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In langen Jahren erdacht, in wenigen Seiten zerstört

Phantastische Literatur lebt von dramatischen Konflikten. Oft werden hierfür die wunderbarsten Länder, Städte und Orte entworfen und dann zerstört. Im Blut des Krieges geschmiedet erheben sich Heldinnen und Helden und fahren am Ende den Sieg ein und in eine hoffnungsvolle Zukunft davon.

Die Kalion-Saga von Aleš Pickar, erschienen in der wunderbaren Edition Drachenfliege, macht hierbei keine Ausnahme. Im Gegenteil. Aleš Pickar legt bei seinem Weltenbau großen Wert auf Sprachen und Kultur, ganz in der Tradition von Meister Tolkien.

Bei ihm gibt es nicht nur die diversen Völker mit grundverschiedenen Lebensweisen, Sprachen und Traditionen, sie fußen auch auf einer wechselhaften Geschichte. Am deutlichsten wird das in der Gorkonai. Ein einst mächtiges Reich, dessen Armeen gefürchtet und dessen Wissenschaftler berühmt waren. Doch das hochentwickelte Land verdankte Reichtum und Fortschritt seinen Sklaven, die man aus einem benachbarten Reich stahl. Doch die versklavten Demenäer rebellierten und besiegten ihre Peiniger. Noch vor dem Beginn des ersten Bandes, Die lautlose Woge, ereignete sich dieser Herrschaftswechsel. Die Demenäer übernahmen das Land, besetzten Regierungsämter und führten Teile ihrer eigenen Kultur ein. Doch viele von ihnen sind in der Gorkonai geboren. Sie kennen die Kultur ihrer Sklavenhalter besser als die ihres Volkes – ein breites Spannungsfeld für einen neuen Staat. Hinzu kommt das Problem eines drohenden Krieges – immerhin befinden wir uns ja in einer Fantasy-Saga, in der es selten eine Chance auf eine ruhige Entwicklung gibt.

Den ersten Band las ich im Frühjahr recht zügig nach seinem Erscheinen, für den zweiten Band Die dunkle Wunde ließ ich mir etwas mehr Zeit, da mich epische Fantasy momentan nicht so reizt.

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Die dunkle Wunde von Aleš Pickar

Faszinierend an den Kalion-Bänden aber ist, dass Aleš Pickar eine Reihe ganz unterschiedlicher weibliche Figuren in den Mittelpunkt stellt. Da gibt es die unabhängige, impulsive Schwertmeisterin, eine verwöhnte Prinzessin die an einen fremden Königshof verheiratet wird, eine alte Intrigantin, die ihren Sohn auf den Thron des mächtigsten Reiches sehen will und über Leichen geht, eine Zofe auf der Flucht vor eben jener Intrigantin und eine junge Frau, die sich als Sprachrohr einer Göttin sieht.
Sie alle versuchen in einer Männerwelt zu überleben, leiden an ihr und weigern sich trotzdem, in einer Opferrolle gefangen zu sein. Das macht die Reihe in meinen Augen interessant, auch wenn die einzelnen Handlungsfäden selbst bisher auf den gewohnten Pfaden mittelalterlicher Fantasy wandern. Zwar enthält Band 2 eine coole Idee für etwas Phantastisches, das sich in der Welt ereignen kann, übrigens wieder verbunden mit einer faszinierenden Frauenfigur, aber noch handelt es sich eher um ein Magiemomentchen als um einen essentiellen Bestandteil des Weltenbaues.

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Aleš Pickar liest aus dem ersten Kalion-Band am 20.05.2017

Ich bin gespannt, wie sich die Reihe weiter entwickelt.

Meine Rezi findet sich wie gewohnt im Fantasyguide: Die dunkle Wunde von Aleš Pickar

Drachenfliege auf Trolljagd

Schon lange wollte ich dem Literaturcafé des Periplaneta-Verlages einen weiteren Besuch abstatten und so traf es sich ganz gut, dass der phantastische Verlag für seine Edition Drachenfliege am Samstag eine neue Lesereihe einführte: Die Fantasy-Lesenacht aka Drachen-Fliege-Nacht.

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Logo der ersten Drachen-Fliege-Nacht

Das Literaturcafé liegt ganz romantisch an der Bornholmer Straße und somit nicht ganz im größten Rummel Prenzlbergs.

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Das Literaturcafé

Es gibt fränkisches Bier, da die Cheffin Marion Alexa Müller aus jenen südlichen Gefilden stammt. Neben Marry gab noch Thomas Manegold den Gastgeber und Steve-Bürk-Ersatz, denn aus unbekannten Gründen war der zweite Autor des Abends nicht erschienen.

Doch die Lesebühnen erprobte Periplaneta-Mannschaft hatte alles fest in Elfenhänden und glich den Mangel mehr als aus.

Während Toms historischer Eingangsrede versuchten ein paar Bergtrolle die Veranstaltung zu sprengen und so musste Ritter Tom hinaus in die Nacht, derweil Jungfer Marry die Einführung fortsetzte und als sei es inszeniert, griff der siegreich heimgekehrte Recke die Mär vom Reich Periplaneta exakt an jener Stelle auf, da die holde Marry sie fallengelassen hatte.

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Tom im Nebel der Erkenntnis

Tom las sodann, von atmosphärischen Zügen aus der eZigarrette begleitet, aus dem schrägen Urban-Fantasyroman Die Unwahrscheinliche Erleuchtung des Kiffers Felix B. die Eingangsszene vor, in der wir nicht nur Zeuge der Erleuchtung selbst werden, sondern auch von für Felix viel zu tief gehenden Erkenntnissen über seine Beziehung erfahren.

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Felix, Lin-Lin und Tom

Der Text wirkt vorgelesen noch deutlich witziger als morgens halb sieben in einer stinkenden Ringbahn.

Marry übernahm danach das Zepter für eine Lesung aus ihrem Erzählband Evasapfel, der demnächst endlich wieder in einer neuen Ausgabe verfügbar sein wird.

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Marion Alexa Müller

Marilyn ist eine SF-Geschichte, deren ironische Behandlung von Schönheitswahn und Bodyshaming irre aktuell ist.

Mit Die lautlose Woge startete im Januar die Highfantasy-Saga Kalion von Aleš Pickar in der Edition Drachenfliege und Marry erklärte kurz, warum ihr gerade dieses Manuskript so zusagte. Letztlich beeindruckte sie das Faltblatt mit dem geplanten Handlungsverlauf der Saga. Solch einem strukturiert arbeitenden Autor traute sie eine erfolgreiche Beendigung der Arbeit zu. (Aleš Pickars Frau schüttelte bei »strukturiert« energisch den Kopf).

Aleš hat bereits eine ausgedehnte Lesereise hinter sich und war dadurch bestens präpariert. Seine kurzen Auszüge aus dem ersten Band gaben einen Einblick in die unterschiedlichen Handlungsstränge, aber auch in die Stimmungen, die von Wut über Trauer bis hin zu Klamauk und Horror gehen.

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Humor gabs auch

In der Pause konnte ich kurz mit ihm über die Entstehung reden und erfuhr, warum mir so ein bisschen der Höhepunkt fehlte. Eigentlich war der erste Band nämlich deutlich dicker. Und er versprach, dass im zweiten Band exakt dieser Höhepunkt mit Macht käme. Es war interessant, ihm zuzuhören, welches Feedback auf er auf den Roman bisher bekommen hätte, wie verteilt die Sympathien für die Figuren seien und welchen Diskurs es zu Neleis »Abenteuer« im Kloster gab. Dieses Kapitel ist in der Tat sehr außergewöhnlich und bewegt sich nicht auf gewohnten High-Fantasypfaden.

Als musikalische Nacht-Nuance gab der Liedermacher Josias Ender (der Link führt zu Facebook) Kostproben aus seinen gefühlvollen Liedern, deren Texte lyrisch schwebend zur phantastischen Drachen-Fliege-Nacht passten.

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Josias Ender

Seine erste CD Aus den Wäldern in die Städte konnte ich vor Ort erwerben, Lieder von der demnächst erscheinenden zweiten Scheibe hatte er im Gepäck, sodass sich Kauf und Zuhören im Doppelpack lohnten.

Nach der Pause gab es eine noch unveröffentlichte Story von Marry, in der es um die Macht der Religion und die Ehre geht, der Wächter der steinernen Eichel zu sein. Tom unterstütze die Lesung als alterndes Eichhörnchen ohne Haare.

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In Odins Namen: Marry und Tom

Das große Finale durfte dann wieder Aleš bestreiten, der uns zwei der witzigen Nebenfiguren aus Die lautlose Woge vorstellte.

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Im Hintergrund die Karte von Neroê

Zum Ausklang der Blauen Stunde griff Tom noch weit in die Vergangenheit und las einen Text aus dem Nautilus-Projekt vor, in dem er als Projektleiter nicht nur AutorInnen zusammenbringen musste, sondern auch noch die Band The Sycamore Tree.

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Tom Manegold’s Blues

In die Nacht entließen uns dann zum Schluss weitere magische Songs von Josias Ender.

Für Mitte August ist bereits die nächste Fantasy-Nacht avisiert und nach dieser tollen Premiere habe ich große Lust, wiederzukommen. Marry deutete auch an, dass bis dahin Neues aus dem Reich der urbanen Fantasy gereicht werden kann.

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Ein strahlender Blick in die Zukunft

Lassen wir uns überraschen!

Schöne, alte Welt

Mein Einstieg in die epische »high« Fantasy erfolgte mit Shannara von Terry Brooks. Dass es sich dabei um einen Herr-der-Ringe-Klon handelte, erfuhr ich erst später.

Spätestens mit dem Rad der Zeit wurde mir klar, dass derartige Fantasy-Reihen letztlich generische Varianten einer einzigen Geschichte darstellen. Darum verfalle ich ihnen vielleicht nicht mehr so mit Haut und Haaren. George Martins Lied von Eis und Feuer etwa fand ich beim Lesen zwar spannend, aber auf Dauer konnte mich eine Fantasy Soap-Oper nicht fesseln.

Darum habe ich in letzter Zeit neue Fantasy-Reihen eher gemieden. Doch bei einem neuen Projekt der Edition Drachenfliege wurde ich wieder schwach.

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Die lautlose Woge von Aleš Pickar

Die lautlose Woge von Aleš Pickar ist der Auftaktband seiner Fantasy-Reihe Kalion und kann sich problemlos mit den genannten Reihen messen lassen. Pickar beschäftigt sich schon eine Weile mit Kalion; das kann man auf seinen diversen Internet-Auftritten nachlesen. Auch im Buch spürt man an vielen Stellen den großen Aufwand, den er in seinen Weltenbau steckte. Wie Tolkien legte er Wert auf kulturabhängige Sprachen, allerdings nicht unbedingt mit dem Ziel, seiner Heimat eine fehlende Mythologie zu ersetzen.

Was mich bei dieser Art von Fantasy immer wieder verwundert, ist das mittelalterliche Setting. Als Geschichtsfan kämen mir eine Reihe spannenderer Epochen in den Sinn, zumal es sich meist um romantische Zerrbilder der frühen Neuzeit handelt. Hauptsache keine Technik.

Aleš Pickar hat sich in seinem ausführlichen Essay Die Mechanik der Schändung mit diesem Thema ebenfalls beschäftigt und für sich Antworten auf die Mittelalter- und Gewalt-Problematik gefunden.In meinen Augen geht er in »Die lautlose Woge« keine neuen Wege, aber der Grad der Innovation hängt ja immer auch von den eigenen Erfahrungen ab. Und ich selbst habe auch keine Ideen, wie man ein realistisches Mittelalterfeeling und neue Stoffe verbinden kann. Für Saramee etwa habe ich auch kein befriedigendes Konzept und wandere auf den Pfaden der Beliebigkeit. Es ist schon schwer, kreativ zu werden, wenn man selbst nicht an das Potential glaubt.

Da hat es Aleš Pickar leichter und griff ganz unbefangen in sein eigenes Wunderhorn. Er schuf für den Eröffnungsband eine Reihe interessanter und recht unterschiedlicher Figuren, versetzte sie in dramatische Situationen, die ihr Leben verändern und lässt im Hintergrund eine weltweite Bedrohung dräuen. Alles spritzig und abwechslungsreich erzählt. Nun muss sich nur noch eine treue Fangemeinde finden, die auf allen neumedialen Wegen eine Fortsetzung fordert.

Mehr zum Inhalt des Buches schrieb ich in meiner Rezi: Die lautlose Woge von Aleš Pickar

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