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Zweimal schwach ist traurig

Die blühende Landschaft deutscher Phantastikpreise ist bunt. Während ich wenig zur Fantasy und zum Horror sagen kann, fällt mir zur Science Fiction schon mehr ein.

Preise sind Geschmackssache, daher ist es völlig in Ordnung, wenn ich mit meiner Meinung allein da stehe. Niemand muss sie teilen und der folgende Text soll niemand angreifen, kleinreden oder gar beleidigen.

Jedenfalls ist das Ergebnis der diesjährigen Runde zum Deutschen Science Fiction Preis und zum Kurd Laßwitz Preis in den Kategorien deutschsprachige SF-Romane und SF-Kurzgeschichten in meinen Augen schwach.

Ich gönne der Siegerin Gabi Behrend und den Siegern Dirk van den Boom, Andreas Brandhorst und Michael K. Iwoleit ihre Preise, alle vier habe ich schon persönlich getroffen oder zumindest live erlebt und alle sind nett, wenn man mit MKI auch trefflich streiten kann. Alle vier schreiben auch gar keinen Mist und haben zum Teil sogar ganz Großartiges verfasst.

Was mich aber stört ist, dass sowohl beim DSFP als auch beim KLP erneut solider Mainstream gewonnen hat, vermutlich sogar eher die Menschen als ihre Werke.

Schaut man sich etwa die Punkteverteilung für die Romane beim KLP an, konnte der Gewinner Andreas Brandhorst mehr als doppelt so viele Punkte erringen wie Frank Hebben. Selbst Thomas Thiemeyer und Horst Evers landeten vor der Novelle Im Nebel kein Wort. Vielleicht lag es auch an der Entscheidung, sie nicht bei den Kurzgeschichten zu listen, aber dass die deutschen SF-Schaffenden in so eklatant deutlichen Zahlen den Standardroman feiern, enttäuscht mich doch. Ich befürchte, dass derartige Zeichen weder Experimentierfreude noch literarische Kreativität fördern helfen.

Ich beobachte seit Jahren, dass in dem von mir besuchten Teil des Fandoms, ein gewaltiger Tellerrand entstanden ist, der nur ganz selten überklettert wird. Kaum eines der für mich spannenden SF-Werke der letzten Jahre fand dort Beachtung oder LeserInnen. Falls doch mal ein Werk gelesen wurde, zeigte sich schnell eine fast intuitive Ablehnung von Sprache und Themen jenseits des Gewohnten. Mir drängt sich der Eindruck auf, dass oft jene Texte begehrt sind, die an Werke erinnern, mit denen die eigene SF-Begeisterung begann. Das ist an sich völlig in Ordnung, aber letztlich ein Schmoren im eigenen Saft. Und vor allem stinklangweilig.

Spannende Abenteuerromane lese ich sehr gerne, doch von einem Buch des Jahres erwarte ich mehr. Ich find die Ergebnisse für die deutsche SF bedauerlich, beglückwünsche aber natürlich sowohl Gabi, als auch die die drei Herren. Möge sie das Wort nie verlassen!

Brennender Mai

Wenn die Brennenden Buchstaben zum eBook-Event laden, freue ich mich inzwischen sehr darauf. Die Lesungen in den virtuellen Welten des Second Life bieten nicht nur interessante Geschichten, sondern dazu auch noch ein sehr kreatives Umfeld.

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Viel Platz für Kreativität

Zu jeder Lesung wird von erfahrenen Künstlern ein passendes Bühnenbild entworfen, es gibt Utensilien zum Benutzen, passend zur Story, Musik- und Soundeffekte und vor allem immer wieder auch die Möglichkeit, selbst etwas beizusteuern.

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Zur Lesung von Hexenherz gab es passende Hüte und Zylinder

Vermutlich kann man sich so etwas nur schwer nachvollziehen. Sich abends an den Rechner setzen, Kopfhörer auf, Gerstenkaltschale bereit halten, einloggen und los geht’s.

Die Lesungen in SL sind nicht meine ersten Erfahrungen mit virtuellen Events, in jedem MMO trifft man irgendwann auf Rollenspiel und Dinge wie Bardenkonzerte oder Hochzeiten.

Aber Lesungen in SL sind mehr als das, sie sind eine ganz eigene Bühne und bieten die Möglichkeit, Menschen mit Spaß an Literatur, egal welcher Gattung, in einem angenehmen Umfeld zu verbinden, die sonst etliche Kilometer trennen.

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Anschlagtafel am brennenden Theater

Daher besuche ich sie gern, nehme die für mich WASD-Fanatiker verelfte Steuerung hin (man muss ja nicht viel laufen) und erfreue mich an meist völlig unbekannten Autorinnen und Autoren.

Falls es mal Probleme gibt, hilft die SL-Community sofort, besonders Thorsten Küper ist stets hilfsbereit zur Stelle. Außerdem liest er mit sehr viel Verve und Mut zum Schauspiel.

Da Mai-Wochenenden selten dazu auffordern, still starr hockend im dunklen Kämmerlein zu bleiben, konnte ich dieses Jahr nur sechs der fünfzehn Veranstaltungen besuchen:

Monika Loerchner las aus ihrem Fantasyroman Hexenherz – Eisiger Zorn, Regina Schleheck stellte ihren erschreckenden Roman über Der Kirmesmörder – Jürgen Bartsch vor, Frederic Brake, den ich schon öfter in SL erleben konnte, las und spielte mit dem Kueperpunk zusammen die Zombi-Romanze Eleonore, Newbie Andreas Zwengel präsentierte Ausschnitte aus seiner Serie Der zweite Krieg der Welten und Jennifer B. Wind spendierte eine Rundschau ihres Schaffens.

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Auf Du und Du mit Tripods während der Lesung von Andreas Zwengel

Zum Abschluss gab es noch einen Megakracher: Glaszsphäre. Eine Kunstinstallation auf eine Kurzgeschichte von Thorsten Küper, angerichtet mit dem animierten Design von Moewe Winkler und fein abgeschmeckt mit sphärischer Musik von Michael K. Iwoleit, der dieses Wochenende wohl doch seinen Deutschen Science Fiction Preis auf dem DortCon abholen wird.

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In der Glaszsphäre

Ausführlich berichte ich drüben im Fantasyguide: Das E-Book Event der Brennenden Buchstaben 2017

Jede Menge Fotos gibt es bei BukTom Bloch, zu dessen Lesungen ich leider nicht konnte.

Schaut euch das mal an. Ich verlinke den Einsteigerguide vom Küper und rate euch, diese Erfahrung einfach mal zu machen. Es ist kein Kinderkram, kaum geekig, sondern Kunst, Spaß und ziemlich (Buzzwortalarm!) entschleunigtes Literaturvergnügen. Von Liebesgeschichte, über SF, Fantasy und Horror bis zu Krimi und Gegenwartsgeschichten wird in Lesungen, Theaterstücken und Installationen alles geboten. Ganz ohne Parkplatzsuche.

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Jeder findet Platz im Brennenden Theater

Das nächste Event kommt bestimmt, mögen euch die Pixel gewogen sein!

Alle Macht durch Drogen

Es ergab sich eher zufällig, dass ich Neosapiens von Nik Page und Junktown von Matthias Oden parallel las und sich dadurch inhaltliche Überschneidungen aufzeigten.

Nik Page verwendet für seinen Maschinenstaat Namen aus der DDR, etwa Ministerium für Sicherheit (MfS), bei Oden wird die totalitäre Diktatur auch Maschinenstaat genannt und es gibt diverse LTI-Verwendungen wie Rauschparteitag oder Rauschsicherheitshauptamt, aber auch der Trabbi findet als Tripbant eine rauschaffine Würdigung.

In beiden Romanen spielen Drogen eine große Rolle und rebelliert die männliche Hauptfigur gegen das normale, graue Staatsbürgertum. Auch der im Hintergrund lauernde Schlag durch das System bringt in beiden Werken eine stets mitschwingende Besorgnis. In beiden Systemen drohen für Abweichler Erziehungsmaßnahmen. Wird bei Nik Page jedoch das drogenzerblasterte Hirn gereinigt (auch von kreativer Energie) wird man in Junktown wieder auf die drogenabhängige Linie gebracht.

Die staatlich verordnete Abhängigkeit und das darauf fußende konsumistische Ordnungsprinzip sind zwei der genialen Konstruktionsmechanismen mit den Oden seine Dystopie zum kraftvollen Leben erweckt.

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Junktown von Matthias Oden; Cover: Das Illustrat

In unglaublich vielen Details spürt man, wie sehr sich der Autor mit den möglichen Auswüchsen einer solchen Gesellschaft beschäftigt hat. Jürgen Doppler aka Josefson liefert in der SF-Rundschau dazu einige Beispiele. Ich fand neben der Müllanfuhr besonders das System der Brutmütter perfide. Intelligente Maschinen, in deren Innern genmanipulierte Kinder heranwachsen und die sogar über einen »Befruchtungsstutzen« verfügen, also über eine künstliche Vagina, die problemlos auch von einem Mann verwendet werden kann und wird. Das ist schon sehr harter Tobak.

Bei Oden wird das Bild immer weiter ausgebaut. Die ermordete Maschine wird obduziert. Man findet eine Vergewaltigungsdroge in ihrem System. Sie hatte einen Freund, ging fremd, schrieb Liebesbriefe – Oden hätte wohl noch viel weiter gehen können.

Folgerichtig für ein solches System beschreibt Oden alle Symptome des Niedergangs. Menschen auf Droge müssen zum Konsum gezwungen werden. Es gibt keine natürliche Vermehrung mehr, die Bevölkerung muss künstlich wieder aufgebaut werden. Fehlender Antrieb führt zu schwindender Innovationskraft, Stagnation bedeutet Verfall. Drohender Verfall treibt die Systemträger zu immer radikaleren Mittel, ihre Macht zu erhalten, unfähig, die ökonomischen und gesellschaftlichen Probleme lösen zu können.

Eine gigantische Mühle, zwischen deren Mühlsteinen ein einsamer Streiter für die Wahrheit gerät.

Ja, das erinnert stark an Brazil und 1984, oder an Schöne neue Welt, aber ich denke schon, dass Matthias Oden da noch etwas Neues und sehr Lesenswertes herausgeholt hat.

Und selbst, wenn man Junktown einfach nur als dreckigen Ermittler-Krimi liest, dürfte man seinen Spaß haben.

Aber es gibt eben noch sehr viel mehr darin zu entdecken. Wer mit Solomon Cain durch das Rauschsicherheitshauptamt läuft, wird an Beschreibungen von Hitlers Reichskanzlei erinnert und spätestens dann weitet sich Junktown zu einem abgrundtiefen Dystopiegemälde: Junktown von Matthias Oden

Etwas Leben spüren

Auch wenn die Zeit ziemlich schnell dahinrast und mir das manchmal die Kehle schnürt, sind manche Dinge, die sich da so schnell entwickeln, einfach cool. Etwa, wenn man mit dem plötzlich (furchtbar plötzlich) erwachsenen Nachwuchs in ein Konzert geht.

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Schon etwas her: Das Sin City Festival 2017

Das Sin City Festival fand schon Anfang Mai statt, aber es passt dennoch heute, darob zu berichten, weil ich dort auf Empfehlung von SF-Megafan Hardy Kettlitz ein ganz besonderes Büchlein erwarb.

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Neosapiens von Nik Page; Cover von Norbert Frank

Neosapiens (Link führt zu Nik Pages Shop) erschien bereits 2001 und wurde von Nik Page verfasst. Der ist Mastermind der Berliner Band Blind Passenger, einer Neugründung der Blind Passengers, und Schirmherren des Sin City Festivals.

Das Buch hat mich sehr überrascht. Zum einen weil es in Versen verfasst ist, die aber eher willkürliche Textumbrüche darstellen und sehr wohl als flüssige Prosa gelesen werden können. Zum anderen aber ist Neosapiens ein mehr als ordentliches Stück Science Fiction.

Der Protagonist ist ein Musiker aus Berlin, Ende des 21. Jahrhunderts. Überwachung, Automatisierung und Genoptimierung haben zu einem technokratischen Maschinenstaat geführt. Kontrolliert von einer administrativen Kaste, den Supervisor. Der Ich-Erzähler trotzt dem Gleichmaß durch eine spezielle Art der Rebellion. Drogen, Musik und Sex natürlich, aber hinzu kommt auch eine Form von Körpertuning, die auf Implantaten beruht. Optimierte Linsen sind noch nachvollziehbar, aber er steht auch auf Tattoo-artige Monitore in der Haut und VR-Chips, mit denen er in abgefahrene Welten taucht. Zusammen mit einem exzessiven Lebensstil und dem Hang zu knalligen Kunstaktionen genießt er sein Leben in vollen Zügen. Seine neue Freundin hingegen gehört einer Gruppe von Menschen an, die ohne Optimierung leben will: Neosapiens.

Gerade wegen der schnoddrigen Schreibweise und den sehr plastischen Bildern steckt man stets direkt in den Szenen und besonders die futuristischen Performances, die Nik Page beschreibt, hab ich direkt vor Augen gesehen. Bei solchen Events möchte man dabei sein. Natürlich ohne einen Arm zu verlieren oder dergleichen.

Aber auf dem Sin City Festival konnte man so einen kleinen Eindruck davon gewinnen, dass Nik Page in seinem Buch über Dinge schrieb, die er in ähnlicher Weise selbst erlebt hat, dass diese Mischung von Kunst, Musik und Lebensart echt ist. Vielleicht deshalb fühlt sich Neosapiens lebendiger an als viele andere Science-Fiction. Zum Buch erschien damals auch eine gleichnamige CD der Blind Passangers, die ich mir nun prompt bestellt habe. Bin echt gespannt, was sie der Lektüre hinzuzufügen vermag.

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AD:keY

Industrial, EBM und Elektro sind jetzt nicht so hundertprozentig meine Lieblingsmusikrichtung, aber ich höre mir das schon gerne an. Zumal ich auf dem Sin City Festival in erster Linie wegen meines SF-Kumpels René war, der zusammen mit seiner Freundin einen Auftritt dort hatte: AD:keY nennen sie sich und machen sehr tanzbare Songs. Davor gab es mit Schramm eine ziemlich coole Band im Mad Max Design und was ich besonders cool fand, der Sänger spielte auf einem Theremin.

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Schramm

Jedenfalls hatten wir unseren Spaß, die Szene ist sehr stylisch angezogen, durch die Bank nett und der Frannz ist eine sehr lauschige Location.

Mehr zu Neosapiens gibt’s in meiner Rezi: Neosapiens von Nik Page

Ausgespielt

Ende des Monats sind die Stimmen für den Kurd Laßwitz Preis fällig und in Vorbereitung darauf habe ich mir zumindest einige der Kurzgeschichten zu Gemüte geführt, die ich im letzten Jahr noch nicht gelesen hatte.

Nominiert waren Storys aus Exodus 34 und 35, Nova 24, Zwielicht Classic 10 und aus der Gamer-Anthologie.

Nova 24 hatte ich zeitnah gelesen und die nominierte Geschichte von Markus Hammerschmitt hat auch meine volle Unterstützung. Den Text von Gabi Behrend in der Exodus 35 musste ich mir erst vornehmen, da ich mich nicht zum Abschluss der Lektüre des Heftes durchringen konnte. Exodus ist grafisch stets eine Pracht, aber inhaltlich haut es mich nicht aus den Socken. Deshalb kaufte ich die 34 auch nicht, die 35 bekam ich geschenkt und Gabis Geschichte bestätigt leider meine Meinung.

Aber Gamer interessierte mich dann doch und inzwischen hab ich nicht nur die beiden nominierten Storys von Michael K. Iwoleit und Niklas Peinecke gelesen, sondern alle.

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Gamer hrsg. von André Skora, Armin Rößler und Frank Hebben; Cover: Tim Eckhorst

Warum MKIs Story (der Link führt zur kompletten Story) nominiert wurde, kann ich nicht nachvollziehen. Der Text ist in meinen Augen sehr bieder und weit davon entfernt den hohen Ansprüchen des Autors zu erfüllen. In der Anthologie gibt es wesentlich innovativere Geschichten wie die von Frank Hebben etwa, politisch brisant dazu ist noch die Fußball-Geschichte von Armin Rößler und eine raffiniertere Dramaturgie liefert Thorsten Küper.

Niklas‘ Geschichte passt perfekt in die Themen-Anthologie, ist teilweise ziemlich schräg erzählt und besitzt auch das nötige Figurenspiel, um ein cooles Ende einzufahren.

Damit steht meine KLP-Reihenfolge fest: Hammerschmitt, Peinecke, MKI. Keine schlechte Auswahl an Kurzgeschichten, aber die beste des Jahres ist nicht darunter, denn die wurde als Roman nominiert.

Darum finden sich bei den Romanen exakt drei Bücher die ich gelesen habe und die Reihenfolge fällt mir leicht: Hebbens großartige Antikriegsgeschichte Im Nebel kein Wort war mein SF-Höhepunkt 2016. Karla Schmidts Beitrag zu D9E gehört zu den besten Romanen der Reihe und Horst Evers räumt damit mit mehr Glück als Verstand den dritten Platz ab. Sein Buch war nicht schlecht, aber eben mehr Klamauk als SF. Wobei ich mich ja immer noch wie Bolle freue, dass ich ihn live erlebt habe.

Von den anderen zehn nominierten Romanen reizt mich nur noch der Kruschel, den zu lesen war aber nicht mehr drin.

Bei den internationalen Romanen hab ich auch nur drei der neun Bücher gelesen und es tut mir Leid um Jo Walton, aber die Carmichael-Reihe werde ich ein andermal weiterlesen.

Daher: Die drei Sonnen, Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten und auf Platz 3 Aurora. Wobei mir wieder einfällt, dass ich den Bericht über die Lesung von Robinson immer noch nicht verfasst habe.

Entsprechend mau sieht‘s auch bei den Übersetzungen aus. Aber Martina Hasse hat sich mit der Cixin Liu-Übertragung wirklich große Mühe gemacht und gewinnt somit vor Karin Will.

Ich überlege noch, ob ich Oliver Plaschka auf Platz 3 setze, ohne das Buch bisher gelesen zu haben, aber Mr. Sapien träumt vom Menschsein werde ich mir garantiert noch zu Gemüte führen. Der steht dick auf meiner Wunschliste.

Bei den Graphiken habe ich einen ganz klaren Favoriten: Stas Rosin ist das Beste an Exodus 35, er ist darin noch mit einer Galerie seiner Bilder vertreten, allesamt großartig, phantastisch und exakt mein Geschmack. Das Cover zu Hauptsache gesund von Lothar Bauer, der gleich dreimal nominiert ist, fand ich schon beim ersten Sehen megacool und der zweite Platz ist wohlverdient. Platz 3 ist dann schon schwieriger. Markus Vogt, Greg Ruth oder Das Mustrat? Ich weiß es noch nicht.

Von den Hörspielen habe ich keines gehört, entfällt also. 1,5 von ihnen sind auch gar nicht mehr verfügbar.

Der Sonderpreis für einmalige Leistungen erschließt sich mir nicht so, aber dass Hardy Kettlitz einen für langjährige SF-Arbeiten verdient hat, steht fest. Aber ich wage mal die Voraussage, dass sich Herbert W. Franke am Ende freuen wird.

Damit bin ich gut vorbereitet, meinen Stimmzettel loszuschicken, und vielleicht fahr ich ja mal zur Verleihung nach Dresden. Einen PentaCon habe ich noch nie besucht.

Und noch einen Blick in die Zukunft wage ich: Auf meiner KLP-Liste für 2017 wird Junktown von Matthias Oden zu finden sein. Das lese ich gerade, übrigens witzigerweise parallel zu Neosapiens von Nik Page (ein Tipp von Hardy Kettlitz) und obwohl ich Dystopien eigentlich schon lange nicht mehr sehen kann, sind beide ziemlich schräge und fesselnde Vertreter davon.

Puh, langer Blogpost, der aber nicht ohne einen Link zu meiner Rezi enden soll: Gamer hrsg. von André Skora, Armin Rößler und Frank Hebben.

Drachenfliege auf Trolljagd

Schon lange wollte ich dem Literaturcafé des Periplaneta-Verlages einen weiteren Besuch abstatten und so traf es sich ganz gut, dass der phantastische Verlag für seine Edition Drachenfliege am Samstag eine neue Lesereihe einführte: Die Fantasy-Lesenacht aka Drachen-Fliege-Nacht.

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Logo der ersten Drachen-Fliege-Nacht

Das Literaturcafé liegt ganz romantisch an der Bornholmer Straße und somit nicht ganz im größten Rummel Prenzlbergs.

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Das Literaturcafé

Es gibt fränkisches Bier, da die Cheffin Marion Alexa Müller aus jenen südlichen Gefilden stammt. Neben Marry gab noch Thomas Manegold den Gastgeber und Steve-Bürk-Ersatz, denn aus unbekannten Gründen war der zweite Autor des Abends nicht erschienen.

Doch die Lesebühnen erprobte Periplaneta-Mannschaft hatte alles fest in Elfenhänden und glich den Mangel mehr als aus.

Während Toms historischer Eingangsrede versuchten ein paar Bergtrolle die Veranstaltung zu sprengen und so musste Ritter Tom hinaus in die Nacht, derweil Jungfer Marry die Einführung fortsetzte und als sei es inszeniert, griff der siegreich heimgekehrte Recke die Mär vom Reich Periplaneta exakt an jener Stelle auf, da die holde Marry sie fallengelassen hatte.

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Tom im Nebel der Erkenntnis

Tom las sodann, von atmosphärischen Zügen aus der eZigarrette begleitet, aus dem schrägen Urban-Fantasyroman Die Unwahrscheinliche Erleuchtung des Kiffers Felix B. die Eingangsszene vor, in der wir nicht nur Zeuge der Erleuchtung selbst werden, sondern auch von für Felix viel zu tief gehenden Erkenntnissen über seine Beziehung erfahren.

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Felix, Lin-Lin und Tom

Der Text wirkt vorgelesen noch deutlich witziger als morgens halb sieben in einer stinkenden Ringbahn.

Marry übernahm danach das Zepter für eine Lesung aus ihrem Erzählband Evasapfel, der demnächst endlich wieder in einer neuen Ausgabe verfügbar sein wird.

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Marion Alexa Müller

Marilyn ist eine SF-Geschichte, deren ironische Behandlung von Schönheitswahn und Bodyshaming irre aktuell ist.

Mit Die lautlose Woge startete im Januar die Highfantasy-Saga Kalion von Aleš Pickar in der Edition Drachenfliege und Marry erklärte kurz, warum ihr gerade dieses Manuskript so zusagte. Letztlich beeindruckte sie das Faltblatt mit dem geplanten Handlungsverlauf der Saga. Solch einem strukturiert arbeitenden Autor traute sie eine erfolgreiche Beendigung der Arbeit zu. (Aleš Pickars Frau schüttelte bei »strukturiert« energisch den Kopf).

Aleš hat bereits eine ausgedehnte Lesereise hinter sich und war dadurch bestens präpariert. Seine kurzen Auszüge aus dem ersten Band gaben einen Einblick in die unterschiedlichen Handlungsstränge, aber auch in die Stimmungen, die von Wut über Trauer bis hin zu Klamauk und Horror gehen.

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Humor gabs auch

In der Pause konnte ich kurz mit ihm über die Entstehung reden und erfuhr, warum mir so ein bisschen der Höhepunkt fehlte. Eigentlich war der erste Band nämlich deutlich dicker. Und er versprach, dass im zweiten Band exakt dieser Höhepunkt mit Macht käme. Es war interessant, ihm zuzuhören, welches Feedback auf er auf den Roman bisher bekommen hätte, wie verteilt die Sympathien für die Figuren seien und welchen Diskurs es zu Neleis »Abenteuer« im Kloster gab. Dieses Kapitel ist in der Tat sehr außergewöhnlich und bewegt sich nicht auf gewohnten High-Fantasypfaden.

Als musikalische Nacht-Nuance gab der Liedermacher Josias Ender (der Link führt zu Facebook) Kostproben aus seinen gefühlvollen Liedern, deren Texte lyrisch schwebend zur phantastischen Drachen-Fliege-Nacht passten.

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Josias Ender

Seine erste CD Aus den Wäldern in die Städte konnte ich vor Ort erwerben, Lieder von der demnächst erscheinenden zweiten Scheibe hatte er im Gepäck, sodass sich Kauf und Zuhören im Doppelpack lohnten.

Nach der Pause gab es eine noch unveröffentlichte Story von Marry, in der es um die Macht der Religion und die Ehre geht, der Wächter der steinernen Eichel zu sein. Tom unterstütze die Lesung als alterndes Eichhörnchen ohne Haare.

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In Odins Namen: Marry und Tom

Das große Finale durfte dann wieder Aleš bestreiten, der uns zwei der witzigen Nebenfiguren aus Die lautlose Woge vorstellte.

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Im Hintergrund die Karte von Neroê

Zum Ausklang der Blauen Stunde griff Tom noch weit in die Vergangenheit und las einen Text aus dem Nautilus-Projekt vor, in dem er als Projektleiter nicht nur AutorInnen zusammenbringen musste, sondern auch noch die Band The Sycamore Tree.

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Tom Manegold’s Blues

In die Nacht entließen uns dann zum Schluss weitere magische Songs von Josias Ender.

Für Mitte August ist bereits die nächste Fantasy-Nacht avisiert und nach dieser tollen Premiere habe ich große Lust, wiederzukommen. Marry deutete auch an, dass bis dahin Neues aus dem Reich der urbanen Fantasy gereicht werden kann.

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Ein strahlender Blick in die Zukunft

Lassen wir uns überraschen!

Frühjahrsmüdigkeit

Ich bin im Moment etwas versackt, versumpft und unzufrieden, aber vermutlich will mein komischer Körper mir damit irgendwas sagen. Jedenfalls liegen zwei Lesungs- und ein Konzertbericht auf Halde und kommen über den Fotosortierstatus nicht hinaus. Mhm.

Dafür hab ich so richtig Bock auf die Arbeit an einem Artikel zu The Turn of the Screw von Henry James. Micha Schmidt frug mich, ob ich für eine der kommenden Zwielicht-Ausgaben nicht eine Story aus der Liste im Horror-Forum in einem Artikel besprechen möchte. Die Liste ist riesig und voller interessanter Namen, aber ich blieb bei Henry James hängen. Zum einen las ich in den letzten Jahren mit großer Freude seinen Roman Washington Square und die Novelle Daisy Miller und zum anderen blieb mir von der damaligen Beschäftigung mit dem Autor der geniale Titel The Turn of the Screw im Gedächtnis.

Also orderte ich das Buch und sah mich auch gleich nach Sekundärliteratur um.

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Das Durchdrehen der Schraube von Henry James

Als ersten Einstieg wählte ich Henry James (Leben in Bildern) von Verena Auffermann, da ich ein großer Freund von Fotos bin. Verena Auffermann bietet einen groben, aber sehr emotionalen Abriss der Lebensgeschichte von Henry James. Die Fotos, Zeichnungen und Bilder sind von hoher Qualität und so hat mich das großformatige Buch tatsächlich für den Menschen begeistert.

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Henry James (Leben in Bildern) von Verena Auffermann

Im Anschluss nahm ich mir die Henry James Biografie von Hazel Hutchison vor, die an vielen Stellen ausführlicher ist und zudem auf die einzelnen Werke eingeht. Auch dieses Buch enthält eine Menge Fotos, auch einige, die nicht bei Verena Auffermann zu finden sind, zumindest fielen sie mir dort nicht auf.

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Henry James Biografie von Hazel Hutchison

Biographisch bin ich damit ganz gut aufgestellt für den Artikel und nun kann ich mich an die Beschaffung von Material zum Werk selbst machen. Ganz oben auf meiner Wunschliste stehen Essays von Virginia Woolf, die in ihrer Jugend die literarischen Salonwege mit Henry James kreuzte und deren Meinung mich brennend interessiert, zumal in den Biographien erwähnt wurde, dass sich ihr Schreibstil auch an James orientierte. Virginia Woolf mag ich, seit ich vor Jahren Flush und To the Lighthouse las und seit Orlando liebe ich sie.

Irgendwo in ihrer Werkausgabe bei Fischer sind James-Essays und ich bin ganz froh, einen Grund zu haben, mal wieder etwas von ihr zu akquirieren.

Meine allerersten Eindrücke zu The Turn of the Screw habe ich in einer Rezi im Fantasyguide zusammengefasst. Das ist natürlich noch nicht der Artikel, sondern reißt die Themenfelder an, die ich bisher im Buch entdeckt habe. Es soll diverse Interpretationen zur Geschichte geben und im Artikel werde ich da rauf genauer eingehen. Außerdem gilt es, einige biographische Bezüge aufzuzeigen.

Als National Trust Mitglied müsste ich ja eigentlich schleunigst ins Lamb House reisen und ich bin nächsten Monat auch tatsächlich auf der Insel, aber in Schottland. Da folge ich dann den Spuren anderer Geister.

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