Montbron

Startseite » Beitrag veröffentlicht von lapismont

Archiv des Autors: lapismont

Werbeanzeigen

Auf rechts gedreht

Das Computermagazin ct war über Jahrzehnte hinweg die einzige größere Zeitschrift, in der Science-Fiction Kurzgeschichten erschienen. Zudem zahlt das Magazin Honorar.
2016 zog  Spektrum der Wissenschaft nach, aber die ct blieb für Autorinnen und Autoren das hehre Ziel der Veröffentlichung.
Nun baut der heise Verlag um den Herausgeber Jürgen Kuri eine eigene SF-Reihe auf. heise online: Welten erscheint beim Hinstorff Verlag, der mir bisher eher als Seefahrt-Verlag ein Begriff war. Neben einem Anthologieband startet die Reihe auch mit einem Roman und weil ich solche Projekte gut finde, orderte ich mir gleich ein Rezensionsexemplar.

wanderstern

Die letzte Crew des Wandersterns von Hans-Arthur Marsiske

Die letzte Crew des Wandersterns von Hans-Arthur Marsiske ist in erster Linie ein Wissenschafts- und Wissensvermittlungsroman. Streckenweise kam ich mir vor wie in einer Folge MinKorrekt oder im Live-Stream der ISS.
Denn große Teile der Handlung spielen auf der ISS, allerdings ein paar Jahre in der Zukunft, zu einem verlängerten Ende ihres Betriebes. Hans-Arthur Marsiske vermittelt in sehr vielen Dialogen und Rückblenden eine Menge Wissen über die Arbeit auf der ISS, verschiedene Forschungsgebiete werden detailliert dargestellt und man gewinnt bald einen Eindruck, welchen Weg die vier Kosmonauten bis zu ihrer Mission gingen und warum. Ganz sacht wird noch etwas Spannung um möglicherweise gefährliche Proteinproben vom Mars eingebaut, jedoch deutlich zu wenig, um den Roman in diese Richtung zu drehen. Der akademische Duktus überwiegt bei weitem, dabei gibt es auch noch einen Handlungsstrang um eine angehende Schamanin, der komplett anders gestaltet ist und wesentlich empathischer auf die Figur eingeht.
Aber in Summe ist Die letzte Crew des Wandersterns ein eher enttäuschender Roman. Hans-Arthur Marsiske fokussiert sich zu sehr auf die Wissensvermittlung und vergisst dabei, eine spannende Geschichte zu erzählen.

Ich bin gespannt, was in der Reihe heise online: Welten noch folgen wird, bis dahin bleibt erst einmal nur meine Rezi im Fantasyguide: Die letzte Crew des Wandersterns von Hans-Arthur Marsiske

Werbeanzeigen

Mit dem Kanu durch Verlagsstromschnellen

Das Buchpremierenjahr im Otherland ging letzte Woche in eine neue Runde. Selbst die Otherlander konnten auf Anhieb nicht benennen, die wievielte es nun ganz genau ist, als Michael Marrak die Doppelpremiere seines neuen Romans »Der Garten des Uroboros« und des Erzählungsbandes »Quo vadis, Armageddon?« feierte.

MM_03042019_04

Die Otherlander Wolfgang Tress und Simon Weinert grübeln

Der erste Band der »Besten Erzählungen von Michael Marrak in zwei Bänden« war zwar schon zur Leipziger Buchmesse erhältlich, aber wie Simon Weinert es formulierte: Buchmesse zählt ja nicht.

Michael Marrak erschien mit Amandara, die schon im Januar ein Märchen aus dem »Uroboros« in der Kulturbremse präsentierte.

MM_03042019_06

Amandara und Michael

Natürlich fand sich auch MEMORANDA-Verleger Hardy Kettlitz ein, sodass Michael sich ganz beruhigt im Kreise von Freunden und Fans platzieren konnte.

MM_03042019_07

Zwei Bände hat die von Hardy herausgegebene Reihe mit besten Erzählungen

Nach der Installation der passenden Lesebeleuchtung präsentierte der stolze Autor seine dicke Lesemappe mit den sorgfältig eingeklebten Seiten des »Uroboros«.

MM_03042019_01

Eine Lesung mit Michael Marrak hat immer Stil

Der »Uroboros« ist für Micha wie »Quo vadis, Armageddon?« auch, so ein »endlich-geschafft-Teil«, weil das Buch früher schon (unter einem anderen Titel) nach »Lord Gamma« bei Bastei Lübbe im Gespräch war. Eigentlich unfreiwillig, weil er seinem Agenten gegenüber die Romanidee erwähnte, der prompt den Cheflektor des Verlages anrief und so kam es dann sogar zu einem Vertrag, den Micha dann aber wieder kündigen musste, weil er sich einfach nicht reif für den Roman fühlte und er damals sein Konzept nicht umsetzen konnte.

MM_03042019_02

Micha und sein Buch

So hing der Roman lange in der Luft, war dann aber sogar schon drei Jahre vor dem »Kanon« fertig. Er zog den »Kanon« dann vor, weil er ihn geeigneter fand, um nach der langen Veröffentlichungspause wieder anzufangen. So repräsentiert der »Kanon« seine neue und der »Uroboros« seine alte Schreibe. Da der Verleger Jürgen Egelseer von den diesjährigen Schneebergen betroffen war, schrieb Micha den Roman nicht nur, zeichnete das Titelbild und die Innenillustrationen, er setzte das Buch auch noch!

»Uroboros« ist ein Synonym für die Erde. Es geht um eine Prophezeiung, bzw. um eine Apokatastasis (der Zungenbrecher bedeutet laut Wikipedia Wiederherstellung aller Dinge am Ende der Zeiten).

»Eine Idee, in der alles sich, als ein riesiggroßes, sinnloses Nichts entpuppt. Es ist ein Kreislauf, für den es unterschiedliche Längen gibt, zwischen zwölftausend und sogar zwei Millionen Jahren, und am Ende dieses Kreislaufes beginnt alles neu. […] Es ist eine Theorie nach der ab einem bestimmten Zeitpunkt alles endet und von vorne beginnt. Aber jetzt nicht von vorne beginnt und man bekommt eine neue Chance und man macht alles anders. […]
Man führt exakt das gleiche Leben sobald dieses Leben beginnt mit den exakt den gleichen Gedanken, den gleichen Gesprächen, den gleichen Worten, den gleichen Überlegungen. Es ist immer der gleiche Kreislauf. So eine Art völlig sinnloses, göttliches Hamsterrad. […]
Das Buch beschäftigt sich praktisch mit der Idee, was passiert wenn sich doch etwas ändert, was passiert, wenn es drei oder vier Anomalien gibt, die es Menschen ermöglichen, durch dieses göttliche Tabula rasa durchzuschlüpfen.«

So gibt es im »Uroboros« vier Handlungsstränge, die auf drei Erdteilen spielen und keinen wirklichen Haupthandlungsstrang. Zwar spielt der Archäologe Hippolyt Krispin aus »Morphogenesis« wieder mit, aber nur, weil sich Micha keinen neuen Archäologen ausdenken wollte. Eigentlich hatte er etwas vor wie in den Filmen »Rapa Nui« oder »Apocalyptica«, also komplett ohne Gegenwartshandlung. Das gefiel dem damaligen Verlag aber nicht. So ist dann ein Gegenwartsstrang doch noch eingeflossen und gibt dem ganzen eine Indiana-Jones-Atmosphäre, erklärte Micha.
Er las allerdings zwei Kapitel aus einem Strang in der Vergangenheit vor.
Im Jahre 1455 muss der Chachapoya-Junge Chebál einen ziemlich anstrengenden Initiierungsritus durchstehen. Dabei geht es um die Jagd auf einen riesigen Raubfisch und die Fahrt mit einem Kanu einen wilden Strom hinab durch Engpässe und Wasserfälle. Micha las das gewohnt spannend und fesselnd.

Im zweiten Teil deas Abends ging es zum Sammelband »Quo vadis, Armageddon?«, der eine lange Geschichte hinter sich hat.

»Was hier liegt, das Ding hier, in seiner jetzigen Inkarnation, ist eigentlich die Anthologie, für die damals »Lord Gamma« eine Kurzgeschichte hätte werden sollen.«
»Und das war 1999«, warf Hardy von der Seite ein.

Eine zwischenzeitliche Veröffentlichung bei Festa zerschlug sich auch und da einige der alten Erzählungen in irgendeiner Form in seine Romane eingeflossen sind, spürte er in sich auch nicht die Begeisterung, das Projekt voranzutreiben.
Die Stories sind weit verstreut erschienen. Viele der Anthologien sind vergriffen, teilweise sogar schon die Herausgeber verstorben, sodass es jetzt doch toll ist, die Geschichten zwischen zwei Deckeln zu haben.

MM_03042019_08

Lose Blätter und ein Bier – quo vadis?

Er las dann die allererste Geschichte, von der er selber denkt, hier begann es für ihn ernst zu werden mit der Schreiberei: »Dominion«. Sie erschien in der Alien Contact-Anthologie »Das Herz des Sonnenaufgangs« 1995 im Teil mit den neuen Geschichten. Es geht in der Story um einen Säbelzahntiger mit dem Namen Richard Madenbach, was Michael damals noch für einen coolen Namen hielt. Inzwischen liest es sich für ihn wie der »Kanon« in der Urzeit. Entsprechend amüsant wurde es dann auch.

MM_03042019_05

Die Situation ist ernst …

Im Anschluss hatten wir noch Zeit, um Fragen zu stellen. Schnell drehte sich das Gespräch um die Probleme, die man als Autor hat, wenn man ein paar Jahre von der Bühne verschwunden war. Micha arbeitete ja fast etliche Jahre an einem Computerspiel mit, das dann doch nicht veröffentlicht wurde. So lehnten alle großen Phantastik-Verlage den »Kanon« ab, der aber inzwischen so erfolgreich ist, dass justamente eine Hörbuchfassung im Verlag Hörbuch Hamburg herauskam, gelesen von keinem geringeren als Stefan Kaminski.
Sichtlich stolz erzählte Michael von dieser Auszeichnung seines phantastischen Romans.
Das Verlagswesen ist im Umbruch. Man kann gespannt sein, wohin uns das alles führt. Hauptsache, wir lesen weiter etwas von Michael Marrak und sehen uns im Otherland!

MM_03042019_03

Kein Buch ohne Signatur!

Wo*Manpower, antike Spiegel und ein feiner Mond

Als ich mir »Roma Nova« von Judith Vogt zur Lektüre vornahm, stand für mich schon fest, dass ich sie hinterher um ein kleines Interview bitten würde.
Da der Roman nun auch im SFN einige Aufmerksamkeit bekam, konnte ich aus einem breiten Fundus aufgeworfener Fragen wählen und Judith beantwortete sie auch extrem fix.

Für mich war vor allem spannend zu erfahren, wo sich mein Leseeindruck von ihrer Intention unterschied und wie sie mit dem Antiken-Thema an sich umging.
Ein sehr informatives Interview ist es insgesamt geworden.

Bei der Bildersuche stellte ich dann überrascht fest, dass ich auf den diversen BuchmesseCons, auf denen die Vögte und auch ich quasi zeitgleich herumstriffen, von Judith überhaupt keine Fotos schoss, außer auf der DPP-Verleihung 2013.

Christian_JudithVogt_BuCon2013

Christian und Judith Vogt bei der Verleihung des Deutschen Phantastik Preises 2013

Zum Glück konnte Judith Fotos beisteuern und so blieb das Interview nicht ganz nackig: Interview mit Judith Vogt

Mit ein bisschen Hilfe aus dem Kleiderschrank

Das Lesungsjahr im Otherland ist bereits so proppevoll, dass ich es nicht schaffe, zu allen Veranstaltungen zu gehen. Wenn das kein Luxusproblem ist!

Aber ich schaffte es zu Sebastian Pirling! Er ist Phantastik-Lektor bei Heyne und hat mit »Der Planet der verbotenen Erinnerungen« nun selbst einen SF-Roman herausgebracht.

SebastianPirling_01

Sebastian Pirling und sein Buch »Der Planet der verbotenen Erinnerungen«

Nicht bei Heyne, sondern im mir bislang völlig unbekannten Brendow Verlag. Okay, der macht auch eher christliche Sachen. Hat aber eine coole Sache, um AutorInnen mit Projekten zu fördern, die in ihr Verlagskonzept passen: Den C.S. Lewis-Preis.
Sebastian bewarb sich dort mit seiner Roman-Idee und bekam ihn 2016. So konnte er also abseits der Wege, mit Hilfe aus dem Kleiderschrank, sein Romandebüt platzieren.

Wir saßen wieder einmal gemütlich im Kreis um den Getränketisch und Sebastian las in seiner allerersten Lesung als Autor zwei kurze Stellen aus dem Roman vor.
Zunächst Erinnerungen eines alten Professors der bei der Zerstörung seiner Heimat ein seltsames Erlebnis hat. Im zweiten Teil gab es eine Fabel, die der Hauptfigur des Romans bei seinem Besuch in einem versteckten Tal erzählt wird, wohin sich Menschen zurückgezogen haben, die sich gegen implantierte Erinnerungen wehren.

Die Auszeichnung mit dem C.S. Lewis Preis sind gewaltige Vorschusslorbeeren und Fluch und Segen zugleich.

»Natürlich freut man sich, wenn man einen Preist kriegt, dass ist natürlich ganz toll und für mich persönlich bedeutet der Name C.S. Lewis durchaus sehr, sehr viel und gleichzeitig ist es natürlich schwierig, wenn man bis dahin nur zwanzig Seiten hat und sagt, ach das wird ja sowieso nichts. Und dann die Frage vom Verlag kommt: Ja, wann können Sie denn fertig sein? – dann hängt mal halt drin.«

Die Geschichte des Buches hängt sich an einer Frage auf, die Sebastian schon drei/vier Jahre begleitet und ihm bei der Lektüre von Briefen kam, die Dietrich Bonhoeffer aus seiner Haft schrieb. Kann es sein, dass dieses Ganze, was wir hier jetzt so als Religion verstehen, nichts weiter ist als eine Art Gewand, ein Mantel den wir uns übergeworfen haben und dass es nicht auch ohne ihn ginge.

SebastianPirling_03

Sebastian stellte sich allen Fragen

Kann man Religion einfach so abtun? Für sein Romanprojekt kam Sebastian der Gedanke an eine Welt, in der Religion per se aufgehört hat zu existieren. In dieser Welt begibt sich ein junger Mann auf die Suche nach dem Vermächtnis seines Lehrers. Dieser Professor wurde ermordet und es heißt, es seien Erinnerungen, Aufzeichnungen von ihm vorhanden, die auf eine Gemeinschaft von Menschen hinweisen, die in dieser völlig religionsslosen Welt nach einer neuen Art von Miteinander suchen.

SebastianPirling_02

Selbstverständlich ließ ich mir mein Exemplar signieren

In den Fragerunden ging zwar in erster Linie um den Roman, aber Sebastian beantwortete auch welche zum Thema Lektorat und dem Heyne-SF-Programm.  Als wichtigste Empfehlung daraus sei Ken Lius zweiter Band mit chinesischen SF-Storys  »Zerbrochene Sterne« genannt, die wir in Übersetzungen aus dem Chinesischen erwarten dürfen.

Auch wenn mich diese Story-Idee von »Der Planet der verbotenen Erinnerungen« jetzt nicht wirklich vom Hocker gerissen hat, werde ich den Roman wohl lesen. Es ist auf jeden Fall mal etwas anderes.

Rom, Roman, Romantik

Ein altes Lied des SF-Fans leiert so: Die Verlage verstecken ihre SF vor mir!
Okay, wer nicht sucht, findet auch nicht, aber es wäre schon toll, wenn Verlage ihren Job ernst nähmen und alle ihre Bücher bewerben würden. So hat Bastei Lübbe es nicht für notwendig erachtet, »Roma Nova« von Judith Vogt einer entsprechenden Kampagne zu würdigen. Nach ein paar Monaten stellte die Autorin frustriert fest, dass deutschsprachige SF-Autorinnen unsichtbar oder zumindest wenig sichtbar seien. Im Zuge dieser Twitter-Diskussion zwang die Webgemeinde nicht nur der Wikipedia eine Liste auf, ich erfuhr auch von Judiths Buch. Nun kannte ich Judith vom Sehen her von Cons und ihre meist politischen Äußerungen von Twitter, aber ich habe noch nix von ihr gelesen. Liegt auch daran, dass sie vornehmlich Fantasy schreibt.
Okay, ich musste überlegen, ob ich mitten im LBM-Rezensionsstapelwahn eine 620-Seiten Space Opera reinstopfen wollte, aber letztlich interessierte mich, ob sich hinter Judiths Aufregung auch entsprechendes Werk verbarg.

Ja.

Nach der Lektüre kann ich Judiths Frust nachvollziehen. Das Buch hat mehr Aufmerksamkeit verdient. Es ist eine gute Space Opera, in meinen Augen eine gute moderne Space Opera, die sich mit den Platzhirschen der deutschsprachigen SF messen kann.

RomaNova

Roma Nova von Judith Vogt, Cover: Arndt Drechsler

Modern bedeutet hier für mich im Wesentlichen die Verwendung von modernen Charakteren. Weibliche Figuren in plottreibender Funktion, inhaltliche Funktion von Hautfarben und Geschlecht. Themen wie Rolle und Manipulierbarkeit elektronischer Medien, omnipräsente Aufzeichnungsmöglichkeiten und damit verbunden die Vermarktung der Aufzeichnungen, aber auch ethische Frage wie das Recht, sich gegen eine erste Welt zur Wehr zu setzen. Letztlich auch das große Unterthema, ob man Liebe implantieren kann.
Als modern empfinde ich auch das Aufweichen strenger Gut/Böse-Strukturen und die ambivalente Auflösung der Konflikte.

Gerade zum Thema Hautfarbe gab es vor einiger Zeit eine Diskussion auf Twitter, an der sich Judith ebenfalls beteiligte. In »Roma Nova« zeigt sie, was es bedeutet, eine automatische Zuweisung durch die Leserschaft dadurch zu vermeiden, dass man Hautfarben als ganz normale beschreibende Funktion einer Charakterisierung verwendet. Ianos hat dunkle Haut und wird dafür nicht diskriminiert, es spielt vielmehr als ein Herkunftsindiz eine Rolle. In dieser Behandlung von Hautfarbe sehe ich schon etwas Neues. Hautfarben sind relevant und nicht nur Staffage, sondern haben Bedeutung ohne Rassismuskeule.

Diversität und Frauenfiguren durchziehen den Roman. Es gibt keine Scheu vor Sex, in vielen Spielrichtungen und moralische Urteile obliegen den Figuren, Judith als Erzählinstanz bleibt neutral.
Jedoch nimmt sie ihre weiblichen Figuren, Sklavinnen und Herrinnen, und lässt sie gegenseitig erkennen, in welchen gesellschaftlichen Käfigen sie leben. Die Sklavinnen als Besitz, die Patrizier-Frauen als Gattinnen, Mütter und optisches Element. Ein Verlassen der gesellschaftlichen Käfige führt für beide Gruppen zu schweren Konsequenzen.
Gladiatorenkämpfe und Auspeitschungen bleiben das, was sie sind. Menschenverachtend. Aber natürlich sind sie auch Actionelemente. Doch nicht mit heroischen Siegern. Sondern mit Menschen als Besitz von Leuten, die sich daran ergötzen oder damit Politik betreiben.

Die Bedeutung des Geschlechts wird auf mehreren Ebenen beackert. Die Nichtgleichberechtigung von Frauen, Möglichkeiten sich in einer Männerwelt durchzusetzen ohne den Mann zu spielen, Emanzipation durch Technik. Je mehr ich darüber nachdenke, umso spannender finde ich Judiths Frauenfiguren. Weil sie sich so stark unterscheiden. Die missbrauchte Seherin, die emanzipierte Gaia, die sich selbst findende Constantia, die loyale IT-Sklavin, die wütende Piratin, die umtriebige Journalistin …
Da steckt eine Masse Arbeit in der Erschaffung guter Frauenfiguren drin. Auch wer den Roman eher als reine Unterhaltung sehen möchte, dürfte Spaß daran finden, denn obwohl der Roman dick ist, kommt nie Langweile auf, dafür sorgt eine spannende Handlung, die großartige Kulisse Roms und jede Menge Intrigen, Liebe und Sex.

Etwas mehr zur Handlung gibt’s wie gewohnt drüben im Fantasyguide: Roma Nova von Judith Vogt

Ein Lichtstrahl in den Keller der Phantastik

Wenn sich die Berge von Büchern und zu schreibenden Artikeln um mich türmen, fällt es sehr sehr schwer, irgendwo anzufangen. Aber nun los.

Meine letzte Lektüre war die Vampirnovelle von Frank Hebben und schon beim Schreiben der Rezension wurde mir bewusst, dass ich zwar Fan bin, ihn aber noch nie für den Fantasyguide interviewt habe! Der Mann ist auch nicht gerade einfach, Gerüchte und dramatische Anekdoten über ihn gibt es zu Hauf, also überlegte ich mir, wie ich rohe Eier am besten in die Pfanne haue, schrieb ein paar Fragen auf, von denen ich hoffte, sie würden brav Antworten herauskitzeln und sandte sie bang in die Datennetze dieses gebeutelten Planeten. Tags darauf gab es schon Antworten und Frank verfasste sie in seiner ganz speziellen, unnachahmlichen Weise.

Hebben_Werk

Frank Hebben – das Werk

Frank Hebben ist für mich einer der wichtigsten und schreibstärksten Phantastikautoren des Landes und viel mehr noch als seine charmanten Antworten sprechen seine Werke für ihn. Versucht mal was von seinen zarten Filetstücken in Eigenblut!
DER Autor ist tot, es lebe sein Wort: Frank Hebben im Interview

Mit dem Biss beginnt die Bürde

Es ist tatsächlich reiner Zufall, dass ich direkt nach einem Werwolfroman eine Vampirnovelle las. Aber von Frank Hebben nehm ich alles unbesehen.

Dieses Mal also Vampire. Frank bedient sich einiger bekannter Teile des Mythos. Aber er schrieb keinen gestandenen Vampirschinken, sondern einen düsteren, ganz seiner eigenen Poetik verpflichteten Tritt in den Hintern seiner Hauptfigur Martin.
Der tötet sein nächtliches Mahl nicht einfach, sondern lässt zu, dass sich das Mädchen infiziert und in eine Vampirin verwandelt. Sie ist sein Geschöpf, sein Kind und wie das so mit dem Kinderkriegen ist, alles wird anders.

Vampirnovelle

Vampirnovelle von Frank Hebben

Das Lesen macht trotz des ziemlichen kaputten Protagonisten jede Menge Freude, vor allem weil ich Franks Lyrik mag und er in seiner Prosa nur unwesentlich anders schreibt. Die Kapitel sind kurz, voller lyrischer Bilder und kurzen Sätzen. Trotzdem vermisst man keinerlei Epik, weil die Menschwerdung des zynischen Vampirs allein schon episch ist,

Es gibt ein lesenswertes Nachwort von Karla Schmidt, die gut auf den Punkt bringt, was sich hinter der Beziehungskiste der Figuren verbirgt.

Ja, ich mag seine SF-Sachen lieber, aber die »Vampirnovelle« ist ein gutes Stück Phantastik geworden. Modern, knackig, manchmal albern aber nie grundlos brutal oder eklig. Ein Familienroman. Im inhaltlichen Sinn.

Mehr zum Inhalt gibt’s wieder in meiner Fantasyguide-Rezi: Vampirnovelle von Frank Hebben

%d Bloggern gefällt das: