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Lollis gab es keine

Vielleicht habt ihr schon das eine oder andere vom diesjährigen Lollapalooza in Hoppegarten gehört. Ein Musikfestival auf der Rennbahn nahe Berlin. Da das quasi bei uns um die Ecke ist, besorgten wir uns früh Karten.

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Das Lollapalooza in Hoppegarten

Die Veranstalter hatten dann irgendwann die Bomben-Idee, dass man die Karten nachträglich personalisieren müsse. Die entsprechende Mail hab ich natürlich zunächst ignoriert, hatte ich doch drei Karten ausgedruckt und fertig. So wie immer.

Pustekuchen.

Jedes Ticket musste einen Namen haben. Aber nicht nur das. Für jede Karte brauchte man auch einen eigenen Account und obendrein eine eigene Mail-Addy. Keine Ahnung, wie das bei anderen Familien ist, bei uns bin ich dafür zuständig und so durfte ich den Quatsch natürlich dreimal machen. Samt Fakeaddys um die Mails an mich weiterzuleiten. Ob das jetzt Terroristen abschreckt? Mich auf jeden Fall.

Nunja. Der Busshuttle zum Eingang klappte tadellos. Am Eingang bekam man sein Bändchen mit Überwachungschip, den man zum kostenlosen Bezahlen nutzen sollte. Dafür musste man Geld auf den Chip laden. Klappte vormittags problemlos, nachmittags fiel ein Großteil der Kassen aus. Epic Fail. Noch dämlicher ist es, dass man denen zwar Bargeld geben kann, sie aber Restguthaben nicht auszahlen.

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Elfenwerk

Service sieht anders aus. Die schmalbrüstigen Begründungen, warum bargeldlos so toll sei, glauben eh nur Manager die sich solche Systeme aufquatschen lassen. Lange Schlangen an Essensbuden und Getränkeständen gab es trotzdem, denn selten ist das Bezahlen der zeitaufwändige Part. Aber egal.

Es war ja trotzdem ein tolles Event. Das Festivalgelände bestand nicht nur aus kunterbunten Bühnen, es gab ein Riesenrad, Bespaßungsareale für Groß und Klein und Nahrungsmittel von gesundheitsschädlich bis ökovegan.

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Das Lolla-Gelände am sonnigen Sonntag

Der Samstag stand für uns ganz im Zeichen von EDMElectronic Dance Music. Von dieser Abkürzung hatte ich bis dato noch nichts gehört, aber Nachwuchs wollte sich das unbedingt geben. Unser erster Act war Filous, ein DJ, dem man seine zwanzig Lenze nicht ansieht und der sehr schüchtern wirkte, aber trotz Nieselregens die bereits sehr zahlreiche Menge in Tanzlaune versetzte.

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Filous

Die von ihm verarbeiteten Songs kannte ich nicht. Was vor allem daran liegt, dass sie für mich ähnlich ununterscheidbar sind wie die aktuellen Automodelle. Das ändert auch kein neuer Beat. Zwischendurch kam klei auf die Bühne und sang ein paar Songs, sehr enthusiastisch und hipp.

klei

klei

Überhaupt fiel mir auf, wie ausgelassen gerade auch die Mädchen abhotten und das mit Tanzbewegungen, die ich früher verwendete, um öde Songs zu veralbern. Es war nicht der letzte Moment des Tages, an dem ich mich vom Musikgeschmack abgehängt fühlte.

Sicherheitshalber hatte ich auf meinen neuen Fotoapparat verzichtet und die alte Kamera eingesteckt, da die auch in die Hosentasche passt. Lustigerweise konnte ich jetzt durch das Wissen über die Neue wesentlich mehr aus ihr herauskitzeln. Nur im Dunkeln zeigten sich ihre Beschränkungen und so gibt es hier nicht von allen Acts Bilderchen.

Aber weiter gings mit Drunken Masters, die noch mehr aufs Gaspedal traten und sogar ein/zwei Songs verwurstelten, die ich kannte.

Drunken_Masters

Drunken Masters

Dann aber verließen wir den hippen Teil mir unbekannter DJs und eilten zu Wanda.

Wanda

Wanda

Die Österreicher hatten keine Probleme, die Massen zum Toben und Mitsingen zu bewegen, exklusive Nachwuchs natürlich, der sich im falschen Film fühlte.

Weiter zu George Ezra.

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George Ezra

Immer noch mit jugendlichem Charme und Schüchternheit moderierte er jeden Song an und schloss erwartungsgemäß mit »Budapest«, was so ziemlich jeden in beschwingte Stimmung versetzte.

Der Tross zog zu den Beatsteaks weiter. Geile Band, viele geile Songs, Wahnsinns live Stimmung. Berliner eben.

Beatsteaks

Beatsteaks

Musikalisch aber auf dem Rückzug, wenn man mal so vergleicht zwischen ihren Alben von vor zehn Jahren und dem aktuellen Brocken.

Wir verließen die Hauptbühne etwas früher Richtung EDM, da Nachwuchs Yellow Claw sehen wollte.

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Yellow Claw

Für uns eine Stunde Folter. Ein paar Beats mehr und es wäre Techno gewesen, den ich schon in den 90ern hasste. Konsequenterweise ließen wir Nachwuchs dann dort, um sich Galantis alleine anzuhören, denn wir erhofften uns Erholung bei Mumford & Sons.

Galantis

Galantis

Dabei kamen wir natürlich noch in den Genuss einiger Materia-Songs, wie »Lila Wolken« und »Kids«, sowie eines Auftritts als Marsimoto. Marteria war so in Feierlaune, dass er mit seinen Fans vor der Bühne noch tanzte, als der Ton schon längst auf Bühne 1 lag und sich Mumford & Sons in harmonischen Gesängen wälzten. Das ist Gute-Laune-Mucke und versöhnte uns mit dem EDM-lastigen Tag. Da wir schon etliche Stunden in den Knochen hatten, blieben wir nicht bis zum Schluss, holten den Nachwuchs aus seiner Buller-Ecke ab und ließen uns nach Hause shutteln. Offensichtlich rechtzeitig genug, um dem Heimreise-Chaos zu entgehen, von dem wir erst am nächsten Morgen hörten.

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Die Sonne kam zum Untergehen

So aber waren wir noch rechtzeitig zu Hause, sodass wir die Last Night of the Proms noch sehen konnten. Ich mag dieses Event vor allem wegen der ausgelassenen Stimmung und wie die Britten hier nicht nur ihre Musiktradition feiern, sondern auch sich selbst. Es ist einfach tieftraurig, dass sie die EU verlassen.

Aber zurück zum Lolla. Nachwuchs wollte am zweiten Festivaltag nicht wieder mit, was uns das Musikprogramm etwas einfacher gestalten ließ.
Die Sonne begrüßte uns auf dem Feld und mit Bonaparte fing ein echter Festivaltag an.

Bonaparte

Bonaparte

Coole Mucke, witziges Tanztheater und schrille Kostüme – Bonapartes Auftritte sind einfach irre. Wir legten uns auf die Wiese und genossen das herrliche Wetter und die nackten Leiber auf den Leinwänden.

Anschließend schauten wir kurz zu Django Django, die uns aber weder bekannt waren, noch begeisterten, also folgen wir der Empfehlung des Nachwuchses, Alma eine Chance zu geben.

Alma

Alma

Die junge Dame performte mit ihrer Schwester, wobei es auch Schwester im Geiste gewesen sein kann, so genau habe ich es nicht verstanden. Sehr quirlig und kraftvoll, mich hat es vor allem auch interessiert, weil mir der Chorus von »Bonfire« im Ohr hängen geblieben war. Würde mir jetzt kein Album kaufen, aber unterhaltsam war es auf jeden Fall.

In Vorbereitung auf unser Highlight zogen wir vor die Hauptbühne. Dort sang Anne-Marie.

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Anne-Marie

Die junge Frau sah aus wie Madonna zu »Like a Virgin«-Zeiten, also wirklich süß, klang aber wie Miley Cyrus, gähn.

Während sich dann auf Bühne 2 Rudimental verausgabte, platzierten wir uns schön dicht vor der Hauptbühne und warteten auf AnnenMayKantereit. Und die waren großartig.

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AnnenMayKantereit

Völlig überwältigt von der Masse mitsingbereiter Fans, gaben sie alles. Henning May hüpfte immer wieder euphorisch herum, setzte ein spitzbübisches Lächeln auf und sah einfach megasympathisch aus.

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Für »Barfuß am Klavier« zog Henning auch die Socken aus

Unterstützung mit der Trompete erhielten sie erst von Ferdinand »Ferdi« Schwarz und später mit der Posaune von Julia Gruber, alles alte Bekannte der Band aus früheren Tagen.

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Ferdi und Julia Gruber

Das letzte Lied bestritten sie mit der Höchsten Eisenbahn: Zehntausende sangen mit ihnen »Du hast den Farbfilm vergessen«. Henning konnte sich das Grinsen nicht verkneifen, als er sang »ich im Bikini«.

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Volle Bühne

Das war stimmungsmäßig definitiv der Höhepunkt für uns.

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Henning und Francesco Wilking

 

Da ich mir lieber London Grammar als Cro anhören wollte, eilten wir wieder zur alternativen Bühne.

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London Grammar

Die Sängerin Hannah Reid singt wie ein Engel und gibt sich auf der Bühne auch so. Keine Ahnung warum ich noch keine Platte von ihnen im Schrank habe. Extrem himmlisch. Allerdings verführte sie die Ohren meiner Liebsten nicht im selben Maße, sodass wir bald wieder zurück wanderten, um für die Foo Fighters ein hübsches Plätzchen zu suchen. Dabei sahen wir noch etwas von Cro.

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Cro schwebte rechts etwas erhöht.

Ich find ihn eher langweilig, aber er tut auch keinem weh.

Dann krachte es, die Welt erbebte und ein Sturm beförderte den Brandenburger Sand ins Universum: Foo Fighters. Meine Liebste konnte ein brauchbares Handyfoto knipsen:

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Die Foo Fighters bliesen alles weg

Sie hatten viel vor und wollten jeden Shit von all ihren shitty Scheiben spielen und wahrscheinlich waren 80 % der Festivalbesucher nur wegen ihnen da, zumindest herrschten ihre Fan-Shirts deutlich vor. Kopfzertrümmernder Rock ist ein perfektes Festivalende.

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Uns hat‘s gefallen. Nächstes Jahr findet das Lollapalooza im tiefsten Westberlin statt und wahrscheinlich werden wir trotzdem hinreisen. Ich hoffe bloß, dass die Veranstalter das dämliche Ticketsystem ändern und wieder Bargeld zulassen. Man braucht nicht jeden neuen Rotz, wenn das Alte fehlerfrei funktioniert – denn im Mittelpunkt steht die Musik!
Lolla!

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Und immer noch über den Wolken

Der Weihnachtsmann bringt ja oft Dinge, mit denen man erstmal nix anfangen kann. Gutscheine etwa. Oder Konzertkarten. Man sollte sie halt nur nicht vergessen.

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Obdachlos Open Air – nicht jeder Witz ist auch witzig

Zum Glück hat unser Nachwuchs ja seine weisen Eltern und so konnte er dann am Samstag sein Weihnachtsgeschenk einlösen: Alligatoah in der Zitadelle Spandau. Letztes Jahr begleitete ihn meine Liebste, diesmal durfte ich mit.

Als Radio Fritz Hörer kennt man den Großteil der Alligatoah-Songs und die mitsingaffinen, deutschsprachige Musikstücke schwanken zwischen Dendemann, Dieter Thomas Kuhn und Knorkator. Alligatoah hat den Anspruch, ironisch und hintergründig zu sein. Der Großteil des Publikums kann ihm da auch folgen. Natürlich geht man aber zu Alligatoah in allererster Linie, um Spaß zu haben.

Als Vorband gab sich der Rap-DJ Fatoni alle Mühe, den Massen einzuheizen, aber die hatten noch genug damit zu tun, Essen und Getränke zu fassen.

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Fatoni

Ultra pünktlich startete dann Alligatoah, so lange darf man ja in der Zitadelle auch nicht Krach machen. Er sang zunächst aus einem bunten Heißluftballon umgeben von seiner Band in den bekannten Engelskostümen von Selbstmordattentätern.

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Mein Handy macht auch von Alligatoah keine tollen Bilder

Später wurde der Ballon durch eine goldene Kuh ersetzt. Butler Basti durfte sich diverse Scherze auf seine Kosten anhören – eine weitere Gemeinsamkeit mit Knorkator, neben den reizwortreichen Texten. Wobei Alligatoah dann doch eher die brave Nummer schiebt. Jede Generation hat da wohl eigene Härtegrade entwickelt. Mich amüsiert das eher, andere wittern auch hier noch Skandale. Nun ja. Das sehr mädchenlastige Publikum sang frenetisch mit. Was mich an ein Grönemeyer-Konzert vor tausend Jahren erinnert und entsetzte Mädchenblicke bei Moccaaugen. Hihi.

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Ein Stern im Mondenschein

Eine laue, nicht zu warme Sommernacht in Spandau, ein freundlicher und sehr souveräner Entertainer und stressfreie Mucke. Mehr braucht man ja eigentlich nicht für ein cooles Sohn-Vater-Event. Was der Knirps sonst noch so hört, geht im Übrigen ja mal gar nicht. Alligatoah aber ist okay.

Lustigerweise sangen die meisten Leute bei einem doppelten Klassiker mit. Über den Wolken von Reinhard Mey in der Dieter Thomas Kuhn Version. Ein wirklich gutes Lied wird alles überleben.

Berlin im Sonnenschein

Es war im Jahre 2009 als ich das allererste Mal Regina Spektor life erleben konnte. Sie tourte mit ihrem Album Far und bezauberte nicht nur mich im ausverkauften Fritzclub im Postbahnhof (inzwischen ehemaliger Fritzclub).
Natürlich schwor ich mir damals, sie wieder zu sehen. Ach Jahre lang musste ich warten, gestern war es so weit: Regina weilte in Berlin und ich nicht im Urlaub. Juhu.

Einziger Wehrmutstropfen: Sie spielte im Tempodrom. Das Dingens hasse ich. Es ist teuer, unbequem und kann nur durch die sanitären Anlagen punkten. Aber für Regina Spektor kann man diverse Opfer bringen.

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Regina Spektor im Tempodrom

Während all der Jahre brachte sie neben einem Live-Album zwei neue Platten heraus. 2012 das sehr kurze What We Saw From The Cheap Seats und letztes Jahr Remember Us To Life und jedesmal wurde ihre Lieder feste musikalische Begleiter. Neben den Songs von Anna Ternheim gehören die Lieder von Regina Spektor zu jener Art von Musik, die ich immer wieder hören, fühlen und denken kann. Darum laufen sie auch regelmäßig in meinem Player und ich habe zwar ein paar Lieblingssongs, aber eigentlich höre ich mich durch alle Platten.

So handhabte sie es auch am Montag in ihrem Konzert. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, war das älteste Lied der Sailor Song vom Album Soviet Kitsch, Far dominierte mit sieben Songs, Remember Us To Life folgte dicht auf mit sechs, Begin to Hope mit drei und What We Saw From The Cheap Seats mit zweien, wobei sie Ballad Of A Politician nutzte, um an ihre eigene Geschichte als Emigrantin zu erinnern.

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Regina und die Gitarre

Wie gewohnt blieb sie in ihren Ansagen schüchtern und bedankte sich zaghaft, war sichtlich erfreut über einen üppigen Blumenstrauß, und bedankte sich für das sonnige Berlin nach den verregneten Tourtagen vorher.

Meist spielte sie am Klavier und natürlich schnallte sie sich für The Trapper and the Furrier, aber vor allem für das rockige That Time die E-Gitarre um.

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Etwas unscharf, aber es kam ja auf die Musik an

Sie kann ja schnelle Nummern genauso kraftvoll raushämmern wie eine ihrer unzähligen Power-Balladen, wobei der absolute Höhepunkt wieder einmal Après Moi darstellte, das mit seiner russischen Strophe schon immer einzigartig klang.

Ihre Begleitung bestand aus Schlagzeug, Cello und Keyboard, die alles an Musik abdecken konnte und einen großartigen Sound lieferte. Regina füllte das Zelt aber auch so mit ihrer Stimme komplett aus. Leider war das Tempodrom nicht ausverkauft, aber der langanhaltende Applaus ließ das schnell vergessen.

Die Zugabe und das Konzert beendete Samson, bei dem ich wohl immer dahinschmelzen werde und zum Glück war ich mit meiner Liebsten im Konzert – es war ein perfekter Moment.

Etwas Leben spüren

Auch wenn die Zeit ziemlich schnell dahinrast und mir das manchmal die Kehle schnürt, sind manche Dinge, die sich da so schnell entwickeln, einfach cool. Etwa, wenn man mit dem plötzlich (furchtbar plötzlich) erwachsenen Nachwuchs in ein Konzert geht.

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Schon etwas her: Das Sin City Festival 2017

Das Sin City Festival fand schon Anfang Mai statt, aber es passt dennoch heute, darob zu berichten, weil ich dort auf Empfehlung von SF-Megafan Hardy Kettlitz ein ganz besonderes Büchlein erwarb.

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Neosapiens von Nik Page; Cover von Norbert Frank

Neosapiens (Link führt zu Nik Pages Shop) erschien bereits 2001 und wurde von Nik Page verfasst. Der ist Mastermind der Berliner Band Blind Passenger, einer Neugründung der Blind Passengers, und Schirmherren des Sin City Festivals.

Das Buch hat mich sehr überrascht. Zum einen weil es in Versen verfasst ist, die aber eher willkürliche Textumbrüche darstellen und sehr wohl als flüssige Prosa gelesen werden können. Zum anderen aber ist Neosapiens ein mehr als ordentliches Stück Science Fiction.

Der Protagonist ist ein Musiker aus Berlin, Ende des 21. Jahrhunderts. Überwachung, Automatisierung und Genoptimierung haben zu einem technokratischen Maschinenstaat geführt. Kontrolliert von einer administrativen Kaste, den Supervisor. Der Ich-Erzähler trotzt dem Gleichmaß durch eine spezielle Art der Rebellion. Drogen, Musik und Sex natürlich, aber hinzu kommt auch eine Form von Körpertuning, die auf Implantaten beruht. Optimierte Linsen sind noch nachvollziehbar, aber er steht auch auf Tattoo-artige Monitore in der Haut und VR-Chips, mit denen er in abgefahrene Welten taucht. Zusammen mit einem exzessiven Lebensstil und dem Hang zu knalligen Kunstaktionen genießt er sein Leben in vollen Zügen. Seine neue Freundin hingegen gehört einer Gruppe von Menschen an, die ohne Optimierung leben will: Neosapiens.

Gerade wegen der schnoddrigen Schreibweise und den sehr plastischen Bildern steckt man stets direkt in den Szenen und besonders die futuristischen Performances, die Nik Page beschreibt, hab ich direkt vor Augen gesehen. Bei solchen Events möchte man dabei sein. Natürlich ohne einen Arm zu verlieren oder dergleichen.

Aber auf dem Sin City Festival konnte man so einen kleinen Eindruck davon gewinnen, dass Nik Page in seinem Buch über Dinge schrieb, die er in ähnlicher Weise selbst erlebt hat, dass diese Mischung von Kunst, Musik und Lebensart echt ist. Vielleicht deshalb fühlt sich Neosapiens lebendiger an als viele andere Science-Fiction. Zum Buch erschien damals auch eine gleichnamige CD der Blind Passangers, die ich mir nun prompt bestellt habe. Bin echt gespannt, was sie der Lektüre hinzuzufügen vermag.

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AD:keY

Industrial, EBM und Elektro sind jetzt nicht so hundertprozentig meine Lieblingsmusikrichtung, aber ich höre mir das schon gerne an. Zumal ich auf dem Sin City Festival in erster Linie wegen meines SF-Kumpels René war, der zusammen mit seiner Freundin einen Auftritt dort hatte: AD:keY nennen sie sich und machen sehr tanzbare Songs. Davor gab es mit Schramm eine ziemlich coole Band im Mad Max Design und was ich besonders cool fand, der Sänger spielte auf einem Theremin.

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Schramm

Jedenfalls hatten wir unseren Spaß, die Szene ist sehr stylisch angezogen, durch die Bank nett und der Frannz ist eine sehr lauschige Location.

Mehr zu Neosapiens gibt’s in meiner Rezi: Neosapiens von Nik Page

Nee, ich!

Wenn eine Kleinkunstkapelle wie Knorkator einen neuen Tonträger auf die Massen ihrer Fans wirft, folgt sie selbst auch bald. Zum Abschluss ihrer Ich bin der Boss-Tour gab sich die Meiste Band der Welt in der Columbiahalle die Ehre. Das altehrwürdige Hause wurde gleich zweimal hintereinander ausverkauft, wie es sich eben für die heimatlichen Gefilde gehört.

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Ich bin der Boss – Knorkator

Altehrwürdig ist auch die Band, was man bereits bei der ersten Vorband deutlich zu spüren bekam. Denn Frontmann von Black Monster Truck ist kein anderer als Alfs gerade noch klitzekleiner Sohn Tim Tom. Die sympathische Schülercombo gab gepflegten Ghscore zum Besten, samt Growling und ordentlich Saft auf den Saiten. Den stolzen Papa sah man kurz selbst im Publikum, wie er vergnügt den Gig verfolgte.

Black Monster Truck

Black Monster Truck

Aus dem wilden Osten Berlins stammt auch Tschaika 21/16, die Gitarre und Schlagzeug wurden durch eine Trompete ergänzt hatten. Der Trompeter baute zunächst einen kleinen Turm aus Holzklötzchen, bevor er ziemlich versiert in das musikalische Geschehen eingriff. Das wilde Gemisch aus Rock, Stoner und Noise schrammte stets ganz nah an öder Textlastigkeit vorbei und verwirrte die Menge doch ein wenig.

Tschaika 2116

Tschaika 21/16

Knorkator selbst geben ja bereits seit Zehntausendjahren Konzerte und ich habe noch keines erlebt, das auch nur irgendwie langweilig war. Die Jungs haben eine unendliche Anzahl von Songs, deren Refrains sich gnadenlos laut durch den Saal schreien lassen.

Von der neuen Platte ist ist das natürlich zunächst einmal der Titelsong Ich bin der Boss. Als die Menge ein letztes Mal diesen gängigen Slogan brüllte, beendete Stumpen den Song mit einem markigen »Nee, ich!«

Zu Zähneputzen, Pullern, Ab ins Bett! holte er sich einen Milchbart auf die Bühne, die sich aber auf einen Stuhl setzen musste, als Buzz Dee grinsend feststellte, dass der Kleene größer als Stumpen war.

Überhaupt ist es immer wieder eine Freude, Stumpen in Action zu erleben. Der Mann ist fitter als ein Turnschuh, hat die Menge stets völlig im Griff und blastert jeden seiner Songs mit Kraft und prolligem Feinsinn hinaus. Er ist sich für kein noch so irres Outfit zu schade und meistert selbst Paukenschläge auf den Kopf mit breitem Grinsen.

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Auch die Band setzte sich hin

Sie spielten noch diverse andere Songs der neuen Scheibe, zu Setz Dich hin, mussten wir uns tatsächlich hinsetzen, was in der Bier triefenden Columbiahalle kein ganz so großer Spaß war. Aber angesichts einer doch beachtlichen Anzahl etwas älterer Fans, stand man bald wieder Gelenke krachend auf. Insgesamt aber gab es eine große Altersdurchmischung, selbst die durchtrainierten Pogohüpfer fehlten nicht.

Als wir uns durch frenetischen Jubel die Zugabe verdient hatten, gab es dann weitere Hits aus dem riesigen Repertoire samt Böse, Ficken und natürlich Weg nach unten.

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Stumpen im Feuerrad

Kurz, es war ein phantastischer Konzertabend, Knorkator sind einfach die Meisten!

Und immer wieder hüppen!

Musik muss tanzbar sein, meinte Judith Holofernes mal in irgendeinem der vielen klugen Interviews die sie so führt. Deshalb gibt es auf jeder ihrer Platten genügend Songs zum infernalischen Gehopse.

Ich mag das total.

Nachdem ich sträflicherweise ihr letztes Album Ein leichtes Schwert erst letztes Jahr für mich entdeckte, hatte ich das neue sofort vorbestellt, sie auf Twitter verfolgt und schwupps Konzertkarten geordert.

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Judith stellt Teitur als Vorband vor

Das Konzert fand nun am Dienstag im Lido statt. Der Club liegt im Wrangelkiez in Kreuzberg und ich war echt noch nie dort. Keine Ahnung warum, immerhin hab ich jahrelang nur paar Kilometer entfernt in Friedrichshain gelebt. Aber damals waren wir mehr auf den Prenzlberg ausgerichtet und belagerten den Frannzclub.

Frank Böhmert schrieb mir gleich, dass ich das Lido mögen würde und er hat mich natürlich wieder einmal ausgelesen wie einen übervollen USB-Stick. Der Laden ist kuschelig bis in den kleinsten Sessel der Lounge und perfekt für ein intimes Club-Konzert geeignet.

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Buch, CD und heiße Tapete im Lido

Ich hatte mich vorher nach einer Fotoerlaubnis erkundigt und konnte somit weitere Erfahrungen mit meiner Lumix sammeln. Ich liebe sie! Zwar zoomte sie mittendrin plötzlich von ganz alleine (ich habe gar nix niemals gemacht, ehrlich!) extrem an Judith heran, aber bis auf diese kleene Eigenwilligkeit schnurrte das Kätzchen mit zärtlicher Eleganz.

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und über den Rand  …

Das Konzert bediente alle Erwartungen. Es gab jede Menge Chaos, ein paar Schwerter und das Crossover mit Teitur, der uns als Vorband einheizen und zum Lachen bringen durfte.

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Teitur

Die auf Twitter ausgelobten beiden Helden-Songs stammten vom Album Soundso, das quasi nun gar nicht so zu meinen Lieblingen gehört, aber trotzdem passten sie super rein. Aber gegen die letzte Zugabe, Elefant, kommt so schnell nix heran.

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Judith und Band

Es war zu kurz, aber mitten in der Woche bin ich darüber nicht wirklich böse. Da ich die Fotoerlaubnis via Fantasyguide geordert hatte, gibt es auch dort einen Bericht: Judith Holofernes am 21.03.2017 im Lido in Berlin Kreuzberg

Manche Lieder sind unendlich

Nina Hagen. Irgendein Bild von ihr hat man wohl sofort im Kopf. Teile ihres Lebens strömten immer mal wieder durch die Presse. Wer mit exzentrischem Punk wenig anfangen kann, wird sie musikalisch wie ich eher nicht wahrgenommen haben. Im Ausland strahlte sie stets greller, bunter und lauter. Doch Faszination löste sie immer schon bei mir aus. Was ich so von ihr mitbekam, waren meist pikierte Berichte, inszenierte Fremdschämmomente konservativer Medien, die in mir das vage Gefühl hinterließen, dass Nina Hagen einfach ein bisschen zu crazy für diese schnöde, graue Welt sei.

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Das BE mit Brecht im frühen Frühling

Was kann also ein Brechtliederabend mit Nina Hagen im Berliner Ensemble anderes werden als eine verrückte Tour de Force?

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Fast schon eine Institution: Nina Hagen sing Brecht

Und im Prinzip wurde er das auch. Nina ist kein junger Hüpfer mehr, die Stimme ist älter, Opernkoloraturen gab es keine mehr, wohl aber das bekannte Quieken, Kieksen und Tonlagengespringe. Ähnlich wild ging es durch das Liederwerk von Brecht, versetzt mit Songs anderer Liedermacher, etwa von Dylan. Je weiter der Abend voranschritt umso dichter wurde ihre Assoziationskette, selbst mitten in einem Song konnte ein Gedankenblitz zu einem anderen Song führen – großartig, wie ihre Begleitmusiker die Melodien aufnahmen und den sitzenden Wirbelwind mühelos auf ihrer Liedschnitzeljagd folgten.

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Nina, großartige Musiker und ein Mann mit Zigarre.

Daneben gab sie eine Menge Geschichten zum Besten, las Historisches von diversen Blättern ab, wies auf ihre mannigfachen Schirmfrauenschaften hin und auch zwei Spitzen gegen Biermann flogen durch das altehrwürdige Brechthaus. Schon als kleene Göre saß Nina hier im Rang und entdeckte Brecht für sich. Und auch Kurt Weil, denn was wären die Lieder ohne die Musik?

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Nina Hagen

Es gab eine Zugabe und Nina hätte auch noch gerne weitergemacht, gegen Elf schien sie erst richtig auf Betriebstemperatur gekommen zu sein. Aber zum Glück gibt sie diese Liederabende in unregelmäßigen Abständen immer mal wieder. Eine Chance, diese etwas verpeilte, aber liebenswerte Künstlerin in Action und in Farbe zu erleben.

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