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Das Durchdrehen der Drehbühne

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Für die jüngste Ausgabe des Horror-Magazins Zwielicht befasste ich mich ja mit der Gespenstergeschichte The Turn of the Screw von Henry James. Sie gehört zur Hall of Fame der Horror-Literatur und reizt vor allen dadurch, dass man Handlung und Intention fast beliebig interpretieren kann. Der Impact der Story ist in Deutschland nicht so dolle, aber wenn ich erwähne, dass Benjamin Britten eine Oper auf der Grundlage der Geschichte komponierte, dann erhalte ich zumindest von manchen Gesprächspartnern eine wohlwollend überraschte Reaktion. Was entweder an Oper oder an Britten liegt.

Jedoch kam ich während der Arbeit an dem Artikel nicht auf die Idee, diese Oper anzuschauen. Ein purer Zufall ermöglichte mir das nun. Meine Mutter wollte uns zu Weihnachten etwas Besonders schenken und bot an, Karten für die frisch aufgepimpte Staatsoper zu besorgen. Oper ist nicht so unser Ding, doch ins Programm geschaut und yeah: The Turn of the Screw!

Programm

Programmheft zur Oper »The Turn of the Screw« von Benjamin Britten

Letzten Freitag also konnten wir an einem megaheißen Apriltag die Geschichte auf eine neue Art genießen.

Front

Staatsoper, Foto von Marcus Ebener

 

Die Staatsoper hat sich nicht wirklich verändert, zumindest was mir meine Erinnerung erzählte, lediglich die Saaldecke hat sich deutlich gestreckt.

Saal

Saalansicht © Gordon Welters phone +49 170 8346683 e-mail: mail@gordonwelters.com http://www.gordonwelters.com

Nicht hübsch, aber dem neuen Sound geschuldet. Was meine Ohren natürlich nicht zu würdigen wissen. Ich bin da Banause. Aber alles ist hübsch frisch glänzend, das Gestühl weich und noch nicht abgesessen und im Vergleich zum Schauspielhaus am Gendarmenmarkt megabequem.

Aber zur Oper selbst. Die Musik mutet modern an, es gibt keine pompös getragenen Melodien, keine voluminösen Musikwellen sondern zumeist schräge Untermalungen der Handlung. Und die hat es ja gehörig in sich. Ich zitiere hier den Text der Staatsoperinszenierung:

»Eine junge Frau soll sich als Governess auf den Landsitz Bly begeben, um dort für die Erziehung der zwei Waisen Flora und Miles zu sorgen. Auftraggeber ist der Onkel, zugleich Vormund der Waisen, der nicht belästigt werden will und die junge Frau auf absolute Verschwiegenheit über die Vorgänge auf seinem Landsitz einschwört. Tatsächlich geben ihr das Verhalten der beiden Kinder und die Vorkommnisse im Haus Rätsel auf. Auch die Haushälterin Mrs. Grose, die offenbar schon ihr halbes Leben in Bly verbracht hat, scheint ihr nicht ganz durchschaubar. Schließlich glaubt die Governess die schemenhaften Erscheinungen eines Mannes und einer Frau durch die Räume wandeln zu sehen und in ihnen die Geister der ehemaligen Angestellten Peter Quint und Miss Jessel zu erkennen …«

Ohne zu spoilern kann man weiter recht wenig über die Handlung sagen. Interessant an der Oper waren einige sehr deutliche Interpretationsansätze. So wird der Gouvernante ein sexuelles Interesse an ihren Schützling Miles hinzugefügt, dass sich aus der Story selbst eher nicht ergibt. Ebenso wird die Verbindung zwischen den Geschwistern intensiviert und ebenfalls sexuell aufgeladen, auch das für mich jedenfalls nicht im Text vorhanden.

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Sónja Grané (Flora) und Thomas Lichtenecker (Miles)

Im Programmheft befindet sich der Abdruck eines Gespräches zwischen Claus Guth, der für die Inszenierung verantwortlich zeichnet, der Dramaturgin Yvonne Gebauer, dem Dramaturgen Roman Reeger und dem Ausstatter Christian Schmidt. Darin wird deutlich, dass Britten selbst durch die Musik bereits eine Interpretationsrichtung vorgab. So steht die Unschuld der Gouvernante im Mittelpunkt. Ihre Gefühle für ihren Auftraggeber zünden ihr sexuelles Interesse und laden ihre gesamte Welt sexuell auf. Das habe ich auch in der Geschichte gefunden, würde aber nicht so weit gehen, ihr ein amouröses Interesse an Miles zu unterstellen. Vielmehr neige ich dazu, dass sie versucht, ihn vor dem Desaster der Lust zu bewahren. Weil sie durch den Verlust ihrer Unschuld von Geistern besessen wird, will sie verhindern, dass dies ihren Schützlingen auch passiert. Zumindest ist das einer der Ideen, die ich beim Nachdenken über die Story hatte.

Bei Henry James kommen die Geistererscheinungen nicht zu Wort. In der Oper lässt die Librettistin Myfanwy Piper sie sprechen, also singen. Für die Inszenierung dachte man sich diverse Tricks aus, um nicht mit Bettlaken hantieren zu müssen. So singen beide stets verborgen. Die Akustik funktionierte hierbei so gut, dass es nicht zu dumpfen Verdeckungseffekten kam, wenn die Stimmen hinter Wänden hervorkamen.

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Sónja Grané (Flora), Thomas Lichtenecker (Miles) und Emma Bell (Governess)

Dadurch schienen die Geister stets anwesend zu sein. Zudem war die Bühne so geschaffen, dass sich mit ihrer Drehung neue Fluchten, Korridore, Zimmer oder gar ein Labyrinth bildeten. Die SängerInnen konnten so in Bewegung bleiben und den strudelartigen Sog der Handlung erlaufen, hängen bleiben oder aus ihm fliehen. Das war faszinierend und großartig, Christian Schmidt vollbrachte hier ein szenisches Wunderwerk, dass eine beeindruckende Horroratmosphäre aufbaute. Wenn das Geschwisterpaar starr neben einer Tür steht, hat man automatisch Shining im Gedächtnis.
Diese Verfremdung wird noch gesteigert, wenn zwei Kinderdarsteller mit Riesenköpfen eine frühere Version der Geschwister darstellen. Zum einen verdeutlicht es noch einmal, dass die Zeit der kindlichen Unschuld vorbei ist, zum anderen bringen diese Szenen etwas unwirklich Monströses auf die Bühne. Die Kinder erscheinen nicht als etwas Nettes, Naives.

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Fabian Sturm (Miles/Komparserie), Emma Bell (Governess) und Zoe Ruf (Flora/Komparserie)

Die Oper lief im englischen Original, es gab über der sehr hohen Bühne Textanzeigen für Deutsch und Englisch, was sehr hilfreich ist, denn ich kann Opernstimmen nur selten Wörter entnehmen. Gerade Countertenor Thomas Lichtenecker, der den Miles spielte, habe ich überhaupt nicht verstanden. Aber okay, in sowas muss man sich wohl einhören und eine Fremdsprache macht das Ganze nicht einfacher.

Es war ein großes Vergnügen, mich auf diese doch ganz andere Art und Weise mit The Turn of the Screw zu befassen und es war natürlich auch ein himmlischer Abend mit meiner Liebsten.

Alle Fotos stammen übrigens von der Premiere am 15. November 2014 von Monika Rittershaus aus dem offiziellen Pressematerial der Staatsoper, ich habe nichts selbst geknippst, lediglich das Cover des Programmheftes scannte ich ein.

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