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In jedem Bild ein kleines Stück Erkennen

Unser Sommerurlaub wird uns nach Dorset führen und schon gleich nach dem Buchen begann ich, mich nach passender Lektüre umzusehen. Da ich die nichtphantastische Gegenwartsliteratur meist ignoriere, suchte ich zuerst nach phantastischen und klassischen Spuren der Literatur in Dorset. Meine Liebste forschte etwas liberaler und fand eine Autorin, die in Dorset lebt und recht erfolgreiche Bücher verfasste. Spontan griff ich mir eines ihrer Werke.

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Die Galerie der verschwundenen Ehemänner von Natasha Solomons, Cover: Barbara Hanke und Cordula Schmidt, Illustration: Jim Tierney

 

Die Galerie der verschwundenen Ehemänner von Natasha Solomons gesellte sich dann erstaunlicher Weise zu zwei Büchern mit ähnlichem Thema, die ich in den letzten Jahren auch eher durch Zufall las: Das Haus der zwanzigtausend Bücher von Sasha Abramsky und Die Geschichte der Liebe von Nicole Krauss.

In ihnen geht es irgendwie auch immer um Biographien von jüdischen Familien die durch Vertreibung und Holocaust in Großbritannien und den USA strandeten. Melancholische Geschichten voller Liebe und Trauer.

Auch Die Galerie der verschwundenen Ehemänner erzählt solch eine Geschichte, wenn auch im Mittelpunkt eine Frau steht, die zu einem wichtigen Teil aus der Enge ihrer jüdischen Gemeinde ausbricht. Vor acht Jahren, an ihrem Geburtstag, verließ sie ihr Mann. Um ihre beiden Kinder ernähren zu können, arbeitet sie wieder im Brillenladen ihres Vaters. Als verlassene Ehefrau steht sie in der Hierarchie der Gemeinde ganz unten, ist eine Unsichtbare.
Da trifft sie auf einen Straßenmaler, dessen Bilder sie ansprechen und beschließt, sich von ihm porträtieren zu lassen. Bald schon gründet sie eine Galerie, sucht nach jungen Malern und wird von ihnen immer wieder gemalt. Dort ist sie mehr als nur sichtbar.
Doch sie kann sich nie ganz aus ihrem alten Leben lösen, denn sie liebt ihre Eltern und kann sich nach jüdischem Recht nicht scheiden lassen. Ein kompliziertes Leben, das aber auch voller Wunder steckt.

Natasha Solomons entwickelt mit ihrer Juliet eine faszinierende Figur. Diese Frau geht einen Weg, der ihr Selbstverwirklichung bringt, Liebe und doch bleibt sie in ihrer Gemeinde wohnen, erträgt Verachtung, Gerede und Ausgrenzung. Juliet wird in ihrer Galerieszene bewundert und geachtet. Das verführt sie aber nicht. Sie bleibt bei allem der von innen leuchtende Mensch. Wenn ich das nächste Mal in eine Galerie gehen, werde ich mich ganz genau umsehen, ob da irgendwo so eine Juliet hervorfunkelt.

Mich hat der Roman beim Lesen so gefesselt, dass ich zweimal fast zu weit gefahren wäre. Und das Ende erwischte mich dann doch recht heftig. Von manchen Figuren möchte man keinen Abschied nehmen. Ein paar Mal erschien beim Lesen in meinen Ohren auch John Lennon und sang Mother. Keine Ahnung, wie er da rein kam, aber irgendwie passt dieser Song zu den Gefühlen, die das Buch auslöste.

Es ist eine Mischung aus Entwicklungsroman, Romanze und mahnender Geschichte. Ein lohnendes Buch: Die Galerie der verschwundenen Ehemänner von Natasha Solomons

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Wenn Aliens zum Grillen kommen

The War of the Worlds wurde durch Orson Welles wohl zum berühmtesten Hörspiel – zumindest in unserem Kulturkreis. Wer über das Werk von Herbert G. Wells spricht, kommt an diesem 1898 erschienen SF-Werk nicht vorbei.

Auch Oliver Döring wählte diesen Klassiker für seine kleine Wells-Hörspielreihe aus. Geschrieben von Christian Gailus, verteilt auf drei CDs mit unterschiedlichen Erscheinungsdaten präsentiert uns Universal Music eine gewohnt hochwertige Produktion.

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Krieg der Welten Teil 1 von Herbert George Wells

Der Fokus des ersten Teils liegt auf der Darstellung der Technikbegeisterung der Jahrhundertwende und das große Entsetzen, als sich die Marsianer so gar nicht nett und zivilisiert verhalten.

Ich war sehr überrascht, dass die Handlung so gar nicht modernisiert wurde wie bei der Zeitmaschine oder Das Imperium der Ameisen. Aber das kann ja in den beiden anderen Teilen geschehen.

Das Hörspiel ist spannend und mitreißend, da gibt es nichts zu meckern. Die Schlacht zwischen Titania und Universal aber, wer die besseren Wells-Adaptionen herausbringt, bleibt langweilig, solange man sich auf dieselben Werke stürzt.

Meine Rezi im Fantasyguide ist jetzt auch nicht besonders umfangreich geraten, da ich solche Teilveröffentlichungen hasse: Krieg der Welten Teil 1 von Herbert George Wells

Keine tanzt nach meiner Pfeife!

Eine Space Opera lebt von den Beziehungen zwischen den Figuren, aufregenden Abenteuern zwischen der Sternen und entsprechend exotische Sternenreiche.

Guido Krain ist Profi-Schreiber genug, um die Klaviatur seiner epischen Weltraum-Saga O.R.I.O.N. Space Opera mühelos zu beherrschen und sie für kurzweilige Unterhaltung beherzt einzusetzen.

Darum kann man schon erwarten, dass bestimmte Figuren zwar beständig in Gefahr geraten, aber nicht wirklich auf der Abschussliste stehen. Andere hingegen hängen an einem seidenen Faden. Einmal durchgeschnitten, hilft nur eine Dusche oder die Quantenphysik.

Im achten Band, Abstieg nach Valhalla, holt Guido Krain gleich ein ganzes Raumschiff unter der Hyperraumdusche hervor und das macht er auf der einen Seite furchtbar cool, auf der anderen Seite etwas nervenaufreibend.

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Abstieg nach Valhalla von Guido Krain, Cover: Shikomo

Da höhere Dimensionen eine komplizierte Angelegenheit sind, kommt die Aquila nicht ganz unbeschadet daraus zurück. Eigentlich ist sie ja in Band 6 zerstört worden. Aber zum Glück war schon etwas von ihr in die höheren Dimensionen entfleucht und mit etwas Hirnschmalz und Spucke gelingt es den fähigsten Köpfen der Besatzung, daraus wieder eine dreidimensionale Realität zu basteln. Dumm nur, wenn die Kapitänin und zwei weitere Führungsoffiziere zu einer Person verschmelzen. Die auch noch davon überzeugt ist, etwas Besseres zu sein.
Kommunikationsprobleme, Subordination und die Frage, ob man in den Zeitverlauf eingreifen soll heizen diesem Handlungspart mächtig ein.

Aber auch das Mutterschiff kämpft mit Problemen. Infiltrationen und gefährliche Liebschaften sind da nur Eisbergspitzen.
Kultig wird es wieder, wenn Lorn Chambers und sein Harem in Aktion treten. Guido Krain liebt den deftigen Ton und auch dieses Mal dreht sich viel um Sex. Selbst superintelligente Aliens sind ja bei ihm vor wilden Trieben nicht sicher. Was sich in einem gigantoerotischen Schlafzimmerdesign manifestiert, das mir bisher so noch nicht unter die Augen kam.

Alles in allem eine vergnügliche Reise in ein dennoch sehr düsteres Universum. Schade, dass man so wenig von anderen Leserinnen und Lesern dieser Reihe hört. Entweder liest sie niemand oder es gibt nix weiter drüber zu berichten.
Wie auch immer, meine Rezi im Fantasyguide winkt ins weite Netz: Abstieg nach Valhalla von Guido Krain

Wehe, wenn sie losgelassen und dich böse hassen!

Das ist kein politischer Kommentar, sondern der Beginn des Abbarbeitens diverser angestauter Dinge, die da über die sommerliche Trägheitsmauer schwappen.

Schon vor einer Weile stürzte ich mich in Bastian Brinkmanns dritte Episode seiner Titaneion Titanenschlacht.

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Tartarusgetümmel von Bastian Brinkmann

Das in Form eines Theaterstückes in Versen gehaltene Fantasywerk mit antiken griechischen Mythen plätschert gerade etwas ruhiger vor sich hin. Zwar gibt es wieder jede Menge Schlachtgewühl, Göttergezänk und fantastische Volten, jedoch blieb ich etwas unbefriedigt nach dem Schmökern zurück. Zum einen konnte Bastian dieses Mal der griechischen Klassik keine frischen spannenden Ideen aus den Rippen kitzeln und zum anderen zieht sich der Weg hin zur finalen Schlacht doch etwas.

Natürlich bleibe ich weiter am Ball, denn dieses kleine Nischenprodukt deutschsprachiger Phantastik hat ein wenig mehr Aufmerksamkeit sehr wohl verdient und außerdem hoffe ich sehr, dass etwas Kritik den jungen Dichter zu epischen Taten anstachelt. Ich hab nämlich so ein bisschen die Vermutung, dass Bastian Motivation schwindet und er mit der geringen Aufmerksamkeit für sein Werk hadert. Vielleicht bekommen auch deshalb Hades und sein Totenreich so viel Platz in Tartarusgetümmel. Aber im Mythos und den Figuren steckt noch viel Potential.
Darum: Mehr Fokus, Innovation und Fantasy, Herr Brinkmann!

Bastians Mythenhackerseite ist leider offline, ich vermute, dass hat mit der Datenschutzverordnung zu tun. Kann aber auch sein, dass er wieder an etwas neuem herumbastelt. Hoffen wir das Beste!

Meine Rezi drüben im Fantasyguide: Tartarusgetümmel von Bastian Brinkmann

Hinter den Grenzen der Einsamkeit

Ich kann mich nicht erinnern, eine SF-Trilogie gelesen zu haben, deren Bände so unterschiedlich waren und doch so als Ganzes funktionierten wie die Southern-Reach-Trilogie von Jeff VanderMeer.

Der letzte Band, Akzeptanz, wechselte nicht einfach wieder die Perspektive, er vervierfachte sie. Zugleich änderten sich damit Zeit und Erzählweise. Band Drei ist somit eine Collage geworden, die wie in einem Tanz Raum und Zeit um die Figuren wirbeln lässt und auch mitten hindurch.

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Akzeptanz von Jeff VanderMeer

Besonders begeisterte mich der Erzählstrang um dem Leuchtturmwärter Saul Evans. Nicht nur dass ihm eine wilde, jugendliche Gloria zur Seite stand, die Figur des ehemaligen Priesters strahlte eine großartige Kernigkeit aus, eine Lebensbejahung die aus sehr spätem Glück wuchs und natürlich aus der Akzeptanz dessen, was ihn ausmacht. Akzeptanz ist ja auf mehreren Ebenen das Thema dieses finalen Bandes.
Aber tatsächlich wäre diese melancholische Küstengeschichte nicht halb so bewegend, wüsste ich nicht um das Schicksal von Saul und Gloria. Spoilerfrei klingt das jetzt etwas wischiwaschi, aber was Jeff VanderMeer da mit seinem nicht chronologischem Erzählen schafft, ist bewundernswert. Er entfacht überhaupt erst unser Interesse an diesem knorrigen alten Mann. Das Leserauge richtet sich gespannt auf die Details und nimmt die wichtigen Dinge erst richtig wahr.

Ich bin ganz begeistert. Die Meriten der Trilogie waren zwar eine Bank, aber es gab auch einige Stimmen, die VanderMeer schwer lesbar fanden. Das mag an den vielen sehr lyrischen Passagen liegen und eben auch an der ungewöhnlichen Erzählstruktur. Mich hat er damit eher neugierig gemacht und zwang mich, ganz genau zu überlegen, warum er es macht. Vielleicht unterfordern viele Autorinnen und Autoren uns Leser einfach. Vielleicht sind die komplexeren Geschichten, zumindest manchmal, genau das von uns Ersehnte.

Jeff VanderMeer steht jetzt auf meiner internen Muss-ich-mehr-von-lesen-Liste und natürlich hab ich noch keinen Plan, wann ich das auch umsetzen kann. Ist ja nicht meine einzige Muss-ich-(…)-lesen-Liste.

Etwas mehr zum letzten Band schrieb ich im Fantasyguide: Akzeptanz von Jeff VanderMeer

Schneetrolle, Urlaubszwerge und eine Elfenprinzessin

Es ist recht warm und da hilft jedes bisschen Abkühlung, die man bekommen kann.
Also schwitzt nicht lange im eigenen Saft, rennt in die Buchhandlung eures Vertrauens und holt euch etwas Kühles! Mein Tipp: Orkpapa & die Zwerge von Rudolf Eizenhöfer.

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Orkpapa & die Zwerge von Rudolf Eizenhöfer

Es ist bereits das vierte Kinderbuchabenteuer um den kleinen Ork und seinen Papa. Diesmal treiben es ein paar Urlaubsreife Zwerge ziemlich bunt in den winterlichen Bergen der Orks.
Und Orkpapa hat da noch etwas cooles im Keller …

Endlich wieder Zwerge und allein schon deshalb großartig. Ich hab’ mich riesig gefreut, als mir der Verlag Schwarze Ritter das Büchlein in meine Höhle sandte.

Und was musste ich dann mit Entsetzen feststellen? Ich hatte komplett vergessen, den dritten Band Orkpapa & Elfenprinzessin zu besprechen.
Seltsam, oder?

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Orkpapa & Elfenprinzessin von Rudolf Eizenhöfer

Dabei ist auch dieser Band bezaubernd. Der kleine Ork lernt eine Elfenprinzessin kennen, die von zu Hause ausgebüchst ist, weil ihr Papa sich nicht um sie kümmert. Keine Frage, dass Orkpapa das spitzohrige Wesen schnellstens wieder loswerden möchte.

Wer sich aktiv gegen Vorurteile und Rassendiskriminierung in Fantasy und Kinderzimmer einsetzen möchte, kommt an diesem wichtigen Werk der Fantasypädagogik nicht vorbei. Wahre Heldeneltern kaufen eh und sowieso alle vier Bücher.

Noch ein paar Sätze mehr gibt es wie gewohnt drüben im Fantasyguide: Orkpapa & Elfenprinzessin und Orkpapa & die Zwerge von Rudolf Eizenhöfer.

Es brennt ein einsam Mädchen

Der Periplaneta-Verlag versorgt mich seit Jahren mit kleinen erstaunlichen Urban-Fantasy Werken, die sie in schöner Regelmäßigkeit in der Edition Drachenfliege präsentieren.
Wenn mir die Verlagscheffin Marion Alexa Müller also eine Neuerscheinung ankündigt, greife ich inzwischen bedenkenlos zu. Auch wenn die Werke nicht unbedingt komplett meinen Geschmack treffen, habe ich inzwischen aber das sichere Gefühl, etwas vor die Augen zu bekommen, das auf irgendeine Art und Weise Ungewöhnliches bietet.

Im März erblickte Die Gleichheit der Blinden von Nora Beyer das Licht der Prenzlauer Bergwelt. Ich bin mit meiner Rezension wieder spät dran, aber sie im Erscheinungsjahr online zu stellen ist ein Selbst-auf-die-Schulter-klopfen wert.

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Die Gleichheit der Blinden von Nora Beyer, Cover: Nicole Altenhoff

Die Gleichheit der Blinden wird vom Verlag als »dystopischer Fantasy-Roman und eine Hommage an die Vielfalt und die Kraft der Gedanken« beschrieben. Das Wort Dystopie lässt bei mir alle Alarmglocken schrillen, denn es ist in meinem Lieblingsgenre ein Synonym für Tragödie.

Nora Beyer wählte für ihre Geschichte eine ähnliche Form wie schon Micheal Ende in seiner Unendlichen Geschichte. Das Mädchen Anna lebt in einer postapokalyptschen Welt, die durch Gleichschaltung und Verbannung jeglicher Fantasterei in eine mittelalterliche Lebensweise zurückgefallen ist. Anna kommt auf einem Scheiterhaufen zu sich und kann den Flammen gerade noch entfliehen.
Elsa hingegen ist eine Waise, lebt in unserer Zeit und verfügt über eine blühende Fantasie. Zumindest sieht sie eine Menge seltsamer Dinge, was ihr bisher über kurz oder lang noch bei jeder Pflegefamilie Probleme einbrachte.
Die Wege der beiden Mädchen und damit ihre Welten scheinen miteinander verbunden zu sein. Sowohl in Leid als auch im Schmerz.

Tatsächlich wird besonders Elsas Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik zu einem eindringlichen und besonders düsteren Teil des Romans. Nora Beyer wollte ganz offensichtlich weder eine normale Questfantasy schreiben noch ein fröhliches Girlpower-Abenteuer. Ihre Heldinnen werden von einer feindlichen Umwelt getrieben. Sie kämpfen um ihr Überleben und lernen dabei, dass all die Widerstände und Angriffe sich gegen ihr Wesen richten. So zahlreich die phantastischen Elemente in Die Gleichheit der Blinden auch sind, im Kern geht es um die gnadenlose und alltägliche Unterdrückung von Menschen, die nicht der Norm entsprechen. Also eigentlich mehr ein Plädoyer für Toleranz als eine Hommage. Hatte ich so nicht erwartet. Eine wunderbare Überraschung.

Mehr zum Buch drüben beim Fantasyguide in meiner Rezi: Die Gleichheit der Blinden von Nora Beyer

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