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Sternenmaske des Todes

Beim BBE 2020, von dem ich jüngst berichtete, las auch Frederic Brake wieder einmal. Während der Begrüßung im Discord war ich ahnungslos im Flachserei-Modus, als er mich in nordisch trockener Art daran erinnerte, seine Anthologie »Sternentod« noch besprechen zu wollen.

Ohje. Ja, ich hatte das Buch vom Verlag bekommen, p.machinery bringt gefühlte 50 davon im Jahr heraus, aber mein Bedarf an zu rezensierenden Anthologien ist gering. Aber ich hatte das Buch da und auf dem letzten BuCon kam das Buch im Gespräch mit Frederic zu Wort …

Frederic Brake auf dem BuCon 2019

Jedenfalls ging ich nach der Lesung auf die Suche und fand »Sternentod« ordentlich bei den Anthos einsortiert. Also an einem von zig möglichen Orten – meine Bücherregale neigen dazu, chronisch an Überfüllung zu erkranken.

Das Buch hatte ich also in der Hand und ein Zähneknirschen begleitete den Fund: 430 Seiten, 20 Geschichten. Ich kannte nun meine Gründe, warum die Antho ungelesen ins Regal wanderte. Da kam eine Menge Arbeit auf mich zu, denn mein Anspruch an eine Antho-Rezi ist, zu jeder Geschichte etwas zu schreiben und dann auch zu jeder Autorin und jedem Autor eine Seite im Fantasyguide anzulegen. Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis offenbarte mir, dass da viele neue Namen zu finden waren. Aber auch einige Bekannte. Mit Felix Woitkowski wuchs auch meine Hoffnung auf eine hohe Qualität.

»Sternentod« herausgegeben und mit einem Cover von Frederic Brake

Komplett unbekannt war mir allerdings der Name »Two Steps from Hell«. Deren Musik sollte die Inspiration der Texte sein, so die damalige Ausschreibung zur Antho. Tja, und da ich weder die Inspirationsquelle kannte, noch Klappentexte lese, war ich denn doch erstaunt, dass »Sternentod« keine SF-Kurzgeschichten enthielt, sondern Fantasy. Weder Titel noch Cover legten diesen Inhalt bei einem flüchtigen Blick nahe. Wobei das Cover schon Hinweise bietet und wenn man die Titelgeschichte liest passt das schon. Aber so richtig nach Fantasy duftet das Buch erst einmal nicht.

Und noch eine Überraschung gab es, denn ich hatte doch tatsächlich im Juni 2019 eine Lesung aus der Anthologie in Second Life besucht! Daran erinnerte ich mich aber erst beim Lesen der Geschichte von Gabi Behrendt, denn »Cohens Greife« waren mit tatsächlich im Gedächtnis geblieben. Leider hatte ich damals keinen Bericht geschrieben, aber ich fand den Ordner mit Screenshots und Notizen. Doch ganz nützlich, wenigstens das immer zu erstellen.

Screenshot aus der SL-Lesung, am rechten Rand sieht man die Avatare von Frederic und Gabi

Aber zur Anthologie. Mit jeder weiteren Geschichte wurde mir klarer, dass Frederic hier eine wirklich feine Sammlung zusammengestellt hatte. Es gibt keine wirklich schwache Geschichte, dafür jede Menge ganz unterschiedlicher, aber rundum gelungener Werke. Ein paar Kritikpunkte gab es schon, etwa gut gemeinter Feminismus der nach hinten losging, aber alles in allem ist »Sternentod« eine sehr gute Fantasy-Anthologie und ich bin mir sehr sicher, dass von den mir bisher unbekannten unter den Mitwirkenden noch weitere sehr gute Geschichten kommen werden.

Denn das ist das Gute an einer fleißigen Anthologieproduktion: Sie bietet Chancen zur Veröffentlichung. Wenn doch nur auch so viele KäuferInnen und LeserInnen von Kurzgeschichten nachwachsen würden.

Zu jeder Geschichte hörte ich mir hinterher auch die inspirierenden Songs an und zu einigen gab es sogar Videos. Keines der Stücke kam mir bekannt vor. Epische Filmmusik als Mischung aus Bombastrock und Mittelalter – für mich ohne bleibenden Eindruck, ich hätte mich schwer getan, inspiriert zu werden, aber in vielen der Texte konnte ich Elemente der Stücke wieder erkennen.

Ausführlicher zu den einzelnen Geschichten habe ich mich wieder in der Rezi ausgelassen: Sternentod herausgegeben von Frederic Brake

Natürlich ließ ich es mir auch nicht nehmen, endlich mal ein Interview mit Frederic für den Fantasyguide draufzupacken und da die Antworten fast postwendend kamen, konnte ich das Projekt sehr zufriedenstellend abschließen: Interview mit Frederic Brake

Wir waren schon immer nicht wirklich hier

Wer diesen Blog schon etwas länger verfolgt wird wissen, dass ich seit Jahren regelmäßig nicht nur reale Lesungen besuche, sondern auch virtuelle in Second Life. Was die halbe Welt just für sich neu entdeckte, ist dort ein zwar alter, aber kunterbunter und gern getragener Hut.

Den ganzen Mai bis in den Juni hinein fand dort das E-Book Event der Brennenden Buchstaben statt und für mich war das seit 2016 der fünfte Besuch.

Es gab sogar Masken für die Avatare …

An fünf Wochenenden fanden Lesungen und Life-Performances statt. Inzwischen muss man dafür nicht einmal mehr den Second Life Viewer starten, da das Ganze tontechnisch über Discord abgewickelt wird und zudem auch noch über das Internet-Radio Rote Dora weltweit im Stream zu hören ist.

Natürlich fetzt es in SL mehr, da dort eine Menge KünstlerInnen unterwegs sind, um mit aufwändigen Bühnenbildern und Kulissen, den Lesungen eine maßgeschneiderte Atmosphäre zu verpassen. Dieses Jahr wurden fast alle Locations wieder von Barlok Barbosa erschaffen und etliche seiner Kreationen bekam man für eigene Sims als Geschenk.

Barlok macht alles möglich

Ich konnte stolze vierzehn der Veranstaltungen besuchen und nach meinem Hänger im letzten Jahr, klappte es dieses Jahr sogar wieder mit einem vollständigen Bericht.

Kunstinstallationen sind in SL großartig

Und es ist völlig egal, ob mir nun die vorgestellten Werke gefielen oder nicht, es macht immer wieder einen Heidenspaß und jede und jeder, der solch eine Lesung veranstaltet, freut sich über ein zahlreiches Publikum und Applaus. Ich denke, gerade in der Phantastikszene ist das schon ne Menge wert. Eine Anthologie habe ich mir gleich noch während der Lesung geordert!

Thorsten Küper las auch öfter mit

Mein Bericht enthält jede Menge Screenshots und Informationen, die meist Veranstalter und Gastgeber Thorsten Küper aus den Lesenden herauskitzelte: Das Brennende Buchstaben E-Book Event 2020

Das Wimmeln im Tank

Bereits im Klassikerlesezirkel des Monats April lasen wir im SFN »Das seltsame Tier aus dem Norden« von Lars Gustafsson. Aus diversen Gründen dauerte es einen Monat, ehe ich mich an die Rezension machte und erstaunlicherweise bemerkte ich beim Durchblättern für die Besprechung, dass mir das ganze im Nachhinein doch wesentlich besser gefällt, als während des Lesens im Zirkel.

Das seltsame Tier aus dem Norden von Lars Gustafsson; Cover: Claus Seitz und Franco Maria Ricci

Das Buch ist im besten Sinne Ideen-Literatur, unter phantastischen Gesichtspunkt eng an Lem angelehnt, von ihm stand auch die Idee einer Schwarmintelligenz von Mikrolebewesen in einem Tank. Bei Gustafsson ist diese Intelligenz der Lenker eines Sonnenseglers und vertreibt sich die Zeit damit, sich selbst Geschichten zu erzählen. Dabei bedient er sich unterschiedlicher erzählerischer Methoden. Mal gibt er nur eine Parabel zum besten, mal skizziert die Handlung nur und dann folgt gleich darauf eine komplett auserzählte Story. Eine Methode, die sich heute noch in den Geschichten von Erik Simon finden lässt.

Schwierig waren für mich die philosophischen Einschübe, da hier doch recht komplexe Gedanken gewälzt wurden, denen ich nicht folgen konnte. Meist sehe ich bei solchen Themen das Problem nicht. Aber das kann man ja Gustafsson nun nicht zur Last legen.

Es war also wirklich gut, das Buch nach der Lektüre etwas ruhen zu lassen und sich beim Schreiben mit dem zu befassen, was man dann als Nachhall in sich findet.

Deshalb ist die Rezi auch recht umfangreich geworden, weil ich auf jede Geschichte eingehen wollte: »Das seltsame Tier aus dem Norden« von Lars Gustafsson

Die Liebe in mir ist das Böse in dir

Nach dem famosen »Shape Me« und dem coolen Interview mit ihr war klar, dass ich unbedingt mehr von Melanie Vogltanz lesen wollte und kaum gedacht, brachte sie auch schon ihr nächstes Buch heraus: »Schwarzmondlicht«. Im Selbstverlag, da der ursprüngliche Verlag sich in die Unanständigkeit katapultierte. Also bestellte ich bei ihr direkt und bekam mitten im Corona-März ein veritables Buchpaket:

Prall gefüllt

In der Widmung steht ein historisches »Bleib gesund.« – der März 2020 hat schon jetzt seine eigenen Legenden.

Ebenso wie »Schwarzmondlicht«, denn neben dem Verlagsdesaster kann die Autorin auch eine Menge zur Editionsgeschichte erzählen, immerhin ist das Werk eine stark überarbeitete Neufassung ihres Debüt-Romanes »Luna Atra« – im Vorwort klärt sie uns darüber auf.

Nach dem SF-Kracher nun düstere Fantasy? Eigentlich nicht ganz. In der SF gibt es für eine Handlung in nächster Zukunft den Begriff Near-Future, in der Fantasy ist Urban-Fantasy üblich. Aber so ganz mag ich »Schwarzmondlicht« dort nicht hineinpacken, denn die Handlung und ihre Bearbeitung kratzt fast alle Bereiche der Phantastik, also auch den Horror und das Märchen, im weitesten Sinne sogar die SF.

Nennen wir also dieses kleine literarische Schätzchen einfach: phantastische Phantastik!

Alles was man für die anspruchsvolle Lektüre benötigt.

In meiner Nachrichtenblase hatte ich das Gefühl, Roman und Figuren seien seit Jahrtausenden überall bekannt, nur ich hinke wieder hinterher. Es gibt Jugendliche mit besonderen magischen Fähigkeiten, die es ihnen nicht gerade leicht machen, ihren Weg zu finden und ihn dann auch zu gehen. Klingt erst einmal nicht ganz so überraschend neu, spannend wird’s dadurch, dass Melanie Vogltanz ihren Figuren scharf in die Psyche blickt und dabei kein Auge zudrückt. Es werden folgenschwere Fehler begangen, Verrat geübt, Gutes rächt sich, Böses steckt in harmlosen Absichten und es gibt eine ganze Menge Leid und Schmerz.

Was mir besonders gefiel, wie auch schon in »Shape Me« erspart uns Melanie Vogltanz billige oder einfache Lösungen. Es werden auch keine LeserInnenwünsche erfüllt, a la: »Die sollen sich kriegen!« oder »Das muss geheilt werden!« – dadurch fühlen sich Figuren und Handlungen sehr, sehr lebendig an.

»Schwarzmondlicht« beweist mir erneut, dass Melanie Vogltanz eine exzellente Erzählerin ist, die Komposition des lebens beherrscht und mehr als einen Blick in die Finsternis warf. dort wo die Phantastik ihre schwarzen Perlen aufbewahrt.

Mehr zur Handlung und den Figuren gibt es in meiner Rezi: Schwarzmondlicht von Melanie Vogltanz

Die Leere des Dienens

Lange zögerte ich, ob ich zum zweiten Band der »Kleinen Frauen« von Louisa May Alcott einen Blogbeitrag nachreichen soll, denn das Buch war in Summe eine große Enttäuschung.


»Der Ernst des Lebens« von Louisa May Alcott

Als die Verfilmung angekündigt wurde, befasste ich mich der beteiligten Schauspielerinnen wegen mit dem Stoff und erfuhr, dass »Kleine Frauen« eine besondere Bedeutung auch heute noch für die amerikanische und englische Literatur und Gesellschaft besitzt. Nach der Lektüre des zweiten Bandes entsetzt mich das zutiefst, denn gerade in ihm wird ein völlig überkommenes Frauenbild dargestellt. Es ist eine Art Lehrbuch für bürgerliche Mädchen in den USA zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Eine Anleitung, wie man ohne im Stand zu sinken, als Frau überleben kann. In erster Linie mit: Diene Männern. Selbst meine Lieblingsfigur aus dem ersten Band, die wilde, lebenshungrige und so unabhängige Jo mit ihrem Faible fürs Schreiben geht am Ende im Dienst an Jungs auf. So lieb kann man die Figuren gar nicht gewinnen, dass man sie hierfür am Ende dann doch zu hassen beginnt.

Das Buch mag 1870 für eine ganze Generation junger Bürgerliche hilfreich und inspirierend gewesen sein, aber für wen im 21. Jahrhundert soll das noch ein wichtiger Ratgeber sein? Die Ideologie dahinter führt direkt nach Gilead.

Nein, »Der Ernst des Lebens« kann ich nicht empfehlen, außer man beschäftigt sich wissenschaftlich mit Zeit, Autorin, Thema oder Umstände. Das Buch gehört in seine Zeit und sollte dann dort auch wieder vergessen werden (mal von der völlig vergeigten Buchausgabe, die ich mir besorgt habe, ganz abgesehen).

Ein paar Worte des Entsetzens mehr in meiner Rezi: »Der Ernst des Lebens« von Louisa May Alcott.

Ein Kuss nur bis zur Sterblichkeit

Es gibt Menschen im Leben, die begleiten einen nur ein paar Augenblicke im Leben, sind aber aus unerfindlichen Gründen für immer fest eingebrannt in das Denken und Befinden.

So geht es mir mit Blaustrumpf. Die wortgewandte und streitfreudige Dichterin lernte ich in der leselupe kennen und ruckzuck wurden wir Geistesverwandte. Wir hatten dasselbe Blödellevel und verabscheuten dieselben Werke und auch dieselben Lupinen. Einmal trafen wir uns sogar in Berlin und meine Begeisterung wurde noch größer, leider huschte sie virtuell in andere Gefilde und da sie ihr Privatleben streng schützt, verlor sich jeglicher Kontakt. Jedoch hab ich einige ihrer Hinweise und Tipps befolgt. Durch sie lernte ich Gösta Berling und Jeanette Winterson kennen.

Frankissstein von Jeanette Winterson; Cover: Maurice Ettlin

Wegen Blaustrumpf hatte ich auch keinerlei Bedenken, mich in das neueste Werk von Jeanette Winterson zu stürzen und ich bin hellauf begeistert. Der Roman ist eine geniale Verknüpfung von Mary Shelleys »Frankenstein« und den großen Themen künstliche KI und Diversität. Schöpfungen auf unterschiedlichsten Ebenen und ethischen Kreisen verbinden sich zu einem großartig geschriebenen und wunderbar konstruierten Roman, vor dem man auf die Knie fallen möchte. Solche Bücher machen, trotz einiger sehr heftiger Szenen und Gedanken, glücklich.

Eine ausführliche Rezi gibt’s wieder drüben im Fantasyguide: »Frankissstein« von Jeanette Winterson

Tausend Jahre nach der Krise

Die Zerbröselung der Normalität macht auch mir zu schaffen. Irgendwie ist es schwer, sich profanen Dingen zu widmen, wie den Erstellen von Rezis oder Blogeinträgen, die doch aus einer Zeit stammen, die so unvorstellbar weit weg scheint. Aber das ist wohl nur der Elf in mir. Irgendwann wird das Bergwerk wieder eröffnet, sagt der Zwerg in mir und darum geht’s jetzt wieder weiter.

Und gleich megapassend, denn ich rezensierte einen SF-Roman aus Ungarn. 1974 veröffentlichte Klára Fehér ihren SF-Umweltroman »Oxygenien«, in dem ein junger Mann von der Erde während der Hochzeitsreise auf einem seltsamen Planeten strandet. Während seine Frau im Orbit versucht, Kontakt zu ihm zu bekommen, lernt er eine Welt kennen, in der die Menschen tausend Jahre nach dem Umweltgau gezwungen sind, mit Sauerstoffmasken zu leben.

Oxygenien von Klára Fehér; Cover: Gyula Feledy

Sie arbeiten für Sauerstoff, schlafen in riesigen Sälen, essen in öffentlichen Kantinen und träumen vom großen Frühlingsfest. Keine Individualität, keine Kultur, alles steril und streng getaktet. Zum Glück stößt Peter auf einen jungen Mann, der anders ist und bald lernt er weitere Seiten Oxygeniens kennen …

Was passiert, wenn eine globale Krise die Staaten und Wirtschaften zusammenbrechen lässt? Wenn jemand eine rettende Lösung findet, dafür aber die Menschen mit Notstandsgesetzen in ihren Rechten einschränkt, alles unter der Ägide, sonst würden alle sterben?

Ja, die Krisen ähneln sich. Und es ist eine ungarische Autorin, die vor den Folgen oligarchischer Willkür warnt. Heute schafft sich das ungarische Parlament selbst ab. So wenig Bock hat man dort auf Demokratie, dass man eines der wichtigsten Bestandteile wegwirft. Notstandsgesetze, Dekrete ohne Kontrollinstanz und plötzlich lebt man in Bedienerstädten wie in Oxygenien nur einen Fehler von der Lobotomie entfernt.

Klára Fehér hat es beschrieben

Als Jugendlicher las ich den Roman in einer umschlaglosen Taschenbuchausgabe, später kaufte ich mir die Romanzeitungsversion und war sehr glücklich, die gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag in einwandfreiem Zustand auf der Buch Berlin in einer Krabbelbox zu sehen. Natürlich habe ich das Buch sofort gekauft und beschlossen, es zeitnah zu lesen.

Cover: Klaus Müller

Da dachte ich noch, einfach einen Klassiker wieder zu lesen. Und nun ist das Buch so radikal aktuell, dass es mich schier umhaut. Oxygenien von Klára Fehér

Im Universum hört dich keiner husten

Was liegt in Zeiten wie diesen näher, als eine virtuelle Lesung zu besuchen? Viele Kunstschaffende treibt es derzeit in die virtuellen Welten auf der Suche, die zerstörerische Kraft des kulturellen Herunterfahrens irgendwie abzufedern.

Die Lesungen in Second Life sind nun keine neue Erfindung, aber vielleicht erleben sie gerade jetzt einen besonderen Boom.

Offizielles Lesungsplakat

André Nagerski stellte hier bereits vor zwei Jahren seinen Roman »Roboter weinen heimlich« vor und gestern gab er uns in einer Doppellesung Einblicke in die beiden Nachfolger.

Für »Selfies vom Mond« gestaltete Barlok Barbosa eine grandiose SF-Kulisse. Die ausrangierte Kommandozentrale eines ausgeschlachteten Raumschiffes barg den Lesungsort und stimmte, sehr zur Freude des Autors, perfekt zur Beschreibung im Roman.

Das großartige Bühnenbild von Barlok

André Nagerski ist stolzer Familienvater und zu Beginn wuselten noch einige Mitglieder seines Haushalts im Äther herum, später verdrängte die leidenschaftliche Stimme des Autors jegliche Störquelle.

Mit vollem Einsatz: der Avatar von André Nagerski

Die »Bop-Saga« ist humoristische Science-Fiction. Bop heißt der Planet, auf dem alles begann. Im Jahr 220221 nerven ausgestoßene Roboter die Einheimischen Lebewesen von Bop, denn seit ein Roboterprophet Bop als Ort der Erleuchtung benannte, zogen Roboter aus allen Teilen des Universums hierhin und machen seither den Bewohnern das Leben zur Hölle.

Wir waren mitten drin …

In »Selfies auf dem Mond« spielt der Mond auch tatsächlich eine gewisse Rolle, aber André verwies dafür auf die Eigenlektüre, in der Lesung wollte er mehr dazu nicht verraten.

Die sehr coolen Cover der drei im Selbstverlag erschienenen Bände schuf ein guter Freund aus München, Stefan Kolmsperger, erzählte André auf Nachfrage des Gastgebers Thorsten Küper.

Auf die Frage, wie lange er an der Saga geschrieben hätte, antwortete André, dass er vielleicht vor zehn, fünfzehn Jahren damit begonnen habe, durchbrochen von den vier Kindern. Irgendwann sagte er sich: Gib mal Gas! Band Drei ging dann schon in drei, vier Jahren über die Bühne.

Aber zum Inhalt von Band 2: Die Truppe an Helden hat Bop verlassen, da sie von einem Alien die Aufgabe bekamen, das Universum zu retten. Dafür müssen sie den Planeten »Anyway« suchen, da dort Wegweiser leben, die ihnen den Weg zeigen können. Ort der Lesungshandlung ist der Komet Kieselschweif, hart umkämpft, da es dort Mineralien und Artefakte gibt. Die Exflamme unseres Protagonisten Ted nimmt ihn mit auf die Station, wo wir als Publikum dem Kapitel 31 lauschten.

Wir blieben alle drinnen

André las mit vollem Einsatz und verstellten Stimmen, wodurch die vielen Sprachspiele und Zweideutigkeiten gut zur Geltung kamen. Und die Lesung quoll davon förmlich über.

Für den zweiten Teil der Lesung wechselten wir in die Sim von BukTom Bloch. Dort gab es Kostproben aus »Warp-Life-Balance« und in in den Kulissen versteckt, jede Menge Anspielungen auf die Bücher. Wer welche erkannte, konnte an einem Gewinnspiel teilnehmen und bekam 42 Lindendollar, am besten für charitative Spenden auszugeben.

Erstaunlich viele Menschen nutzten die Lesung als Alternative zu Corona, allein in Second Life sah ich über 30, dazu kamen noch etliche HörerInnen des Radios Rote Dora und des Discord Voice-Chats, die ja für die Lesung nicht unbedingt in SL einloggen mussten.

André im Rampenlicht

Ein phantastischer Science-Fiction Abend mit Humor und genau das brauchte ich an so einem verseuchten Abend im März. Bleibt gesund!

Wir schwebten im Universum

Ein lauer Wind für lahme Mühlen

Ein kleener Virus legt die Welt lahm und zerstört alle Pläne. Statt in Leipzig auf der Buchmesse zu sein, hab ich heute mein Kräuterbeet aufgefüllt. Es steckt eben doch ein Hobbit in mir.

Auch das Theaterprojekt des Milchbarts liegt vorerst auf Eis, da alle Bühnen geschlossen sind. Beste Gelegenheit, nun endlich über unseren bislang letzten Theaterbesuch zu berichten, ein wehmütiger Blick in eine absurd normale Zeit.

Als die Welt noch in Ordnung war … vor zwei Wochen …

Am Deutschen Theater wurde »Don Quijote« in der Fassung von Jakob Nolte und der Übersetzung von Susanne Lange aufgeführt.

Das Programmheftchen

Als Kind bekam ich von meinem Vater eine illustrierte Jugendbuchfassung in Fraktur, weiß aber nicht genau, ob ich sie auch las. Später kaufte ich mir die vierbändige Reclam-Ausgabe, die seither ungelesen im Regal schlummert.

Meine Ausgaben in sehr unterschiedlicher Schreibweise

Die Geschichten kenne ich jedoch aus der Zeichentrickserie, die Anfang der 80er im Fernsehen lief. Aber Lust auf das Epos habe ich schon …

Wolfram Koch und Ulrich Matthes (Foto: Arno Declair)

Die Inszenierung in der Regie von Jan Bosse kommt sehr martialisch daher. Es gibt auf der Bühne nur einen Holzcontainer und die beiden Schauspieler Ulrich Matthes als Don Quijote und Wolfram Koch in der Rolle des Sancho Panza.

Sacho Panza zieht den Container, ein hartes Los … (Foto: Arno Declair)

Matthes wollte ich schon lange einmal auf der Bühne sehen und er spielte den Ritter von der traurigen Gestalt in einer filigranen, zerbrechlichen Art zwischen Wahnsinn und Schabernack. Daneben lebensprall und klug Wolfram Koch, der seine Derbheit mit krummen Rücken, Plüschbauch und großer Menschlichkeit verziert.

Die beiden spielten toll, sehr lebendig und man konnte durchaus seinen Spaß haben. Allerdings fehlte der Inszenierung etwas. Einen Bezug zum Heute. Es gibt ja viele Menschen und Dinge, die sich an Altem klammern und fern der Realität in den Untergang gehen. Spontan fielen mir nach der Vorstellung die Briten und ihr Empire ein, aber auch die Klimakrisenleugner. Und grad heute seh ich Corona-Windmühlenflügel vor meinem inneren Auge.

Viel Rauch um wenig (Foto: Arno Declair)

Jedenfalls fand die Bühnenfassung irgendwie im luftleeren Raum statt. Man wusste nicht wofür man den Fake-Ritter bedauern sollte, denn nun ja, das Thema Rittertum ist doch sehr tot. Schade.

Hoffen wir, dass sich Corona schnell wieder verflüchtigt, denn ich vermisse Lesungen und Theater doch bereits sehr.

Gewalt und Göttlichkeit

Die Regenbogen-Ausgabe der Werke von Philip K. Dick gehört zu meinen Highlights im SF-Regal. Als Heyne Anfang der 2000er begann, die »Große Werkausgabe« herauszubringen, nutzte ich die Gelegenheit, meine Lücken in der klassischen US-SF zu füllen. Ich erwarb alle Bücher sofort nach Erscheinen, nur las ich davon die wenigsten.

vollständig, aber lückenhaft mit Eumel: Der Dick-Regenbogen

Kurzes Zwischenspiel für alle Dick-Heyne-Verwirrten: »Wie man ein Universum baut« und »Auf dem Alphamond« sind, trotz Ankündigung, nie in dieser Reihe erschienen! Man findet zwar die Cover im Netz, aber leider ändert es nichts an der Tatsache, dass dem Verlag damals Geld und Puste ausging für die Vervollständigung der Reihe. Die Anzahl der Interessierten war wohl doch nicht so groß.

Zum Glück gibt es ja Lesezirkel, die mich regelmäßig anspornen, Bücher aus den inzwischen sehr gut gefüllten Regalen aufzuwecken. Nach dem »Galaktischen Topfheiler« im Dezember wurde nun »Irrgarten des Todes« im SFN erwählt. Hier gibt es zwar inzwischen auch eine Neuausgabe bei Fischer, aber dieses Mal nahm ich die inzwischen vergilbte Heyne-Ausgabe zur Hand.

Irrgarten des Todes von Philip K. Dick

»Irrgarten des Todes« handelt von einer Gruppe Menschen, die sich auf einen fernen galaktischen Außenposten versetzen ließen und in einer Welt mit realem Gott allmählich an der Realität zweifeln oder besser: an ihr verzweifeln.

Ein sehr typischer Dick-Stoff. Es geht im Subtext natürlich um die US-amerikanische Gesellschaft nach dem Ende der 60er, um Trost- und Hoffnungslosigkeit. Fluffig erzählt, mit etlichen Morden, Wendungen und einem interpretierfreudigen Ende. Sehr gute Unterhaltung, aber eher kein Klassiker. Es gibt keine Sympathieträger, kein wirkliches Handlungsziel und die Auflösung ist zu mehrdeutig, um das Buch gut abzuschließen.

In meiner Rezi gehe ich etwas genauer auf die Handlung ein: Irrgarten des Todes von Philip K. Dick

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