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Die Liebe in mir ist das Böse in dir

Nach dem famosen »Shape Me« und dem coolen Interview mit ihr war klar, dass ich unbedingt mehr von Melanie Vogltanz lesen wollte und kaum gedacht, brachte sie auch schon ihr nächstes Buch heraus: »Schwarzmondlicht«. Im Selbstverlag, da der ursprüngliche Verlag sich in die Unanständigkeit katapultierte. Also bestellte ich bei ihr direkt und bekam mitten im Corona-März ein veritables Buchpaket:

Prall gefüllt

In der Widmung steht ein historisches »Bleib gesund.« – der März 2020 hat schon jetzt seine eigenen Legenden.

Ebenso wie »Schwarzmondlicht«, denn neben dem Verlagsdesaster kann die Autorin auch eine Menge zur Editionsgeschichte erzählen, immerhin ist das Werk eine stark überarbeitete Neufassung ihres Debüt-Romanes »Luna Atra« – im Vorwort klärt sie uns darüber auf.

Nach dem SF-Kracher nun düstere Fantasy? Eigentlich nicht ganz. In der SF gibt es für eine Handlung in nächster Zukunft den Begriff Near-Future, in der Fantasy ist Urban-Fantasy üblich. Aber so ganz mag ich »Schwarzmondlicht« dort nicht hineinpacken, denn die Handlung und ihre Bearbeitung kratzt fast alle Bereiche der Phantastik, also auch den Horror und das Märchen, im weitesten Sinne sogar die SF.

Nennen wir also dieses kleine literarische Schätzchen einfach: phantastische Phantastik!

Alles was man für die anspruchsvolle Lektüre benötigt.

In meiner Nachrichtenblase hatte ich das Gefühl, Roman und Figuren seien seit Jahrtausenden überall bekannt, nur ich hinke wieder hinterher. Es gibt Jugendliche mit besonderen magischen Fähigkeiten, die es ihnen nicht gerade leicht machen, ihren Weg zu finden und ihn dann auch zu gehen. Klingt erst einmal nicht ganz so überraschend neu, spannend wird’s dadurch, dass Melanie Vogltanz ihren Figuren scharf in die Psyche blickt und dabei kein Auge zudrückt. Es werden folgenschwere Fehler begangen, Verrat geübt, Gutes rächt sich, Böses steckt in harmlosen Absichten und es gibt eine ganze Menge Leid und Schmerz.

Was mir besonders gefiel, wie auch schon in »Shape Me« erspart uns Melanie Vogltanz billige oder einfache Lösungen. Es werden auch keine LeserInnenwünsche erfüllt, a la: »Die sollen sich kriegen!« oder »Das muss geheilt werden!« – dadurch fühlen sich Figuren und Handlungen sehr, sehr lebendig an.

»Schwarzmondlicht« beweist mir erneut, dass Melanie Vogltanz eine exzellente Erzählerin ist, die Komposition des lebens beherrscht und mehr als einen Blick in die Finsternis warf. dort wo die Phantastik ihre schwarzen Perlen aufbewahrt.

Mehr zur Handlung und den Figuren gibt es in meiner Rezi: Schwarzmondlicht von Melanie Vogltanz

Mit dem Biss beginnt die Bürde

Es ist tatsächlich reiner Zufall, dass ich direkt nach einem Werwolfroman eine Vampirnovelle las. Aber von Frank Hebben nehm ich alles unbesehen.

Dieses Mal also Vampire. Frank bedient sich einiger bekannter Teile des Mythos. Aber er schrieb keinen gestandenen Vampirschinken, sondern einen düsteren, ganz seiner eigenen Poetik verpflichteten Tritt in den Hintern seiner Hauptfigur Martin.
Der tötet sein nächtliches Mahl nicht einfach, sondern lässt zu, dass sich das Mädchen infiziert und in eine Vampirin verwandelt. Sie ist sein Geschöpf, sein Kind und wie das so mit dem Kinderkriegen ist, alles wird anders.

Vampirnovelle

Vampirnovelle von Frank Hebben

Das Lesen macht trotz des ziemlichen kaputten Protagonisten jede Menge Freude, vor allem weil ich Franks Lyrik mag und er in seiner Prosa nur unwesentlich anders schreibt. Die Kapitel sind kurz, voller lyrischer Bilder und kurzen Sätzen. Trotzdem vermisst man keinerlei Epik, weil die Menschwerdung des zynischen Vampirs allein schon episch ist,

Es gibt ein lesenswertes Nachwort von Karla Schmidt, die gut auf den Punkt bringt, was sich hinter der Beziehungskiste der Figuren verbirgt.

Ja, ich mag seine SF-Sachen lieber, aber die »Vampirnovelle« ist ein gutes Stück Phantastik geworden. Modern, knackig, manchmal albern aber nie grundlos brutal oder eklig. Ein Familienroman. Im inhaltlichen Sinn.

Mehr zum Inhalt gibt’s wieder in meiner Fantasyguide-Rezi: Vampirnovelle von Frank Hebben

Im Angesicht der Menschheit verblasst der Mythen Schrecken

Nach der Buchmesse ist immer auch vor der Buchmesse. Zum BuCon anlässlich der Frankfurter Buchmesse schenkte mir mein Gastgeber Michael Schmidt ein kleines Büchlein mit den Worten: Das ist genau Dein Ding.
Ein hässliches Taschenbuch mit einer Art Kinderzeichnung drauf und das Thema: Werwolf.

WerwolfVonParis

Der Werwolf von Paris von Guy Endore; Cover: Celestino Piatti

Sah jetzt nicht wirklich nach einer Schnittmenge mit meinen Interessen aus. Auf den Stapel, geschenkte Bücher schaut man nicht aufs Cover etc. …

Doch auf der Suche nach einem dünnen Büchlein für Zwischendurch stieß ich wieder darauf und drum begann ich zu lesen. »Der Werwolf von Paris« erfüllte nun so überhaupt nicht irgendwelche Erwartungen, die mir stumpf im Schädel schwappten. Kurz vor der Leipziger Buchmesse und damit neuen Stapelbüchern, wurde ich mit der Lektüre fertig.

Zunächst beginnt der Roman im Paris der Zwanziger Jahre. Junger Student lässt sich zu einer Tour durch die Nachtclubs überreden, streift dann allein durch die Nacht – der Plot schien einfach.

Doch nein, das alles ist nur eine Einleitung. Denn der Icherzähler kauft zwei Müllmännern ein Manuskript ab und erst darin findet sich die Werwolfstory.
Zwar erleben wir im weiteren Verlauf des Buches auch tatsächlich den Werwolf in Aktion, aber genauso relevant ist die Stadt Paris in ihren blutigsten Momenten, der Revolution von 1848 und der Pariser Commune.

Guy Endore entblößt die grausamen Hintergründe und begibt sich tief ins Bürgertum, dessen Dekadenz und hauchdünne Maske der Zivilisation er mit den Taten des Werwolfes vergleicht. Sein Urteil, dass nur indirekt aus den Seiten herausquillt, ist vernichtend. Die Menschheit treibt es noch viel schlimmer.

»Der Werwolf von Paris« ist daher für mich so etwas wie Social Horror, denn Gewalt und Verbrechen des mythischen Wesens Werwolf werden direkt als Konsequenzen und Begleiterscheinungen der realen, bürgerlichen Welt dargestellt. Ein lesenswertes Buch. Es ist wirklich cool, Bücher von einem Freund in die Hand gedrückt zu bekommen, der weiß, worauf man neugierig ist.

Drüben im Fantasyguide gehe ich etwas näher auf die konkrete Handlung ein: Der Werwolf von Paris von Guy Endore

Apropos Michael Schmidt. Seit Ende letzten Jahres kümmert er sich wieder um den von ihm ins Leben gerufenen Horror-Award, dem »Vincent Preis«. Um die Info-Lage des Projektes zu verbessern, haben wir ein kleines Interview über den Preis gemacht: Der »Vincent Preis« – ein Interview mit Michael Schmidt

Passt ja zum Thema Horror.

Wie auch eine andere kleine Rezi, die ich gerade fertigstellte. Die vierte Folge und Beginn eines neuen Dreiteilers der Kinder-Grusel-Hörspielreihe »Johnny Sinclair« wurde just veröffentlicht und mir gefiel sie ganz gut: Dicke Luft in der Gruft Teil 1 von Sabine Städing

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Dicke Luft in der Gruft Teil 1 von Sabine Städing; Illustration: Mareikje Vogler

Verschone die Handwerker!

Ich mag das Grauen sein, lese aber ungern Horror. Doch als großer Phantastikfan interessiere ich mich natürlich auch für dieses Teilgenre und verfolge zumindest das literarische Geschehen aus sicherer Ferne.

So ist mir das Romanprojekt Hiobs Spiel von Tobias O. Meißner nicht unbekannt geblieben.

Hiobs Spiel löst bei den Genusswurzeln der Szene stets ein Raunen aus. Es ist der Alte Weidenmann unter den Horrorwerken, der alle Äonen erwacht und sorglose Wanderer verschlingen wird.

Zumindest wusste ich also ungefähr was mich erwartete, als ich am Freitag die Fährnisse des ÖPNV stürzte, den Baranduin überwand, den Alten Wald von Kreuzberg betrat und mich auf der Lichtung von Otherlands Hütte niederließ. Im eisigen Hauch der Hügelgräber erwartete ich das Schlimmste.

Poster

Eine Spur abseits der Wege

Ihr merkt schon, es wurde ein epischer Abend!

BookTable

Mehr als nur ein Spiel

Nach der extrem kurzen Vorstellung durch die drei Hobbits vom Otherland teilten sich die Schatten und Tobias begann.

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Jakob Schmidt, Simon Weinert und Wolfgang Tress

Erstaunlicherweise las er zunächst nur Lustiges.

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Mehr als nur der Hauch eines Lächelns lag in der Luft …

Auf dem Holzpodest hätte auch Horst Evers sitzen können, nur ist der Stil von Tobias weitaus geschliffener. Groß im Wortschatz, präzise in der Wortwahl und verdammt gut darin, die Worte auch bedeutsam erklingen zu lassen. Es ist durchaus nicht üblich, dass ein Autor wirklich zu lesen vermag, Tobias O, Meißner ist ein Meister-Vorleser!

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Magische Symbiose: Wenn Worte lebendig werden …

Geholfen hat ihm dabei bestimmt auch, dass er Selbsterlebtes in die Handlung einfließen ließ – was auch erklärt, dass er die Handwerker weder zu Gesicht bekam noch umbrachte.

Man will ja nicht als der Autor gelten, der Handwerker nicht mag.

Golkonda-Verlagsleiter Michael Görden träumte auch gleich von Hörbüchern. Dann könnte man sich den Tobias überall in die Ohren holen.

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Die Macht der Valar durchfließt seinen Verlag: Michael Görden

Tobias beschloss die Lesung mit einem krassen Kapitel, in dem es Hiob Montag mit der Grausamkeit von illegalen Flüchtlingstransporten zu tun bekommt. Genau das ist der Kern seines Chronikprojektes. In manche Wunden muss man mehr als nur einen Finger rammen.

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Niemand verließ den Raum trotz Warnung

Der Abend bewies mir, dass man gar nicht oft genug auf Hiobs Spiel hinweisen kann und ich hoffe inständig, dass es Tobias vermag, dieses Projekt durchzuziehen. Er hat selbst angemerkt, dass sich mit den Jahren auch seine Art den Chronistenjob wahrzunehmen verändert. Dass Splatter mehr dem 25jährigen entsprach und derzeit mehr Humor in seine Prosa Einzug hält; für das hohe Alter sieht er schon Fürchterliches auf seine Leserschaft zukommen.

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Tobias O. Meißner

Doch raus aus den Hügelgräbern, irgendwo im Südosten wartet das letzte heimelige Haus auf uns!

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