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Perspektivenwechsel

Meine letzten beiden Lektüren haben mich nachdenklich gestimmt. Also, über den Inhalt hinaus, denn Die Geschichte der Liebe von Nicole Krauss bietet jede Menge Nachdenkenswertes.

Das Buch hat zwei Hauptfiguren, einen alten Mann und ein fünfzehnjähriges Mädchen, und ziemlich überrascht stellte ich fest, dass mir die Perspektive des alten Mannes sehr nah war. So in Richtung: Das bist ja Du! Tja, irgendwie hab ich die Jugend jetzt wohl doch verlassen. Seltsam.

Auf der anderen Seite hatte ich ein großes Problem mit die Geschichten von Leigh Brackett, die ich ja auf Anregung von Kai Meyer las. Sie schreibt dort ausschließlich aus der Sicht männlicher Protagonisten, es gibt unglaublich viel lapidare Gewalt gegen Frauen – das mag einem Zeitgeist und dem Pulpmarkt geschuldet sein, aber es fühlte sich für mich beständig falsch an. Ich bin halt ein alter Sack, der Frauen nicht schlägt. Auch eine gewisse Lebensperspektive.

Aber ich will noch ein bisschen zur Geschichte der Liebe plaudern.

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Die Geschichte der Liebe von Nicole Krauss

Auf das Buch wurde ich durch Markus Mäurer aufmerksam, der es 2015 zu seinen Lesehöhepunkten zählte. Für gewöhnlich lese ich keine jüngeren, nichtphantastischen Werke, aber letztlich besitzt auch die Geschichte der Liebe phantastische Elemente, die jedoch schon fest zum Literaturstandard gehören, und viel damit zu tun haben, den LeserInnen etwas suspense zu verschaffen.

Nicole Krauss gelingt es dabei, die tiefen psychischen Wunden zu visualisieren, die sich Leopold Gurski in seinem Leben zuzog. Von der Vernichtung seines Dorfes durch die Deutschen, seiner Flucht aus der Heimat, der Verlust seiner großen Liebe bis hin zur Trennung von seinem Kind. Zwar werden all diese Themen auch ganz normal erzählt, aber es gibt für sie auch jeweils eine symbolische Entsprechung, ganz oben natürlich das Manuskript von »Die Geschichte der Liebe«, dem Buch im Buch.

Ähnlich handhabt sie es mit dem zweiten großen Thema, nämlich der jüdischen Kultur in der dritten Generation nach dem Holocaust. Man spürt, dass sie da persönliche Probleme wälzt und keine Lösungen besitzt. Vielmehr beschreibt sie einige Wege, die junge Menschen mit jüdischer Bindung gehen.

Ob es in Deutschland auch so eine starke Integration jüdischer Traditionen in die Popkultur gegeben hätte, wenn wir diesen Bereich unseres Lebens nicht in Vernichtungslager gesteckt hätten? Bittere Gedanken, aber ich gehöre ebenfalls zu einer dritten Generation, die der Täter.

Aber Die Geschichte der Liebe will keine Wunden vertiefen. Denn im eigentlichen Sinne ist es wirklich eine Liebesgeschichte. Und eine herzerwärmende, wunderbare noch dazu.

Nochmals Dank an Pogo! Meine Rezi beschäftigt sich etwas mehr mit dem Inhalt: Die Geschichte der Liebe von Nicole Krauss

Goldige Zeiten

Das Ergebnis eines Kickstarterprojektes einer kalifornischen Autorin erwartet man nicht unbedingt in der Liste von Neuerscheinungen eines deutschen Verlages.

Doch zum Glück reden wir hier von FISCHER Tor. Mit der geballten Macht des US-amerikanischen Mutterhauses kann man auch so etwas Unwahrscheinliches wie Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten von Becky Chambers in die hungrigen SF-Regale bringen.

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Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten von Becky Chambers

Markus Mäurer stellte den Roman vor einiger Zeit auf seinem Blog vor und spendierte die Rezi auch dem Fantasyguide. Er schreibt darin eigentlich schon alles, sodass ich mir diesmal eine eigene Rezi dort erspare und hier im Blog nur ein paar klitze Kleinigkeiten ergänzen will.

Was Dietmar Dath in 20 Seiten rausballert, nämlich intensive Figuren-Biographien, lässt Becky Chambers in der deutschen Übertragung von Karin Will, über 539 Seiten langsam in die Handlung einfließen. Dabei geht es »für praktisch alle Figuren auch ans Eingemachte«, wie Frank Böhmert schrieb.

Trotz einiger dunkler Momente ist der Flug der Wayfarer reinste Wohlfühl-SF. Jetzt nicht, weil alles superduper ist, sondern weil die Mischung für mich stimmt.

Becky Chambers erzählt sehr warmherzig. Man spürt ihre Liebe zur Science-Fiction, zu cooler Technik und fremdartigen Aliens samt ihrer Soziologie, die ja sonst viel zu oft außen vor bleibt. Ihr Weltenbau bietet Platz für Konflikte, Utopien und technische Voraussagen. Sogar Essen und (unkonventioneller) Sex kommen nicht zu kurz. Wohldosiert, ohne jegliche verklemmte oder pornographische Peinlichkeit.

Ein sehr entspanntes Büchlein.

Der Mann mit der Mundharmonika

Für den BuCon hatte ich mir den Erwerb zweier Bücher vorgenommen. Während das neue Werk von Frank Hebben leider doch nicht erhältlich war, konnte Felix Woitkowski stolz aus einem grünen Umweltbeutel heraus Exemplare seines zweiten Büchleins Rattensang verscherbeln.

Felix Woitkowski auf dem BuCon 2015

Felix Woitkowski auf dem BuCon 2015

Auch wenn er auf dem Foto etwas despektierlich wirkt, ist er ein furchtbar Netter.
Im Horror-Forum hatten vorab einige Mitglieder ihr Erscheinen angedroht und den Kaufwunsch geäußert und so zuckelte der Autor freudig durch den Bürgersaal und traf LeserInnen leibhaftig.

Felix im Gespräch mit Micha Schmidt

Felix im Gespräch mit Micha Schmidt. Im Vordergrund Molo und Markus Mäurer

Die Gelegenheit schamlos ausnutzend, holte ich mir auch ein Autogramm für sein Debüt Die Wanderdüne. Gefiel mir ja damals und ist auch der Grund, mich auf Rattensang zu freuen.

Nur echt mit grünem Utensil

Nur echt mit grünem Utensil

Es ist wieder recht dünn, noch dünner vielleicht, aber letztlich ähnlich schwergewichtig und damit nicht unbedingt etwas für jedermann. Grob gesagt geht es um eine Adaption der Sage vom Rattenfänger zu Hameln. Verlegt in den Wilden Westen und kombiniert mit Indianer-Legenden, und jeder Menge Phantastik-Elementen.

Man kann herrlich drüber nachdenken, was das alles zu bedeuten hat. Geht es um den Konflikt von Technik/Wissenschaft kontra Mystik/Glaube? Oder um den Widerstreit von männlichem und weiblichem Prinzip? Oder einfach nur um eine möglichst schräge Horror-Story?

Ich find’s erstaunlich, was Felix alles in das kleine Bändchen hineingestopft hat. Im Vorwort erwähnt er Sergio Leone, dessen Spiel mir das Lied vom Tod klar zu erkennen ist. Zu die Hinweisen auf Achim von Arnim hingegen kann ich leider gar nichts sagen, da ich von ihm nur weiß, dass er zu den Romantikern gehörte und seine Frau Bettina von Arnim, eine geborene Brentano war. Von ihr weiß ich ungleich mehr, da sie zu den schillerndsten Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts gehörte.

Rattensang, Cover: Gustave Doré und Felix Woitkowski

Rattensang, Cover: Gustave Doré und Felix Woitkowski

Rattensang ist ein Büchlein für inspirierende Stunden, in denen man versucht, herauszufinden, was wohl dahinter stecken könnte. Mir hat das großen Spaß gemacht.
Etwas ausführlichere Inhaltsspekulationen gibt es in der Rezension: Rattensang von Felix Woitkowski

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