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Ulrich Holbein – Knallmasse

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Kleine Stubenfliege

Meine verschiedenen Stapel ungelesener Bücher wachsen aus mir gänzlich unerklärlichen Gründen. Klar, ich kaufe ständig Bücher, aber hinzu kommen auch jede Menge unverlangt eintrudelnde Rezi-Exemplare, denen ich selten sofort Aufmerksamkeit widme.

Allerdings gibt es dann doch immer wieder auch Werke, die mich so reizen, dass ich sie ganz spontan anderen vorziehe.

Esmeralda in Nöten von Stephanie Schnee hatte den großen Vorteil, dünn zu sein und daher hervorragend in die Pause zwischen Hugos Lachenden Mann Band 3 und 4 zu passen (inzwischen ist Lesearbeit für einen Artikel zu Henry James Drehung der Schraube hinzugekommen, aber Hugo wird mir verzeihen).

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Esmeralda in Nöten von Stephanie Schnee

Meine erste Begegnung mit der seltsamen Schreibe von Frau Schnee fand in ihrem Öko-Märchen Der Schuppenmann statt und hinterließ mich sehr zwiespältig. Einerseits erschlug mich ihre Fabulierfreude, andererseits enthielt mir die Handlung zu viel Unwucht.

Nun war ich gespannt, wie sie sich in Kurzgeschichten schlagen würde. Und sie hat mich überrascht.

Die Mehrheit der Geschichten sind surreale, teilweise kafkaeske Texte über Verwandlungen, vermenschlichte Insekten oder schwer metaphorisch aufgeladenen Trips in die dunklen Seiten menschlicher Psyche. Also fast klassische Phantastik.

Stilistisch hat sich wenig geändert. Stephanie Schnee liebt es, mit Worten und Sätzen zu jonglieren. Das passt nicht immer, macht aber trotzdem großen Spaß, da sie ihren Geschichten dadurch einen ganz eigenen, unbändigen, übersprudelnden Tonfall verpasst. Zudem sprühen bei fast allen Texten zwischen den Zeilen wunderbar fröhliche Funken eines tief verankerten Optimismus, der gerade bei den so dunklen Themen stark verwundert. Horror mit Lebensfreude – hab ich auch noch nicht oft erlebt.

Also ich bleib da weiter am Ball! In meiner Rezi gehe ich auf die einzelnen Storys etwas ausführlicher ein: Esmeralda in Nöten von Stephanie Schnee

Von Geburt an ungefugt

Als Büchernarr kämpfe ich jeden Tag gegen ein ganz gemeines Verlangen an. Gerade erst etwa hat eine Sonderausgabe der Tolkien Times Verlockungen verkündet (Alles neu! Mit den Zeichnungen von Alan Lee!). Aber noch bin widerständig. Als Trost habe ich gestern meine Reiselektüre für den Sommer geordert. Es geht nach Lissabon und der avisierte Stapel reicht vom Mittelalter bis zu einem deutschen Regisseur. Bin gespannt.

Ebenfalls voll in meinem Suchtprofil liegen Werke von Frank Hebben und darum scheute ich auch keine Kosten, mir sein jüngstes Opus zu verschaffen.

Fugen

Die Fugen der Stadt von Frank Hebben und Nikolaj Djatschenko

Die Fugen der Stadt ist eine Kooperation von Frank mit dem Graphiker Nikolaj Djatschenko. Gedichte von Frank, Illustrationen von Nikolaj. Wobei sie sich gegenseitig befruchteten, wie Frank im Nachwort betont. War es zunächst noch als reines Illustrationsprojekt gedacht, begann er bald Texte zu den Bildern zu verfassen. Was ich komplett verstehen kann, da Nikolaj Djatschenkos Bilder in ihrer mehrdimensionalen und trotzdem klaren Bildersprache jede Menge Assoziationen auslösen. Im sehr großen Anhang darf man dann auch jede Menge Bilder bewundern, die sich nicht mit Franks Themenwelt trafen, aber deshalb nicht weniger zum Konzept des Bandes passten.

Franks Lyrik ist ja ebenfalls klar und bildverliebt. Die meist recht kurzen Schnipsel bringen Stimmungen auf den Punkt, erzählen ganze Biographien in acht Versen oder streuen nebenbei krachende Twists in die Gegend. Während in Oubliette noch Jahreszeiten den Ton angaben, sind es nun die titelgebenden Fugen der Stadt. Das sind offene Brüche ebenso wie harte Kanten oder feine Grate. Man verletzt sich daran, verkriecht sich in ihnen, vielleicht rennt man davon, bekämpft sie mit stumpfen Worten … bezeugt von den Sternen.

Die Beziehungen zwischen den Worten und den schwarzweißen Zeichnungen sind ambivalent. Oft hab ich die Schnittstellen gefunden, aber manchmal wanderten die Bedeutungen auch hin und her. Besonders spannend fand ich die wie Mühlenflügel eingepassten Rotorscheiben, immer dominierend und den Ansturm eines hoffnungslosen Don Quichote erwartend. Dieses starke Bild flutet natürlich in den Text zurück und gebiert eine dunkle Stimmung.

Aber zum Glück sind auch wieder ein paar Liebesfetzchen darunter und Sonne.

Ein wunderschönes Buch!

Alles so schön bunt hier

Als ich kürzlich ymir oder aus der hirnschale der himmel von Philip Krömer rezensierte, schickte mir der homunculs verlag gleich ein Verlagsprogramm mit. So erfuhr ich, dass just im Frühjahr das nächste Science Fiction Werk erscheinen sollte. (Und ja, ich zähle ymir zur SF, auch wenn es mir als Nominierung für den KLP abgelehnt wurde.)

Pünktlich zur Leipziger Buchmesse erschien nun Knallmasse von Ulrich Holbein.

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Knallmasse auf der Leipziger Buchmesse

Es handelt sich dabei um eine überarbeitete Version, denn das Original Knallmasse. Ein kosmisches Märchen erschien bereits 1993. Worin die Überarbeitungen bestehen, kann ich nicht sagen – ich habe bisher weder vom Buch noch vom Autor etwas gehört. Dabei kann Ulrich Holbein auf ein erstaunlich umfangreiches Werk zurückblicken.

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Knallmasse von Ulrich Holbein

Knallmasse heißt das Buch und ist somit nach seiner Hauptfigur betitelt. Knallmasse ist ein denkender Roboter. Er lebt in einer komplett von Grau, Krach und Kanten beherrschten Robotergesellschaft. Rigide Regeln bestimmen das Leben. Dröhnender Lärm ist der Inbegriff der wohltuenden Beschallung und so heißt der Staat auch DeziBel. In sogenannten Zentralschulen werden die DeziBeliten auf Spur gebracht, alle drei Minuten werden sie mit dem SCHLAG belohnt, eine Art Endorphinausschüttung für Roboter.

Eine große Schutzfolie verhindert, dass Sonnenlicht auf DeziBel fällt und seine Bewohner blendet. Hinter dieser Folie ist das Universum zudem bunt, melodisch und voller weicher Dinge, wie etwa die menschenähnlichen, aber eierlegenden Wulwiletten.

Ein gefangenes Pärchen jener Wulwiletten müssen sich die Zentralschulpflichtigen, unter ihnen Knallmasse, im Biologieunterricht angucken und finden das Weiche und Bunte an ihnen unerträglich eklig.

Doch ein Unfall im Abhärtungsunterricht, bringt in Knallmasses Code etwas durcheinander und plötzlich mag er Weiches. Mit den beiden Wulwiletten flieht er aus DeziBel und erlebt einige phantastische Abenteuer in einem surrealen Weltall.

Der kleine Prinz trifft auf Gulliver – so in etwa waren meine Assoziationen, wobei ich auch ständig an Nimmerklug im Knirpsenland denken musste.

Das Buch ist nicht einfach nur abgefahren. Es wuselt zwischen grausiger Dystopie und fröhlichem Anarchismus genauso locker hin und her, wie zwischen Märchen und phantastischem Roman. Die vom Autor selbst beigesteuerten Illustrationen unterstützen das Gemenge durch gekonnten Kinderbuchstil bzw. ähneln sie den klassischen Zeichnungen in den SF-Romanen meiner Jugend. Dieser Kontrast bildete für mich fast das größte Vergnügen – aber nur fast, denn noch beeindruckender fand ich die Sprache. Experimentell, verschroben und wortgewitzt. Ich kann mich über so etwas köstlich amüsieren und wenn das Ganze noch mit überbordender Fantasie gewürzt wird, bin ich rundum glücklich.

Meine Rezi im Fantasyguide: Knallmasse von Ulrich Holbein

Jenseits der Party

Nach Volker Braun und Bert Papenfuß lud das Literarische Colloqium Berlin erneut zu einer Veranstaltung ein, die mein lyrisches Interesse maßlos entfesselte. In der Reihe Auf Wiedervorlage ging es um den Literarischen Salon von Ekke Maaß. Dabei handelte es sich um regelmäßige Abende mit Lesungen, Musik, Essen und Getränke, die in der Wohnung von Ekke Maaß stattfanden, Prenzlauer Berg, DDR. Der Salon existiert zwar noch heute, aber im Mittelpunkt standen die 80er Jahre, als eine junge Lyriker-Generation jenseits des staatlichen Kulturbetriebes eine eigene Szene bildete, die sich in solchen Wohnzimmern eine private Öffentlichkeit schuf, die ihnen der Staat verwehrte.

Als Mäzen und Türenöffner dabei auch Christa und Gerhard Wolf uns es war mir eine riesige Freude, dass Gerhard Wolf den Abend mit viel Wissen und Empathie einleitete.

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Gerhard Wolf

Für mich ist er seit seiner Herausgeberschaft von Außer der Reihe einer der aufregendsten Buchschöpfer des Landes.

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Meine Außer der Reihe

In dieser Reihe erschienen kurz vor der Implosion der DDR endlich jene aufregenden Dichterinnen und Dichter, von denen man meist nur hinter der Hand oder in diversen Sammelpublikationen ein zwei Bröckchen fand.

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Anlass des Abends war das Erscheinen des Buches Sprachzeiten, herausgegeben von Peter Böthig, der sich dem Salon von Ekke Maaß in Wort und Bild widmet. Zu Wort meldeten sich neben dem Gastgeber auch Elke Erb und Jan Faktor, beide feste Größen in der damaligen jungen Szene.

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Jan Faktor und Elke Erb

Ekke Maaß hatte sein Minipiano dabei und sang Biermann und Brecht und war insgesamt voller Begeisterung von sich und seinem Salon. Bestimmt hat er auch allen Grund dazu. Heute kümmert er sich zusätzlich auch noch um Migranten und aus dem Kaukasus.

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Ekke Maaß

Elke Erb schien dem Abend zunächst etwas skeptisch gegenüber zu stehen, denn sie las ihre Wortmeldung zum Salon aus dem Buch vom Blatt ab, quasi als Diskussionsbeitrag und würzte ihn mit lakonischen Bemerkungen.

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Elke Erb

Auch Jan Faktor wollte sich nicht so ganz als schmückendes Beiwerk verstehen und insistierte einige Male. So stellte er klar, dass die Abende in erster Linie Partys waren und man nach den Lesungen selten inhaltlich und überhaupt nicht politisch diskutierte.

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Jan Faktor

Der Kreis war auch recht groß, es wurden Zahlen von 50-70 Besuchern genannt. Ich kenne das aus eigenem Erleben, nach einer Lesung will kaum jemand etwas zu den Texten sagen.

Interessant war auch Jan Faktors Empfinden, sich bei Ekke immer sicher gefühlt zu haben und von der Stasi nichts mitbekommen zu haben.

Ekke Maaß gab dann aber Details aus seiner Stasi-Akte zum Besten und da lief dann doch einiges im Verborgenen ab.

Und damit sind wir beim Erstaunlichsten des Abends. Ganz deutlich war zu spüren, dass unsere drei Zeitzeugen den Verrat von Sascha Anderson bis heute nicht wirklich verwunden haben. Die Verletzungen liegen zum Teil ganz offen. Ekke Maß und Sascha Anderson mochten sich damals aus privaten Gründen nicht, dass Anderson ihn aber ans Messer lieferte und er nur deshalb nicht verhaftet wurde, weil man Anderson sonst enttarnt hätte, ist in der Tat eine bühnenreife Story, wie Moderatorin Sieglinde Geisel bemerkte.

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Sieglinde Geisel und Julia Schoch

Anderson gerierte sich selbst als Mittelpunkt der lose verbundenen Künstlerinnen und Künstler. Er schrieb viel, manifestierte und netzwerkte – und quasselte alles munter bei seinem Führungsoffizier aus. Auch Jan Faktor war es deutlich anzumerken, wie stark ihn diese sinnlose Verpetzerei von Nichts noch heute bewegt. Allerdings gab er gegen Ende des Abends zu, dass die Texte durchaus Angriffe auf den Staat waren. Man schuf eine Sprache, die von den Worthülsen befreit wurden, die man jeden Tag in den Zeitungen lesen sollte. Man decodierte den Text und setzte ihn neu zusammen. Was etwa Bert Papenfuß und Stefan Döring mit ihren Techniken an Kraft gewannen, ist noch heute zu spüren. Das durfte man als Diktatur schon mit Bedenken betrachten.

vorbereitung

Lektüre

Ich hab mir als Vorbereitung zu diesem Abend ein paar alte Bücher aus meinem Lyrikregal gegriffen und fand darunter ein bemerkenswertes Buch. VOGEL ODER KÄFIG SEIN erschienen bei der Edition Galrev, 1991. Das Verlagshaus wurde von Sascha Anderson und Rainer Schedlinski gegründet und das Buch erschien vor der großen Biermann-Abrechnung mit den Stasispitzeln.

Nun ist das Buch ein großartiger Fundus an Werken, Sachtexten, Grafiken und Fotos und wurde von einer Menge Leuten zusammengestellt, aber gerade die Beiträge von Anderson lesen sich aus heutiger Sicht doch arg geheuchelt.

Ob der Schwiegersohn von Martin Walser damit gerechnet hat, dass sein gesamtes publizistisches Werk mit ihm auf dem Orkus der Geschichte landen würde? Ich finde es ja sogar fraglich, ob seine Texte je ernsthaft literarisch waren oder nicht einfach imitierender Teil der Tarnung. Und ist es nicht irgendwie tragisch, dass man Stasi wohl für immer mit seinem Namen assoziieren wird?

Eine Sache fand ich hoch beachtlich. Elke Erb las nie bei Ekke Maaß obwohl sie fast immer bei ihm weilte. Sie hätte lieber zugehört. Wie die meisten Frauen.

Und dazu steht in VOGEL ODER KÄFIG SEIN ein bemerkenswerter Text von Cornelia Sachse. In VAGE ZAGENFRAGEN erklärt sie die Hürden, die man als Frau in der männerdominierten Kunstszene zu überwinden habe, allein schon, um einen Text in einem Untergrundblättchen gedruckt zu sehen. Und dann kommt ein Zitat von Gabriele Kachold:

schild: achtung hier ist szene

hier wirst du entmündigt wie noch nie

hier wirst du selbst zum satansbraten

Als von Außen Blickende wurde Julia Schoch ins Gespräch eingebunden, die sowohl Autorin, als auch ebenfalls Gastgeberin einer Leserunde ist.

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julia Schoch

Sie konnte einige der Erfahrungen bestätigen, die Jan Faktor kundgab und auch ich habe schon festgestellt, dass wenn man einen gastlichen Rahmen bildet, dazu einlädt und ganz wichtig: Essen und Getränke stellt, die Leute kommen. Ein einfaches: Wir sollten uns mal treffen, klappt nie. Es bracht immer einen Macher, einen Host, so wie Ekke Maaß. Viele Fotos aus seinem Salon wurden während des Abends auf eine Leinwand geworfen und es gab eine Menge Berühmtheiten darunter. Er bedaure heute sehr, kein Konzept gehabt zu haben. Bei ihm konnte jeder lesen, der wollte und fragte. Doch es sei schade um die, die sich nicht zu fragen trauten.

Zuguterletzt wurden noch Herausgeber Peter Böthig und Verleger Frank Böttcher zu Wort gebeten.

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Peter Böthig

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Frank Böttcher vom Lukas Verlag

Es war ein für mich sehr spannender Abend. Zum einen bin ich weiterhin heilfroh, niemals in die Bredouille geraten zu sein, Freunde zu verraten und zum anderen gehören diese aufregenden rebellischen Texte von Erb, über Papenfuß, Döring, Jansen bis hin zu Faktor zu meiner Jugend. Ohne sie hätte ich selbst nie ein einziges Gedicht geschrieben, das mir auch heute noch gefällt.

Nee, ich!

Wenn eine Kleinkunstkapelle wie Knorkator einen neuen Tonträger auf die Massen ihrer Fans wirft, folgt sie selbst auch bald. Zum Abschluss ihrer Ich bin der Boss-Tour gab sich die Meiste Band der Welt in der Columbiahalle die Ehre. Das altehrwürdige Hause wurde gleich zweimal hintereinander ausverkauft, wie es sich eben für die heimatlichen Gefilde gehört.

cover

Ich bin der Boss – Knorkator

Altehrwürdig ist auch die Band, was man bereits bei der ersten Vorband deutlich zu spüren bekam. Denn Frontmann von Black Monster Truck ist kein anderer als Alfs gerade noch klitzekleiner Sohn Tim Tom. Die sympathische Schülercombo gab gepflegten Ghscore zum Besten, samt Growling und ordentlich Saft auf den Saiten. Den stolzen Papa sah man kurz selbst im Publikum, wie er vergnügt den Gig verfolgte.

Black Monster Truck

Black Monster Truck

Aus dem wilden Osten Berlins stammt auch Tschaika 21/16, die Gitarre und Schlagzeug wurden durch eine Trompete ergänzt hatten. Der Trompeter baute zunächst einen kleinen Turm aus Holzklötzchen, bevor er ziemlich versiert in das musikalische Geschehen eingriff. Das wilde Gemisch aus Rock, Stoner und Noise schrammte stets ganz nah an öder Textlastigkeit vorbei und verwirrte die Menge doch ein wenig.

Tschaika 2116

Tschaika 21/16

Knorkator selbst geben ja bereits seit Zehntausendjahren Konzerte und ich habe noch keines erlebt, das auch nur irgendwie langweilig war. Die Jungs haben eine unendliche Anzahl von Songs, deren Refrains sich gnadenlos laut durch den Saal schreien lassen.

Von der neuen Platte ist ist das natürlich zunächst einmal der Titelsong Ich bin der Boss. Als die Menge ein letztes Mal diesen gängigen Slogan brüllte, beendete Stumpen den Song mit einem markigen »Nee, ich!«

Zu Zähneputzen, Pullern, Ab ins Bett! holte er sich einen Milchbart auf die Bühne, die sich aber auf einen Stuhl setzen musste, als Buzz Dee grinsend feststellte, dass der Kleene größer als Stumpen war.

Überhaupt ist es immer wieder eine Freude, Stumpen in Action zu erleben. Der Mann ist fitter als ein Turnschuh, hat die Menge stets völlig im Griff und blastert jeden seiner Songs mit Kraft und prolligem Feinsinn hinaus. Er ist sich für kein noch so irres Outfit zu schade und meistert selbst Paukenschläge auf den Kopf mit breitem Grinsen.

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Auch die Band setzte sich hin

Sie spielten noch diverse andere Songs der neuen Scheibe, zu Setz Dich hin, mussten wir uns tatsächlich hinsetzen, was in der Bier triefenden Columbiahalle kein ganz so großer Spaß war. Aber angesichts einer doch beachtlichen Anzahl etwas älterer Fans, stand man bald wieder Gelenke krachend auf. Insgesamt aber gab es eine große Altersdurchmischung, selbst die durchtrainierten Pogohüpfer fehlten nicht.

Als wir uns durch frenetischen Jubel die Zugabe verdient hatten, gab es dann weitere Hits aus dem riesigen Repertoire samt Böse, Ficken und natürlich Weg nach unten.

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Stumpen im Feuerrad

Kurz, es war ein phantastischer Konzertabend, Knorkator sind einfach die Meisten!

Perspektivenwechsel

Meine letzten beiden Lektüren haben mich nachdenklich gestimmt. Also, über den Inhalt hinaus, denn Die Geschichte der Liebe von Nicole Krauss bietet jede Menge Nachdenkenswertes.

Das Buch hat zwei Hauptfiguren, einen alten Mann und ein fünfzehnjähriges Mädchen, und ziemlich überrascht stellte ich fest, dass mir die Perspektive des alten Mannes sehr nah war. So in Richtung: Das bist ja Du! Tja, irgendwie hab ich die Jugend jetzt wohl doch verlassen. Seltsam.

Auf der anderen Seite hatte ich ein großes Problem mit die Geschichten von Leigh Brackett, die ich ja auf Anregung von Kai Meyer las. Sie schreibt dort ausschließlich aus der Sicht männlicher Protagonisten, es gibt unglaublich viel lapidare Gewalt gegen Frauen – das mag einem Zeitgeist und dem Pulpmarkt geschuldet sein, aber es fühlte sich für mich beständig falsch an. Ich bin halt ein alter Sack, der Frauen nicht schlägt. Auch eine gewisse Lebensperspektive.

Aber ich will noch ein bisschen zur Geschichte der Liebe plaudern.

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Die Geschichte der Liebe von Nicole Krauss

Auf das Buch wurde ich durch Markus Mäurer aufmerksam, der es 2015 zu seinen Lesehöhepunkten zählte. Für gewöhnlich lese ich keine jüngeren, nichtphantastischen Werke, aber letztlich besitzt auch die Geschichte der Liebe phantastische Elemente, die jedoch schon fest zum Literaturstandard gehören, und viel damit zu tun haben, den LeserInnen etwas suspense zu verschaffen.

Nicole Krauss gelingt es dabei, die tiefen psychischen Wunden zu visualisieren, die sich Leopold Gurski in seinem Leben zuzog. Von der Vernichtung seines Dorfes durch die Deutschen, seiner Flucht aus der Heimat, der Verlust seiner großen Liebe bis hin zur Trennung von seinem Kind. Zwar werden all diese Themen auch ganz normal erzählt, aber es gibt für sie auch jeweils eine symbolische Entsprechung, ganz oben natürlich das Manuskript von »Die Geschichte der Liebe«, dem Buch im Buch.

Ähnlich handhabt sie es mit dem zweiten großen Thema, nämlich der jüdischen Kultur in der dritten Generation nach dem Holocaust. Man spürt, dass sie da persönliche Probleme wälzt und keine Lösungen besitzt. Vielmehr beschreibt sie einige Wege, die junge Menschen mit jüdischer Bindung gehen.

Ob es in Deutschland auch so eine starke Integration jüdischer Traditionen in die Popkultur gegeben hätte, wenn wir diesen Bereich unseres Lebens nicht in Vernichtungslager gesteckt hätten? Bittere Gedanken, aber ich gehöre ebenfalls zu einer dritten Generation, die der Täter.

Aber Die Geschichte der Liebe will keine Wunden vertiefen. Denn im eigentlichen Sinne ist es wirklich eine Liebesgeschichte. Und eine herzerwärmende, wunderbare noch dazu.

Nochmals Dank an Pogo! Meine Rezi beschäftigt sich etwas mehr mit dem Inhalt: Die Geschichte der Liebe von Nicole Krauss

Poe-Tick

Ja, ein müder Kalauer, aber in der Tat bin ich ziemlich vernarrt in das Werk von Edgar Allan Poe und deshalb konnte ich mich nicht zurückhalten, als es darum ging die allerneueste Neuübersetzung zu besprechen.

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Umheimliche Geschichten von Edgar Allan Poe

Der dtv bringt gerade jene fünf Bände mit Poe-Werken heraus, die einst Charles Baudelaire auf Französisch herausgab. Baudelaire war ebenfalls vernarrt in Poes Poetik und glühte für das große Vorhaben den US-amerikanischen Autor in Europa bekannt zu machen.

Die wunderschöne Ausgabe weckte meine bibliophile Gier und ich wurde immerhin auch mit der Lektüre mir bisher gänzlich unbekannter Texte belohnt. Wobei ich gestehen muss, dass mir die Geschichten um den Mesmerismus nicht wirklich gefallen haben. Das Thema liest sich heute doch sehr skurril. Jedoch ist es spannend zu betrachten, wie raffiniert Poe die Horror in seine Jenseitserfahrungen einbaut und wie rasant sich die Düsternis in die Zeilen schleicht.

Auch die beiden Ballonfahrtgeschichten kannte ich noch nicht, dabei gilt »Das beispiellose Abenteuer eines gewissen Hans Pfaall« als eine der ersten SF-Stories. Erinnerte mich aber in Teilen an die Reise zum Mond und zur Sonne von Savinien Cyrano de Bergerac. Wäre interessant zu wissen, ob Poe das kannte.

Baudelaire als Literaturkritiker lernte ich bereits im Anhang von Gustave Flauberts Madame Bovary kennen – ebenfalls in einer dtv-Ausgabe. Der Mann hatte ein feines Gespür für das Besondere in literarischen Werken. Gerade wenn man sehr viel liest, besteht ja die Gefahr, dass man im Brei versinkt und die frische Luft nicht mehr erreicht. Baudelaire hat sich seine sieben Sinne bewahrt und wenn man den Brief an Poes Tante und Ersatzmutter Maria Clemm liest, bemerkt man hinter der schwärmerischen Verehrung auch das tiefe Mitgefühl.

Andreas Nohl als Übersetzer der Poe-Werke geht in seinem Nachwort auch auf diese Beziehung zwischen Baudelaire und seinem Idol ein und erklärt natürlich auch, was er in seiner Neuübersetzung anders machen wollte.

Das Ergebnis hat mich überzeugt und ihr könnt sichersein, dass sich mein raffgieriges Bücherherz bereits sehnsüchtig nach den Folgebänden verzehrt. Gar keine schlechte Möglichkeit, Poe in ganzer Breite zu erleben.

Meine Rezi steht, wie sollte es anders sein, an gewohnter Stelle: Unheimliche Geschichten von Edgar Allen Poe

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