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Trauer und Vertrauen folgen Katzenpfoten

Julia Annina Jorges beeindruckte mich vor ein paar Jahren mit einer Kurzgeschichte, deren innerer Horror sehr feinfühlig erzählt wurde. Nun bin ich kein großer Horror-Fan und verfolge die entsprechenden Veröffentlichungen nur am Rande, aber Julias Geschichten waren immer im Gespräch und so konnte ich natürlich wieder einmal nicht nein sagen, als sie mich frug, ob ich nicht Lust hätte, ihr jüngstes Buch, ein Kinderbuch, zu lesen.

Späterland – Die Welt hinter der Regenbogenbrücke von Julia A. Jorges; Cover: elaelo, Marinka, erinvilar und mtmmarek

»Späterland« überraschte mich dann dadurch, dass Julia ihre Vorliebe für die dunkle Phantastik spielerisch und nebenbei unterbrachte. Obwohl Tarjas Abenteuer im selbsterdachten Jenseits für verstorbene Haustiere für ein junges Publikum verfasst ist, sind die Bedrohungen dort teils sehr gruselig. Aber das passte für mich ziemlich gut in das ernste Thema der Trauerbewältigung. Für Tarja ist das Ganze noch komplizierter, befindet sich sie doch just in dem Alter, das für das Ende der Kindheit steht. Die Eltern sind nicht die Personen, die ihr dabei helfen können, mit dem Tod des geliebten Katers umzugehen. Nicht in diesem Lebensabschnitt. Und »Späterland« begleitet Tarja dabei, wie sie sich durch diesen doppelten Verlust kämpft. Vertrauen ist damit ein zentrales Thema, eng verknüpft mit dem Erfahren von Verantwortung.

Als erwachsener Leser und Rezensent neige ich bestimmt dazu, den Text zu sehr zu analysieren, doch hatte ich auch meinen Spaß mit der Abenteuerseite des Romans. Natürlich ist es schwer einzuschätzen, wie das auf Mädchen und Jungen so ab zehn Jahren wirkt, aber auch »Die unendliche Geschichte« enthielt neben phantastischen Abenteuern jede Menge ernsthafter Themen. Und fand ihre Fans.

Das wünsche ich diesem kleinen feinen Büchlein auch! »Späterland – Die Welt hinter der Regenbogenbrücke« von Julia A. Jorges

Was kostet ein Leben?

Matt Ruffs Art zu schreiben begeisterte mich von den ersten Seiten seines Debüts »Fool on the Hill« an. Natürlich wollte ich dran bleiben und noch mehr von ihm lesen, es blieb dann aber bei dem beeindruckenden »Ich und die anderen«. Es kamen irgendwie immer wieder andere Bücher und Leseprojekte dazwischen …

Nun aber erwarb ich in einem spontanen Kaufrausch im Otherland die Taschenbuchausgabe von »Lovecraft Country«. Das Buch war ja in letzter Zeit omnipräsent und wurde inzwischen im Serienformat verfilmt. Und das passt, denn das Buch ist eine Art Episodenroman, wobei alle Figuren und Plots trotzdem zusammengehören.

Lovecraft Country von Matt Ruff

Die USA sind in den 50er Jahren vom Rassismus geprägt. Der Vater des jungen Ex-Soldaten Atticus hatte eine geniale Idee, es seinen Leuten leichter zu machen, die Bundesstaaten zu bereisen, in denen der Rassenhass besonders schlimm wütet, er schuf »The Safe Negro Travel Guide«. Das erleichtert das Auffinden von Hotels, Restaurants und Tankstellen, die Menschen nicht wegen ihrer Hautfarbe abweisen.

Dennoch ist das Reisen stets gefährlich, wie wir bereits nach wenigen Seiten bangend miterleben müssen. Zwar gelangt Atticus halbwegs unbeschadet zu Hause an, jedoch muss er auf der Suche nach seinem verschollenen Vater erneut durch Feindesland.

Der Rassismus zieht sich durch das Buch, beherrscht Handlung und Figuren aber nicht in der Art, dass sie davon erdrückt werden. Matt Ruff mischt in die historische Gefahrenlage noch etwas lovecraftschen Horror, was, wie der Rassismus, zum Titel passt, und fügt noch weitere spannende Zutaten hinzu. Etwa eine begeisterte Astronomin, die den Weltraum bereist. Die Geschichte einer Versklavten, die Buch darüber führt, was ihr der Sklavenhalter an Lohn und Entschädigungen schuldet. Eine junge Frau, die in der Haut einer anderen erblüht. Ein alter Geist, der seine Meisterin findet. Ein Junge, der sich Ängsten stellen muss, die ihn und seine Familie bedrohen. Religiöse Fanatiker mit Zauberkräften und machtvollen Büchern.

All das wird wunderbar erzählt, voller Fantasie und Liebe zur Phantastik. Trotz der klassischen Settings sind die Figuren modern, besitzen die Strahlkraft menschlicher Charaktere, die mehr Leben besitzen als manche echte Menschen. Ich bin mal wieder hin und weg von Matt Ruffs Talent und Kunstfertigkeit. Natürlich durch die Worte von Anna und Wolf Heinrich Leube, die das Ganze ins Deutsche übertrugen.

Mal sehen, wie die Serie wird, ein erster Seh-Versuch scheiterte, da der Streamingdienst zur Originalfassung keine englischen Untertitel anbot und ich nichts von dem verstand, was die Figuren sagten, zumal die erste Szene nicht im Buch vorkam.

Trotzdem bin ich gespannt, wie Ruffs überbordender Phantastikozean umgesetzt wurde. Ein paar Worte mehr gibt es wieder drüben im Fantasyguide: Lovecraft Country von Matt Ruff

Das Problem mit dem magischen Zeitmanagement

Home Office ist ganz toll, aber mir fehlen die drei Stunden Lesezeit täglich in den Öffis auf meinem Arbeitsweg. Da Management jeglicher Art und ich auf Kriegsfuß stehen, hab ich noch keine Lösung gefunden, wie ich mir auch zu Hause Freiraum zum Lesen schaffe. Aber immerhin komme ich pflichtbewusst dazu, Rezensionsexemplare zu lesen, auch wenn ich schon lange kaum noch etwas anfordere, trotz diverser Angebote. Ich kauf die Bücher auch lieber.

Jedenfalls konnte ich mich bei einem Buch dann doch nicht beherrschen, das im Pressetext einfach zu cool klang:

»ob mit Ovids „Metamorphosen“, Murakamis „1Q84“ oder Tove Janssons „Mumins“ – beim Lesen betreten wir eine andere Welt. Durch Bücher erreichen wir Orte, Zeiten und Ereignisse, die für uns unendlich fern und manchmal fast undenkbar sind. Die Journalistin Laura Miller hat sich auf die Reise durch zwei Jahrtausende Literaturgeschichte begeben und die hundert faszinierendsten Fantasiewelten zusammengetragen: von uralten Legenden und Mythen über Klassiker der Weltliteratur bis zum „goldenen Zeitalter der Fantasy“ und aktuellen Bestsellern.«

Wonderlands herausgegeben von Laura Miller; Cover: Jim Tierney

Na, könnt ihr euch mein Sabbern vorstellen? Okay, müsst ihr auch nicht. Als das Buch dann Monate später ankam, hatte ich das natürlich schon wieder komplett vergessen, aber das Buch ist optisch ein Schmuckstück, gibt sich wie ein oldschool-Lexikon mit tollen Abbildungen und ganz schnell klebten jede Menge Markerfähnchen drin. Ich hörte dann damit bald auf, weil mir klar wurde, dass ich auf lange Sicht gar nicht all jene Bücher kaufen und lesen kann, die mir »Wonderlands« schmackhaft machte.

Gerade bei den Werken aus den 1970er fand ich eine Reihe spannend klingender Werke von Autorinnen, von denen ich bisher noch nichts gehört hatte. Das wird ein Projekt für nächstes Jahr.

Das Buch grast so ziemliche alle Subgenres der Phantastik ab, vom Gilgamesch-Epos bis ins Jahr 2015. Etwa Dreißig der Artikel behandelten Werke die ich gelesen habe oder zumindest Teile der besprochenen Universen. Dazu kommen einige Wunderländer, die ich aus Verfilmungen kenne, etwa »Narnia«, deren Lektüre ich mir aber klemme.

Die Qualität der einzelnen Artikel ist unterschiedlich, aber insgesamt für einen Überblick sehr gut. Klar gibt es Lücken, so fehlte mir die »Unendliche Geschichte« oder der Hinweis auf Alexander Wolkows großartige Fortsetzung vom Baums »Wizzard of Oz«. Der Schwerpunkt lag auf englischsprachiger Literatur bzw. auf Werken, die in Großbritannien und den USA erfolgreich wurden.

Ich denke, dass ich »Wonderlands«, regelmäßig nutzen werde, selbst wenn die SUBs beständig wachsen. Irgendwas ist ja immer.

Ein paar Zeilen mehr drüben in meiner Rezension: Wonderlands herausgegeben von Laura Miller

Knochen wollen auch nur reden

Vom humunculus verlag habe ich inzwischen eine ganze Menge spannender Phantastik gelesen und so kreativ, wie dieser Verlag aufgestellt ist, wird da wohl noch so einiges bei mir anlanden, so wie jetzt ein Buch, dass die bisherigen außergewöhnlichen Ausgaben des Verlages noch topt: »Der Heilige mit der roten Schnur« von Flavius Ardelean.

Rumänische Phantastik dürfte ich seit der Wende nicht mehr in den Händen gehalten haben und auch der Name Flavius Ardelean ist mir bisher nicht untergekommen. Doch das sollte für die Zukunft und ein für alle Mal passé sein, denn »Der Heilige mit der roten Schnur« hat mich schwer beeindruckt.

Der Heilige mit der roten Schnur von Flavius Ardelean, Cover: Ecaterina Gabriela

Zunächst beginnt das Ganze recht harmlos, irgendwie fantasymäßig nur anspruchsvoll geschrieben: Ein reisender Händler lässt sich von einem Fahrer mit Pferdekarren mitnehmen, der ihm sogleich die Geschichte von Taush erzählt, der einst jene Stadt gründete, zu der der Mitfahrer just unterwegs ist.

Doch schon der Hinweis, dass der Preis der Beförderung später genannt wird, macht skeptisch – nun ja, der Kutscher ist zudem ein Skellett – jedenfalls schnippelt es dem Schlafenden das Fleisch von den Beinen und fügt es bei sich ein.

Und so geht das nun weiter. Taush etwa zieht sich den titelgebenden roten Faden aus dem Bauchnabel, wickelt ihn um die Hand eines Sterbenden und erleichtert jener Person den Wechsel in eine nächste Welt.

Doch auch Kampf gegen die Un’Welt, zu der Taush später aufbricht, bringt jede Menge ekliger Gewalt und Monstrositäten, aber auch Liebe – »Der Heilige mit der roten Schnur« steckt voller Parabeln, Symbole und Metaphern, ist angefüllt von Betrachtungenen zum Wesen der Menschen und ihres Lebens.

Aber das Ganze wirkt überhaupt erst so großartig durch die Kombination mit den schaurig-schönen Zeichnungen von Ecaterina Gabriela. Schon das Cover gibt eine Vorstellung davon, wie phantastisch das Buch bebildert ist. Keine reine Illustrationen, eher bildliche Weitungen der Szenen. Mit solchen Büchern kann man mich zum Schmelzen bringen.

Dieses Jahr steckt wirklich voller kleiner Buchperlen! Etwas mehr zum Buch gibt es wieder in meiner Fantasyguide-Rezi: Der Heilige mit der roten Schnur von Flavius Ardelean

So eine klitzekleine Aktie

Jüngst beschäftige ich mich ja mit den beiden Bänden von Kollaborationen der Steinmüllers und Erik Simon. Die gezeichneten Bildchen auf den Covern stammen von Thomas Hofmann, dessen Blog ich seit einiger Zeit mit Bewunderung verfolge. Vor allem, weil er eine ähnliche Bandbreite phantastischer Literatur schätzt wie ich und ebenso häufig zu Klassikern greift.

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Thomas Hofmann auf dem Elstercon 2016

Und schwupps frug ich mich, warum nicht mal einen der (fast) unbekannten Superhelden der deutschen Phantastikszene ins Rampenlicht zerren? Er frug sich das auch, dennoch willigte er ein, mir ein paar Fragen zu beantworten und offenbar hatte er daran große Freude, wenn man die Ausführlichkeit seiner Antworten bedenkt.

Beim Recherchieren für die Fragen fiel mir dann auf, wie lange ich Thomas eigentlich schon kenne, wenn auch nicht persönlich, so doch durch seine Arbeiten. Denn bereits im allerersten Alien Contact, das ich mir 1990 kaufte, verzierte eine Zeichnung von ihm das Inhaltsverzeichnis!

Viele seiner Zeichnungen erschienen in Fanzines, die ich nie zu Gesicht bekam. In persona nahm ich Thomas erst auf den Elstercons und dann über seinen Blog wahr. Tja, er ist ein netter, viel belesenerer Phantastiknerd als ich und es hat mir viel Spaß gemacht, sein Interview mit passenden Bildern und Covern zu versetzen.

Schaut mal rein: Interview mit Thomas Hofmann

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