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Das zarte Knospen mechanischer Blumen

Natürlich hat mich die Autorin Swantje Niemann bei ihrer Lesung ihres Romans Drúdir im Bastelladen und Steampunk-Café mit Liebe selbstgemacht mühelos für sich eingenommen. So gedachte ich eines schönen Herbstnachmittags zum Glühwein und Spekulatiuskeksen ein wenig hineinzuschnuppern, da ich nicht mit meiner aktuellen Horror-Lektüre fortfahren wollte. Ihr versteht schon, ich wollte so eine warme Lesekuschelatmosphäre, ohne schon wieder zum Herrn der Ringe oder Harry Potter zu greifen.

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DRÚDIR VON SWANTJE NIEMANN, COVER: JÖRG SCHLONIES

Ich glaub, so schnell hat schon lange kein Büchlein mehr die SUB-Reihen verlassen, das kein Rezi-Exemplar war. Das Buch hat mich tatsächlich überrascht. Das liegt vor allem an den sehr unterschiedlichen Charakteren, die selten etwas mit Standard-Typen zu tun haben, obwohl man es denken könnte. Dann gibt es tatsächlich ein komplexes politisches System, was in der Lesung schon angesprochen wurde, aber in natura doch noch substantieller ist, als ich erwartet habe.

Überhaupt brach Swantje ständig meine Erwartungen. Man hat ja so Vorstellungen, wohin sich Szenen entwickeln, welche Konfrontationen sich in die Länge ziehen, welche Missverständnisse zu langen Fehden führen werden und so weiter. Hier hat mir Swantje mehrfach mit einem Dreh der Handlung gezeigt, dass man das auch anders schlüssig lösen kann. Sie hat da quasi meine Fantasie erweitert. Schöne Sache.

Steampunk allgemein ist nicht mein Ding, weil die technischen Details oft nur Zierde sind. Fliegerbrillen und Zahnräder überall. Punk ist sowieso selten zu finden, eher romantische Heldinnen. In Drúdir gibt es auch eine Romanze, aber die schwimmt im selben Meer wie Frankenstein und dichter daran, ein Punk zu sein als der Elf Phandrael, war schon lange kein Spitzohr mehr.
Ich kann euch nicht versprechen, dass es auch für eure Fantasyleseerfahrungen zutreffen wird, aber mit Drúdir könnt ihr nichts falsch machen. Es ist ein Debüt, dass auch euch überraschen wird, irgendwie, aber bestimmt stets im positiven Sinne.

Noch viel mehr Schwämerei gibt’s in meiner Rezension: Drúdir von Swantje Niemann

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Gib den Algorithmen was zu denken!

Letztes Jahr schon war ich überrascht, dass Horst Evers als radioerprobter Verfasser satirischer Texte sich der Science-Fiction zu wandte. Dieses Jahr folgt ihm Marc-Uwe Kling.

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QualityLand von Marc-Uwe Kling; Umschlaggestaltung: Roman Klein

Vor einigen Jahren verfolgte mich sein Vietcong-Känguru jeden Morgen unter die Dusche. Es war das kleine Zeitfenster im Bad, da ich auf die Nachrichten wartete, um über Wetter- und Verkehrslage informiert zu werden. Zwischen Shampoo und Zahnpasta erfuhr ich eine Menge über die komplexen Probleme, denen sich Marc-Uwe tagtäglich ausgesetzt sah. Ich fand’s selten lustig, aber ich hab es dann vermisst.

QualityLand spielt in einer anderen Liga, nutzt aber ähnliche Dialog-Sequenzen wie die zwischen Autor und Känguru. Auch hier werden Alltagsprobleme ausgewalzt, nur dass es Probleme einer nahen Zukunft sind, in denen Versandmonopol, Suchmaschine, Partnerbörse und Soziales Netzwerk längst den kompletten Alltag der Menschen bestimmen. Das gespeicherte Profil wird zur unumstößlichen Definition, denen sich die meisten bedingungslos unterwerfen. Man wird zu dem, was der Algorithmus dafür hält.

Kling packt das in eine unterhaltsame Story, die ihre literarischen Vorfahren kennt und auch teilweise benennt. Er bleibt seiner Polit-Kabarett-Heimat treu, es gibt einige coole Gags, aber mich hat das ganze Buch durch eine tiefgehende und sehr bittere Ernsthaftigkeit überrascht. Die Fallstricke der Technik sind da, sie halten uns schon längst bis zum Ersticken in ihren Spinnweben und QualityLand ist schon fast gar keine Dystopie mehr, sondern real.

Das Problem ist natürlich, dass der Kapitalismus nun mal so funktioniert. Der Profit kommt immer zuerst. Wenn die Welt untergeht, verkauft man eben bis zu Letzt Särge.

Vielleicht hilft es ja wie Peter Arbeitsloser die Algorithmen zu verwirren? Fotografiert euch bunt – vor rosa Delphindildos!

Und lest zur Ablenkung meine riesige Rezi im Fantasyguide: QualityLand von Marc-Uwe Kling

Und alles gar nicht wahr!

Eigentlich bin ich ja auch ein Cloudverächter. Meine heiligen Daten einem Operator from Hell anzuvertrauen – dafür hab ich wohl schon einfach zu lange selbst Anwenderdaten verwaltet.

Und nun das.

Da beginne ich die Rezi zu Uwe Posts zweitem Walpar-Roman zu schreiben und will nur schnell die ID der Rezi des ersten Romans raussuchen – kein Treffer.

Panik.

Ich habs doch aber gelesen! Gut. Weil ich mich an nichts mehr erinnern konnte, hab ichs ja extra grad vor dem zweiten Band erneut gelesen. Aber da muss doch damals eine Rezi geflossen sein …

Nein. Nicht auf der Festplatte, nicht im Netz. Als ob das ganze Gelese überhaupt nicht existiert hätte! Alles gar nicht mehr wahr! /dev/null …

Doch puh, ich fand etwas. Damals nahm ich am Lesezirkel im SFN teil. Grad noch so dem Nichts enronnen …

Doch warum um alles in der Welt schrieb ich damals keine Rezi? Ich starre auf das Avatar-Bild in dem sieben Jahre alten Thread und erwarte irgendwie, dass es mir aus der Vergangenheit etwas zuflüstert. Irgendein Fluch lastet wohl auf diesem Buch. Keine Erinnerung, keine Rezi …

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Walpar Tonnraffir und der Zeigefinger Gottes von Uwe Post, Cover: Si-yü Steuber

Aber damit ist nun Schluss. Flux schrieb ich die fehlende Rezi zu Walpar Tonnraffir und der Zeigefinger Gottes.

Jedoch ging es mir ja eigentlich um den zweiten Band, Walpar Tonnraffir und die Ursuppe mit extra Chili.

Uwe Post ist bekannt für knackige SF-Kurzgeschichten in denen meist skurrile Figuren in wildgewordenen Realitäten seltsame Dinge erleben. Die Walpar-Romane sind etwas längere Formen davon. Walpar Tonnraffir ist ein Weltraumdetektiv, der diesmal durch Zufall über einen Außerirdischen stolpert. Der ist gerade auf der Flucht: Die ominösen Veranstalter haben ihn auserkoren, als Gewürz der Ursuppe eines Planeten zu dienen und obwohl er als Beamter begierig dafür sorgt, dass auf seinem Freudenmond alle Regeln eingehalten werden, zieht er das regelwidrige Überleben der Zerhäkselung vor. Hier nun kommt Walpar als Retter ins Spiel und damit erhält das Universum wieder einmal Gelegenheit, alles rasant durcheinander zu schütteln.

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Walpar Tonnraffir und die Ursuppe mit extra Chili von Uwe Post, Cover: Si-yü Steuber

Das ist besonders ungesund für Banker auf Betriebsausflug oder Dealer in dunklen Gassen, aber zumindest haben Nera, Kerbil und ein bisschen auch Henriette, wieder ihren Spaß dabei. Und darum geht’s ja in erster Linie bei Uwe Post satirischem Tanz mit SF-Themen und Alltagsproblemen.

Uwe Post – das kleine bisschen Grauen vor der Zukunft für zwischendurch, präsentiert von ZischZitro.

Und damit mir das nicht wieder ein Elf aus dem Hirn brutzelt, meine Rezi in voller Hyperraumbreite wie (fast) immer im Fantasyguide: Walpar Tonnraffir und die Ursuppe mit extra Chili von Uwe Post

Das bisschen Blut

Als Science-Fiction-Fan wird man mit Sex in Büchern ja nicht gerade verwöhnt. Doch er kommt vor!

Von Guido Krain bin ich da ja schon einiges aus O.R.I.O.N. gewohnt und weil Alisha Bionda wieder herzallerliebst für ihre neueste Reihe warb, ließ ich mir den ersten Dystonia-Band kommen.

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Hammer & Söckchen von Guido Krain, Cover: Shikomo

Hammer & Söckchen heißt der Auftaktband von Guido Krain und ich musste extra bei meinem Filmexperten nachfragen, um eine passende Genre-Einordnung vornehmen zu können: Sexploitation. Also eine Vermischung von extremer Gewalt und Sex:
In ferner Zukunft stürmen ein paar Ausgegrenzte ein Forschungslabor in dem an eingefrorenen Serienkillern Aggressionsforschung betrieben wird. Es kommt, wie es kommen muss: Da taut etwas auf.

Unser Ich-Erzähler weiß zunächst nicht, wer er ist und warum er in einem Aquarium liegt. Ein Zettel an seinem Ohr dient ihm zur Namensfindung, ansonsten überlässt er sich seinen Instinkten. Sharp folgt der plündernden Meute durch ein Chaos aus Verwüstung und Leichen, bis sie auf weitere eingefrorene Insassen stoßen, darunter ein schnuckeliges Mädchen mit pinkfarbenen Haaren. Sie bringt nicht nur alle Männer zum Sabbern, sondern kann mit ihrem besten Kumpel Herr Hammer, einem Vorschlaghammer, Köpfe platzen lassen und hat Spaß daran, denn Gewalt bringt sie zum Sabbern – der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen Möhrchen und Sharp.
Im Folgenden gibt es Sex, Blut, einen Panzer namens Söckchen und die Chance, das irdische Jammertal verlassen zu können.

Ja, Guido Krain lässt es so richtig krachen, spritzen und schmatzen. Der Tonfall bleibt fast durchgängig lockerflockig, von Gags durchsiebt und sich wohlig in Extremen suhlend.
Definitiv kein Spaß für alle, aber durchaus etwas, das subversiv genug daherkommt, um einen Blick zu wagen.

Aber natürlich sind Hammerschläge auf Menschenköpfe keine Lösung! Tut das nicht zu Hause, lest lieber meine Rezi: Hammer & Söckchen von Guido Krain

Wenn Liebe den Kosmos zerreißt

Ja, Liebe hat schon so manches Leben verändert. Mir war bisher gar nicht bewusst, dass es auch für Frida Kahlo zutraf. Da mir Klatsch und Tratsch über Künstlerinnen egal sind, habe ich mich bisher nur für ihre Bilder interessiert. Ich wusste, dass sie einen üblen Busunfall hatte und ihr Leben lang unter Schmerzen litt, die ihre Kunst prägten.

Nun kam ich in den Genuss einer Graphic Novel über ihr Leben. Und darin erfuhr ich plötzlich auch etwas über ihre Liebhaber, ihren Sex und die üblen körperlichen Seiten ihrer Leiden.

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Frida von Vanna Vinci

Vanna Vinci verwendete nicht nur Briefe, Dokumente und Tagebücher, vor allem das künstlerische Werk Frida Kahlos floss in die Panels ein. Teilweise wirkt das surrealistisch, teilweise expressiv, aber meist gehen die Zeichnungen an die Schmerzgrenze. Fordern nicht nur die eigene Fantasie heraus, sondern tunken sie ziemlich brachial in Pfützen aus Blut und Tränen.

Das macht es auch zur Herausforderung, wenn man das Buch in den Öffentlichen liest.

Aber das konnte ich problemlos ausblenden, da die Reise in das Leben von Frida Kahlo auf irgendwie wegplättende Weise fesselnd ist. So muss ein Comic für mich sein.

Frida ist ein berührendes Buch, ein sorgsames Kennenlernen, ein Verlieben.

Ein paar Worte mehr in meiner Rezi: Frida von Vanna Vinci

Dann flieg doch zum Mars!

So schön Erzählungsbände auch sind, als Rezensent bedeuten sie eine Menge Arbeit. Aber jammern hilft auch nicht und hinterher ist man stolz wie Bolle.

Jedenfalls konnte ich pünktlich zum vergangenen Wochenende die Rezi zum zweiten Band mit Kollaborationen der Steinmüllers mit Erik Simon, Leichter als Vakuum, beenden.

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Leichter als Vakuum von Angela Steinmüller, Karlheinz Steinmüller und Erik Simon, Titelvignette: Thomas Hofmann

Der Band hat ein ziemlich cooles Konzept für die Darreichung der Geschichten.
Der Philologe Simon Zwystein veröffentlicht eine Reihe von Manuskriptsammlungen. Stets drei Texte bilden dabei eine Geschichte, die dadurch aus ganz unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird. Dabei wechseln auch die Stile und Textformen. Es gibt Briefe, Protokolle, Märchen und Berichte aus aller Herren Länder und diversen Epochen.

Nicht alle sind SF oder überhaupt phantastisch, aber zumindest behandeln sie vorstellbare Dinge. Der Spaß liegt vor allem darin, dass die Geschichten oft nur so tun, als ob sie Uraltes behandelten. In Wirklichkeit verbergen sich in ihnen eine ganze Menge hinterlistiger Anspielungen auf die tolle Moderne.

Der Band ist so abwechslungsreich wie amüsant und wer sich gern mal wieder in eine Retroschaukel setzen möchte, konnte das schon lange nicht mehr so ausladend. Gerade der abschließende Kurzroman Die größte Reise bietet hier selbst für RetrokostverächterInnen eine große Schüssel feinster Raffinesse und Marskanäle.

Ganz ausführlich stehen meine Eindrücke wieder einmal in der Rezi für den Fantasyguide: Leichter als Vakuum von Angela Steinmüller, Karlheinz Steinmüller und Erik Simon

Die hab ich quasi auch schon bei einem Verlag untergebracht, aber dort wird sie gekürzt erscheinen. Also nutzt die Chance und lest das unfassbar episch lange Original!

Wenn der Funktor strahlend morpht

Noch heute rätsle ich, wie ich durch das Mathe-Abi kam. Ähnlich dem Russischen habe ich das Meiste instant wieder vergessen. Aber vermutlich würde ich mit meinem Schulwissen, wäre es noch präsent, auch nicht mehr von dem verstehen, was in Dietmar Daths jüngstem Werk (hab nachgeguckt, stimmt noch) Der Schnitt durch die Sonne zum zentralen Thema erhoben wird.

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Der Schnitt durch die Sonne von Dietmar Dath

Intelligente Sonnenstrudel holen sich ein menschliches Expertenteam um einen Bürgerkrieg zu beenden (ganz grobe Inhaltsangabe).

Die Menschheit wurde dabei erst in dem Augenblick interessant, da sie die Kategorientheorie entwickelte, was bereits in den 1940er Jahren geschah. Von dieser Theorie hatte ich bis dato noch nie gehört.
Dath geht anscheinend davon aus, dass es einem Großteil der Leserschaft ähnlich geht und lässt eine uns bereits aus einem anderen Werk von ihm bekannte Mathematikerin, Vera Ulitz (Deutsche Demokratische Rechnung), diese Theorie ausführlich im Buch erklären. Nach der ersten Abstraktionsstufe hatte sie mich leider verloren trotz anschaulicher Beispiele. Mein Hirn verknäult sich dabei automatisch. Das ist wie mit der Definition von Hermeneutik. Ich lese die Worte aber sie transportieren keinen Sinn für mich.

Aber zumindest reicht mein Verständnis aus, um eine Vermutung von Daths Konstruktionsidee entwickeln zu können: Er nimmt ein mathematisches Modell und nutzt es als Ideen-Geber für einen SF-Roman.
Seine Figuren sind Abbildungen, ihre Beziehungen Morphismen und ihre Handlungen Funktoren. Die Sonnenstrudel werden kategorisch kategorientheoretisch fett geschrieben und selbst ein berühmtes Mathe-Monster darf als 196.883 eine zentrale Rolle spielen.

Sehr wahrscheinlich steckt noch viel mehr in den Zeilen, aber selbst das Wenige, das sich mir erschloss, ist schon ungemein faszinierend. Sobald man nämlich begreift, wie das da auf der Sonne tatsächlich abläuft, gewinnt der Roman eine viel größere Tiefe. Es ist wie mit diesen 3D-Bildern, für die man den Fokus der Augen verändern muss, um dann plötzlich in das Bild hineinsehen zu können.

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Dietmar Dath 2015 während einer Lesung im Brechthaus

Natürlich steht auch dieser Roman ganz in Daths politischem Kontext. Er will, dass sich bestimmte Dinge verändern, dass man jene anspricht, die falsch laufen und sich mit anderen zusammenschließt, um sie gemeinsam anzupacken.

Diese Verbindung von cooler SF-Idee, politischer Haltung und literarischem Anspruch liegt exakt auf meiner Wellenlänge, selbst wenn sie sich mal in ein Energieniveau aufschwingt, in der sie meinen Wahrnehmungshorizont verlässt.
Aber Literatur darf auch ruhig mal die Synapsen pieksen.

Ein paar Sätze mehr gibt’s in meiner Rezi: Der Schnitt durch die Sonne von Dietmar Dath

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