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Lass das mal die Venus machen!

Der Sommerurlaub steht vor der Tür. Wir wollen uns Lissabon besehen, die Hauptstadt Portugals.
Bereits im Frühling sammelte ich daher ein paar Lesetipps, um den Urlaub auch literarisch zu begleiten.

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So wanderten fünf Titel auf meinen Spezial-Urlaubs-SUB: Die Lusiaden von Luís de Camões, Lissabon – Literarische Streifzüge durch die Stadt von Werner Herzog, Die Rückkehr der Karavellen von António Lobo Antunes, Die portugiesische Reise von José Saramago und Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernado Soares von Fernando Pessoa. Gern hätte ich auch SF dabeigehabt, wurde aber bisher nicht fündig, vielleicht ja in Portugal selbst.

Angefangen habe ich mit dem Nationalepos der Portugiesen, den Lusiaden von Luís de Camões. Ein 1572 veröffentlichtes Versepos stellte ich mir komplex genug vor, sodass ich schon vor der eigentlichen Reise mit der Lektüre begann. Im Gegenzug den modernen dramatischen Werken wie das Titaneion von Bastian Brinkmann, verlangt ein so altes Werk deutlich mehr Wissen, um es zu verstehen.

Zum Glück fand ich eine deutsche Fassung der Lusiaden, die es mir ermöglichte, mich recht schnell in Stil, Zeit und Background einzubinden. Der kleine Spezialverlag minifanal bietet unter anderem Historikern die Möglichkeit, über Themen zu publizieren, die nicht unbedingt die Massen bewegen. Dort veröffentlichte der Portugalexperte Dirk Friedrich nun schon in einer zweiten Auflage 2014 die Lusiaden.

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Die Lusiaden von Luís de Camões, Cover: Marian Jaworski

Dazu nahm er sich die Übersetzung von Karl Eitner aus dem Jahre 1869 vor. Eitner nutzte für seine Übertragung der Verse ein weitgehend durchgezogenes Versmaß, verzichtete aber darauf, sie in Reime zu pressen. dadurch ergab sich eine zwar getragen klingende Sprache, aber eben auch eine sehr wortgetreue Übersetzung. Friedrich nutzt die Fußnoten, um Abweichungen vom Original zu erklären, vor allem aber, um diverse geschichtliche Fakten zu erklären, auch wenn sie von Camões Versen abweichen. Besonders wichtig sind die Erklärungen zur antiken Mythologie, denn Camões verwendet Namen, Orte und Sagen im Überfluss.

Das liest sich dann recht schizophren, wenn auf der einen Seite das Christentum über alles und jeden gestellt, auf der anderen Seite aber im riesigen Schatz der antiken Mythen geschwelgt wird, die ja von Wilden, Barbaren und Verdammten erfunden wurden.

Ansonsten sind die Lusiaden ein großer, bunter Historienstrauß, in dessen Zentrum die Suche eines Seeweges nach Indien durch Vasco da Gamas erblüht, als ein Beispiel der tollen Taten der Portugiesen. Fürwahr eine epische Geschichte und ganz kurz gönnt Luís de Camões seinen Seefahrern am Ende eine üppige Party auf einer Paradiesinsel mit Wein, Weib und Gesang. Bis er ihnen mit christlicher Enthaltsamkeit sagt: Pustekuchen, war nur eine Allegorie auf Ruhm und Ehre! Ich wäre ja lieber bei Thetys und ihren Nymphen geblieben – warum sich das Christentum durchsetzte wird mir ein ewiges Rätsel bleiben.

Mehr zum Buch wie immer in meiner Fantasyguide-Rezi: Die Lusiaden von Luís de Camões

Der Fluch lokaler Feiertage

Die Literatur kennt keine Sommerlöcher und erst Recht nicht die Kunstgemeinde in Second Life.
Dort fand am Sonntag wieder einmal eine feine Lesung statt: Jens Gehres entführte uns in die Ætherwelt, einem Steampunkuniversum, von Anja Bagus kreiert und inzwischen von einer ganzen Reihe Autorinnen und Autoren mit Stories bereichert.
Jens las Reinigendes Feuer, bereits seine dritte Kurzgeschichte im Ætheruniversum. Seine allererste überhaupt veröffentlichte Story findet sich übrigens in der ersten Ætheranthologie, Ætherseelen. Alle Geschichten sind aber abgeschlossen und unabhängig voneinander lesbar.

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Das Anwesen derer von Wolfenberg

Jens begann schon in der Schule zu schreiben und interessierte sich für Steampunk. Die Ætherwelt von Anja Bagus lernte er 2014 kennengelernt. Seine Frau konnte sich dafür sofort begeistern, er erst später. Danach traf er Anja auf einem Con und eine Freundschaft begann.
Bald darauf beteiligte er sich an einer Halloween-Ausschreibung von Anja und fand damit zurück zum Schreiben. Inzwischen gibt es drei Kurzgeschichten, die zusammen etwa knapp 40 DIN A4 Seiten füllen. Ein SF-Roman, den er im NaNoWriMo geschrieben hat, befindet sich derzeit in der Überarbeitung.
Als erfahrener Vorleser – er liest seinen beiden Kindern seit acht Jahren täglich vor – bestritt er die Lesung komplett alleine – und überzog gnadenlos!

Die fulminante Ætherpunkkulisse stammte erneut von Barlok Barbosa. Thorsten Küper schwärmte bereits seit Wochen allerorten vom wunderschönen Auto für die Herrschaften vom Amt für Ætherangelegenheiten.

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Das Æthermobil

Die Lesung wurde erstmals live auf Youtube gestreamt, man hätte also auch ohne SL-Account dabei sein können.
Es waren 15 Avatare eingeloggt. Vorab setzte sich Barlok an den Flügel und klimperte ein paar stimmungsvolle Melodien, während die wie immer bezaubernd anzusehende ClaireDiLuna Chevalier dazu tanzte.

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Barlok und ClaireDiLuna

Jens betonte zu Beginn der Lesung, dass das herrliche Bühnenbild in der Tat alles aufweise, was in der Handlung seiner Geschichte vorkommen werde. Die Uniform seines Avatars etwa passt zur Hauptfigur, Baron von Wolfenberg, einem Kavallerieoffizier. Er wohnt im Herrenhaus eines Gestütes, welches Pferde für die badische Armee züchtet.

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Links sitzt der fleißige Kameramann, in der Mitte als Baron, Autor  Jens Gehres und rechts der Kueperpunk

Handlungszeitpunkt ist die Walpurgisnacht von 1913. Dem Baron wird der Besuch des Amtes für Ætherangelegenheiten angekündigt, die sich mit den Gerüchten über den angeblichen Tod der Gattin des Barons, Ilse, befasst.
Die starb tatsächlich, vergiftet von der Schwägerin des Barons in der Nacht ihrer Niederkunft, doch der liebende Gemahl trug den leblosen Körper seiner Frau in die vom Æther verseuchten Auen seines Anwesens. Am Morgen kehrte sie als Veränderte zurück …

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Das grüne Leuchten weist den Weg zum Æther

Die Geschichte entwickelt sich schnell zu einer atemlosen Geisterjagd, bei der Kenntnisse um die Besonderheiten von Maifeuer eine besondere Bedeutung gewinnen. Die Reaktionen waren euphorisch, ich glaube, dass es allen Lauschenden großen Spaß machte.

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Im Rauchsalon fand sich eine illustre Gesellschaft zusammen

Jens arbeitet gerade an Beiträgen für zwei SF-Anthologien, darunter zum Thema Reiseziel Utopia für die Phanta-News. Treffen kann man ihn als Nächstes beim FaRK vom 25.-28.08.2017. Wer also dort ist, kann ihn ja mal in Sachen Ætherangelegenheiten ansprechen.

Jenseits der Einöde des Realismus

Mein bester Freund verbindet gerne unsere Treffen mit Kultur, die ich immer aussuchen muss. Achherje. Da traf es sich diesmal sehr gut, dass mich Hardy Kettlitz kurz vorher auf den aktuellen Andymon-Clubabend hinwies und so gondelten wir nach Baumschulenweg.

Der Abend stand ganz im Zeichen Berliner Phantastikverlage, wobei man das mit Berlin recht sportlich sah. Der SF-Club Andymon ist eine kleine Fan-Gemeinde etwas erhöhten Alters, deren Themenabende sehr oft hochspannend sind, aber tatsächlich hab ich es nun erst zum dritten Mal geschafft, daran teilzunehmen. Aber zumindest sieht man sich regelmäßig bei den Otherland-Events.

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Michael Görden und Hannes Riffel

Als erstes stellte Hannes Riffel das aktuelle und geplante Programm von Fischer TOR vor, logischerweise mit dem Schwerpunkt auf die SF-Titel. Hannes sprudelte vor Begeisterung über. Neben Afterparty von Daryl Gregory in der Übersetzung von Frank Böhmert, das ich jetzt wirklich unbedingt lesen will, schwärmte er von Becky Chambers Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten und freute sich auf die Fortsetzung, die laut Lektorat noch besser sein soll. Da komme ich wohl auch nicht dran vorbei, gefiel mir die Wohlfühl-SF ja bereits im ersten Band. Die Neuübersetzung von Ursula K. Le Guins The Dispossessed als Freie Geister erscheint mir ideal für einen Reread und auch Charlie Jane Anders Alle Vögel unter dem Himmel muss ich einfach haben. Das TOR-Programm unter der Leitung von Hannes ist vielseitig und sehr verführerisch. Er plauderte auch aus dem Nähkästchen und es überraschte mich, dass Kai Meyers Krone der Sterne nur das dritterfolgreichste Buch des Programmes ist. Aber hey, jeder Bestseller finanziert etliche andere Titel.

Mit Spannung erwartete ich dann Michael Görden, seines Zeichens neuer Programmchef von Golkonda, der ja nun bei Europa unterkam und somit nach Gördens Aussage die Vorzüge des Strasser-Konzerns genießt, was vor allem Marketing und Vertrieb verbessern sollte.

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Michael Görden mit dem Golkonda-Programm

Zunächst warb er für ein paar Neuerscheinungen, die noch unter Hannes‘ Federführung an den Start gingen, etwa Die Übersetzerin von John Crowley. Grundsätzlich wird sich das Programm von Golkonda nicht ändern. Captain Future, aber auch die Klassiker werden fortgeführt, ebenso der Nimmèrÿa-Zyklus von Samuel R. Delany und die Werkausgabe von Thomas Ziegler, was Görden ganz besonders freute, da er mit Rainer Zubeil befreundet war und dessen Texte zu den ersten Sachen gehörte, die er je herausgab. Angekündigt ist auch der vierte Hiob-Band von Tobias O. Meißner, das immer noch verkannte Meisterwerk.

Erwähnenswert ist noch, dass für Rückblick aus dem Jahre 2000 von Edward Bellamy eine erweiterte Neuausgabe avisiert ist. Der anwesende Andymonier Wolfgang Both integrierte einen weiteren Sachtext, der als Vortrag eines Andymon-Clubabends entstand und nun das Werk endlich perfekt machen wird.

Natürlich wird sich bei den Reihen das Layout, fast immer von der großartigen Ben, nicht ändern, sodass SammlerInnen aufatmen können. Allerdings sollten sie sich bei einigen Werken beeilen, denn Jo Waltons Carmichael-Romane (Small Change Trilogie)  bekommen in der neuen Auflage ebenso ein anderes Gesicht, wie auch die Kurzgeschichtensammlung von Ted Chiang, die nun an die Verfilmung Arrival erinnert. Lobend erwähnte er noch die Arbeit von Hardy Kettlitz, der als Setzer und Projektmanager die Arbeit eines Verlegers sehr easy macht. Womit er beim Golkonda-Imprint Memoranda ankam. Dort wird es neben dem dritten Hugo-Band, der noch nicht ganz fertig ist, neue SF-Personality Bände geben. Wer Hardy kennt, dürfte sich nicht wundern, dass sich einer davon mit Robert Silverberg befasst.

Ein Höhepunkt des Programmes ist aber sicherlich die neue Werkausgabe der Kollaborationen von Erik Simon mit Angela und Karlheinz Steinmüller, die ich bereits zur Rezension geordert habe.

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Hardy Kettlitz stellt Festa-Titel vor

Hardy war aber nicht nur als Memoranda-Chef anwesend, sondern auch als Berliner Zweigstelle des Festa-Verlages. Der bedeutendste deutsche Horror-Verlag bringt etwa einen Erzählband des Fight Club-Autors Chuck Palahniuk heraus. Ansonsten halt Action und Horror.

Ein Thema aber haben alle drei Verlage gemeinsam: Howard P. Lovecraft. TOR bringt die megageile Prachtwerkausgabe herausgegeben von Leslie S. Klinger, die flux auf meinem Weihnachtswunschzettel landete. Golkonda liefert dazu die zweibändige Biographie von S. T. Joshi und bei Festa gibt es sowieso alles von Lovecraft und zudem noch jene Werke, die ihn beeinflusst haben, so etwa die Geistergeschichten von Montague Rhodes James, nach deren Lektüre man erst wirklich weiß, was Gruseln bedeutet. Hochspannend erscheint mir auch das sehr persönliche Buch Mein Freund H. P. Lovecraft von Frank Belknap Long in der Übersetzung von Michael Siefener – es gibt kaum noch einen Grund, sich nicht mal intensiv mit Lovecraft zu beschäftigen.

Und was mich auch stark reizt, ist Big Sur von Jack Kerouac, sein letztes Werk – und nach On the Road würde ich schon gern noch mehr von ihm lesen.

Aber allein dieser tolle Abend versorgte mich mit mehr Lesetipps als ich in vernünftigem Zeitrahmen lesen können werde. Es ist schon eine Crux mit diesem Hobby. Fängt man erst mal mit einem Buch an, will man bald alle lesen.

Schlachtentschleunigung

Epische Dichter sind geborene Entschleuniger. Ob der Winter einfach nicht kommen mag oder sich das Rad der Zeit dreht und dreht – wir kennen das Procedere. Schon Homer mochte das ausführliche Beschreiben geputzter Rüstungsteilfragmente.

Bastian Brinkmann wird sich wie Bolle freuen, wenn ich hier weitere Größen der Literatur mit ihm in Verbindung bringe, aber Selbstbewusstsein braucht ein epischer Dichter nun einmal auch. Man kann ja nicht nur von Luft und Liebe leben.

Sein jüngstes Werk ist Kolossansturm – Titaneion Titanenschlacht Episoda 2.

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Kolossansturm – Titaneion Titanenschlacht Episoda 2 von Bastian Brinkmann

Die Fortsetzung der in Bestienborn begonnenen dramatischen Bearbeitung der antiken Schlacht zwischen Titanen und dem Göttergeschlecht. Also ganz korrekt: Die Schlacht hat noch gar nicht begonnen. Eher im Gegenteil, sie ist noch weit entfernt und wenn Bastian das gesamte Material aus Ovids Metarmorphosen und anderen Mythen ähnlich opulent aufbereitet wie die Geschichte von Pygmalion hier in dieser Episode, wird sein Versprojekt einen Atlas zum Tragen benötigen.

Ich vermute ja immer noch, dass sich das Leserschaftspotential für Antikenfantasy in Drama-Form bisher noch nicht ausgebildet hat, aber ich unterstütze sowas in voller Montur. Bastian hat, wie ich finde, eine so schöne Balance zwischen Ehrfurcht dem Material gegenüber, moderner Dramaturgie und Humor gefunden, um Spaß beim Lesen zu bereiten.

Ausdrücklich davon ausnehmen möchte ich hier all das, was er der Aphrodite antut. Böser Basti!

Nun gut. Vielleicht sollte ich nichts weiter schreiben, sonst baut er es in folgende Episoden ein. Zumindest gab es jetzt einen Zwerg. Was will man mehr?

Falls ihr mal etwas ganz anderes lesen wollt als Postapokalypse, Zauberinternate oder Fesselspiele, dann schaut mal beim Titaneion vorbei. Dort finden sich nämlich die Quellen.

Gegen Kronos, Zeus und Bestian ist alles andere nur Pillepalle.

Völlig sachlich ist natürlich meine Rezension: Kolossansturm von Bastian Brinkmann

Wenn das Buch zum Monster wird

Der Golkonda Verlag ist eine Aphrodite für bibliophile Leseratten wie mich. Nur einmal kurz ins Programm geschaut und man erliegt der Verführung. So erging es mir auch 2013, als Hannes Riffel das neue Klassiker-Programm vorstellte. Die dort erschienenen und noch erscheinenden Werke sind reine Liebhaberprojekte von Menschen, die ganz bestimmte Bücher endlich wieder in angemessener Buchform sehen wollen. Vergessene Werke ebenso wie ihrer Meinung nach zu Unrecht kaum beachtete.

Es hat eine Weile gedauert, bis ich die vier Bände von Victor Hugos Der lachende Mann in meinen Händen hielt und auch das Lesen selbst zog sich lange hin. Zum einen schob ich diverse andere Bücher dazwischen, zum anderen ist der Roman kein Buch zum schnell weglesen.

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Der lachende Mann von Victor Hugo, Cover: s.BENeš

Hugo steckte eine Menge Stoff hinein, sowohl politisch, als auch literaturtheoretisch. Klingt jetzt vielleicht nicht recht spannend, aber lasst mich das erklären.

Der Roman entstand im Exil. Hugo war kein Freund der Restauration der französischen Monarchie und konsequent verließ er den Staat. Als Verfechter der Republik sah er im Adel den Parasiten, der nur existierte, um das Volk auszusaugen. Ich stimme ihm da zu und schreibe es immer wieder gerne, wie froh ich bin, dass unsere Vorfahren 1918 den Adel bei uns abschafften. Möge er auf ewig in der Mottenkiste der Geschichte verrotten.

Hugo allerdings focht den Kampf noch aus und er wählte als historisches Setting seines Romans das Ende des 17. Jahrhunderts in England. Es war die Zeit wechselnder Dynastien bis hin zum Act of Union 1707, der die schottische und englische Krone vereinte und Schluss mit Bürgerkrieg und anderen gewalttätigen Auseinandersetzungen innerhalb der Insel machte. Der Adel konnte seine Tage mit feierlichem Nichtstun verbringen. Die Auswirkungen dieser Vergnügungen auf das einfache Volk beschreibt Hugo an mehreren Stellen eindringlich. So holte man sich irgendwen von der Straße, trieb üblen Schabernack mit ihm, um das nicht selten verletzte Opfer einfach in die Gosse zu werfen. Die Justiz ging dagegen nicht vor.

Um diesen Effekt zu verstärken, ersann Hugo für seinen Roman eine noch finstere Intrige. Aus einem Abrafaxe-Heft wusste ich bereits, dass es mal Mode war, besonders schrullige Hofnarren zu züchten, indem man Kinder in krumme Kisten sperrte und somit zu deformierten Geschöpfen heranwachsen ließ. Hugo erfand dazu gleich eine ganze Berufsgruppe, die Comprachicos. In einer solchen Gruppe wächst Gwynplaine auf. Seine Gesichtsmuskeln wurden zerschnitten und so zusammengenäht, dass es stets breit grinst.

Doch der politische Wind dreht sich, dem Comprachicos droht der Tod, sie fliehen des Nachts bei Sturm, mitten im Winter. Den Beweis ihrer Tätigkeit lassen sie barfuß an der Küste zurück. Das Kind taumelt durch den Schnee auf der Suche nach Wärme und Hilfe. Dabei stößt es auf den toten Körper einer Frau und ein Baby. Der Junge nimmt das weinende Bündel mit sich, obwohl er selbst kaum Wärme oder Kraft hat.

Wer diese Szenen liest, erkennt darin Hugos Meisterschaft in der Beschreibung menschlichen Elends wieder. Und doch ist es auch eine Lobpreisung menschlicher Fähigkeiten, solange sie unschuldig und unverdorben sind. Verderbnis und Verführung lauern jedoch überall. Zwar werden die beiden Kinder gerettet und erleben eine glückliche Zeit bei einem alten Schausteller, der sie bei sich aufnimmt, aber niemand wird bei Victor Hugo ein Happyend erwarten.

Was das Lesen des Buches zu einer Herausforderung macht, sind die vielen Passagen, die nur indirekt etwas mit der Handlung zu tun haben, die zudem auch nicht immer linear erzählt wird. Zwar ist oft zu erkennen, warum Hugo über bestimmte Themen referiert und er zeigt auch hier eine fesselnde Sprachgewalt, aber wer sich dafür nicht interessiert, wird Probleme haben.

Der Roman ist tatsächlich nicht allzu oft verlegt worden. Herausgeber Andreas Fliedner hielt sich an die deutsche Erstübersetzung, die schon im Veröffentlichungsjahr der französischen Originals, 1869, erschien. In meinem Bücherregal stand noch ungelesen die Ausgabe des Verlages Neues Leben aus dem Jahr 1980, welche in Genehmigung durch den Paul List Verlag, Leipzig unter dem Titel »Die lachende Maske« in der Übersetzung von Eva Schuhmann erschienen ist.

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Die lachende Maske von Victor Hugo, Cover: Jürgen Pansow

Sie wurde von Jürgen Pansow illustriert, einem Grafiker und Bildhauer, der mir bis heute völlig unbekannt war obwohl ich eines seiner Werke, Zwiesprache, schon des Öfteren im Fennpfuhlpark sah.

Seine vermutlich ebenso wie das Cover farbigen Illustrationen halten sich sehr dicht am Text und einige erstaunen durch ungewohnte Perspektiven, in denen man den Bildhauer erkennen mag.

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Dea und Gwynplaine – Illustration von Jürgen Pansow 

Wer lieber eine aktuelle Neuübersetzung lesen möchte, kann auf die Prachtausgabe der Achilla Presse zurückgreifen. Sie erschien 2013 unter dem Titel »Der Mann mit dem Lachen« und wurde von Rainer G. Schmidt übersetzt. Leider gibt es die Achilla Presse nicht mehr, das Buch ist antiquarisch zu einem ähnlichen Preis zu haben wie die vier Golkonda-Bände zusammen.

Puh, ich bin froh, die Lektüre durchgehalten zu haben. Frank Böhmert konnte sich nach dem ersten Band nicht entschließen, weiter zu lesen, dabei endete dieser gerade erstmal damit, dass Gwynplaine und Dea von Ursus aufgenommen werden. Vielleicht unterstützt die Aufteilung in vier Bücher das Durchhalten nicht besonders. Auch wenn es mich schon reizt, irgendwann einmal alles von Hugo gelesen zu haben, in naher Zukunft wird das aber nicht geschehen. Denn erst einmal werde ich mit meiner Urlaubslektüre beginnen. Ja, der Urlaub ist noch drei Wochen entfernt, aber ich hab so das Gefühl, dass die vier erwählten Werke ebenfalls eine etwas langsamere Lesegeschwindigkeit mit sich bringen. Außerdem juckt es mich schon in den Fingerspitzen, in die portugiesische Literatur einzudringen, von der ich bisher noch überhaupt nix kenne oder weiß. Neuland!

Bis dahin und wie gewohnt der Link zu meiner Rezi im Fantasyguide, die etwas mehr auf die Handlung eingeht als dieser schon wieder so lange Blogpost hier: Der lachende Mann von Victor Hugo

Das Böse in der Blase

Grad marschiert der selbsternannte Club der Großen in Hamburg auf und wird wohl wiedereinmal keines der globalen Probleme lösen können, die sie selbst schufen. Bereits 1984 untersuchte der US-amerikanische SF-Autor Vernor Vinge eine hochinteressante Idee, mit all den Mächtigen und ihren Problemen fertig zu werden: Er steckte sie einfach in undurchdringliche Blasen und schloss sie somit von der Welt aus. Dazu etwas Technikverbot für die einfachen Leute, dann noch eine Behörde mit weitreichenden Machtmitteln, um die so befriedete Welt im Frieden halten zu können, und schon ist die perfekte Zukunft fertig.

Die geneigte Leserschaft wird es ahnen: Keine irgendwie oktroyierte Staatsform hat je lange überlebt. So kriselt es auch unter der Herrschaft des Friedensamtes in Vinges Roman Der Friedenskrieg.

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Der Friedenskrieg von Vernor Vinge, Cover: Tom Kidd

Wir erleben die letzten Wochen vor der sich anbahnenden Revolution. Mehr oder weniger im Zentrum steht ein hochbegabter Junge, der aus üblen Verhältnissen im anarchistischen Süden Amerikas flieht und von einem alten Mann in die Lehre genommen wird. Dieser baut im Verborgenen verbotene Hochtechnologie und gerät damit immer mehr in den Fokus des Friedensamtes.

Der Roman offenbart sich zwar als spannend und actionreich, in vielen Dingen bleibt das Ergebnis jedoch halbgar. Vinge schneidet Probleme und Konflikte meist nur an, ohne sie weiter zu verfolgen. Das betrifft sowohl Spannungen und psychologische Probleme der Figuren als auch soziale und technische Aspekte. Vielleicht war der Stoff zu umfangreich und Vinge noch zu unbekannt, um einen längeren Text unterzukriegen. Vielleicht war 1984 auch einfach kein Jahr der detaillierten Weltenentwürfe.

Vielleicht aber hat er sich auch mit der gewählten Verwendung seiner Blasen-Idee vergaloppiert, denn die Handlungsbeschreibung des Folgebandes, Gestrandet in der Realzeit, klingt wesentlich passender und interessanter.

Da das Buch aber im Klassikerlesezirkel des SFN zur Auswahl stand, und ich von den beiden Tiefen-Romanen begeistert war, hatte ich vorher keinen Blick auf die Beschreibung zu Der Friedenskrieg geworfen. Ich bereue die Lektüre auch gar nicht, der Roman ist durchaus solide SF-Kost aber auf keinen Fall eine notwendige Voraussetzung, um sich mit dem Schaffen von Vernor Vinge auseinander zu setzen. Möglich, dass ich Gestrandet in der Realzeit irgendwann nachhole, aber in meine nächsten Lesepläne passt er nicht hinein.

Mehr zum Roman gibt es in meiner Rezi: Der Friedenskrieg von Vernor Vinge.

Ein paar Ale im Schatten des Galgens

Anlässlich eines privaten Jubiläums gönnten wir uns eine Woche im wunderbaren Edinburgh. Da ich gerne auf meine Urlaubsreisen Bücher mitnehme, die zu Land und Leuten passen, begleitete mich ein alter Bekannter aus Kindheitstagen: Entführt von Robert Louis Stevenson. Das Buch gehörte zu einer Reihe von Abenteuerromanen im Regal meines Vaters, die ich sowohl las als auch öfter in die Hände nahm. Allerdings wage ich heute nach der Lektüre zu behaupten, dass ich Entführt damals nicht las, sondern eher Der Junker von Ballantrae. Aber die wunderbaren Illustrationen von Werner Klemke sind schön wie eh und je.

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Entführt von Robert Louis Stevenson, Cover: Werner Klemke

Auf jeden Fall sah ich damals die Fernsehserie im ZDF mit der berühmten Titelmelodie David‘s Song von Vladimir Cosma, die man heute wohl hauptsächlich in der Fassung der Kelly-Family kennt. An die Serie und ihre Darsteller kann ich mich noch deutlich erinnern und per Internet lässt sich das Seherlebnis zum Glück auch heute problemlos wiederholen. Natürlich nicht beim ZDF. Ehe man da das Rechtliche geklärt hat, bin ich schon lange vermodert.

Buch und Serie weichen teilweise voneinander ab, was der Dramaturgie und natürlich auch den Produktionsbedingungen geschuldet ist, aber ich habe jetzt zumindest den Vorteil, dass mir Gegend und geschichtlicher Hintergrund nun etwas vertrauter sind.

Das betrifft zum die schottische Geschichte und zum anderen Edinburgh. Im Roman wird der Mord am königliche Steuereintreiber Colin Campbell of Glenure, genannt »Der rote Fuchs«, behandelt und einen der beiden Verdächtigen, James Stewart of the Glen, richtete man 1752 in Edinburgh auf dem Grasmarket hin. Und genau dort saßen wir fast jeden Abend, tranken Ale, kosteten Whisky und lauschten der Live-Musik.

Nicht weit weg befindet sich das Writers-Museum, in dem man sich drei der berühmtesten schottischen Autoren widmet. Robert Burns, Walter Scott und eben Robert Louis Stevenson.

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Im Writers-Museum

Das Museum ist nicht groß. Auf drei Etagen werden Leben und Werk gewürdigt, perfekt für einen stimmungsvollen Einstieg. Von Stevenson gibt es jede Menge Fotos und so gewinnt man schnell einen Eindruck von dem schlaksigen Mann. Er muss sehr liebenswert gewesen sein und die von Freunden und Bekannten postulierte Sanftheit ist in ihnen wieder zu finden.

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Fotos von Robert Luis Stevenson im Writers‘ Museum

Direkt vor dem Museum startete eine Stadtführung für Book Lovers, die wir uns nicht entgehen ließen. Allan Foster ist selbst Autor und wirbt mit Absicht nicht mit Geistern, um seine Tour zu füllen. Das ist auch sinnvoll, denn natürlich nahmen wir auch eine solche Geistertour durch Edinburgh mit und dort waren wir beiden die einzigen, die Walter Scott kannten.

Solche Probleme gab es in der kleine Book Lovers‘ Tour nicht. Umso cooler war es, die Winkel fernab der normalen Touristenwege zu besteigen, wo etwa Arthur Conan Doyle die Deduktion kennenlernte oder der wahre Long John Silver sein Bein verlor. Allan wies süffisant daraufhin, dass man in London das fiktive Wohnhaus von Sherlock Holmes besichtigen könne, es in Edinburgh aber nicht einmal ein Hinweis auf Arthur Conan Doyle dort gäbe, wo er wirklich agierte. Übrigens befindet sich schräg gegenüber vom Lieblingspub Stevensons und Conan Doyles das Café, in dem erste Kapitel über Harry Potter entstanden.

Spannend war auch die kleine Geschichte über jenen ersten Paperbook-Store mit Nashornkopf, vor dem eine alte Dame ihr Exemplar von Lady Chatterley’s Lover verbrannte. Wer in der Stadt ist und Zeit hat, sollte die Book Lovers‘ Tour unbedingt mitmachen, zumal Allan Foster sehr gern mit urbanen Legenden aufräumt.

Mit Robert Burns habe ich mich nicht weiter beschäftigt, allerdings ist es schon ergreifend, wenn man auf Youtube eine Interpretation von Auld Lang Syne findet, die Rod Stewart in Stirling Castle zelebrierte. Denn in der Burg waren wir auch mit einem Unternehmen, dessen Nahmen sich an Robert Burns anlehnt. Burns ist dort unheimlich beliebt und ich frag mich wieder einmal, warum wir Deutsche unser musikalisches und dichterisches Erbe so fast restlos vergessen haben. Ich meine nicht die Bedudelung durch Volksmusiksendungen, sondern die tief verwurzelte Freude daran, in irgendeiner Kneipe aus voller Kehle ein dreihundert Jahre altes Liedchen zu trällern. Mit allen Strophen.

Aber zunächst gilt es, Walter Scott wieder ins rechte Licht zu rücken. Hübsch wäre ja eine schöne deutsche Werkausgabe. Doch soweit ich es sehe, gibt es seit Anbeginn nur eine einzige und da sind inzwischen stolze Preise zu bezahlen. Bleibt also nur wieder der Griff in meines Vaters Abenteuerregal.

In der Zwischenzeit verweise ich auf meine Rezi im Fantasyguide: Entführt von Robert Louis Stevenson

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