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Alle Macht durch Drogen

Es ergab sich eher zufällig, dass ich Neosapiens von Nik Page und Junktown von Matthias Oden parallel las und sich dadurch inhaltliche Überschneidungen aufzeigten.

Nik Page verwendet für seinen Maschinenstaat Namen aus der DDR, etwa Ministerium für Sicherheit (MfS), bei Oden wird die totalitäre Diktatur auch Maschinenstaat genannt und es gibt diverse LTI-Verwendungen wie Rauschparteitag oder Rauschsicherheitshauptamt, aber auch der Trabbi findet als Tripbant eine rauschaffine Würdigung.

In beiden Romanen spielen Drogen eine große Rolle und rebelliert die männliche Hauptfigur gegen das normale, graue Staatsbürgertum. Auch der im Hintergrund lauernde Schlag durch das System bringt in beiden Werken eine stets mitschwingende Besorgnis. In beiden Systemen drohen für Abweichler Erziehungsmaßnahmen. Wird bei Nik Page jedoch das drogenzerblasterte Hirn gereinigt (auch von kreativer Energie) wird man in Junktown wieder auf die drogenabhängige Linie gebracht.

Die staatlich verordnete Abhängigkeit und das darauf fußende konsumistische Ordnungsprinzip sind zwei der genialen Konstruktionsmechanismen mit den Oden seine Dystopie zum kraftvollen Leben erweckt.

Junktown

Junktown von Matthias Oden; Cover: Das Illustrat

In unglaublich vielen Details spürt man, wie sehr sich der Autor mit den möglichen Auswüchsen einer solchen Gesellschaft beschäftigt hat. Jürgen Doppler aka Josefson liefert in der SF-Rundschau dazu einige Beispiele. Ich fand neben der Müllanfuhr besonders das System der Brutmütter perfide. Intelligente Maschinen, in deren Innern genmanipulierte Kinder heranwachsen und die sogar über einen »Befruchtungsstutzen« verfügen, also über eine künstliche Vagina, die problemlos auch von einem Mann verwendet werden kann und wird. Das ist schon sehr harter Tobak.

Bei Oden wird das Bild immer weiter ausgebaut. Die ermordete Maschine wird obduziert. Man findet eine Vergewaltigungsdroge in ihrem System. Sie hatte einen Freund, ging fremd, schrieb Liebesbriefe – Oden hätte wohl noch viel weiter gehen können.

Folgerichtig für ein solches System beschreibt Oden alle Symptome des Niedergangs. Menschen auf Droge müssen zum Konsum gezwungen werden. Es gibt keine natürliche Vermehrung mehr, die Bevölkerung muss künstlich wieder aufgebaut werden. Fehlender Antrieb führt zu schwindender Innovationskraft, Stagnation bedeutet Verfall. Drohender Verfall treibt die Systemträger zu immer radikaleren Mittel, ihre Macht zu erhalten, unfähig, die ökonomischen und gesellschaftlichen Probleme lösen zu können.

Eine gigantische Mühle, zwischen deren Mühlsteinen ein einsamer Streiter für die Wahrheit gerät.

Ja, das erinnert stark an Brazil und 1984, oder an Schöne neue Welt, aber ich denke schon, dass Matthias Oden da noch etwas Neues und sehr Lesenswertes herausgeholt hat.

Und selbst, wenn man Junktown einfach nur als dreckigen Ermittler-Krimi liest, dürfte man seinen Spaß haben.

Aber es gibt eben noch sehr viel mehr darin zu entdecken. Wer mit Solomon Cain durch das Rauschsicherheitshauptamt läuft, wird an Beschreibungen von Hitlers Reichskanzlei erinnert und spätestens dann weitet sich Junktown zu einem abgrundtiefen Dystopiegemälde: Junktown von Matthias Oden

Etwas Leben spüren

Auch wenn die Zeit ziemlich schnell dahinrast und mir das manchmal die Kehle schnürt, sind manche Dinge, die sich da so schnell entwickeln, einfach cool. Etwa, wenn man mit dem plötzlich (furchtbar plötzlich) erwachsenen Nachwuchs in ein Konzert geht.

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Schon etwas her: Das Sin City Festival 2017

Das Sin City Festival fand schon Anfang Mai statt, aber es passt dennoch heute, darob zu berichten, weil ich dort auf Empfehlung von SF-Megafan Hardy Kettlitz ein ganz besonderes Büchlein erwarb.

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Neosapiens von Nik Page; Cover von Norbert Frank

Neosapiens (Link führt zu Nik Pages Shop) erschien bereits 2001 und wurde von Nik Page verfasst. Der ist Mastermind der Berliner Band Blind Passenger, einer Neugründung der Blind Passengers, und Schirmherren des Sin City Festivals.

Das Buch hat mich sehr überrascht. Zum einen weil es in Versen verfasst ist, die aber eher willkürliche Textumbrüche darstellen und sehr wohl als flüssige Prosa gelesen werden können. Zum anderen aber ist Neosapiens ein mehr als ordentliches Stück Science Fiction.

Der Protagonist ist ein Musiker aus Berlin, Ende des 21. Jahrhunderts. Überwachung, Automatisierung und Genoptimierung haben zu einem technokratischen Maschinenstaat geführt. Kontrolliert von einer administrativen Kaste, den Supervisor. Der Ich-Erzähler trotzt dem Gleichmaß durch eine spezielle Art der Rebellion. Drogen, Musik und Sex natürlich, aber hinzu kommt auch eine Form von Körpertuning, die auf Implantaten beruht. Optimierte Linsen sind noch nachvollziehbar, aber er steht auch auf Tattoo-artige Monitore in der Haut und VR-Chips, mit denen er in abgefahrene Welten taucht. Zusammen mit einem exzessiven Lebensstil und dem Hang zu knalligen Kunstaktionen genießt er sein Leben in vollen Zügen. Seine neue Freundin hingegen gehört einer Gruppe von Menschen an, die ohne Optimierung leben will: Neosapiens.

Gerade wegen der schnoddrigen Schreibweise und den sehr plastischen Bildern steckt man stets direkt in den Szenen und besonders die futuristischen Performances, die Nik Page beschreibt, hab ich direkt vor Augen gesehen. Bei solchen Events möchte man dabei sein. Natürlich ohne einen Arm zu verlieren oder dergleichen.

Aber auf dem Sin City Festival konnte man so einen kleinen Eindruck davon gewinnen, dass Nik Page in seinem Buch über Dinge schrieb, die er in ähnlicher Weise selbst erlebt hat, dass diese Mischung von Kunst, Musik und Lebensart echt ist. Vielleicht deshalb fühlt sich Neosapiens lebendiger an als viele andere Science-Fiction. Zum Buch erschien damals auch eine gleichnamige CD der Blind Passangers, die ich mir nun prompt bestellt habe. Bin echt gespannt, was sie der Lektüre hinzuzufügen vermag.

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AD:keY

Industrial, EBM und Elektro sind jetzt nicht so hundertprozentig meine Lieblingsmusikrichtung, aber ich höre mir das schon gerne an. Zumal ich auf dem Sin City Festival in erster Linie wegen meines SF-Kumpels René war, der zusammen mit seiner Freundin einen Auftritt dort hatte: AD:keY nennen sie sich und machen sehr tanzbare Songs. Davor gab es mit Schramm eine ziemlich coole Band im Mad Max Design und was ich besonders cool fand, der Sänger spielte auf einem Theremin.

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Schramm

Jedenfalls hatten wir unseren Spaß, die Szene ist sehr stylisch angezogen, durch die Bank nett und der Frannz ist eine sehr lauschige Location.

Mehr zu Neosapiens gibt’s in meiner Rezi: Neosapiens von Nik Page

Ausgespielt

Ende des Monats sind die Stimmen für den Kurd Laßwitz Preis fällig und in Vorbereitung darauf habe ich mir zumindest einige der Kurzgeschichten zu Gemüte geführt, die ich im letzten Jahr noch nicht gelesen hatte.

Nominiert waren Storys aus Exodus 34 und 35, Nova 24, Zwielicht Classic 10 und aus der Gamer-Anthologie.

Nova 24 hatte ich zeitnah gelesen und die nominierte Geschichte von Markus Hammerschmitt hat auch meine volle Unterstützung. Den Text von Gabi Behrend in der Exodus 35 musste ich mir erst vornehmen, da ich mich nicht zum Abschluss der Lektüre des Heftes durchringen konnte. Exodus ist grafisch stets eine Pracht, aber inhaltlich haut es mich nicht aus den Socken. Deshalb kaufte ich die 34 auch nicht, die 35 bekam ich geschenkt und Gabis Geschichte bestätigt leider meine Meinung.

Aber Gamer interessierte mich dann doch und inzwischen hab ich nicht nur die beiden nominierten Storys von Michael K. Iwoleit und Niklas Peinecke gelesen, sondern alle.

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Gamer hrsg. von André Skora, Armin Rößler und Frank Hebben; Cover: Tim Eckhorst

Warum MKIs Story (der Link führt zur kompletten Story) nominiert wurde, kann ich nicht nachvollziehen. Der Text ist in meinen Augen sehr bieder und weit davon entfernt den hohen Ansprüchen des Autors zu erfüllen. In der Anthologie gibt es wesentlich innovativere Geschichten wie die von Frank Hebben etwa, politisch brisant dazu ist noch die Fußball-Geschichte von Armin Rößler und eine raffiniertere Dramaturgie liefert Thorsten Küper.

Niklas‘ Geschichte passt perfekt in die Themen-Anthologie, ist teilweise ziemlich schräg erzählt und besitzt auch das nötige Figurenspiel, um ein cooles Ende einzufahren.

Damit steht meine KLP-Reihenfolge fest: Hammerschmitt, Peinecke, MKI. Keine schlechte Auswahl an Kurzgeschichten, aber die beste des Jahres ist nicht darunter, denn die wurde als Roman nominiert.

Darum finden sich bei den Romanen exakt drei Bücher die ich gelesen habe und die Reihenfolge fällt mir leicht: Hebbens großartige Antikriegsgeschichte Im Nebel kein Wort war mein SF-Höhepunkt 2016. Karla Schmidts Beitrag zu D9E gehört zu den besten Romanen der Reihe und Horst Evers räumt damit mit mehr Glück als Verstand den dritten Platz ab. Sein Buch war nicht schlecht, aber eben mehr Klamauk als SF. Wobei ich mich ja immer noch wie Bolle freue, dass ich ihn live erlebt habe.

Von den anderen zehn nominierten Romanen reizt mich nur noch der Kruschel, den zu lesen war aber nicht mehr drin.

Bei den internationalen Romanen hab ich auch nur drei der neun Bücher gelesen und es tut mir Leid um Jo Walton, aber die Carmichael-Reihe werde ich ein andermal weiterlesen.

Daher: Die drei Sonnen, Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten und auf Platz 3 Aurora. Wobei mir wieder einfällt, dass ich den Bericht über die Lesung von Robinson immer noch nicht verfasst habe.

Entsprechend mau sieht‘s auch bei den Übersetzungen aus. Aber Martina Hasse hat sich mit der Cixin Liu-Übertragung wirklich große Mühe gemacht und gewinnt somit vor Karin Will.

Ich überlege noch, ob ich Oliver Plaschka auf Platz 3 setze, ohne das Buch bisher gelesen zu haben, aber Mr. Sapien träumt vom Menschsein werde ich mir garantiert noch zu Gemüte führen. Der steht dick auf meiner Wunschliste.

Bei den Graphiken habe ich einen ganz klaren Favoriten: Stas Rosin ist das Beste an Exodus 35, er ist darin noch mit einer Galerie seiner Bilder vertreten, allesamt großartig, phantastisch und exakt mein Geschmack. Das Cover zu Hauptsache gesund von Lothar Bauer, der gleich dreimal nominiert ist, fand ich schon beim ersten Sehen megacool und der zweite Platz ist wohlverdient. Platz 3 ist dann schon schwieriger. Markus Vogt, Greg Ruth oder Das Mustrat? Ich weiß es noch nicht.

Von den Hörspielen habe ich keines gehört, entfällt also. 1,5 von ihnen sind auch gar nicht mehr verfügbar.

Der Sonderpreis für einmalige Leistungen erschließt sich mir nicht so, aber dass Hardy Kettlitz einen für langjährige SF-Arbeiten verdient hat, steht fest. Aber ich wage mal die Voraussage, dass sich Herbert W. Franke am Ende freuen wird.

Damit bin ich gut vorbereitet, meinen Stimmzettel loszuschicken, und vielleicht fahr ich ja mal zur Verleihung nach Dresden. Einen PentaCon habe ich noch nie besucht.

Und noch einen Blick in die Zukunft wage ich: Auf meiner KLP-Liste für 2017 wird Junktown von Matthias Oden zu finden sein. Das lese ich gerade, übrigens witzigerweise parallel zu Neosapiens von Nik Page (ein Tipp von Hardy Kettlitz) und obwohl ich Dystopien eigentlich schon lange nicht mehr sehen kann, sind beide ziemlich schräge und fesselnde Vertreter davon.

Puh, langer Blogpost, der aber nicht ohne einen Link zu meiner Rezi enden soll: Gamer hrsg. von André Skora, Armin Rößler und Frank Hebben.

Frühjahrsmüdigkeit

Ich bin im Moment etwas versackt, versumpft und unzufrieden, aber vermutlich will mein komischer Körper mir damit irgendwas sagen. Jedenfalls liegen zwei Lesungs- und ein Konzertbericht auf Halde und kommen über den Fotosortierstatus nicht hinaus. Mhm.

Dafür hab ich so richtig Bock auf die Arbeit an einem Artikel zu The Turn of the Screw von Henry James. Micha Schmidt frug mich, ob ich für eine der kommenden Zwielicht-Ausgaben nicht eine Story aus der Liste im Horror-Forum in einem Artikel besprechen möchte. Die Liste ist riesig und voller interessanter Namen, aber ich blieb bei Henry James hängen. Zum einen las ich in den letzten Jahren mit großer Freude seinen Roman Washington Square und die Novelle Daisy Miller und zum anderen blieb mir von der damaligen Beschäftigung mit dem Autor der geniale Titel The Turn of the Screw im Gedächtnis.

Also orderte ich das Buch und sah mich auch gleich nach Sekundärliteratur um.

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Das Durchdrehen der Schraube von Henry James

Als ersten Einstieg wählte ich Henry James (Leben in Bildern) von Verena Auffermann, da ich ein großer Freund von Fotos bin. Verena Auffermann bietet einen groben, aber sehr emotionalen Abriss der Lebensgeschichte von Henry James. Die Fotos, Zeichnungen und Bilder sind von hoher Qualität und so hat mich das großformatige Buch tatsächlich für den Menschen begeistert.

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Henry James (Leben in Bildern) von Verena Auffermann

Im Anschluss nahm ich mir die Henry James Biografie von Hazel Hutchison vor, die an vielen Stellen ausführlicher ist und zudem auf die einzelnen Werke eingeht. Auch dieses Buch enthält eine Menge Fotos, auch einige, die nicht bei Verena Auffermann zu finden sind, zumindest fielen sie mir dort nicht auf.

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Henry James Biografie von Hazel Hutchison

Biographisch bin ich damit ganz gut aufgestellt für den Artikel und nun kann ich mich an die Beschaffung von Material zum Werk selbst machen. Ganz oben auf meiner Wunschliste stehen Essays von Virginia Woolf, die in ihrer Jugend die literarischen Salonwege mit Henry James kreuzte und deren Meinung mich brennend interessiert, zumal in den Biographien erwähnt wurde, dass sich ihr Schreibstil auch an James orientierte. Virginia Woolf mag ich, seit ich vor Jahren Flush und To the Lighthouse las und seit Orlando liebe ich sie.

Irgendwo in ihrer Werkausgabe bei Fischer sind James-Essays und ich bin ganz froh, einen Grund zu haben, mal wieder etwas von ihr zu akquirieren.

Meine allerersten Eindrücke zu The Turn of the Screw habe ich in einer Rezi im Fantasyguide zusammengefasst. Das ist natürlich noch nicht der Artikel, sondern reißt die Themenfelder an, die ich bisher im Buch entdeckt habe. Es soll diverse Interpretationen zur Geschichte geben und im Artikel werde ich da rauf genauer eingehen. Außerdem gilt es, einige biographische Bezüge aufzuzeigen.

Als National Trust Mitglied müsste ich ja eigentlich schleunigst ins Lamb House reisen und ich bin nächsten Monat auch tatsächlich auf der Insel, aber in Schottland. Da folge ich dann den Spuren anderer Geister.

Kleine Stubenfliege

Meine verschiedenen Stapel ungelesener Bücher wachsen aus mir gänzlich unerklärlichen Gründen. Klar, ich kaufe ständig Bücher, aber hinzu kommen auch jede Menge unverlangt eintrudelnde Rezi-Exemplare, denen ich selten sofort Aufmerksamkeit widme.

Allerdings gibt es dann doch immer wieder auch Werke, die mich so reizen, dass ich sie ganz spontan anderen vorziehe.

Esmeralda in Nöten von Stephanie Schnee hatte den großen Vorteil, dünn zu sein und daher hervorragend in die Pause zwischen Hugos Lachenden Mann Band 3 und 4 zu passen (inzwischen ist Lesearbeit für einen Artikel zu Henry James Drehung der Schraube hinzugekommen, aber Hugo wird mir verzeihen).

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Esmeralda in Nöten von Stephanie Schnee

Meine erste Begegnung mit der seltsamen Schreibe von Frau Schnee fand in ihrem Öko-Märchen Der Schuppenmann statt und hinterließ mich sehr zwiespältig. Einerseits erschlug mich ihre Fabulierfreude, andererseits enthielt mir die Handlung zu viel Unwucht.

Nun war ich gespannt, wie sie sich in Kurzgeschichten schlagen würde. Und sie hat mich überrascht.

Die Mehrheit der Geschichten sind surreale, teilweise kafkaeske Texte über Verwandlungen, vermenschlichte Insekten oder schwer metaphorisch aufgeladenen Trips in die dunklen Seiten menschlicher Psyche. Also fast klassische Phantastik.

Stilistisch hat sich wenig geändert. Stephanie Schnee liebt es, mit Worten und Sätzen zu jonglieren. Das passt nicht immer, macht aber trotzdem großen Spaß, da sie ihren Geschichten dadurch einen ganz eigenen, unbändigen, übersprudelnden Tonfall verpasst. Zudem sprühen bei fast allen Texten zwischen den Zeilen wunderbar fröhliche Funken eines tief verankerten Optimismus, der gerade bei den so dunklen Themen stark verwundert. Horror mit Lebensfreude – hab ich auch noch nicht oft erlebt.

Also ich bleib da weiter am Ball! In meiner Rezi gehe ich auf die einzelnen Storys etwas ausführlicher ein: Esmeralda in Nöten von Stephanie Schnee

Alles so schön bunt hier

Als ich kürzlich ymir oder aus der hirnschale der himmel von Philip Krömer rezensierte, schickte mir der homunculs verlag gleich ein Verlagsprogramm mit. So erfuhr ich, dass just im Frühjahr das nächste Science Fiction Werk erscheinen sollte. (Und ja, ich zähle ymir zur SF, auch wenn es mir als Nominierung für den KLP abgelehnt wurde.)

Pünktlich zur Leipziger Buchmesse erschien nun Knallmasse von Ulrich Holbein.

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Knallmasse auf der Leipziger Buchmesse

Es handelt sich dabei um eine überarbeitete Version, denn das Original Knallmasse. Ein kosmisches Märchen erschien bereits 1993. Worin die Überarbeitungen bestehen, kann ich nicht sagen – ich habe bisher weder vom Buch noch vom Autor etwas gehört. Dabei kann Ulrich Holbein auf ein erstaunlich umfangreiches Werk zurückblicken.

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Knallmasse von Ulrich Holbein

Knallmasse heißt das Buch und ist somit nach seiner Hauptfigur betitelt. Knallmasse ist ein denkender Roboter. Er lebt in einer komplett von Grau, Krach und Kanten beherrschten Robotergesellschaft. Rigide Regeln bestimmen das Leben. Dröhnender Lärm ist der Inbegriff der wohltuenden Beschallung und so heißt der Staat auch DeziBel. In sogenannten Zentralschulen werden die DeziBeliten auf Spur gebracht, alle drei Minuten werden sie mit dem SCHLAG belohnt, eine Art Endorphinausschüttung für Roboter.

Eine große Schutzfolie verhindert, dass Sonnenlicht auf DeziBel fällt und seine Bewohner blendet. Hinter dieser Folie ist das Universum zudem bunt, melodisch und voller weicher Dinge, wie etwa die menschenähnlichen, aber eierlegenden Wulwiletten.

Ein gefangenes Pärchen jener Wulwiletten müssen sich die Zentralschulpflichtigen, unter ihnen Knallmasse, im Biologieunterricht angucken und finden das Weiche und Bunte an ihnen unerträglich eklig.

Doch ein Unfall im Abhärtungsunterricht, bringt in Knallmasses Code etwas durcheinander und plötzlich mag er Weiches. Mit den beiden Wulwiletten flieht er aus DeziBel und erlebt einige phantastische Abenteuer in einem surrealen Weltall.

Der kleine Prinz trifft auf Gulliver – so in etwa waren meine Assoziationen, wobei ich auch ständig an Nimmerklug im Knirpsenland denken musste.

Das Buch ist nicht einfach nur abgefahren. Es wuselt zwischen grausiger Dystopie und fröhlichem Anarchismus genauso locker hin und her, wie zwischen Märchen und phantastischem Roman. Die vom Autor selbst beigesteuerten Illustrationen unterstützen das Gemenge durch gekonnten Kinderbuchstil bzw. ähneln sie den klassischen Zeichnungen in den SF-Romanen meiner Jugend. Dieser Kontrast bildete für mich fast das größte Vergnügen – aber nur fast, denn noch beeindruckender fand ich die Sprache. Experimentell, verschroben und wortgewitzt. Ich kann mich über so etwas köstlich amüsieren und wenn das Ganze noch mit überbordender Fantasie gewürzt wird, bin ich rundum glücklich.

Meine Rezi im Fantasyguide: Knallmasse von Ulrich Holbein

Perspektivenwechsel

Meine letzten beiden Lektüren haben mich nachdenklich gestimmt. Also, über den Inhalt hinaus, denn Die Geschichte der Liebe von Nicole Krauss bietet jede Menge Nachdenkenswertes.

Das Buch hat zwei Hauptfiguren, einen alten Mann und ein fünfzehnjähriges Mädchen, und ziemlich überrascht stellte ich fest, dass mir die Perspektive des alten Mannes sehr nah war. So in Richtung: Das bist ja Du! Tja, irgendwie hab ich die Jugend jetzt wohl doch verlassen. Seltsam.

Auf der anderen Seite hatte ich ein großes Problem mit die Geschichten von Leigh Brackett, die ich ja auf Anregung von Kai Meyer las. Sie schreibt dort ausschließlich aus der Sicht männlicher Protagonisten, es gibt unglaublich viel lapidare Gewalt gegen Frauen – das mag einem Zeitgeist und dem Pulpmarkt geschuldet sein, aber es fühlte sich für mich beständig falsch an. Ich bin halt ein alter Sack, der Frauen nicht schlägt. Auch eine gewisse Lebensperspektive.

Aber ich will noch ein bisschen zur Geschichte der Liebe plaudern.

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Die Geschichte der Liebe von Nicole Krauss

Auf das Buch wurde ich durch Markus Mäurer aufmerksam, der es 2015 zu seinen Lesehöhepunkten zählte. Für gewöhnlich lese ich keine jüngeren, nichtphantastischen Werke, aber letztlich besitzt auch die Geschichte der Liebe phantastische Elemente, die jedoch schon fest zum Literaturstandard gehören, und viel damit zu tun haben, den LeserInnen etwas suspense zu verschaffen.

Nicole Krauss gelingt es dabei, die tiefen psychischen Wunden zu visualisieren, die sich Leopold Gurski in seinem Leben zuzog. Von der Vernichtung seines Dorfes durch die Deutschen, seiner Flucht aus der Heimat, der Verlust seiner großen Liebe bis hin zur Trennung von seinem Kind. Zwar werden all diese Themen auch ganz normal erzählt, aber es gibt für sie auch jeweils eine symbolische Entsprechung, ganz oben natürlich das Manuskript von »Die Geschichte der Liebe«, dem Buch im Buch.

Ähnlich handhabt sie es mit dem zweiten großen Thema, nämlich der jüdischen Kultur in der dritten Generation nach dem Holocaust. Man spürt, dass sie da persönliche Probleme wälzt und keine Lösungen besitzt. Vielmehr beschreibt sie einige Wege, die junge Menschen mit jüdischer Bindung gehen.

Ob es in Deutschland auch so eine starke Integration jüdischer Traditionen in die Popkultur gegeben hätte, wenn wir diesen Bereich unseres Lebens nicht in Vernichtungslager gesteckt hätten? Bittere Gedanken, aber ich gehöre ebenfalls zu einer dritten Generation, die der Täter.

Aber Die Geschichte der Liebe will keine Wunden vertiefen. Denn im eigentlichen Sinne ist es wirklich eine Liebesgeschichte. Und eine herzerwärmende, wunderbare noch dazu.

Nochmals Dank an Pogo! Meine Rezi beschäftigt sich etwas mehr mit dem Inhalt: Die Geschichte der Liebe von Nicole Krauss

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