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Und in der Dunkelheit noch Düsternis

Crossvalley Smith kannte ich nur von seinen grafischen Arbeiten her. Seine Cover und Illustrationen sind meist leicht identifizierbar. Gruselige Motive, gedeckte bis schwarze Farben und in der Dunkelheit noch ein gesteigertes Maß an Düsternis.

Als 2015 die Nachricht von seinem Tod reihum ging, machte mich das schon sehr traurig, denn seine Bilder gehören zu so vielen Büchern, mit denen ich zu tun hatte, dass er mir einfach irgendwie vertraut und nah war, ohne je ein Wort mit ihm gewechselt oder ohne ihn je getroffen zu haben.

Darum sagte ich gleich spontan zu, als Alisha Bionda mich frug, ob der Fantasyguide die Gedenkanthologie besprechen möchte, die sie beim Fabylon-Verlag herausgebracht hat.

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Am Ende der Reise herausgegeben von Alisha Bionda, Cover: Crossvalley Smith

Das Buch enthält eine ganze Menge persönlicher Texte. Sehr private Abschiedsworte der Familie, von Freunden, aber auch von Bekannten und sogar sein alter Mathe-Prof meldete sich zu Wort.
Diese Texte sind über das ganze Buch verstreut und selbst die Autorinnen und Autoren der Kurzgeschichten, meist zu einem Bild von Crossvalley entstanden, gaben ihrer Trauer Ausdruck und bedankten sich bei ihm für seine Werke, die den ihren so viel zu geben hatten.

Ich befand mich beim Lesen quasi beständig in mehr oder weniger heftigen Zuständen des Traurigseins. Es ist vielleicht nicht ganz die richtige Stimmung, um sich eine kritische Meinung zu den Geschichten zu bilden. Vielleicht berührten mich die Liebesgeschichten mehr, betrübten Verlust und Leid auf eine mächtigere Art, war mein Herz weniger offen für Klischees.

Aber ich konnte mich dieser beständigen Berührung durch den Tod Crossvalleys nicht entziehen. Er stand mir plötzlich viel näher als zu Lebzeiten, eine sehr intensive Kennenlernphase und gleichzeitig ein sehr langer Abschied. Irgendwie bittersüß.

In meiner Rezi gehe ich näher auf die Storys ein und ob ich ihnen gerecht werde, kann man wahrscheinlich nur beurteilen, wenn man sich dieses kleine traurige, wunderschöne Büchlein selbst zu Gemüte führt: Am Ende der Reise herausgegeben von Alisha Bionda

Seifenschaum und Friedhofsruhe

Nun ist es auch schon wieder fast drei Jahre her, da befasste ich mich mit dem Start von O.R.I.O.N. Space Opera, der kleinen SF-Reihe von Guido Krain, die beim Arunya-Verlag unterkam.

Inzwischen traf ich Familie Krain auch schon live und konnte mich als großer Pali-Fan outen.

Im Mai erschien nun Band 6 aus der Tastatur von Norma Feye.

Himmelfahrt ist ihr zweiter Roman für die Reihe, nebst der Kurzgeschichte Papageienbande aus dem ersten O.R.I.O.N.-Band.

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Himmelfahrt von Norma Feye; Cover: Shikomo

Sie führt die Geschichte ihrer beiden Hauptfiguren fort, ohne den Rest der Handlung zu vernachlässigen, denn Band 6 schließt nahtlos an Band 5 von Guido an und reicht den Staffelstab auch wieder mit einem sehr, sehr fiesen Cliffhanger zurück an ihn.

Normas Stil ist etwas weniger verspielt, es gibt keinen Sex und der Humor hat eine wesentlich feinere Note. Dafür legt sie wieder großen Wert auf die Ausarbeitung der Alienkultur. Ergänzt um gut durchchoreographierte Action und hammerharte Personalentscheidungen, die ich ganz und gar nicht gutheißen kann, ergibt sich eine bunte Mischung unterhaltsamer Space Opera. Perfekt für einen entspannten Sommergewitterabend.

Meine Rezension im Fantasyguide: Himmelfahrt von Norma Feye

Lass das mal die Venus machen!

Der Sommerurlaub steht vor der Tür. Wir wollen uns Lissabon besehen, die Hauptstadt Portugals.
Bereits im Frühling sammelte ich daher ein paar Lesetipps, um den Urlaub auch literarisch zu begleiten.

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So wanderten fünf Titel auf meinen Spezial-Urlaubs-SUB: Die Lusiaden von Luís de Camões, Lissabon – Literarische Streifzüge durch die Stadt von Werner Herzog, Die Rückkehr der Karavellen von António Lobo Antunes, Die portugiesische Reise von José Saramago und Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernado Soares von Fernando Pessoa. Gern hätte ich auch SF dabeigehabt, wurde aber bisher nicht fündig, vielleicht ja in Portugal selbst.

Angefangen habe ich mit dem Nationalepos der Portugiesen, den Lusiaden von Luís de Camões. Ein 1572 veröffentlichtes Versepos stellte ich mir komplex genug vor, sodass ich schon vor der eigentlichen Reise mit der Lektüre begann. Im Gegenzug den modernen dramatischen Werken wie das Titaneion von Bastian Brinkmann, verlangt ein so altes Werk deutlich mehr Wissen, um es zu verstehen.

Zum Glück fand ich eine deutsche Fassung der Lusiaden, die es mir ermöglichte, mich recht schnell in Stil, Zeit und Background einzubinden. Der kleine Spezialverlag minifanal bietet unter anderem Historikern die Möglichkeit, über Themen zu publizieren, die nicht unbedingt die Massen bewegen. Dort veröffentlichte der Portugalexperte Dirk Friedrich nun schon in einer zweiten Auflage 2014 die Lusiaden.

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Die Lusiaden von Luís de Camões, Cover: Marian Jaworski

Dazu nahm er sich die Übersetzung von Karl Eitner aus dem Jahre 1869 vor. Eitner nutzte für seine Übertragung der Verse ein weitgehend durchgezogenes Versmaß, verzichtete aber darauf, sie in Reime zu pressen. dadurch ergab sich eine zwar getragen klingende Sprache, aber eben auch eine sehr wortgetreue Übersetzung. Friedrich nutzt die Fußnoten, um Abweichungen vom Original zu erklären, vor allem aber, um diverse geschichtliche Fakten zu erklären, auch wenn sie von Camões Versen abweichen. Besonders wichtig sind die Erklärungen zur antiken Mythologie, denn Camões verwendet Namen, Orte und Sagen im Überfluss.

Das liest sich dann recht schizophren, wenn auf der einen Seite das Christentum über alles und jeden gestellt, auf der anderen Seite aber im riesigen Schatz der antiken Mythen geschwelgt wird, die ja von Wilden, Barbaren und Verdammten erfunden wurden.

Ansonsten sind die Lusiaden ein großer, bunter Historienstrauß, in dessen Zentrum die Suche eines Seeweges nach Indien durch Vasco da Gamas erblüht, als ein Beispiel der tollen Taten der Portugiesen. Fürwahr eine epische Geschichte und ganz kurz gönnt Luís de Camões seinen Seefahrern am Ende eine üppige Party auf einer Paradiesinsel mit Wein, Weib und Gesang. Bis er ihnen mit christlicher Enthaltsamkeit sagt: Pustekuchen, war nur eine Allegorie auf Ruhm und Ehre! Ich wäre ja lieber bei Thetys und ihren Nymphen geblieben – warum sich das Christentum durchsetzte wird mir ein ewiges Rätsel bleiben.

Mehr zum Buch wie immer in meiner Fantasyguide-Rezi: Die Lusiaden von Luís de Camões

Schlachtentschleunigung

Epische Dichter sind geborene Entschleuniger. Ob der Winter einfach nicht kommen mag oder sich das Rad der Zeit dreht und dreht – wir kennen das Procedere. Schon Homer mochte das ausführliche Beschreiben geputzter Rüstungsteilfragmente.

Bastian Brinkmann wird sich wie Bolle freuen, wenn ich hier weitere Größen der Literatur mit ihm in Verbindung bringe, aber Selbstbewusstsein braucht ein epischer Dichter nun einmal auch. Man kann ja nicht nur von Luft und Liebe leben.

Sein jüngstes Werk ist Kolossansturm – Titaneion Titanenschlacht Episoda 2.

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Kolossansturm – Titaneion Titanenschlacht Episoda 2 von Bastian Brinkmann

Die Fortsetzung der in Bestienborn begonnenen dramatischen Bearbeitung der antiken Schlacht zwischen Titanen und dem Göttergeschlecht. Also ganz korrekt: Die Schlacht hat noch gar nicht begonnen. Eher im Gegenteil, sie ist noch weit entfernt und wenn Bastian das gesamte Material aus Ovids Metarmorphosen und anderen Mythen ähnlich opulent aufbereitet wie die Geschichte von Pygmalion hier in dieser Episode, wird sein Versprojekt einen Atlas zum Tragen benötigen.

Ich vermute ja immer noch, dass sich das Leserschaftspotential für Antikenfantasy in Drama-Form bisher noch nicht ausgebildet hat, aber ich unterstütze sowas in voller Montur. Bastian hat, wie ich finde, eine so schöne Balance zwischen Ehrfurcht dem Material gegenüber, moderner Dramaturgie und Humor gefunden, um Spaß beim Lesen zu bereiten.

Ausdrücklich davon ausnehmen möchte ich hier all das, was er der Aphrodite antut. Böser Basti!

Nun gut. Vielleicht sollte ich nichts weiter schreiben, sonst baut er es in folgende Episoden ein. Zumindest gab es jetzt einen Zwerg. Was will man mehr?

Falls ihr mal etwas ganz anderes lesen wollt als Postapokalypse, Zauberinternate oder Fesselspiele, dann schaut mal beim Titaneion vorbei. Dort finden sich nämlich die Quellen.

Gegen Kronos, Zeus und Bestian ist alles andere nur Pillepalle.

Völlig sachlich ist natürlich meine Rezension: Kolossansturm von Bastian Brinkmann

Wenn das Buch zum Monster wird

Der Golkonda Verlag ist eine Aphrodite für bibliophile Leseratten wie mich. Nur einmal kurz ins Programm geschaut und man erliegt der Verführung. So erging es mir auch 2013, als Hannes Riffel das neue Klassiker-Programm vorstellte. Die dort erschienenen und noch erscheinenden Werke sind reine Liebhaberprojekte von Menschen, die ganz bestimmte Bücher endlich wieder in angemessener Buchform sehen wollen. Vergessene Werke ebenso wie ihrer Meinung nach zu Unrecht kaum beachtete.

Es hat eine Weile gedauert, bis ich die vier Bände von Victor Hugos Der lachende Mann in meinen Händen hielt und auch das Lesen selbst zog sich lange hin. Zum einen schob ich diverse andere Bücher dazwischen, zum anderen ist der Roman kein Buch zum schnell weglesen.

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Der lachende Mann von Victor Hugo, Cover: s.BENeš

Hugo steckte eine Menge Stoff hinein, sowohl politisch, als auch literaturtheoretisch. Klingt jetzt vielleicht nicht recht spannend, aber lasst mich das erklären.

Der Roman entstand im Exil. Hugo war kein Freund der Restauration der französischen Monarchie und konsequent verließ er den Staat. Als Verfechter der Republik sah er im Adel den Parasiten, der nur existierte, um das Volk auszusaugen. Ich stimme ihm da zu und schreibe es immer wieder gerne, wie froh ich bin, dass unsere Vorfahren 1918 den Adel bei uns abschafften. Möge er auf ewig in der Mottenkiste der Geschichte verrotten.

Hugo allerdings focht den Kampf noch aus und er wählte als historisches Setting seines Romans das Ende des 17. Jahrhunderts in England. Es war die Zeit wechselnder Dynastien bis hin zum Act of Union 1707, der die schottische und englische Krone vereinte und Schluss mit Bürgerkrieg und anderen gewalttätigen Auseinandersetzungen innerhalb der Insel machte. Der Adel konnte seine Tage mit feierlichem Nichtstun verbringen. Die Auswirkungen dieser Vergnügungen auf das einfache Volk beschreibt Hugo an mehreren Stellen eindringlich. So holte man sich irgendwen von der Straße, trieb üblen Schabernack mit ihm, um das nicht selten verletzte Opfer einfach in die Gosse zu werfen. Die Justiz ging dagegen nicht vor.

Um diesen Effekt zu verstärken, ersann Hugo für seinen Roman eine noch finstere Intrige. Aus einem Abrafaxe-Heft wusste ich bereits, dass es mal Mode war, besonders schrullige Hofnarren zu züchten, indem man Kinder in krumme Kisten sperrte und somit zu deformierten Geschöpfen heranwachsen ließ. Hugo erfand dazu gleich eine ganze Berufsgruppe, die Comprachicos. In einer solchen Gruppe wächst Gwynplaine auf. Seine Gesichtsmuskeln wurden zerschnitten und so zusammengenäht, dass es stets breit grinst.

Doch der politische Wind dreht sich, dem Comprachicos droht der Tod, sie fliehen des Nachts bei Sturm, mitten im Winter. Den Beweis ihrer Tätigkeit lassen sie barfuß an der Küste zurück. Das Kind taumelt durch den Schnee auf der Suche nach Wärme und Hilfe. Dabei stößt es auf den toten Körper einer Frau und ein Baby. Der Junge nimmt das weinende Bündel mit sich, obwohl er selbst kaum Wärme oder Kraft hat.

Wer diese Szenen liest, erkennt darin Hugos Meisterschaft in der Beschreibung menschlichen Elends wieder. Und doch ist es auch eine Lobpreisung menschlicher Fähigkeiten, solange sie unschuldig und unverdorben sind. Verderbnis und Verführung lauern jedoch überall. Zwar werden die beiden Kinder gerettet und erleben eine glückliche Zeit bei einem alten Schausteller, der sie bei sich aufnimmt, aber niemand wird bei Victor Hugo ein Happyend erwarten.

Was das Lesen des Buches zu einer Herausforderung macht, sind die vielen Passagen, die nur indirekt etwas mit der Handlung zu tun haben, die zudem auch nicht immer linear erzählt wird. Zwar ist oft zu erkennen, warum Hugo über bestimmte Themen referiert und er zeigt auch hier eine fesselnde Sprachgewalt, aber wer sich dafür nicht interessiert, wird Probleme haben.

Der Roman ist tatsächlich nicht allzu oft verlegt worden. Herausgeber Andreas Fliedner hielt sich an die deutsche Erstübersetzung, die schon im Veröffentlichungsjahr der französischen Originals, 1869, erschien. In meinem Bücherregal stand noch ungelesen die Ausgabe des Verlages Neues Leben aus dem Jahr 1980, welche in Genehmigung durch den Paul List Verlag, Leipzig unter dem Titel »Die lachende Maske« in der Übersetzung von Eva Schuhmann erschienen ist.

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Die lachende Maske von Victor Hugo, Cover: Jürgen Pansow

Sie wurde von Jürgen Pansow illustriert, einem Grafiker und Bildhauer, der mir bis heute völlig unbekannt war obwohl ich eines seiner Werke, Zwiesprache, schon des Öfteren im Fennpfuhlpark sah.

Seine vermutlich ebenso wie das Cover farbigen Illustrationen halten sich sehr dicht am Text und einige erstaunen durch ungewohnte Perspektiven, in denen man den Bildhauer erkennen mag.

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Dea und Gwynplaine – Illustration von Jürgen Pansow 

Wer lieber eine aktuelle Neuübersetzung lesen möchte, kann auf die Prachtausgabe der Achilla Presse zurückgreifen. Sie erschien 2013 unter dem Titel »Der Mann mit dem Lachen« und wurde von Rainer G. Schmidt übersetzt. Leider gibt es die Achilla Presse nicht mehr, das Buch ist antiquarisch zu einem ähnlichen Preis zu haben wie die vier Golkonda-Bände zusammen.

Puh, ich bin froh, die Lektüre durchgehalten zu haben. Frank Böhmert konnte sich nach dem ersten Band nicht entschließen, weiter zu lesen, dabei endete dieser gerade erstmal damit, dass Gwynplaine und Dea von Ursus aufgenommen werden. Vielleicht unterstützt die Aufteilung in vier Bücher das Durchhalten nicht besonders. Auch wenn es mich schon reizt, irgendwann einmal alles von Hugo gelesen zu haben, in naher Zukunft wird das aber nicht geschehen. Denn erst einmal werde ich mit meiner Urlaubslektüre beginnen. Ja, der Urlaub ist noch drei Wochen entfernt, aber ich hab so das Gefühl, dass die vier erwählten Werke ebenfalls eine etwas langsamere Lesegeschwindigkeit mit sich bringen. Außerdem juckt es mich schon in den Fingerspitzen, in die portugiesische Literatur einzudringen, von der ich bisher noch überhaupt nix kenne oder weiß. Neuland!

Bis dahin und wie gewohnt der Link zu meiner Rezi im Fantasyguide, die etwas mehr auf die Handlung eingeht als dieser schon wieder so lange Blogpost hier: Der lachende Mann von Victor Hugo

Das Böse in der Blase

Grad marschiert der selbsternannte Club der Großen in Hamburg auf und wird wohl wiedereinmal keines der globalen Probleme lösen können, die sie selbst schufen. Bereits 1984 untersuchte der US-amerikanische SF-Autor Vernor Vinge eine hochinteressante Idee, mit all den Mächtigen und ihren Problemen fertig zu werden: Er steckte sie einfach in undurchdringliche Blasen und schloss sie somit von der Welt aus. Dazu etwas Technikverbot für die einfachen Leute, dann noch eine Behörde mit weitreichenden Machtmitteln, um die so befriedete Welt im Frieden halten zu können, und schon ist die perfekte Zukunft fertig.

Die geneigte Leserschaft wird es ahnen: Keine irgendwie oktroyierte Staatsform hat je lange überlebt. So kriselt es auch unter der Herrschaft des Friedensamtes in Vinges Roman Der Friedenskrieg.

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Der Friedenskrieg von Vernor Vinge, Cover: Tom Kidd

Wir erleben die letzten Wochen vor der sich anbahnenden Revolution. Mehr oder weniger im Zentrum steht ein hochbegabter Junge, der aus üblen Verhältnissen im anarchistischen Süden Amerikas flieht und von einem alten Mann in die Lehre genommen wird. Dieser baut im Verborgenen verbotene Hochtechnologie und gerät damit immer mehr in den Fokus des Friedensamtes.

Der Roman offenbart sich zwar als spannend und actionreich, in vielen Dingen bleibt das Ergebnis jedoch halbgar. Vinge schneidet Probleme und Konflikte meist nur an, ohne sie weiter zu verfolgen. Das betrifft sowohl Spannungen und psychologische Probleme der Figuren als auch soziale und technische Aspekte. Vielleicht war der Stoff zu umfangreich und Vinge noch zu unbekannt, um einen längeren Text unterzukriegen. Vielleicht war 1984 auch einfach kein Jahr der detaillierten Weltenentwürfe.

Vielleicht aber hat er sich auch mit der gewählten Verwendung seiner Blasen-Idee vergaloppiert, denn die Handlungsbeschreibung des Folgebandes, Gestrandet in der Realzeit, klingt wesentlich passender und interessanter.

Da das Buch aber im Klassikerlesezirkel des SFN zur Auswahl stand, und ich von den beiden Tiefen-Romanen begeistert war, hatte ich vorher keinen Blick auf die Beschreibung zu Der Friedenskrieg geworfen. Ich bereue die Lektüre auch gar nicht, der Roman ist durchaus solide SF-Kost aber auf keinen Fall eine notwendige Voraussetzung, um sich mit dem Schaffen von Vernor Vinge auseinander zu setzen. Möglich, dass ich Gestrandet in der Realzeit irgendwann nachhole, aber in meine nächsten Lesepläne passt er nicht hinein.

Mehr zum Roman gibt es in meiner Rezi: Der Friedenskrieg von Vernor Vinge.

Ein paar Ale im Schatten des Galgens

Anlässlich eines privaten Jubiläums gönnten wir uns eine Woche im wunderbaren Edinburgh. Da ich gerne auf meine Urlaubsreisen Bücher mitnehme, die zu Land und Leuten passen, begleitete mich ein alter Bekannter aus Kindheitstagen: Entführt von Robert Louis Stevenson. Das Buch gehörte zu einer Reihe von Abenteuerromanen im Regal meines Vaters, die ich sowohl las als auch öfter in die Hände nahm. Allerdings wage ich heute nach der Lektüre zu behaupten, dass ich Entführt damals nicht las, sondern eher Der Junker von Ballantrae. Aber die wunderbaren Illustrationen von Werner Klemke sind schön wie eh und je.

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Entführt von Robert Louis Stevenson, Cover: Werner Klemke

Auf jeden Fall sah ich damals die Fernsehserie im ZDF mit der berühmten Titelmelodie David‘s Song von Vladimir Cosma, die man heute wohl hauptsächlich in der Fassung der Kelly-Family kennt. An die Serie und ihre Darsteller kann ich mich noch deutlich erinnern und per Internet lässt sich das Seherlebnis zum Glück auch heute problemlos wiederholen. Natürlich nicht beim ZDF. Ehe man da das Rechtliche geklärt hat, bin ich schon lange vermodert.

Buch und Serie weichen teilweise voneinander ab, was der Dramaturgie und natürlich auch den Produktionsbedingungen geschuldet ist, aber ich habe jetzt zumindest den Vorteil, dass mir Gegend und geschichtlicher Hintergrund nun etwas vertrauter sind.

Das betrifft zum die schottische Geschichte und zum anderen Edinburgh. Im Roman wird der Mord am königliche Steuereintreiber Colin Campbell of Glenure, genannt »Der rote Fuchs«, behandelt und einen der beiden Verdächtigen, James Stewart of the Glen, richtete man 1752 in Edinburgh auf dem Grasmarket hin. Und genau dort saßen wir fast jeden Abend, tranken Ale, kosteten Whisky und lauschten der Live-Musik.

Nicht weit weg befindet sich das Writers-Museum, in dem man sich drei der berühmtesten schottischen Autoren widmet. Robert Burns, Walter Scott und eben Robert Louis Stevenson.

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Im Writers-Museum

Das Museum ist nicht groß. Auf drei Etagen werden Leben und Werk gewürdigt, perfekt für einen stimmungsvollen Einstieg. Von Stevenson gibt es jede Menge Fotos und so gewinnt man schnell einen Eindruck von dem schlaksigen Mann. Er muss sehr liebenswert gewesen sein und die von Freunden und Bekannten postulierte Sanftheit ist in ihnen wieder zu finden.

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Fotos von Robert Luis Stevenson im Writers‘ Museum

Direkt vor dem Museum startete eine Stadtführung für Book Lovers, die wir uns nicht entgehen ließen. Allan Foster ist selbst Autor und wirbt mit Absicht nicht mit Geistern, um seine Tour zu füllen. Das ist auch sinnvoll, denn natürlich nahmen wir auch eine solche Geistertour durch Edinburgh mit und dort waren wir beiden die einzigen, die Walter Scott kannten.

Solche Probleme gab es in der kleine Book Lovers‘ Tour nicht. Umso cooler war es, die Winkel fernab der normalen Touristenwege zu besteigen, wo etwa Arthur Conan Doyle die Deduktion kennenlernte oder der wahre Long John Silver sein Bein verlor. Allan wies süffisant daraufhin, dass man in London das fiktive Wohnhaus von Sherlock Holmes besichtigen könne, es in Edinburgh aber nicht einmal ein Hinweis auf Arthur Conan Doyle dort gäbe, wo er wirklich agierte. Übrigens befindet sich schräg gegenüber vom Lieblingspub Stevensons und Conan Doyles das Café, in dem erste Kapitel über Harry Potter entstanden.

Spannend war auch die kleine Geschichte über jenen ersten Paperbook-Store mit Nashornkopf, vor dem eine alte Dame ihr Exemplar von Lady Chatterley’s Lover verbrannte. Wer in der Stadt ist und Zeit hat, sollte die Book Lovers‘ Tour unbedingt mitmachen, zumal Allan Foster sehr gern mit urbanen Legenden aufräumt.

Mit Robert Burns habe ich mich nicht weiter beschäftigt, allerdings ist es schon ergreifend, wenn man auf Youtube eine Interpretation von Auld Lang Syne findet, die Rod Stewart in Stirling Castle zelebrierte. Denn in der Burg waren wir auch mit einem Unternehmen, dessen Nahmen sich an Robert Burns anlehnt. Burns ist dort unheimlich beliebt und ich frag mich wieder einmal, warum wir Deutsche unser musikalisches und dichterisches Erbe so fast restlos vergessen haben. Ich meine nicht die Bedudelung durch Volksmusiksendungen, sondern die tief verwurzelte Freude daran, in irgendeiner Kneipe aus voller Kehle ein dreihundert Jahre altes Liedchen zu trällern. Mit allen Strophen.

Aber zunächst gilt es, Walter Scott wieder ins rechte Licht zu rücken. Hübsch wäre ja eine schöne deutsche Werkausgabe. Doch soweit ich es sehe, gibt es seit Anbeginn nur eine einzige und da sind inzwischen stolze Preise zu bezahlen. Bleibt also nur wieder der Griff in meines Vaters Abenteuerregal.

In der Zwischenzeit verweise ich auf meine Rezi im Fantasyguide: Entführt von Robert Louis Stevenson

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