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Manche Lieder sind unendlich

Nina Hagen. Irgendein Bild von ihr hat man wohl sofort im Kopf. Teile ihres Lebens strömten immer mal wieder durch die Presse. Wer mit exzentrischem Punk wenig anfangen kann, wird sie musikalisch wie ich eher nicht wahrgenommen haben. Im Ausland strahlte sie stets greller, bunter und lauter. Doch Faszination löste sie immer schon bei mir aus. Was ich so von ihr mitbekam, waren meist pikierte Berichte, inszenierte Fremdschämmomente konservativer Medien, die in mir das vage Gefühl hinterließen, dass Nina Hagen einfach ein bisschen zu crazy für diese schnöde, graue Welt sei.

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Das BE mit Brecht im frühen Frühling

Was kann also ein Brechtliederabend mit Nina Hagen im Berliner Ensemble anderes werden als eine verrückte Tour de Force?

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Fast schon eine Institution: Nina Hagen sing Brecht

Und im Prinzip wurde er das auch. Nina ist kein junger Hüpfer mehr, die Stimme ist älter, Opernkoloraturen gab es keine mehr, wohl aber das bekannte Quieken, Kieksen und Tonlagengespringe. Ähnlich wild ging es durch das Liederwerk von Brecht, versetzt mit Songs anderer Liedermacher, etwa von Dylan. Je weiter der Abend voranschritt umso dichter wurde ihre Assoziationskette, selbst mitten in einem Song konnte ein Gedankenblitz zu einem anderen Song führen – großartig, wie ihre Begleitmusiker die Melodien aufnahmen und den sitzenden Wirbelwind mühelos auf ihrer Liedschnitzeljagd folgten.

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Nina, großartige Musiker und ein Mann mit Zigarre.

Daneben gab sie eine Menge Geschichten zum Besten, las Historisches von diversen Blättern ab, wies auf ihre mannigfachen Schirmfrauenschaften hin und auch zwei Spitzen gegen Biermann flogen durch das altehrwürdige Brechthaus. Schon als kleene Göre saß Nina hier im Rang und entdeckte Brecht für sich. Und auch Kurt Weil, denn was wären die Lieder ohne die Musik?

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Nina Hagen

Es gab eine Zugabe und Nina hätte auch noch gerne weitergemacht, gegen Elf schien sie erst richtig auf Betriebstemperatur gekommen zu sein. Aber zum Glück gibt sie diese Liederabende in unregelmäßigen Abständen immer mal wieder. Eine Chance, diese etwas verpeilte, aber liebenswerte Künstlerin in Action und in Farbe zu erleben.

Herzen sind nicht immer rot

Im Laufe der Jahre sammeln sich auch bei einer eZine-Redaktion wie dem Fantasyguide diverse Presseagentur-Kontakte an. Da wir eher die langsamen GenießerInnen sind, die meist für die Backlist und weniger für hyperkurze Kampagnen aquirierbar sind, verlieren sich etliche bald wieder.

Gordeon Music Promotion jedoch versorgt mich seit Jahren mit News und toll ist es natürlich, wenn sich da etwas mit meinen Interessen deckt. Als die Mail mit dem Hinweis auf ein Konzert von The White Buffalo in Berlin eintrudelte, dachte ich gleich an den großen Musikliebhaber Frank Böhmert und in der Tat, brannte er gleich lichterloh für das Event und war sich sicher: Das ist was für Dich!

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Mein Musikexperte: Frank Böhmert im Brauhaus Südstern

Da ich eh meine neue Kamera testen wollte, besorgte ich uns Einträge auf der Gästeliste und einen Fotopass.

Wir glühten zünftig vor. Quasi fast neben Huxleys Neue Welt, harrt einer von Franks Lieblingsplätzen seiner Gäste: das Brauhaus Südstern. Im Sommer lockt ein friedlicher Biergarten im Hof, im Winter ultraleckeres Winterale. Neben Brauerei-Führungen gibt’s da auch Live-Musik. Und welch Zufall, just an diesem Abend spielte dort Jumpin‘ Pete, eine Art Urgestein der lokalen Rockszene, zu dessen Besetzung der streitbare Übersetzer Alan Carl Posener gehört – Frank kreuzte einst mit ihm die Klingen.

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Alan Carl Posener

Aber wir mussten vor Konzertbeginn gehen, denn The White Buffalo wartete.

Einheizen durfte aber zunächst Jarrod Dickinson, ein Texaner, der eine tolle Stimme, aber eher durchschnittliche Countrysongs dabei hatte. Muss schon cool sein, als Musiker aus der US-amerikanischen Provinz in einem doch recht großen Club aufzutreten, zumal in einer fernen Hauptstadt. Was würde ein Liedermacher aus Kyritz dafür geben, New York zu rocken?

The White Buffalo kam nach einer sehr kurzen Pause und blieb für gefühlte tausend Songs auf der Bühne. Mir riesiger Spielfreude, Lässigkeit und leidenschaftlicher Kraft rasten sie durch die komplette Bandbreit der Alben, inklusive des gerade erst veröffentlichten Love And The Death Of Damnation. Ich hab‘s nicht so mit Genre-Abgrenzungen, für mich war der Abend eine sehr tanzbare Mischung aus Rock, Country, Hillbilly und Blues. Dazu eine Stimme, der man so ziemliche jede Lebenserfahrung anhörte.

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The White Buffalo – Jake Smith

The White Buffalo ist Jake Smith. Für die Tour hatte er Matt Lynott am Schlagzeug und Tommy Andrews am Bass dabei, der auch ein kleines Keybord für zwei oder drei Songs nutze. Zudem gewann er meinen persönlichen Preis für bestes Basstanzen und Hüpfen seit John Deacon.

Im Publikum gab es etliche Fans, die besonders bei den Balladen mitsangen. Bestimmt kannten etliche von ihnen The White Buffalo aus der TV-Serie Sons of Anarchy. Einige männliche Gesangsparts klangen so, als ob die Songs ihnen direkt aus dem Herzen sprachen. Und die sind eben nicht nur rot, sondern auch black and blue.

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Es war ein großartiges Konzert, im Netz findet ihr massenhaft Videos samt Live-Aufnahmen von The White Buffalo, falls ihr mal reinschnuppern wollt. Und natürlich gibt’s im FG den Konzertbericht samt zusätzlicher Fotos: The White Buffalo am 27.01.2017 in der Berliner Huxleys Neue Welt

Der eiserne Gisbert

Anfang Dezember verschickte Gisbert zu Knyphausen eine Rundmail an seine Newsletter-Abonnementen, um auf ein Clubkonzert aufmerksam zu machen und ich konnte es kaum fassen, wo es stattfinden sollte: in der Alten Försterei, hier in Köpenick.

Ihr könnt mir glauben, dass ich innerhalb der nächsten Minuten zunächst die Regierungsformalitäten und dann die Karten klar machte. Der Andrang war offensichtlich so groß, dass Gisbert ein paar Tage später ein Zusatzkonzert ankündigte.

Wir kannten bisher nur das Stadion und waren noch nie im Gebäude der Haupttribüne, daher wanderten wir auch wie gewohnt Richtung Hintereingang. Der natürlich zu geschlossen hatte und so kamen wir noch in den Genuss eines kleinen Winterspazierganges, da wir das Stadion fast einmal umrunden mussten.

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Gisbert, ein Wintertag und die Alte Försterei

Das Konzert fand in der Schlosserei statt, quasi das erste Obergeschoss des neuen Eingangsgebäudes und es ist als Konzertlocation der Hammer. Super Verkehrsanbindung, riesiger Parkplatz und bei uns um die Ecke.

Okay, die Bühne ist winzig, aber der Sound ist klasse, die Crew freundlich, die Klos pikobello und nun ja, es gibt auch Bier. Berliner Pilsner kann man mal trinken.

Es begrüßte uns ein Unioner, der uns die große Hintergrundgeschichte des Abends servierte. So lief vor acht Jahren im Stadion der Song Sommertag von Gisbert und machte ihn zum Fan. Als er letztes Jahr versuchte Karten für ein Konzert zu bekommen, waren die so fix weg, dass er sich dachte, es sei wohl einfacher, den Gisbert nach Köpenick zu holen.

Da das Zusatzkonzert bereits am Vorabend stattfand, konnte Gisbert auch gleich loslegen.

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Gisbert zu Knyphausen

Er spielte sich quer durch sein Repertoire und natürlich auch Sommertag. Dazu kamen einige Songs die eventuell oder garantiert auf der nächsten Platte zu finden sein werden, für die er im März ins Studio geht. Selbst an den Texten arbeitet er noch.

Ganz wunderbar fand ich seinen Song zum Timm Thaler Film von Andreas Dresen, der allerdings ganz am Ende des Abspannes laufen wird. Wer nicht so lange warten wollte, konnte sich gestern eine Vinyl-Single kaufen.

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klein, aber fein: die Bühne der Schlosserei

Ein Klubkonzert ist etwas feines. Die Stimmung ist, gerade bei einem Liedermacher, meist friedlich familiär und auch Gisbert schien die eher intime Atmosphäre zu genießen. Es war ein wunderbarer Konzertauftakt für 2017, zumal ich Gisberts Songs eher im Winter und im Herbst höre.

Es wäre wirklich wunderbar, wenn sich die Schlosserei als Konzertort etablieren könnte – so fix und früh waren wir noch nie zu Hause. Fehlen jetzt eigentlich nur noch ein paar Szenekneipen links und rechts für die lauen Sommernächte.

Verkifft bis heiter

Wenn ich mal wieder eine spannende Musik für mich entdecke, will ich sie auch live sehen. Das ist in Berlin zum Glück nicht ganz so schwer.

Im Frühjahr lief mir Die Heiterkeit über den Weg, vielmehr las ein ein paar spannende Artikel über die Band und nach drei Songs und zwei Videos wurde die Platte mit dem elegischen Namen Pop & Tod I / II gekauft.

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Pop & Tod I / II, Cover von Sonja Deffner

Für Konzerttickets fuhr ich extra zur KoKa36, denn das ganze sollte im //:about blank stattfinden, das seine Karten wohl nicht von jedem verkaufen lässt.
Noch nie gehört. Das ganze stellte sich als kleiner Klub in einem ehemaligen Wirtschaftsgebäude heraus und sah so aus wie Jugendclubs früher.

Natürlich waren wir zu früh. Ich habe keine Ahnung, warum man auf Tickets Zeiten draufschreibt, wenn man sie doch nicht einhält.
Als jemand, der Wochentags kurz nach fünf aufsteht, sehe ich das nicht ganz so gelassen.
Nun gut, irgendwann fing die Vorband Luchs (Facebook-Link) an, eine gothrockige Damenkombo, die mit breitem Bass hämmerte, aber ihre Stimmen nicht sonderlich in die Anlage brachte.

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Luchs

Die Heiterkeit trat dann auch komplett ohne Schnickschnack auf, was ich nach den kunstlastigen Videos nicht erwartet hatte.

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Der Klub war recht dunkel, aber das sind: Die Heiterkeit

Aber der Kontrast von Grabesstimme (Stella Sommer) und den hohen Stimmen von Hanitra Wagner am Bass und Keyboarderin Sonja Deffner ist schon cool.

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Stella Sommer mit einem Lächeln

Die Lieder sind ehrfurchtgebietend und es wäre ein tolles Konzert gewesen, wenn uns der Qualm diverser Räucherwaren nicht auf den Magen geschlagen wäre.

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Niemand trällert »Nacht« so schön wie Sonja Deffner

Das war sowas von 90er Jahre. Ich bin wohl zu alt für stinkende Klubs. Dieser ist von der Liste meiner Konzertlocations geflogen.
Die Heiterkeit natürlich nicht. Denn so cool, lässig und episch wie Stella Sommer singt wohl nur noch Dirk von Lotzow, aber der ist ja auch lediglich ein paar Tage nach mir geboren worden.

Das war mein Konzertjahr 2016. Weiter geht’s 2017 im März mit Knorkator. Da wird Gras bloß gehäckselt und nicht geraucht.

Zwischen Kunst und Künstlichkeit

Über Klaus Nomi wurde ich auf Antony and The Johnsons aufmerksam. I’m a Bird now gehört zu meinen großen Lieblingsalben für bestimmte Stunden.

Keine Frage, dass ich mir auch das jüngste Werk, der sich inzwischen Anohni nennenden Künstlerin zulegte. Es ist elektronischer und auf den Text fokussierter. Gespannt war ich auf das Konzert gestern im Tempodrom.

Das Tempodrom ist eine fürchterliche Konzerthalle, eigentlich vermeide ich es, dorthin zu gehen. Die meisten Sitzplätzen verlangen einen verdrehten Körper, um auf der Bühne etwas zu sehen, die Getränke sind überteuert, aber zumindest sind die Toiletten okay, die man mangels Getränke aber nicht braucht.

Gut, dafür kann Anohni nix.

Das Konzert begann zwar nicht pünktlich aber ohne Vorband. Dafür mit Naomi Campbell.

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Naomi im Bunker

Sie spielte ja schon im Video zu Drone Bomb Me mit und offensichtlich von diesem Dreh durften wir uns zunächst über fünfzehn Minuten eine Schwarzweiß-Performance ansehen.

Eine Viertelstunde zu anschwellenden und abschwellenden Geräuschen wand sich die gute Frau, mal erfreut, mal etwas ernster blickend und zunehmend wurde es unruhig im Saal.

Dann blendete das Bild über in ein auf Zombie geschminktes Gesicht und Hopelessness begann.

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Hopelessness von und mit Anohni

Links und rechts einer Rampe ackerten sich zwei Männer an Laptops ab, während in der Mitte eine Burka-Getarnte Person ein Mikrofon herumtrug. Vielleicht war es Anohni, vielleicht auch ein Double, sicher konnte man sich nicht sein. Mit zunehmender Länge des Abends, was nicht so lang war, nahmen meine Zweifel zu, es mit einem Live-Konzert zu tun zu haben. Definitiv kamen diverse Stimmen vom Band, die Musik sowieso. Zwar sah man, dass sich die Gaze der schwarzen Gesichtsmaske bewegte und auch, dass dahinter jemand inbrünstig sang, aber sicher bin ich mir nicht.

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Hinter der Burka

Wenn Anohni tatsächlich solange fast unterbrechungsfrei glasklar durchsingen kann, gebührt ihr großer Respekt. Aber es gab keine persönlichen Worte, keine Begrüßung, keine Vorstellung der beiden Laptopper, überhaupt nichts weiter, nicht einmal eine Zugabe.

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Die Sängerin und ihre Augen

Dafür konnte man auf der Leinwand diverse Frauengesichter dabei beobachten, wie sie mit ganz unterschiedlichen Gefühlsausdrücken zu den Lyrics der Songs ihre Lippen bewegten. Es gab sogar Tränen, während davor die Burka sehr theatralisch performte.

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Performance, Art und Sound

Ganz zum Schluss redete uns eine alte, bronzefarbene Frau, wahrscheinlich eine Aborigine, riesengroß von der Leinwand herab ins Gewissen.

Was zum Album natürlich wunderbar passte. Aber auch extrem transzendent ist.

War das Kunst oder ein schlechtes Konzert, vielleicht sogar Betrug? Keine Ahnung. Auf jeden Fall werde ich für den Preis kein zweites Konzert von Anhoni besuchen.

Sing darüber!

Wenn die Welt nicht so ganz den Erwartungen entspricht und überall eher Zerstörung anzutreffen ist, schreibt PJ Harvey darüber.

Für ihr The Hope Six Demolition Project bereiste sie die Welt, schrieb düstere Berichte, wunderschöne Songs und besuchte gestern Spandau.

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Mittsommer in Spandau

Das liegt im sonnigen Norden Berlins und hat eine malerische Konzertlokation: Die Zitadelle.

Wegen der exorbitanten Preise reiste ich ganz alleine an, was nicht perfekt aber gerade noch ertragbar ist. Mit einer riesigen Band machte PJ Harvey einen gehörigen Rabatz.

Bis zu zehn Musikern gab der Abend ausreichen Gelegenheit, zu zeigen was sie können. Und das war eine Menge. Einmal spielte ein Bläser gleich zwei riesige Messinggeräte auf einmal. Saxophone vielleicht? Auf jeden Fall sehr groß.

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Oft wirkte die Performance theatral. Verteilt aufgestellter Chor, Trommelträger, große Gesten der Sängerin im Raben-Gefieder – wie in einem Theaterstück.

Es gab Songs aus allen Schaffensperioden. Natürlich vom neuen Album The Hope Six Demolition Project und von Let England Shake, das Album durch welches ich sie kennenlernte und das immer wieder als Referenz in Interviews genannt wird.

Es ist ist auch ein großartiges Album, von ersten bis zum letzten Song perfekt. Das neue klingt ähnlich und auch exakt genauso bitterböse in den Texten, soweit ich das verstehe.

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Es war das einzige Deutschlandkonzert

Aber es folgten auch noch ältere Sachen, die ich nicht kannte, dafür aber das begeisterte Publikum. Tatsächlich fanden sich viele Freundeskreise ein, die eine Generation älter schien als ich. Kommt nicht so oft vor bei Konzerten.

Aber so ein Abend zur Sommersonnenwende kann schon ein wahrer Jungbrunnen sein. Nach anderthalb Stunden und zwei kleinen Zugaben war Schluss, aber PJ Harvey und ihre fantastische Band hatten in der Zeit auch eine Masse Lieder mit großer Power gespielt, sodass wohl jede und jeder zufrieden war.

Komm mit ins All, Tag!

Es ist ein grandioser Mai in der Stadt. Irgendwie Sommer und doch blüht und grünt es überall wie frisch aus den Samen gepellt.
Zeit für Abendkultur!
Zum Glück kann man in Berlin recht spontan coole Dinge erleben, wie etwa einen gut aufgelegten Jochen Distelmeyer im Kreuzberger Club Bi Nuu.

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Männer habens auch nicht leicht: Tragedy!

Distelmeyer tourt gerade mit seiner neusten Platte voller Coversongs und beglückte uns gestern mit herrlichen Fassungen von Tragedy (Bee Gees), Video Games (Lana Del Rey), Take the Long Way Home (Supertramp) oder Bitter Sweet Symphony (The Verve).
Den Bandnamen Supertramp werd ich wohl nie wieder ohne laszives Kicksen aussprechen können und Tragedy ist jetzt ganz eindeutig ein verdorbenes Miststück geworden.

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Super! Tramp!

Das Gute am Bi Nuu ist, dass man die Sauna gratis dazubekommt und hier quillt dem Lufthungrigen dann ganz nebenbei einen Lobgesang auf das Rauchverbot aus der verdörrten Kehle.
Was natürlich nicht für den Künstler galt, der nach der Pause mit Fluppe zurückkam und als Zugaberunde in den Blumfeld-Archiven wühlte, was natürlich mit Tausend Tränen tief begann.
Der Song, der auch mich einst mit der Stimme von Distelmeyer auf ewig ins Blaue band.

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Alles für die Kunst …

Der Weg nach Hause und zur S-Bahn führte dann über die Oberbaumbrücke und vermutlich gibt es keinen schöneren Blick auf das Stadtzentrum bei Nacht. Dazu die milde Luft, friedliche Nachtschwärmer und eine dunkle Spezialiät aus Bad Köstritz – perfekt.

Ab ins All mit dir, schnöder Alltag!

Aus Sternenstaub gemacht

Das Tipi am Kanzleramt ist noch gar nicht so alt, strahlt aber eine Atmosphäre aus, als stünde es schon seit hundert Jahren.

Die Freiheitsglocke und das Tipi

Die Freiheitsglocke und das Tipi

Und es hatte tatsächlich etwas vom Chick der goldenen 20er Jahre, als dort Sven Ratzke sein neuestes Programm Starman präsentierte.

Show-Poster

Show-Poster

Man sah Drag-Queens neben Bubiköpfen, Anzüge neben glitzernden Abendkleidern und jede Menge umherwuselnde Kellnerinnen und Kellner, geschickt Tablets voller Weingläser jonglierend oder Ständer mit Prosecco platzierend.

Da wir spontan und kurzfristig gebucht hatten, saßen wir in der ersten Reihe, direkt am Bühnenrand. Zum Glück etwas seitlich, denn in der Mitte gab es einen kleinen Tritt, den der Künstler gern nutze, um sich in das illustre Premierenpublikum zu mischen. Dort trieb er homoerotische Scherze, Mannheim-Bashing und versorgte sich auch charmant mit Getränken.

Tatsächlich beherrschte Sven Ratzke vom ersten Ton an Bühne und Zelt. Er benötigte keine Kulissen für seine David Bowie-Interpretationen, alleine sich und eine phantastisch spielende Band, die aus Gitarre, Schlagzeug und einer Piano/Keyboard-Kombi bestand – seine beautiful boys.

Das Star Child

Das Star Child

Ich bin nun nicht der Bowie-Crack, aber Songs wie Starman, Space Odditty, Ashes to Ashes oder Heroes sind schon Songs, die weit über den einfachen Hit-Status hinaus strahlen.
Sven Ratzke verband die Lieder mit Geschichten, die alle irgendwie zu ihrer Entstehungszeit spielten. Wir reisten so zwischen Berlin, Amsterdam, London, New York und Hollywood umher. Berührten die Sterne, wurden zu Sternenstaub, widerstanden dem Sog des Rock’n’Roll-Suicides und folgten den erotischen Spuren der Nacht.
So muss sich das Bowie wohl auch gedacht haben, damals, vor ewigen Jahrzehnten und so mancher im Zelt schien dabei gewesen zu sein.

Ein Abend, wie geschaffen für einen taumelnden Trip durch die Metropole, doch bei all dem Glühen und Glimmen des Sternenstaubes auf unseren nachtkalten Haaren blieb doch die dräuende Gewissheit, dass ein weinerlicher Wecker vor Sechs wimmern würde und so übergaben wir uns dem Nahverkehr für eine typische Fahrt durch die dreckige Baustellenstadt Berlin bis uns der Bus in die tief und fest schlafende Vorstadt entließ.

Der Starlight-Expressbahnhof

Der Starlight-Expressbahnhof

Kuckuck, Kuckuck oder was ist Glück?

Sturmfreie Bude ist in mittleren Jahren etwas Heiliges. Wie schon ein grummliger amerikanischer Sänger bekannte, das schwierigste im Leben sei manchmal, ein Rendezvous mit der eigenen Frau zu arrangieren.

Nachdem nun auch der letzte Milchbart in pädagogischer Mission die Welt erkundet, wurde es für die Erziehungsberechtigten ernst. Abendplanung!
tip gekauft und los. Einfacher Plan, im Herbst auch deutlich einfacher als im Sommer, wenn lauter Notprogramme zu finden sind. Diesmal also Hauptacts!
Auf dem Cover des tip posiert Balbina.

Der tip – Balbina über das Grübeln

Der tip – Balbina über das Grübeln

Jene erstaunliche Entdeckung des Frühjahrs. Gehypt und von mir getestet. An die Musik musste ich mich erst gewöhnen, aber ihre Texte hatten mich von Anfang an eingefangen. Mit bewundernswerter Leichtigkeit pult sie aus dem Alltag existentielle Fragen und betrachtet Winzigkeiten mit ganz großen, staunenden Augen.
Ihre Videos erwecken den Eindruck, als wolle sie die deutsche Lady Gaga werden, also Kunstfigur und so.

Aber live ist eine ganz andere Hausnummer. Meine Freude war demnach riesengroß, dass sie gleich am ersten freien Abend im Postbahnhof spielte. Und es gab noch Karten! Erschwingliche Karten!

Es war ein grandioses Konzert. Balbina zeigte sich nicht nur rockiger in einigen Songs, sie war auch sichtlich überwältigt vom textsicheren und begeisterten Publikum. Es gab scheinbar gut geschulte Frauenchöre, die jeden Song inbrünstig mitsangen und sich auch sonst köstlich lautstark amüsierten.
Und dann stand die kleine, zarte Balbina in ihrem sperrigen Kleidchen auf der Bühne und sagte:

Das ist Glück.

Balbina im Postbahnhof

Balbina im Postbahnhof

Keine Spur von künstlicher Figur oder Mode-Affekt. Einfach eine Sängerin, die ihr Ding macht und ohne große Probleme oder Pomp einen Saal zum Jubeln bringt und es kaum fassen kann, was ihr da widerfährt.

Genau dieses Glücklichsein nahmen wir mit nach Hause.

Was für ein Sommerwort: Patsche!

Offensichtlich ist der wunderbare Titel In der Patsche mit … für das gestrige kleine Musik-Festival im Astra aus dem lustigen Hirn Francesco Wilkings entsprungen. Ein tolles Wort, diese Patsche. Und da hat er Recht. Mit Sommer hätte ich es nicht verbunden, aber das Wetter gestern hatte ja auch so rein gar nichts mit der warmen Jahreszeit zu tun.

Egal. Ich war indisch gestärkt und stellte mich auch brav in die dritte Reihe, als Guidebooks pünktlich mit einer Art Elektro-Rock den Abend eröffneten. Gar keine schlechte Mucke.

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Guidebooks

Hier gab es auch eine von zwei Frauen auf der Bühne zu sehen, womit dort das Geschlechterverhältnis direkt entgegengesetzt zum Publikum aufgestellt schien.
Seltsam auch die Altersverteilung. Auf der Bühne eher in Richtung meiner luftigen Höhe, bewegte es sich davor etwa 20 Jahre von mir entfernt. Nach unten … :yawn:

Der zweite Act wurde von Ritter bestritten. Mit dem Band-Namen kann man eine Google-Findung vergessen, musste ich feststellen. Textlich nicht mein Ding, sang der Frontmann seine vier Lieder sehr enthusiastisch und wurde von den Tele-Musikern mit Kutschengeräuschen in den Liedpausen motiviert.

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Ritter sang auch im Duett mit einer Frau, deren Namen ich leider nicht verstand

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Wer kennt diese Sängerin?

So stelle ich mir übrigens die Janet aus Joanna Russ‚ Roman Eine Weile entfernt vor, den ich ja grad lese. Lässig, weil sie es sein will.

Dann kam die Band, deren Schild bereits die ganze Zeit im Hintergrund zu sehen war: Tele. Sie wurden frenetisch bejubelt und gaben sich dadurch für mich als einer der Hauptacts zu erkennen, obwohl sie mir jetzt so gar nichts sagten. Allerdings gab Sänger Francesco einen so schlumsigen, verpeilten, liebenswerten und begeisterten Sänger ab, dass mir Band und Musik auf der Stelle gefielen.

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Muss man liebhaben: Francesco Wilking

Und dann kam mit Falschrum sogar ein Song, den ich kannte. Fritz!-Hören bildet.
Tele hatte seit fünf Jahren nicht mehr in dieser Besetzung zusammengespielt, was mir nicht weiter auffiel, die Sache aber wohl erst Recht für alle zu einem Fest machte.

Aber, ich war ja wegen Gisbert zu Knyphausean da und der kam als Nächstes.

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Gispert zu Knyphausen war mit uns zufrieden, hätten ja auch andere da sein können.

:yes:

Er sang ganz allein (und musste dabei mit einer gerissenen Saite kämpfen, freundlich mit Schlangenzischen ermuntert) ganz viele jener Lieder, die man nach dem ersten Hören nie wieder aus der Körpermitte herausbekommt.

Ich musste mich drumherum mit einem zwar netten aber ultra nervigem Punkerpärchen herumquälen. Er pfiff in meine neuen und immer noch sehr empfindlichen Trommelfelle als müsste mein Hirn ins All geschossen werden und sie hielt es für völlig unschädlich, mir ihren spitz benieteten Rucksack immer wieder übers Bäuchlein zu ziehen. Überhaupt schienen sie beide das Gefühl zu haben, ich stände auf Gruppenkuscheln. Nun, ich bin hundert Kilo standfester Berliner Trotz und irgendwann schnallte ich mir meinen Rucksack auf den Bauch. Nonverbale Kommunikation ist sehr effektiv gegen Punkerpärrchen, wie mein Pokémon-Lehrer einst erklärte.

Natürlich hielt mich das Geplänkel nicht davon ab, ein sehr, sehr schönes Konzert von Gisbert zu genießen, welches nahtlos in das von Höchste Eisenbahn überging.

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Gisbert blieb für ein gemeinsames Jammen mit Höchste Eisenbahn auf der Bühne

Sänger ist hier auch Francesco Wilking, der sein im ersten Auftritt zerrissenes Fuchshemd gegen irgendeine andere Bekleidung austauschte, die seinem Teddybärcharme nichts anhaben konnte. Mit Gisbert zusammen jammten sie ziemlich wild und witzig herum, texteten aus dem Stehgreif reihum und soger ein Grexit schien möglich.

Die Musik unterschied sich für mich nicht, allerdings geht mir das oft so bei Bands, die denselben Sänger oder Sängerin haben.
Passenderweise war es auch für mich höchste Eisenbahn, meine schmerzenden Füße Richtung Bett zu bewegen, denn ein Donnerstag droht immer mit dem Freitag und der beginnt 5:10 Uhr.

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Da war es Höchste Eisenbahn nach Köpenick zu gondeln!

Ein wunderschöner Konzertabend, nicht nur weil Gisbert großartig war, sondern weil ich wieder einmal für mich neue Musik entdeckte. Auch wenn ich das im Fall von Tele schon eher hätte haben können, hätte ich 2004 gleich nachgeforscht.

Aber manchmal patscht man im Trüben nach der Fahrradkette …

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