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Jenseits der Einöde des Realismus

Mein bester Freund verbindet gerne unsere Treffen mit Kultur, die ich immer aussuchen muss. Achherje. Da traf es sich diesmal sehr gut, dass mich Hardy Kettlitz kurz vorher auf den aktuellen Andymon-Clubabend hinwies und so gondelten wir nach Baumschulenweg.

Der Abend stand ganz im Zeichen Berliner Phantastikverlage, wobei man das mit Berlin recht sportlich sah. Der SF-Club Andymon ist eine kleine Fan-Gemeinde etwas erhöhten Alters, deren Themenabende sehr oft hochspannend sind, aber tatsächlich hab ich es nun erst zum dritten Mal geschafft, daran teilzunehmen. Aber zumindest sieht man sich regelmäßig bei den Otherland-Events.

Hannes

Michael Görden und Hannes Riffel

Als erstes stellte Hannes Riffel das aktuelle und geplante Programm von Fischer TOR vor, logischerweise mit dem Schwerpunkt auf die SF-Titel. Hannes sprudelte vor Begeisterung über. Neben Afterparty von Daryl Gregory in der Übersetzung von Frank Böhmert, das ich jetzt wirklich unbedingt lesen will, schwärmte er von Becky Chambers Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten und freute sich auf die Fortsetzung, die laut Lektorat noch besser sein soll. Da komme ich wohl auch nicht dran vorbei, gefiel mir die Wohlfühl-SF ja bereits im ersten Band. Die Neuübersetzung von Ursula K. Le Guins The Dispossessed als Freie Geister erscheint mir ideal für einen Reread und auch Charlie Jane Anders Alle Vögel unter dem Himmel muss ich einfach haben. Das TOR-Programm unter der Leitung von Hannes ist vielseitig und sehr verführerisch. Er plauderte auch aus dem Nähkästchen und es überraschte mich, dass Kai Meyers Krone der Sterne nur das dritterfolgreichste Buch des Programmes ist. Aber hey, jeder Bestseller finanziert etliche andere Titel.

Mit Spannung erwartete ich dann Michael Görden, seines Zeichens neuer Programmchef von Golkonda, der ja nun bei Europa unterkam und somit nach Gördens Aussage die Vorzüge des Strasser-Konzerns genießt, was vor allem Marketing und Vertrieb verbessern sollte.

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Michael Görden mit dem Golkonda-Programm

Zunächst warb er für ein paar Neuerscheinungen, die noch unter Hannes‘ Federführung an den Start gingen, etwa Die Übersetzerin von John Crowley. Grundsätzlich wird sich das Programm von Golkonda nicht ändern. Captain Future, aber auch die Klassiker werden fortgeführt, ebenso der Nimmèrÿa-Zyklus von Samuel R. Delany und die Werkausgabe von Thomas Ziegler, was Görden ganz besonders freute, da er mit Rainer Zubeil befreundet war und dessen Texte zu den ersten Sachen gehörte, die er je herausgab. Angekündigt ist auch der vierte Hiob-Band von Tobias O. Meißner, das immer noch verkannte Meisterwerk.

Erwähnenswert ist noch, dass für Rückblick aus dem Jahre 2000 von Edward Bellamy eine erweiterte Neuausgabe avisiert ist. Der anwesende Andymonier Wolfgang Both integrierte einen weiteren Sachtext, der als Vortrag eines Andymon-Clubabends entstand und nun das Werk endlich perfekt machen wird.

Natürlich wird sich bei den Reihen das Layout, fast immer von der großartigen Ben, nicht ändern, sodass SammlerInnen aufatmen können. Allerdings sollten sie sich bei einigen Werken beeilen, denn Jo Waltons Carmichael-Romane (Small Change Trilogie)  bekommen in der neuen Auflage ebenso ein anderes Gesicht, wie auch die Kurzgeschichtensammlung von Ted Chiang, die nun an die Verfilmung Arrival erinnert. Lobend erwähnte er noch die Arbeit von Hardy Kettlitz, der als Setzer und Projektmanager die Arbeit eines Verlegers sehr easy macht. Womit er beim Golkonda-Imprint Memoranda ankam. Dort wird es neben dem dritten Hugo-Band, der noch nicht ganz fertig ist, neue SF-Personality Bände geben. Wer Hardy kennt, dürfte sich nicht wundern, dass sich einer davon mit Robert Silverberg befasst.

Ein Höhepunkt des Programmes ist aber sicherlich die neue Werkausgabe der Kollaborationen von Erik Simon mit Angela und Karlheinz Steinmüller, die ich bereits zur Rezension geordert habe.

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Hardy Kettlitz stellt Festa-Titel vor

Hardy war aber nicht nur als Memoranda-Chef anwesend, sondern auch als Berliner Zweigstelle des Festa-Verlages. Der bedeutendste deutsche Horror-Verlag bringt etwa einen Erzählband des Fight Club-Autors Chuck Palahniuk heraus. Ansonsten halt Action und Horror.

Ein Thema aber haben alle drei Verlage gemeinsam: Howard P. Lovecraft. TOR bringt die megageile Prachtwerkausgabe herausgegeben von Leslie S. Klinger, die flux auf meinem Weihnachtswunschzettel landete. Golkonda liefert dazu die zweibändige Biographie von S. T. Joshi und bei Festa gibt es sowieso alles von Lovecraft und zudem noch jene Werke, die ihn beeinflusst haben, so etwa die Geistergeschichten von Montague Rhodes James, nach deren Lektüre man erst wirklich weiß, was Gruseln bedeutet. Hochspannend erscheint mir auch das sehr persönliche Buch Mein Freund H. P. Lovecraft von Frank Belknap Long in der Übersetzung von Michael Siefener – es gibt kaum noch einen Grund, sich nicht mal intensiv mit Lovecraft zu beschäftigen.

Und was mich auch stark reizt, ist Big Sur von Jack Kerouac, sein letztes Werk – und nach On the Road würde ich schon gern noch mehr von ihm lesen.

Aber allein dieser tolle Abend versorgte mich mit mehr Lesetipps als ich in vernünftigem Zeitrahmen lesen können werde. Es ist schon eine Crux mit diesem Hobby. Fängt man erst mal mit einem Buch an, will man bald alle lesen.

Etwas Leben spüren

Auch wenn die Zeit ziemlich schnell dahinrast und mir das manchmal die Kehle schnürt, sind manche Dinge, die sich da so schnell entwickeln, einfach cool. Etwa, wenn man mit dem plötzlich (furchtbar plötzlich) erwachsenen Nachwuchs in ein Konzert geht.

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Schon etwas her: Das Sin City Festival 2017

Das Sin City Festival fand schon Anfang Mai statt, aber es passt dennoch heute, darob zu berichten, weil ich dort auf Empfehlung von SF-Megafan Hardy Kettlitz ein ganz besonderes Büchlein erwarb.

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Neosapiens von Nik Page; Cover von Norbert Frank

Neosapiens (Link führt zu Nik Pages Shop) erschien bereits 2001 und wurde von Nik Page verfasst. Der ist Mastermind der Berliner Band Blind Passenger, einer Neugründung der Blind Passengers, und Schirmherren des Sin City Festivals.

Das Buch hat mich sehr überrascht. Zum einen weil es in Versen verfasst ist, die aber eher willkürliche Textumbrüche darstellen und sehr wohl als flüssige Prosa gelesen werden können. Zum anderen aber ist Neosapiens ein mehr als ordentliches Stück Science Fiction.

Der Protagonist ist ein Musiker aus Berlin, Ende des 21. Jahrhunderts. Überwachung, Automatisierung und Genoptimierung haben zu einem technokratischen Maschinenstaat geführt. Kontrolliert von einer administrativen Kaste, den Supervisor. Der Ich-Erzähler trotzt dem Gleichmaß durch eine spezielle Art der Rebellion. Drogen, Musik und Sex natürlich, aber hinzu kommt auch eine Form von Körpertuning, die auf Implantaten beruht. Optimierte Linsen sind noch nachvollziehbar, aber er steht auch auf Tattoo-artige Monitore in der Haut und VR-Chips, mit denen er in abgefahrene Welten taucht. Zusammen mit einem exzessiven Lebensstil und dem Hang zu knalligen Kunstaktionen genießt er sein Leben in vollen Zügen. Seine neue Freundin hingegen gehört einer Gruppe von Menschen an, die ohne Optimierung leben will: Neosapiens.

Gerade wegen der schnoddrigen Schreibweise und den sehr plastischen Bildern steckt man stets direkt in den Szenen und besonders die futuristischen Performances, die Nik Page beschreibt, hab ich direkt vor Augen gesehen. Bei solchen Events möchte man dabei sein. Natürlich ohne einen Arm zu verlieren oder dergleichen.

Aber auf dem Sin City Festival konnte man so einen kleinen Eindruck davon gewinnen, dass Nik Page in seinem Buch über Dinge schrieb, die er in ähnlicher Weise selbst erlebt hat, dass diese Mischung von Kunst, Musik und Lebensart echt ist. Vielleicht deshalb fühlt sich Neosapiens lebendiger an als viele andere Science-Fiction. Zum Buch erschien damals auch eine gleichnamige CD der Blind Passangers, die ich mir nun prompt bestellt habe. Bin echt gespannt, was sie der Lektüre hinzuzufügen vermag.

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AD:keY

Industrial, EBM und Elektro sind jetzt nicht so hundertprozentig meine Lieblingsmusikrichtung, aber ich höre mir das schon gerne an. Zumal ich auf dem Sin City Festival in erster Linie wegen meines SF-Kumpels René war, der zusammen mit seiner Freundin einen Auftritt dort hatte: AD:keY nennen sie sich und machen sehr tanzbare Songs. Davor gab es mit Schramm eine ziemlich coole Band im Mad Max Design und was ich besonders cool fand, der Sänger spielte auf einem Theremin.

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Schramm

Jedenfalls hatten wir unseren Spaß, die Szene ist sehr stylisch angezogen, durch die Bank nett und der Frannz ist eine sehr lauschige Location.

Mehr zu Neosapiens gibt’s in meiner Rezi: Neosapiens von Nik Page

Auf dem Jakobsweg durch Arrakis

Kurz hatte ich schon über das letzte Gatherland berichtet, in dem es um die Neuübersetzung der Science-Fiction Klassikers Dune von Frank Herbert ging.

Für den Fantasyguide habe ich nun den Bericht fertiggestellt und musste mich zwingen, aus hundert Minuten heißer Diskussion wesentliche Schlaglichter zu extrahieren.

Merkt euch: Wer ein Gatherland im Otherland verpasst hat, darf ruhig jammern und weinen!

Welchen Spaß so ein Abend macht, sollen ein paar Bilder belegen.

Groovy!

Groovy!

René zeigt hier den Groove seiner neuen Kopfhörer, im Hintergrund sieht man Chewie und Jakob als Dr. Who Double.

Something in the Window

Something in the Window

Bevor man den Laden betritt, schaut man natürlich die tollen Dekos im Schaufenster an. Hier erwischte ich Hardy Kettlitz beim reinschmulen.

Die Bücher von Kathan

Die Bücher von Kathan

Kein Otherland-Besuch ohne Buchkauf. Man muss nicht immer auch ein Otherland-Exemplar erwerben, wie hier Christian Kathan, aber niemand wird euch daran hindern.

Wenn das Event erst einmal in Gang gekommen ist, trifft man nicht nur auf spannende Meinungen, sondern auch auf seriöse Experten zu allen Themen, wie Hardy hier symbolisiert.

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Hab ich euch den Wund wässrig gemacht? Trauert ihr um die verpasste Chance? Dann merkt euch: Gatherland, jeden dritten Donnerstag im Monat.

Im Sog der Utopien

Wer zum Hugogate alle Hintergründe wissen will, kann sich in Christoph Jaroschs Blog Lake Hermanstadt umfassend informieren lassen.
Zum Hugo selbst gibt es ein cooles Nachschlagewerk, das Hardy Kettlitz in seinem Neuen Verlag MEMORANDA herausbrachte, einem Imprint des Golkonda Verlages, für den er in den letzten Jahren einiges an Setzerarbeiten leistete und somit wesentlich an der Qualität der dort erschienen Bücher Anteil hat.

Die Hugo Awards 1953 – 1984 von Hardy Kettlitz, Cover von s.BenesDie Hugo Awards 1953 – 1984 von Hardy Kettlitz, Cover von s.BENes

Die Hugo Awards 1953 – 1984 enthalten nicht nur sämtliche PreisträgerInnen, die Platzierten und Hintergründe zu den einzelnen Worldcons auf denen die Hugos jeweils verliehen wurden, Hardy ordnet viele Werke auch gleich in seinen ganz speziellen Experten-Kosmos ein. Für mich ein durchaus nützlicher Maßstab, da ich seine Meinung sehr schätze.
Damit ist das Buch auch eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema und verhindert, dass Zahlen und Infos die LeserInnen erschlagen.
Teil 2 wird dann bis 2015 reichen und es ist zu vermuten, dass dann auch die Sad Puppies Erwähnung finden werden.
Meine Rezi: Die Hugo Awards 1953 – 1984 von Hardy Kettlitz im Fantasyguide.

Ein ganz anderer trauriger Welpe ist der Protagonist in Dietmar Daths diesjährigen SF-Kracher: Venus siegt.

Venus siegt von Dietmar DathVenus siegt von Dietmar Dath

Der Aufbau einer freien Gesellschaft, in der intelligente Roboter, Menschen und künstliche Intelligenzen zusammenleben, muss sich mit Bürgerkrieg, Invasion und Zusammenbruch auseinandersetzen. Die Geschichte der zukünftigen Venusgesellschaft ist dabei ein Spiegelbild der Sowjetunion von der Oktoberrevolution über den Stalinterror und Totalitarismus bis hin zum Weltkrieg und seinen Umbrüchen.
Es gibt Figuren, die Lenin, Stalin oder Trotzki nachempfunden wurden. Mathematik spielt eine hohe und wichtige Rolle, was mich allerdings immer wieder abhängte, da mit höhere mathematische Konzepte nicht in den Kopf gehen, aber das stört bei einem ansonsten sehr lesbaren Science Fiction Roman kaum.
Mich hat der neue Dath jedenfalls nicht enttäuscht. Der dritte überdurchschnittliche Roman in Folge, den ich von ihm las – meiner Meinung nach ist Dath der aufregendste deutschsprachige SF-Autor.
Live davon überzeugen kann man sich übrigens am Freitag, dem 29.05.2015 ab 20:00 Uhr bei Lesung und Gespräch im Brecht-Haus. In meinem Kalender stehts schon drin!
Meine Meinung zum Buch habe ich auch in eine Rezi gegossen:
Venus siegt von Dietmar Dath

Von wegen Modegetränk

Der Hugo hat sich seit 1953 zu einem der bedeutendsten Science-Fiction Preise entwickelt.
Hardy Kettlitz entwickelte sich seit 1966 zu einem der profundesten SF-Kenner. Nur logisch, dass die beiden mal zusammen kommen mussten.

Die Hugo Awards 1953 – 1984, Cover von benswerkDie Hugo Awards 1953 – 1984, Cover von benswerk

Es geschah allerdings schon vor einiger Zeit, nämlich 2002 im Alien Contact 44. Nun hat Hardy seinen eigenen Imprint bei Golkonda bekommen und natürlich ist der erste Teil seiner Hugo Awards ein würdiger Start von Memoranda.

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Hardy präsentiert sein Buch Werner Fuchs auf der Leipziger Buchmesse 2015

Während ich die Osterferien in Amsterdam verbrachte, beschäftigte sich Hardy mit meinen Fragen, sodass ich nun stolz ein recht hübsches Interview mit ihm präsentieren kann. Wie immer im Fantasyguide und exklusiv!

Blutige Schneide oder die Sorgen einer Waffe nach der Tat

Meine erste Begegnung mit Thomas Pynchon fand vor einigen Jahren statt, als ich begann, in die Blogosphäre einzutauchen. Als beeindruckendstes Beispiel musste damals Alexander Müllers Molochronik gelten. Verspielt, aber hochintelligent und breit fabulierend stellte Molo phantastische Werke vor und von seiner Begeisterung für Gegen den Tag war ich sofort angefixt. Selbst dieses Wort »anfixen«, habe ich von Molo übernommen.
Denn tatsächlich ist das Lesen ganz besonderer Bücher wie eine rauschhafte Sucht. Das Lesen von Gegen den Tag war eine leidvolle Lust, Bleeding Edge las sich deutlich einfacher, jedoch nicht weniger süffig.

Bleeding Edge von Thomas PynchonBleeding Edge von Thomas Pynchon

Pynchon schreibt mit über Siebzig von technischen Entwicklungen, denen ich als Mittvierziger bereits hinterherzuhinken beginne und das auch noch mit einer Leichtigkeit, die einfach nur irrwitzig ist. Natürlich kann es sein, dass er mit Hilfe großer Intelligenz in der Lage ist selbst jene Dinge sinnvoll in seinen Roman einzubetten, von den er weniger versteht, aber es fühlt sich nie wie ein Blenden an.

Ich habe dieses Bild im Kopf, dass da ein fröhlicher Greis am Strand kniet und begeistert den Sand durch die Finger rieseln lässt und mit jeder neuen Handvoll kommen Erinnerungen wie Muschelscherben ans gleißende Sonnenlicht.

Das Jahr 2001 liegt noch gar nicht so lange zurück. Der Anschlag auf das World Trade Center macht dieses Jahr an sich schon unvergesslich, selbst ich habe ganz klare Erinnerungen an diesen einen Tag. Zu keinem anderen Datum in diesem Jahr könnte ich auf Anhieb sagen, was ich dachte oder tat.
Erst recht weiß ich nicht mehr exakt, wie mein Computer aussah, welches Spiel ich gerade zockte, nicht einmal die Bücher dieses Jahres weiß ich mehr, weil ich mir damals darüber noch keine Notizen machte. Viele Dinge, die einem selbstverständlich sind, macht man irgendwann nicht mehr und vergisst nach einiger Zeit, dass sie einmal einen bestimmten Teil des Tagesablaufs ausmachten.

Pynchon holt ganz viele dieser kleinen Dinge wieder hervor. Es ist nicht wie eine typische historische Abhandlung, die sich auf Benennung von Fakten beschränkt, nein, Pynchon stürzt einen mitten hinein in das sich völlig echt anfühlende 2001 und dabei kenne ich den Großteil der New Yorker Plätze gar nicht, von Klamotten und Speisen ganz abgesehen.
Ich war 1997 für drei Tage in Manhattan, was geradezu mit Blindheit gleichzusetzen ist.
Bleeding Edge ist wie das fehlende Stück Erinnerung, das man auf die Hirnfestplatte hochlädt und danach erst wieder weiß, was einem bislang gar nicht fehlte.

Was aber noch viel cooler ist, als das ganze Namedropping und Technikrevival: Pynchon stellt ziemlich agile und selbstbewusste Frauen in die erste Reihe seiner Figuren. Wenn ichs nicht besser wüsste, würde ich sagen, er beschreibt eine typische DDR-Frau. Die Ähnlichkeiten zu Laura aus Amanda sind frappierend.
Im gewalttätigen Wahnsinn männlicher Weltenlenkung managt Maxine ihre Betrugsermittlungen, die Erziehung des Nachwuchses, die Reintegration des Exmannes in die Familie, tödliche Bedrohungen, Libidoforderungen, Probleme der Freundinnen, Probleme der Freunde der Freundinnen oder deren Kinder, Einkäufe, Essen und natürlich New York.
Spannend, witzig und rasant, jedoch nicht ganz so phantastisch wie Gegen den Tag. Und es bringt auch nichts in mir so zum Schwingen, dass sich ein Gedicht daraus entwickelt.

Meine Rezension im Fantasyguide: Bleeding Edge von Thomas Pynchon

Mit Bleeding Edge habe ich nun alle Bücher gelesen, die der Weihnachtsmann besorgte, passiert mir auch nicht jedes Jahr. Folgen die Geburtstagsgeschenke und auch hier werde ich den USA erst einmal treu bleiben, es steht der erste Teil der Mark Twain Autobiografie auf dem Plan. Vorher jedoch noch Rezensionsbücher, darunter Die Hugo Awards 1953−1984 von Hardy Kettlitz.

Hummer hilft bei Kummer

Das Berliner Otherland sprengte erneut den engen Gatherland-Rahmen. Wo sonst zwölf Lesende über Bücher quasseln, stapelten sich am Donnerstag die FreundInnen der SF um mit Charles Stross zusammen zu treffen.

Der nutzte seine Ferien zwischen zwei bzw. vier Büchern, um in Berlin für den nächsten Merchant Princes-Roman zu recherchieren. Es geht darin um einen ehemaligen Stasi-Spitzel, der als Kind der DDR, eine gewisse Affinität zu modernen Überwachungsstaaten besitzt und daher in den USA der Zukunft ganz gut klar kommt.

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Charles Stross beim Signieren

Charlie Stross ist Schotte und kam natürlich auch nicht umhin, über Unabhängigkeit und den Kreis berühmter Edinburgher Autoren zu sprechen.
Auch die Hummer kamen zu ihrem Recht. In meiner aktuellen Lektüre, Accelerando, spielen sie eine große Rolle.

Fast zwei Stunden unterhielt uns Charlie mit sehr schnellem Englisch und ich bin froh, mir das ganze aufgezeichnet zu haben. Vielleicht verstehe ich in der zehnten Wiederholung endlich mehr.
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Aber was ich verstand, gab mir den Eindruck eines fidelen Mannes, der sichtlich Spaß am Leben und am Schreiben hat. Was man ja seinen Büchern auch anmerkt.

Meine Wunschliste ist nun wieder etwas voller.

Hardy Kettlitz konnte nachher auch noch ganz stolz das von ihm gesetzte Lyrik-Bändchen Oubliette mit Gedichten von Frank Hebben in lichte Höhen halten.

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Oubliette in den Händen eines Unvergesslichen

Hoffentlich kommt mein Exemplar auch bald.
Denn was ist ein SF-Roman gegen ein Gedicht?

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