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Friss Nudeln, nerviger Erzähler!

Feine Kleinverlage mit Phantastik im Programm gibt es eine Menge, sodass es kaum möglich scheint, sie alle im Blick zu behalten. Praktisch für einen Siebhirnler wie mich sind daher nette Produkthinweise mit ausführlichen Buchvorstellungen und wenn ich dann auch gleich Hier! rufe, trudeln irgendwann erquickliche Neuerscheinungen ein.

So just geschehen mit »Riesen sind nur große Menschen« von René Frauchiger aus dem homunculus Verlag.

Riesen sind nur große Menschen von René Frauchiger; Cover: Joseph Reinthaler

Der Indi-Verlag aus Erlangen bescherte mir schon mit Ulrich Holbeins »Knallmasse« und »Ymir oder: Aus der Hirnschale der Himmel« von Verlags-Mitgesellschafter Philip Krömer phantastische Lesestunden.

»Riesen sind nur große Menschen« befasst sich primär mit Fremdenhass und Diskriminierung. Allerdings verpackt er diese schweren Themen auf interessante und sehr unterhaltsame Weise.

Da wäre zunächst das Setting. Die Handlung des Romans spielt auf einem der titelgebenden Riesen. Hephaistos liegt schon ziemlich lange unbeweglich herum und so entwickelte sich auf ihm eine Mikro-Zivilisation mit kleinen Menschen und Tieren. Während man in der Metropole Stirnstadt recht demokratisch und tolerant lebt, versucht man im fernen Dorf Runzlingen mittels eigener Bürgerwehr alles Fremde und Neue aufzuhalten. Deren Finanzierung ist etwas dubios und so startet eine Untersuchung, die sich mit einer Entführung, Menschenjagd und Abstieg in den Magen des Riesen verbindet.

Die zweite Besonderheit ist das beständige Durchbrechen der Vierten Wand. Wie in einer Mockumentary kommentieren die Figuren das Geschehen, streiten mit dem Erzähler und unterhalten sich miteinander, selbst wenn sie handlungstechnisch dazu nicht in der Lage sein sollten. Allerdings wird es zunehmend handlungsrelevanter. Das erinnert natürlich an die Thursday-Next-Reihe von Jasper Fforde, vor der ich immer noch nicht alle Bände gelesen habe.

Und zu guter Letzt verfügt eine der Figuren, Achilles, über eine ganz besondere Fähigkeit: Wenn er eine Sache irgendwohin haben möchte, geht das nicht direkt, sondern quasi über die Bande. Nicht ohne Grund kommen deshalb die Leute, um ihm beim Pizza-Backen und den gegen Wände, Decke und Möbel fliegenden Zutaten zuzuschauen. Auch diese abgefahrene Besonderheit ist nicht nur Gadget, sondern spielt eine wichtige Rolle innerhalb der Handlung.

In Summe ergibt sich ein Roman, dem eine Balance zwischen politischem Ernst, literarischem Experiment und phantastischer Exzentrik gelingt. Zudem entwickelt René Frauchiger seine Hephaistos-Welt von einer dystopischen zu einer utopischen. Hat man auch nicht allzu oft. Science-Fiction von ihrer kreativsten Seite!

Drüben im Fantasyguide gehe ich im Einzelnen auf die Figuren ein: »Riesen sind nur große Menschen« von René Frauchiger

Alles so schön bunt hier

Als ich kürzlich ymir oder aus der hirnschale der himmel von Philip Krömer rezensierte, schickte mir der homunculs verlag gleich ein Verlagsprogramm mit. So erfuhr ich, dass just im Frühjahr das nächste Science Fiction Werk erscheinen sollte. (Und ja, ich zähle ymir zur SF, auch wenn es mir als Nominierung für den KLP abgelehnt wurde.)

Pünktlich zur Leipziger Buchmesse erschien nun Knallmasse von Ulrich Holbein.

homunculus_verlag

Knallmasse auf der Leipziger Buchmesse

Es handelt sich dabei um eine überarbeitete Version, denn das Original Knallmasse. Ein kosmisches Märchen erschien bereits 1993. Worin die Überarbeitungen bestehen, kann ich nicht sagen – ich habe bisher weder vom Buch noch vom Autor etwas gehört. Dabei kann Ulrich Holbein auf ein erstaunlich umfangreiches Werk zurückblicken.

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Knallmasse von Ulrich Holbein

Knallmasse heißt das Buch und ist somit nach seiner Hauptfigur betitelt. Knallmasse ist ein denkender Roboter. Er lebt in einer komplett von Grau, Krach und Kanten beherrschten Robotergesellschaft. Rigide Regeln bestimmen das Leben. Dröhnender Lärm ist der Inbegriff der wohltuenden Beschallung und so heißt der Staat auch DeziBel. In sogenannten Zentralschulen werden die DeziBeliten auf Spur gebracht, alle drei Minuten werden sie mit dem SCHLAG belohnt, eine Art Endorphinausschüttung für Roboter.

Eine große Schutzfolie verhindert, dass Sonnenlicht auf DeziBel fällt und seine Bewohner blendet. Hinter dieser Folie ist das Universum zudem bunt, melodisch und voller weicher Dinge, wie etwa die menschenähnlichen, aber eierlegenden Wulwiletten.

Ein gefangenes Pärchen jener Wulwiletten müssen sich die Zentralschulpflichtigen, unter ihnen Knallmasse, im Biologieunterricht angucken und finden das Weiche und Bunte an ihnen unerträglich eklig.

Doch ein Unfall im Abhärtungsunterricht, bringt in Knallmasses Code etwas durcheinander und plötzlich mag er Weiches. Mit den beiden Wulwiletten flieht er aus DeziBel und erlebt einige phantastische Abenteuer in einem surrealen Weltall.

Der kleine Prinz trifft auf Gulliver – so in etwa waren meine Assoziationen, wobei ich auch ständig an Nimmerklug im Knirpsenland denken musste.

Das Buch ist nicht einfach nur abgefahren. Es wuselt zwischen grausiger Dystopie und fröhlichem Anarchismus genauso locker hin und her, wie zwischen Märchen und phantastischem Roman. Die vom Autor selbst beigesteuerten Illustrationen unterstützen das Gemenge durch gekonnten Kinderbuchstil bzw. ähneln sie den klassischen Zeichnungen in den SF-Romanen meiner Jugend. Dieser Kontrast bildete für mich fast das größte Vergnügen – aber nur fast, denn noch beeindruckender fand ich die Sprache. Experimentell, verschroben und wortgewitzt. Ich kann mich über so etwas köstlich amüsieren und wenn das Ganze noch mit überbordender Fantasie gewürzt wird, bin ich rundum glücklich.

Meine Rezi im Fantasyguide: Knallmasse von Ulrich Holbein

Im Schlund der Sprache

Vertrumpte Zeiten stehen an und es gibt einen literarischen Sound, der uns in die unbekannte Near-Future trägt, die sich anfühlt, als lebten wir 1914 oder 1939.

Vorabendgefühle.

Auf ymir oder aus der hirnschale der himmel von Philip Krömer stieß ich eher zufällig. Es gibt einen Bloggerliteraturpreis für Debüts und in der Shortlist 2016 fanden sich die Namen Jules Verne und Walter Moers als mögliche literarische Referenzen. Eine Rezensionsanfrage später bekam ich das wunderschön gestaltete Buch vom homunculus verlag.

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ymir oder aus der hirnschale der himmel von Philip Krömer

Philip Krömer ist Dichter und entsprechend gestaltet sich sein Prosa-Debüt auch sehr lyrisch. Es gibt einige Graphik- und Layout-Finessen, die nicht nur den Text in eine besondere Form gießen sondern auch der Handlungszeit mehr Leben einhauchen.

Darüber hinaus ist die Sprache voller fein ziselierter Sätze. Es wird mit Wagnerzitaten ebenso locker gespielt wie mit dem Ton nordischer Mythen oder dem von Nazi-Propaganda. Stets an die Handlung und dem Berichtspart des Erzählers angepasst. Womit wir beim Inhalt sind.

Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs ist Deutschland ganz im arischen Germanentaumel. Man glorifiziert Wagner und sucht in den alten Göttersagen nach nationalsozialistischen Wurzeln. Wie schon bei Jules Vernes öffnet sich in Island das Tor in die Unterwelt. Doch unsere Expedition soll die Urarier finden und alsbald wird aus dem Abstieg ins Innere der Erde eine Reise in den steinernen Körper des mythologischen Riesen Ymirs.

Drei Männer lassen sich in den Schlund hinab. Karl der Erzähler ist der bildungsbürgerliche Schriftsteller. Er benennt seine Mitstreiter nach ihrer Erscheinung. Der SS-Schläger und Aufpasser von Auftraggeber Heinrich Himmler wird so zu Klein Heinrich, der adlige Wagnerianer und Hohlweltspezialist erhält den Kosenamen VonUndZu. Es gibt Konflikte, Begegnungen, Katastrophen.

ymir oder aus der hirnschale der himmel ist kein Abenteuerroman. Es ist eine Reise in die Gedankenwelt einer Epoche. Eine teilweise aggressive Reise.

Meine Rezension ymir oder aus der hirnschale der himmel von Philip Krömer ist kaum online, da folge ich gedanklich bereits dem nächsten Krieg oder besser dem vorherigen. Frank Hebbens Im Nebel kein Wort ist seine erneute, phantastische Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg.

Und es ist beängstigend, wie zeitnah sich beide Werke anfühlen. Als ob sich der Stoff der Wirklichkeit in die Gedanken und Worte der Autoren senkte und ihre Finger zu apokalyptischen Schreibwerkzeugen werden ließ. Präapokalypse.

Eine sehr gute Besprechung findet sich auch drüben bei Marc im seinem Blog Lesen macht glücklich: [Rezension][Das Debüt 2016]: Philip Krömer – Ymir oder aus der Hirnschale der Himmel

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