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Gobelin-Gemetzel im Waschhaus

Die erste Lesung des Jahres fand in einer gemütlichen Neuköllner Kneipe statt.

Das Posh Teckel

Stephan Urbach vom Ach je Verlag lud ins Posh Teckel, um zwei seiner Autoren die Gelegenheit zu geben, ihre neuesten Veröffentlichungen vorzustellen.

Verleger Stephan Urbach

Als großer Fan von Jasper Nicolaisen freute ich besonders auf sein neuestes Werk »Totes Zen«, das allerdings noch nicht in gedruckter Form vorlag.

Besser hatte es Daniel Decker, dessen Horror-Büchlein »Dør« man nach der Lesung käuflich erwerben konnte, nebst der Erzählung »Pitsch!« von Jasper.

Die Beginnzeit wurde unverkrampft großzügig interpretiert um den Nachtschwärmern eine Chance zur Teilnahme zu bieten. Dann jedoch wurde der kleine Lesungssaal gut ausgefüllt.

Daniel Decker

»Dør« enthält Unterlagen, die Daniel von seiner Freundin Susann Jakobus-Drechsler erhielt und die Geschichte einer seltsamen Band, ihrer Musik und den nachfolgenden Ermittlungen erzählt. Daniel las aus den ersten Kapiteln vor, sorgfältig bemüht, die sprachlichen Fallstricke seines Romans zu umgehen. Wer verwendet das Wort Wachhaus und wer verlegt sowas? Waschhaus geht doch viel flotter von der Zunge!

Wusch seinen Prota im Waschhaus: Daniel

Das machte auf jeden Fall Laune, den Roman zu lesen, zumal mich der Verleger großzügig mit einem Freiexemplar beschenkte.

Nach der Pause brüllte Jasper die Nachtschwärmer zurück zur Lesung und begann aus »Totes Zen« vom Handy zu lesen, nicht ohne vorab ein Echt-Zitat zu bringen. Echt Echt? Ja.

Lud zum Scherzen ein: Jasper Nicolaisen

Eine gewollt verkrampfte Lesehaltung spiegelte das Lebensgefühl des Protagonisten wieder. »Totes Zen« entstand vor vielen Jahren, als Jasper meinte, in der Elternzeit viel Zeit zum Schreiben zu haben. Das war nicht so und deshalb schlichen sich von Anfang an andere Themen in das angedachte Fantasy-Setting, etwa die Beziehung zwischen Vater und Kind. Es geht um Krass, Barbar und Ich-Erzähler, der glücklich die Akademie von Hawat absolviert hat, einen Abschluss in Barbarei und Berserkertum sein eigen nennt und sich auf die Suche nach seinem Vater macht, von dessen Existenz er erst vor kurzem erfuhr. Nun ist der aber ein finsterer Gott …

Krasse Haltung

Ich fühlte mich zurückversetzt in alte Schlotzen & Kloben Zeiten, da sich Simon Weinert, Jakob Schmidt und Jasper damit auszustechen versuchten, die abgefahrensten Fantasy-Geschichten zu kreieren. »Totes Zen« muss ich unbedingt lesen. Und mir ist es auch völlig Wurscht, ob Goblins es hassen, mit Gobelins verwechselt zu werden.

Hat bestimmt eine Fee im Bauch: Jasper

Im Anschluss kredenzte uns Jasper noch in Gänze »Pitsch!«, eine, nun ja, nicht ganz horrorfreie Aufklärung über Feen. So in etwa hatte ich mir das mit denen auch gedacht. Wer noch nie Jasper hat vortragen hören, hat noch nicht wirklich etwas erlebt. Der Mann ist grandios, pointiert, hat Sinn für Timing und schreibt sich die Texte auf den Leib. Lesebühnerfahrung der Meisterklasse.

Das Lesungsjahr hätte gar nicht besser starten können!

Von wegen unsichtbar – das Science-Fiction-Jahr der Frauen

In meinen Jahresrückblicken vermelde ich schon seit ein paar Jahren, wie die Anteil von Autorinnen zu Autoren auf meiner Lektüreliste ist. Die Dominanz der Männer führte mich zur Frage, warum so deutlich weniger Autorinnen in meinen Fokus gelangen. Eine Erklärung fand ich nicht. Anfang letzten Jahres nun gelang Theresa Hanning den Start einer fruchtbaren Diskussion zur Sichtbarkeit von SF-Autorinnen und ihrer Werke. Da gab es diverse Ideen, etwa spezielle Listen in der Wikipedia, die auch mir einiges zum Nachdenken mitgaben. Meine Lektüre stelle ich sehr willkürlich zusammen, also musste ich hier ansetzen und ich beschloss, meine Fühler aktiv auf Neuerscheinungen zu richten, die von Autorinnen stammen. Im Folgenden gehe ich zunächst auf das Problem mit der Sichtbarkeit ein um dann sieben Werke deutschsprachiger SF-Autorinnen zu betrachten, im Besonderen unter dem Aspekt, wie ich auf sie aufmerksam wurde.

Hierfür kann man die sehr vollständige Liste von Ralf Zacharias auf sf-lit.de nutzen oder ein paar Kanäle genauer im Blick behalten.

Meine wichtigste Quelle aber wurde Twitter. Durch Theresas Diskussion dort lernte ich etliche der Akteurinnen kennen, begann ihnen und ihren Verlagen zu folgen und bekam eine etwas breitere Vorstellung davon, wer sich als SF-Autorin sah, welche Werke als beachtenswert empfunden wurden oder was kurz vor der Veröffentlichung stand. Diese Twitter-Bubble wird wahrscheinlich auch nur einen kleinen Teil widerspiegeln, aber es ist der mir erreichbare Info-Fluss. Denn das Problem von Sichtbarkeit ist, dass sich SF-Autorin und potentielle Leserin / potentieller Leser in denselben Räumen aufhalten müssen.

Lange Zeit galten die beiden SF-Foren als erste Wahl zur Versorgung mit Informationen. Die jungen Autorinnen bevorzugen aber Plattformen wie Facebook oder Twitter. Das Problem mit diesen Social-Media-Programmen ist jedoch, dass ihre Informationen flüchtig sind und von unklaren Algorithmen gefiltert werden. Insofern ist der Vorwurf, SF-Autorinnen würden nicht wahrgenommen, etwas unfair, wenn deren Informationsflüsse ausschließlich dort erfolgen. Ähnlich kritisch sehe ich auch die Besprechung von Werken dort. Judith Vogt forderte mehr Diskussionen über Bücher von SF-Autorinnen auf Twitter. Sie selbst postet hierfür hin und wieder Kettentweets. Die Lesbarkeit dieser Besprechungen ist gering, der Plattform geschuldet wenig umfangreich und vor allem sind diese Tweets nicht nachhaltig. Es ist sehr schwer, sie wiederzufinden und wenn man sie verpasst hat, war es das. In Wikipedia-Einträgen habe ich zum Beispiel noch keine Verlinkung auf solche Tweets gefunden.

Darüber hinaus führt nach meinen Erfahrungen das Bewegen in einer Twitter-Bubble dazu, dass man sich gegenseitig eher Wertschätzung und Begeisterung versichert, als kritisch mit den Werken umzugehen. Gibt es Kritik, wird sie gern unter Ausschluss der Betroffenen abgehandelt. Obwohl Twitter hier mit einem einfachen @ die Möglichkeit liefert, Verlage und Schreibende in die Diskussion einzubeziehen, wird das sogar teilweise als Fehlverhalten gewertet, da man ungefragt Leute »tagt«. Der Weg vom Fettnäpfchen zum Shitstorm ist kurz. Gerade im Kampf um die Sichtbarkeit von Autorinnen lernte ich eine sehr niedrige Erregungsschwelle kennen.

Ich habe im letzten Jahr also nicht nur viel über Kommunikation gelernt, sondern auch tatsächlich einige Werke von SF-Autorinnen gelesen und natürlich auch besprochen. Insgesamt waren es elf, wobei der Erzählungsband »Sphärenklänge« eine Gemeinschaftsarbeit von Angela und Karlheinz Steinmüller darstellt. Das Paar schreibt schon seit Jahrzehnten zusammen. Ich habe die beiden bereits zweimal interviewt und mehrfach im Gespräch erlebt – ihre Werke sind echte Teamarbeit, deshalb lasse ich den Band hier einmal heraus. Auch die SF-Klassiker von Ursula K. Le Guin, Margaret Atwood und James Tiptree Jr. sollen hier nicht betrachtet werden, da deren Sichtbarkeit unzweifelhaft hoch ist.

Bleiben sieben SF-Werke von deutschsprachigen SF-Autorinnen, die allesamt nicht älter als drei Jahre sind.

Durch die Diskussion um die Liste mit SF-Autorinnen in der Wikipedia wurde ich auf Judith Vogt aufmerksam, die über mangelnde Aufmerksamkeit für ihre Space Opera »Roma Nova« berichtete. Der Roman erschien bei Bastei Lübbe und wenn wie hier ein Major-Verlag beim Marketing versagt, ist das symptomatisch für den Buchmarkt. »Roma Nova« ist ein Abenteuerroman und ich kann Judiths Wunsch nach Beachtung nachvollziehen, aber das Buch ist durchschnittliche Unterhaltung. Eine Unterbewertung kann ich nicht ausmachen. Im Gegenteil erhielt das Buch jede Menge Aufmerksamkeit und sogar eine Nominierung.

GRM

Sibylle Berg ist eine scharfzüngige Kolumnistin und verfasste mit »GRM« nicht ihren ersten SF-Roman. Er stand einige Wochen in den Bestseller-Listen und dürfte der erfolgreichste Roman der Liste sein. Es war auch meine erste Bekanntschaft mit der Bergschen Prosa und ich erwarb den Roman recht spontan in einer kleinen Görlitzer Buchhandlung. Zunächst begeisterten mich die Bissigkeit, die sprachliche Experimentierfreude und das technologisch konsequente Weiterdenken unserer Gegenwart. Aber dem Roman fehlte ein runder Abschluss, der letzte Teil zog sich in die Länge und lieferte zu viele inhaltliche Wiederholungen. Es hätte ein Meisterwerk werden können. Aber auf jeden Fall war es 2019 wohl der im deutschsprachigen Raum meistbeachtete SF-Roman. Zu keinem anderen SF-Werk fanden sich mehr Besprechungen im Feuilleton.

Dort erfuhr ich auch von Emma Braslavskys »Die Nach war bleich, die Lichter blinkten«, ging zu ihrer Lesung und las das Buch sofort. Mit den möglichen sozialen Veränderungen, die intelligente Androiden in unserer Gesellschaft bewirken könnten, nimmt der Roman eine bereits oft in der SF beackerte Thematik auf, verbindet das aber mit einer lyrischen Sprache und einer nicht ganz so üblichen Perspektive, was ihn für mich zu guter SF und einem lesenswerten Buch machte. Das Buch tauchte ansonsten nicht in meinen üblichen Kanälen auf. Vermutlich bestand hier auch nicht der Wunsch, als SF-Autorin wahrgenommen zu werden.

Dass ich an der Lektüre eines Romans von Theresa Hannig nicht vorbeikommen würde, stand für mich schon recht früh zu Beginn der Sichtbarkeitsdiskussion statt. Ihr Debüt »Die Optimierer« hatte mich thematisch damals nicht angesprochen. Mit ihm hatte sie den Debüt-Seraph gewonnen – bestimmt ein Optimum an Sichtbarkeit. Ich nutzte die Gelegenheit, sie letztes Jahr bei einer Lesung von SF-Autorinnen in Berlin life zu erleben und kaufte mir dort auch gleich die Fortsetzung »Die Unvollkommenen«. Für mich war es spannend, diverse thematische Parallelen zu Emma Braslavskys »Die Nach war bleich, die Lichter blinkten« zu entdecken. Zwar schreibt Theresa Hannig nicht so lyrisch, aber deshalb nicht minder gut. Das Buch verstärkte meinen Eindruck einer qualitativ hochwertigen Science Fiction von Autorinnen, über die wenn, dann weit außerhalb meiner Wahrnehmung diskutiert wird.

Caroline Hofstätter überließ ihre Sichtbarkeit nicht dem Zufall. Als PR-Expertin versuchte sie ihr SF-Debüt »Das Ewigkeitsprojekt« aktiv vorzustellen, zu bewerben und sich als Autorin bekannt zu machen. Sie meldete sich in beiden SF-Foren zu Wort, besuchte den BuCon, twitterte fleißig und absolvierte sogar eine Lesung in Second Life.

Carolines Avatar während der Second-Life-Lesung

Das Buch startet zunächst klaustrophobisch und ändert dann radikal sein Gesicht. Zwar ebenfalls kaum mit Neuem angereichert, ist der Roman aber sehr lesbar.

Auf der Lesung von SF-Autorinnen mit Theresa Hannig präsentierte auch Sabrina Železný ihr jüngstes Werk. »Feuerschwingen« ist wie »Roma Nova« eine Space Opera, die historische Erdkulturen in einen neuen Kontext stellt. Auch hier ist der Abenteuer-Aspekt zentral, allerdings spielt die Beziehung der beiden Hauptfiguren eine sehr wichtige Rolle und sorgt dafür, dass der Roman eben mehr ist, als eine einfache Space Opera. Das Buch erregte meine Aufmerksamkeit tatsächlich zuerst über Twitter.

Das trifft auch auf Melanie Vogltanz zu, deren »Shape Me« mein SF-Highlight 2019 ist. Die Autorin tauchte in meiner Timeline schon länger auf, zudem konnte man sie bereits auf mehreren BuCons erleben. Der Roman hatte mich insofern überrascht, da ich ihn quasi blind kaufte. Ich wusste, er ist mit SF gelabelt und passte somit in mein inoffizielles Projekt der Lektüre frisch erschienener SF von Autorinnen. Ich habe es schon mehrfach erwähnt, bei diesem Roman passt für mich alles: Stil, Figuren, Science, Politik und Umfang. Diesen Roman hätte ich wahrscheinlich nicht gelesen ohne die Sichtbarkeitsdebatte von Theresa Hannig.

Für mich hat sich das genaue Hinhören und Hinschauen also durchaus gelohnt. Vielleicht helfen auch meine Rezensionen, die Autorinnen und ihre Werke etwas sichtbarer zu machen, vielleicht auch, sie sichtbar bleiben zu lassen. Es ist in erster Linie ein aktiver Part von mir dazu notwendig gewesen, die Bücher zu finden. Ich musste meine Filterblase verlassen oder besser vielleicht, ich musste sie ausweiten. Das könnte mir auch dieses Jahr Hinweise auf interessante Bücher von SF-Autorinnen bescheren, ich bin gespannt, ob sich die so positiven Erfahrungen des vergangenen Jahres wiederholen lassen.

Jahresrückblick 2019

Das Jahr begann mit einer arbeitsbedingten Erkrankung und steigerte sich im Herbst mit einer Bauch-OP. Da fehlten mir etliche S-Bahnfahrten zum Lesen, zudem gab es einige Brocken, deren Lektüre sich hinzog und sogar noch hinzieht. Nur 37 Bücher konnte ich daher auslesen, seit langer Zeit befand sich kein Sachbuch darunter.

Mit 26 Werken führte die Science-Fiction mein Interesse an, dem folgten sechs Fantasy-Werke, zwei allgemein phantastische und drei nicht phantastische Bücher.

Darunter befanden sich acht Anthologien bzw. Sammlungen mit Kurzgeschichten oder Gedichten.

23 Bücher wurden mir geschenkt oder habe ich mir selbst gekauft, 14 kamen als Rezensionsexemplare.

Die Verteilung der Geschlechter ist fast paritätisch, 14 Autorinnen zu 17 Autoren, wobei die Anthologien hierbei unberücksichtigt bleiben.

Speziell in der SF gab es eine 11 zu 11 Verteilung, quasi Doppelelfenwerk, wobei ich dieses Jahr großen Wert darauf legte, mir speziell Bücher von SF-Autorinnen zu holen. Hierzu plane ich noch einen gesonderten Artikel.

Was waren nun meine Highlights?

Zunächst zwei SF-Klassiker Ursula K. Le Guins »The Word for World is Forest«, das ich im Original las und Margaret Atwoods »Der Report der Magd«. Beides sehr politische und hochaktuelle Werke, die völlig zu Recht als Meisterwerke gelten.

Zwei andere Klassiker kannte ich vorher nicht: Guy Endores »Der Werwolf von Paris« ist in den USA der Werwolf-Klassiker schlechthin und überraschte mich durch seine Verzahnung mit der französischen Geschichte. Hermann Melvilles »Mardi und eine Reise dorthin« kostete mich etliche Wochen, bleibt aber durch seine Struktur und Fülle an bizarren Gesellschaftsformen bisher noch sehr präsent.

Bei den aktuellen SF-Romanen konnten mich vor allem Autorinnen überzeugen: Emma Braslavskys »Die Nach war bleich, die Lichter blinkten« konnte ich via Lesung und Rezension im Feuilleton kennenlernen und obwohl der Roman mit bekannten Themen jongliert, gefielen mir Schreibstil und Erzählperspektive sehr.

Der für mich beste neue SF-Roman 2019 kommt von Melanie Vogltanz. »Shape Me« ist so ziemlich alles, was ich mir von deutschsprachiger SF wünsche. Knackig, gut geschrieben, hart aber nicht Gewalt zelebrierend, politisch und utopisch.

Das gelang Sibylle Berg mit »GRM« leider nicht. So sehr ich die Autorin als bohrende Fingerspitze mag, ihr Roman suhlte sich zu sehr in den Anprangerungen und Bloßlegungen. Wie auch bei Dietmar Dath habe ich die Befürchtungen, dass hier das Lektorat zu zahm wurde.

Zwei Werke am Rande der SF und beides quasi Debüts, faszinierten mich: Karl Nagels »Schlund« über Punk in der BRD machte mich schlau, rau und grau. Eine kunterbunte Erfahrung.

Von René Frauchinger erwarte ich Zukunft noch mehr tolle Texte. »Riesen sind nur große Menschen« ist für mich neben »Shape me« die Entdeckung des Jahres jenseits der Massenverlage.

Ältere phantastische Geschichten von Menschen zu lesen, die man irgendwie ein bisschen zu kennen meint, sind auch eine intime Leseerfahrung und daher gehörten Michael Marraks »Quo vadis, Armageddon?« und Frank Duwalds »Die grünen Frauen« zu den schönsten Lesereisen des Jahres.

Jo Baker – »Ein Ire in Paris« über Samuel Becketts Erlebnisse im zweiten Weltkrieg bewegte mich sehr. Vom SUB gegriffen und schnell verschlungen, ein Literatur-Roman, wie ich gern öfter welche lesen möchte.

Das wohl skurrilste Buch des Jahres stammt von Jasper Nicolaisen. »Erwachsen« ist lustig, traurig, queer, wild und vor allem ein echter Nicolaisen. Von seinem ersten Lesebühnentext an, mochte ich diese Art des Erzählens, der Warmherzigkeit für die Figuren, denen er trotzdem ohne mit der Wimper zu zucken, schlümme Dinge in das Leben wirft – ich bin ein Fanboy. Der Mann schreibt zu wenig.

Das neue Jahr sieht mich bereits im Rückstand mit etlichen Rezensionsprojekten und ich habe auch noch diverse Bücher auf den SUBs, die ich letztes Jahr mit der festen Absicht erwarb, sie sofort zu lesen. Ich sollte einfach keine Rezi-Exemplare mehr annehmen.

Aber eher schaffe ich es wohl, an Gewicht, als an Lektüre abzunehmen.

Hier die Liste der Bücher aus 2019 in der Reihenfolge meiner Lektüre:

Ursula K. Le Guin – The Word for World is Forest

Karl Nagel – Schlund

Nova 25

Philip Reeve – Krieg der Städte

Margaret Atwood – Der Report der Magd

Guy Endore – Der Werwolf von Paris

Frank Hebben – Vampirnovelle

Judith Vogt – Roma Nova

Hans-Arthur Marsiske – Die letzte Crew des Wandersterns

Michael Marrak – Quo vadis, Armageddon?

Michael Marrak – Im Garten des Uroboros

Sibylle Berg – GRM

Angela und Karlheinz Steinmüller – Sphärenklänge

Elvis hat das Gebäude verlassen

Schatten über Camotea

Frank Duwald – Die grünen Frauen

C. C. Holister – Inferno für Anfänger

T. S. Orgel – Terra

Hermann Melville – Mardi und eine Reise dorthin

Swantje Nieman – Masken und Spiegel

Stefan Goebels – Käsablanca

René Frauchinger – Riesen sind nur große Menschen

Aleš Pickar – Die zwölf Kronen

Jo Baker – Ein Ire in Paris

Emma Braslavsky – Die Nach war bleich, die Lichter blinkten

Philipp Multhaupt – Herrn Murmelsams Trinklieder

Guido Krain – Ingenium

Jasper Nicolaisen – Erwachsen

Nova 26

Xeno-Punk

Theresa Hannig – Die Unvollkommenen

James Tiptree Jr. – Helligkeit fällt vom Himmel

Caroline Hofstätter – Das Ewigkeitsprojekt

Sabrina Železný – Feuerschwingen

Dietmar Dath – Neptunation

Philip K. Dick – Der galaktische Topfheiler

Melanie Vogltanz – Shape Me

Der Relevanztanz

Kurz vor Jahresende habe ich zwar nicht alle Rezensionen abgearbeitet, aber zumindest die letzten beiden Lesezirkelbücher besprochen.

Bereits im November befasste man sich drüben im SFN mit einem der drei diesjährigen Bücher von Dietmar Dath: »Neptunation oder Naturgesetze, Alter!«.

Neptunation oder Naturgesetze, Alter! von Dietmar Dath

Das Buch kam nicht gut weg. Vor allem lag es an der Unausgewogenheit von Story und wissenschaftlichen Diskussionen. Vermutlich hat sich das Lektorat nicht getraut, rigoros einzudampfen oder aber Dath war dieser Part besonders wichtig. Ich habe fast einen Monat benötigt, das Buch zu lesen. Dabei ist es spannend und die wissenschaftlichen Themen interessieren mich auch, soweit ich sie verstehe, aber sie es gibt davon einfach zu viele im Buch und was mich noch mehr ärgerte: Die fein ziselierten Dathschen Figuren referieren alle mit der selben Stimme. Frank Böhmert nannte das den Dath-Fluss und das trifft es sehr genau.

Ich denke, Dath will zu viel. Auf der Rückseite wird ein Zeit-Autor damit zitiert, dass Dath der einzig relevante deutschsprachige SF-Schriftsteller sei. Was für ein Unfug. Was für ein ärgerlicher Unfug. Vielleicht beschränkte sich der Journalist mit Absicht auf Schriftsteller, denn ich habe dieses Jahr eine Menge hochwertiger SF von deutschsprachigen Autorinnen gelesen und selbst unter den Autoren hat Dath ein paar Kandidaten auf Augenhöhe. Mir ist sowieso unklar, was das für eine Relevanz sein soll. Im Feuilleton erwähnenswert zu sein? Mal wieder den KLP zu bekommen?

Dieser Lars Weisbrod sollte den Goldenen Wald mal verlassen und die echte Welt betreten.

In meiner Rezi gehe ich auf den Inhalt des Romanes ein: »Neptunation oder Naturgesetze, Alter!« von Dietmar Dath

Im Dezember gab es einen Klassiker-Lesezirkel und man las mal wieder etwas von Philip K. Dick. »Der galaktische Topfheiler« stand zwar in meinem Regal schon als Bestandteil der Heyne-Regenbogengesamtausgabe, aber eine nigelnagelneue Übersetzung bei Fischer verlockte zum Zweitbuch.

»Der galaktische Topfheiler« von Philip K. Dick, Cover: Rosemarie Kreuzer und Thomas Degen

Der Roman ist abgefahren, befasst sich mit dem Faustthema und ist zudem herzerfrischend kurz und knackig. Da kann sich Dietmar Dath gern zehn Romane von abschneiden. Jetzt weiß ich endlich auch, wie die Kurzgeschichtenreihe von Michael Schmidt über die Galactic Pot Healer Bar zu ihrem Schauplatz kam. Inspiration geht manchmal herrliche Wege.

Auch hier wieder mehr in meiner Rezi: »Der galaktische Topfheiler« von Philip K. Dick

Das war’s dann erst einmal hier im Blog für dieses Jahr. Bald kommt der Jahresrückblick und der versprochene Beitrag zu den SF-Werken von Autorinnen.

Allen einen schönen Start in die Zwanziger!

In der Enge meines Körpers

Meine kleine Lese-Challenge durch die Werke deutschsprachiger SF-Autorinnen brachte mich dazu, auf diversen Kanälen zu lauschen, um ja keine spannende Veröffentlichung zu verpassen. So erfuhr ich von »Shape Me« auch zuerst über Twitter. Die Autorin Melanie Vogltanz ist dort mit teilweise sehr witzigen Zwitschereien unterwegs.

Melanie Vogltanz und Swantje Niemann auf dem BuCon 2019

Zwar erschien das eBook schon zum BuCon, die Taschenbuchausgabe konnte ich mir aber erst auf der Buch Berlin kaufen, direkt aus den Händen der Verlegerin Ingrid Pointecker, die ich nun auch schon seit etlichen Jahren auf Messen und Cons treffe. Ihr ohneohren Verlag ist mir aus guten Gründen seit jeher sehr sympathisch.

Ingrid Pointecker und Laura Dümpelfeld auf der Buch Berlin 2019

»Shape Me« bietet eine oft sehr harte Story um eine Zukunft, in der Normgrößen und Kalorienkonten das Leben bestimmen. Die Firma »Shape Me« macht sich das zunutze und bietet mittels Körpertauschtechnik die Möglichkeit an, dicke Körper durch disziplinierte TrainerInnen wieder fit zu machen, während man selbst derweil im schlanken Körper der »Shape Me«-Angestellten herumläuft.

»Shape Me« von Melanie Vogltanz; Cover: Larissa Kulik und das Maßbandlesezeichen

Welche Schattenseiten das System hat, ist Thema des Romans. Es gibt eine ganze Menge sehr übler Szenen die Hunger und das Leben mit einer tödlichen Krankheit ziemlich intensiv miterleben lassen.

Melanie hat für den Roman nicht nur zu MS recherchiert, sie hat auch versucht, mit 700 Kalorien am Tag auszukommen.

Aber nicht nur die Themen sind stark, auch die Einbettung in einen spannenden Stoff um drei Frauen, die aus unterschiedlichen Richtung in die Probleme geworfen werden. Toll geschrieben, durch diverse Textarten sehr abwechslungsreich angelegt und vor allem ohne Schnickschnack erzählt – »Shape Me« gehört für mich zu den ganz großen SF-Romanen des Jahres und definitiv auf die KLP-Nominierungsliste.

Ich werde meine Lese-Challenge Anfang nächsten Jahres auswerten, aber eins ist gewiss: Es erscheinen ’ne Menge SF-Werke von Autorinnen, greift zu, werdet überrascht, gefesselt und vielleicht auch mal enttäuscht, aber lasst euch nicht erzählen, sie wären wenige oder gar unsichtbar!

Etwas mehr zum Inhalt wieder drüben im Fantasyguide: »Shape Me« von Melanie Vogltanz

Killer-Lamas küsst man nicht

Erfreulicherweise stoße ich in diesem Jahr auf eine ganze Menge SF-Romane von Autorinnen. Das liegt zum Teil auch daran, dass ich meine Fühler entsprechend in diverse Blasen ausgestreckt habe, Twitter etwa. Informationen über Neuerscheinungen ploppen dort doch deutlich nachhaltiger auf, als in den Literaturforen, in denen ich mich herumtreibe. Das ist vielleicht auch so ein Generationending.

Altgestandene ForistInnen fragen sich öfter mal, warum Verlage und Schreibende ihre SF-Werke nicht dort bewerben, wo sie sich als ein gewisser Teil der potentiellen Leserschaft herumtreiben, aber so ist das mit Blasen, sie überlappen selten.

Auch »Feuerschwingen« von Sabrina Železný fand seinen Weg in meinen Fokus nicht über ein SF-Forum und zunächst hatte ich auch gar nicht vor, das Buch zu lesen, aber im Zuge der Aufmerksamkeitsdiskussion, die Theresa Hannig anstieß, erinnerte ich mich an das Buch. Nicht zuletzt die Lesung in der Kulturbremse führte dann dazu, dass es auf meine ToRead-Liste landete und nun auch tatsächlich verschnabuliert wurde.

»Feuerschwingen« von Sabrina Železný; Cover: Tithi Luadthong

Ohne zu spoilern lässt sich das Wesentliche des Romans kaum ausreichend beschreiben. Im Zentrum stehen zwei Männer, die verfeindeten Erdvölkern entstammen. Inka und Spanier verließen einst die Erde und sind heute raumfahrende Nationen mit ganz unterschiedlichen Kulturen. Für die beiden entwickelt sich die Suche nach dem legendären Qori Qori, oder Eldorado, zu einem ganz besonderen Abenteuer. Alles darüber hinaus würde schon zu viel verraten, aber um Verrat geht’s unter anderem auch.

Sabrina und ihr Killer-Lama auf dem BuCon 2019

Was zunächst als SF-Abenteuer mit Inka-Kolorit begann, veränderte bald sein Wesen zu etwas, dass ich normalerweise nicht lese. Das kam auch nach der Lesung gänzlich unerwartet, störte aber nicht. Sabrina Železnýs Roman steht eher für die modernisierte Space-Opera, man merkt ihm den Spaß an, den die Autorin mit ihren Figuren und dem Setting hatte. Ich hab’s gern gelesen und ein klein wenig mehr findet sich drüben in meiner Rezi für den Fantasyguide: Feuerschwingen von Sabrina Železný

Grenzenloses Grauen und eine Handvoll Enden

Als vor tausend Jahren Jürgen Schütz im SFN stolz verkündete, er würde in seinem kleinen Septime Verlag die weltweit erste Gesamtausgabe der Werke von Alice B. Sheldon herausgeben, besser bekannt unter ihrem lange unaufgdecktem männlichen Pseudonym James Tiptree Jr., war ich sofort Feuer und Flamme für das Projekt. Damals hatte ich noch nichts von ihr gelesen. Auch wenn ich heute weder alle Bände besitze, noch gelesen habe, bin ich immer noch genauso begeistert von dieser schmucken Reihe.

Helligkeit fällt vom Himmel von James Tiptree Jr.; Cover: Jürgen Schütz

Als der letzte Band »Helligkeit fällt von Himmel« für den Oktober-Klassikerlesezirkel im SFN gewählt wurde, fiel mir die Entscheidung nicht schwer, mitzumachen. Mein erster Roman von ihr, Band 10 der Gesamtausgabe. Das Werk erschien 1985, zwei Jahre vor ihrem Tod, der gerade erst wieder für einiges Aufsehen sorgte.

Immerhin erschoss sie sich 1987 nicht nur selbst, sondern im Rahmen eines Selbstmordpaktes auch ihren Ehemann. Da dieser Doppelselbstmord wohl nicht eindeutig belegt ist, wurde dieses Jahr der nach Tiptree benannte SF-Preis in »Otherwise Award« umbenannt, da Alice einen kranken Menschen getötet hatte – für kritische Stimmen ein Fall von Euthansie. Eine streitbare Entscheidung. Ich habe vor ein paar Jahren die Biographie »James Tiptree Jr. Das Doppelleben der Alice B. Sheldon« von Julie Phillips gelesen und neige daher zur Selbstmordtheorie. Durch die Lektüre dieser Biographie konnte ich auch einige Aspekte aus »Helligkeit fällt von Himmel« in das Leben der Autorin einordnen, ob das nun aber stimmt, ist natürlich nicht sicher, sondern reine Spekulation.

Frank Böhmert, Jürgen Schütz, Elvira Bittner und Julie Phillips auf der LBM 2015

Sheldon ist eine begnadete Schreiberin von Erzählungen gewesen, ihr Roman kann da nicht mithalten. Im Lesezirkel häuften sich schnell kritische Stimmen. Von langweilig bis Kitsch reichten bald die Meinungen und auch ich hatte es zunehmend schwerer, das Buch freundlich zu betrachten. Die Autorin steckte für mich einfach zu viel hinein. Zu viele Vorahnungen, zu viele Grausamkeiten, zu viele Rettungen, zu viele hochdramatische Beziehungsmomente und eben auch zu viele Enden. Kein in sich stimmiger und funktionierender Roman, trotz einiger sehr guter Inhalte und Figuren.

Trotzdem kommt das Buch jetzt ins Regal, denn die Gesamtausgabe bleibt ein Prachtstück.

In meiner Rezi gehe ich etwas mehr auf den Inhalt ein: Helligkeit fällt vom Himmel von James Tiptree Jr.

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