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Ein lauer Wind für lahme Mühlen

Ein kleener Virus legt die Welt lahm und zerstört alle Pläne. Statt in Leipzig auf der Buchmesse zu sein, hab ich heute mein Kräuterbeet aufgefüllt. Es steckt eben doch ein Hobbit in mir.

Auch das Theaterprojekt des Milchbarts liegt vorerst auf Eis, da alle Bühnen geschlossen sind. Beste Gelegenheit, nun endlich über unseren bislang letzten Theaterbesuch zu berichten, ein wehmütiger Blick in eine absurd normale Zeit.

Als die Welt noch in Ordnung war … vor zwei Wochen …

Am Deutschen Theater wurde »Don Quijote« in der Fassung von Jakob Nolte und der Übersetzung von Susanne Lange aufgeführt.

Das Programmheftchen

Als Kind bekam ich von meinem Vater eine illustrierte Jugendbuchfassung in Fraktur, weiß aber nicht genau, ob ich sie auch las. Später kaufte ich mir die vierbändige Reclam-Ausgabe, die seither ungelesen im Regal schlummert.

Meine Ausgaben in sehr unterschiedlicher Schreibweise

Die Geschichten kenne ich jedoch aus der Zeichentrickserie, die Anfang der 80er im Fernsehen lief. Aber Lust auf das Epos habe ich schon …

Wolfram Koch und Ulrich Matthes (Foto: Arno Declair)

Die Inszenierung in der Regie von Jan Bosse kommt sehr martialisch daher. Es gibt auf der Bühne nur einen Holzcontainer und die beiden Schauspieler Ulrich Matthes als Don Quijote und Wolfram Koch in der Rolle des Sancho Panza.

Sacho Panza zieht den Container, ein hartes Los … (Foto: Arno Declair)

Matthes wollte ich schon lange einmal auf der Bühne sehen und er spielte den Ritter von der traurigen Gestalt in einer filigranen, zerbrechlichen Art zwischen Wahnsinn und Schabernack. Daneben lebensprall und klug Wolfram Koch, der seine Derbheit mit krummen Rücken, Plüschbauch und großer Menschlichkeit verziert.

Die beiden spielten toll, sehr lebendig und man konnte durchaus seinen Spaß haben. Allerdings fehlte der Inszenierung etwas. Einen Bezug zum Heute. Es gibt ja viele Menschen und Dinge, die sich an Altem klammern und fern der Realität in den Untergang gehen. Spontan fielen mir nach der Vorstellung die Briten und ihr Empire ein, aber auch die Klimakrisenleugner. Und grad heute seh ich Corona-Windmühlenflügel vor meinem inneren Auge.

Viel Rauch um wenig (Foto: Arno Declair)

Jedenfalls fand die Bühnenfassung irgendwie im luftleeren Raum statt. Man wusste nicht wofür man den Fake-Ritter bedauern sollte, denn nun ja, das Thema Rittertum ist doch sehr tot. Schade.

Hoffen wir, dass sich Corona schnell wieder verflüchtigt, denn ich vermisse Lesungen und Theater doch bereits sehr.

Im blutigen Gedärm des Krieges

Es hat schon etwas Unwirkliches, dass uns mein jüngster Milchbart letzten Samstag in ein Theaterstück nach Euripides führte. In seinem Alter las ich mich durch alle erreichbaren Bände mit den Stücken der griechischen Antike – mein Lieblingsschreiber war eben jener Euripides.

Das Programmheft in meinem Antike-Regal

Seine Figuren wirkten auf mich lebendiger, moderner, näher. Und daran erinnerte mich auch »Hekabe – Im Herzen der Finsternis« in der Fassung von Stephan Kimmig. Keine direkte Umsetzung, sondern eher eine Collage aus Homers Illas und den Euripides-Stücken Die Troerinnen und eben Hekabe.

Das Theater-Plakat

Wer die Geschichte um den Fall Trojas kennt, weiß, dass in ihr ein Krieg beschrieben wurde, in dem sich Männer um Frauen prügeln, deren Meinung dazu ihnen egal ist. Hinterher sind viele der Männer tot und den Frauen steht ein Leben in Schmerz, Gewalt und Leid bevor. Und genau das wurde in den etwas über anderthalb Stunden aufs deutlichste präsentiert.

Paul Grill, hinten: Linn Reusse, Almut Zilcher, Katharina Matz; Foto: Arno Declair

Das Haus nennt des Stück ein Konzert und deshalb gibt es auf der Bühne auch nur vier Notenständer und einen großen Percussiontisch für einen Musiker – Michael Verhovec, der eine skurrile Soundlandschaft klimperte, hämmerte und fein ziselierte und später sogar mitspielte.

Die Texte aber wurden von drei Frauen und einem Mann vorgetragen, mit unterschiedlicher Verteilung der Rollen, ob Frau, Mann, Göttin oder Gott. Natürlich präsentierte Katharina Matz in ihrem neunten Lebensjahrzehnt die Rolle der Hekabe besonders eindringlich. Die alte Königin Hekabe, die Mord, Schändung und Versklavung ihrer Familie mit ansehen muss und letztlich in den Wellen eine zweifelhafte Erlösung findet.

Mit unterschiedlichen Mitteln wurde der Text präsentiert. Es wurde einzeln vorgetragen, als Chor, gesungen, getanzt, die Bühne als Raum genutzt, besonders Paul Grill offenbarte eine breite Wandlungsfähigkeit, aber mir gefielen auch die unabhängige Spritzigkeit von Linn Reusse und die abgeklärte Melancholie im Spiel von Almut Zilcher, wobei sie alle ja ganz unterschiedliche Figuren verkörperten und es daher keine einheitliche Darstellung über die gesamte Zeit gab.

Paul Grill, Almut Zilcher, Katharina Matz, Linn Reusse, Michael Verhovec; Foto: Arno Declair

Ich hatte dabei nie das Gefühl, dass mich hier jemand erziehen will, vielmehr wurde ich hineingezogen in die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Rollen, die Frauen in einem Krieg spielen. Was es heißt, die Schlacht zu überleben und als Opfer, Beute, Rest behandelt zu werden.

Sehr deutlich wurde das, als die Namen der toten Männer vorgetragen wurden und im Anschluss, als die Frauen hätten kommen sollen, der Text nur Leere aufwies. Die toten Frauen zu besingen, war damals nicht die Zeit, umso besser, dass es heute auffällt. So kann man es ändern, oder besser, gleich ganz verhindern. Ein Blick in die Tagespresse genügt ja. Männer führen Kriege und immer wieder um Nichts. Die Heldenfriedhöfe wuchern, während Frauen mit ihren Wunden leben lernen müssen.

Das Deutsche Theater in der Finsternis

Ja, das war ein beeindruckender Theater-Abend.

Laufband in den Tod

Unser jüngster Milchbart möchte nach dem Abi gern Psychologie studieren. Zielsicher wählte er für unseren nächsten Theaterbesuch daher »4.48 Psychose« von Sarah Kane aus. Es hatte gerade erst in der Inszenierung von Ulrich Rasche Premiere am Deutschen Theater und so kannte ich auch schon eine Besprechung aus der Berliner Zeitung, die mich unter normalen Umständen davon abgehalten hätte, dem Stück einen Besuch abzustatten.

Das DT in der finstren Nacht

Sarah Kane kam vier Tage nach mir zur Welt und brachte sich zwei Tage vor der Geburt meiner Zwillinge, mit 28 Jahren um. Diese erschütternden Korrelationen brachte meine Liebste auf den Tisch.

»4.48 Psychose« – Programmheft und Eintrittskarte (mit Sammelmotiv)

»4.48 Psychose« schickte Sarah Kane kurz vor ihrem Freitod an den Verleger, es bringt quasi ihren Leidensweg auf den Punkt und kündigt ihren Fortgang aus unserem hassverseuchten Jammertal an.

Es ist kein Theaterstück an sich, sondern eine Monolog über die Krankheit, oder vielmehr über das Leben, dass sie führte, denn es fällt mir sehr schwer, irgendeine Psyche als krank zu bezeichnen, wenn doch meist nur Normabweichung gemeint ist. Ich bin kein Psychologe und bleibe da lieber vorsichtig. Unser Geist ist arg komplex, wer kennt sich darin wirklich aus?

Ulrich Rasche soll Laufbänder in seinen Inszenierungen gern einsetzen und sie bestimmten auch »4.48 Psychose«. Die Bühne war schwarz und dunkel, nebelverhangen. Es gab einige Lichtelemente wie waagerechte Leuchtröhren, Spots und die Lampen der Notenblätter, von denen die Band den Soundtrack ablas. Auf der Drehbühne fanden sich vier breite Laufbänder, die man ebenfalls vor und zurück ziehen konnte, dadurch war es den Schauspielern möglich, die ganze Zeit in Bewegung zu bleiben, mal frontal zum Publikum, mal in Seitwärtsbewegung begriffen, mal nach hinten sich in der Dunkelheit auflösend, dann wieder aus ihr hervortretend. Im Rhythmus der Musik gingen sie ruhig und beständig, jede und jeder in einem eigenen, verzerrten Gang, mal schief, mal hakelig, mal elegant vorwärts schreitend. Teilweise erinnerte es mich an animierte Strichmännchen.

Foto: Arno Declair
Auf dem Bild: Justus Pfankuch, Yannik Stöbener, Linda Pöppel, Thorsten Hierse, Toni Jessen, Jürgen Lehmann, Katja Bürkle, Elias Arens

Der Rhythmus gab auch den Takt für die Worte vor. Der Text verteilte sich auf drei Frauen und sechs Männer, die auch übergreifend ein und dieselbe Figur sprachen, aber auch ein deutlicher Wortkampf zwischen den Geschlechtern war ab und zu zu erkennen.

Die von Durs Grünbein übersetzten Texte wurden Wort für Wort in das Publikum gehämmert und so mit Bedeutung aufgeladen, selbst dort, wo es keine gab und daraus entstanden drei lange Stunden Schmerz.

Ich hatte zwischendurch mit einem RLS-Anfall zu kämpfen und hoffte auf eine Pause, die man uns aber verwehrte und so vermischte sich die Bühnenpsychose mit meinen Scheinkrämpfen – wenn das nicht mitgelitten ist, was dann?

Es zog sich unendlich hin, ganze Szenen zogen an mir vorbei, ohne dass ich mich aufraffen konnte, dem enervierenden Psalmodieren zu folgen. Gerade als es um das ganze Geseele ging, stieg ich aus. Nicht alle im Publikum hielten das aus.

Was natürlich nicht am Ensemble lag. Die Leistung, drei Stunden, im Rhythmus, im Gehen, im Chor und solo, solch schweren Text zu schreien, zu leben, ja selbst zu sabbern, kann man kaum genügend würdigen.

Foto: Arno Declair
Auf dem Bild: Kathleen Morgeneyer, Elias Arens

Das Highlight für mich aber war die Musik von Nico van Wersch, ich hätte den Text dazu nicht gebraucht. Entfesselte Trommeln, sphärisches Keyboard und eGitarre-Geraune, drängende und kraftvolle Steigerungen, Sounds die zum Ausrasten einluden und an den Drums sah man hin und wieder Špela Mastnak wie ein Irrwisch hüpfen, wie Goblins Kriegsmärsche zelebrieren, dachte ich – die Musik machte aus einem anstrengenden, postdramatischen Martyrium etwas Besonderes.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich diese Aufführung so schnell vergessen werde und es gab großen Applaus, aber keinen sehr langen, Thema und Anstrengung hielten die Hände zurück.

Der Baalsam des Lebens

Mein jüngster Milchbart hat das Theater für sich entdeckt. Das ist ziemlich cool, da ich das mit 17 ebenfalls durchlebte und ich eine Weile regelmäßig ins Deutsche Theater und den Kammerspielen rannte, war doch alles neu und unbekannt. Vielleicht hatte ich auch einfach Glück, denn eines der ersten Stücke war Lessings »Philotas« mit Ulrich Mühe und es verschlug mir die Sprache. Es war ein aber auch ein großartiges Ensemble: Dagmar Manzel, Dieter Mann, Otto Mellies, Jutta Wachowiak und und und …

Die Verbundenheit blieb und mit der Liebsten sah ich später dann sogar noch die »Hamletmaschine«, mit Mühe als Hamlet.

Nach etlichen Jahren der Abstinenz sind wir nun Mitglieder im Theaterclub, allerdings nutzten wir ihn bisher doch eher für unterhaltsame Abende.

Der Nachwuchs nun aber hat in der Schule episches und postdramatisches Theater behandelt, dort selbst auf die Bühne gebracht und will jetzt alles im großen Theater sehen.

Eine perfekte Gelegenheit, Neues zu entdecken. Während er zu »Selbstbezichtigung« nach Handke noch mit Freunden ging, sahen wir nun am letzten Sonntag Brechts »Baal« im Berliner Ensemble.

Baal – Programmheftcover

Regisseur Ersan Mondtag nutzte eine Fassung von Clara Topic-Matutin, in der alle vier Fassungen des Stückes mit einander verwoben wurden.

Baal im Berliner Ensemble

Bühnenbild und Kostüme fand ich spektakulär. Das Ensemble begann mit Nacktkostümen, allesamt weiblich mit deutlich markierten Konturen, ebenfalls überschminkt leuchteten die Gesichter. Später trugen sie darüber schrille expressionistische Kleider wie von Otto Dix erschaffen. Die Drehbühne enthielt vier Settings, mit denen gekonnt hantiert wurde, es geschah immer irgendwo etwas.

Nichts fürs kleine Haus …

Im Zentrum allerdings stand Stefanie Reinsperger. Sie spielte den Baal gänzlich entfesselt, würzte die oft verschwurbelten Texte mit einem wuchtigen Wiener Akzent und trollte, tobte und stampfte durch die Szenen, als wäre sie ein gestandenes Mannsbild mit dicken Eiern und unbändiger, selbstzerstörerischer Lebenslust. Ihr verzieh man die mit obskurem Sinn aufgeladenen Tableaus, mehr Interpretationsangebot als Geschichte und minutenlanger Applaus belohnte das gesamte Ensemble für einen bunten, schrillen Theaterabend.

Nach Peymann ist also doch noch etwas los im Theater am Schiffbauer Damm.

Manche Lieder sind unendlich

Nina Hagen. Irgendein Bild von ihr hat man wohl sofort im Kopf. Teile ihres Lebens strömten immer mal wieder durch die Presse. Wer mit exzentrischem Punk wenig anfangen kann, wird sie musikalisch wie ich eher nicht wahrgenommen haben. Im Ausland strahlte sie stets greller, bunter und lauter. Doch Faszination löste sie immer schon bei mir aus. Was ich so von ihr mitbekam, waren meist pikierte Berichte, inszenierte Fremdschämmomente konservativer Medien, die in mir das vage Gefühl hinterließen, dass Nina Hagen einfach ein bisschen zu crazy für diese schnöde, graue Welt sei.

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Das BE mit Brecht im frühen Frühling

Was kann also ein Brechtliederabend mit Nina Hagen im Berliner Ensemble anderes werden als eine verrückte Tour de Force?

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Fast schon eine Institution: Nina Hagen sing Brecht

Und im Prinzip wurde er das auch. Nina ist kein junger Hüpfer mehr, die Stimme ist älter, Opernkoloraturen gab es keine mehr, wohl aber das bekannte Quieken, Kieksen und Tonlagengespringe. Ähnlich wild ging es durch das Liederwerk von Brecht, versetzt mit Songs anderer Liedermacher, etwa von Dylan. Je weiter der Abend voranschritt umso dichter wurde ihre Assoziationskette, selbst mitten in einem Song konnte ein Gedankenblitz zu einem anderen Song führen – großartig, wie ihre Begleitmusiker die Melodien aufnahmen und den sitzenden Wirbelwind mühelos auf ihrer Liedschnitzeljagd folgten.

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Nina, großartige Musiker und ein Mann mit Zigarre.

Daneben gab sie eine Menge Geschichten zum Besten, las Historisches von diversen Blättern ab, wies auf ihre mannigfachen Schirmfrauenschaften hin und auch zwei Spitzen gegen Biermann flogen durch das altehrwürdige Brechthaus. Schon als kleene Göre saß Nina hier im Rang und entdeckte Brecht für sich. Und auch Kurt Weil, denn was wären die Lieder ohne die Musik?

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Nina Hagen

Es gab eine Zugabe und Nina hätte auch noch gerne weitergemacht, gegen Elf schien sie erst richtig auf Betriebstemperatur gekommen zu sein. Aber zum Glück gibt sie diese Liederabende in unregelmäßigen Abständen immer mal wieder. Eine Chance, diese etwas verpeilte, aber liebenswerte Künstlerin in Action und in Farbe zu erleben.

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