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Regeln sind zum Brechen da

Ab und zu breche ich meine eigene Regel, weniger Rezensionsexemplare zu ordern und schwupps bringt die post mir einen Ziegelstein, der mich die Entscheidung spontan bereuen lässt. Wegen der Dicke. Aber zum Glück trog der Schein dieses Mal, denn »Die letzte Astronautin« von David Wellington wurde von Piper mit dickem Papier, großer Schrift und breiten Rändern ganz schön aufgepustet. Außerdem las sich der Roman doch recht flott – eine schöne Abwechslung zum megaschweren Lesezirkelbuch, aber zu dem dann demnächst mehr.

Die letzte Astronautin von David Wellington; Cover: Lauren Panepinto

Das Weltraumabenteuer entstand in Folge der 2017er Aufregung um den Zigarren-förmigen Asteroid 1I/’Oumuamua und spielt im Jahr 2055. Ein ähnliches Objekt wird gesichtet und diesmal weisen Kurskorrekturen auf ein Raumschiff hin. Sowohl die NASA als auch eine private Firma starten Erkundungsmissionen, denn so ein großer Brocken könnte die Erde auslöschen.

Die NASA-Mission leitet die letzte Astronautin, Sally Jansen, mit Schuldkomplexen beladen, weil nach einem Unfall auf ihrer Mars-Mission einige Jahre zuvor, das Astronauten-Programm eingestellt wurde.

In der Folge entwickelt der Autor eine spannende Handlung um das Rätsel des Objektes, verbunden mit jeder Menge Konflikten zwischen den Figuren. Das meiste davon fand ich sehr US-amerikanisch. Konkurrenzdenken, militärisches Säbelrasseln und die völlig an den Haaren herbeigezogenen und mit Hass aufgeladenen Vorwürfe gegenüber Sally Jansen, die eigentlich nur die Notfallregeln befolgte, die ein ganzes Heer von NASA-Fachleuten für den Fall eines Unfalls festlegten. Insofern stand für mich die Figuren-Motivation auf sehr tönernen Füßen, zumal die eigentliche Handlung das gar nicht nötig gehabt hätte. Aber vielleicht wollte David Wellington kein einfaches Creature-Horror-Weltraumabenteuer verfassen.

Letztlich empfand ich das Ganze als sehr solide erzählt, aber auch nicht sonderlich inspirierend: Die letzte Astronautin von David Wellington

Lost and found

Als ich im Frühjahr den jüngsten Roman »Frankissstein« von Jeanette Winterson las, stellte ich bereits fest, dass ich unbedingt wieder mehr von ihr lesen will und es Elfenwerk sein muss, dass ich sie nach der Lektüre von »Die steinernen Götter« aus den Augen verlor.

Drum orderte ich mir gleich das nächste Buch, rein aufs Geratewohl.

Ergebnis ist ein ganz besonderes Buch: »Der weite Raum der Zeit«, ein Projekt zum 400. Todestag Shakespeares, initiiert vom Hogarth Verlag, dereinst gegründet von Virginia Woolf und ihrem Ehemann Leonard, just genau den beiden Protagonisten des Buches, was ich direkt davor las. Das ist doch Karma, oder?

Der weite Raum der Zeit von Jeanette Winterson, Cover: Sabine Kwauka

Den Roman nennt Jeanette Winterson eine Cover-Version des Shakespeare-Stückes »The Winter’s Tale« (Das Wintermärchen), das mir völlig unbekannt war. Weder kannte ich den Namen, noch die Handlung oder irgendwelche Figuren daraus. Das Stück gehört nicht zu den großen Tragödien oder Komödien, sondern liegt irgendwo dazwischen, weil es tragisch beginnt und dann mit einem versöhnlichen Ende aufwartet – die Wissenschaft nennt das Romanze, was jetzt nicht ganz so toll klingt.

Für Jeanette Winterson hat das Stück eine besondere Bedeutung, schreibt sie im Epilog, weil es darin um ein Findelkind geht, Perdita – die Verlorene – und auch sie ein Findelkind ist.

Wenn man das berücksichtigt, könnte man in der Perdita des Romans also vielleicht auch eine kleine romantische Wunschvorstellung der Autorin von sich selbst sehen. Auf jeden Fall aber ist Perdita eine überaus positive Figur, die fast im Alleingang das ganze Übel des ersten Romanteils repariert.

Man findet in »Der weite Raum der Zeit« die Themen wieder, mit denen sich Jeanette Winterson immer wieder befasst: Homosexualität in gesellschaftlichen Zwängen, männliche Machtdominanz und Gewalt gegen Frauen, große Liebe und tiefste Trauer. Das erzählt sie alles in ihrem teils lyrischen, teils präzise beobachtenden Stil, der jede Figur ernst nimmt und ihre Motive so ergründet, dass man sie versteht, ohne sofort zu Urteilen zu gelangen. Sie selbst benennt das Nichts und Vergeben als die Kernthemen des Stückes und das findet sich in ihrem Roman auch wieder.

Am Ende hatte ich dann ein gutes Gefühl, irgendwie herzerwärmend, was so oft ja auch nicht vorkommt. Also, große Empfehlung von mir für »Der weite Raum der Zeit« von Jeanette Winterson

Ach, wenn ich sie wär’

Bereits die allererste Bekanntschaft mit Virginia Woolf machte mich zum Fan. Nach »Flush« wünschte ich mir lange, irgendwann einmal einen Cocker Spaniel zu haben. Dann kamen »Zum Leuchtturm« und später das großartige »Orlando«. Für einen Artikel zu Henry James’ Geistergeschichte »Das Durchdrehen der Schraube« las ich dann eine ganze Reihe ihrer Buchbesprechungen und damit verbunden auch immer wieder biographische Texte über Virginia Woolf.

Im Urlaub nun sah ich in der Buchhandlung ein Buch mit dem Titel »Ach, Virginia«. Der Trigger feuerte, ich griff zu und tatsächlich, der Klappentext verriet, dass es um SIE darin ging. Gekauft, gelesen.

Ach, Virginia von Michael Kumpfmüller, Cover: Rüdiger Trebels

Zunächst faszinierte mich die Innensicht. Die letzten Tage Virginia Woolfs direkt aus ihrem Hirn gestreamt, Gedanken, Gefühle, Geheimnisse. Doch je mehr sich Michael Kumpfmüller in das Wesen einer psychisch Erkrankten hineinbegab, umso misstrauischer wurde ich. Kann der Autor wirklich erahnen oder erfühlen, was in dieser Frau vor sich ging? Ich kenne Michael Kumpfmüller nicht. Weder der Autor noch eines seiner Werke sind mir bisher unter gekommen – nichtphantastische Gegenwartsliteratur interessiert mich einfach zu selten – daher weiß ich nicht, woher der Autor seine Einfühlung nimmt. Er hätte mich davon überzeugen müssen, dass seine Interpretationen ganz nah an die wahre Virginia Woolf heranreichen. Doch das gelang ihm nicht. Er verlor mich ganz, als sich der Epilog um den Witwer Woolfs drehte. Da hatte ich das Gefühl, der Autor wolle klarstellen, dass eigentlich Leonard Woolf die zentrale Figur des Romans sein sollte. Dass sich deshalb Virginias Gedanken beständig um ihn drehten, sie sich bei ihm entschuldigte, sich selbst als Last darstellte …

Dieser Dreh vergällte mir das Buch. Auf der anderen Seite habe ich mich mit sehr großer Freude wieder in Virginias Leben geschlichen. Und es gibt ja noch einige Werke von ihr zu entdecken. Dann mit meinen eigenen Interpretationen.

Mehr zum Buch in meiner Rezi im Fantasyguide: Ach, Virginia von Michael Kumpfmüller

Der Elfen Schatten zwischen den Zähnen

Mitten im Lockdown verkündete Uschi Zietsch, die wunderbare Autorin und Cheffin des Fabylon Verlages, dass sie ihre Urban-Fantasy-Reihe »Elfenzeit« ab Juli im eigenen Verlag herausbringen wird. Die 20-bändige Reihe erschien dereinst im Bertelsmann-Buchclub nur für Mitglieder. Frisch überarbeitet, in zehn Doppelbänden ginge es darin um böse Elfen.

Keine Ahnung, was mich veranlasste, spontan die Reihe zu abonnieren, wo ich mit Elfen eigentlich nichts am Hut, sondern eher an der Axt habe. Auf jeden Fall bekomme ich jetzt zehn Monate lang Elfenwerk ins Haus. Ob ich die Bände dann auch alle lese, sei dahingestellt – ich hab da einige unbeendete Reihen in den Regalen.

»Herbstfall« enthält die Romane »Der Hauch der Anderswelt« von Uschi Zietsch selbst und »Im Reich der Dunklen Frau« von Michael Marcus Thurner, den ich bisher nur von Maddrax und Perry Rhodan kannte.

Herbstfall von Uschi Zietsch und Michael Marcus Thurner, Cover: Stefan Keller

Der Beginn einer so epischen Reihe gehört natürlich der Vorstellungsrunde von Figuren, Hintergrund und dem Problem. In diesem Fall ist es der Einfall der Zeit in das Elfenreich und damit verbunden, die Möglichkeit des Sterbens durch Altern. Rettung verspricht die Menschenwelt. Hier nun begleiten wir eine ziemlich aufgedrehte junge Reporterin und einen traumatisierten Reporter, die quasi in das Elfenproblem und hineinstolpern. Denn der Elfenkönig hat seine Kinder, ein junges Zwillingspärchen ausgewählt, den Quell der Unsterblichkeit zu finden. Natürlich gibt es auch finstere Gegenspieler, die das selbe Problem haben, wobei hier »finster« keine wirkliche Unterscheidung bei den Elfen darstellt, denn beide Seiten sind irgendwie böse.

Probleme habe ich mit dem zugrundeliegenden Konzept, dass Elfen keine Seelen hätten und daher zu Liebe nicht fähig. Menschliche Seelen hingegen könnten ihnen dazu verhelfen oder zumindest zu Macht. Nun ja, »Seele« ist wie Homöopathie, man muss dran glauben. Die Schwäche dieses Konzeptes äußert sich darin, dass die Elfen durchaus Gefühle wie Hass, Furcht, Neid und Begierde empfinden können, warum nun gerade Liebe nicht? Vielleicht wird’s ja noch aufgeklärt.

Der erste Doppelschlag ist durchweg gut geschrieben und spannend, der zweite Band kam gerade an, muss aber noch warten, da ich mir unvernünftiger Weise wieder ein paar Rezi-Exemplare habe aufschwatzen lassen. Mehr von mir zur ersten »Elfenzeit« hier: Herbstfall von Uschi Zietsch und Michael Marcus Thurner

Ein Buchvoll Leben

für unseren Barcelona-Urlaub 2016 nahm ich ein Buch mit, dass ich dann doch nicht zu lesen schaffte und auf den Stapel ungelesener Bücher warf. Fast wäre aus ihm eines jener Bücher geworden, von denen es selbst berichtet, ein Buch für den Friedhof der vergessenen Bücher.

Doch im Juni starb Carlos Ruiz Záfon und als ich die Lektüre für unseren diesjährigen Sommerurlaub zusammenkramte, stieß ich auf »Der Schatten des Windes« und nahm es mit.

Der Schatten des Windes von Carlos Ruiz Zafón, Cover: hißmann, heilmann, hamburg / Simone Andjelkovic

So, wie es im Buch beschrieben wird, dass manche Bücher eine eigene Magie entwickeln und verzaubern, so erging es mir mit »Der Schatten des Windes« auch. Das Wetter an der Ostsee war stürmisch und so ergaben sich viele, viele Lesestunden, in denen ich mich in Barcelona befand – und es bereute, dieses wundersame Buch, damals nicht vor Ort gelesen zu haben. Recht schnell wird aus der Geschichte über das Buch eines irgendwie verschollenen Autors eine Geschichte über Spanien unter Franco – ähnlich »Pans Labyrinth«. Doch Ruiz Záfon verwendet keine phantastischen Elemente, er bindet die Düsternis an die Leben seiner Figuren, an ihre Herzen und Wunden. Dabei entfaltet sich das Beziehungsgeflecht erst nach und nach über zwei Generationen hinweg und bleibt dennoch stets hautnah. Ich kaufte mir umgehend ein weiteres Buch von Ruiz Záfon, »Das Spiel des Engels«

Barcelona

Vermutlich werden wir irgendwann nach Barcelona zurückkehren und dort auf den Spuren der Geschichten und Bücher wandeln – manche Sehnsucht sät sich unerwartet: Der Schatten des Windes von Carlos Ruiz Zafón

Spulmaschinenabenteuer

Bevor ich auch nur eine Zeile von »Tagebuch eines Killerbots« las, wurde mir das Werk bereits dringendst ans Herz gelegt, denn der Übersetzer Frank Böhmert plauderte während einer unserer Treffen nicht nur über den Spaß an der Sprache des mörderischen Bots, er beschrieb auch die Tricks, die er verwenden musste, um Problem zu lösen, die im Englischen kaum bestehen.

Tagebuch eines Killerbots von Martha Wells, Cover: Jaime Jones

So ergibt sich im Original aus der Icherzählung des Protagonisten erst einmal nicht, welches Geschlecht Killerbot hat. Das lässt sich im Deutschen nicht ganz so einfach darstellen, da diverse Artikel und Personalpronomen in eine Denkrichtung weisen. Die SecUnit, der Killerbot, die Kampfmaschine und so weiter. Und obwohl ich mir also der Thematik bewusst war, stellte ich mir Killerbot von Anfang an eher als weiblich vor. Was bei der Maschine und erst recht, wenn man die Handlung dann kennt, Quark ist, aber ich konnte diese Prägung bei mir beobachten. Was eigentlich nur wieder bestätigt, dass der Mythos vom generischen Maskulin ebenfalls Quark ist. Das Geschlecht von Wörtern beeinflusst sehr wohl das projizierte Geschlecht.

Allerdings ist mir das bei Martha Wells Roman gar nicht wichtig gewesen, denn auch als geschlechtslose Maschine wuchs mir Killerbot sofort ans Herz. Die nach außen hin distanziert und professionell auftretende Security-Einheit brodelt innerlich wie ein Sonnencluster, flucht vom Feinsten und hat ganz eigene Strategien, nervige Menschen-Dinge zu ignorieren. Wenn’s mal wieder langweilig sein sollte, wird einfach eine Unterhaltungsserie gestreamt, zur Not kann man ja die Aufzeichnung des äußeren Geschehens zurückspulen. Was einige Male passiert, oft genug von panischen Verwünschungen begleitet.

Die vier Novellen sind klassische SF-Abenteuergeschichten, wobei Killerbot stets ein paar Menschen retten und dabei andere Technik und böse Menschenfirmen bezwingen muss.

Das ist durchwegs unterhaltsam, amüsant und auch immer wieder sehr berührend, denn Killerbot hat ein paar Dinge, an denen das virtuelle KI-Herz hängt. Und ich hing dann da auch dran.

Klar, an ganz vielen Stellen hatte ich Franks diebisch vergnügtes Gesicht vor Augen, wenn er Killerbot wieder etwas mit Schmackes auf die Zunge legen konnte und letztlich steckt nun in Killerbot auch ein wenig seiner Mentalität. Er war quasi die ganze Zeit beim Lesen als Vorleser dabei. Was so ein klein wenig darüber hinwegtröstete, dass wir uns Corona-bedingt schon so ewig nicht mehr in natura sehen konnten.

Ein vergnügliches Buch, dass zwar keine innovativen SF-Momente bietet, aber sicher einen der coolsten Handlungsträger, denen ich in der SF bisher begegnete: Tagebuch eines Killerbots von Martha Wells

Das bisschen Zukunft

Die Pandemie hat ein klein wenig die Klimaerwärmung aus den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, aber wie auch das Virus, verschwindet die Klimakrise nicht durchs Weggucken. Darum stand es für mich fest, dass ich mir das Anthologie-Projekt der Exodus-Redaktion »Der grüne Planet – Zukunft im Klimawandel« ansehen würde.

Der Band ist editorisch eine Pracht. Eine schön gestaltete Hardcover-Ausgabe mit Farbcollagen zu jedem der 23 Texten – allein das mach das Buch schon liebenswert.

Der grüne Planet herausgegeben von Hans Jürgen Kugler und René Moreau; Cover: benSwerk

Inhaltlich glänzt das Buch jedoch nicht im selben Umfang. Mir waren sehr viele der Beiträge einfach zu wenig Erzählung, zu wenig innovative Science-Fiction. Vielen Autorinnen und Autoren ging es darum, eine mögliche Zukunft unter den Eindrücken der Klimakatastrophe mit fiktiven geschichtlichen Daten anzureichern. Dadurch ergaben sich im Laufe des Bandes jede Menge dieser »Future-Histories«, die sich kaum unterschieden, nur die Jahreszahlen und Schauplätze variierten; in Summe so uninteressant wie belanglos. Denn jedes dieser prognostizierten Ereignisse hätte eine Geschichte sein können. Das Runterrasseln von Datümern ist es für mich aber nicht.

Als ich mich beim Einpflegen der Rezension mit den Hintergründen der Autorinnen und Autoren befasste, fiel mir auf, dass der Großteil der Beteiligten (21) älter sind als ich. Das verblüffte mich, weil ich das Thema primär im Kontext der »Fridays for Future«-Bewegung als Aufbegehren der Jugend erlebe, die hier nur mit Tino Falke und Christian Endres vertreten ist. In erster Linie also finden sich in »Der grüne Planet« Stimmen wieder, die mit Saurem Regen und Smog aufwuchsen. Vielleicht erklärt das die Wahl der Herangehensweise an das Thema. Das Ausmalen der Postapokalypse, die düsteren Zukunftsvisionen und Prophezeiungen und viele melancholische Rückblicke auf unsere, die Zukunft verprassende Gegenwart.

Ich tat mich schwer mit einem Großteil der Texte. Vielleicht bin ich bestimmte Textarten nicht mehr gewohnt und zu sehr im »show, don’t tell« gefangen oder erwarte einfach mehr Kreativität in Stil, Form und Science-Fiction, »Der grüne Planet – Zukunft im Klimawandel« bot mir davon nur ganz kleine Bröckchen, die ich etwas mehr drüben im Fantasyguide benenne: Der grüne Planet herausgegeben von Hans Jürgen Kugler und René Moreau

Sternenmaske des Todes

Beim BBE 2020, von dem ich jüngst berichtete, las auch Frederic Brake wieder einmal. Während der Begrüßung im Discord war ich ahnungslos im Flachserei-Modus, als er mich in nordisch trockener Art daran erinnerte, seine Anthologie »Sternentod« noch besprechen zu wollen.

Ohje. Ja, ich hatte das Buch vom Verlag bekommen, p.machinery bringt gefühlte 50 davon im Jahr heraus, aber mein Bedarf an zu rezensierenden Anthologien ist gering. Aber ich hatte das Buch da und auf dem letzten BuCon kam das Buch im Gespräch mit Frederic zu Wort …

Frederic Brake auf dem BuCon 2019

Jedenfalls ging ich nach der Lesung auf die Suche und fand »Sternentod« ordentlich bei den Anthos einsortiert. Also an einem von zig möglichen Orten – meine Bücherregale neigen dazu, chronisch an Überfüllung zu erkranken.

Das Buch hatte ich also in der Hand und ein Zähneknirschen begleitete den Fund: 430 Seiten, 20 Geschichten. Ich kannte nun meine Gründe, warum die Antho ungelesen ins Regal wanderte. Da kam eine Menge Arbeit auf mich zu, denn mein Anspruch an eine Antho-Rezi ist, zu jeder Geschichte etwas zu schreiben und dann auch zu jeder Autorin und jedem Autor eine Seite im Fantasyguide anzulegen. Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis offenbarte mir, dass da viele neue Namen zu finden waren. Aber auch einige Bekannte. Mit Felix Woitkowski wuchs auch meine Hoffnung auf eine hohe Qualität.

»Sternentod« herausgegeben und mit einem Cover von Frederic Brake

Komplett unbekannt war mir allerdings der Name »Two Steps from Hell«. Deren Musik sollte die Inspiration der Texte sein, so die damalige Ausschreibung zur Antho. Tja, und da ich weder die Inspirationsquelle kannte, noch Klappentexte lese, war ich denn doch erstaunt, dass »Sternentod« keine SF-Kurzgeschichten enthielt, sondern Fantasy. Weder Titel noch Cover legten diesen Inhalt bei einem flüchtigen Blick nahe. Wobei das Cover schon Hinweise bietet und wenn man die Titelgeschichte liest passt das schon. Aber so richtig nach Fantasy duftet das Buch erst einmal nicht.

Und noch eine Überraschung gab es, denn ich hatte doch tatsächlich im Juni 2019 eine Lesung aus der Anthologie in Second Life besucht! Daran erinnerte ich mich aber erst beim Lesen der Geschichte von Gabi Behrendt, denn »Cohens Greife« waren mit tatsächlich im Gedächtnis geblieben. Leider hatte ich damals keinen Bericht geschrieben, aber ich fand den Ordner mit Screenshots und Notizen. Doch ganz nützlich, wenigstens das immer zu erstellen.

Screenshot aus der SL-Lesung, am rechten Rand sieht man die Avatare von Frederic und Gabi

Aber zur Anthologie. Mit jeder weiteren Geschichte wurde mir klarer, dass Frederic hier eine wirklich feine Sammlung zusammengestellt hatte. Es gibt keine wirklich schwache Geschichte, dafür jede Menge ganz unterschiedlicher, aber rundum gelungener Werke. Ein paar Kritikpunkte gab es schon, etwa gut gemeinter Feminismus der nach hinten losging, aber alles in allem ist »Sternentod« eine sehr gute Fantasy-Anthologie und ich bin mir sehr sicher, dass von den mir bisher unbekannten unter den Mitwirkenden noch weitere sehr gute Geschichten kommen werden.

Denn das ist das Gute an einer fleißigen Anthologieproduktion: Sie bietet Chancen zur Veröffentlichung. Wenn doch nur auch so viele KäuferInnen und LeserInnen von Kurzgeschichten nachwachsen würden.

Zu jeder Geschichte hörte ich mir hinterher auch die inspirierenden Songs an und zu einigen gab es sogar Videos. Keines der Stücke kam mir bekannt vor. Epische Filmmusik als Mischung aus Bombastrock und Mittelalter – für mich ohne bleibenden Eindruck, ich hätte mich schwer getan, inspiriert zu werden, aber in vielen der Texte konnte ich Elemente der Stücke wieder erkennen.

Ausführlicher zu den einzelnen Geschichten habe ich mich wieder in der Rezi ausgelassen: Sternentod herausgegeben von Frederic Brake

Natürlich ließ ich es mir auch nicht nehmen, endlich mal ein Interview mit Frederic für den Fantasyguide draufzupacken und da die Antworten fast postwendend kamen, konnte ich das Projekt sehr zufriedenstellend abschließen: Interview mit Frederic Brake

Das Wimmeln im Tank

Bereits im Klassikerlesezirkel des Monats April lasen wir im SFN »Das seltsame Tier aus dem Norden« von Lars Gustafsson. Aus diversen Gründen dauerte es einen Monat, ehe ich mich an die Rezension machte und erstaunlicherweise bemerkte ich beim Durchblättern für die Besprechung, dass mir das ganze im Nachhinein doch wesentlich besser gefällt, als während des Lesens im Zirkel.

Das seltsame Tier aus dem Norden von Lars Gustafsson; Cover: Claus Seitz und Franco Maria Ricci

Das Buch ist im besten Sinne Ideen-Literatur, unter phantastischen Gesichtspunkt eng an Lem angelehnt, von ihm stand auch die Idee einer Schwarmintelligenz von Mikrolebewesen in einem Tank. Bei Gustafsson ist diese Intelligenz der Lenker eines Sonnenseglers und vertreibt sich die Zeit damit, sich selbst Geschichten zu erzählen. Dabei bedient er sich unterschiedlicher erzählerischer Methoden. Mal gibt er nur eine Parabel zum besten, mal skizziert die Handlung nur und dann folgt gleich darauf eine komplett auserzählte Story. Eine Methode, die sich heute noch in den Geschichten von Erik Simon finden lässt.

Schwierig waren für mich die philosophischen Einschübe, da hier doch recht komplexe Gedanken gewälzt wurden, denen ich nicht folgen konnte. Meist sehe ich bei solchen Themen das Problem nicht. Aber das kann man ja Gustafsson nun nicht zur Last legen.

Es war also wirklich gut, das Buch nach der Lektüre etwas ruhen zu lassen und sich beim Schreiben mit dem zu befassen, was man dann als Nachhall in sich findet.

Deshalb ist die Rezi auch recht umfangreich geworden, weil ich auf jede Geschichte eingehen wollte: »Das seltsame Tier aus dem Norden« von Lars Gustafsson

Die Liebe in mir ist das Böse in dir

Nach dem famosen »Shape Me« und dem coolen Interview mit ihr war klar, dass ich unbedingt mehr von Melanie Vogltanz lesen wollte und kaum gedacht, brachte sie auch schon ihr nächstes Buch heraus: »Schwarzmondlicht«. Im Selbstverlag, da der ursprüngliche Verlag sich in die Unanständigkeit katapultierte. Also bestellte ich bei ihr direkt und bekam mitten im Corona-März ein veritables Buchpaket:

Prall gefüllt

In der Widmung steht ein historisches »Bleib gesund.« – der März 2020 hat schon jetzt seine eigenen Legenden.

Ebenso wie »Schwarzmondlicht«, denn neben dem Verlagsdesaster kann die Autorin auch eine Menge zur Editionsgeschichte erzählen, immerhin ist das Werk eine stark überarbeitete Neufassung ihres Debüt-Romanes »Luna Atra« – im Vorwort klärt sie uns darüber auf.

Nach dem SF-Kracher nun düstere Fantasy? Eigentlich nicht ganz. In der SF gibt es für eine Handlung in nächster Zukunft den Begriff Near-Future, in der Fantasy ist Urban-Fantasy üblich. Aber so ganz mag ich »Schwarzmondlicht« dort nicht hineinpacken, denn die Handlung und ihre Bearbeitung kratzt fast alle Bereiche der Phantastik, also auch den Horror und das Märchen, im weitesten Sinne sogar die SF.

Nennen wir also dieses kleine literarische Schätzchen einfach: phantastische Phantastik!

Alles was man für die anspruchsvolle Lektüre benötigt.

In meiner Nachrichtenblase hatte ich das Gefühl, Roman und Figuren seien seit Jahrtausenden überall bekannt, nur ich hinke wieder hinterher. Es gibt Jugendliche mit besonderen magischen Fähigkeiten, die es ihnen nicht gerade leicht machen, ihren Weg zu finden und ihn dann auch zu gehen. Klingt erst einmal nicht ganz so überraschend neu, spannend wird’s dadurch, dass Melanie Vogltanz ihren Figuren scharf in die Psyche blickt und dabei kein Auge zudrückt. Es werden folgenschwere Fehler begangen, Verrat geübt, Gutes rächt sich, Böses steckt in harmlosen Absichten und es gibt eine ganze Menge Leid und Schmerz.

Was mir besonders gefiel, wie auch schon in »Shape Me« erspart uns Melanie Vogltanz billige oder einfache Lösungen. Es werden auch keine LeserInnenwünsche erfüllt, a la: »Die sollen sich kriegen!« oder »Das muss geheilt werden!« – dadurch fühlen sich Figuren und Handlungen sehr, sehr lebendig an.

»Schwarzmondlicht« beweist mir erneut, dass Melanie Vogltanz eine exzellente Erzählerin ist, die Komposition des lebens beherrscht und mehr als einen Blick in die Finsternis warf. dort wo die Phantastik ihre schwarzen Perlen aufbewahrt.

Mehr zur Handlung und den Figuren gibt es in meiner Rezi: Schwarzmondlicht von Melanie Vogltanz

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