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Die Nacht der Kleinen Leute

Es war zu erwarten, dass zur Vorstellung einer Anthologie, deren Mitwirkende die phantastische Literatur hierzulande seit Jahren prägen, jede Menge Feenvolk und auch genügend Trolle und Zwerge in das Kreuzberger Otherland wandern würden.
So gut gefüllt sah man die buchgewaltigen Hallen selten. Das Ziel des phantastischen Volkes war die »Anderswelt«. Eine Anthologie, herausgegeben von benSwerk und Holger Much.

Ben dürfte als Coverkünstlerin vielen bekannt sein, schuf sie doch unzählige Designs für die Golkonda-Bücher und so wundert es nicht, dass auch neun Bildkünstlerinnen und Bildkünstler mit ihren Zeichnungen, Gemälden und Illustrationen in »Anderswelt« vertreten sind.

Das Otherland war also gerappelt voll, man sah die, die immer hier sind und auch die, die man stets hier und dort antrifft.

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Die stolze Herausgeberin: Ben

Pünktlichst begann der Lesungsteil. Ben freute sich, die »Anderswelt« im Otherland zu präsentieren, dem Ort, an dem nach ihren eigenen Worten Realität magisch wird und Fantasie real. Oder wie die Otherlander es formulierten: Phantastik wahr wird und Realität magisch.

Nach Bens kleiner Projektvorstellung bestieg als Erster Zauberer Christian von Aster das gefährliche Podest der Poesie und eröffnete mit dieser sportlichen Höchstleistung den Reigen lustiger Podestpossierlichkeiten, denn das mühevolle Erklimmen der Lesebühne machte das Podium für Christian zum Symbol für den Balanceakt zwischen Realität und Phantastik.

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Christian von Aster

In Anbetracht fehlender Zeit für eine Geschichte war er ganz froh, dass man ihm die Möglichkeit gab, mit einem Gedicht in der »Anderswelt« vertreten sein zu dürfen. Als Inspiration zu seinem Poem »Die wilde Jagd« diente ihm das Bild »Nachtvolk« von Holger Much, ebenfalls im Buch zu finden. Der Vortrag, mit dem sich die Pforte zur Anderswelt öffnete, erklang gewohnt stimmgewaltig und wohlbetont.

Ihm folgte der einzige und anbetungswürdige Jasper Nicolaisen und Jasper besitzt eine wunderbar prägnante Erzählstimme, der ich stundenlang lauschen könnte.

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Jasper Nicolaisen

Er war froh, endlich wieder Phantastik bringen zu können, denn in letzter Zeit sei er gezwungen gewesen, ganze Bücher mit echten Menschen vollzuschreiben.
In »Schwarzbraun ist die Haselnuss« geht er darum auch ganz tief in die Schatten von Neukölln und erzählt von den Kleinen Leuten. Eine wunderbare Liebeserklärung an die Menschen, die jenseits normaler Lebensentwürfe in Berlin leben. Jasper kredenzte eine breite und bis in die tiefsten Poren liebenswerte urbane Märchenwelt. Wenn ihr einen einzigen Grund braucht, »Anderswelt« zu kaufen, dann solltet ihr in diese Geschichte hineinlesen. Berlin war schon lange nicht mehr so mythisch!

Sodann folgte Otherlander Simon Weinert, der in »Wo die Feen herkommen« eine Verbindung zwischen der Einsamkeit jugendlicher Dichter und der Geburt von mythischen Wesen herstellte.

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Seine Beschreibungen über das Großwerden in einem Dörfchen der Schwäbischen Alp zeugten von tiefen Verständnis jener Zeit, da Bücherleser mit drängenden Körpersäften fernab Gleichgesinnter ihre eigenen magischen Orte erschufen.
Das klang autobiographisch und war auch deshalb sehr amüsant.

Und um das Trio der ehemaligen Lesebühne »Schlotzen & Kloben« voll zu machen, folgte Jakob Schmidt.

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Jakob Schmidt

Vor der Pause teaserte er uns mit dem Beginn seiner Geschichte »Die Wechselbälger«, die auch die Anthologie eröffnet. Bei Jacob stehen ebenfalls seltsame kleine Leute im Mittelpunkt und zeigen durch ihre Andersartigkeit, wie komisch eigentlich das ist, was wir als normale Welt betrachten.

Dirk-Boris Rödel eröffnete nach der Meisterung des Podestbesteigens die zweite Lesungshälfte mit »Die Hexe«, einer Mischung aus Gedicht und alternativer Genesis.

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Dirk-Boris Rödel

Er war auch der erste mir unbekannte Autor des Abends und sah auf jeden Fall wie ein sehr ambitionierter Phantastikautor aus.

Zurück in die nüchterne Welt holte uns sodann Jenny-Mai Nuyen mit dem autobiografischen Text »Pascal entscheidet«.

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Jenny-Mai Nuyen

Sie las den Text wegen seiner Länge nur an, empfahl uns aber unbedingt die Lektüre der ganzen Geschichte, weil man hinterher entweder gläubig oder Atheist würde. Mir wäre es ja lieber, durch das Lesen phantastischer Geschichten gesund oder zumindest schlanker zu werden.

Isa Theobald entführte uns danach in die schottische Mythologie und in die Zeit kindlicher Offenheit und Freude an der magischen Natur der Welt.

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Isa Theobald

Isa erfüllte sich mit der Lesung einen Lebenstraum, nach dem sie vor ein, zwei Jahren via Facebook diesen merkwürdigen Buchladen auf der anderen Seite der Republik entdeckte. Sie nahm nun extra 800 Kilometer Weg in Kauf, um endlich im Otherland zu lesen.

Mit einer ganz besonderen Geschichte beschloss Tobias O. Meißner den Abend. »Den Wald vor lauter Bäumen nicht« versteht man nur in Kombination mit der Illustration von Ben, die sie deshalb auch mittels Beamer und Leinwand an passender Stelle einblendete.

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Tobias O. Meißner

Tobias bezeichnete sich als Leichtgewicht unter den Autoren, nachdem er mühelos das Podest erklommen hatte und stellte einen übernatürlichen Zusammenhang zwischen den Geschichten des Abends her. Mit ihm endete der Textteil und die Diashow mit Bildern der Anthologie leitete zum Kunst- und Partyteil über.

Ein reger Run auf die Künstlerschafft begann und es wurden noch fleißig Autogramme und Pläne ausgetauscht.

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Simon signiert strahlend

Ein schönes Buch, ein schöner Abend in schöner Gesellschaft – ein Hoch auf die Fantasie und all die kleinen Leute, die uns inspirieren und unsere offenen Ohren und Herzen verdienen.

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Die Welt dreht sich einfach nicht weiter

Trotz Internet und GPS habe ich oft das Gefühl, wir als Menschheit kommen keinen wichtigen Schritt voran. Für schnellen Profit wird die Umwelt zerstört, werden andere Menschen ausgebeutet und ermordet. Wie man an den Dieselbetrügern und Monsanto sieht, auch völlig straffrei.

Erschreckend zu sehen, dass bestimmte Idiotien immer wieder kehren, egal wie oft man dagegen ankämpft.

»The Word for World is Forest« von Ursula K. Le Guin ist so ein aufrüttelndes Zeichen gegen Rassismus, Umweltzerstörung und Diskriminierung.

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The Word for World is Forest von Ursula K. Le Guin, Cover: Darell Gulin und Jamie Stafford-Hill

1972 erschienen und Hugo-prämiert, gehört es zu den bekanntesten Werken der im letzten Jahr verstorbenen Autorin und ein Lesezirkel im SFN bot mir die Gelegenheit, diese Lücke endlich zu schließen. Da es keine aktuelle deutsche Ausgabe des Werkes gibt (von Plänen dafür habe ich unken hören), erwarb ich im Otherland eine englischsprachige Ausgabe von 2010.

Während der Lektüre verstärkte sich mein Eindruck immer mehr, dass Le Guin da eine Entwicklung beschreibt, die sich leider genauso auch gerade auf unserem Planeten abspielt. Für Holz und Drogen wird Urwald gerodet und Eingeborene ermordet. Auch die Verachtung gegenüber Frauen und Nichtweiße findet sich gefühlt genauso auch heute. Immer noch.

Ziemlich erschreckend und deprimierend. Wo bleibt unsere Liga der Intelligenz, dies zu ächten und verbieten?

Nichtsdestotrotz war es eine lohnenswerte Lektüre für mich. Ich konnte zudem endlich einmal wieder ein Buch im englischen Original lesen und es ging sogar erstaunlich gut. An wichtigen Stellen musste ich schon gründlich nachdenken, aber insgesamt konnte ich das Buch flüssig lesen. Le Guin zählt zu Recht zu den wichtigen literarischen Stimmen, und vielleicht bewirken ihre Werke ja doch irgendwann etwas.

Wie gewohnt, gibt es eine etwas ausführlichere Besprechung drüben im Fantasyguide: The Word for World is Forest von Ursula K. Le Guin

Die coolste Reflektion der Fantasie ist Cyberpunk

Interviews mit spannenden Menschen über tolle Bücher mag ich gern und führe sie auch selbst in lockerer Regelmäßigkeit, jedoch am liebsten schriftlich. Aus gutem Grund. Mein Einfingersuchsystem zum Schreiben passt eher suboptimal zum Transkribieren langer Interviewaufzeichnungen.
Aber manchmal geht es nicht anders. Bei Wolfgang Neuhaus war ich mir gleich sicher, dass ich ihn in persona treffen musste, da er es mit der Wortwahl und Wortbedeutungen sehr genau nimmt und eine Frage in einer Mail viel zu ungenau formuliert sein könnte.

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Wolfgang Neuhaus und sein Buch »Die Überschreitung der Gegenwart«

Ich hatte seinen Essay-Band »Die Überschreitung der Gegenwart« von Memoranda-Chef Hardy Kettlitz bekommen und mit viel Freude gelesen. Vor allem weil es dort nicht nur um SF-Werke ging, sondern auch um die Bedeutung bestimmter dort beschriebener Ideen für die Weiterentwicklung der Menschheit beziehungsweise unserer Art des Zusammenlebens. Es ging um Cyberpunk und damit verknüpft um Posthumanismus. Was ja erst einmal nur Schlagworte sind, bei Wolfgang aber schnell zu Lebenskonzepten werden.

Das interessierte mich und so wollte ich mehr wissen. Oberflächlich kannte ich ihn von den Gatherlands im Otherland, wo er etwa über Lem referierte. Aber ihn in seinem Büro zu sprechen, war dann doch eine andere Hausnummer. Fast zwei Stunden dauerte unser Gespräch und ich saß mehrere Wochen immer wieder an der Transkribierung. Doch am Ende, nach einer großen Endorphinausschüttung konnte ich das Manuskript zur Abnahme verschicken und nun endlich ist das umfangreiche Interview im Fantasyguide online.
Es brachte mich unter anderem dazu, bei Youtube nach »Max Headroom«-Folgen zu suchen und ich erlag schnell dem 80er Jahre Charme der Serie.

Nehmt euch etwas Zeit. Ihr lernt einen interessanten Denker und SF-Fan kennen, der es sich nie leicht macht mit dem Antworten, dafür aber auch etwas zu sagen und zu erzählen hat. Und vielleicht regt es an, mal in den SF-Jahren oder in Wolfgangs Essay-Band zu schmökern: Interview mit Wolfgang Neuhaus

Das Zombiezünglein an der Waage

Als die Otherlander ihren letzten Stargast für das Jahr 2018 ankündigten, klingelte bei mir nichts: Nate Crowley.
Noch nie gehört.

Aber egal, wer ins Otherland kommt, hat Publikum verdient!

Als ich ankam, sah ich einen Mann mit Baby auf dem Arm und es gab keinen Zweifel für mich: Das muss Nate sein!
Exakt. Die junge Dame auf seinem Arm, war seine Tochter und ihr Name hat etwas mit Wasser zu tun, aber ich verstand ihn nicht genau. Während wir später ihren Vater in Beschlag nahmen, wurde sie im Hintergrund von ihrer Mutter gestillt. Ein unvergesslicher und auch wieder ganz typischer Otherland-Moment.

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Nate und seine Frauen

Wer ist nun aber Nate und was macht er im Otherland?

Die beste Buchhandlung der Welt zieht jede Menge Phantastik-Fans an, die lieber englische Originale lesen und so bildete sich der Speculative Fiction Book Club, der sich einmal im Monat trifft und jeweils ein Buch diskutiert, das man beim letzten Treffen auswählte.
Und hier schlug »The Death and Life of Schneider Wrack« von Nate ein wie eine Bombe. Inci schrieb darüber nicht nur begeistert im Otherland-Blog, sie kontaktierte auch gleich Nate und schwups dachte er sich, diese Fans guck ich mir mal an. Und zur Sicherheit brachte er seine beide Frauen mit. Als Rückendeckung, wie der Abend ja zeigte.

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Nate und Inci, im Hintergrund scherzt René mit Nates Tochter

Ich muss gestehen, dass mein Englisch bei weitem nicht ausreichte, mehr als Grundzüge der Diskussion über das Buch zu verstehen, aber Nate las sehr lustig vor und ein, zwei Gags bekam sogar ich mit.
Er hatte auch ein Exemplar seines Buches »100 Best Video Games (that never existed)« dabei und seine Kostproben daraus brachten auch mich zum Lachen.

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Dust ist das Lieblingsmonster seiner Frau

Nate hat in jungen Jahren in einem Aquarium-Laden gearbeitet und seither ein gespaltenes Verhältnis zu Fischen, was direkte Auswirkungen auf den Horror in »Schneider Wrack« hat. Und auch bei den »Video-Games« deutlich zu spüren war.

Es machte großen Spaß, die Book Club Leute vom Buch schwärmen zu hören und dabei konnte ich immer deutlicher erkennen, dass ich das Buch wohl unbedingt lesen muss. Gerade bin ich ja mitten in einem englischsprachigen Buch und eigentlich sollte das passen. Ich muss ja hinterher keine Klausur zum Inhalt schreiben.

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Beantworte alle Fragen: Nate

Ein toller, erinnerungswürdiger Abend, wie ich ihn liebe. Ich habe etwas völlig Neues kennengelernt und die Lesung war wahrlich familiär. Etwas ähnliches gab es schon mal, als nämlich Dan Wells mit seiner Großfamilie im Laden weilte und las. Ich fiel ja aus den Socken als Simon mir verklickerte, dass jener Abend bereits 2014 stattfand. Boah, soweit zurück hätte ich das nicht geschätzt.

Apropos Simon Weinert! Sein fulminanter und gewiefter Bösewichtroman »Tassilo, der Mumienabrichter« erschien einst als eBook und limitierte Taschenbuchausgabe, die man nur im Otherland erwerben konnte. Nun verkündete mir Simon stolz, dass es eine Neuauflage bei Golkonda im Frühjahr geben wird!
Hoffentlich wird das Buch jetzt endlich zum Megaseller, denn Simon reist so gern durch Amerika …

Und es gibt ein neues Cover! An mir wird’s nicht liegen!

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Simon Weinert mit dem Golkonda-Frühjahrsprogramm

So, für diese Woche kann ich zufrieden mit mir sein: Zweimal den inneren Elf besiegt und zu Lesungen gegangen. Nimm das, dunkler Winter!

Die freien Geister von Erdsee

Am 29.11. lud der Verein Weltlesebühne ins Otherland. Im Zentrum stand Karen Nölle als Übersetzerin der »Erdsee«-Prachtausgabe sowie der »The Dispossessed«-Ausgabe »Freie Geister« bei Tor.

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Karen Nölle und Nadine Püschel

Da ich den Prachtband ganz unverhofft im Briefkasten vorfand und seither abends ab und zu in dem zwar wunderschönen, aber echt schweren Band lese und auch irgendwann bespreche, freute ich mich sehr auf die Gelegenheit, die Übersetzerin kennenzulernen.

Sie übersetzte nicht alles, Band 4 wurde von ihrem Mann, Hans-Ulrich Möhring, ins Deutsche übertragen, der auch im Publikum saß.

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Hans-Ulrich Möhring

Grandioserweise, denn er ist der »Otherland«-Übersetzer! Unter uns befand sich dann auch noch Anne-Marie Wachs, die für Golkonda den Essay-Band »Keine Zeit verlieren: Über Alter, Kunst, Kultur und Katzen« übersetzte.

Da auch Hannes Riffel und Hardy Kettlitz anwesend waren, überschlugen sich Wissensvermittlung, Insiderwissen und Literaturbegeisterung in stimmungsvollen und gewaltigen Saltos.

Die Moderation übernahm die Übersetzerin Nadine Püschel mit angenehm fröhlicher Begeisterung und stellte Karen, die Werke und auch das Besondere an Ursula K. Le Guin vor.

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Nadine Püschel

Zwar setzte sie ihre Bedeutung in Deutschland etwas weniger hoch an, als wohl der Großteil der anwesenden Fans, aber das schmälerte die gemeinsame Freude am Werk der großen Schriftstellerin nicht im Geringsten.

Karen konnte Ursula K. Le Guin noch persönlich treffen, sie starb ja im Frühjahr, und berichtete über das starke Interesse der Autorin an einer ordentlichen Übersetzung der Namen, sie hatte da wohl böse Erfahrungen mit einem bulgarischen Übersetzer gemacht.

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Schwere Lektüre

In der Welt von »Erdsee« ist Sprache sehr wichtig und in der deutschen Übersetzung wären englische Namen Fremdkörper.

Wir hörten Ausschnitte aus den beiden ersten Erdsee-Geschichten von Karen, während Hans-Ulrich Möhring vom Blatt etwas aus dem vierten Band vortrug. Dreimal stolperte er dabei über Schreibfehler und bat ganz burschikos grinsend seine Frau, im Buch nach zu sehen, ob sie es ins Buch geschafft hätten, jedoch Hannes hatte alle gnadenlos gekillt.

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Frisch aus dem Drucker

Das Bild des sich am Frühstückstisch abstimmenden Übersetzerpärchens flimmerte durch den Raum und man konnte auch spüren, dass die beiden sich und ihr Leben ganz wunderbar finden.

Die beiden fuhren auch auf den Spuren der Handlungsschauplätze in die USA und besuchten das Steens Mountain Country. Hier her kam Le Guin nicht nur 50 Jahre lang, Licht und Klima bestimmen ihre beiden Werke sehr stark.  Karen konnte hier das Gefühl für die Landschaft entwickeln, ohne das ihr die Übersetzung nicht gelingen wollte.

»The Dispossessed« ist für SF-Fans ähnlich bedeutsam wie »Earthsea« für Fantasy-Fans und das Buch erhielt mit »Freie Geister« nun bereits den dritten deutschen Titel.

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Karen las uns eine eine ungewöhliche Hotelszene vor.

Hannes erklärte dann auch, wie er dazu kam. »The Dispossessed« war für Le Guin auch eine Reminiszenz an Dostojewskis »Бесы«, im englischen »The Possessed«. Da bei Fischer die Übersetzung von Swetlana Geier »Böse Geister« heißt, fand er es nur passend, wenn nun Le Guins Werk »Freie Geister« benannt wurde. So wäre Dostojewski wieder im Spiel, das Wort Freigeist klingt an mit dem Bezug zum Anarchismus und der Antagonismus zum Besessen sein wird auch noch deutlich.

Solche kleinen Schwenker machen die Abende im Otherland zu etwas besonderem.

Ich hatte ja schon erwähnt, dass ich mir The Word for World is Forest von Le Guin an diesem Abend kaufte und als Sahnehäubchen hörte ich es Raunen, dass in einigen Jahren der Bedarf an einer Neuübersetzung gestillt werden könnte.

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Nicht nur Karen und Nadine hatten ihren Spaß

Doch bis dahin gibt es noch genug zu lesen, Bücher auf und ab in ferne Welten, other lands und fremde Betten!

Nach dem Mangel ist die Gier noch da

Am Montag weilt Cory Doctorow in der Stadt und wird auf Einladung des Otherlands im Kreuzberger Wasserturm lesen.
Zur Abwechslung schnappte ich mir vorher etwas zur Lektüre. »Walkaway« lag eh im Otherland herum und so beginnt meine Doctorow-Erfahrung eben mit seinem jüngsten Werk – und ich bin ganz angetan.

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Walkaway von Cory Doctorow, Cover: Will Staehle und Das Illustrat

Dass Doctorow ziemlich weit links herumrennt, war mir bewusst, immerhin folge ich ihm auf Twitter und hab hin und wieder Meinungsäußerungen von ihm vernommen.
So hat es mich nicht wirklich überrascht, dass es in »Walkaway« dem Mammon und dem Kapitalismus an den Kragen geht. Das Problem sozialistischer und kommunistischer Idee ist ja immer, dass sie die Menschen stets mit Gewalt zu einer besseren Lebensweise zwingen wollen.
Doctorow versucht es in seiner Utopie eigentlich mit dem Gegenteil. Er lässt seine Figuren einfach weggehen. In einer sehr coolen Szene übernehmen ein paar Besserwisser die Führung über eine bisher führungslos organisierte Herberge. Eine der Hauptfiguren, Limpopo, eine junge Walkaway-Frau, die ziemlich viel Arbeit und Liebe in dieses B & B gesteckt hat, geht auf die Provokationen der Okkupatoren gar nicht ein. Sie geht weg und beginnt woanders ein noch besseres B & B aufzubauen.

Es gibt sehr viele Prämissen in »Walkaway« ohne die ein Großteil der Handlung nicht funktionieren würde. So existieren immer eine Menge Leute, die zusammenarbeiten wollen. Die Selbstorganisation ist chaotisch, funktioniert aber trotzdem.
Zudem gibt es dank vielfältiger 3D-Druckerei keinerlei Probleme, irgendetwas herzustellen. Von Drohnen, Maschinen, Häuser bis hin zu Lebensmitteln ist es nur eine Frage der Ideen, Muster und des Grundstoffes. Postmangelgesellschaft nennt das Doctorow. Die Walkaways nutzen dabei die Ressourcen verlassener Orte, Werke, Müllkippen und Wracks. Im Kapitalismus ist selbst Abfall immer noch Besitz und es stört das Prinzip schon immens, wenn etwa eine Verkäuferin nicht verkaufte Ware, die weggeschmissen werden soll, selbst verwendet. Diebstahl!
Den Walkaways wirft man dies auch vor. Egal wie unabhängig sie leben, wie wenig sie sich in die Belange des »Defaults« auch einmischen, allein ihre Verweigerung nach den unsinnigen Regeln zu leben und damit der Macht des Kapitals zu entfliehen, reicht schon aus, um die ganze Härte des Systems zu spüren zu bekommen.
Doctorow denkt schon lange die Grenzen von Besitz und Urheberrecht weiter und mit »Walkaway« bebildert er diese Theorien und zeigt, was dran sein könnte am Ende des Geldes.
Der ganze Roman steckt voller diskussionswürdiger Themen. Zur Kapitalismuskritik kommen noch Upload und Singularität, Diversität und Arbeitsorganisation. Es wird viel geredet in »Walkaway«, aber auch viel geliebt, gekuschelt und gelitten.
Das Weggehen durchzieht die Seiten und wird zum Prinzip, egal, wie sehr man sich an Orte und Figuren auch gewöhnt hat.

Ein cooles Buch, ein inspirierendes Werk! Ich freu mich sehr auf die Lesung.

Ein paar Worte mehr in meiner Rezi: Walkaway von Cory Doctorow

Dann ist es einfach nur gut

Wenn Aliens uns im dunklen Wald nicht finden, bietet es zumindest die Möglichkeit, coole Lesungen zu besuchen. Besser als eventuell zu Babybrei zerhäckselt zu werden.

Weil wir trotzdem ins All funken, geh ich also lieber gleich in die Stadt und erlebe was.

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Die Heilig-Kreuz-Kirche

Die Lesung von Cixin Liu (eigentlich Liu Cixin, aber weil Liu der Nachname ist, schreibt mans meist andersrum) am vergangen Mittwoch stand deshalb auch dick in meinem Kalender. Das Otherland fungierte als Gastgeber der Lesereisekarawane in Berlin. Man mietete die Heilig-Kreuz-Kirche am anderen Ende der Zossener Straße und trotz Eintritt, füllte sich die Kirche bis zum überletzten Platz. Die Crew war sichtlich aus dem Häuschen und zappelte sehr nervös durch das Gemäuer.

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Simon Weinert, Jakob Schmidt und Wolfgang Tress

Auf die Bühne kamen dann neben Cixin Liu, die Übersetzerin Dr. Jing Bartz, Moderator Dietmar Dath und als Vorleser Mark Bremer.

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Dietmar Dath, Jing Bartz und Cixin Liu

Dietmar Dath trank Tee und zeigte trotzdem Nerven. Der Mann gehört zu den besten deutschsprachigen SF-Autoren, ist ein mehr als streitbarer Kritiker und denkbar bestens geeignet, einen solchen Abend zu moderieren. Man sah ihm an, wie die Gedanken und Ideen in ihm arbeiteten und dann fertigte er sich mit enthusiastischen Schwung Notizen an. Kam diesjahr übrinx immer noch kein Buch von ihm raus. Kommt wohl gar nicht mehr zum Bücherschreiben.

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Noch schnell ein Universum erschaffen …

Die Trisolaris-Trilogie ist nicht nur weltweit sehr erfolgreiche Hard-SF, sie brachte der westlichen Welt überhaupt erst einen Blick auf die chinesische Science-Fiction. Im zweiten Band, Der Dunkle Wald, der gerade erst im Frühjahr auf Deutsch erschien, befasste sich Liu mit dem Fermi-Paradoxon und beantwortete es mit einer so simplen wie einleuchtenden Erklärung. Da draußen sind lauter verborgene Raubtiere und wer im dunklen Wald seine Taschenlampe anmacht, hat sich auszivilisiert. Darum hört man von anderen Rassen immer nur einmal.

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Cixin Liu

Um diese unschöne Zukunftsvision ging es dann auch in einer der Fragerunden. Neben weiteren Hard-SF Themen wie etwa der Endlichkeit von Erkenntnis und dem Moment, wenn alle Probleme gelöst sind und es einfach nur gut sein wird.

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Mark Bremer

Mark Bremer las insgesamt zwei Stellen aus dem Buch vor. Dazwischen und davor stellte Dietmar seine drei Fragen und im Anschluss wurden noch Fragen aus dem Publikum beantwortet. Vermutlich die Hälfte der Anwesenden stammten direkt aus China oder haben Chinesisch im Elternhaus gelernt, was den Abend zu einer Art Heimspiel für Cixin Liu machte.

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Jing Bartz und Cixin Liu

Die Übersetzerin Jing Bartz – sie hat nicht das Buch ins Deutsche übertragen – bezauberte durch ihr Eingeständnis, die physikalischen Details nicht zu verstehen, lieferte uns aber eine sehr sympathische Übersetzung der Fragen und Antworten.

Auch Mark Bremer begeisterte durch eine ausgereifte und sprachlich detaillierte Lesung. Vielleicht hätte man auch Cixin Liu etwas lesen lassen sollen, bei so vielen, die ihn verstanden haben.

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Nur echt mit ExLibris und Signatur

Die Schlange zum Signieren zog sich dann durch das gesamte Kirchenschiff und auch wenn man nur drei Bücher signieren lassen durfte, wird sich das Ganze noch eine Weile hingezogen haben. Zum Glück saß ich in der zweiten Reihe und schaffte es daher schnell nach vorne. Und mehr als drei Bücher hab ich auch gar nicht von Cixin Liu. Band 2 werde ich aber bestimmt nicht vor dem Erscheinen von Band 3 im nächsten Frühjahr schaffen.

Die Lesung war großartig und das bleibt sie und nun können diese Aliens kommen.

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