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Golden glänzt der Silberberg

Ein heißer Kreuzberger Abend wird eigentlich nur dann so richtig perfekt, wenn man ihn im Otherland ausklingen lässt.

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Das Otherland in der Bergmannstraße

Die volle literarische Packung gab es am vergangenen Mittwoch, denn Autor und Übersetzer Uwe Anton stellte seinen SF-Personality Band über Robert Silverberg, Zeiten der Wandlung, vor.

Fachkundig moderiert von Herausgeber und Superfan Hardy Kettlitz, denn in seinem Golkonda-Imprint Memoranda erschien der Band jüngst. Als eine von fünf Neuerscheinungen in diesem Jahr!

Auch Golkonda-Chef Michael Görden war zugegen.

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Michael Görden, Hardy Kettlitz und Uwe Anton

So ging es denn bald nicht mehr nur über Robert Silverberg und sein Schaffen, sondern auch um die Wege seiner Veröffentlichungen in Deutschland. Einige lustige Hintergründe kamen so zur Sprache.

Mir ist Silverberg bisher nur über den ersten Majipoor-Band bekannt und aus der Biographie über James Tiptree Jr. – von daher erfuhr ich sehr viel Neues und bekam dutzendweise Lesetipps.

Der Band entstand aus einem Gesprächen zwischen Hardy und Uwe während eines DortCons und Hardy hatte das Projekt zehn Jahre lang vergessen. Er arbeitete sogar schon an einem Konzept für einen Silverberg-Band, als die Nachricht von Uwe kam, er sein nun fast fertig. So blieb Hardy eine Menge Schreibarbeit erspart.

Man findet in dem Band Rezensionen zu fast allen SF-Werken Silverbergs, der in allen Genres ein großes Werk aufweisen kann, vor allem natürlich der wichtigen SF-Romane und Erzählungen. Dazu jede Menge biographisches und Hintergrundwissen. Und alles in der gewohnt großartigen Golkonda/Memoranda-Aufmachung.

Uwe durfte dann natürlich noch über seine Arbeit für Perry Rhodan berichten, nicht alle Anwesenden hatten mit der größten SF-Serie der Welt bisher Berührungspunkte. Meine Perry-Zeit ist lange her, aber als ich sie damals zu lesen begann, stieß Uwe kurz danach zum AutorInnen-Team und ich hatte ihn nie als Langweiler in Erinnerung. Allerdings auch nicht als hervorstechender Autor.

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Bier, Buchselfies und ein überzeugender Bestsellerautor

Dafür konnte ich ihn vor ein paar Jahren für den Fantasyguide interviewen, da ich damals den Roman Zeit der Stasis besprochen hatte, eine Zusammenarbeit mit Thomas Ziegler.

Uwe ist heute ein gesetzter und streitbarer Mann, dem zu lauschen Vergnügen bereitet, da er nicht nur eine Meinung vertritt, sondern sie auch mit Argumenten und Wissen belegt. Ideale Voraussetzungen für einen Sachbuchautor. Sein Band über Stephen King wird übrigens gerade von ihm neu überarbeitet und erweitert. Natürlich ist er schon fest für das Memoranda-Programm eingeplant.

Bis dahin aber bleibt genügend Zeit, sich mal einen jener Silverberg-Bände aus seiner zweiten, der goldenen Phase, vorzunehmen.

Verschone die Handwerker!

Ich mag das Grauen sein, lese aber ungern Horror. Doch als großer Phantastikfan interessiere ich mich natürlich auch für dieses Teilgenre und verfolge zumindest das literarische Geschehen aus sicherer Ferne.

So ist mir das Romanprojekt Hiobs Spiel von Tobias O. Meißner nicht unbekannt geblieben.

Hiobs Spiel löst bei den Genusswurzeln der Szene stets ein Raunen aus. Es ist der Alte Weidenmann unter den Horrorwerken, der alle Äonen erwacht und sorglose Wanderer verschlingen wird.

Zumindest wusste ich also ungefähr was mich erwartete, als ich am Freitag die Fährnisse des ÖPNV stürzte, den Baranduin überwand, den Alten Wald von Kreuzberg betrat und mich auf der Lichtung von Otherlands Hütte niederließ. Im eisigen Hauch der Hügelgräber erwartete ich das Schlimmste.

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Eine Spur abseits der Wege

Ihr merkt schon, es wurde ein epischer Abend!

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Mehr als nur ein Spiel

Nach der extrem kurzen Vorstellung durch die drei Hobbits vom Otherland teilten sich die Schatten und Tobias begann.

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Jakob Schmidt, Simon Weinert und Wolfgang Tress

Erstaunlicherweise las er zunächst nur Lustiges.

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Mehr als nur der Hauch eines Lächelns lag in der Luft …

Auf dem Holzpodest hätte auch Horst Evers sitzen können, nur ist der Stil von Tobias weitaus geschliffener. Groß im Wortschatz, präzise in der Wortwahl und verdammt gut darin, die Worte auch bedeutsam erklingen zu lassen. Es ist durchaus nicht üblich, dass ein Autor wirklich zu lesen vermag, Tobias O, Meißner ist ein Meister-Vorleser!

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Magische Symbiose: Wenn Worte lebendig werden …

Geholfen hat ihm dabei bestimmt auch, dass er Selbsterlebtes in die Handlung einfließen ließ – was auch erklärt, dass er die Handwerker weder zu Gesicht bekam noch umbrachte.

Man will ja nicht als der Autor gelten, der Handwerker nicht mag.

Golkonda-Verlagsleiter Michael Görden träumte auch gleich von Hörbüchern. Dann könnte man sich den Tobias überall in die Ohren holen.

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Die Macht der Valar durchfließt seinen Verlag: Michael Görden

Tobias beschloss die Lesung mit einem krassen Kapitel, in dem es Hiob Montag mit der Grausamkeit von illegalen Flüchtlingstransporten zu tun bekommt. Genau das ist der Kern seines Chronikprojektes. In manche Wunden muss man mehr als nur einen Finger rammen.

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Niemand verließ den Raum trotz Warnung

Der Abend bewies mir, dass man gar nicht oft genug auf Hiobs Spiel hinweisen kann und ich hoffe inständig, dass es Tobias vermag, dieses Projekt durchzuziehen. Er hat selbst angemerkt, dass sich mit den Jahren auch seine Art den Chronistenjob wahrzunehmen verändert. Dass Splatter mehr dem 25jährigen entsprach und derzeit mehr Humor in seine Prosa Einzug hält; für das hohe Alter sieht er schon Fürchterliches auf seine Leserschaft zukommen.

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Tobias O. Meißner

Doch raus aus den Hügelgräbern, irgendwo im Südosten wartet das letzte heimelige Haus auf uns!

Jenseits der Einöde des Realismus

Mein bester Freund verbindet gerne unsere Treffen mit Kultur, die ich immer aussuchen muss. Achherje. Da traf es sich diesmal sehr gut, dass mich Hardy Kettlitz kurz vorher auf den aktuellen Andymon-Clubabend hinwies und so gondelten wir nach Baumschulenweg.

Der Abend stand ganz im Zeichen Berliner Phantastikverlage, wobei man das mit Berlin recht sportlich sah. Der SF-Club Andymon ist eine kleine Fan-Gemeinde etwas erhöhten Alters, deren Themenabende sehr oft hochspannend sind, aber tatsächlich hab ich es nun erst zum dritten Mal geschafft, daran teilzunehmen. Aber zumindest sieht man sich regelmäßig bei den Otherland-Events.

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Michael Görden und Hannes Riffel

Als erstes stellte Hannes Riffel das aktuelle und geplante Programm von Fischer TOR vor, logischerweise mit dem Schwerpunkt auf die SF-Titel. Hannes sprudelte vor Begeisterung über. Neben Afterparty von Daryl Gregory in der Übersetzung von Frank Böhmert, das ich jetzt wirklich unbedingt lesen will, schwärmte er von Becky Chambers Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten und freute sich auf die Fortsetzung, die laut Lektorat noch besser sein soll. Da komme ich wohl auch nicht dran vorbei, gefiel mir die Wohlfühl-SF ja bereits im ersten Band. Die Neuübersetzung von Ursula K. Le Guins The Dispossessed als Freie Geister erscheint mir ideal für einen Reread und auch Charlie Jane Anders Alle Vögel unter dem Himmel muss ich einfach haben. Das TOR-Programm unter der Leitung von Hannes ist vielseitig und sehr verführerisch. Er plauderte auch aus dem Nähkästchen und es überraschte mich, dass Kai Meyers Krone der Sterne nur das dritterfolgreichste Buch des Programmes ist. Aber hey, jeder Bestseller finanziert etliche andere Titel.

Mit Spannung erwartete ich dann Michael Görden, seines Zeichens neuer Programmchef von Golkonda, der ja nun bei Europa unterkam und somit nach Gördens Aussage die Vorzüge des Strasser-Konzerns genießt, was vor allem Marketing und Vertrieb verbessern sollte.

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Michael Görden mit dem Golkonda-Programm

Zunächst warb er für ein paar Neuerscheinungen, die noch unter Hannes‘ Federführung an den Start gingen, etwa Die Übersetzerin von John Crowley. Grundsätzlich wird sich das Programm von Golkonda nicht ändern. Captain Future, aber auch die Klassiker werden fortgeführt, ebenso der Nimmèrÿa-Zyklus von Samuel R. Delany und die Werkausgabe von Thomas Ziegler, was Görden ganz besonders freute, da er mit Rainer Zubeil befreundet war und dessen Texte zu den ersten Sachen gehörte, die er je herausgab. Angekündigt ist auch der vierte Hiob-Band von Tobias O. Meißner, das immer noch verkannte Meisterwerk.

Erwähnenswert ist noch, dass für Rückblick aus dem Jahre 2000 von Edward Bellamy eine erweiterte Neuausgabe avisiert ist. Der anwesende Andymonier Wolfgang Both integrierte einen weiteren Sachtext, der als Vortrag eines Andymon-Clubabends entstand und nun das Werk endlich perfekt machen wird.

Natürlich wird sich bei den Reihen das Layout, fast immer von der großartigen Ben, nicht ändern, sodass SammlerInnen aufatmen können. Allerdings sollten sie sich bei einigen Werken beeilen, denn Jo Waltons Carmichael-Romane (Small Change Trilogie)  bekommen in der neuen Auflage ebenso ein anderes Gesicht, wie auch die Kurzgeschichtensammlung von Ted Chiang, die nun an die Verfilmung Arrival erinnert. Lobend erwähnte er noch die Arbeit von Hardy Kettlitz, der als Setzer und Projektmanager die Arbeit eines Verlegers sehr easy macht. Womit er beim Golkonda-Imprint Memoranda ankam. Dort wird es neben dem dritten Hugo-Band, der noch nicht ganz fertig ist, neue SF-Personality Bände geben. Wer Hardy kennt, dürfte sich nicht wundern, dass sich einer davon mit Robert Silverberg befasst.

Ein Höhepunkt des Programmes ist aber sicherlich die neue Werkausgabe der Kollaborationen von Erik Simon mit Angela und Karlheinz Steinmüller, die ich bereits zur Rezension geordert habe.

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Hardy Kettlitz stellt Festa-Titel vor

Hardy war aber nicht nur als Memoranda-Chef anwesend, sondern auch als Berliner Zweigstelle des Festa-Verlages. Der bedeutendste deutsche Horror-Verlag bringt etwa einen Erzählband des Fight Club-Autors Chuck Palahniuk heraus. Ansonsten halt Action und Horror.

Ein Thema aber haben alle drei Verlage gemeinsam: Howard P. Lovecraft. TOR bringt die megageile Prachtwerkausgabe herausgegeben von Leslie S. Klinger, die flux auf meinem Weihnachtswunschzettel landete. Golkonda liefert dazu die zweibändige Biographie von S. T. Joshi und bei Festa gibt es sowieso alles von Lovecraft und zudem noch jene Werke, die ihn beeinflusst haben, so etwa die Geistergeschichten von Montague Rhodes James, nach deren Lektüre man erst wirklich weiß, was Gruseln bedeutet. Hochspannend erscheint mir auch das sehr persönliche Buch Mein Freund H. P. Lovecraft von Frank Belknap Long in der Übersetzung von Michael Siefener – es gibt kaum noch einen Grund, sich nicht mal intensiv mit Lovecraft zu beschäftigen.

Und was mich auch stark reizt, ist Big Sur von Jack Kerouac, sein letztes Werk – und nach On the Road würde ich schon gern noch mehr von ihm lesen.

Aber allein dieser tolle Abend versorgte mich mit mehr Lesetipps als ich in vernünftigem Zeitrahmen lesen können werde. Es ist schon eine Crux mit diesem Hobby. Fängt man erst mal mit einem Buch an, will man bald alle lesen.

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