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Wehe, wenn sie losgelassen und dich böse hassen!

Das ist kein politischer Kommentar, sondern der Beginn des Abbarbeitens diverser angestauter Dinge, die da über die sommerliche Trägheitsmauer schwappen.

Schon vor einer Weile stürzte ich mich in Bastian Brinkmanns dritte Episode seiner Titaneion Titanenschlacht.

Tartarusgetümmel

Tartarusgetümmel von Bastian Brinkmann

Das in Form eines Theaterstückes in Versen gehaltene Fantasywerk mit antiken griechischen Mythen plätschert gerade etwas ruhiger vor sich hin. Zwar gibt es wieder jede Menge Schlachtgewühl, Göttergezänk und fantastische Volten, jedoch blieb ich etwas unbefriedigt nach dem Schmökern zurück. Zum einen konnte Bastian dieses Mal der griechischen Klassik keine frischen spannenden Ideen aus den Rippen kitzeln und zum anderen zieht sich der Weg hin zur finalen Schlacht doch etwas.

Natürlich bleibe ich weiter am Ball, denn dieses kleine Nischenprodukt deutschsprachiger Phantastik hat ein wenig mehr Aufmerksamkeit sehr wohl verdient und außerdem hoffe ich sehr, dass etwas Kritik den jungen Dichter zu epischen Taten anstachelt. Ich hab nämlich so ein bisschen die Vermutung, dass Bastian Motivation schwindet und er mit der geringen Aufmerksamkeit für sein Werk hadert. Vielleicht bekommen auch deshalb Hades und sein Totenreich so viel Platz in Tartarusgetümmel. Aber im Mythos und den Figuren steckt noch viel Potential.
Darum: Mehr Fokus, Innovation und Fantasy, Herr Brinkmann!

Bastians Mythenhackerseite ist leider offline, ich vermute, dass hat mit der Datenschutzverordnung zu tun. Kann aber auch sein, dass er wieder an etwas neuem herumbastelt. Hoffen wir das Beste!

Meine Rezi drüben im Fantasyguide: Tartarusgetümmel von Bastian Brinkmann

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Hinter den Grenzen der Einsamkeit

Ich kann mich nicht erinnern, eine SF-Trilogie gelesen zu haben, deren Bände so unterschiedlich waren und doch so als Ganzes funktionierten wie die Southern-Reach-Trilogie von Jeff VanderMeer.

Der letzte Band, Akzeptanz, wechselte nicht einfach wieder die Perspektive, er vervierfachte sie. Zugleich änderten sich damit Zeit und Erzählweise. Band Drei ist somit eine Collage geworden, die wie in einem Tanz Raum und Zeit um die Figuren wirbeln lässt und auch mitten hindurch.

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Akzeptanz von Jeff VanderMeer

Besonders begeisterte mich der Erzählstrang um dem Leuchtturmwärter Saul Evans. Nicht nur dass ihm eine wilde, jugendliche Gloria zur Seite stand, die Figur des ehemaligen Priesters strahlte eine großartige Kernigkeit aus, eine Lebensbejahung die aus sehr spätem Glück wuchs und natürlich aus der Akzeptanz dessen, was ihn ausmacht. Akzeptanz ist ja auf mehreren Ebenen das Thema dieses finalen Bandes.
Aber tatsächlich wäre diese melancholische Küstengeschichte nicht halb so bewegend, wüsste ich nicht um das Schicksal von Saul und Gloria. Spoilerfrei klingt das jetzt etwas wischiwaschi, aber was Jeff VanderMeer da mit seinem nicht chronologischem Erzählen schafft, ist bewundernswert. Er entfacht überhaupt erst unser Interesse an diesem knorrigen alten Mann. Das Leserauge richtet sich gespannt auf die Details und nimmt die wichtigen Dinge erst richtig wahr.

Ich bin ganz begeistert. Die Meriten der Trilogie waren zwar eine Bank, aber es gab auch einige Stimmen, die VanderMeer schwer lesbar fanden. Das mag an den vielen sehr lyrischen Passagen liegen und eben auch an der ungewöhnlichen Erzählstruktur. Mich hat er damit eher neugierig gemacht und zwang mich, ganz genau zu überlegen, warum er es macht. Vielleicht unterfordern viele Autorinnen und Autoren uns Leser einfach. Vielleicht sind die komplexeren Geschichten, zumindest manchmal, genau das von uns Ersehnte.

Jeff VanderMeer steht jetzt auf meiner internen Muss-ich-mehr-von-lesen-Liste und natürlich hab ich noch keinen Plan, wann ich das auch umsetzen kann. Ist ja nicht meine einzige Muss-ich-(…)-lesen-Liste.

Etwas mehr zum letzten Band schrieb ich im Fantasyguide: Akzeptanz von Jeff VanderMeer

Schneetrolle, Urlaubszwerge und eine Elfenprinzessin

Es ist recht warm und da hilft jedes bisschen Abkühlung, die man bekommen kann.
Also schwitzt nicht lange im eigenen Saft, rennt in die Buchhandlung eures Vertrauens und holt euch etwas Kühles! Mein Tipp: Orkpapa & die Zwerge von Rudolf Eizenhöfer.

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Orkpapa & die Zwerge von Rudolf Eizenhöfer

Es ist bereits das vierte Kinderbuchabenteuer um den kleinen Ork und seinen Papa. Diesmal treiben es ein paar Urlaubsreife Zwerge ziemlich bunt in den winterlichen Bergen der Orks.
Und Orkpapa hat da noch etwas cooles im Keller …

Endlich wieder Zwerge und allein schon deshalb großartig. Ich hab’ mich riesig gefreut, als mir der Verlag Schwarze Ritter das Büchlein in meine Höhle sandte.

Und was musste ich dann mit Entsetzen feststellen? Ich hatte komplett vergessen, den dritten Band Orkpapa & Elfenprinzessin zu besprechen.
Seltsam, oder?

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Orkpapa & Elfenprinzessin von Rudolf Eizenhöfer

Dabei ist auch dieser Band bezaubernd. Der kleine Ork lernt eine Elfenprinzessin kennen, die von zu Hause ausgebüchst ist, weil ihr Papa sich nicht um sie kümmert. Keine Frage, dass Orkpapa das spitzohrige Wesen schnellstens wieder loswerden möchte.

Wer sich aktiv gegen Vorurteile und Rassendiskriminierung in Fantasy und Kinderzimmer einsetzen möchte, kommt an diesem wichtigen Werk der Fantasypädagogik nicht vorbei. Wahre Heldeneltern kaufen eh und sowieso alle vier Bücher.

Noch ein paar Sätze mehr gibt es wie gewohnt drüben im Fantasyguide: Orkpapa & Elfenprinzessin und Orkpapa & die Zwerge von Rudolf Eizenhöfer.

Unsre kleine Gärtnerei

Mit christlicher Religion hab ichs nicht so, von daher hat mich eine eingehende Betrachtung mittelalterlicher Gemälde mit religiösen Motiven nie sonderlich interessiert.

Nun hat sich aber Christian von Aster einem jener Werke gewidmet und da mich jener Wortmeister fasziniert, überwand ich alle kulturelle Schranken und fuhr in die Z-Bar. Denn dort präsentierte Herr von Aster Boschs Vermächtnis: Eine phantastische Anthologie für deren Geschichten die Beteiligten Bildausschnitte des Gemälde-Triptychons Garten der Lüste von Hieronymus Bosch als Inspirationsquelle bekamen.

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Boschs Vermächtnis, Cover und Herausgeber: Christian von Aster

Mit großer Freude, die alte Wirkstätte des StirnhirnhinterZimmers wieder zu betreten, präsentierte Christian das dicke Büchlein. Neben ihm waren eine Autorin und fünf Autoren nach Berlin geeilt, uns das gärtnerische Erbe zu vermachen.

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Lauschet dem Meister Christian von Aster!

Allen voran erzählte Luci van Org in Vogeltränke ein durchaus glaubwürdige Variante des christlichen Schöpfungsmythos, deren Witz sich zum Finale hin immer weiter steigerte.

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Luci van Org

Sie las das mit genau der richtigen Mischung aus komödiantischem Ernst und schalkhafter Klamotte.

Ulf Torreck ist mit der Geschichte Damenwahl unter dem Pseudonym David Gray in der Antho vertreten.

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Ulf Torreck

Er teaserte seine Geschichte nur an, die zumindest eine interessante Datingkatastrophe versprach. Der große Mann ließ irgendwann seine rechte Hand frei und sie agierte fortan als munter wuseltrommelnde Untermalung der Geschichte.

Sascha Dinse kannte ich schon von einigen Texten und seinem Blog. Auf seinen Auftritt war ich sehr gespannt. Ruhig, fast schüchtern im Auftreten bot er die perfekte Untermalung seiner düsteren, apokalyptischen Rachegeschichte Lisbeth, die so ziemlich alles zusammenfasst, was man sich unter dem finsteren Mitteleuropamittelalter vorstellt.

SaschaDinse

Sascha Dinse

Ob man nun eine Stunde alte Cure-Platten (also die wirklich alten) hört oder Sascha Dinse lauscht – stimmungstechnisch kann es nicht trüber werden.
Zum Glück kam dann die Pause und hellte meine Laune mit Schwarzbier auf.

Nach der kurzen Reise in die Helligkeit stürmte Michael Marrak die Bühne.

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Michael Marrak

Wie Christian anmoderierte, ebenfalls Seraph-Preisträger und das, man kann es nie oft genug sagen, völlig zu Recht für den grandiosen Kanon mechanischer Seelen.
Doch zunächst quälte er sich mit den Tücken platzsparenden Buchsatzes. Die Parabel vom Zwielicht ist passenderweise als Triptychon gehalten und Micha wollte eigentlich einen kursiv gesetzten Part vorlesen, jedoch schwenkte er dann später auf einen anderen Teil um. Elfenwerk steckt in jedem Detail.

So konnte Daniel Illger zwar nicht sein Bier austrinken, sprang aber gern zu einem Schäferstündchen herbei.

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Daniel Illger

Wer sich in Illgers phantastischem Werk auskennt, wird keine fröhliche Unterhaltung erwarten. Und er blieb sich in Der Schäfer treu. Ich hatte ihn 2016 auf der Leipziger Buchmesse das erste Mal lesen gehört, als er aus seinem Debüt Skargat vorlas – Seraph prämiert, wie ein stolzer Gastgeber und Mitpreisträger erwähnte.
Daniels Vortragsweise hat sich mächtig weiter entwickelt und überraschte mich durch seine hintergründige Düsternis.

Hingegen wieder unbekannt war mir Bernhard Stäber.

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Bernhard Stäber

In der Antho ist er unter dem Pseudonym Robin Gates vertreten. Nachtmahr behandelt eine walisische Silvestertradition, Mari Lwyd, und verfügt über genau jenen sich langsam aufschaukelnden Grauen um das Unglück eines Familienmitgliedes, das ich überhaupt nicht gern ertrage.
Das ist einfach nix für mein Darth Vaterherz. Toll war der Teil der Geschichte, den wir hörten, aber trotzdem.

Christian von Aster hatte uns sehr unterschiedliche Geschichten versprochen, und die bekamen wir auch.

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Der Nachlassverwalter: von Aster

Er ließ den Abend dann noch mit einem typisch Asteroiden Vortrag seines Vorworts ausklingen.

Der Garten der Lüste erscheint einem nach solch einer Lesenacht in gänzlich anderem Licht. Bosch hat da wieder einmal ziemlich finstere Gestalten unter seinen Erben gefunden und ich feiere das! Möge Boschs Vermächtnis die Runde machen und die Dunkle Seite mächtiger. Ihr wisst schon, die haben die Kekse.

Gruppe

Lustvoll im Garten der Fantasie: Sascha Dinse, Michael Marrak, Ulf Torreck, Bernhard Stäber, Luci van Org, Daniel Illger und Christian von Aster

Im Schatten des großen Haufens

Derzeit läuft in Second Life das eBook-Event der Brennenden Buchstaben, das ich nun schon seit Jahren besuche. An etlichen Frühlingswochenenden gibt es diverse Lesungen aus allen literarischen Bereichen, dargeboten auf großartigen Bühnen ambitionierter SL-Künstler und Künstlerinnen.
Ich freute mich wie Gimli in Helms Klamm als mich BBE-Chef Thorsten Küper frug, ob ich nicht auch etwas lesen und den Fantasyguide vorstellen möchte. Dachte schon, er kommt nie!

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Offizielles Poster vom Kueperpunk

Mit Texten aus den letzten beiden Fantasyguide-Anthos im Gepäck machte ich mich also auf den Weg zu meinem PC und versuchte, eine Stunde lang nicht zu sterben.

Meine erste Story, Amtsfreuden aus Am Ende des Regens von 2014, behandelt einen Tag aus dem Leben eines Briefträgers, der für außerirdische Eroberer arbeitet. Die Riesenameisen gaben BukTom Bloch auch die Gelegenheit für seine sehr treffende Gestaltung des Lesungsortes in Second Life. Am Himmel schwebte ein Ameisenhaufen, die anwesenden Avatare konnten sich auf kleine Haufen setzen, es gab einen Briefkasten und einen Briefträger mit Trumpgesicht. Herrlich!

Das tollste war, dass mir BukTom zwei Leseanimationen baute, sodass mein Avatar während jeder Geschichte das passende Buch in der Hand hielt. Ich liebe dieses Detail!

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Mein SL-Avatar während der Lesung

Die Sprache kam über eine extra-Software, da der SL-interne Voice-Server Ärger machte und ich musste die gesamte Zeit meine Push-to-Talk-Taste gedrückt halten, was beim Umblättern akrobatische Höchstleistungen erforderte.

Die zweite Story, Verführerische Düfte aus der 2017er Antho Der letzte Turm im Niemandsland, passte nicht mehr ganz ins Zeitfenster, aber die Saramee-Geschichte bot einen schönen Cliffhanger und vielleicht reizt das ja zum Erwerb der Antho.
Gestern wurde ich auch endlich mit ihrer Fortsetzung für die nächste Antho fertig.

Als die Lesung zu Ende, der Applaus durchgescrollt und ich megafertig zum Kühlschrank für eine Gerstenkaltschale hüppte, hätte ich die Welt aus den Angeln heben können. Vorab war ich dann doch sehr aufgeregt und die Erleichterung hinterher überschwemmte mich mit Glück.

Wenn das BBE 2018 durch ist, werde ich wieder einen Bericht verfassen. Dieses Jahr konnte ich ein paar Veranstaltungen mehr besuchen und schon jetzt bin ich hin und weg von der Vielfalt der Texte und Bühnenbilder. Es gibt meines Wissens nach in Deutschland nichts Vergleichbares.

BukTom hat meine Lesung übrigens mitgeschnitten. Zunächst hört man etwas Vorgeplänkel, die eigentliche Lesung beginnt etwa bei zehn Minuten.

Es brennt ein einsam Mädchen

Der Periplaneta-Verlag versorgt mich seit Jahren mit kleinen erstaunlichen Urban-Fantasy Werken, die sie in schöner Regelmäßigkeit in der Edition Drachenfliege präsentieren.
Wenn mir die Verlagscheffin Marion Alexa Müller also eine Neuerscheinung ankündigt, greife ich inzwischen bedenkenlos zu. Auch wenn die Werke nicht unbedingt komplett meinen Geschmack treffen, habe ich inzwischen aber das sichere Gefühl, etwas vor die Augen zu bekommen, das auf irgendeine Art und Weise Ungewöhnliches bietet.

Im März erblickte Die Gleichheit der Blinden von Nora Beyer das Licht der Prenzlauer Bergwelt. Ich bin mit meiner Rezension wieder spät dran, aber sie im Erscheinungsjahr online zu stellen ist ein Selbst-auf-die-Schulter-klopfen wert.

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Die Gleichheit der Blinden von Nora Beyer, Cover: Nicole Altenhoff

Die Gleichheit der Blinden wird vom Verlag als »dystopischer Fantasy-Roman und eine Hommage an die Vielfalt und die Kraft der Gedanken« beschrieben. Das Wort Dystopie lässt bei mir alle Alarmglocken schrillen, denn es ist in meinem Lieblingsgenre ein Synonym für Tragödie.

Nora Beyer wählte für ihre Geschichte eine ähnliche Form wie schon Micheal Ende in seiner Unendlichen Geschichte. Das Mädchen Anna lebt in einer postapokalyptschen Welt, die durch Gleichschaltung und Verbannung jeglicher Fantasterei in eine mittelalterliche Lebensweise zurückgefallen ist. Anna kommt auf einem Scheiterhaufen zu sich und kann den Flammen gerade noch entfliehen.
Elsa hingegen ist eine Waise, lebt in unserer Zeit und verfügt über eine blühende Fantasie. Zumindest sieht sie eine Menge seltsamer Dinge, was ihr bisher über kurz oder lang noch bei jeder Pflegefamilie Probleme einbrachte.
Die Wege der beiden Mädchen und damit ihre Welten scheinen miteinander verbunden zu sein. Sowohl in Leid als auch im Schmerz.

Tatsächlich wird besonders Elsas Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik zu einem eindringlichen und besonders düsteren Teil des Romans. Nora Beyer wollte ganz offensichtlich weder eine normale Questfantasy schreiben noch ein fröhliches Girlpower-Abenteuer. Ihre Heldinnen werden von einer feindlichen Umwelt getrieben. Sie kämpfen um ihr Überleben und lernen dabei, dass all die Widerstände und Angriffe sich gegen ihr Wesen richten. So zahlreich die phantastischen Elemente in Die Gleichheit der Blinden auch sind, im Kern geht es um die gnadenlose und alltägliche Unterdrückung von Menschen, die nicht der Norm entsprechen. Also eigentlich mehr ein Plädoyer für Toleranz als eine Hommage. Hatte ich so nicht erwartet. Eine wunderbare Überraschung.

Mehr zum Buch drüben beim Fantasyguide in meiner Rezi: Die Gleichheit der Blinden von Nora Beyer

Das Durchdrehen der Drehbühne

Für die jüngste Ausgabe des Horror-Magazins Zwielicht befasste ich mich ja mit der Gespenstergeschichte The Turn of the Screw von Henry James. Sie gehört zur Hall of Fame der Horror-Literatur und reizt vor allen dadurch, dass man Handlung und Intention fast beliebig interpretieren kann. Der Impact der Story ist in Deutschland nicht so dolle, aber wenn ich erwähne, dass Benjamin Britten eine Oper auf der Grundlage der Geschichte komponierte, dann erhalte ich zumindest von manchen Gesprächspartnern eine wohlwollend überraschte Reaktion. Was entweder an Oper oder an Britten liegt.

Jedoch kam ich während der Arbeit an dem Artikel nicht auf die Idee, diese Oper anzuschauen. Ein purer Zufall ermöglichte mir das nun. Meine Mutter wollte uns zu Weihnachten etwas Besonders schenken und bot an, Karten für die frisch aufgepimpte Staatsoper zu besorgen. Oper ist nicht so unser Ding, doch ins Programm geschaut und yeah: The Turn of the Screw!

Programm

Programmheft zur Oper »The Turn of the Screw« von Benjamin Britten

Letzten Freitag also konnten wir an einem megaheißen Apriltag die Geschichte auf eine neue Art genießen.

Front

Staatsoper, Foto von Marcus Ebener

 

Die Staatsoper hat sich nicht wirklich verändert, zumindest was mir meine Erinnerung erzählte, lediglich die Saaldecke hat sich deutlich gestreckt.

Saal

Saalansicht © Gordon Welters phone +49 170 8346683 e-mail: mail@gordonwelters.com http://www.gordonwelters.com

Nicht hübsch, aber dem neuen Sound geschuldet. Was meine Ohren natürlich nicht zu würdigen wissen. Ich bin da Banause. Aber alles ist hübsch frisch glänzend, das Gestühl weich und noch nicht abgesessen und im Vergleich zum Schauspielhaus am Gendarmenmarkt megabequem.

Aber zur Oper selbst. Die Musik mutet modern an, es gibt keine pompös getragenen Melodien, keine voluminösen Musikwellen sondern zumeist schräge Untermalungen der Handlung. Und die hat es ja gehörig in sich. Ich zitiere hier den Text der Staatsoperinszenierung:

»Eine junge Frau soll sich als Governess auf den Landsitz Bly begeben, um dort für die Erziehung der zwei Waisen Flora und Miles zu sorgen. Auftraggeber ist der Onkel, zugleich Vormund der Waisen, der nicht belästigt werden will und die junge Frau auf absolute Verschwiegenheit über die Vorgänge auf seinem Landsitz einschwört. Tatsächlich geben ihr das Verhalten der beiden Kinder und die Vorkommnisse im Haus Rätsel auf. Auch die Haushälterin Mrs. Grose, die offenbar schon ihr halbes Leben in Bly verbracht hat, scheint ihr nicht ganz durchschaubar. Schließlich glaubt die Governess die schemenhaften Erscheinungen eines Mannes und einer Frau durch die Räume wandeln zu sehen und in ihnen die Geister der ehemaligen Angestellten Peter Quint und Miss Jessel zu erkennen …«

Ohne zu spoilern kann man weiter recht wenig über die Handlung sagen. Interessant an der Oper waren einige sehr deutliche Interpretationsansätze. So wird der Gouvernante ein sexuelles Interesse an ihren Schützling Miles hinzugefügt, dass sich aus der Story selbst eher nicht ergibt. Ebenso wird die Verbindung zwischen den Geschwistern intensiviert und ebenfalls sexuell aufgeladen, auch das für mich jedenfalls nicht im Text vorhanden.

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Sónja Grané (Flora) und Thomas Lichtenecker (Miles)

Im Programmheft befindet sich der Abdruck eines Gespräches zwischen Claus Guth, der für die Inszenierung verantwortlich zeichnet, der Dramaturgin Yvonne Gebauer, dem Dramaturgen Roman Reeger und dem Ausstatter Christian Schmidt. Darin wird deutlich, dass Britten selbst durch die Musik bereits eine Interpretationsrichtung vorgab. So steht die Unschuld der Gouvernante im Mittelpunkt. Ihre Gefühle für ihren Auftraggeber zünden ihr sexuelles Interesse und laden ihre gesamte Welt sexuell auf. Das habe ich auch in der Geschichte gefunden, würde aber nicht so weit gehen, ihr ein amouröses Interesse an Miles zu unterstellen. Vielmehr neige ich dazu, dass sie versucht, ihn vor dem Desaster der Lust zu bewahren. Weil sie durch den Verlust ihrer Unschuld von Geistern besessen wird, will sie verhindern, dass dies ihren Schützlingen auch passiert. Zumindest ist das einer der Ideen, die ich beim Nachdenken über die Story hatte.

Bei Henry James kommen die Geistererscheinungen nicht zu Wort. In der Oper lässt die Librettistin Myfanwy Piper sie sprechen, also singen. Für die Inszenierung dachte man sich diverse Tricks aus, um nicht mit Bettlaken hantieren zu müssen. So singen beide stets verborgen. Die Akustik funktionierte hierbei so gut, dass es nicht zu dumpfen Verdeckungseffekten kam, wenn die Stimmen hinter Wänden hervorkamen.

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Sónja Grané (Flora), Thomas Lichtenecker (Miles) und Emma Bell (Governess)

Dadurch schienen die Geister stets anwesend zu sein. Zudem war die Bühne so geschaffen, dass sich mit ihrer Drehung neue Fluchten, Korridore, Zimmer oder gar ein Labyrinth bildeten. Die SängerInnen konnten so in Bewegung bleiben und den strudelartigen Sog der Handlung erlaufen, hängen bleiben oder aus ihm fliehen. Das war faszinierend und großartig, Christian Schmidt vollbrachte hier ein szenisches Wunderwerk, dass eine beeindruckende Horroratmosphäre aufbaute. Wenn das Geschwisterpaar starr neben einer Tür steht, hat man automatisch Shining im Gedächtnis.
Diese Verfremdung wird noch gesteigert, wenn zwei Kinderdarsteller mit Riesenköpfen eine frühere Version der Geschwister darstellen. Zum einen verdeutlicht es noch einmal, dass die Zeit der kindlichen Unschuld vorbei ist, zum anderen bringen diese Szenen etwas unwirklich Monströses auf die Bühne. Die Kinder erscheinen nicht als etwas Nettes, Naives.

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Fabian Sturm (Miles/Komparserie), Emma Bell (Governess) und Zoe Ruf (Flora/Komparserie)

Die Oper lief im englischen Original, es gab über der sehr hohen Bühne Textanzeigen für Deutsch und Englisch, was sehr hilfreich ist, denn ich kann Opernstimmen nur selten Wörter entnehmen. Gerade Countertenor Thomas Lichtenecker, der den Miles spielte, habe ich überhaupt nicht verstanden. Aber okay, in sowas muss man sich wohl einhören und eine Fremdsprache macht das Ganze nicht einfacher.

Es war ein großes Vergnügen, mich auf diese doch ganz andere Art und Weise mit The Turn of the Screw zu befassen und es war natürlich auch ein himmlischer Abend mit meiner Liebsten.

Alle Fotos stammen übrigens von der Premiere am 15. November 2014 von Monika Rittershaus aus dem offiziellen Pressematerial der Staatsoper, ich habe nichts selbst geknippst, lediglich das Cover des Programmheftes scannte ich ein.

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