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Neue Rezi und neue Lektüre

Nach der doch recht anstrengenden Leküre von Reinhard Jirgls Nichts von euch auf Erden wandte ich mich eher leichterer Kost zu.

Meine Redaktionskollegin Christel Scheja vom Fantasyguide bat mich, die Anthologie Mit Feder und Klinge zu rezensieren. Das Büchlein las sich so flott weg, dass die Rezi auch schon fertig ist.

Mein Fazit:
Sieben Autorinnen führen durch ganz unterschiedliche Fantasywelten. Von klassisch, über modern bis hin zur grotesken Satire bietet »Mit Klinge und Feder« in erster Linie angenehme Unterhaltung, ohne viel Gewalt aber tatsächlich mit jeder Menge Herzblut.

Hier der Link zur kompletten Rezension: »Mit Klinge und Feder«.

Und schwups griff ich mir von meinem SUB das nächste Buch: Die Zukunft des Mars von Georg Klein. Der Mann ist unter anderem Preisträger des von mir nicht so geschätzten Bachmannpreises. Aufmerksam wurde ich auf das Buch durch eine Besprechung in der Berliner Zeitung.

Es ist Freitag!

Ja, Freitag ist toll. Fast Wochenende und die Arbeitswoche entschwindet.
:yes:

Gestern habe ich Reinhard Jirgls »Nichts von euch auf Erden« beendet. Die Rezi dazu folgt demnächst. Auf jeden Fall ist das Buch ein ziemlich guter Science-Fiction Roman geworden. Es gibt viele gute Ideen, krasse Beschreibungen und Szenen, die durch die eigenwillige Schriftcodierung besondere Kraft entfalten und es endet hochphilosophisch, ganz im Stil klassischer SF-Utopien.

Auch mit meinem Saramee-Roman »Schwingen« kam ich voran. Aber ist nicht leicht, über ein sechsjähriges Mädchen zu schreiben, dass sich in der Gewalt eines irren Massenmörders befindet. Zwar gibt es keine physische Gewalt, aber nahe geht mir das Schicksal von Lele schon.
Jedenfalls bin ich bei 20.000 Anschlägen und hab somit die ersten zehn Prozent geschafft. Hoffentlich hänge ich jetzt in diesem Kapitel nicht zu lange.

Das Wochenende wird mich bei schönem Wetter im Garten sehn, da gibts noch viel zu tun und Sonntag ist dann Bundestagswahl. Ich werde wieder die Piraten wählen. Die haben zwar in letzter Zeit mehr mit sich selbst zu tun gehabt, aber als Alternative zu den satten Marionetten sind sie mir immer am sympatischsten. Und der Direktkandidat bei uns, Volker Schröder, kann auch gut grinsen. Noch. :>>

Pirat Volker Schröder

Wo laufen sie denn?

Ein Problem, das sowohl LeserInnen als auch AutorInnen von Genreliteratur haben, heißt Zielgruppe.

Man ist es ja inzwischen gewohnt, dass Science-Fiction kaum noch so benannt wird und man sehr sorgfältig die Neuveröffentlichungen beobachten muss, will man nichts aus dem Lieblingsgenre verpassen. Gerade die großen deutschen Verlage meiden das Stigma SF.
Oft stolpert die SF-Gemeinde eher zufällig über solche Veröffentlichungen, denn offenbar sieht man sie gar nicht als Zielgruppe.

Als Juli Zeh die Nominierung ihres SF-Romans Corpus Delicti für den Kurd-Laßwitz-Preis ablehnte, begründete sie das damit, dass sie ihren Roman nicht als SF sähe.
Das ist ihr gutes Recht, aber es stellt sich die Frage, für wen schrieb sie ihren Roman? Warum wählte sie explizit ein Zukunftsszenario um ihre Geschichte zu erzählen, wenn sie dann doch irgendwie Scheu davor hat?
SF-Fans lesen Bücher mit Zukunftsszenarien. Das ist quasi ein Teil ihrer Definition des Genres. Sie sind automatisch die Zielgruppe solcher Bücher.

Ein ähnliches Auseinanderdriften lässt sich bei Nichts von euch auf Erden von Reinhard Jirgl feststellen – meiner aktuellen Lektüre.
Der Roman wurde im Feuilleton besprochen, der Verlag hat offensichtlich ganz normale Pressearbeit betrieben, aber eben nicht in der genuinen Zielgruppe. Warum?

Das Buch selbst ist, ich hab davon berichtet, in einer Sprache geschrieben, DurchschnittsleserInnen ausschließt. Trotz der Verwendung interessanter SF-Themen und Topoi scheint sich der Roman an jemand anderes zu wenden. Nun braucht Kunst keine Adressaten, es ist also eigentlich sinnlos zu hinterfragen, warum Jirgl SF nicht für normale SF-Fans schrieb. Hätte er die Geschichte in gebräuchlichen Worten erzählt, wäre es immer noch ein grandioser SF-Roman geworden.
So aber engt sich Leserschaft dramatisch ein. Das Buch verschwindet aus der Wahrnehmung der SF-Gemeinde und schlägt auf im Westentaschenuniversum deutscher Hochliteratur.

Das wird dem Hanser Verlag klar gewesen sein. Und so landet ein prallvolles Füllhorn moderner SF im germanistischen Archiv und wird zur Fußnote in der Geschichte der Deutschen Science Fiction: Jirgl, Reinhard – schrieb auch mal einen SF-Roman.

Und das macht mich traurig. Wahrscheinlich liegt es am Herbst.

Gedanken zur Schriftcodierung bei Reinhard Jirgl

Während der Text mal flüssig, mal träge durch meinen Kopf rauscht, kamen mir einige Überlegungen zur Schriftcodierung in Reinhard Jirgls Nichts von euch auf Erden:

ent-2 brechen
jeder für=sich-all-1
werde im Haus der Sorge 1 Reparaturantrag stellen

1 und 2 nicht auszuschreiben, stört mich beim Lesen sehr, gerade wenn es gebeugte Formen von ein oder zwei ersetzen soll. Diese Ersetzung ist auch nicht konsequent durchgezogen. Ich habe mich aber auch nicht bemüht, ein System darin zu suchen. Vielleicht gibt es das.

?Welche Schlußfolgerungen hat !er daraus ableiten können.

Ausrufezeichen vor einem Wort verwirren mich hin und wieder. Ganz besonders, da ich als Programmierer gewohnt bin, dies als Negation zu lesen.
Gerade hier, wo ich automatischen eine logische Und-Verknüpfung las:

Daraus – !erstaunlich – erwuchsen !echte Reichtümer & !wirklicher Gewinn.

Aber Jirgl mach das auch mit Fragezeichen und dadurch entsteht schon eine zusätzliche Betonung von einzelnen Wörtern. Eigentlich eine nützliche Maskierung. Könnte ich mir in eigenen Gedichten durchaus als Mittel vorstellen. An manchen Stellen wirkt es aber auch albern, da man das Bedeutungsschwangere mit dem Dampfhammer in die Augen getrieben bekommt:

bilden den absoluten !Sonderfall, die !1malige !Ausnahme;

auf=Erden

Die Gleichheitszeichen sind meiner Meinung nach fast immer irrelevant. Man könnte sich damit beschäftigen und jedesmal über die Sinnaufladung nachgrübeln, aber zum einen gibts einfach zu viele Gleichheitszeichen und zum anderen will ich einen Roman lesen und kein Gedicht.

–Möcht er hören, was Damals geschah.

Die wörtliche Rede durch Anstriche und nicht durch Guillemets zu maskieren ist wohl Exzentrik. Bringt dem Text keinen Hinzugewinn.

Be=Geisterung

Sehr interessant und nützlich sind Zusammenschreibungen bzw. Trennungen von Wörtern, die dadurch neue oder exaktere Bedeutungen erhalten. Warum da im Beispiel ein Gleichheitszeichen ist, weiß ich auch nicht.

Es gibt auch einige lautmalerische Schreibweisen, die mich als Lyriker begeistern:

Keineruh fand ich damals, Keinenschlaf – ich grübelte, ?wie !herauskommen aus dieser Phalle…..

Das hat schon etwas.

Daraufhin nehme ich an seiner Seite Platz*.

Das Sternchen konnte ich noch nicht zuordnen. Muss ich mir eine Anmerkung denken? Das Wort Stern? Oder Asterisk?

Da ich als Lyriker gewohnt bin, Stilmittel nicht zu überstrapazieren, neige ich aber dazu, Jirgls Schriftcodierung nur mittelprächtig zu finden. Mir reichte es durchaus, wenn ich eine Wortidee einmal vorgesetzt bekäme. Ich erwische mich dabei, wie ich den Wort- und Zeichenzauber einfach überlese um die Handlung aufzuspüren.

Das Problem mit der Codierung

Erwartungsgemäß erweist sich die Lektüre von Reinhard Jirgls Nichts von euch auf Erden als große Herausforderung.
Ich bin jetzt auf Seite 68. Es gibt inzwischen einen Protagonisten, der zusammen mit anderen Erdlingen auf die Ankunft der Marskolonisten wartet. In dieser Wartezeit zeigt ihm ein älterer Bekannter eine historische Aufnahme, die ein Paar dabei begleitet, wie sie zur Ausreise auf den Mars in immer schlimmeren Verhältnissen reisen müssen bis es einer Deportation in ein KZ gleicht.
In dieser Szene kann Jirgls Schriftcodierung seine volle Wucht entfalten. Hier erweitern die Gleichheitszeichen und Zusammensetzungen das Beschriebene, geben ihr lyrische Vielfältigkeit. Es gibt eine breitere Erfahrung des Gehetztwerdens, der Symbolträchtigkeit jeder Nuance der Handlung. Das ist fesselnd und atemberaubend.
Fatal jedoch ist der Gebrauch von Überlappungen und Doppelbelegungen in den rein reflexiven Wartedialogen. Ich habe das Gefühl, bereits verstanden zu haben, was Jirgl sagen will, aber sicherheitshalber walzt er es Seite um Seite aus und verfällt in Geschwafel. Das wird umso ermüdender, je weniger passiert. Wenn man große Gedanken nicht klar ausdrücken kann, werden sie unhörbar. So zumindest geht es mir.
Klar, es kann auch an meinem Intellekt liegen, dass sich mir der Reiz am Denkprozess nicht erschließt oder ich die Details und die Tiefe der Gedanken nicht honorieren kann. Vielleicht bin ich nicht Zielgruppe genug.
Aber ich frag mich schon, ob Jirgl hier seinen Roman an einer Stelle überfrachtet, die Klarheit gebraucht hätte. Oder Straffung. Literarische Mittel erzielen nicht überall die gleiche Wirkung. Manchmal sind sie kontraproduktiv.

Neue Lektüre: Reinhard Jirgl – Nichts von euch auf Erden

Reinhard Jirgl begegnete mir in Buchform das erste Mal in der von Gerhard Wolf herausgegeben Buchserie Außer der Reihe mit dem Mutter Vater Roman.
Als Lyriker fand ich Jirgls Schriftcode immer faszinierend, da ich jedoch kein Fan deutscher Gegenwartsliteratur bin, blieb mir Jirgl nicht im Lesefokus.
Nun jedoch erschien mit Nichts von euch auf Erden ein Roman, der Science Fiction zu sein scheint und da ich seit Kurzem in der Jury zum Deutschen Science Fiction Preis sitze, lag es nahe, mir das Buch als Rezensionsexemplar vom Verlag zu wünschen. Natürlich war ich damit zu spät, aber ich bekam eine pdf-Version und die lese ich nun.

Der Anfang stürmt auch gleich mit poetischer Wucht auf den Leser zu und lässt nur die übrig, die sich auf derartige Überlagerungen, Umdeutungen und Gegendenstrich-Kodierungen einlassen wollen.
Der zweite Teil des Prologs ist dann schon etwas konservativer. Eine wütende Utopie, ein umfangreicher Infodump, der offenbar den Background erklären soll. Durchaus mit netten Ideen, aber bisher las ich noch nichts, was mich vor Begeisterung jubeln lassen würde.

Aber warten wir es ab. Reinhard Jirgl hat, soweit ich suchte, keinen eigenen Internetauftritt. Schade.

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