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Sackgassenschock

Jedes Jahr zur Weihnachtszeit tauchen in der Statistik der Fantasyguidezugriffe Rezensionen zu Brettspielen auf, teils von Spielen, die schon etliche Jahre auf dem Buckel haben. Seit unser letzter Redakteur für Spiele aus seinem Hobby einen Beruf machen konnte und zu einem Spieleverlag wechselte, sieht es leider mau aus mit neuen Brettspielrezis.
Daher war es mir ein großes Bedürfnis, endlich mal wieder eine zu verfassen. Denn der Weihnachtsmann brachte uns ein ganz phantastisches Spiel: T.I.M.E Stories.

 

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Grundbox und das zweite Szenario

Als frischgebackene Agenten einer Zeitreise-Agentur lässt man seinen Geist durch Zeit und Raum in passende Wirtskörper transferieren um eine bestimmte Zeitlinie zu schützen.
Im Grundspiel ist ein Abenteuer enthalten, dass ins Paris des Jahres 1921 führt. In einer Nervenheilanstalt droht sich ein Zeitriss zu bilden. Das Wer und Wie ist unbekannt …

Wir spielten das Szenario in Familie und auch wenn die Anzahl der Mitspielenden auf vier begrenzt ist, können problemlos noch mehr mitmachen um zumindest die Rätsel mitzuknacken. Man sollte aber eh als Team arbeiten.

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Acht irre Wirtskörper stehen zur Auswahl

Das Spiel ist sehr durchdacht, sowohl was die Regeln und das Szenario anbelangt, als auch die Ausstattung. Besonders cool ist die Möglichkeit, einen Spielstand im Karton abzuspeichern. Das ist auch notwendig, denn der Schwierigkeitsgrad ist hoch und man hat nur eine begrenzte Anzahl von Zügen zur Verfügung, was durch einen Zeitmarker repräsentiert wird. Jeder Versuch wird Durchlauf genannt und wir benötigten derer drei.

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Die Box lädt zum Speichern ein

Besonders hart war der zweite Durchlauf. Als wir uns schon am Ziel wähnten, nach einem besonders harten Fight, der sich wie ein typischer Endkampf anfühlte, stellte sich der erfolgversprechende Weg als Sackgasse heraus und wir hatten echt keine Ahnung, an welcher Stelle des Spiels wir etwas übersehen haben könnten. Doch wir überwanden die Frustration und nach einer Nacht des Überdenkens hatte die klügste Frau der Welt die entscheidende Idee.

Wir zockten mit großem Spaß, es gab keine Leerläufe, wir alle mussten die gesamte Zeit voll dabei sein und zusammenarbeiten. Klar, ein Abenteuer in der Grundbox ist arg wenig, nichtsdestotrotz sind wir bereits auf der nächsten Zeitreise.

In meiner Rezi gibt’s weitere Details zum Spielverlauf und ein paar Bilder mehr: T.I.M.E Stories

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Schicht im Raumanzug

Michael K. Iwoleit nannte ihn Hobbyautor mit einem gewissen Talent und benannte seine Kritik der 2016 erschienenen SF-Kurzgeschichten »Eine Saison der Kurzatmigen«, womit er sich direkt auf die Storys von Norbert Fiks bezog.

Da ich dessen Blog schon ewig verfolge, entging mir Norberts Freude über die Erwähnung im SF-Jahr nicht, wohl aber das Buch selbst. Drum frug ich gleich an, ob man es denn noch erwerben könne und so flatterte das Bändchen bald in meinen Briefkasten.

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Zeit für die Schicht und andere SF-Kurzgeschichten von Norbert Fiks

Norbert gibt sich redlich Mühe, keine großen Erwartungen, sondern ganz im Gegenteil heftige Sympathien für seine kleinen Geschichten zu wecken. Das wundervolle Selbstinterview anstelle eines Nachwortes ist an raffiniertem Understatement kaum zu überbieten.

Für mich stellten die SF-Storys ein kurzweiliges Vergnügen dar, nicht nur ob der Kürze und Kürzestkürze, sondern vor allem wegen der sich fast komplett durchziehenden Prämisse, den Blick auf alltägliches und damit verbundene Probleme zu lenken. Etwa Langeweile bei Routineflügen oder Paradoxproblemen im Zusammenhang mit Zeitreisen.
Die beste Geschichte begibt sich auf die Spuren von Isaac Asimov und erforscht die Abgründe in den Schaltkreisen von Haushaltsrobotern. Mir kommt so ein Ding gewiss nicht ins Haus!

Also insgesamt nichts falsch gemacht mit der Anschaffung des kleinen Bändchens und für die Unterstützung eines gewiss talentierten Hobbyautors schreib’ ich mir einen Gummipunkt extra gut.

Mehr zum Buch in meiner Rezi: Zeit für die Schicht und andere SF-Kurzgeschichten von Norbert Fiks

Mein schrecklicher Tod im Taschenbuch

Als dilettierender Lektorenbanause bekommt man leicht den individuellen Zorn der Autoren zu spüren. So bin schon zweimal literarisch ermordet worden. Doch ich werde nicht aufhören zu dilettieren!

Spaß hat’s ja doch gemacht, als ich mich auf der Richtstatt des Marktplatzes von Saramee wiederfand und während Kronn – der Held der Geschichte, vom Richtblock gerettet wurde, erging es einem gewissen Stain Bärg’Er schlecht.

Nun hatte der Erfinder von Saramee, Chris Weidler, die Idee, der Fantasy-Reihe neues Leben einzuhauchen und alle Kronn-Geschichten in einem Sammelband als Taschenbuch herauszugeben. Jedoch ist das Material recht umfangreich, sodass uns bald klar wurde, für einen Preis unter zehn Euro werden wir wohl zwei Bände daraus machen.

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Cronn und der Atem des Todesvon Markus K. Korb und Martin Hoyer; Cover: Chris Schlicht

Obwohl ich die Geschichten, die jetzt im Sammelband »Kronn und der Atem des Todes« zu finden sind, alle bereits gründlich durchsah als ich vor ein paar Jahren die eBooks erstellte, fanden sich erneut ein paar Fehler. Es ist unglaublich, wie schwer es ist, fehlerfreie Texte zu erzeugen. Elfenwerk!

Wir haben uns entschieden, das Taschenbuch via amazons KDP zu veröffentlichen. Das klappte eigentlich ganz gut, jedoch lieferte die automatische eBook-Generation aus dem Layout-PDF ein grausames Ergebnis, sodass ich dann doch wieder zu Fuß das eBook via HTML-Seiten erstellte.

Für den zweiten Kronn-Sammelband sind wir dann gewappnet. Markus K. Korb hat für diesen dann auch extra ein neues Kronn-Abenteuer geschrieben, das sich gerade bei mir zur Sarameeisierung befindet. Die ersten Artikel in der Saramee-Wiki sind bereits ergänzt und einige neu erstellt worden. Da weht tatsächlich so etwas wie ein frischer Wind durch das Projekt.
Mal sehen, ob das Taschenbuch eine dauerhafte Belebung mit sich bringt, alleine kann man das jedenfalls nicht stemmen.

Ein Kanon beschwingter Fragen

Wenn ich begeistert bin, dann so richtig. In den letzten Monaten habe ich mich intensiv mit Michael Marrak befasst. Das begann quasi schon auf dem BuCon. Dort konnten wir uns unterhalten und natürlich ging es um Der Kanon mechanischer Seelen und um die Gesundheit. Wir werden ja alle langsam Gruftis.

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Michael Marrak auf dem BuCon 2017

Danach las ich endlich Lord Gamma und beschloss sogleich, dass es Zeit wird für ein Interview mit Michael für den Fantasyguide.
Inzwischen konnte ich sogar den fertigen Kanon verschlingen, ergänzende Fragen hinterherschicken und nach einigen Stunden Bastelei in Typo3 kann man das ganze Interview nun in seiner vollen Pracht bewundern: Interview mit Michael Marrak (2018)

Jedes Mal freu ich mich wie Bolle, wenn ich solche Interviews nicht nur mit Fragen würzen kann, die noch nicht unbedingt beantwortet wurden, sondern auch mit passenden Covern und Fotos. Ich hadere zwar immer mit mir, wenn ich mit der Kamera auf Leute losgehe. Denke mir, dass es eigentlich eine Belästigung ist, aber wenn dann das Foto zu einer AutorInnenseite oder eben einem Interview passt, bin ich dann doch ganz froh, meine Scheu überwunden zu haben.

Aber lieber ein paar Bedenken hegen als aufdringlich zu sein.

Traumreißerische Fixierung

Die deutschsprachige Science-Fiction ist vielseitiger als so manche denken. Viele Werke erscheinen erst gar nicht unter dem stolzen Label SF. Vermutlich weil es Berührungsängste gibt wie bei Julie Zeh oder einfach, weil sich die Werke nicht eindeutig einem phantastischen Genre zuordnen lassen. Mir wäre das egal, wenn ich sie nur finde.

Deshalb bin ich Anja Kümmel sehr dankbar, dass sie im Tagesspiegel auf das neueste Buch von Sebastian Guhr hinwies, getwittert vom Feuilletondurchforster Frank Böhmert.

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Die Verbesserung unserer Träume von Sebastian Guhr, Cover: Julian Tapprich

Die Verbesserung unserer Träume erschien im österreichischen Luftschacht Verlag, von dem ich bisher noch nichts gehört hatte. Schon Guhrs erster phantastischer Roman, Philpots Reise erschien in einem mir bis dato unbekannten Verlag.

Glücklicherweise war die Pressefrau des Verlages so nett, mir ein Rezensionsexemplar zuzusenden und so warf ich mich auch gleich in die Spur.

Der Roman hat mich sehr stark überrascht und man kann den Grund eigentlich gar nicht verschweigen, will man über das Buch sprechen. Allerdings spoilert das natürlich extrem stark und schmälert eventuell den Twist für nach mir Lesende.

Im Prinzip untersucht Sebastion Guhr in Die Verbesserung unserer Träume eine hermeneutische Gesellschaftsordnung. Dabei geht er nach einer kurzen Phase fast klassischen Weltenbaus einen atypischen Weg, um ihre Entwicklung eskalieren zu lassen, Soviel lässt sich verraten.

Sprachlich ist der Roman ebenfalls kein Standard aber auch nicht überziseliert. Hauptsächlich fiel mir eine kühle Distanz im Duktus auf, der die Lektüre zu einem Schweben und Fließen werden lässt. Reflexionen sind ständige Begleiter.

Großartig finde ich auch das Cover von Julian Tapprich. Der Prägedruck hat eine wunderschöne Haptik und passt für mich einfach perfekt zum Inhalt.

Eine wunderbare Entdeckung und ich nehme mir fest vor, Herrn Guhr nicht wieder aus den Augen zu verlieren.

In meiner Rezi für den Fantasyguide gehe ich näher auf den Inhalt ein und verrate dort auch, was so überraschend am Romanaufbau ist: Die Verbesserung unserer Träume von Sebastian Guhr

Flux in den Orb und zurück

Seit der allerersten Novelle in Nova 20 bin ich absoluter Fan von Der Kanon mechanischer Seelen. Nach drei weiteren Novellen mit demselben Personal und der selben Welt entschloss sich Michael Marrak daraus einen Roman zu machen und der wurde riesig. 725 Seiten!

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Der Kanon mechanischer Seelen von Michael Marrak, Cover ebenfalls von Michael

Da traf es sich ganz gut, dass ich übers Wochenende im Krankenhaus weilte und mich nach einer Ohr-OP ganz in den Kanon versenken konnte.

Das Wiedersehen mit Ninive, Cutter und dem Land vor der großen Mauer verlief zu meiner völligen Zufriedenheit. Michael hat die Handlungsfäden nicht nur großartig miteinander verknüpft, er baute alles aus, um und erschuf eine wunderbare, kunterbunte SF-Landschaft voller Liebe und Humor, dass man gar nicht mehr aufhören will, sich darein zu kuscheln.

Ich konnte in den letzten Jahren immer mal wieder Lesungen von Michael besuchen, meist im Second Life und jede Kanon-Geschichte begeisterte mich. Der freche Witz zündet live einfach noch mehr.

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Buchpremiere beim Ersten Virtuellen Literaturcon am 22.10.2017

Ich mag es verrückt und phantastisch. Vielleicht bin ich ja deshalb jetzt völlig hin und weg. Der Kanon mechanischer Seelen ist definitiv mein Kandidat Nummer eins für den KLP – ist quasi kurz vor knapp damit.

In Arbeit ist ein Interview mit Michael für den Fantasyguide und ich hoffe, dass es genau so umhauend wird, wie sein Buch. Da er der Perfektionist ist, liegt jegliches Banausentum bei mir

Etwas mehr zu Inhalt und Faszination bietet meine Rezi: Der Kanon mechanischer Seelen von Michael Marrak

Das verlorene Kind aus Apulien

Es gibt Bücher, die man in seiner Jugend liest, die umweht ein mythischer Flor. Das Leseerlebnis war so überwältigend, dass man ein solches Buch an einem besonderem Platz im Geist behält. Vielleicht überhöht man es mit der Zeit – Erinnerungen sind tückisch.

Deshalb wollte ich schon ganz lange den »Federico« wiederlesen.

Federico

Federico von Waldtraut Lewin; Cover: Achim Kollwitz

Der Tod von Waldtraut Lewin im letzten Mai hat mich sehr traurig gemacht und mein Vorhaben dringlicher werden lassen. Ich hatte eine melancholische Stimmung zu dem Buch im Gedächtnis und daher schien mir der Winter ganz passend für die Lektüre.

Das Buch lebt vor allem durch die phantastische Rahmenerzählung. Truda ist eine Unsterbliche, hat rotes Haar, trägt Hosen und diente Kaiser Friedrich II. als besondere Botin. Zäh, klug und leidenschaftlich. Genauso stellte ich mir seitdem immer Waldtraut Lewin vor.

Truda begibt sich in die Unterwelt, ihren Federico zu suchen und folgt dabei den Spuren und Zeugnissen seines Lebens. Es ist eine chaotische Unterwelt, angefüllt von Dante und Orpheus, von Bürokratie und verwehenden Schrecken. Hier findet Truda die Teile ihrer Erzählung vom Kind aus Apulien.

Es geht zunächst um eine besondere Kindheit. Das Durchbeißen eines Königskindes, dem man Reich und Hof vorenthält. Federico holt sich geistige und physische Nahrung bei einfachen Leuten, bei Sarazenen, bei Haremsmädchen. Er wächst wild auf und ist voller Gier nach Sprachen und Wissen. Er saugt vor allem die Weisheiten auf, die ihm muslimische Gelehrte vermitteln. »Federico« war für mich stets die Quelle, aus der ich ein positives Gefühl für den Islam herleitete. Vielleicht, weil Waldtraut Lewin, den religiösen Aspekt nicht betonte. In einer Zeit, da sich das Christentum mit Theologie beschäftigte, pflegte man im Orient, Medizin, Astronomie und Mathematik. Das übernahm Federico.

Und wurde dann doch ein typischer mittelalterlicher Herrscher, der vielleicht mehr hätte machen können, aber letztlich ging es auch ihm nur um Macht.

Doch das Buch ist keine Biographie, es ist ein phantastischer Roman mit sehr starken Frauenfiguren, die kaum in ein mittelalterliches Rollenbild passen und vor allem hinterfragt Lewin immer wieder die Motivation ihrer Figuren, versucht Scheitern und Erfolg zu erklären.

Auch dreißig Jahre nach der ersten Lektüre hat mich Federico verzaubert. Eine anstrengende, aber warme magische Reise in eine ferne Zeit: Federico von Waldtraut Lewin

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