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Und bist Du nicht willig, dann dicht’ ich!

Die Lektüre von Marion Alexa Müllers Die unterschätzte Kunst des Scheiterns und weitere Mysterien im Leben von Menschen und anderen Kleintieren hatte ich große Lust, sie wieder einmal live zu erleben und anstatt mir ein Politikdiskussion in einem aussterbenden Medium anzuschauen, besuchte ich also die Lesebühne Vision und Wahn im Periplaneta Literaturcafé.

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In der Bornholmer Straße

Die Lesebühne feierte das Erscheinen ihrer vierten Anthologie mit dem hübschen Namen Die Einsamkeit des Hurenkindes und fünf der darin vertretenen Künstlerinnen und Künstler gaben einen kleinen Einblick in das Wesen dieser literarischen Darreichungsform.

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Man zahlt, um zu gehen in die Künstlerkassenkanne ein

Thomas Manegold moderierte den bunten Abend mit präsenter Lässigkeit und eröffnete ihn mit der Präambel des Hurenkindes, in der es um das tragische Schicksal eines Hardcovers ging, und erklärte auch für alle Satzfehlerunwissenden, worin der Charme eines Hurenkindes läge.

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Hackerversteher Tom

Tom durfte dann auch in seiner Anmoderation von DerJesko auf den hübschen Artikel im Künstlernamen von Jesko Habert hinweisen, der uns sodann eine Kostprobe seiner Slampoetry bot.

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DerJesko

Im Anschluss kredenzte Marry dann tatsächlich einen Text aus Die unterschätzte Kunst des Scheiterns und weitere Mysterien im Leben von Menschen und anderen Kleintieren, der quasi einem Schwein gewidmet ist und natürlich gewohnt böse endet. Übrigens merkte sie an, dass man ihrem Text ein Hurenkind versagte. Wer hat da wieder nicht aufgepasst?

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Nicht mal ein klitzekleines Hurenkindlein für die Cheffin

Als Stimmungsaufheller angekündigt, berichtete Robert Rescue knochentrocken aus dem Alltag einer verschwundenen Kulturinstitution, der DVD-Theke.

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Robert Rescue lieh sich einst DVDs

In die Pause säuselte uns wieder einmal Josias Ender, dessen zweite EP nun endlich erhältlich ist.

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Zurück aus den Wäldern – Josias Ender

Voller Neugierde stürzte ich mich, kaum dass die Tore wieder offenstanden, auf Robert Rescue, da ich mir Neuigkeiten zum Intimitätendieb 2 erhoffte. Jedoch steht das nun nicht auf seiner Projektliste ganz oben. Zunächst wird im Herbst ein weiterer Band mit skurrilen Wedding-Geschichten erscheinen. Aber der Phantastik bleibt er hold verbunden und arbeitet auch schon an einem neuen Roman. Thema wird eine komplizierte Art der Unsterblichkeit sein. Sein Hauptfokus liegt aber auf einer Reihe Geschichten um einen phantastischen Ermittler mit Technologiebezug. Die erste Episode wird es wahrscheinlich zur nächsten Drachenfliege Fantasynacht am 28.10.2017 geben und ich hoffe sehr, dass ich diesen Termin mal nicht verpasse.

Marry brach gleich nach der Pause eine feine Lanze für die Lyrik. Sadismus in der Buchbranche erschien bereits auf ihrem Blog und ich finde ihren Kampf für die Verbreitung von Lyrikbändchen heldenhaft, mutig und unbedingt fortführenswert. Ich hätte da auch noch ein paar hundert Gedichte …

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Muse Marry

DerJesko erdete uns danach aber nicht, sondern entführte uns erneut in seine Welt entschwindender Regentropfen. Um das nochmal nachlesen zu können, lohnt sich der Kauf der Einsamkeit des Hurenkindes unbedingt, auch wenn solch Text in der ganz besonderen Vortragsweise, die immer wieder in einen schnellen Rap rutscht, auf jeden Fall ein Erlebnis ist.

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Elogien mit Beat – DerJesko

Sarah Strehle fing vor einigen Jahren als Praktikantin bei Periplaneta an und wünschte sich einen Job als Lektorin. Da man aber bei Periplaneta unbedingt auch schreiben muss, stand sie bald selbst auf der Bühne. Nun präsentierte sie uns ihren allerersten Text und der war ein todtrauriges Mahnmal gegen Gewalt.

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Leg Dich nie mit der Lektorin an: Sarah Strehle

Nach  dieser harten Story irritierte Tom sein Publikum kurz, als er sich über den letzten Tatort verwundert zeigte, der sich erst nach einer Stunde als TV-Duell zu erkennen gab. Passender Weise trug er denn auch einen Text vor, der zur letzten Bundestagswahl entstanden war und sich zu seinem Grauen mit wenigen Änderungen aktualisieren ließ. Toms Ärger wurde mit jeder Zeile deutlicher.

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Wahltag ist immer noch Zahltag

Tja, er hat schon Recht, am Wahltag versenken wir unsere Stimme in einer Urne. Wenn das kein trübes Bild ist. Übrigens gab Tom auch eine Empfehlung zum Flughafen Tegel ab. Oder auch nicht.

Klar, dass nun Robert Rescue gefragt war. Mit radikaler Freundlichkeit erfüllte er sein Amt und brachte die Helligkeit zurück. Natürlich sind seine bangen Air-Berlin-Ängste auch eher tragischer Natur, aber eben sehr erhellend.

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Hätte gern Schokoherzen gehortet.

Dann war auch schon wieder Zeit, dass Josias uns federleicht in die Nacht entließ.

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Der sanfte Ausklang des Abends

Zwischen Hustenbonbons, Hirnkuchen und Bier passt immer auch noch Literatur. Das Ergebnis sind Visionen und Wahn. Eine phantastische Mischung! Das Periplaneta-Jubiläumsjahr ist aber noch nicht zu Ende: Am 15.09. wird das Zehnjährige gehörig gefeiert und wer das Buch zum Bier zu schätzen weiß, sollte vorbeischauen!

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Am Ende des Gemetzels sollst du ihn lieben

Ann Leckie weilte gestern im Otherland und da ich schon fast auf dem Flug in den Süden bin, hier nur ganz kurz ein kleiner Bericht mit ein paar Bilderlein.

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Wolfgang Tress, Simon Weinert und Ann Leckie

Wolfgang und Simon waren stolz wie Bolle, Ann Leckie in ihrer proppevollen Buchhandlung begrüßen zu dürfen. Ann kam via München aus Spanien und zeigte sich vom Wetter unbeeindruckt.

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Ann Leckie

Sie ist eine sehr freundliche, offene Frau mit klaren Worten und feiner Selbstironie, die gern lacht.

Aus ihrem jüngsten Buch las sie nicht vor, das entsprechende Kapitel war wohl zu lang, dafür gab es einen witzigen Auszug aus Band Drei ihrer Imperial Radch Trilogie, in der es um Translator-Identifikationsprobleme ging. Das las Ann mehr als passabel und schlussendlich überzeugte sie mich, die Trilogie nun doch noch komplett zu lesen.

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Ann las aus »Ancillary Mercy«

Der Frageteil hatte es in sich. Neben Fragen zum Schreiben, Lieblingsfiguren und Erfolgskonzepten ging es auch um die Genderproblematik. Passenderweise befand sich ihr deutscher Übersetzer Bernhard Kempen im Publikum, sodass es hier kompetente Auskünfte gab.

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Bernhard Kempen

Sehr spannend fand ich ihre Anekdote um die dramatische Tempelszene, deren Bedeutung für die Liebesgeschichte definitiv davon abhängt, an welcher Stelle sie sich im Roman befindet. Zum Glück war sie durch ein Hinweis während des Probelesens vorgewarnt und konnte dem Lektor ausreden, diese Szene an den Anfang des Romans zu stellen.

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Margaret Atwood und Ian M. Banks schauten ihr über die Schulter

Es war ein wunderbarer Abend und ich ließ mir mein Exemplar von Die Maschinen nicht nur von Ann sondern auch von Bernhard signieren.

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Ann beim Signieren

Die Crew des Otherlands ist einfach großartig im Organisieren sensationeller Buch-Events. Morgen, wenn Marko Kloos wieder einmal dort aufschlägt, bin ich aber bereits außer Landes.

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Bernhard kam auch nicht drumherum

Der Fluch lokaler Feiertage

Die Literatur kennt keine Sommerlöcher und erst Recht nicht die Kunstgemeinde in Second Life.
Dort fand am Sonntag wieder einmal eine feine Lesung statt: Jens Gehres entführte uns in die Ætherwelt, einem Steampunkuniversum, von Anja Bagus kreiert und inzwischen von einer ganzen Reihe Autorinnen und Autoren mit Stories bereichert.
Jens las Reinigendes Feuer, bereits seine dritte Kurzgeschichte im Ætheruniversum. Seine allererste überhaupt veröffentlichte Story findet sich übrigens in der ersten Ætheranthologie, Ætherseelen. Alle Geschichten sind aber abgeschlossen und unabhängig voneinander lesbar.

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Das Anwesen derer von Wolfenberg

Jens begann schon in der Schule zu schreiben und interessierte sich für Steampunk. Die Ætherwelt von Anja Bagus lernte er 2014 kennengelernt. Seine Frau konnte sich dafür sofort begeistern, er erst später. Danach traf er Anja auf einem Con und eine Freundschaft begann.
Bald darauf beteiligte er sich an einer Halloween-Ausschreibung von Anja und fand damit zurück zum Schreiben. Inzwischen gibt es drei Kurzgeschichten, die zusammen etwa knapp 40 DIN A4 Seiten füllen. Ein SF-Roman, den er im NaNoWriMo geschrieben hat, befindet sich derzeit in der Überarbeitung.
Als erfahrener Vorleser – er liest seinen beiden Kindern seit acht Jahren täglich vor – bestritt er die Lesung komplett alleine – und überzog gnadenlos!

Die fulminante Ætherpunkkulisse stammte erneut von Barlok Barbosa. Thorsten Küper schwärmte bereits seit Wochen allerorten vom wunderschönen Auto für die Herrschaften vom Amt für Ætherangelegenheiten.

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Das Æthermobil

Die Lesung wurde erstmals live auf Youtube gestreamt, man hätte also auch ohne SL-Account dabei sein können.
Es waren 15 Avatare eingeloggt. Vorab setzte sich Barlok an den Flügel und klimperte ein paar stimmungsvolle Melodien, während die wie immer bezaubernd anzusehende ClaireDiLuna Chevalier dazu tanzte.

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Barlok und ClaireDiLuna

Jens betonte zu Beginn der Lesung, dass das herrliche Bühnenbild in der Tat alles aufweise, was in der Handlung seiner Geschichte vorkommen werde. Die Uniform seines Avatars etwa passt zur Hauptfigur, Baron von Wolfenberg, einem Kavallerieoffizier. Er wohnt im Herrenhaus eines Gestütes, welches Pferde für die badische Armee züchtet.

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Links sitzt der fleißige Kameramann, in der Mitte als Baron, Autor  Jens Gehres und rechts der Kueperpunk

Handlungszeitpunkt ist die Walpurgisnacht von 1913. Dem Baron wird der Besuch des Amtes für Ætherangelegenheiten angekündigt, die sich mit den Gerüchten über den angeblichen Tod der Gattin des Barons, Ilse, befasst.
Die starb tatsächlich, vergiftet von der Schwägerin des Barons in der Nacht ihrer Niederkunft, doch der liebende Gemahl trug den leblosen Körper seiner Frau in die vom Æther verseuchten Auen seines Anwesens. Am Morgen kehrte sie als Veränderte zurück …

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Das grüne Leuchten weist den Weg zum Æther

Die Geschichte entwickelt sich schnell zu einer atemlosen Geisterjagd, bei der Kenntnisse um die Besonderheiten von Maifeuer eine besondere Bedeutung gewinnen. Die Reaktionen waren euphorisch, ich glaube, dass es allen Lauschenden großen Spaß machte.

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Im Rauchsalon fand sich eine illustre Gesellschaft zusammen

Jens arbeitet gerade an Beiträgen für zwei SF-Anthologien, darunter zum Thema Reiseziel Utopia für die Phanta-News. Treffen kann man ihn als Nächstes beim FaRK vom 25.-28.08.2017. Wer also dort ist, kann ihn ja mal in Sachen Ætherangelegenheiten ansprechen.

Geburten lupfen Spaß

Wenn ich’s richtig geschoben und gedeutet habe, ist der heutige Blogtitel ein Anagramm von: Lesung Bert Papenfuß

Der Gute weilte am siebten Dezember im Literarischen Colloquium und stellte dort sein neuestes Werk vor: Seifensieder. Angewandte Schrunst für eingewiesene Ausgeweihte

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Verleger Ulf Stolterfoht hält das Buch hier hoch

In meiner Jugend kam man um Texte von Bert Papenfuß-Gorek, wie er sich damals nannte, nicht herum. Zu meinem 19. Geburtstag bekam ich den frisch erschienen Band dreizehntanz geschenkt, einer der großartigen Bände aus Gerhard Wolfs Außer der Reihe.
Ich war bei der Asche und dieses Buch war ein kultureller Lichtstrahl in der menschenverachtenden Ödnis der Armee.
Mir ist auch so, als ob ich Bert Papenfuß bei einer Lesung im Majakowskiring bereits Anfang der 90er live erlebte, aber von jenem Abend ist mir nur Johannes Jansen im Gedächtnis geblieben.

Daher gab es keine große Frage, dass ich nach Wannsee gondeln würde, als ich in der LCB-Programmvorschau den Namen las. Lustigerweise erfuhr ich dann, dass Bert Papenfuß all die Jahre als Clubbesitzer greifbar gewesen ist und ich ihn mühelos schon früher mal hätte erleben können. Aber es gibt so viele Dinge, die man nicht tat und jammern hilft da nicht, zumal ich ja nun da war.

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Bert Papenfuß ist ein Stavenhagener Kindl, das berlinert

In der Tat sieht Bert Papenfuß ziemlich urig aus und er geht problemlos als Kneipier einer gechillten Berliner Eckkneipe durch. Dennoch blitzt aus seinen Augen neben nachdenklicher Lässigkeit auch großer Schalk. Man kann ihn sich vorstellen, wie er mit großer Freude Buchstaben und Worte hin und herschiebt, um seine mit Anagrammen vollgestopften Texte zu verfassen. Anagrammatische Lyrik und es klingt auch noch cool dabei.

Im Seifensieder gibt es mehrere Seiten mit weißen Texten auf schwarzem Grund, wo die Buchstaben wie Runen aussehen und sich die Zeilen zu Bildern winden – großartige T-Shirt-Motive und es klang durchaus danach, als ob Bert Papenfuß fest plant, welche bedrucken zu lassen. Ehrlich, coole schwarze T-Shirts in Übergröße kann ich immer gebrauchen.

Als Gesprächspartner diente Verleger und Autor Ulf Stolterfoht, mir gänzlich unbekannt, aber das Motto seines Verlages find ich sehr sympathisch:

Schwierige Lyrik zu einem sehr hohen Preis – dann ist es BRUETERICH PRESS!

Einen Zwanziger muss man dort pro Band bezahlen, im Abo 15 blankgeputzte Euronen.

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Ulf Stolterfoht und Bert Papenfuß

Zwar las Bert Papenfuß auch einige Texte vor, aber im Zentrum stand ein Gespräch über die Lyrik. Über die Anfänge in der DDR, die Förderung durch Karl Mickel und die Bedeutung von literarischen Vorbildern. Das war sehr interessant, zumal ich vorher im Seifensieder einige autobiographische Passagen gelesen hatte, die sich ebenfalls mit dem literarischen Untergrund der DDR befassten. Man vergisst das ja viel zu schnell, wie lyrisch jene Jahre waren. Literarische Texte hatten Bedeutung, wurden herumgereicht und mit Emotionen, Bedeutungen, Hoffnungen aufgeladen.
Ulf Stolterfoht ergänzte die westdeutsche und vor allem auch die Wiener Sicht auf jene Zeit und jubelte mir ganz nebenbei noch einen dringenden Buchwunsch unter.

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Vor der Zigarette kommt das Signieren

Abenteuerlich wurde dann noch die Heimfahrt und Abenteuer in Berlin haben natürlich mit der S-Bahn zu tun. Auf meiner Fahrverbindungs-App konnte ich beobachten, während ich mich immer weiter nach Osten bewegte, wie ein Anschlusszug nach dem anderen gestrichen wurde. Es war so, als ob man versucht, nach einem Eiseinbruch wieder aus dem Wasser zu kommen und die Schollen am Rand immer weiter abbrechen.
So strandete ich in Schweineöde und nur die Liebe rettete mich aus der Wildnis.

Ich bin ja dafür, dass das LCB umzieht. 😀

Vergiss die Bücher nicht im Kampf

Gestern Abend stellte Volker Braun im Literarischen Colloquium am Wannsee seinen neuen Gedichtband Handbibliothek der Unbehausten vor. Der Titel spielt auf eine Buchsammlung an, die er auf der Puerta del Sol in Madrid sah, als dort protestiert wurde.

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Als Gesprächspartnerin saß ihm Katharina Schultens zur Seite. Sie zitierte in der kurzen Vorstellung auch jenen Satz aus dem Klappentext, der mich tief beeindruckte, da er mir aus dem Herzen spricht:

»Gedichte sind der Kern der Arbeit, das beiläufige Eigentliche.«

Auch wenn ich nicht von Arbeit sprechen würde, aber ja: Gedichte sind immer der Kern. Mal Kondensat, mal universale Erklärungswolke.

Volker Braun habe ich vorher noch nie live erlebt. Ein paar Gedichte gelesen, in Hinze- Kunze reingeschnuppert, irgendwelche Prosa vielleicht, 88/89 prasselten viele Texte der großen Stimmen auf mich jugendlichen Schwamm und nur ganz wenige quellen bis heute.

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Volker Braun während der Lesung

Aber der Name Brauns gehört zur Melange an Dichtung, aus der ich hervorsprudelte und also war ich sehr gespannt auf den nun doch schon etwas älteren Dichter.

Das Alter merkt man eigentlich nur in der Bedachtsamkeit mit der er Gedanken zu Worten formt, wobei das natürlich schon immer seine Art gewesen sein kann. Zumindest erscheint das altersweise. Er liest seine Texte mit wesentlich mehr Verschmitztheit und schalkhaftem Unterton als ich sie unbedarft darin gefunden habe. Viel mehr Zorn und Wut steckte ich hinein. Man bringt sich immer selbst in Lyrik ein.

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Katharina Schultens und Volker Braun im Gespräch

Das liegt auch daran, dass Brauns Gedichte aktuell in Ton und Themen sind. Er verbirgt sie nicht in Symbolen sondern findet klare und trotzdem kunstvolle Bilder. Er ist deutlich politisch, aber weder appellierend, noch missionarisch oder Urteile verteilend.

Sie stecken eher voller Beobachtungen, denen er unaufgeregte Blicke vorausschickte. Und er stellt Fragen.

Was mich sehr überraschte ist die große Gegenwärtigkeit. Der Mann hängt nicht in einer Vergangenheit fest, nicht in einem Lebensalter, nicht in einer Ideologie. Er schreibt über Twitter wie über das Wetter und die neuen Stürme sind dabei nicht weniger bemerkenswert.

»Die Kinder tuschen Zeichen in der Weltsprache.

Das Jahr der Wandlungen hat erst begonnen.«

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Volker Braun signierte natürlich auch und strich seinen gedruckten Namen durch, einmal reicht, meinte er

Ein wunderbarer Abend über Lyrik, über uns – ich bin froh, dass ich meinen inneren Schweinehund überwand und mich im herbstkalten Geniesel nach Wannsee aufmachte.

Das Zucken des Schnauzbarts

Humor ist eine schwierige Sache. Gerade als Berliner stoße ich da immer wieder auf Probleme. Mach ich Witze, versteht sie niemand und mit einem Großteil von Witzen etwa aus Fernsehsendungen verbinde ich Qualen. Ja, auch mit Mario Barth.

Deshalb lese ich auch eher weniger Satiren und mir ist es tatsächlich lieber, wenn ich die scherzhaft Schreibenden einmal live erlebt habe. Nur so etwa konnte ich Zugang zu den Texten von Uwe Post finden, der inzwischen so etwas wie der SF-Satire-Superstar ist. Ich kauf alles von ihm und les das dann auch.

Hingegen lasse ich Bücher von normalen SatirikerInnen elegant links liegen. Außer sie schreiben einen Science Fiction Roman.

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Alles außer irdisch von Horst Evers

Aufmerksam wurde ich auf Alles außer irdisch von Horst Evers durch eine Sendung bei Radio Eins. Dort hörte ich Evers aus dem Roman vorlesen und wusste sofort, das Buch brauch ich.

Gekauft hab ichs dann aber erst, als sich mir durch Zufall die Gelegenheit eines Lesungsbesuchs bot und ich schaffte es auch fast, das Buch bis dahin auszulesen.

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Horst Evers

Aber er las dann gestern doch ganz andere Texte. Was nicht verwunderte, denn die Lesung hatte der Freundeskreis des Bethel-Hospiz in Lichtenberg organisiert.

Dort starb Weihnachten 2014 mein Vater und zusammen mit meiner Mutter besuchen wir seither hin und wieder die angebotenen Veranstaltungen, wie etwa die Lesung von Abini Zöllner, über die dann auch die gestrige Lesung vermittelt wurde.

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In der Danksagung zu Alles außer irdisch steht sie als Expertin für korrektes Berlinern drin und selbstverständlich fand sie sich gestern unter den begeisterten ZuhöreInnen.

Der Saal war gerappelt voll, ein wunderbare Erfolg für die Stiftung und ich hoffe, es kamen auch entsprechend Spenden zusammen. Horst Evers jedenfalls gab sein Bestes und unterhielt das Publikum mit pointierten Texten. In der Tat ein sehr witzige Angelegenheit. Die Kurzform scheint er perfekt zu beherrschen. Im Roman spürt man diese Szenenorientiertheit und vor allem das etwas lockere Verknüpfen der Gags.

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Natürlich holte ich mir eine Signatur!

Der Roman bleibt zwar trotzdem sehr amüsant, stottert aber manchmal. Ich vermute, dass die entsprechenden Stellen für jede oder jeden woanders liegen werden.

Auf jeden Fall scheint Horst Evers ein großer SF-Fan zu sein und konnte das jetzt endlich einmal so richtig ausleben. Ein paar Sätze mehr gibt es in meiner Rezi: Alles außer irdisch von Horst Evers

Und das Zucken des Schnauzbarts? Lasst euch am besten nichts anmerken, wenn ihr einmal in eine Polizeikontrolle geratet und stimmliche Erscheinung nicht zur Körperlichkeit passen. BauchrednerInnen sind in der Polizei selten, meint Horst Evers und ich glaub ihm das jetzt einfach einmal.

Falt dich raus!

Ich hatte ja schon versprochen, etwas ausführlicher über die wunderbare Lesung von Karla Schmidt und Niklas Peinecke im Otherland zu berichten.

Als Niklas vor zwei Jahren mit seinem ersten D9E-Band in Berlin weilte, konnte ich leider nicht, drum freute ich mich schon riesig auf die Lesung.

Karla hatte ich bereits im Publikum einer Lesung im Brechthaus kennengelernt und als Bruder von Otherlander Jakob Schmidt sah ich sie dann immer mal wieder, aber bis zur Lektüre von Ein neuer Himmel für Kana kannte ich nur ihre SF-Kurzgeschichten.

René und ich waren wie immer zu früh, so hieß es kurz im warmen Kreuzberger Maisonnenschein warten.

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Der Lässige: René

Als wir hinein durften, folgten wir quasi Karla auf dem Fuß und erlebten stürmische Nichtenumarmungen mit, als Karlas Töchter ihren Onkel begrüßten. Die nächste Generation liest Kai Meyer und verfügt bereits über große Lektoratsmacht, wie Karla später preisgab.

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Der großartige Onkel: Jakob Schmidt

Zunächst aber musste ich Bücher kaufen, ich war ja im Otherland! Zur Vorbereitung auf die nächste Lesung erwarb ich von Horst Evers Alles außer irdisch und wie schon befürchtet, lag die neue Nova noch nicht vor. Aber auf das Magazin kann ich auch noch länger warten, ist ja nicht so, dass es mir an Lektüre mangelt.

Fabian verpflichtete derweil Karla und Niklas für das geplante Otherland-Video-Portal. Durch Fotoknipserei abgelenkt, bekam ich die Titel nicht mit, aber bestimmt waren es Baxter, McDonald oder Ericson, was gutes halt.

Vor der Lesung konnten wir noch kurz quatschen und Niklas erwies sich als Netter.

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Der Nette: Niklas Peinecke

Vielleicht aber auch nur, weil er Kopfschmerzen hatte und Mittelchen nehmen musste.

Nein. Der Mann ist wirklich so und sieht zudem 15 Jahre jünger aus. Erstaunlich, wie das Leben in der Provinz verjüngt. Aber gegen Karla kann er natürlich nur verlieren. Deshalb war sein Band # 10 auch erst Wochen nach Karlas # 11 fertig. Perfekte Übergänge bekommt man so natürlich viel besser hin. Karla benötigte aber auch nur drei Wochen für die Rohfassung. Es gibt eben auch disziplinierte Musterexemplare unter den Schreibenden.

 

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Die Perfekte: Karla Schmidt (dahinter übrigens Future Fooder Yip)

Bis dato kannte ich aber auch nur Karlas Roman, vor Niklas Beitrag hatte ich große Scheu, weil ich mit seinen ersten beiden D9E-Beiträgen unzufrieden war. Inzwischen hab ich das aber nachgeholt und Die Sonne der Seelen führt nicht nur diverse Handlungsbögen zu Ende, das Buch löst auch einige Versprechen ein. Der Niklas kann das also auch. 😀

Jedenfalls konnte beide in ihren Lesungen einen Eindruck ihrer Romane vermitteln und in der anschließenden Fragerunde wurden ne Menge(r) Räume gefaltet, Elfchen gebraten und Vielfache von Neun verworfen. Etwas ausführlicher hab ich das in meinem Bericht für den Fantasyguide wiedergegeben.

Anschließend gings noch in die bekannte Kneipe um die Ecke, deren Namen ich immer vergesse und weil’s Freitagabend war, drängte auch der Heimweg nicht so.

Jedoch hatten BVG und Bahn andere Pläne mit unserer Fahrt in die Peripherie, denn als wir auf dem Ringbahnsteig in Neukölln standen, fuhr gar keine Ringbahn. Die konfuse Ausschilderung des Ersatzverkehrs trieb uns in die Arme eines Taxi-Unternehmens. Fahren wir bis Adlershof und nehmen den Bus, planten wir froh. Naja, vielen Dank an meine Liebste, die uns dann da aufgabelte. So schee wirds nur mit BVG.

Aber was tut man nicht alles für einen phantastischen Abend mit Kultur und netten Leuten!

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