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Sternenmaske des Todes

Beim BBE 2020, von dem ich jüngst berichtete, las auch Frederic Brake wieder einmal. Während der Begrüßung im Discord war ich ahnungslos im Flachserei-Modus, als er mich in nordisch trockener Art daran erinnerte, seine Anthologie »Sternentod« noch besprechen zu wollen.

Ohje. Ja, ich hatte das Buch vom Verlag bekommen, p.machinery bringt gefühlte 50 davon im Jahr heraus, aber mein Bedarf an zu rezensierenden Anthologien ist gering. Aber ich hatte das Buch da und auf dem letzten BuCon kam das Buch im Gespräch mit Frederic zu Wort …

Frederic Brake auf dem BuCon 2019

Jedenfalls ging ich nach der Lesung auf die Suche und fand »Sternentod« ordentlich bei den Anthos einsortiert. Also an einem von zig möglichen Orten – meine Bücherregale neigen dazu, chronisch an Überfüllung zu erkranken.

Das Buch hatte ich also in der Hand und ein Zähneknirschen begleitete den Fund: 430 Seiten, 20 Geschichten. Ich kannte nun meine Gründe, warum die Antho ungelesen ins Regal wanderte. Da kam eine Menge Arbeit auf mich zu, denn mein Anspruch an eine Antho-Rezi ist, zu jeder Geschichte etwas zu schreiben und dann auch zu jeder Autorin und jedem Autor eine Seite im Fantasyguide anzulegen. Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis offenbarte mir, dass da viele neue Namen zu finden waren. Aber auch einige Bekannte. Mit Felix Woitkowski wuchs auch meine Hoffnung auf eine hohe Qualität.

»Sternentod« herausgegeben und mit einem Cover von Frederic Brake

Komplett unbekannt war mir allerdings der Name »Two Steps from Hell«. Deren Musik sollte die Inspiration der Texte sein, so die damalige Ausschreibung zur Antho. Tja, und da ich weder die Inspirationsquelle kannte, noch Klappentexte lese, war ich denn doch erstaunt, dass »Sternentod« keine SF-Kurzgeschichten enthielt, sondern Fantasy. Weder Titel noch Cover legten diesen Inhalt bei einem flüchtigen Blick nahe. Wobei das Cover schon Hinweise bietet und wenn man die Titelgeschichte liest passt das schon. Aber so richtig nach Fantasy duftet das Buch erst einmal nicht.

Und noch eine Überraschung gab es, denn ich hatte doch tatsächlich im Juni 2019 eine Lesung aus der Anthologie in Second Life besucht! Daran erinnerte ich mich aber erst beim Lesen der Geschichte von Gabi Behrendt, denn »Cohens Greife« waren mit tatsächlich im Gedächtnis geblieben. Leider hatte ich damals keinen Bericht geschrieben, aber ich fand den Ordner mit Screenshots und Notizen. Doch ganz nützlich, wenigstens das immer zu erstellen.

Screenshot aus der SL-Lesung, am rechten Rand sieht man die Avatare von Frederic und Gabi

Aber zur Anthologie. Mit jeder weiteren Geschichte wurde mir klarer, dass Frederic hier eine wirklich feine Sammlung zusammengestellt hatte. Es gibt keine wirklich schwache Geschichte, dafür jede Menge ganz unterschiedlicher, aber rundum gelungener Werke. Ein paar Kritikpunkte gab es schon, etwa gut gemeinter Feminismus der nach hinten losging, aber alles in allem ist »Sternentod« eine sehr gute Fantasy-Anthologie und ich bin mir sehr sicher, dass von den mir bisher unbekannten unter den Mitwirkenden noch weitere sehr gute Geschichten kommen werden.

Denn das ist das Gute an einer fleißigen Anthologieproduktion: Sie bietet Chancen zur Veröffentlichung. Wenn doch nur auch so viele KäuferInnen und LeserInnen von Kurzgeschichten nachwachsen würden.

Zu jeder Geschichte hörte ich mir hinterher auch die inspirierenden Songs an und zu einigen gab es sogar Videos. Keines der Stücke kam mir bekannt vor. Epische Filmmusik als Mischung aus Bombastrock und Mittelalter – für mich ohne bleibenden Eindruck, ich hätte mich schwer getan, inspiriert zu werden, aber in vielen der Texte konnte ich Elemente der Stücke wieder erkennen.

Ausführlicher zu den einzelnen Geschichten habe ich mich wieder in der Rezi ausgelassen: Sternentod herausgegeben von Frederic Brake

Natürlich ließ ich es mir auch nicht nehmen, endlich mal ein Interview mit Frederic für den Fantasyguide draufzupacken und da die Antworten fast postwendend kamen, konnte ich das Projekt sehr zufriedenstellend abschließen: Interview mit Frederic Brake

Das Wimmeln im Tank

Bereits im Klassikerlesezirkel des Monats April lasen wir im SFN »Das seltsame Tier aus dem Norden« von Lars Gustafsson. Aus diversen Gründen dauerte es einen Monat, ehe ich mich an die Rezension machte und erstaunlicherweise bemerkte ich beim Durchblättern für die Besprechung, dass mir das ganze im Nachhinein doch wesentlich besser gefällt, als während des Lesens im Zirkel.

Das seltsame Tier aus dem Norden von Lars Gustafsson; Cover: Claus Seitz und Franco Maria Ricci

Das Buch ist im besten Sinne Ideen-Literatur, unter phantastischen Gesichtspunkt eng an Lem angelehnt, von ihm stand auch die Idee einer Schwarmintelligenz von Mikrolebewesen in einem Tank. Bei Gustafsson ist diese Intelligenz der Lenker eines Sonnenseglers und vertreibt sich die Zeit damit, sich selbst Geschichten zu erzählen. Dabei bedient er sich unterschiedlicher erzählerischer Methoden. Mal gibt er nur eine Parabel zum besten, mal skizziert die Handlung nur und dann folgt gleich darauf eine komplett auserzählte Story. Eine Methode, die sich heute noch in den Geschichten von Erik Simon finden lässt.

Schwierig waren für mich die philosophischen Einschübe, da hier doch recht komplexe Gedanken gewälzt wurden, denen ich nicht folgen konnte. Meist sehe ich bei solchen Themen das Problem nicht. Aber das kann man ja Gustafsson nun nicht zur Last legen.

Es war also wirklich gut, das Buch nach der Lektüre etwas ruhen zu lassen und sich beim Schreiben mit dem zu befassen, was man dann als Nachhall in sich findet.

Deshalb ist die Rezi auch recht umfangreich geworden, weil ich auf jede Geschichte eingehen wollte: »Das seltsame Tier aus dem Norden« von Lars Gustafsson

Die Liebe in mir ist das Böse in dir

Nach dem famosen »Shape Me« und dem coolen Interview mit ihr war klar, dass ich unbedingt mehr von Melanie Vogltanz lesen wollte und kaum gedacht, brachte sie auch schon ihr nächstes Buch heraus: »Schwarzmondlicht«. Im Selbstverlag, da der ursprüngliche Verlag sich in die Unanständigkeit katapultierte. Also bestellte ich bei ihr direkt und bekam mitten im Corona-März ein veritables Buchpaket:

Prall gefüllt

In der Widmung steht ein historisches »Bleib gesund.« – der März 2020 hat schon jetzt seine eigenen Legenden.

Ebenso wie »Schwarzmondlicht«, denn neben dem Verlagsdesaster kann die Autorin auch eine Menge zur Editionsgeschichte erzählen, immerhin ist das Werk eine stark überarbeitete Neufassung ihres Debüt-Romanes »Luna Atra« – im Vorwort klärt sie uns darüber auf.

Nach dem SF-Kracher nun düstere Fantasy? Eigentlich nicht ganz. In der SF gibt es für eine Handlung in nächster Zukunft den Begriff Near-Future, in der Fantasy ist Urban-Fantasy üblich. Aber so ganz mag ich »Schwarzmondlicht« dort nicht hineinpacken, denn die Handlung und ihre Bearbeitung kratzt fast alle Bereiche der Phantastik, also auch den Horror und das Märchen, im weitesten Sinne sogar die SF.

Nennen wir also dieses kleine literarische Schätzchen einfach: phantastische Phantastik!

Alles was man für die anspruchsvolle Lektüre benötigt.

In meiner Nachrichtenblase hatte ich das Gefühl, Roman und Figuren seien seit Jahrtausenden überall bekannt, nur ich hinke wieder hinterher. Es gibt Jugendliche mit besonderen magischen Fähigkeiten, die es ihnen nicht gerade leicht machen, ihren Weg zu finden und ihn dann auch zu gehen. Klingt erst einmal nicht ganz so überraschend neu, spannend wird’s dadurch, dass Melanie Vogltanz ihren Figuren scharf in die Psyche blickt und dabei kein Auge zudrückt. Es werden folgenschwere Fehler begangen, Verrat geübt, Gutes rächt sich, Böses steckt in harmlosen Absichten und es gibt eine ganze Menge Leid und Schmerz.

Was mir besonders gefiel, wie auch schon in »Shape Me« erspart uns Melanie Vogltanz billige oder einfache Lösungen. Es werden auch keine LeserInnenwünsche erfüllt, a la: »Die sollen sich kriegen!« oder »Das muss geheilt werden!« – dadurch fühlen sich Figuren und Handlungen sehr, sehr lebendig an.

»Schwarzmondlicht« beweist mir erneut, dass Melanie Vogltanz eine exzellente Erzählerin ist, die Komposition des lebens beherrscht und mehr als einen Blick in die Finsternis warf. dort wo die Phantastik ihre schwarzen Perlen aufbewahrt.

Mehr zur Handlung und den Figuren gibt es in meiner Rezi: Schwarzmondlicht von Melanie Vogltanz

Die Leere des Dienens

Lange zögerte ich, ob ich zum zweiten Band der »Kleinen Frauen« von Louisa May Alcott einen Blogbeitrag nachreichen soll, denn das Buch war in Summe eine große Enttäuschung.


»Der Ernst des Lebens« von Louisa May Alcott

Als die Verfilmung angekündigt wurde, befasste ich mich der beteiligten Schauspielerinnen wegen mit dem Stoff und erfuhr, dass »Kleine Frauen« eine besondere Bedeutung auch heute noch für die amerikanische und englische Literatur und Gesellschaft besitzt. Nach der Lektüre des zweiten Bandes entsetzt mich das zutiefst, denn gerade in ihm wird ein völlig überkommenes Frauenbild dargestellt. Es ist eine Art Lehrbuch für bürgerliche Mädchen in den USA zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Eine Anleitung, wie man ohne im Stand zu sinken, als Frau überleben kann. In erster Linie mit: Diene Männern. Selbst meine Lieblingsfigur aus dem ersten Band, die wilde, lebenshungrige und so unabhängige Jo mit ihrem Faible fürs Schreiben geht am Ende im Dienst an Jungs auf. So lieb kann man die Figuren gar nicht gewinnen, dass man sie hierfür am Ende dann doch zu hassen beginnt.

Das Buch mag 1870 für eine ganze Generation junger Bürgerliche hilfreich und inspirierend gewesen sein, aber für wen im 21. Jahrhundert soll das noch ein wichtiger Ratgeber sein? Die Ideologie dahinter führt direkt nach Gilead.

Nein, »Der Ernst des Lebens« kann ich nicht empfehlen, außer man beschäftigt sich wissenschaftlich mit Zeit, Autorin, Thema oder Umstände. Das Buch gehört in seine Zeit und sollte dann dort auch wieder vergessen werden (mal von der völlig vergeigten Buchausgabe, die ich mir besorgt habe, ganz abgesehen).

Ein paar Worte des Entsetzens mehr in meiner Rezi: »Der Ernst des Lebens« von Louisa May Alcott.

Ein Kuss nur bis zur Sterblichkeit

Es gibt Menschen im Leben, die begleiten einen nur ein paar Augenblicke im Leben, sind aber aus unerfindlichen Gründen für immer fest eingebrannt in das Denken und Befinden.

So geht es mir mit Blaustrumpf. Die wortgewandte und streitfreudige Dichterin lernte ich in der leselupe kennen und ruckzuck wurden wir Geistesverwandte. Wir hatten dasselbe Blödellevel und verabscheuten dieselben Werke und auch dieselben Lupinen. Einmal trafen wir uns sogar in Berlin und meine Begeisterung wurde noch größer, leider huschte sie virtuell in andere Gefilde und da sie ihr Privatleben streng schützt, verlor sich jeglicher Kontakt. Jedoch hab ich einige ihrer Hinweise und Tipps befolgt. Durch sie lernte ich Gösta Berling und Jeanette Winterson kennen.

Frankissstein von Jeanette Winterson; Cover: Maurice Ettlin

Wegen Blaustrumpf hatte ich auch keinerlei Bedenken, mich in das neueste Werk von Jeanette Winterson zu stürzen und ich bin hellauf begeistert. Der Roman ist eine geniale Verknüpfung von Mary Shelleys »Frankenstein« und den großen Themen künstliche KI und Diversität. Schöpfungen auf unterschiedlichsten Ebenen und ethischen Kreisen verbinden sich zu einem großartig geschriebenen und wunderbar konstruierten Roman, vor dem man auf die Knie fallen möchte. Solche Bücher machen, trotz einiger sehr heftiger Szenen und Gedanken, glücklich.

Eine ausführliche Rezi gibt’s wieder drüben im Fantasyguide: »Frankissstein« von Jeanette Winterson

Tausend Jahre nach der Krise

Die Zerbröselung der Normalität macht auch mir zu schaffen. Irgendwie ist es schwer, sich profanen Dingen zu widmen, wie den Erstellen von Rezis oder Blogeinträgen, die doch aus einer Zeit stammen, die so unvorstellbar weit weg scheint. Aber das ist wohl nur der Elf in mir. Irgendwann wird das Bergwerk wieder eröffnet, sagt der Zwerg in mir und darum geht’s jetzt wieder weiter.

Und gleich megapassend, denn ich rezensierte einen SF-Roman aus Ungarn. 1974 veröffentlichte Klára Fehér ihren SF-Umweltroman »Oxygenien«, in dem ein junger Mann von der Erde während der Hochzeitsreise auf einem seltsamen Planeten strandet. Während seine Frau im Orbit versucht, Kontakt zu ihm zu bekommen, lernt er eine Welt kennen, in der die Menschen tausend Jahre nach dem Umweltgau gezwungen sind, mit Sauerstoffmasken zu leben.

Oxygenien von Klára Fehér; Cover: Gyula Feledy

Sie arbeiten für Sauerstoff, schlafen in riesigen Sälen, essen in öffentlichen Kantinen und träumen vom großen Frühlingsfest. Keine Individualität, keine Kultur, alles steril und streng getaktet. Zum Glück stößt Peter auf einen jungen Mann, der anders ist und bald lernt er weitere Seiten Oxygeniens kennen …

Was passiert, wenn eine globale Krise die Staaten und Wirtschaften zusammenbrechen lässt? Wenn jemand eine rettende Lösung findet, dafür aber die Menschen mit Notstandsgesetzen in ihren Rechten einschränkt, alles unter der Ägide, sonst würden alle sterben?

Ja, die Krisen ähneln sich. Und es ist eine ungarische Autorin, die vor den Folgen oligarchischer Willkür warnt. Heute schafft sich das ungarische Parlament selbst ab. So wenig Bock hat man dort auf Demokratie, dass man eines der wichtigsten Bestandteile wegwirft. Notstandsgesetze, Dekrete ohne Kontrollinstanz und plötzlich lebt man in Bedienerstädten wie in Oxygenien nur einen Fehler von der Lobotomie entfernt.

Klára Fehér hat es beschrieben

Als Jugendlicher las ich den Roman in einer umschlaglosen Taschenbuchausgabe, später kaufte ich mir die Romanzeitungsversion und war sehr glücklich, die gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag in einwandfreiem Zustand auf der Buch Berlin in einer Krabbelbox zu sehen. Natürlich habe ich das Buch sofort gekauft und beschlossen, es zeitnah zu lesen.

Cover: Klaus Müller

Da dachte ich noch, einfach einen Klassiker wieder zu lesen. Und nun ist das Buch so radikal aktuell, dass es mich schier umhaut. Oxygenien von Klára Fehér

Gewalt und Göttlichkeit

Die Regenbogen-Ausgabe der Werke von Philip K. Dick gehört zu meinen Highlights im SF-Regal. Als Heyne Anfang der 2000er begann, die »Große Werkausgabe« herauszubringen, nutzte ich die Gelegenheit, meine Lücken in der klassischen US-SF zu füllen. Ich erwarb alle Bücher sofort nach Erscheinen, nur las ich davon die wenigsten.

vollständig, aber lückenhaft mit Eumel: Der Dick-Regenbogen

Kurzes Zwischenspiel für alle Dick-Heyne-Verwirrten: »Wie man ein Universum baut« und »Auf dem Alphamond« sind, trotz Ankündigung, nie in dieser Reihe erschienen! Man findet zwar die Cover im Netz, aber leider ändert es nichts an der Tatsache, dass dem Verlag damals Geld und Puste ausging für die Vervollständigung der Reihe. Die Anzahl der Interessierten war wohl doch nicht so groß.

Zum Glück gibt es ja Lesezirkel, die mich regelmäßig anspornen, Bücher aus den inzwischen sehr gut gefüllten Regalen aufzuwecken. Nach dem »Galaktischen Topfheiler« im Dezember wurde nun »Irrgarten des Todes« im SFN erwählt. Hier gibt es zwar inzwischen auch eine Neuausgabe bei Fischer, aber dieses Mal nahm ich die inzwischen vergilbte Heyne-Ausgabe zur Hand.

Irrgarten des Todes von Philip K. Dick

»Irrgarten des Todes« handelt von einer Gruppe Menschen, die sich auf einen fernen galaktischen Außenposten versetzen ließen und in einer Welt mit realem Gott allmählich an der Realität zweifeln oder besser: an ihr verzweifeln.

Ein sehr typischer Dick-Stoff. Es geht im Subtext natürlich um die US-amerikanische Gesellschaft nach dem Ende der 60er, um Trost- und Hoffnungslosigkeit. Fluffig erzählt, mit etlichen Morden, Wendungen und einem interpretierfreudigen Ende. Sehr gute Unterhaltung, aber eher kein Klassiker. Es gibt keine Sympathieträger, kein wirkliches Handlungsziel und die Auflösung ist zu mehrdeutig, um das Buch gut abzuschließen.

In meiner Rezi gehe ich etwas genauer auf die Handlung ein: Irrgarten des Todes von Philip K. Dick

Das Schneekugelproblem

Selbst wenn ich in Büchern versinke, kann ich der Versuchung nicht widerstehen und erliege hin und wieder den süßen Lockrufen aus tausendundeiner Verlagsrundmail.

So kam »Kryonium« von Matthias A. K. Zimmermann aus dem Kadmos Verlag ins Haus.

»Kryonium« von Matthias A. K. Zimmermann

Der Klappentext las sich vielversprechend. Ein geheimnisvolles Schloss, ein Erzähler ohne Erinnerungen schmiedet Fluchtpläne, ein technoides Märchen, das sich mit Virtualität auseinandersetzt … Ich erwartete einen coolen phantastischen oder SF-Roman.

Nun weisen in letzter Zeit etliche meiner Lektüre-Kandidaten die Eigenschaft auf, gegen Ende hin Genre und Bedeutung zu wechseln, sodass ein spoilerfreies Berichten über alles Aspekte der Bücher nicht möglich ist. So auch hier.

Zwar wird der Märchen bzw. Fantasy-Teil recht schnell surreal und als geübter Leser erkennt man die Tricks der Traumweltverschleierung bald, Matthias A. K. Zimmermann liebt Modelle phantastischer Welten und diese Liebe weht kräftig durch »Kryonium«. Wie sich das alles aber dreht, soll hier nicht verraten werden.

Bis zur finalen Auflösung ergeben sich sehr viele spannende Momente und ich war gern mit dem Ich-Erzähler unterwegs, um die Rätsel hinter den Schneekugeln zu knacken. Leider bricht der Schluss gehörig ein. Mir ist der Sinn des Ganzen klar und ich verstehe, warum der Autor sich gerade für dieses Ende entschied, aber es ist literarisch kein raffiniertes oder gar aufregendes Ende.

Und gerade im letzten Teil haderte ich auch mit dem Stil. Hielt ich den Sachbuchton zunächst für eine besonders dargestellte Eigenschaft des Erzähler und ihn für einen rational-analysierenden Wissenschaftler, wird spätestens mit dem Wechsel der Erzählperspektive klar, dass mir hier eher die Schreibart des Autors im Allgemeinen nicht lag. Das trübt dann im Nachhinein auch die phantastische Aura der ersten beiden Teile, weil ich mir dann denke, dass die Figur einfach nicht wirklich gut geschrieben ist.

Aber das betrifft nicht den gedanklichen Teil des Buches, denn hier gibt es jede Menge Überlegenswertes, sehr viel Informationen und durchaus jede Menge Wissensvermittlung. Insofern fand ich »Kryonium« insgesamt lesenswert und als Science-Fantasy okay. Immerhin ist es das Debüt des Autors, das kann alles noch eleganter werden.

Ein paar Sätze mehr drüben in meiner Rezi für den Fantasyguide: »Kryonium« von Matthias A. K. Zimmermann

Der Relevanztanz

Kurz vor Jahresende habe ich zwar nicht alle Rezensionen abgearbeitet, aber zumindest die letzten beiden Lesezirkelbücher besprochen.

Bereits im November befasste man sich drüben im SFN mit einem der drei diesjährigen Bücher von Dietmar Dath: »Neptunation oder Naturgesetze, Alter!«.

Neptunation oder Naturgesetze, Alter! von Dietmar Dath

Das Buch kam nicht gut weg. Vor allem lag es an der Unausgewogenheit von Story und wissenschaftlichen Diskussionen. Vermutlich hat sich das Lektorat nicht getraut, rigoros einzudampfen oder aber Dath war dieser Part besonders wichtig. Ich habe fast einen Monat benötigt, das Buch zu lesen. Dabei ist es spannend und die wissenschaftlichen Themen interessieren mich auch, soweit ich sie verstehe, aber sie es gibt davon einfach zu viele im Buch und was mich noch mehr ärgerte: Die fein ziselierten Dathschen Figuren referieren alle mit der selben Stimme. Frank Böhmert nannte das den Dath-Fluss und das trifft es sehr genau.

Ich denke, Dath will zu viel. Auf der Rückseite wird ein Zeit-Autor damit zitiert, dass Dath der einzig relevante deutschsprachige SF-Schriftsteller sei. Was für ein Unfug. Was für ein ärgerlicher Unfug. Vielleicht beschränkte sich der Journalist mit Absicht auf Schriftsteller, denn ich habe dieses Jahr eine Menge hochwertiger SF von deutschsprachigen Autorinnen gelesen und selbst unter den Autoren hat Dath ein paar Kandidaten auf Augenhöhe. Mir ist sowieso unklar, was das für eine Relevanz sein soll. Im Feuilleton erwähnenswert zu sein? Mal wieder den KLP zu bekommen?

Dieser Lars Weisbrod sollte den Goldenen Wald mal verlassen und die echte Welt betreten.

In meiner Rezi gehe ich auf den Inhalt des Romanes ein: »Neptunation oder Naturgesetze, Alter!« von Dietmar Dath

Im Dezember gab es einen Klassiker-Lesezirkel und man las mal wieder etwas von Philip K. Dick. »Der galaktische Topfheiler« stand zwar in meinem Regal schon als Bestandteil der Heyne-Regenbogengesamtausgabe, aber eine nigelnagelneue Übersetzung bei Fischer verlockte zum Zweitbuch.

»Der galaktische Topfheiler« von Philip K. Dick, Cover: Rosemarie Kreuzer und Thomas Degen

Der Roman ist abgefahren, befasst sich mit dem Faustthema und ist zudem herzerfrischend kurz und knackig. Da kann sich Dietmar Dath gern zehn Romane von abschneiden. Jetzt weiß ich endlich auch, wie die Kurzgeschichtenreihe von Michael Schmidt über die Galactic Pot Healer Bar zu ihrem Schauplatz kam. Inspiration geht manchmal herrliche Wege.

Auch hier wieder mehr in meiner Rezi: »Der galaktische Topfheiler« von Philip K. Dick

Das war’s dann erst einmal hier im Blog für dieses Jahr. Bald kommt der Jahresrückblick und der versprochene Beitrag zu den SF-Werken von Autorinnen.

Allen einen schönen Start in die Zwanziger!

In der Enge meines Körpers

Meine kleine Lese-Challenge durch die Werke deutschsprachiger SF-Autorinnen brachte mich dazu, auf diversen Kanälen zu lauschen, um ja keine spannende Veröffentlichung zu verpassen. So erfuhr ich von »Shape Me« auch zuerst über Twitter. Die Autorin Melanie Vogltanz ist dort mit teilweise sehr witzigen Zwitschereien unterwegs.

Melanie Vogltanz und Swantje Niemann auf dem BuCon 2019

Zwar erschien das eBook schon zum BuCon, die Taschenbuchausgabe konnte ich mir aber erst auf der Buch Berlin kaufen, direkt aus den Händen der Verlegerin Ingrid Pointecker, die ich nun auch schon seit etlichen Jahren auf Messen und Cons treffe. Ihr ohneohren Verlag ist mir aus guten Gründen seit jeher sehr sympathisch.

Ingrid Pointecker und Laura Dümpelfeld auf der Buch Berlin 2019

»Shape Me« bietet eine oft sehr harte Story um eine Zukunft, in der Normgrößen und Kalorienkonten das Leben bestimmen. Die Firma »Shape Me« macht sich das zunutze und bietet mittels Körpertauschtechnik die Möglichkeit an, dicke Körper durch disziplinierte TrainerInnen wieder fit zu machen, während man selbst derweil im schlanken Körper der »Shape Me«-Angestellten herumläuft.

»Shape Me« von Melanie Vogltanz; Cover: Larissa Kulik und das Maßbandlesezeichen

Welche Schattenseiten das System hat, ist Thema des Romans. Es gibt eine ganze Menge sehr übler Szenen die Hunger und das Leben mit einer tödlichen Krankheit ziemlich intensiv miterleben lassen.

Melanie hat für den Roman nicht nur zu MS recherchiert, sie hat auch versucht, mit 700 Kalorien am Tag auszukommen.

Aber nicht nur die Themen sind stark, auch die Einbettung in einen spannenden Stoff um drei Frauen, die aus unterschiedlichen Richtung in die Probleme geworfen werden. Toll geschrieben, durch diverse Textarten sehr abwechslungsreich angelegt und vor allem ohne Schnickschnack erzählt – »Shape Me« gehört für mich zu den ganz großen SF-Romanen des Jahres und definitiv auf die KLP-Nominierungsliste.

Ich werde meine Lese-Challenge Anfang nächsten Jahres auswerten, aber eins ist gewiss: Es erscheinen ’ne Menge SF-Werke von Autorinnen, greift zu, werdet überrascht, gefesselt und vielleicht auch mal enttäuscht, aber lasst euch nicht erzählen, sie wären wenige oder gar unsichtbar!

Etwas mehr zum Inhalt wieder drüben im Fantasyguide: »Shape Me« von Melanie Vogltanz

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