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Die Artifiziellisierung der Kritik im dystopischen Krieg der Hyperironie

Das Programm des Literarischen Colloquiums Berlin scanne ich regelmäßig nach Veranstaltungen mit interessanten Themen sowie Büchern und Menschen, die mich faszinieren. So fiel mir im Novemberprogramm der Name Charlotte Krafft auf.

Schuld an meinem Interesse an dieser Autorin ist Anja Kümmel, die im Tagesspiegel eine euphorische Besprechung des Erzählungsbandes »Die Palmen am Strand von Acapulco, sie nicken – Eine endlose Geschichte über den Tod in einer fremden Welt« veröffentlichte. Den Band besorgte ich mir über das Otherland und obwohl die Lektüre eine Weile dauerte, war ich hinterher auch begeistert. Es stellt für mich immer noch den besten SF-Erzählungsband 2020 dar und auch wenn meine Nominierung für den KLP versandete, werd’ ich das weiterhin verbreiten. Ich habe auch immer noch die feste Absicht, das Buch zu besprechen, aber so einfach ist das bei den sperrigen Texten nicht.

Wie auch immer, die Geschichten sind toll, abwechslungsreich und sehr literarisch geschrieben und machten mich sehr neugierig auf Charlotte Krafft.

Die jetzt an der Gesprächsrunde Stimmen der Kritik #4 teilnahm zusammen mit Joshua Groß und Rudi Nuss. Ein Projekt der germanistischen Fakultät der FU von Jutta Müller-Tamm, die auch den Abend eröffnete.


Jutta Müller-Tamm

Zunächst las Simon Schleusener eine wissenschaftliche Arbeit zur Einordnung des Themas Kritik in das Schaffen der Diskutierenden. Im Wesentlichen fanden sich ihre Namen in einem Buch, das das Wort Kritik im Titel trug, so mein Eindruck, aber ich erfuhr hier dass auch die beiden anderen Teilnehmer Science-Fiction schrieben!

Simon Schleusener

Quasi ein Volltreffer.

Joshua Groß, Charlotte Krafft und Rudi Nuss

Der Abend war ja an sich schon ungewöhnlich. Mein bester Freund liebt es, von mir zu Kulturveranstaltungen mitgenommen zu werden und so entschied er recht spontan, dass diese Veranstaltung cool klänge. Ich besorgte erstmals personalisierte Online-Tickets für das LCB – normalerweise gibt’s da immer solche grauen Papierschnipsel aus dem Schreibwarenladen. Aber vielleicht auch durch Corona ist die Webseite des LCBs deutlich moderner geworden. Es fand ja auch eine Zeit alles nur online statt.

Dann galt natürlich 2G und tatsächlich war der Eintritt auch noch frei, da alles durch die Uni gestemmt wurde. Und während ich normalerweise im LCB zu den Jüngsten des Publikums zählte, stellten wir beide dieses Mal die Alterspräsidenten, was meinen Freund zu dem Hinweis veranlasste, dass uns das in Zukunft öfter so gehen wird.

Nunja, er hatte wohl zu viel November. Jedenfalls sah es stark nach studentischer Basis aus und leider war die Veranstaltung nicht so gut besucht. Aber an einem Novembermontag im tiefsten Westen der Stadt sollte man auch nicht zu viel erwarten. Übrigens erkannte ich dann später auch tatsächlich Anja Kümmel unter den Gästen.

Joshua Groß

Das Thema war zwar Kritik, aber das fand sich dann eher am Rande. Nach dem germanistischen Essay las Joshua Groß eine Kurzgeschichte, in der es um einen Aufenthalt in Porto ging, der durch die ständige Nennung des chilenischen Comickünstlers und Regisseurs Alejandro Jodorowsky bestimmt wurde. Joshua Groß veröffentliche letztes Jahr den SF-Roman »Flexen in Miami«, der völlig an mir vorbeiging, den ich aber nun wohl bald bestellen werde und durch den Titel an Juan S. Guses Miami Punk erinnerte – und an einen anderen außergewöhnlichen SF-Abend im LCB.

Auf den Punkt

Joshua Groß dominierte nachher auch den Diskussionsteil und sprach mit dem Germanisten auf Augenhöhe. Wichtig erschien mir sein Hinweis, dass die Klassifizierung eines Buches meist nach einem Gesamteindruck erfolgt, obwohl eventuell Teile davon ganz anders sind. Ihm gefiel das nicht.

Charlotte Krafft

Charlotte Krafft las ihren Essay »PRAISE BOB« vor, in dem es um Fehler ging und dessen Teiltitel »Lob der Unsicherheit« lautete. Die Seiten klemmten in einem jener alten graumelierten Klemmhefter, dessen Einband man einmal ganz herumdrücken muss, um Seiten einklemmen zu können und in denen auch meine ersten Texte heute noch stecken.

Der Text um Poof, Pow, Wow und Why war teilweise witzig, teilweise ernst und sehr gern würde ich jetzt auch Texte ihres Erzählbandes von ihr vorgelesen bekommen. Sie signierte mir mein Exemplar hinterher und malte mit einem weißen Stift eine Palme hinein. Großartig, bezaubernd und cool!

Dieser Autorin werde ich durch ihre Texte folgen. Bin sehr gespannt, was sie noch so veröffentlicht. Sie verteidigte in der Diskussion die SF als innovatives Medium und ihr Hinweis auf Ursula K. Le Guin bescherte meinem Freund den nächste Lesetipp, nachdem ich ihn im letzten Monat mit Connie Willis »Farben der Zeit« versorgt hatte.

Das Ende der Hyperironie im Blick

Sie wurde dann auch noch zum Thema Hyperironie befragt, wohl ein Begriff, den sie mal irgendwo in einem anderen Essay definierte, heute aber nicht mehr ganz so zwingend findet, es sei denn, sie liest ihr Essay; was schon ziemlich lustig war.

Rudi Nuss

Rudi Nuss stellte uns sein Romanprojekt »Die Realität kommt« vor. Die stakkatoartig vorgetragenen Szenen klangen für mich nach typischer Schrottplatz-Dystopie. Hatte durch den Vortrag einen gewissen Reiz, inhaltlich eher nicht. Aber der Autor arbeitet sich da an für ihn wichtigen Themen ab, geht das sehr poetisch an und vielleicht trägt diese Stimmung ja den Roman, der nächstes Jahr erscheinen wird.

Die Zukunft der Science-Fiction: »Die Realität kommt«

In der Diskussion ging es eher um die Rolle der SF, Möglichkeiten der Rap-Sprache und irgendwann entschied ich, zu Hause das Wort »artifiziell« nachzuschlagen, da es so häufig vorkam, ohne dass sich mir der Sinn direkt aus dem Kontext erschloss. Es bedeutet künstlich. Tja, hätte ich mir aus dem Englischen herleiten können, AI – ich alter SF-Banause – aber so recht fällt mir kein Grund ein, »künstlich« auszutauschen.

Das Fazit des Abends fällte mein Freund: Kluges von klugen Menschen zu hören, ist immer ein Gewinn. Und kommt nicht so oft vor.

Außer man geht ab und zu ins LCB.

Das Glitzern des glitschigen Glitches

Als Softwareentwickler, Computerspieler und Science-Fiction-Leser meine ich, mich etwas in jenen modernen Gefilden auszukennen, jedoch liegen meine Grenzen noch fiel dichter als ich befürchtete.

Was ist passiert? Gestern besuchte ich ein hochspannendes Lese-Event im Literarischen Colloquium Berlin: »Zwischen Optimierung und Untergang. Ein dystopischer Abend auf vier Bühnen.« Ich wollte da unbedingt hin, weil gleich vier SF-Schaffende Bücher vorstellten, darunter Anja Kümmel, die ich schon seit Jahren einmal live erleben wollte. Daneben präsentierten Julia von Lucadou, Juan S. Guse und Philipp Schönthaler ihre in diesem oder letztem Jahr erschienenen SF-Werke.

Hausgast im LCB: Julia von lucadou

Julia von Lucadou ist sogar gerade Hausgast im LCB, wodurch sie es am einfachsten hatte, das Haus am Wannsee zu erreichen, denn ganz so easy war es nicht. So fuhr die S-Bahn den Bahnhof Wannsee nicht an und auf der Regionalbahnstrecke schwelten Schwellen. Vermutlich kamen deshalb auch nicht ganz so viele wie man den Aufbauten nach erwartet hatte, aber dennoch genügend junges und vergnügt lauschendes Volk.

Anja Kümmel, Juan S. Guse, Philipp Schönthaler und Julia von lucadou

Zunächst gab es ein kurzes Gespräch, das in den Händen von Anja Kümmel lag, die ein paar Fragen vorbereitet hatte, in denen es um Dystopie im weiteren Sinne ging.

Juan S. Guse wandte ein, mit dem Begriff nicht so recht etwas anfangen zu können und ich hatte die Vermutung, dass ihm der Begriff etwas zu eng an Science-Fiction grenzt.

Juan S. Guse

Während Anja Kümmel offensichtlich die Werke der anderen drei kannte, spürte ich doch eine gewisse Unkenntnis der deutschsprachigen SF. Ich stelle mir das so vor, dass sie sich mit ihren Werken auf einer kleinen Insel der Phantastik im Ozean der Belletristik wähnen ohne zu wissen, dass sie da auf der Spitze eines Eisberges angelangt sind. Nun ja, als SF-Fan freut man sich über jeden Neuzugang, wobei Anja Kümmel natürlich seit »Träume digitaler Schläfer« aus dem Jahr 2012 fest zum Kanon der SF hierzulande zählt.

Anja Kümmel

Bald fiel dann auch dieses ominöse Wort glitch, das mir so gar nix sagte und ich entnahm der Diskussion, dass es sich um einen Fehler oder eine Abweichung von der Regel handeln muss. Hatte ich noch nie gehört. Wahrscheinlich reichen in meinem Umfeld Bug und Exploit völlig aus. Und noch einen Begriff kannte ich nicht: Off-the-grid als Genre-Eingrenzung. Ich lese wohl einfach die falschen Magazine und Publikationen, dass mir diese Slang-Begriffe noch nicht unterkamen. Das macht den Besuch im LCB für mich auch immer so spannend, man schnuppert in eine Literaturszene hinein, die, obwohl ich ihre Werke lese, mit meinem Leben kaum Berührungspunkte haben. Vermutlich ist das ein glitch und wir sind of-the-grid von einander.

Nach der Gesprächsrunde wurde das Publikum gebeten, sich auf zwei Räume zu verteilen, einer Lesung zu lauschen und nach fünfzehn Minuten, deren Ablauf durch einen mörderischen Gong verkündet wurde, den Ort zu tauschen. Zunächst lasen so Philipp Schönthaler und Julia von Lucadou, dann im Obergeschoss Anja Kümmel und Juan S. Guse.

Philipp Schönthaler

Ich blieb gleich im Hauptsaal sitzen und lauschte Philipp Schönthaler, der aus seinem Roman »Weg aller Wellen« vorlas, der gerade erst letzten Monat erschienen ist. Es ging in den Anfangsszenen um einen Mann, der am Venenscanner seiner Firma scheitert und somit nicht zur Arbeit gelangt. Das klang nach einer Geschichte über jemanden, der aus dem System fällt. Vielleicht ganz spannend.

Julia von Lucadou las aus dem Anfang ihres Romans »Die Hochhausspringerin«. Die titelgebende Figur will dem Leben als virale Persönlichkeit aussteigen, eine Psychologin soll sie umstimmen. Der Roman wurde eigentlich überall eher gelobt und so nutzte ich die Gelegenheit, mir Buch und Autogramm zu holen.

Julia las sehr poetisch

Dann folgten wir ins Obergeschoss zur Lesung von Anja Kümmel. »V oder die Vierte Wand« stammt schon aus dem Jahr 2016, dennoch hatte ich sofort die Figuren und Beziehungsgeflechte wieder vor Augen. Ich freue mich schon auf die nächsten Werke von ihr.

Anja Kümmel

Zu guter Letzt ging es ins Atrium, dem Dachboden der Villa. Eine sehr coole Lesekulisse mit einem deutlichen Hall. »Juan S. Guses« Roman »Miami Punk« fiel mir schon auf der Leipziger Buchmesse im März auf. Ich hatte reingelesen, wurde aber nicht warm damit. Nach der Lesung hat sich mein Eindruck nicht geändert, obwohl Juan sehr schön vorlas und auch ein paar Krümel Humor durchschimmerten. Aber insgesamt macht der Roman auf mich so den Eindruck einer Ansammlung tiefschürfender Gedanken und Ideen, mehr Projektionsfläche als eine Erzählung. Das hatte ich gerade mit Mardi zur Genüge.

ein stimmungsvoller Ort

Die rigide Lesungsanordnung beende das Event recht früh, aber man konnte noch an der Bar und in den Ausstellungsräumen mit den Autorinnen und Autoren ins Gespräch kommen und auch Autogramme erbitten, was ich natürlich ausnutzte.

»Die Hochhausspringerin« für mich!

Mal eine ganz andere Form der Lesung im LCB, die mir sehr gut gefiel. Könnte von mir aus öfter so ablaufen.

Traumreißerische Fixierung

Die deutschsprachige Science-Fiction ist vielseitiger als so manche denken. Viele Werke erscheinen erst gar nicht unter dem stolzen Label SF. Vermutlich weil es Berührungsängste gibt wie bei Julie Zeh oder einfach, weil sich die Werke nicht eindeutig einem phantastischen Genre zuordnen lassen. Mir wäre das egal, wenn ich sie nur finde.

Deshalb bin ich Anja Kümmel sehr dankbar, dass sie im Tagesspiegel auf das neueste Buch von Sebastian Guhr hinwies, getwittert vom Feuilletondurchforster Frank Böhmert.

VerbesserungUnsererTraumeCover

Die Verbesserung unserer Träume von Sebastian Guhr, Cover: Julian Tapprich

Die Verbesserung unserer Träume erschien im österreichischen Luftschacht Verlag, von dem ich bisher noch nichts gehört hatte. Schon Guhrs erster phantastischer Roman, Philpots Reise erschien in einem mir bis dato unbekannten Verlag.

Glücklicherweise war die Pressefrau des Verlages so nett, mir ein Rezensionsexemplar zuzusenden und so warf ich mich auch gleich in die Spur.

Der Roman hat mich sehr stark überrascht und man kann den Grund eigentlich gar nicht verschweigen, will man über das Buch sprechen. Allerdings spoilert das natürlich extrem stark und schmälert eventuell den Twist für nach mir Lesende.

Im Prinzip untersucht Sebastion Guhr in Die Verbesserung unserer Träume eine hermeneutische Gesellschaftsordnung. Dabei geht er nach einer kurzen Phase fast klassischen Weltenbaus einen atypischen Weg, um ihre Entwicklung eskalieren zu lassen, Soviel lässt sich verraten.

Sprachlich ist der Roman ebenfalls kein Standard aber auch nicht überziseliert. Hauptsächlich fiel mir eine kühle Distanz im Duktus auf, der die Lektüre zu einem Schweben und Fließen werden lässt. Reflexionen sind ständige Begleiter.

Großartig finde ich auch das Cover von Julian Tapprich. Der Prägedruck hat eine wunderschöne Haptik und passt für mich einfach perfekt zum Inhalt.

Eine wunderbare Entdeckung und ich nehme mir fest vor, Herrn Guhr nicht wieder aus den Augen zu verlieren.

In meiner Rezi für den Fantasyguide gehe ich näher auf den Inhalt ein und verrate dort auch, was so überraschend am Romanaufbau ist: Die Verbesserung unserer Träume von Sebastian Guhr

Kümmeleien

Wie schon berichtet, las ich im Urlaub zunächst den neuen Roman von Anja Kümmel zu Ende. V oder die Vierte Wand war nicht nur eine herausfordernde Lektüre.
Wie meist im Urlaub, ließ ich mich davon zu einigen Zeichnungen inspirieren. Ich werd sie kurz kommentieren, soweit ich etwas dazu sagen möchte. Zu jedem Bildchen gehört auch ein Text – Gedankenfetzen, die als Rohmaterial für Gedichte dienen können. Später mal. Bis auf einen dieser Texte sind sie alle noch nicht vorzeigbar.

Vulkan

V_1

Der Vulkan spielt eine große Rolle für Fenna, die nicht ganz so eiskalte Killerin aus Island. Für mich verband sich das mit dem Lesen an sich, den beobachtenden Drohnen, das wuchernde Moos der zerstörten Stadtteile Londons und eben den Lavaströmen, die irgendwie auch Gliedmaßen sind.

Pad

V_2

Mesca und Edens Pad, dazu Stahlskulptur und Drohnen. Die Szene im Buch fand ich sehr eindringlich.

Manolo

V_3

Wenn du schlafen gehst
im blauen Bauch einer Meeresströmung
wird dein Atem unbeständig
wird Schmatzen und Seufzen
Begleiter von Träumen
oder
Probleme
die Luft zu finden
für diesen Atemzug
und den nächsten

anbei lieg ich wach
rolle mich in die Welle
füge dem Schlingern deiner Lippen
Bewegung hinzu
durchstreiche als Boje
deine Nacht

 

Eden

V_4

Mesca füllt seine Lücken mit Erinnerungen auf. Fenna hilft ihm dabei eher indirekt und zwischen und in ihnen wächst Eden zu einer alles beherrschenden Figur.

V-Kraut

V_5

Noch ein Bild zu Mescas Erinnerungen. Sie docken sich im Text mal an wie Viren, mal wie ein Heilmittel und münden gleich einem Kopfschmerz in einem bizarren Traum.

Brücke

V_6

Die Brücke beherrscht eine Szene am Ende des Romans, wenn Fenna wieder ganz in der smarten Zukunft unterwegs ist. Die Eindrücke schwappen und schwellen in verwirrenden Wellen durch das Geschehen. Nicht perfekt eingefangen, ich weiß.

Urlaubslektüre 2016

Der Urlaub ist vorbei und irgendwie hab ich es vorab verpasst, meine Urlaubslesepläne kundzutun.

Drum also hinterher.

urlaubslektuere_2016

 

Wir besuchten das französische Baskenland und logierten unweit von Bayonne und Biarritz. Passend dazu schaute ich mich nach geeigneten Werken um und wurde auch fündig.

So bereiste Kurt Tucholsky 1925 unsere Urlaubsgegend und schrieb einen bezaubernden Bericht, Ein Pyrenäenbuch,  darüber. Sehr aufmerksam berichtet er über Land und Leute, wird immer wieder politisch und bewahrt sich die gesamte Zeit einen kühlen Beobachtungskopf, selbst als er in einer finstren Pyrenäen-Schlucht fast verschollen geblieben wäre.

Viele seiner spitzbleistiftigen Beobachtungen lassen sich heute wiederholen und Tucholsky ist weitere Lektüren wert.

Desweiteren schnappte ich mir das berühmteste Buch von Edmond Rostand. Durch den Erfolg des Theaterstückes Cyrano de Bergerac machte er nicht nur den coolsten SF-Autor des 17. Jahrhundert wieder weltberühmt, er konnte sich auch ein wunderschönes Anwesen leisten, das wir mit großem Entzücken besuchten. Aber darüber gibt’s einen gesonderten Bericht.

Die Komödie kannte ich der Verfilmung mit Gérard Depardieu als Cyrano, aber das Stück hat mir auch als Text großen Spaß bereitet.

Das letzte Buch lese ich noch, es ist aber auch ein echter Brocken. Der Graf von Monte Christo von Alexandre Dumas hat zwar mit dem Südwesten Frankreichs weniger zu tun, aber ich wollte das Buch schon länger mal wieder lesen und daher besorgte ich mir eine etwas modernere Neuübersetzung und was soll ich sagen, es ist bisher ein einziges großes Vergnügen. Ich freue mich auf jeden Moment des Lesens.

Das Buch war auch so ein kleines bisschen Belohnung für die anstrengende Lektüre, die ich in den Urlaub mitnahm. V oder die Vierte Wand von Anja Kümmel. Das Buch stellte eine knackige Nuss dar. Das lag vor allem am anspruchsvollen Schreibstil. Anja Kümmel wechselt nicht nur oft die Erzählperspektive, sondern auch die Zeiten. Da vermischen sich auch schnell die Ebenen und es gibt sehr viele Metabedeutungen. Aber wirklich cool wurde es, als sie sich intensiv mit den Auswirkungen smarter Technologien auf unser Leben befasst. Während David Brin in Existenz dabei vor allem technische Aspekte in den Vordergrund stellte, also die Nutzungsmöglichkeiten untersuchte, geht Anja Kümmel darauf ein, wie es uns innerlich verändert. Sie erfindet neue Phobien, weist auf Zwangsverhalten hin und schaut anhand vieler kleiner Dinge einer möglichen smarten Zukunft direkt ins Herz.

Ein wirklich hochklassiger Beitrag zur SF. Defacto die bisher beste Neuerscheinung des Jahres für mich und das auch, weil das Buch über weite Strecken eine tief berührende Erzählung über das Leben eines jungen mexikanischen Schwulen in Los Angelas  der 80er ist. Ein paar Worte mehr dazu drüben in meiner Rezi für den Fantasyguide.

In den nächsten Tagen werde ich das Bloggerleben wieder aufnehmen. Gibt ja einiges nachzuholen.

Wir Unverbesserlichen

Ganz bewusst habe ich mir Karen Duves Macht als ersten der drei Science-Fiction Romane vorgenommen, die mir in den Frühjahrsprogrammen von deutschen Autorinnen unter die Augen kamen. Es fehlen jetzt noch Die Unglückseligen von Thea Dorn und Anja Kümmels V oder die Vierte Wand.

Duve_Lesung

Karen Duve auf der Leipziger Buchmesse 2016

Durch die Lesung auf der Leipziger Buchmesse wusste ich in etwa, was mich erwartete. Dementsprechend ging ich mit Furcht an die Lektüre. Ich bin kein Grimdark-Fan und mag sexuelle Gewalt in Büchern überhaupt nicht.

Das ließ sich hier nun nicht vermeiden. Verschlimmert wurde das Ganze noch dadurch, dass Karen Duve ihren Protagonisten aus der Ich-Perspektive erzählen lässt und man so die geballte Ideologie eines so kranken Typen mit roher Gewalt ins Gehirn geprügelt bekommt.

Streckenweise war es unerträglich, seine Rechtfertigungen und Selbstbeweihräucherungen wahrnehmen zu müssen.

macht_duve

Macht von Karen Duve, Cover: Manja Hellpap und Lisa Neuhalfen

Aber Karen Duve saugt sich das ja nicht aus den Fingern, derartige Typen gibt und gab es. Darüber zu schreiben ist also relevant und Karen Duve hat das auch mit der nötigen Schärfe und schmerzhafter Treffsicherheit getan.

Klar, ein so massiver Angriff auf Männer im Allgemeinen zieht ganz schön runter. Man zählt sich selbst ja zu den Guten.

Mit der persönlichen Perspektive geht Duve auch ganz andere Wege als Joanna Russ, deren Themen ähnlich waren, soweit ich das nach den zwei gelesenen Werken sagen kann. Doch bei Russ ist die Sicht immer weiblich. Frauenfiguren bestimmen Handlung und Reflexionen.

Ich glaube, man wird bei Russ wesentlich mehr für Machosprüche und deren gesellschaftliche Verankerung sensibilisiert als bei Duve, da man sich nicht automatisch in der Rechtfertigungsposition befindet. Es ist bei Russ nichts persönliches.

Duves Roman ist neben dem übergroßen Plot um die gefangene Ehefrau auch eine lesenswerte Dystopie. Es steckt viel Nachdenken über mögliche Weiterentwicklungen im Text und auch, wenn sie sich mancher Ideen eher oberflächlich bedient oder etwas langweilig inszeniert, ist ihre nahe Zukunft durchaus denkbar, trotz aller Überspitzungen.

Auch wenn ich Duves Stil als sehr konventionell empfand. Etwas deutsche Biederkeit blitzte mehrmals durch. Vielleicht aber auch nur, weil es zur Hauptfigur passte.

Einige weitere Eindrücke finden sich in meiner Rezi: Macht von Karen Duve

Nun schieb ich erstmal etwas fröhlicheres dazwischen.

Na dann macht mal Krach!

Literturzeitschriften gibt es bestimmt sehr viele und darum wunderte es mich nicht, als im Horror-Forum das Magazin Krachkultur beworben wurde, und ich noch nie etwas davon gehört hatte. Das gibt’s immerhin schon seit 1993.

Aber bisher war ich wohl auch nicht Zielgruppe, aber eine Ausgabe zum Thema Phantastik trifft mich direkt zwischen den Augen.

Krachkultur 17/2015, Cover von Yanko Tsvetkov

Krachkultur 17/2015, Cover von Yanko Tsvetkov

Warum ich es aber sofort haben musste, waren die Namen Dietmar Dath, Anja Kümmel und Leif Randt.

Daths SF ist meiner Meinung nach im Augenblick das Beste, was in deutscher Sprache zu bekommen ist und in die Krachkultur semmelt er auch gleich ein wortgewaltiges Manifest. Darin geht es um das Selbstverständnis der Phantastik und um dumme Literaturkritik. Man spürt seine Wut und Frustration, dass es so viele abwertende Meinungen zu phantastischen Werken gibt, die weder verstehen, wie phantastische Werke funktionieren, noch genügend Erfahrungen im Genre haben, um tatsächlich fundiert urteilen zu können.

Über Daths Messlatte würde ich es auch nicht schaffen und zudem habe ich auch keine Hemmungen gnadenlos über nichtphantastische Werke zu lästern. Falls ich so etwas lesen sollte.

Anja Kümmels Roman Träume digitaler Schäfer habe ich vor Jahren gelesen. Der Roman war vielschichtig, seine historischen Kapitel sehr düster, traurig und sehr feministisch, auf eine böse-kämpferische Art. Der SF-Teil war großartig. Ein ausgeklügeltes Genderproblem, sprachlich faszinierend und tatsächlich für die Handlung bedeutsam.

Nach der Rezi konnte ich sie dann auch noch für ein Interview gewinnen und das wurde über einige Jahre zum absoluten Zugriffsmonster im Fantasyguide. Teilweise 7000 Aufrufe. Einsamer Ausreißer.

Darum war ich auch gespannt auf den Romanauszug zu ihrem nächsten Roman und er verspricht tatsächlich wieder eine ungewohnte Lese-Erfahrung.

Leif Randt konnte in der Krachkultur einen älteren Text unterbringen, mit dem er 2006 den openMike gewann. Der Ton erinnert an seinen Roman Planet Magnon, den ich vor kurzem erst mit Faszination las, vor allem, weil er eine Zukunft aus einem ganz anderen Umfeld entwickelt. Aus ihm sprechen die sich selbstverwirklichenden Bionade-Hippster und diese Tonart hatte ich bisher in deutschsprachiger SF noch nicht vernommen.

Also SF-seitig war die Krachkultur ein Pflichtkauf. Horror ist nicht so mein Ding, aber gut erzählte Schauergeschichten weiß ich zu würdigen. Leider bot das Magazin hier keine Höhepunkte, selbst Tobias O. Meißners Geschichte war mir zu gewöhnlich. Die Texte sind alle toll geschrieben und auch super übersetzt, aber im Vergleich zur Experimentierfreude ihrer SF-KollegInnen gab sich das Horror-Team etwas unkreativ.

Und was ist mit der Fantasy? Tja, die hat sich wohl mit den Herausgebern verkracht.

Aber nichtsdestotrotz, das Magazin fand ich lesenswert, und in meiner Rezi geh ich auf alle Texte etwas näher ein: Krachkultur 17/2015 hrsg. von Alexander Behrmann und Martin Brinkmann

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