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Der tiefste Sommer

Dass der Dezember einer der schnellsten Monate des Jahres ist, liegt nicht nur an Weihnachten, sondern vor allem an den vielen Terminen, die plötzlich aufploppen.
Alles kann man gar nicht machen, aber manche Veranstaltungen sind dann doch so verlockend, dass ich die Weihnachtserschöpfung beiseite fege. Damit ich nicht kneifen konnte, erzählte ich dieses Mal meinem besten Freund davon, der sich gern überraschen lässt und eisern zu allem mitkommt, was ich so heraussuche. Bisher ging das auch immer gut …

Wozu konnte ich also nicht Nein sagen? Zu Jesko Haberts Lesungsprojekt mit der Band Sommertag, von dem er damals bei seiner Buchvorstellung im Periplaneta-Literaturcafé erzählte.

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Tiefsommertag – eine geniale Verbindung

Das ganze fand in Kulturhaus Karlshorst statt. Vermutlich im Februar 2005 waren wir schon einmal dort, damals noch im Altbau, und sahen »Die Narrenschaukel« – Eine literarisch-musikalische Revue von Gerhard Branstner. Ich hatte den alten DDR-Banausen und SF-Autor kurz vorher für SONO #6: Funny Phantastik interviewt und schleppte meinen Freund und seine Freundin zu diesem nostalgischen Abend.
Es floss viel Rotwein in jener Nacht …
Leider riss der Krebs die erlebnishungrige Frau aus unserer Mitte. Aber dadurch wurde uns beiden der neuerliche Besuch im Kulturhaus zu etwas Besonderem.

Der Neubau besitzt zwar einen Galerieeingang zum Kulturhaus an der Treskowallee, der eigentliche Eingang befindet sich jedoch im Innenhof und führt ins Hinterhaus.

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Der Eingang zum Kulturhaus

Der Veranstaltungsraum mit gemütlicher Größe bietet neben Bühne und Bar etwa Platz für 30-40 Menschen und füllte sich auch erfreulich gut.
Altersbedingt und nach einem langen Arbeitstag ließen wir den Wein dieses Mal eher tröpfeln, aber wir waren ja auch des Gesanges wegen gekommen.

Jesko hatte Teile des Romanes Tiefsommer mit der Band Sommertag so aufbereitet, dass sie mit verteilten Rollen vorlesen und Lieder einbinden konnten. Dafür hatten Inke und Birdy eigene Songs umgeschrieben und sogar für das Projekt neues Material geschaffen.

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Birdy, Inka und Jesko

Da Inke inzwischen in Halle studiert, konnten die drei nur ein Wochenende zum Proben nutzen. Jesko warf ein, dass sein letztes Projekt daran zerbrach, dass er nach Halle zog und er fand es erwähnenswert, dass Halle nun schon wieder dazwischenfunkt.

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Birdy

Birdy spielte Gitarre, Inke kämpfte mit ihrer neuen Melodica (ich hoffe, ich hab die Namen korrekt zugeordnet) und Jesko setzte seine ganze charmante Slammer-Erfahrung ein.

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Inka und die Melodica 

Besonders in den Rap-artig vorgetragenen Lyrik-Teilen des Romans entwickelte sich ein ungeheurer Flow, der sowohl perfekt zur Handlung passte, als auch die Beziehungen der Figuren hervorstellte. Die anderen Lieder passten sich nicht weniger harmonisch ein.

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Inka

Inka konnte bei der Bearbeitung der Szenen ihr Sprach-Studium einbringen und dadurch entwickelte sich eine schöne Dynamik. Interessant fand ich, wer sich welche Rollen aussuchte. Die Interpretation der Figuren spiegelt die Leseerfahrung wider, wobei Birdy beichtete, den Roman erst vor kurzem beendet zu haben.

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Der Jesko

Auch lichttechnisch bot Jesko wieder die ganz große Atmosphäre auf. Es gab natürlich Orange und nach dem Bruch in der Handlung wechselte das Licht zu Blau.

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Blaue Stunde

Man muss den Roman schon lesen, um das Ganze zu verstehen. Genügend Exemplare hatte Jesko dabei und man konnte sich auch in eine Liste einschreiben, um nach Fertigstellung das Begleitalbum von Sommertag erstehen zu können.

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Mit der Gitarre in den tiefsten Sommer

Es war ein kurzweiliger Abend, der durch seine Intimität und Begeisterung erblühte. Das Projekt geht nach dieser Premiere auf Tour. Geht hin, es lohnt sich!

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Der Himmel über Berlin hat orangene Sphären …

Wenn sich mein bester Freund das nächste Mal einen Kulturabend wünscht, werd ich da ganz schön suchen müssen, um zumindest etwas gleichwertiges zu finden.
Aber eigentlich hat das bisher immer geklappt. Irgendwas geht in Berlin ja immer.

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Die Karawane der Belesenen

Ein kleiner Blogartikelstau möchte aus  der Aufschiebe-Ecke abgeholt werden.
Na dann mal los!

Am letzten Wochenende fand bereits zum fünften Mal die Berliner Buchmesse Buch Berlin statt. Nach zwei Jahren in Neukölln reiste die kleine Messe einmal quer durch die Stadt nach Moabit und fand einen Unterschlupf in einem Hotel, das zu einem Einkaufszentrum gehört. Ich war hier noch nie.

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Erst gut mit Buch

Man musste den Eingang des Einkaufszentrums benutzen und meine Erwartungshaltung sank rapide, als wir die Rolltreppe Richtung Asia-Imbiss nahmen. Die Messeräume selbst befanden sich im Hotel und erfüllte solide ihre Zwecke, allein die Garderobe erwies sich als deutlich zu klein kalkuliert.

Die Buch Berlin ist geprägt von engagierten Kleinverlagen und Selbstveröffentlichungen vor allem aus dem Fantasy-Bereich, queere Literatur und bezaubernde Kinderbücher.

Die Säle und Räume erwiesen sich als gut gefüllt, wobei ein Großteil der Leute allerdings Namensschilder trugen und dementsprechend wohl AusstellerInnen waren.

Es fanden sich jede Menge alte Bekannte vom Verlag ohneOhren, über Art Script, Amrûn, periplaneta bis hin zu Sternensand und der Edition Roter Drache. So traf ich denn auch die aufgekratzte Swantje Niemann, schaute kurz bei der Lesung von Anja Bagus vorbei, beäugte Christian von Asters bedeutsames Umhereilen, sah Ann-Kathrin Karschnick mit Laurence Horn herumherzen  und erwischte Torsten Low beim Stimmungsaufhellen.

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die aethärische Anja Bagus

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Christian von Aster und Markus Heitkamp

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Ein Horn und eine Fee

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Mira Valentin zeigte Flügel

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Jesko Habert und Sarah Strehle am periplaneta-Stand

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Swantje zog strahlend durch die Gänge

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Torsten Low und Claudia Rapp planen Projekte

Da ich Fantasy eher am Rande lese, suchte ich nach Science-Fiction, was auf der Buch Berlin erfahrungsgemäß nicht ganz so einfach ist. Jedoch erwarb ich ein Paläo-SF-Werk eines zeichnenden Autors und bin schon gespannt, wie es sich lesen wird.

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Robert Rittermann hielt die Fahne der SF hoch

Meine Liebste hingegen wurde beständig angesprochen und konnte sich als Volltreffer der Zielgruppe auch gleich drei Bücher mit nach Hause tragen lassen und bestimmt tausendmal entwich sie mit einem deutlichem Zögern. Kein Wunder, dass wir etliche Stunden auf der Messe verbrachten.

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Samy Hale verführte zum Buchkauf

Auch die fünfte Buch Berlin hat sich also für uns gelohnt. Es wuselten wieder sehr viele begeisterte Autorinnen und Autoren herum. Spannende Projekte versprachen viel und begleiteten bunt ein wunderbares Bücherwurmgewimmel. Und natürlich konnte ich auch einige Bilder für die AutorInnenseiten des Fantasyguides knipsen.

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Spannendes Projekt Divoisia

Solche Erlebnisse helfen dann doch, das deprimierende Versumpfen in einem Drecksgroßraumbüro halbwegs zu überstehen.

Orange in the Sky with Cucumber

Endlich bot sich wieder einmal die Gelegenheit in das Periplaneta Literaturcafé in der Bornholmer Straße zu gehen.
Jesko Habert feierte dort die Buchpremiere von Tiefsommer, das ich ja schon vorab lesen konnte und auch besprach.

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Das Literaturcafé Periplaneta

Da ich über pünktlich war, konnte einige Worte mit Swantje Niemann wechseln. Die Autorin arbeitet gerade die letzten Tage der Semesterferien im Periplaneta Verlag und erzählte mir ganz begeistert von ihrem Studium und wie es mit ihrer Steampunk-Trilogie um Drúdir weitergeht. Auf Band 2, der im Frühjahr 2019 erscheinen soll, freu ich mich schon. Allerdings versprach Swantje, dass er etwas andere Schauplätze beinhalten würde und sie erst im dritten Band (2020) zu Themen des ersten Bandes zurückkehren wird.

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Swantje Niemann

Dann entspann sich eine kurze Diskussion mit Swantje und Verleger Tom Manegold über die Meinungsschwemme in den sozialen Netzwerken, angeregt durch einen Blogbeitrag von Philipp Multhaupt.

Jesko Habert wartete da schon auf seinen Einsatz. Die Bühne glühte in einem herrlichen Orange, um den Himmel in Tiefsommer darzustellen. Tom hoffte auch, das weiche Licht verdecke Falten. Cleverer Schachzug.

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Faltenfrei: Tom Manegold

Leider konnte die Coverzeichnerin Nicole Altenhoff nicht anwesend sein, aber wir erfuhren, welche Diskussion die spezielle Gurkenform des Zeppelins auf dem Cover auslöste.

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Die Cover-Postkarte von Nicole Altenhoff zu Tiefsommer

Als musikalische Begleitung hatte sich Jesko den Sänger Arnold »Juri« Meijer von der Band Unknown In August eingeladen, der mit kraftvoller Stimme zarte Songs präsentierte.

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Arnold »Juri« Meijer

Dazwischen las Jesko zunächst Passagen aus dem ersten Teil von Tiefsommer vor.

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Jesko Habert

Später sogar in lyrisch bearbeiteter Form, da er demnächst mit der Gruppe Sommertag eine Tour starten will, auf der unter dem Namen Tiefsommertag vertonte Texte des Romans aufgeführt werden. Dadurch ergaben sich ganz neue, intensive Texte, die mehr das Innenleben der Figuren betonten.
Als letzten Text präsentierte er eine solcherart veränderte Passage aus dem zweiten Teil, was dann doch einige Überraschungen auslöste.

Zwischendurch plauderte Jesko auch über die Entstehung des Romans. So beruhen die Figuren auf Märchen, die er den beiden Töchtern seiner Cousine erzählte. Eines davon wurde sogar veröffentlicht: Pepe und der Pups-Roboter. Als er auf einem Wanderurlaub einen Freund von diesen Geschichten erzählte, deren Hintergrund auch ökologische und soziale Probleme sind, fragte der Freund ihn, was die Kinder aus den Geschichten wohl in 15 Jahren machen würden. Eine Guerilla-Truppe gründen? So wurde die Idee zu Tiefsommer geboren.

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Jesko in Plauderlaune

Im Frageteil stellte Jesko fest, dass er am liebsten in der Hängematte schreibt, eine Fortsetzung von Tiefsommer nicht geplant ist und der Verleger jetzt zum ersten Mal erfahren darf, dass ein neuer Roman fast fertig sei.

Zum Abschluss verabschiede Tom im Namen des Verlages Swantje, die als Lektorin und Projektleiterin nicht geringen Anteil an Tiefsommer hat.

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Swantje im Jubelsturm

Nach der Lesung kam ich ins Gespräch mit jener Cousine, deren Töchter Muse und Anregung der Tiefsommer-Figuren waren und erfuhr den Inhalt der anderen Märchen. Erstaunt stellte ich fest, dass viele der Details im Buch, die mir seltsam unbenutzt erschienen, plötzlich ihren Sinn bekamen. Es waren Bestandteile der alten Kindergeschichten und darum gibt es etwa die Lichterzwerge, die Lucio zur Seite stehen.
Wenn Willegoos die noch unveröffentlichten Kindergeschichten nicht bringen mag, könnte Periplaneta einspringen. Interessant wäre es schon. Über den Inhalt werde ich solange schweigen.
Zum Signieren ließ sich Jesko viel Zeit und verwendete ganz Stilvoll einen Füllfederhalter.

Dieser zusätzliche Schub an Hintergrundinfos, eine tolle Lesung, schöne Musik und die Gespräche mit Swantje bescherten mir einen ganz exorbitant schönen Abend.

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Man zahlt, um zu gehen, in die Künstlerkanne

Vom tiefen Sommer und dem Übergrund

Seit Jahren bin ich Fan der Edition Drachenfliege des Periplaneta-Verlages. Ich habe aus ihr schon eine ganze Menge gelesen. Zumeist erscheinen dort Urban-Fantasy Romane von bis dato unbekannten Autorinnen und Autoren und enttäuscht wurde ich nie, im Gegenteil, einige der Bücher fand ich richtig gut und behielt sie im Gedächtnis.

Deshalb freue ich mich auch stets über eine neue Mail des Verlages. Zu meiner Überraschung kam sie dieses Mal nicht von Marry sondern von Swantje Niemann – genau, der bezaubernden Autorin von Drúdir!
Das musst ich natürlich hinterfragen und erfuhr, dass sie für kurze Zeit im Verlag als Assistentin arbeitet, da ja die Chefetage grad im Babyglücke schwelgt. Der stolze Vater bloggte auch bereits darüber.

Aber worum ging es nun in der Mail? Um ein Buch, klar. Der Jesko hat eine poetische Dystopie erschaffen! Ich hatte den Poetry-Slammer bereits als Bestandteil der Lesebühne Vision & Wahn erlebt und umso drängender musste ich also »Tiefsommer« haben.

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Jesko Habert auf der Lesebühne im september 2017

Dystopien sind ja eigentlich so gar nicht meins. Trotzdem trudeln sie ständig bei mir ein. Die Welt geht unter und alle berichten davon, oder so.

Aber zunächst beginnt »Tiefsommer« eher als ein Steampunk-Roman. Eine Bergstadt wird von Drohnen eines fremden Reiches in Schutt und Asche gebombt. Lediglich drei junge Leute überleben. Eine Färberin, die Farben riechen kann, und ein Bastler-Pärchen, das die Stadt halblegal mit Strom versorgte – das Setting begann also schon mal ungewöhnlich.
Dann treffen die drei auf eine Gruppe nomadisierender Philosophen und kurz darauf auf eine junge Frau in einem gewachsenen Luftschiff. Das Cover zeigt es sehr schön.

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Tiefsommer von Jesko Habert, Cover: Nicole Altenhoff

Jup, ziemlich exotisch das Ganze. Was aber lange Zeit als Abenteuergeschichte auf einer fremden Welt ausschaut, entwickelt sich im zweiten Teil in eine komplett andere Richtung und ich müsste spoilern, wollte ich mehr dazu schreiben.
Auf jeden Fall passt es recht gut zu einem Interview, dass ich gerade transkribiere und in dem Wolfgang Neuhaus über Cyberspace und Cyberpunk erzählt.

In meiner Rezi im Fantasyguide untersuche ich das ein bisschen und bei aller Begeisterung für die sehr lyrische Sprache fiel als kleines Manko auf, dass man aus den Figuren und der erschaffenen Welt noch ein bisschen mehr hätte herauskitzeln können. Aber was an soziologischen und utopischen Ideen in dem Roman steckt, ist beeindruckend.

Am 28. September stellt Jesko Habert seinen Roman im Literaturcafé des Verlages vor und ich habe mir schon einen Platz reserviert.
Solche feinen Debüt-Romane gibt es ständig bei Periplaneta. Da bin ich ganz Fanboy.

Hier noch der Link zu meiner Rezi im Fantasyguide: Tiefsommer von Jesko Habert

Es brennt ein einsam Mädchen

Der Periplaneta-Verlag versorgt mich seit Jahren mit kleinen erstaunlichen Urban-Fantasy Werken, die sie in schöner Regelmäßigkeit in der Edition Drachenfliege präsentieren.
Wenn mir die Verlagscheffin Marion Alexa Müller also eine Neuerscheinung ankündigt, greife ich inzwischen bedenkenlos zu. Auch wenn die Werke nicht unbedingt komplett meinen Geschmack treffen, habe ich inzwischen aber das sichere Gefühl, etwas vor die Augen zu bekommen, das auf irgendeine Art und Weise Ungewöhnliches bietet.

Im März erblickte Die Gleichheit der Blinden von Nora Beyer das Licht der Prenzlauer Bergwelt. Ich bin mit meiner Rezension wieder spät dran, aber sie im Erscheinungsjahr online zu stellen ist ein Selbst-auf-die-Schulter-klopfen wert.

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Die Gleichheit der Blinden von Nora Beyer, Cover: Nicole Altenhoff

Die Gleichheit der Blinden wird vom Verlag als »dystopischer Fantasy-Roman und eine Hommage an die Vielfalt und die Kraft der Gedanken« beschrieben. Das Wort Dystopie lässt bei mir alle Alarmglocken schrillen, denn es ist in meinem Lieblingsgenre ein Synonym für Tragödie.

Nora Beyer wählte für ihre Geschichte eine ähnliche Form wie schon Micheal Ende in seiner Unendlichen Geschichte. Das Mädchen Anna lebt in einer postapokalyptschen Welt, die durch Gleichschaltung und Verbannung jeglicher Fantasterei in eine mittelalterliche Lebensweise zurückgefallen ist. Anna kommt auf einem Scheiterhaufen zu sich und kann den Flammen gerade noch entfliehen.
Elsa hingegen ist eine Waise, lebt in unserer Zeit und verfügt über eine blühende Fantasie. Zumindest sieht sie eine Menge seltsamer Dinge, was ihr bisher über kurz oder lang noch bei jeder Pflegefamilie Probleme einbrachte.
Die Wege der beiden Mädchen und damit ihre Welten scheinen miteinander verbunden zu sein. Sowohl in Leid als auch im Schmerz.

Tatsächlich wird besonders Elsas Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik zu einem eindringlichen und besonders düsteren Teil des Romans. Nora Beyer wollte ganz offensichtlich weder eine normale Questfantasy schreiben noch ein fröhliches Girlpower-Abenteuer. Ihre Heldinnen werden von einer feindlichen Umwelt getrieben. Sie kämpfen um ihr Überleben und lernen dabei, dass all die Widerstände und Angriffe sich gegen ihr Wesen richten. So zahlreich die phantastischen Elemente in Die Gleichheit der Blinden auch sind, im Kern geht es um die gnadenlose und alltägliche Unterdrückung von Menschen, die nicht der Norm entsprechen. Also eigentlich mehr ein Plädoyer für Toleranz als eine Hommage. Hatte ich so nicht erwartet. Eine wunderbare Überraschung.

Mehr zum Buch drüben beim Fantasyguide in meiner Rezi: Die Gleichheit der Blinden von Nora Beyer

Und bist Du nicht willig, dann dicht’ ich!

Die Lektüre von Marion Alexa Müllers Die unterschätzte Kunst des Scheiterns und weitere Mysterien im Leben von Menschen und anderen Kleintieren hatte ich große Lust, sie wieder einmal live zu erleben und anstatt mir ein Politikdiskussion in einem aussterbenden Medium anzuschauen, besuchte ich also die Lesebühne Vision und Wahn im Periplaneta Literaturcafé.

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In der Bornholmer Straße

Die Lesebühne feierte das Erscheinen ihrer vierten Anthologie mit dem hübschen Namen Die Einsamkeit des Hurenkindes und fünf der darin vertretenen Künstlerinnen und Künstler gaben einen kleinen Einblick in das Wesen dieser literarischen Darreichungsform.

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Man zahlt, um zu gehen in die Künstlerkassenkanne ein

Thomas Manegold moderierte den bunten Abend mit präsenter Lässigkeit und eröffnete ihn mit der Präambel des Hurenkindes, in der es um das tragische Schicksal eines Hardcovers ging, und erklärte auch für alle Satzfehlerunwissenden, worin der Charme eines Hurenkindes läge.

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Hackerversteher Tom

Tom durfte dann auch in seiner Anmoderation von DerJesko auf den hübschen Artikel im Künstlernamen von Jesko Habert hinweisen, der uns sodann eine Kostprobe seiner Slampoetry bot.

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DerJesko

Im Anschluss kredenzte Marry dann tatsächlich einen Text aus Die unterschätzte Kunst des Scheiterns und weitere Mysterien im Leben von Menschen und anderen Kleintieren, der quasi einem Schwein gewidmet ist und natürlich gewohnt böse endet. Übrigens merkte sie an, dass man ihrem Text ein Hurenkind versagte. Wer hat da wieder nicht aufgepasst?

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Nicht mal ein klitzekleines Hurenkindlein für die Cheffin

Als Stimmungsaufheller angekündigt, berichtete Robert Rescue knochentrocken aus dem Alltag einer verschwundenen Kulturinstitution, der DVD-Theke.

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Robert Rescue lieh sich einst DVDs

In die Pause säuselte uns wieder einmal Josias Ender, dessen zweite EP nun endlich erhältlich ist.

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Zurück aus den Wäldern – Josias Ender

Voller Neugierde stürzte ich mich, kaum dass die Tore wieder offenstanden, auf Robert Rescue, da ich mir Neuigkeiten zum Intimitätendieb 2 erhoffte. Jedoch steht das nun nicht auf seiner Projektliste ganz oben. Zunächst wird im Herbst ein weiterer Band mit skurrilen Wedding-Geschichten erscheinen. Aber der Phantastik bleibt er hold verbunden und arbeitet auch schon an einem neuen Roman. Thema wird eine komplizierte Art der Unsterblichkeit sein. Sein Hauptfokus liegt aber auf einer Reihe Geschichten um einen phantastischen Ermittler mit Technologiebezug. Die erste Episode wird es wahrscheinlich zur nächsten Drachenfliege Fantasynacht am 28.10.2017 geben und ich hoffe sehr, dass ich diesen Termin mal nicht verpasse.

Marry brach gleich nach der Pause eine feine Lanze für die Lyrik. Sadismus in der Buchbranche erschien bereits auf ihrem Blog und ich finde ihren Kampf für die Verbreitung von Lyrikbändchen heldenhaft, mutig und unbedingt fortführenswert. Ich hätte da auch noch ein paar hundert Gedichte …

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Muse Marry

DerJesko erdete uns danach aber nicht, sondern entführte uns erneut in seine Welt entschwindender Regentropfen. Um das nochmal nachlesen zu können, lohnt sich der Kauf der Einsamkeit des Hurenkindes unbedingt, auch wenn solch Text in der ganz besonderen Vortragsweise, die immer wieder in einen schnellen Rap rutscht, auf jeden Fall ein Erlebnis ist.

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Elogien mit Beat – DerJesko

Sarah Strehle fing vor einigen Jahren als Praktikantin bei Periplaneta an und wünschte sich einen Job als Lektorin. Da man aber bei Periplaneta unbedingt auch schreiben muss, stand sie bald selbst auf der Bühne. Nun präsentierte sie uns ihren allerersten Text und der war ein todtrauriges Mahnmal gegen Gewalt.

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Leg Dich nie mit der Lektorin an: Sarah Strehle

Nach  dieser harten Story irritierte Tom sein Publikum kurz, als er sich über den letzten Tatort verwundert zeigte, der sich erst nach einer Stunde als TV-Duell zu erkennen gab. Passender Weise trug er denn auch einen Text vor, der zur letzten Bundestagswahl entstanden war und sich zu seinem Grauen mit wenigen Änderungen aktualisieren ließ. Toms Ärger wurde mit jeder Zeile deutlicher.

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Wahltag ist immer noch Zahltag

Tja, er hat schon Recht, am Wahltag versenken wir unsere Stimme in einer Urne. Wenn das kein trübes Bild ist. Übrigens gab Tom auch eine Empfehlung zum Flughafen Tegel ab. Oder auch nicht.

Klar, dass nun Robert Rescue gefragt war. Mit radikaler Freundlichkeit erfüllte er sein Amt und brachte die Helligkeit zurück. Natürlich sind seine bangen Air-Berlin-Ängste auch eher tragischer Natur, aber eben sehr erhellend.

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Hätte gern Schokoherzen gehortet.

Dann war auch schon wieder Zeit, dass Josias uns federleicht in die Nacht entließ.

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Der sanfte Ausklang des Abends

Zwischen Hustenbonbons, Hirnkuchen und Bier passt immer auch noch Literatur. Das Ergebnis sind Visionen und Wahn. Eine phantastische Mischung! Das Periplaneta-Jubiläumsjahr ist aber noch nicht zu Ende: Am 15.09. wird das Zehnjährige gehörig gefeiert und wer das Buch zum Bier zu schätzen weiß, sollte vorbeischauen!

Starallüren und geplatzte Frösche

Voller Fleiß und Elan mühe ich mich derzeit, meinen Rezensionsstapel abzubauen, da ich vor dem BuchmesseCon auch noch ein paar andere Bücher lesen möchte.

Dünnere Bücher versprechen da natürlich schnellere Erfolge, besonders natürlich, wenn man mit Vorfreude ans Werk geht. So zog ich denn auch das neueste Büchlein von Marion Alexa Müller aus SUB #5, das gute Aussichten darauf hat, den längsten Titel des Jahres zu tragen: Die unterschätzte Kunst des Scheiterns und weitere Mysterien im Leben von Menschen und anderen Kleintieren.

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Die unterschätzte Kunst des Scheiterns und weitere Mysterien im Leben von Menschen und anderen Kleintieren von Marion Alexa Müller

32 kurze Texte enthält das Büchlein und einen kannte ich sogar schon von der Periplaneta Fantasy-Lesenacht.
Wie der Titel verrät, macht Mary kaum einen Unterschied zwischen Mensch und Getier. Darum tragen alle tierischen Figuren menschliche Namen und erleben auch meist zutiefst menschliche Dinge. Oder den Tod. Das ist überhaupt eine sehr effektive Methode, Geschichten zu beenden, wenn man vermeiden will, dass die verehrte Fanbasis Fortsetzungen fordert. Ganz wichtig dabei ist natürlich dem Drang zu widerstehen, ständig neue Hauptfiguren einzuführen, sonst kommt man mit dem Meucheln gar nicht mehr hinterher.

Aber man lernt in »Die unterschätzte Kunst des Scheiterns und weitere Mysterien im Leben von Menschen und anderen Kleintieren« nicht nur die Härten des Lebens kennen, sondern erfährt auch immer gleich ganz nützliche Dinge über die erlösten Lebewesen. Vermutlich sollte in keinem Biologie-Unterricht ein Exemplar von »Die unterschätzte Kunst des Scheiterns und weitere Mysterien im Leben von Menschen und anderen Kleintieren« fehlen. Ich zumindest hätte mir Informationen über Seepocken auf der Basis von Marys pädagogisch sinnvollem Schwerpunkt sofort gemerkt.

In dramatischen, besinnlichen, typischen und lustvollen Momenten begleiten wir die meist am Rande Stehenden. Die unverhofft in eine Heldenrolle schlüpfen. Mary lässt aus Mobbingopfern Vorbilder erblühen, die unserem Leben vielleicht einen neuen Sinn geben können. Und sei es auch nur ein Tränchen der Trauer, die wir ob des harten Schicksals vergießen.

Ich hab mich köstlich amüsiert.

Zu den einzelnen Storys will ich gar nichts weiter schreiben, sie sind wirklich kurz, ohne zu spoilern lässt sich da wenig beschreiben. Aber ob Henne, Frosch, Star, Krabbe, Seepocke oder Wolf, alle haben ihr Päckchen zu tragen und Mary haucht ihnen auf liebenswürdig charmant-witzige Weise sehr menschliche Marotten ein.
Lest das Buch oder besucht die Lesebühne Vision und Wahn, auf der die Periplaneta-Cheffin ihre Texte selbst vorträgt.

Langer Link zur kurzen Rezi im Fantasyguide: Die unterschätzte Kunst des Scheiterns und weitere Mysterien im Leben von Menschen und anderen Kleintieren von Marion Alexa Müller

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