Post, Cover: licarto

Mit seinem jüngsten Roman »E-TOT« hat Uwe nun Ideen aus einigen Kurzgeschichten in Romanform umgesetzt und bebildert das Leben nach dem Upload, vor allem der Tücken, die man quasi zwangsläufig damit haben wird, wenn man sich an den heutigen Stand der Technik, ihre Missbrauchsmöglichkeiten und dem desolaten Zustand unserer Zivilisation ausrichtet.

Eine fein gesponnene Dystopie mit typisch Post’schen Sinn fürs Groteske und wenn er das ganze noch etwas fokussierter auf den Punkt bringen, den Figuren etwas mehr Charakter verpassen könnte, müsste das mit dem Bestseller auch mal klappen. Ich fand das Buch gut und etwas mehr berichte ich in meiner Rezi: E-TOT von Uwe Post

Trauer und Vertrauen folgen Katzenpfoten

Julia Annina Jorges beeindruckte mich vor ein paar Jahren mit einer Kurzgeschichte, deren innerer Horror sehr feinfühlig erzählt wurde. Nun bin ich kein großer Horror-Fan und verfolge die entsprechenden Veröffentlichungen nur am Rande, aber Julias Geschichten waren immer im Gespräch und so konnte ich natürlich wieder einmal nicht nein sagen, als sie mich frug, ob ich nicht Lust hätte, ihr jüngstes Buch, ein Kinderbuch, zu lesen.

Späterland – Die Welt hinter der Regenbogenbrücke von Julia A. Jorges; Cover: elaelo, Marinka, erinvilar und mtmmarek

»Späterland« überraschte mich dann dadurch, dass Julia ihre Vorliebe für die dunkle Phantastik spielerisch und nebenbei unterbrachte. Obwohl Tarjas Abenteuer im selbsterdachten Jenseits für verstorbene Haustiere für ein junges Publikum verfasst ist, sind die Bedrohungen dort teils sehr gruselig. Aber das passte für mich ziemlich gut in das ernste Thema der Trauerbewältigung. Für Tarja ist das Ganze noch komplizierter, befindet sich sie doch just in dem Alter, das für das Ende der Kindheit steht. Die Eltern sind nicht die Personen, die ihr dabei helfen können, mit dem Tod des geliebten Katers umzugehen. Nicht in diesem Lebensabschnitt. Und »Späterland« begleitet Tarja dabei, wie sie sich durch diesen doppelten Verlust kämpft. Vertrauen ist damit ein zentrales Thema, eng verknüpft mit dem Erfahren von Verantwortung.

Als erwachsener Leser und Rezensent neige ich bestimmt dazu, den Text zu sehr zu analysieren, doch hatte ich auch meinen Spaß mit der Abenteuerseite des Romans. Natürlich ist es schwer einzuschätzen, wie das auf Mädchen und Jungen so ab zehn Jahren wirkt, aber auch »Die unendliche Geschichte« enthielt neben phantastischen Abenteuern jede Menge ernsthafter Themen. Und fand ihre Fans.

Das wünsche ich diesem kleinen feinen Büchlein auch! »Späterland – Die Welt hinter der Regenbogenbrücke« von Julia A. Jorges

Was kostet ein Leben?

Matt Ruffs Art zu schreiben begeisterte mich von den ersten Seiten seines Debüts »Fool on the Hill« an. Natürlich wollte ich dran bleiben und noch mehr von ihm lesen, es blieb dann aber bei dem beeindruckenden »Ich und die anderen«. Es kamen irgendwie immer wieder andere Bücher und Leseprojekte dazwischen …

Nun aber erwarb ich in einem spontanen Kaufrausch im Otherland die Taschenbuchausgabe von »Lovecraft Country«. Das Buch war ja in letzter Zeit omnipräsent und wurde inzwischen im Serienformat verfilmt. Und das passt, denn das Buch ist eine Art Episodenroman, wobei alle Figuren und Plots trotzdem zusammengehören.

Lovecraft Country von Matt Ruff

Die USA sind in den 50er Jahren vom Rassismus geprägt. Der Vater des jungen Ex-Soldaten Atticus hatte eine geniale Idee, es seinen Leuten leichter zu machen, die Bundesstaaten zu bereisen, in denen der Rassenhass besonders schlimm wütet, er schuf »The Safe Negro Travel Guide«. Das erleichtert das Auffinden von Hotels, Restaurants und Tankstellen, die Menschen nicht wegen ihrer Hautfarbe abweisen.

Dennoch ist das Reisen stets gefährlich, wie wir bereits nach wenigen Seiten bangend miterleben müssen. Zwar gelangt Atticus halbwegs unbeschadet zu Hause an, jedoch muss er auf der Suche nach seinem verschollenen Vater erneut durch Feindesland.

Der Rassismus zieht sich durch das Buch, beherrscht Handlung und Figuren aber nicht in der Art, dass sie davon erdrückt werden. Matt Ruff mischt in die historische Gefahrenlage noch etwas lovecraftschen Horror, was, wie der Rassismus, zum Titel passt, und fügt noch weitere spannende Zutaten hinzu. Etwa eine begeisterte Astronomin, die den Weltraum bereist. Die Geschichte einer Versklavten, die Buch darüber führt, was ihr der Sklavenhalter an Lohn und Entschädigungen schuldet. Eine junge Frau, die in der Haut einer anderen erblüht. Ein alter Geist, der seine Meisterin findet. Ein Junge, der sich Ängsten stellen muss, die ihn und seine Familie bedrohen. Religiöse Fanatiker mit Zauberkräften und machtvollen Büchern.

All das wird wunderbar erzählt, voller Fantasie und Liebe zur Phantastik. Trotz der klassischen Settings sind die Figuren modern, besitzen die Strahlkraft menschlicher Charaktere, die mehr Leben besitzen als manche echte Menschen. Ich bin mal wieder hin und weg von Matt Ruffs Talent und Kunstfertigkeit. Natürlich durch die Worte von Anna und Wolf Heinrich Leube, die das Ganze ins Deutsche übertrugen.

Mal sehen, wie die Serie wird, ein erster Seh-Versuch scheiterte, da der Streamingdienst zur Originalfassung keine englischen Untertitel anbot und ich nichts von dem verstand, was die Figuren sagten, zumal die erste Szene nicht im Buch vorkam.

Trotzdem bin ich gespannt, wie Ruffs überbordender Phantastikozean umgesetzt wurde. Ein paar Worte mehr gibt es wieder drüben im Fantasyguide: Lovecraft Country von Matt Ruff

Das Problem mit dem magischen Zeitmanagement

Home Office ist ganz toll, aber mir fehlen die drei Stunden Lesezeit täglich in den Öffis auf meinem Arbeitsweg. Da Management jeglicher Art und ich auf Kriegsfuß stehen, hab ich noch keine Lösung gefunden, wie ich mir auch zu Hause Freiraum zum Lesen schaffe. Aber immerhin komme ich pflichtbewusst dazu, Rezensionsexemplare zu lesen, auch wenn ich schon lange kaum noch etwas anfordere, trotz diverser Angebote. Ich kauf die Bücher auch lieber.

Jedenfalls konnte ich mich bei einem Buch dann doch nicht beherrschen, das im Pressetext einfach zu cool klang:

»ob mit Ovids „Metamorphosen“, Murakamis „1Q84“ oder Tove Janssons „Mumins“ – beim Lesen betreten wir eine andere Welt. Durch Bücher erreichen wir Orte, Zeiten und Ereignisse, die für uns unendlich fern und manchmal fast undenkbar sind. Die Journalistin Laura Miller hat sich auf die Reise durch zwei Jahrtausende Literaturgeschichte begeben und die hundert faszinierendsten Fantasiewelten zusammengetragen: von uralten Legenden und Mythen über Klassiker der Weltliteratur bis zum „goldenen Zeitalter der Fantasy“ und aktuellen Bestsellern.«

Wonderlands herausgegeben von Laura Miller; Cover: Jim Tierney

Na, könnt ihr euch mein Sabbern vorstellen? Okay, müsst ihr auch nicht. Als das Buch dann Monate später ankam, hatte ich das natürlich schon wieder komplett vergessen, aber das Buch ist optisch ein Schmuckstück, gibt sich wie ein oldschool-Lexikon mit tollen Abbildungen und ganz schnell klebten jede Menge Markerfähnchen drin. Ich hörte dann damit bald auf, weil mir klar wurde, dass ich auf lange Sicht gar nicht all jene Bücher kaufen und lesen kann, die mir »Wonderlands« schmackhaft machte.

Gerade bei den Werken aus den 1970er fand ich eine Reihe spannend klingender Werke von Autorinnen, von denen ich bisher noch nichts gehört hatte. Das wird ein Projekt für nächstes Jahr.

Das Buch grast so ziemliche alle Subgenres der Phantastik ab, vom Gilgamesch-Epos bis ins Jahr 2015. Etwa Dreißig der Artikel behandelten Werke die ich gelesen habe oder zumindest Teile der besprochenen Universen. Dazu kommen einige Wunderländer, die ich aus Verfilmungen kenne, etwa »Narnia«, deren Lektüre ich mir aber klemme.

Die Qualität der einzelnen Artikel ist unterschiedlich, aber insgesamt für einen Überblick sehr gut. Klar gibt es Lücken, so fehlte mir die »Unendliche Geschichte« oder der Hinweis auf Alexander Wolkows großartige Fortsetzung vom Baums »Wizzard of Oz«. Der Schwerpunkt lag auf englischsprachiger Literatur bzw. auf Werken, die in Großbritannien und den USA erfolgreich wurden.

Ich denke, dass ich »Wonderlands«, regelmäßig nutzen werde, selbst wenn die SUBs beständig wachsen. Irgendwas ist ja immer.

Ein paar Zeilen mehr drüben in meiner Rezension: Wonderlands herausgegeben von Laura Miller

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