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Ein Jahr Mucke

Wie versprochen ein kleiner Rückblick auf mein musikalisches Jahr 2016.

Ich kaufte mir im vergangenen 15 CDs und eine LP, davon waren neun Neuerscheinungen und sieben Alben die Erfüllung älterer Wünsche. Die komplette Liste findet sich unten.

Von diesen fünfzehn Alben sind drei mit deutlichem Abstand meine Highlights.

Ganz oben Remember Us to Life von Regina Spektor. Sie hatte sich viel Zeit genommen für ihr neues Album und auch wenn die Kritiken wenig berauschend klingen, ich bin auch dieses Mal hin und weg. Ich mag einfach, mit welcher Leichtigkeit Regina Spektor Songs entwirft, die mir bereits nach dem ersten Mal wie alte Bekannte vorkommen. Das Album ist ruhiger und ernster als der Vorgänger, weniger verspielt und bombastischer arrangiert.

Es kann durchaus sein, dass sie ganz langsam in eine Richtung treibt, in der ich ihr nicht folgen mag, wie es mir etwa auch bei Tori Amos geht, aber 2016 war definitiv nicht das Jahr, in dem ich von Regina Spektor loskam. Alle ihre Alben laufen regelmäßig in meinem Player.

Putzigerweise war dies der erste LP-Kauf seit Jahren und prompt enthielt das Doppelalbum zweimal die Platte Zwei. Zum Glück klappte der Umtausch via amazon schnell und problemlos, aber irgendwie bezeichnend fand ich‘s schon.

Kommen wir zum Highlight Nummer Zwei: Judith Holofernes mochte ich seit dem allerersten Hören der Reklamation und auch die weiteren Helden-Scheiben gehören immer noch zu meinen Lieblingsplatten. Dabei bin ich gleicher Maßen heftig in die Texte verliebt wie in Judiths stimmlicher Interpretation. Sie kann Textstellen eine Bedeutung einhauchen, wie ich es bisher nur bei Tamara Danz erlebte.

Und doch verlor ich die Gute aus den Augen. Zwar bekam ich ihre Solo-Pfade mit, kümmerte mich aber nicht weiter darum, bis ich in irgendeinem von mir verfolgten Blogpost las, ihr Album Ein leichtes Schwert hätte sein Leben verändert.

Bei einer der nächsten Youtube-Abende holte ich dann Judith aus der Versenkung und nach staunensvollem und in wiedererweckter Verzückung Dahinschmelzen wurde die CD bestellt. Inzwischen läuft auch sie bei mir in regelmäßigen Wohlfühlsessions.

Nach den Jahren der politischen Empörung und Liebe-vollen Jugend springt Judith als wildgeprüftes Mitglied eines Elternkollektivs durch die Gegend und singt ebenso grandios von diesem Leben, wie sie es vorher von ihrem alten tat.

Das ist eine extrem schwierige Sache, denn die allermeisten Musikerinnen und Musiker, die in ihrer unruhevollen Jugend geile Mucke schufen, ziehen aus ihrem glücklichen Familienleben nix als langweilige Songs.

Für den 17. März ist Ich Bin Das Chaos angekündigt, ich hab‘s gleich vorbestellt und auch schon Konzertkarten geordert. Noch einmal will ich Judith nicht aus den Augen oder Ohren verlieren.

Mein drittes Lieblingsalbum ist quasi der allergrößte Kontrast dazu und gefällt mir wahrscheinlich genau aus diesem Grunde.

Die mir bis dato vollkommen unbekannte Band Die Heiterkeit bescherte uns im letzten Jahr Pop & Tod I+II. Die gar nicht so heiteren Songs sind in der Mehrzahl vollkommen abgefahren, ungewöhnlich und skurril. Ich mag sie alle.

Das Album reiht sich ein in die Liste cooler Entdeckungen der letzten Jahre: Supermoon von Sophie Hunger und natürlich Über das Grübeln von Balbina.

Gehofft hatte ich auch, dass mir For The Young von Anna Ternheim besser gefallen würde. Ich werde sie noch einige Male hören, aber während ich Separation Road (2007) und Somebody Outside (2006) mindestens einmal im Monat in mein trauriges Gemüt fließen lasse, hat mich die 2016er Platte bisher noch nicht so verführt.

Weitere Alben, die nicht das brachten, was ich mir von ihnen erhoffte:

Udo Lindenbergs Stärker als die Zeit war enttäuschend und auch von Knorkator gibt es bessere Scheiben als Ich Bin Der Boss, etwa das rundumperfekte Ich hasse Musik oder das geniale HighMudLeader. Aber selbstverständlich bin ich Ende März beim Konzert.

Auf das Debüt von AnnenMayKantereit hatte ich mich auch sehr gefreut, aber im Wesentlichen überzeugen weiterhin nur die paar Singles, das Album Alles Nix Konkretes ist doch recht durchwachsen.

Schwer hatten es auch PJ Harvey und Anohni mit ihren neuen Platten The Hope Six Demolition Project und Hopelessness, die alten Höchstleistungen zu überbieten, und so werden Let England Shake und I’m a Bird now weiterhin meine erste Wahl sein, wenn ich die Stimmen der beiden hören möchte.

Daneben gibt es noch eine Reihe von Platten, die gut sind, exakt in den Erwartungen liegen aber nur in die erweiterte Rotation gelangen. So das neue Wilco-Album Schmilco. Es passt in die Band-Historie, macht großen Spaß und lohnt jedes Hören. Das lässt sich auch von zwei spät gekauften Alben sagen: Kaputt von Destroyer und das 2014 Trümmer-Album, die wie der kleine Bruder von Ja, Panik klingen.

Wenig Eindruck hinterließen Between The Times And The Tides von Lee Ranaldo, David Lynch‘s Crazy Clown Time und Zettel auf dem Boden von Niels Frevert – alles Blindkäufe aus Empfehlungen.

Aber Mut zum Risiko gehört eben auch dazu, wenn man mal etwas Neues entdecken will. Als Quellen für Tipps nutze ich in erster Linie zwei Zeitschriften: Die Spex und Schall.

Zwar überschneidet sich der Spex-Musikgeschmack zu höchsten zehn Prozent mit meinem, aber ich mag die Themen und die intellektuelle Herausforderung, der Sprache zu folgen. Die Spex beschnüffelt Dinge wie Mode, Kunst oder Architektur auf eine so schräge Weise, wie sie mir sonst nicht unterkommt. Das ist manchmal sehr inspirierend.

Schall widmet sich vorwiegend deutsch/sprachiger Musik ohne sich um Genres zu kümmern und verwundert mich immer wieder mit neuen Blickwinkeln auf KünstlerInnen, die ich in irgendwelche Vorurteilsschubladen beerdigt hatte.

Daneben guck ich, was man bei abgehört (Spon) so vorstellt und lese natürlich die Musikkritiken im Feuilleton der Berliner Zeitung – da sammelt sich dann immer mal wieder etwas an.

Ein Album fehlt noch: Blind Guardian‘s Nightfall In Middle-Earth entdeckte ich in den guten alten napster-Zeiten und seitdem gab es immer mal wieder Momente, wo ich genau diese Musik hören wollte. Jetzt war einfach Zeit, das Album in der 2007er Aufbesserung zu kaufen.

Was lief sonst noch in meinem Player? Natürlich einige der ultralangen Folgen von Methodisch Inkorrekt und mein absoluter Lieblingspodcast Viva Britannia, das leider 2016 etwas weniger oft erschien, sowie aus Rezensionsgründen die neuen Folgen der Mark Brandis, Raumkadett Hörspielreihe, leider allesamt super produziert aber schlecht geschrieben.

Ui, doch ne Menge Text geworden. Aber im Gegensatz zu den gelesenen Büchern schreib ich ja übers Jahr hinweg kaum mal etwas zu meinen Audiogenüssen.

Meine Musikeinkäufe 2016:

Die Heiterkeit: Pop & Tod I+II (Juni 2016)

Judith Holofernes: Ein leichtes Schwert (Februar 2014)

Knorkator: Ich Bin Der Boss (September 2016)

Wilco: Schmilco (September 2016)

Regina Spektor: Remember Us to Life (September 2016)

Niels Frevert: Zettel auf dem Boden (November 2011)

Lee Ranaldo: Between The Times And The Tides (März 2012)

Destroyer: Kaputt (Januar 2011)

Udo Lindenberg: Stärker als die Zeit (April 2016)

Trümmer: Trümmer (August 2014)

Anohni: Hopelessness (Mai 2016)

David Lynch: Crazy Clown Time (November 2011)

AnnenMayKantereit: Alles Nix Konkretes (März 2016)

Blind Guardian: Nightfall In Middle-Earth – Remastered (Juni 2007)

PJ Harvey: The Hope Six Demolition Project (April 2016)

Anna Ternheim: For The Young (Januar 2016)

Verkifft bis heiter

Wenn ich mal wieder eine spannende Musik für mich entdecke, will ich sie auch live sehen. Das ist in Berlin zum Glück nicht ganz so schwer.

Im Frühjahr lief mir Die Heiterkeit über den Weg, vielmehr las ein ein paar spannende Artikel über die Band und nach drei Songs und zwei Videos wurde die Platte mit dem elegischen Namen Pop & Tod I / II gekauft.

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Pop & Tod I / II, Cover von Sonja Deffner

Für Konzerttickets fuhr ich extra zur KoKa36, denn das ganze sollte im //:about blank stattfinden, das seine Karten wohl nicht von jedem verkaufen lässt.
Noch nie gehört. Das ganze stellte sich als kleiner Klub in einem ehemaligen Wirtschaftsgebäude heraus und sah so aus wie Jugendclubs früher.

Natürlich waren wir zu früh. Ich habe keine Ahnung, warum man auf Tickets Zeiten draufschreibt, wenn man sie doch nicht einhält.
Als jemand, der Wochentags kurz nach fünf aufsteht, sehe ich das nicht ganz so gelassen.
Nun gut, irgendwann fing die Vorband Luchs (Facebook-Link) an, eine gothrockige Damenkombo, die mit breitem Bass hämmerte, aber ihre Stimmen nicht sonderlich in die Anlage brachte.

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Luchs

Die Heiterkeit trat dann auch komplett ohne Schnickschnack auf, was ich nach den kunstlastigen Videos nicht erwartet hatte.

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Der Klub war recht dunkel, aber das sind: Die Heiterkeit

Aber der Kontrast von Grabesstimme (Stella Sommer) und den hohen Stimmen von Hanitra Wagner am Bass und Keyboarderin Sonja Deffner ist schon cool.

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Stella Sommer mit einem Lächeln

Die Lieder sind ehrfurchtgebietend und es wäre ein tolles Konzert gewesen, wenn uns der Qualm diverser Räucherwaren nicht auf den Magen geschlagen wäre.

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Niemand trällert »Nacht« so schön wie Sonja Deffner

Das war sowas von 90er Jahre. Ich bin wohl zu alt für stinkende Klubs. Dieser ist von der Liste meiner Konzertlocations geflogen.
Die Heiterkeit natürlich nicht. Denn so cool, lässig und episch wie Stella Sommer singt wohl nur noch Dirk von Lotzow, aber der ist ja auch lediglich ein paar Tage nach mir geboren worden.

Das war mein Konzertjahr 2016. Weiter geht’s 2017 im März mit Knorkator. Da wird Gras bloß gehäckselt und nicht geraucht.

Travel blue and blind

Manche Dinge sind schon ziemlich seltsam. Etwa, dass ich mich in literarische Figuren verliebe. Die erste dürfte Constance gewesen sein – ich war damals eine Weile sehr erfolgreich als Musketier unterwegs. Später (unterbrochen von einer heftigen Schwärmerei für Aphrodite) eroberte mich Gamma aus Andymon. Die Reihe meiner Unverflossenen ist mit der Zeit länger geworden. Oh, süße Emma Bovary!

Noch ganz frisch ist meine Verzückung über einen blauen Wuschelkopf, den sich Guido Krain ausdachte. In seiner Space Opera O.R.I.O.N. spielt die geniale Hackerin und Bastlerin eine recht energische Rolle. Sie »adoptierte« einen zweihundert Jahre alten Soldaten, dessen technische Optimierungen ihn eigentlich zu einer tödlichen Kampfmaschine machen und der extreme Schwierigkeiten mit dummen Vorgesetzten hat. Zwischen den beiden läuft natürlich etwas, aber wie das bei solchen Konstellationen eben so ist, müssen sich beide darüber erst klar werden.

Und auch wenn Pali also vergeben ist, ist sie jetzt mein Mädchen und der Herr Krain täte besser daran, ihr nicht weh zu tun!

Nicht wundern, der flapsige Ton passt zur Reihe und ich habe gerade mit viel Vergnügen den fünften Band gelesen: Schwarzauges Schergen von Guido Krain

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Schwarzauges Schergen von Guido Krain, Cover von Shikomo

Aber ich will noch über ein anderes Mädchen schreiben: Suzanne.

Ich habe Leonhard Cohen erst sehr spät für mich entdeckt und das über Suzanne. Manchmal muss man eben zuhören und danach wollte ich auch mit ihr gehen, blind, am Ufer des Flusses.

Es gibt eine Dokumentation des NDR über eine Konzertreise Cohens mit dem Titel »Bird on the wire«, in der man seine Verletzlichkeit erahnen kann. Aber auch die sehr auf sich selbst bezogene Künstlerpersönlichkeit. Sie enthält eine Szene, in der trifft Cohen in Israel auf hochinteressierte ZuhörerInnen, darunter Esther Ofarim. Man spürt förmlich die Inspiration, die hier aus der Musik, aber vor allem aus Cohens Ausstrahlung leuchtet.

Mein Vater war ein großer Verehrer von Esther Ofarim und auf seiner Beerdigung spielten wir ihre Version von »Bird on the wire«.

Bye, Mr. Cohen!

Arcane Klänge

Vor fast genau zehn Jahren übernahm ich die Rezension einer Dark Folk Platte. Lore of Nén von Elane. Ich fand das ganze Projekt faszinierend. In eine eigene Fantasy-Welt eintauchen und dazu passende Musik erschaffen, beeindruckend.

Die Rezi führte zu einem Interview und eh ich mich’s versah folgten weitere Platten und jeweils zur Veröffentlichung ein neues Interview.

2008 konnte ich sie dann im Konzert erleben, aber dann verlor ich sie aus den Augen …

Und justameng kam eine nigelnagelneue EP ins Haus!

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More Stars von Elane

Elane sind wieder da! Und um ihre neue Platte zu promoten, die im Herbst erscheinen soll, packten sie auf More Stars drei neue Songs samt zweier Remixe – das ganze als Box-Set mit den beiden Vorgängeralben.

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Mein Box-Set

Das Besondere am letzten und nun auch dem nächsten Album ist, dass sie Songs zu Geschichten von Kai Meyer sind. Der wackere Mann mischt gerade die Musikszene auf, könnte man meinen, denn seine Zusammenarbeit mit ASP durfte ich ja auch schon goutieren.

Besonders gefällt mir auf »More Stars« My Life, ein Song, der sich anhört, als spielte er auf einem Roadtrip durch den mittleren Westen der USA. Weit weg von Dark Folk also!

Wenn auch die EP kurz ist, es war ein schönes Lebenszeichen von Elane und nun freue ich mich auf das Herbstalbum: Arcane 2.

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Artwork-Sticker zum neuen Album Arcane 2 aus dem Box-Set von More Stars

Zwischen Kunst und Künstlichkeit

Über Klaus Nomi wurde ich auf Antony and The Johnsons aufmerksam. I’m a Bird now gehört zu meinen großen Lieblingsalben für bestimmte Stunden.

Keine Frage, dass ich mir auch das jüngste Werk, der sich inzwischen Anohni nennenden Künstlerin zulegte. Es ist elektronischer und auf den Text fokussierter. Gespannt war ich auf das Konzert gestern im Tempodrom.

Das Tempodrom ist eine fürchterliche Konzerthalle, eigentlich vermeide ich es, dorthin zu gehen. Die meisten Sitzplätzen verlangen einen verdrehten Körper, um auf der Bühne etwas zu sehen, die Getränke sind überteuert, aber zumindest sind die Toiletten okay, die man mangels Getränke aber nicht braucht.

Gut, dafür kann Anohni nix.

Das Konzert begann zwar nicht pünktlich aber ohne Vorband. Dafür mit Naomi Campbell.

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Naomi im Bunker

Sie spielte ja schon im Video zu Drone Bomb Me mit und offensichtlich von diesem Dreh durften wir uns zunächst über fünfzehn Minuten eine Schwarzweiß-Performance ansehen.

Eine Viertelstunde zu anschwellenden und abschwellenden Geräuschen wand sich die gute Frau, mal erfreut, mal etwas ernster blickend und zunehmend wurde es unruhig im Saal.

Dann blendete das Bild über in ein auf Zombie geschminktes Gesicht und Hopelessness begann.

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Hopelessness von und mit Anohni

Links und rechts einer Rampe ackerten sich zwei Männer an Laptops ab, während in der Mitte eine Burka-Getarnte Person ein Mikrofon herumtrug. Vielleicht war es Anohni, vielleicht auch ein Double, sicher konnte man sich nicht sein. Mit zunehmender Länge des Abends, was nicht so lang war, nahmen meine Zweifel zu, es mit einem Live-Konzert zu tun zu haben. Definitiv kamen diverse Stimmen vom Band, die Musik sowieso. Zwar sah man, dass sich die Gaze der schwarzen Gesichtsmaske bewegte und auch, dass dahinter jemand inbrünstig sang, aber sicher bin ich mir nicht.

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Hinter der Burka

Wenn Anohni tatsächlich solange fast unterbrechungsfrei glasklar durchsingen kann, gebührt ihr großer Respekt. Aber es gab keine persönlichen Worte, keine Begrüßung, keine Vorstellung der beiden Laptopper, überhaupt nichts weiter, nicht einmal eine Zugabe.

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Die Sängerin und ihre Augen

Dafür konnte man auf der Leinwand diverse Frauengesichter dabei beobachten, wie sie mit ganz unterschiedlichen Gefühlsausdrücken zu den Lyrics der Songs ihre Lippen bewegten. Es gab sogar Tränen, während davor die Burka sehr theatralisch performte.

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Performance, Art und Sound

Ganz zum Schluss redete uns eine alte, bronzefarbene Frau, wahrscheinlich eine Aborigine, riesengroß von der Leinwand herab ins Gewissen.

Was zum Album natürlich wunderbar passte. Aber auch extrem transzendent ist.

War das Kunst oder ein schlechtes Konzert, vielleicht sogar Betrug? Keine Ahnung. Auf jeden Fall werde ich für den Preis kein zweites Konzert von Anhoni besuchen.

Sing darüber!

Wenn die Welt nicht so ganz den Erwartungen entspricht und überall eher Zerstörung anzutreffen ist, schreibt PJ Harvey darüber.

Für ihr The Hope Six Demolition Project bereiste sie die Welt, schrieb düstere Berichte, wunderschöne Songs und besuchte gestern Spandau.

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Mittsommer in Spandau

Das liegt im sonnigen Norden Berlins und hat eine malerische Konzertlokation: Die Zitadelle.

Wegen der exorbitanten Preise reiste ich ganz alleine an, was nicht perfekt aber gerade noch ertragbar ist. Mit einer riesigen Band machte PJ Harvey einen gehörigen Rabatz.

Bis zu zehn Musikern gab der Abend ausreichen Gelegenheit, zu zeigen was sie können. Und das war eine Menge. Einmal spielte ein Bläser gleich zwei riesige Messinggeräte auf einmal. Saxophone vielleicht? Auf jeden Fall sehr groß.

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Oft wirkte die Performance theatral. Verteilt aufgestellter Chor, Trommelträger, große Gesten der Sängerin im Raben-Gefieder – wie in einem Theaterstück.

Es gab Songs aus allen Schaffensperioden. Natürlich vom neuen Album The Hope Six Demolition Project und von Let England Shake, das Album durch welches ich sie kennenlernte und das immer wieder als Referenz in Interviews genannt wird.

Es ist ist auch ein großartiges Album, von ersten bis zum letzten Song perfekt. Das neue klingt ähnlich und auch exakt genauso bitterböse in den Texten, soweit ich das verstehe.

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Es war das einzige Deutschlandkonzert

Aber es folgten auch noch ältere Sachen, die ich nicht kannte, dafür aber das begeisterte Publikum. Tatsächlich fanden sich viele Freundeskreise ein, die eine Generation älter schien als ich. Kommt nicht so oft vor bei Konzerten.

Aber so ein Abend zur Sommersonnenwende kann schon ein wahrer Jungbrunnen sein. Nach anderthalb Stunden und zwei kleinen Zugaben war Schluss, aber PJ Harvey und ihre fantastische Band hatten in der Zeit auch eine Masse Lieder mit großer Power gespielt, sodass wohl jede und jeder zufrieden war.

Komm mit ins All, Tag!

Es ist ein grandioser Mai in der Stadt. Irgendwie Sommer und doch blüht und grünt es überall wie frisch aus den Samen gepellt.
Zeit für Abendkultur!
Zum Glück kann man in Berlin recht spontan coole Dinge erleben, wie etwa einen gut aufgelegten Jochen Distelmeyer im Kreuzberger Club Bi Nuu.

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Männer habens auch nicht leicht: Tragedy!

Distelmeyer tourt gerade mit seiner neusten Platte voller Coversongs und beglückte uns gestern mit herrlichen Fassungen von Tragedy (Bee Gees), Video Games (Lana Del Rey), Take the Long Way Home (Supertramp) oder Bitter Sweet Symphony (The Verve).
Den Bandnamen Supertramp werd ich wohl nie wieder ohne laszives Kicksen aussprechen können und Tragedy ist jetzt ganz eindeutig ein verdorbenes Miststück geworden.

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Super! Tramp!

Das Gute am Bi Nuu ist, dass man die Sauna gratis dazubekommt und hier quillt dem Lufthungrigen dann ganz nebenbei einen Lobgesang auf das Rauchverbot aus der verdörrten Kehle.
Was natürlich nicht für den Künstler galt, der nach der Pause mit Fluppe zurückkam und als Zugaberunde in den Blumfeld-Archiven wühlte, was natürlich mit Tausend Tränen tief begann.
Der Song, der auch mich einst mit der Stimme von Distelmeyer auf ewig ins Blaue band.

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Alles für die Kunst …

Der Weg nach Hause und zur S-Bahn führte dann über die Oberbaumbrücke und vermutlich gibt es keinen schöneren Blick auf das Stadtzentrum bei Nacht. Dazu die milde Luft, friedliche Nachtschwärmer und eine dunkle Spezialiät aus Bad Köstritz – perfekt.

Ab ins All mit dir, schnöder Alltag!

Barden können’s einfach besser

Unser Universum steckt voller Musik und selbst, wenn dich im All keiner trällern hört, kein Ton hat je umsonst den Kosmos durchströmt.

Zu einer Zeit, da Der Herr der Ringe noch unschuldig nur ein Buch war, besang eine Metalband den Nightfall In Middle-Earth, Geschichten aus dem bisher noch unverfilmten Silmarillion. Meine erste Bekanntschaft mit Blind Guardian erfolgte über ein zunächst ganz unschuldiges Tauschportal. Doch keine Angst, längst habe ich die CD gekauft.

Die Verbindung von Metal und Fantasy erschien mir gleich einleuchtend und auch wenn ich heute eher weniger klassische Sword & Sorcery Geschichten lese, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, dem Crossmedia-Projekt von Van Canto und Christoph Hardebusch wohlwollende Aufmerksamkeit zu schenken.

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Voices of Fire von Van Canto, Cover von Osmar Arroyo

Das Buch Feuerstimmen kenne ich zwar noch nicht, aber das Album lag mir zur Rezension vor und hat mich tatsächlich erfreut.

Vor allem durch die Art und Weise, wie Van Canto Musik machen. Drei ihrer Bandmitglieder imitieren mit ihren Stimmen Bass, E-Gitarre und diverse Percussions-Instrumente. Sie singen also Rakkatakka, Randamdam, DumDumDum und ähnliches. Ganz krass sind die E-Gitarren Solis.

Der Rest klingt teilweise wie typische Mittelaltermarktmusik, nur eben in sattem Metal. Kein Death oder Highspeed, aber meist recht flott.

Wobei ich die Frauenstimme schon mehr mag, aber das ist eher nichts musikalisches.

Ganz cool ist natürlich, dass John Rhys-Davies die Off-Texte spricht. Das ist sowas von Mega-Gimli!

Interessanterweise kann man die Lyrics tatsächlich mit der Musik verbinden, allerdings musste ich mir die Tracks dafür mehrmals anhören. Für die Konzerte verspricht der Pressetext eine Aufführung, die noch mehr nach Musical klingen soll. Da bin ich gespannt. Die meisten klassischen Musicals find ich eher langweilig.

Auf jeden Fall ist die Platte eine schöne Sache geworden und wird von meiner Playlist so schnell nicht verschwinden, zumal, wenn ich der Story richtig gefolgt bin, hier die Barden die Welt retten.

Und ich bin ja nicht nur Dichter, sondern auch leidenschaftlicher Barde-Spieler in Herr der Ringe Online. Mein Main heißt übrigens Montbron. Ha! Barden können’s einfach besser.

Meine Rezi steht wie gewohnt im Fantasyguide: Voices of Fire von Van Canto

Hinreißend mitgerissen

Was macht man nicht alles, um dem Nachwuchs Kultur beizubringen. Die einen kaufen Lichtschwerter, die anderen singen Puccini im Kino.

Gestern konnte man in 120 Kinos gleichzeitig den Konzertfilm Ein Abend mit Puccini sehen. Zu sehen war der Solo-Abend von Jonas Kaufmann an der Mailänder Scala vom 14. Juni 2015.

Kinoplakat zum Puccini-Abend mit Jonas Kaufmann

Kinoplakat zum Puccini-Abend mit Jonas Kaufmann

Mich interessiert klassische Musik nur am Rande, aber es ist wirklich schwer, sich der Begeisterung zu entziehen, die Jonas Kaufmann versprüht. Als wir ihn in der Last Night of the Proms sahen, hat er uns gleich zu Fans gemacht und es traf sich perfekt, dass doch zeitnah der Kinoabend folgte. Karten für seine Tour sind so unerschwinglich wie nicht erhältlich.
Aber ehrlich, mir hat im Kino nichts gefehlt. Im Gegenteil, man konnte extrem gut sehen, selbst Details im Orchester bewundern und die Einführung in den Abend, von Jonas selbst gesprochen, fand ich Klasse.

Der Mann hat dazu noch eine wunderschöne Stimme, lächelt bezaubernd und strahlt diese unglaubliche Freude am Singen und an der Musik aus, dass man gar nicht anders kann, als mit begeistert zu sein. Im Interview erklärte er dann auch, das es vor allem an der Musik selbst läge. Puccini verstände es Emotionen so musikalisch auszudrücken, dass man sie mitfühlt, hineingesogen wird. Auch unseren Eindruck, es klänge nach Filmmusik, bestätigte Jonas. Allerdings sei es gerade andersherum, Puccini sei der große Einfluss für Filmkomponisten gewesen.
Und er sagte, dass man klassische Musik zu hören erlernen könne. Damit hat er Recht. Wie so vieles hat auch klassische Musik ihre ganz eigene Zeichenwelt. Mir etwa fällt es extrem schwer, Arien wieder zu erkennen. Nessun Dorma musste ich bestimmt zwanzig Mal hören, bevor ich das Muster verinnerlicht hatte. Diese Musik ist einfach zu weit weg von dem, was ich sonst täglich höre.

Von den Stücken, die gestern zu hören waren, kannte ich auch nur diese eine Arie. Vom Rest könnte ich wenig mehr sagen, als: Es hat mir gefallen.
Gerade Oper ist für mich deshalb auch extrem fremdes Terrain. Man versteht die Texte kaum und auch die in der Musik ablaufende Handlung bleibt mir größtenteils verschlossen. Selbst die Behauptung Puccini hätte Gefühle ausgedrückt, bleibt für mich sehr vage, da ich eigentlich nur zwischen Erregung und Ruhe unterscheiden konnte.

Aber dass uns Jonas Kaufmann dazu brachte, uns einen ganzen Abend mit klassischer Musik zu beschäftigen, Spaß dran zu haben und begeistert zu bleiben, ist schon ein ganz eigenes Wunder.

Vielleicht schaffen es ja Enthusiasten wie Jonas Kaufmann, dass ein Interesse an klassischer Musik nicht ausstirbt. Und dazu muss man wirklich neue Wege gehen. Weg von Pinguin-Verkleidungen und äonenalten Ritualen. So schön wie die Mailänder Scala auch ist, ein Kinosessel mit Beinfreiheit ist eine ganz andere Klasse.

Fahrradkette

Die lange Nacht der Wissenschaften sei ein guter Ort, dem Nachwuchs Möglichkeiten aufzuzeigen, meine meine Regierung und so folgte ich brav dem Pfad in die Zukunft.
Adlershof liegt bei uns quasi um die Ecke, also ließen wir uns von Hochfrequenztechnik, Raumfahrt, Robotik, Werbung und Psychologie den Weg weisen.

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Die Nacht der Köpfe in Adlershof

Alles furchtbar spannend, engagiert präsentiert, mit Essen und Trinken bestens begleitet. Es gab Musik und Sturm, also die ganze Bandbreite epischer Wissensvermittlung.

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Das Saxophon-Duo Edith Steyer und Andreas Kaufmann

Mir wurde wieder einmal klar, welche Möglichkeiten ich alle verpasst habe, wie cool das Leben an der Uni doch war und wie blöd ein Brotjob doch eigentlich ist.

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Durchblick oder Wirrwar?

Tja, da könnte man eigentlich melancholisch und depressiv werden. Bin ich aber nicht. Schuld hat Sarah Connor.

So ein Gehirn ist schon ein vertracktes Bioprodukt. Da las ich von der neuen Musik-Zeitschrift Schall, in der es um deutsche Mucke gehen soll. Also gekauft und verschlungen. Neben den ganzen alten Bekannten, von Keimzeit, Element of Crime, Camouflage, Casper, Die Prinzen, Flake stand da auch etwas über Balbina, die ich vor einem Monat für mich entdeckte, über Sophie Hunger, in die ich mich prompt verliebte, aber eben auch etwas über Sarah Connor.
Dass sie ein deutschsprachiges Album veröffentlichte, war in den letzten Wochen nicht zu ignorieren, ich verbuchte es unter Major-Promoting. Mit Frau Connor hatte ich noch nie etwas am Hut. Und lustigerweise begann der Artikel in Schall ähnlich.
Nun, in Zeiten von Spotify ist man nur einen Klick vom Lied entfernt.

Selten hat mich eine Musikerin oder ein Musiker mehr überrascht. Vielleicht nur Johnny Cash bisher. Nie hätte ich Sarah Connor erkannt. Zumal Rosenstolz-Mastermind Peter Plate deutlich in den Songs zu erkennen ist.
Weder bin ich Rosenstolz-Fan noch werde ich es jetzt von Sarah Connor, aber es ist Lieblingsmucke meiner Liebsten und beweist mir wieder einmal, dass eine Fahrradkette beweglich ist.
Und manchmal reißt, um etwas altes zu stoppen.
:wave:

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