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Monstermäßig Matsch und Menetekel

Es soll ja Leute geben, die kaufen sich ein neues Buch erst, wenn sie das vorherige ausgelesen haben. Ich mache das dezent anders. Darum versubbe ich regelmäßig. Soziale Medien tragen daran Mitschuld. Etwa Twitter. In meiner Blase ploppen dort jeden Tag so viele Neuerscheinungen auf, dass es kaum zu verhindern ist, dass meine Finger plötzlich tippen: Brauch ich.

Bevor mein Hirn realisiert hat, was da geschieht, kommt schon die Antwort: Gern doch – und schwupps sitz ich der Falle. Die nächste 400-Seiten-Antho trudelt ins Haus …

Was mir Markus Heitkamp da aber zusandte, war ein Gedicht von Buch. Roter Seitenschnitt, Retro-Cover und viele coole Illustration von Christian Günther: »German Kaiju«

German Kaiju herausgegeben von Markus Heitkamp, Cover: Christian Günther

Die Veröffentlichung im letzten Jahr habe ich nicht so recht wahrgenommen, da Godzilla und co. einfach nicht mein Thema sind. Ich hatte in den 80ern einige der Filme in der Reihe »Mumien Monster Mutation« im ndr gesehen und war jetzt nicht so angefixt, aber hey, die Reaktionen auf Twitter kochten jedes Mal hoch, wenn die Sprache auf »German Kaju« kam und vielleicht gärte in mir auch noch die enthusiastische Vorstellung im Mai beim E-Book Event der Brennenden Buchstaben.

Das Buch kam an, ohne Rechnung – Markus schenkte mir ein Exemplar!

Hat mich das beeinflusst? Vielleicht, ein bisschen, aber letztlich mussten mich die Geschichten selbst überzeugen.

Und das haben sie! Vor allem, weil sich nichts wiederholte. Jedes Monster war anders, die Herangehensweisen unterschieden sich sehr stark und bis auf zwei nicht ganz so perfekte Texte, rissen mich die Katastrophenabenteuer durch die Bank mit. Es macht einfach großen Spaß, dem BER beim Untergang zuzusehen. Nur so als Beispiel.

Vor allem aber hatte ich das Buch sehr gern in der Hand. Als besonderes Gimick befand sich am Ende der Anthologie eine Umschlag mit einer Bonus-Story, die man nur im Notfall lesen sollte.

Der Notfall

Was ich natürlich tat, immerhin ist Corona und irgendwo geschieht grad bestimmt auch Elfenwerk. Ob aber Herr von Aster der beste Retter in Not ist? Zumindest süffisant schreiben kann er.

Christian von Aster und Markus Heitkamp auf der Buch Berlin 2018

Im SFN hatte ich versucht, einen offenen Lesezirkel loszutreten, was nicht ganz so gelang, aber immerhin konnte ich so das Buch in Häppchen genießen und meine Gedanken und Eindrücke in Worte fassen, was dann das Schreiben der Rezi etwas vereinfachte. Doch lest selbst: »German Kaiju« herausgegeben von Markus Heitkamp

Einmal neues Leben bitte

Immer wieder überraschen mich ja die großen Publikumsverlage mit phantastischen Neuerscheinungen von Bestseller-AutorInnen. Im Regelfall hab ich dann von denen noch nie etwas gehört, wie jüngst mit Hans Rath geschehen. »Im nächsten Leben wird alles besser« schneite bei mir unaufgefordert herein aber aus einer Laune heraus nahm ich mir das Buch recht zeitnah vor.

Im nächsten Leben wird alles besser von Hans Rath; Cover: Karin Hildebrand Lau und Vladimir Sviracevic

Buchhändler Arnold wacht 25 Jahre in der Zukunft auf, ohne sich an die verstrichene Zeit erinnern zu können. Mit seinem Service-Roboter Gustav macht er sich in der fremden Zukunft auf, seine Vergangenheit kennen zu lernen.

Der Zukunftsteil ist durchaus amüsant, ein kleines Buddy-Adventure, und lebt von der Idee, dass ein 78jähriger Mann es nicht ganz leicht damit hat, sich in all dem zurecht zu finden. Zudem muss er damit klarkommen, dass er in den vergangenen Jahren etliches tat, was sein 54jähriges Ich nicht so toll findet.

Soweit alles ganz lustig, wenn es Hans Rath nicht eigentlich um das doch recht langweilige Heute von Arnold gegangen wäre. Die Figur ist eher Buchhalter als Buchhändler, staubtrocken und öde. Es gibt sehr viele Rückblicke, die gerade das erste Drittel sehr zäh machten, weil mich die Eheprobleme Arnolds ebenso wenig interessierten wie seine Kumpelgespräche. Die Figur wird lediglich dadurch interessant, dass sie in der Zukunft etwas erlebt.

Tja und dann hört der Roman einfach nicht im richtigen Moment auf. Sehr schade. Hans Rath hätte mehr SF wagen sollen. Es ist bestimmt auch wichtig, Gegenwartsromane zu schreiben, aber nicht alles liefert auch eine erzählenswerte Geschichte. Was aber rein subjektives Empfinden ist: »Im nächsten Leben wird alles besser« von Hans Rath

Knochen wollen auch nur reden

Vom humunculus verlag habe ich inzwischen eine ganze Menge spannender Phantastik gelesen und so kreativ, wie dieser Verlag aufgestellt ist, wird da wohl noch so einiges bei mir anlanden, so wie jetzt ein Buch, dass die bisherigen außergewöhnlichen Ausgaben des Verlages noch topt: »Der Heilige mit der roten Schnur« von Flavius Ardelean.

Rumänische Phantastik dürfte ich seit der Wende nicht mehr in den Händen gehalten haben und auch der Name Flavius Ardelean ist mir bisher nicht untergekommen. Doch das sollte für die Zukunft und ein für alle Mal passé sein, denn »Der Heilige mit der roten Schnur« hat mich schwer beeindruckt.

Der Heilige mit der roten Schnur von Flavius Ardelean, Cover: Ecaterina Gabriela

Zunächst beginnt das Ganze recht harmlos, irgendwie fantasymäßig nur anspruchsvoll geschrieben: Ein reisender Händler lässt sich von einem Fahrer mit Pferdekarren mitnehmen, der ihm sogleich die Geschichte von Taush erzählt, der einst jene Stadt gründete, zu der der Mitfahrer just unterwegs ist.

Doch schon der Hinweis, dass der Preis der Beförderung später genannt wird, macht skeptisch – nun ja, der Kutscher ist zudem ein Skellett – jedenfalls schnippelt es dem Schlafenden das Fleisch von den Beinen und fügt es bei sich ein.

Und so geht das nun weiter. Taush etwa zieht sich den titelgebenden roten Faden aus dem Bauchnabel, wickelt ihn um die Hand eines Sterbenden und erleichtert jener Person den Wechsel in eine nächste Welt.

Doch auch Kampf gegen die Un’Welt, zu der Taush später aufbricht, bringt jede Menge ekliger Gewalt und Monstrositäten, aber auch Liebe – »Der Heilige mit der roten Schnur« steckt voller Parabeln, Symbole und Metaphern, ist angefüllt von Betrachtungenen zum Wesen der Menschen und ihres Lebens.

Aber das Ganze wirkt überhaupt erst so großartig durch die Kombination mit den schaurig-schönen Zeichnungen von Ecaterina Gabriela. Schon das Cover gibt eine Vorstellung davon, wie phantastisch das Buch bebildert ist. Keine reine Illustrationen, eher bildliche Weitungen der Szenen. Mit solchen Büchern kann man mich zum Schmelzen bringen.

Dieses Jahr steckt wirklich voller kleiner Buchperlen! Etwas mehr zum Buch gibt es wieder in meiner Fantasyguide-Rezi: Der Heilige mit der roten Schnur von Flavius Ardelean

Eisiger Spiegel der Gewalt

Lesezirkel sind sehr oft eine grandiose Quelle, AutorInnen und Werke kennenzulernen, von denen man noch nie gehört hat. So ging es mir mit dem Buch des August-Klassikerlesezirkels im SFN.

Weder sagte mir der Name Anna Kavan, noch der Titel ihres laut Wikipedia berühmtesten Romans »Eis« etwas. Der Klappentext klang verführerisch und ich hätte das Buch auch gelesen, wenn es nicht ausgewählt worden wäre.

Geschrieben hat es Anna Kavan 1967, ein Jahr vor ihrem Tod, und jetzt wurde es vom schweizerischen Verlag Diaphanes in der Reihe »Forward Fiction« erstmals auf Deutsch publiziert. Ich finde solche literatur-archäologischen Projekte bewundernswert. Die Reihe hat auf der Homepage des Verlages bisher keine eigene Seite, aber ich hoffe sehr, dass da noch mehr passieren wird. In der Vorschau findet sich schon einmal einen Ballard – das muss ich mir merken.

Eos von Anna Kavan

»Eis« ist kein normaler Roman, vielmehr muss man sich durch teilweise sehr verwirrende Sprünge in Zeit, Ort und Figurenperspektive kämpfen. Der männliche Protagonist begibt sich in einer postapokalyptischen Welt, die auf eine Eiszeit zu steuert, auf die Suche nach einem Mädchen, das er seit seiner Kindheit kennt. Sobald er sie findet, wird er brutal zu ihr – es wird angedeutet, dass er gegen ihren Willen mit ihr schläft – und verlässt sie wieder, überlässt sie einem anderen oder flieht vor dem Eis, um sich sofort wieder auf die Suche nach ihr zu machen. Das ist verstörend und sehr bizarr, es gibt keine wirklichen Zusammenhänge der Motivationen, für mich fand ich irgendwann die Erklärung, dass alle Figuren Teile der selben Persönlichkeit sind. Ein schrecklicher innerer Kampf mit vielen Selbstverletzungen, vielleicht Ausdruck von Verletzungen, die in der äußeren Welt stattfanden.

Aber trotz der vielen visualisierten Gewalt und der Zerstörungen, der Kälte, las sich »Eis« erstaunlich gut. Ich wurde hineingezogen in diese mäandrierende und repetitive Suche, denn die Sprache des Buches ist toll. Ein berauschendes Buch, dessen Lektüre ich nicht so einfach Genuss nennen möchte, aber es hat mich beeindruckt.

Ein paar Worte mehr gibt’s in meiner Rezi: »Eis« von Anna Kavan

Regeln sind zum Brechen da

Ab und zu breche ich meine eigene Regel, weniger Rezensionsexemplare zu ordern und schwupps bringt die post mir einen Ziegelstein, der mich die Entscheidung spontan bereuen lässt. Wegen der Dicke. Aber zum Glück trog der Schein dieses Mal, denn »Die letzte Astronautin« von David Wellington wurde von Piper mit dickem Papier, großer Schrift und breiten Rändern ganz schön aufgepustet. Außerdem las sich der Roman doch recht flott – eine schöne Abwechslung zum megaschweren Lesezirkelbuch, aber zu dem dann demnächst mehr.

Die letzte Astronautin von David Wellington; Cover: Lauren Panepinto

Das Weltraumabenteuer entstand in Folge der 2017er Aufregung um den Zigarren-förmigen Asteroid 1I/’Oumuamua und spielt im Jahr 2055. Ein ähnliches Objekt wird gesichtet und diesmal weisen Kurskorrekturen auf ein Raumschiff hin. Sowohl die NASA als auch eine private Firma starten Erkundungsmissionen, denn so ein großer Brocken könnte die Erde auslöschen.

Die NASA-Mission leitet die letzte Astronautin, Sally Jansen, mit Schuldkomplexen beladen, weil nach einem Unfall auf ihrer Mars-Mission einige Jahre zuvor, das Astronauten-Programm eingestellt wurde.

In der Folge entwickelt der Autor eine spannende Handlung um das Rätsel des Objektes, verbunden mit jeder Menge Konflikten zwischen den Figuren. Das meiste davon fand ich sehr US-amerikanisch. Konkurrenzdenken, militärisches Säbelrasseln und die völlig an den Haaren herbeigezogenen und mit Hass aufgeladenen Vorwürfe gegenüber Sally Jansen, die eigentlich nur die Notfallregeln befolgte, die ein ganzes Heer von NASA-Fachleuten für den Fall eines Unfalls festlegten. Insofern stand für mich die Figuren-Motivation auf sehr tönernen Füßen, zumal die eigentliche Handlung das gar nicht nötig gehabt hätte. Aber vielleicht wollte David Wellington kein einfaches Creature-Horror-Weltraumabenteuer verfassen.

Letztlich empfand ich das Ganze als sehr solide erzählt, aber auch nicht sonderlich inspirierend: Die letzte Astronautin von David Wellington

Fotobomben und ein Herz im Feldeinsatz

Ein paar Tage Urlaub ohne Kultur geht ja gar nicht, überlegte sich meine Liebste und so suchten wir nach Möglichkeiten in Corona-Zeiten, uns dem vielfältigen kulturellen Leben des Hauptdorfes anzuschließen. Das bedeutet zuerst einmal: Zeitfenster finden. Dann, mit den diversen verelften Webseiten klarzukommen, auf denen man sich registrieren und Termine buchen muss. Meist wird das ausgelagert an irgendwelche supercoolen Startups, die mit dem iPad in der Hand geboren wurden und denen es schnurzpiepegal ist, ob Ottonormalverbraucher versteht, was da so auf Denglisch erwartet wird, oder ob sie bereit sind, ominösen Drittanbietern ihre Daten für eine simple Zeitfensterreservierung in den Rachen zu werfen.

Die Hälfte der Events fiel also aus wegen technischer Inkompatibilität, etliche waren schon ausgebucht, also entschlossen wir uns, in die Akademie der Künste am Pariser Platz in die John Heartfield Ausstellung Fotografie plus Dynamit zu gehen.

Die Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin

Ich bin seit meiner Kindheit Fan der Fotokollagen Heartfields. Klar, sie waren Bestandteil der sozialistischen Bildung und somit instrumentalisiert, was mir damals aber weder bewusst war, noch mich interessierte, ich fand sie einfach nur ziemlich kraftvoll und wirksam in ihrer schonungslosen Brutalität. In der Ausstellung fanden sich diverse Originale, sodass man die Arbeitsweise Heartfields erkennen konnte, wenn man ganz nah heranging. Neben den Plakaten zeigte man auch sehr viele Buchcover und Beispiele seiner Materialsammlungen für die Collagen. Zur Biographie gab es einige Infos und natürlich viele Fotos aus Heartfields Leben, aus der Zeit vom ersten Weltkrieg bis hin zur Arbeit in der DDR, von Theateraufführen mit seinen Kulissen, Videos zur Zeitgeschichte und Aufnahmen einer Mutter Courage-Aufführung am BE mit Helene Weigel, zu der er mit seinem Bruder Wieland Herzfelde die Bühnenbilder entwarf.

Nur mit Maske!

Die Ausstellung selbst war dünn besucht, ich denke aber, dass es exakt die Zeitfenstermenge an BesucherInnen darstellte. Alle mit Maske und stets wartend, bis man mit einem Objekt fertig war. Also sehr diszipliniert und auf die Ausstellung fokussiert. Es war schön, aber auch anstrengend. Ein lohnendes Kulturcomeback für uns alle!

Danach schlenderten wir noch Richtung Charité, am Regierungsviertel vorbei und es ist immer wieder erschreckend, mit welcher perfiden Hässlichkeit die neuen Regierungsgebäude aufwarten. Überdimensionierte Betonklötze, für alles andere als Menschen gemacht. Ganz besonders entsetzlich ist der Erweiterungsbau des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses. Wie sehr muss man Berlin hassen, um es so zu verschandeln? Das DDR-Regierungsviertel um die Sperlingsgasse herum muss wohl die Grundlage dafür gebildet haben. Hauptsache, jegliche urbane Struktur wird zerstört.

Naja, Richtung Charité wurde es dann gemütlicher und da sah man dann auch wieder Menschen verweilen. Erfahrungsgemäß halten die Betonklötze ja zum Glück nicht lange. Wir hams ja.

Lost and found

Als ich im Frühjahr den jüngsten Roman »Frankissstein« von Jeanette Winterson las, stellte ich bereits fest, dass ich unbedingt wieder mehr von ihr lesen will und es Elfenwerk sein muss, dass ich sie nach der Lektüre von »Die steinernen Götter« aus den Augen verlor.

Drum orderte ich mir gleich das nächste Buch, rein aufs Geratewohl.

Ergebnis ist ein ganz besonderes Buch: »Der weite Raum der Zeit«, ein Projekt zum 400. Todestag Shakespeares, initiiert vom Hogarth Verlag, dereinst gegründet von Virginia Woolf und ihrem Ehemann Leonard, just genau den beiden Protagonisten des Buches, was ich direkt davor las. Das ist doch Karma, oder?

Der weite Raum der Zeit von Jeanette Winterson, Cover: Sabine Kwauka

Den Roman nennt Jeanette Winterson eine Cover-Version des Shakespeare-Stückes »The Winter’s Tale« (Das Wintermärchen), das mir völlig unbekannt war. Weder kannte ich den Namen, noch die Handlung oder irgendwelche Figuren daraus. Das Stück gehört nicht zu den großen Tragödien oder Komödien, sondern liegt irgendwo dazwischen, weil es tragisch beginnt und dann mit einem versöhnlichen Ende aufwartet – die Wissenschaft nennt das Romanze, was jetzt nicht ganz so toll klingt.

Für Jeanette Winterson hat das Stück eine besondere Bedeutung, schreibt sie im Epilog, weil es darin um ein Findelkind geht, Perdita – die Verlorene – und auch sie ein Findelkind ist.

Wenn man das berücksichtigt, könnte man in der Perdita des Romans also vielleicht auch eine kleine romantische Wunschvorstellung der Autorin von sich selbst sehen. Auf jeden Fall aber ist Perdita eine überaus positive Figur, die fast im Alleingang das ganze Übel des ersten Romanteils repariert.

Man findet in »Der weite Raum der Zeit« die Themen wieder, mit denen sich Jeanette Winterson immer wieder befasst: Homosexualität in gesellschaftlichen Zwängen, männliche Machtdominanz und Gewalt gegen Frauen, große Liebe und tiefste Trauer. Das erzählt sie alles in ihrem teils lyrischen, teils präzise beobachtenden Stil, der jede Figur ernst nimmt und ihre Motive so ergründet, dass man sie versteht, ohne sofort zu Urteilen zu gelangen. Sie selbst benennt das Nichts und Vergeben als die Kernthemen des Stückes und das findet sich in ihrem Roman auch wieder.

Am Ende hatte ich dann ein gutes Gefühl, irgendwie herzerwärmend, was so oft ja auch nicht vorkommt. Also, große Empfehlung von mir für »Der weite Raum der Zeit« von Jeanette Winterson

Ach, wenn ich sie wär’

Bereits die allererste Bekanntschaft mit Virginia Woolf machte mich zum Fan. Nach »Flush« wünschte ich mir lange, irgendwann einmal einen Cocker Spaniel zu haben. Dann kamen »Zum Leuchtturm« und später das großartige »Orlando«. Für einen Artikel zu Henry James’ Geistergeschichte »Das Durchdrehen der Schraube« las ich dann eine ganze Reihe ihrer Buchbesprechungen und damit verbunden auch immer wieder biographische Texte über Virginia Woolf.

Im Urlaub nun sah ich in der Buchhandlung ein Buch mit dem Titel »Ach, Virginia«. Der Trigger feuerte, ich griff zu und tatsächlich, der Klappentext verriet, dass es um SIE darin ging. Gekauft, gelesen.

Ach, Virginia von Michael Kumpfmüller, Cover: Rüdiger Trebels

Zunächst faszinierte mich die Innensicht. Die letzten Tage Virginia Woolfs direkt aus ihrem Hirn gestreamt, Gedanken, Gefühle, Geheimnisse. Doch je mehr sich Michael Kumpfmüller in das Wesen einer psychisch Erkrankten hineinbegab, umso misstrauischer wurde ich. Kann der Autor wirklich erahnen oder erfühlen, was in dieser Frau vor sich ging? Ich kenne Michael Kumpfmüller nicht. Weder der Autor noch eines seiner Werke sind mir bisher unter gekommen – nichtphantastische Gegenwartsliteratur interessiert mich einfach zu selten – daher weiß ich nicht, woher der Autor seine Einfühlung nimmt. Er hätte mich davon überzeugen müssen, dass seine Interpretationen ganz nah an die wahre Virginia Woolf heranreichen. Doch das gelang ihm nicht. Er verlor mich ganz, als sich der Epilog um den Witwer Woolfs drehte. Da hatte ich das Gefühl, der Autor wolle klarstellen, dass eigentlich Leonard Woolf die zentrale Figur des Romans sein sollte. Dass sich deshalb Virginias Gedanken beständig um ihn drehten, sie sich bei ihm entschuldigte, sich selbst als Last darstellte …

Dieser Dreh vergällte mir das Buch. Auf der anderen Seite habe ich mich mit sehr großer Freude wieder in Virginias Leben geschlichen. Und es gibt ja noch einige Werke von ihr zu entdecken. Dann mit meinen eigenen Interpretationen.

Mehr zum Buch in meiner Rezi im Fantasyguide: Ach, Virginia von Michael Kumpfmüller

Der Elfen Schatten zwischen den Zähnen

Mitten im Lockdown verkündete Uschi Zietsch, die wunderbare Autorin und Cheffin des Fabylon Verlages, dass sie ihre Urban-Fantasy-Reihe »Elfenzeit« ab Juli im eigenen Verlag herausbringen wird. Die 20-bändige Reihe erschien dereinst im Bertelsmann-Buchclub nur für Mitglieder. Frisch überarbeitet, in zehn Doppelbänden ginge es darin um böse Elfen.

Keine Ahnung, was mich veranlasste, spontan die Reihe zu abonnieren, wo ich mit Elfen eigentlich nichts am Hut, sondern eher an der Axt habe. Auf jeden Fall bekomme ich jetzt zehn Monate lang Elfenwerk ins Haus. Ob ich die Bände dann auch alle lese, sei dahingestellt – ich hab da einige unbeendete Reihen in den Regalen.

»Herbstfall« enthält die Romane »Der Hauch der Anderswelt« von Uschi Zietsch selbst und »Im Reich der Dunklen Frau« von Michael Marcus Thurner, den ich bisher nur von Maddrax und Perry Rhodan kannte.

Herbstfall von Uschi Zietsch und Michael Marcus Thurner, Cover: Stefan Keller

Der Beginn einer so epischen Reihe gehört natürlich der Vorstellungsrunde von Figuren, Hintergrund und dem Problem. In diesem Fall ist es der Einfall der Zeit in das Elfenreich und damit verbunden, die Möglichkeit des Sterbens durch Altern. Rettung verspricht die Menschenwelt. Hier nun begleiten wir eine ziemlich aufgedrehte junge Reporterin und einen traumatisierten Reporter, die quasi in das Elfenproblem und hineinstolpern. Denn der Elfenkönig hat seine Kinder, ein junges Zwillingspärchen ausgewählt, den Quell der Unsterblichkeit zu finden. Natürlich gibt es auch finstere Gegenspieler, die das selbe Problem haben, wobei hier »finster« keine wirkliche Unterscheidung bei den Elfen darstellt, denn beide Seiten sind irgendwie böse.

Probleme habe ich mit dem zugrundeliegenden Konzept, dass Elfen keine Seelen hätten und daher zu Liebe nicht fähig. Menschliche Seelen hingegen könnten ihnen dazu verhelfen oder zumindest zu Macht. Nun ja, »Seele« ist wie Homöopathie, man muss dran glauben. Die Schwäche dieses Konzeptes äußert sich darin, dass die Elfen durchaus Gefühle wie Hass, Furcht, Neid und Begierde empfinden können, warum nun gerade Liebe nicht? Vielleicht wird’s ja noch aufgeklärt.

Der erste Doppelschlag ist durchweg gut geschrieben und spannend, der zweite Band kam gerade an, muss aber noch warten, da ich mir unvernünftiger Weise wieder ein paar Rezi-Exemplare habe aufschwatzen lassen. Mehr von mir zur ersten »Elfenzeit« hier: Herbstfall von Uschi Zietsch und Michael Marcus Thurner

Ein Buchvoll Leben

für unseren Barcelona-Urlaub 2016 nahm ich ein Buch mit, dass ich dann doch nicht zu lesen schaffte und auf den Stapel ungelesener Bücher warf. Fast wäre aus ihm eines jener Bücher geworden, von denen es selbst berichtet, ein Buch für den Friedhof der vergessenen Bücher.

Doch im Juni starb Carlos Ruiz Záfon und als ich die Lektüre für unseren diesjährigen Sommerurlaub zusammenkramte, stieß ich auf »Der Schatten des Windes« und nahm es mit.

Der Schatten des Windes von Carlos Ruiz Zafón, Cover: hißmann, heilmann, hamburg / Simone Andjelkovic

So, wie es im Buch beschrieben wird, dass manche Bücher eine eigene Magie entwickeln und verzaubern, so erging es mir mit »Der Schatten des Windes« auch. Das Wetter an der Ostsee war stürmisch und so ergaben sich viele, viele Lesestunden, in denen ich mich in Barcelona befand – und es bereute, dieses wundersame Buch, damals nicht vor Ort gelesen zu haben. Recht schnell wird aus der Geschichte über das Buch eines irgendwie verschollenen Autors eine Geschichte über Spanien unter Franco – ähnlich »Pans Labyrinth«. Doch Ruiz Záfon verwendet keine phantastischen Elemente, er bindet die Düsternis an die Leben seiner Figuren, an ihre Herzen und Wunden. Dabei entfaltet sich das Beziehungsgeflecht erst nach und nach über zwei Generationen hinweg und bleibt dennoch stets hautnah. Ich kaufte mir umgehend ein weiteres Buch von Ruiz Záfon, »Das Spiel des Engels«

Barcelona

Vermutlich werden wir irgendwann nach Barcelona zurückkehren und dort auf den Spuren der Geschichten und Bücher wandeln – manche Sehnsucht sät sich unerwartet: Der Schatten des Windes von Carlos Ruiz Zafón

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