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Das Zombiezünglein an der Waage

Als die Otherlander ihren letzten Stargast für das Jahr 2018 ankündigten, klingelte bei mir nichts: Nate Crowley.
Noch nie gehört.

Aber egal, wer ins Otherland kommt, hat Publikum verdient!

Als ich ankam, sah ich einen Mann mit Baby auf dem Arm und es gab keinen Zweifel für mich: Das muss Nate sein!
Exakt. Die junge Dame auf seinem Arm, war seine Tochter und ihr Name hat etwas mit Wasser zu tun, aber ich verstand ihn nicht genau. Während wir später ihren Vater in Beschlag nahmen, wurde sie im Hintergrund von ihrer Mutter gestillt. Ein unvergesslicher und auch wieder ganz typischer Otherland-Moment.

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Nate und seine Frauen

Wer ist nun aber Nate und was macht er im Otherland?

Die beste Buchhandlung der Welt zieht jede Menge Phantastik-Fans an, die lieber englische Originale lesen und so bildete sich der Speculative Fiction Book Club, der sich einmal im Monat trifft und jeweils ein Buch diskutiert, das man beim letzten Treffen auswählte.
Und hier schlug »The Death and Life of Schneider Wrack« von Nate ein wie eine Bombe. Inci schrieb darüber nicht nur begeistert im Otherland-Blog, sie kontaktierte auch gleich Nate und schwups dachte er sich, diese Fans guck ich mir mal an. Und zur Sicherheit brachte er seine beide Frauen mit. Als Rückendeckung, wie der Abend ja zeigte.

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Nate und Inci, im Hintergrund scherzt René mit Nates Tochter

Ich muss gestehen, dass mein Englisch bei weitem nicht ausreichte, mehr als Grundzüge der Diskussion über das Buch zu verstehen, aber Nate las sehr lustig vor und ein, zwei Gags bekam sogar ich mit.
Er hatte auch ein Exemplar seines Buches »100 Best Video Games (that never existed)« dabei und seine Kostproben daraus brachten auch mich zum Lachen.

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Dust ist das Lieblingsmonster seiner Frau

Nate hat in jungen Jahren in einem Aquarium-Laden gearbeitet und seither ein gespaltenes Verhältnis zu Fischen, was direkte Auswirkungen auf den Horror in »Schneider Wrack« hat. Und auch bei den »Video-Games« deutlich zu spüren war.

Es machte großen Spaß, die Book Club Leute vom Buch schwärmen zu hören und dabei konnte ich immer deutlicher erkennen, dass ich das Buch wohl unbedingt lesen muss. Gerade bin ich ja mitten in einem englischsprachigen Buch und eigentlich sollte das passen. Ich muss ja hinterher keine Klausur zum Inhalt schreiben.

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Beantworte alle Fragen: Nate

Ein toller, erinnerungswürdiger Abend, wie ich ihn liebe. Ich habe etwas völlig Neues kennengelernt und die Lesung war wahrlich familiär. Etwas ähnliches gab es schon mal, als nämlich Dan Wells mit seiner Großfamilie im Laden weilte und las. Ich fiel ja aus den Socken als Simon mir verklickerte, dass jener Abend bereits 2014 stattfand. Boah, soweit zurück hätte ich das nicht geschätzt.

Apropos Simon Weinert! Sein fulminanter und gewiefter Bösewichtroman »Tassilo, der Mumienabrichter« erschien einst als eBook und limitierte Taschenbuchausgabe, die man nur im Otherland erwerben konnte. Nun verkündete mir Simon stolz, dass es eine Neuauflage bei Golkonda im Frühjahr geben wird!
Hoffentlich wird das Buch jetzt endlich zum Megaseller, denn Simon reist so gern durch Amerika …

Und es gibt ein neues Cover! An mir wird’s nicht liegen!

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Simon Weinert mit dem Golkonda-Frühjahrsprogramm

So, für diese Woche kann ich zufrieden mit mir sein: Zweimal den inneren Elf besiegt und zu Lesungen gegangen. Nimm das, dunkler Winter!

Golden glänzt der Silberberg

Ein heißer Kreuzberger Abend wird eigentlich nur dann so richtig perfekt, wenn man ihn im Otherland ausklingen lässt.

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Das Otherland in der Bergmannstraße

Die volle literarische Packung gab es am vergangenen Mittwoch, denn Autor und Übersetzer Uwe Anton stellte seinen SF-Personality Band über Robert Silverberg, Zeiten der Wandlung, vor.

Fachkundig moderiert von Herausgeber und Superfan Hardy Kettlitz, denn in seinem Golkonda-Imprint Memoranda erschien der Band jüngst. Als eine von fünf Neuerscheinungen in diesem Jahr!

Auch Golkonda-Chef Michael Görden war zugegen.

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Michael Görden, Hardy Kettlitz und Uwe Anton

So ging es denn bald nicht mehr nur über Robert Silverberg und sein Schaffen, sondern auch um die Wege seiner Veröffentlichungen in Deutschland. Einige lustige Hintergründe kamen so zur Sprache.

Mir ist Silverberg bisher nur über den ersten Majipoor-Band bekannt und aus der Biographie über James Tiptree Jr. – von daher erfuhr ich sehr viel Neues und bekam dutzendweise Lesetipps.

Der Band entstand aus einem Gesprächen zwischen Hardy und Uwe während eines DortCons und Hardy hatte das Projekt zehn Jahre lang vergessen. Er arbeitete sogar schon an einem Konzept für einen Silverberg-Band, als die Nachricht von Uwe kam, er sein nun fast fertig. So blieb Hardy eine Menge Schreibarbeit erspart.

Man findet in dem Band Rezensionen zu fast allen SF-Werken Silverbergs, der in allen Genres ein großes Werk aufweisen kann, vor allem natürlich der wichtigen SF-Romane und Erzählungen. Dazu jede Menge biographisches und Hintergrundwissen. Und alles in der gewohnt großartigen Golkonda/Memoranda-Aufmachung.

Uwe durfte dann natürlich noch über seine Arbeit für Perry Rhodan berichten, nicht alle Anwesenden hatten mit der größten SF-Serie der Welt bisher Berührungspunkte. Meine Perry-Zeit ist lange her, aber als ich sie damals zu lesen begann, stieß Uwe kurz danach zum AutorInnen-Team und ich hatte ihn nie als Langweiler in Erinnerung. Allerdings auch nicht als hervorstechender Autor.

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Bier, Buchselfies und ein überzeugender Bestsellerautor

Dafür konnte ich ihn vor ein paar Jahren für den Fantasyguide interviewen, da ich damals den Roman Zeit der Stasis besprochen hatte, eine Zusammenarbeit mit Thomas Ziegler.

Uwe ist heute ein gesetzter und streitbarer Mann, dem zu lauschen Vergnügen bereitet, da er nicht nur eine Meinung vertritt, sondern sie auch mit Argumenten und Wissen belegt. Ideale Voraussetzungen für einen Sachbuchautor. Sein Band über Stephen King wird übrigens gerade von ihm neu überarbeitet und erweitert. Natürlich ist er schon fest für das Memoranda-Programm eingeplant.

Bis dahin aber bleibt genügend Zeit, sich mal einen jener Silverberg-Bände aus seiner zweiten, der goldenen Phase, vorzunehmen.

Wer nicht knuxen kann, muss schlurfen

Einem Buch zu widerstehen fällt mal leicht (Abriss der Geschichte der SED), mal geht’s gar nicht.

Etwa wenn Hardy Kettlitz erwähnt, dass die Gesamtausgabe der Werke von Angela und Karlheinz Steinmüller weitergeht. Mein Lieblings-SF-Buch überhaupt ist bekanntermaßen, oft genug hab ichs erwähnt, ihr Roman Andymon und eines meiner allerersten Interviews im Dienste des Fantasyguides führte mich in das Wohnzimmer der beiden. Sie deckten mich mit Lektüre für zehn Leben ein, auch hier war Widerstand unmöglich.

Nun also eine Fortsetzung der Werkausgabe. Aber es kommt noch besser. Es ist die Fortsetzung zweier Werkausgaben! Denn kein geringerer als Universaltranslator Erik Simon ist schon seit Jahren mit dem Ehepaar aus Berlin auch literarisch verbandelt.

Diese Kollaborationen führten zu Die Wurmloch-Odyssee. Band 7 der Steinmüller-Werkausgabe und Band 5 von Simon’s Fiction.

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Die Wurmloch-Odyssee von Angela Steinmüller, Karlheinz Steinmüller und Erik Simon, Titelvignette: Thomas Hofmann

Das Buch gab es bereits als Shayol-Ausgabe. Der Verlag ging ja den Bach hinunter und nur wenige Exemplare überlebten den harten Markt. Zum Glück gibt es Hardy. Sein Golkonda-Imprint Memoranda glänzt also nun mit einer neuen Ausgabe und zeitgleich erschien auch noch der nächste Band, Leichter als Vakuum.

Die Wurmloch-Odyssee bezeichnet das Schreibkollektiv als Weltraum-Operette in acht Episoden. Einige davon sind nicht neu, sondern rüstige Klassiker, nun mit janz jungem Jemüse zu einem Werk zusammen gefasst.

Ausgangsstoff war die Geschichte Der Trödelmond beim Toliman aus dem Kurzgeschichtenband Windschiefe Geraden der Steinmüller.

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Die Quellen

Olaf R. Spittel inspirierte das zur Herausgeberschaft einer Anthologie, Geschichten vom Trödelmond, für die er verschiedene Kulturschaffende um Beiträge bat.

Wer war am fleißigsten? Erik Simon! Und nun also noch mehr vom Trödelmond. Oder genauer von der Besatzung des Schiffes, deren Navigator dereinst dem Souvenir-Rausch des Trödelmondes erlag.

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Karlheinz und Angela Steinmüller 2016 auf dem ElsterCon

Es ist teilweise eine Zeitreise zurück in die literarische Vergangenheit. Das spürt man am Stil der Geschichten, am Aufbau der einzelnen Teile und vor allem an den satirischen Elementen, die sich auf die zerplatzte Welt der DDR bezogen. Ich kann das mit einem Schmunzeln oder breitem Grinsen im Gesicht würdigen und konnte Erik Simon von ganzem Herzen zustimmen, der in seinen Anmerkungen postulierte, dass es manche DDR-Absurdigkeiten zu aktuellen Reinkarnationen geschafft haben. Ich sag nur Teamtraining (In jedem Team steckt tief, ein ganzes Kollektiv).

Als Fanboy gestehe ich ohne Gewissensbisse: Ich hab hier nur Lob, oder in Zeit-Geist-Tenor: Ich bin einer von jenen, deren Begeisterung für gerade dieses Buch euch, liebe Leserschaft, »mit Stumpfheit verhätschelt und verhunzt.«

Eigentlich wollte ich auch mal wieder ein Buch im Garten arrangieren. Unser Apfelbaum hat momentan für Schnecken eine eigene Interpretation einer Wurmloch-Odyssee im Angebot, aber Samuel Hamen hat vielleicht Recht, und derartig abgeschmackter Deko-Kitsch schadet der Literatur. Untergräbt ihr Innerstes und lässt den wahren Wert einer heftigen Kritik schwinden. Ordentliches Knuxen ist immer noch am besten.

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Nur Natur, ein Wurmloch und kein Buch.

Wer lieber genüsslich schlurfen will, für den gibt es meine Rezi im Fantasyguide: Die Wurmloch-Odyssee von Angela Steinmüller, Karlheinz Steinmüller und Erik Simon

Jenseits der Einöde des Realismus

Mein bester Freund verbindet gerne unsere Treffen mit Kultur, die ich immer aussuchen muss. Achherje. Da traf es sich diesmal sehr gut, dass mich Hardy Kettlitz kurz vorher auf den aktuellen Andymon-Clubabend hinwies und so gondelten wir nach Baumschulenweg.

Der Abend stand ganz im Zeichen Berliner Phantastikverlage, wobei man das mit Berlin recht sportlich sah. Der SF-Club Andymon ist eine kleine Fan-Gemeinde etwas erhöhten Alters, deren Themenabende sehr oft hochspannend sind, aber tatsächlich hab ich es nun erst zum dritten Mal geschafft, daran teilzunehmen. Aber zumindest sieht man sich regelmäßig bei den Otherland-Events.

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Michael Görden und Hannes Riffel

Als erstes stellte Hannes Riffel das aktuelle und geplante Programm von Fischer TOR vor, logischerweise mit dem Schwerpunkt auf die SF-Titel. Hannes sprudelte vor Begeisterung über. Neben Afterparty von Daryl Gregory in der Übersetzung von Frank Böhmert, das ich jetzt wirklich unbedingt lesen will, schwärmte er von Becky Chambers Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten und freute sich auf die Fortsetzung, die laut Lektorat noch besser sein soll. Da komme ich wohl auch nicht dran vorbei, gefiel mir die Wohlfühl-SF ja bereits im ersten Band. Die Neuübersetzung von Ursula K. Le Guins The Dispossessed als Freie Geister erscheint mir ideal für einen Reread und auch Charlie Jane Anders Alle Vögel unter dem Himmel muss ich einfach haben. Das TOR-Programm unter der Leitung von Hannes ist vielseitig und sehr verführerisch. Er plauderte auch aus dem Nähkästchen und es überraschte mich, dass Kai Meyers Krone der Sterne nur das dritterfolgreichste Buch des Programmes ist. Aber hey, jeder Bestseller finanziert etliche andere Titel.

Mit Spannung erwartete ich dann Michael Görden, seines Zeichens neuer Programmchef von Golkonda, der ja nun bei Europa unterkam und somit nach Gördens Aussage die Vorzüge des Strasser-Konzerns genießt, was vor allem Marketing und Vertrieb verbessern sollte.

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Michael Görden mit dem Golkonda-Programm

Zunächst warb er für ein paar Neuerscheinungen, die noch unter Hannes‘ Federführung an den Start gingen, etwa Die Übersetzerin von John Crowley. Grundsätzlich wird sich das Programm von Golkonda nicht ändern. Captain Future, aber auch die Klassiker werden fortgeführt, ebenso der Nimmèrÿa-Zyklus von Samuel R. Delany und die Werkausgabe von Thomas Ziegler, was Görden ganz besonders freute, da er mit Rainer Zubeil befreundet war und dessen Texte zu den ersten Sachen gehörte, die er je herausgab. Angekündigt ist auch der vierte Hiob-Band von Tobias O. Meißner, das immer noch verkannte Meisterwerk.

Erwähnenswert ist noch, dass für Rückblick aus dem Jahre 2000 von Edward Bellamy eine erweiterte Neuausgabe avisiert ist. Der anwesende Andymonier Wolfgang Both integrierte einen weiteren Sachtext, der als Vortrag eines Andymon-Clubabends entstand und nun das Werk endlich perfekt machen wird.

Natürlich wird sich bei den Reihen das Layout, fast immer von der großartigen Ben, nicht ändern, sodass SammlerInnen aufatmen können. Allerdings sollten sie sich bei einigen Werken beeilen, denn Jo Waltons Carmichael-Romane (Small Change Trilogie)  bekommen in der neuen Auflage ebenso ein anderes Gesicht, wie auch die Kurzgeschichtensammlung von Ted Chiang, die nun an die Verfilmung Arrival erinnert. Lobend erwähnte er noch die Arbeit von Hardy Kettlitz, der als Setzer und Projektmanager die Arbeit eines Verlegers sehr easy macht. Womit er beim Golkonda-Imprint Memoranda ankam. Dort wird es neben dem dritten Hugo-Band, der noch nicht ganz fertig ist, neue SF-Personality Bände geben. Wer Hardy kennt, dürfte sich nicht wundern, dass sich einer davon mit Robert Silverberg befasst.

Ein Höhepunkt des Programmes ist aber sicherlich die neue Werkausgabe der Kollaborationen von Erik Simon mit Angela und Karlheinz Steinmüller, die ich bereits zur Rezension geordert habe.

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Hardy Kettlitz stellt Festa-Titel vor

Hardy war aber nicht nur als Memoranda-Chef anwesend, sondern auch als Berliner Zweigstelle des Festa-Verlages. Der bedeutendste deutsche Horror-Verlag bringt etwa einen Erzählband des Fight Club-Autors Chuck Palahniuk heraus. Ansonsten halt Action und Horror.

Ein Thema aber haben alle drei Verlage gemeinsam: Howard P. Lovecraft. TOR bringt die megageile Prachtwerkausgabe herausgegeben von Leslie S. Klinger, die flux auf meinem Weihnachtswunschzettel landete. Golkonda liefert dazu die zweibändige Biographie von S. T. Joshi und bei Festa gibt es sowieso alles von Lovecraft und zudem noch jene Werke, die ihn beeinflusst haben, so etwa die Geistergeschichten von Montague Rhodes James, nach deren Lektüre man erst wirklich weiß, was Gruseln bedeutet. Hochspannend erscheint mir auch das sehr persönliche Buch Mein Freund H. P. Lovecraft von Frank Belknap Long in der Übersetzung von Michael Siefener – es gibt kaum noch einen Grund, sich nicht mal intensiv mit Lovecraft zu beschäftigen.

Und was mich auch stark reizt, ist Big Sur von Jack Kerouac, sein letztes Werk – und nach On the Road würde ich schon gern noch mehr von ihm lesen.

Aber allein dieser tolle Abend versorgte mich mit mehr Lesetipps als ich in vernünftigem Zeitrahmen lesen können werde. Es ist schon eine Crux mit diesem Hobby. Fängt man erst mal mit einem Buch an, will man bald alle lesen.

Wenn das Buch zum Monster wird

Der Golkonda Verlag ist eine Aphrodite für bibliophile Leseratten wie mich. Nur einmal kurz ins Programm geschaut und man erliegt der Verführung. So erging es mir auch 2013, als Hannes Riffel das neue Klassiker-Programm vorstellte. Die dort erschienenen und noch erscheinenden Werke sind reine Liebhaberprojekte von Menschen, die ganz bestimmte Bücher endlich wieder in angemessener Buchform sehen wollen. Vergessene Werke ebenso wie ihrer Meinung nach zu Unrecht kaum beachtete.

Es hat eine Weile gedauert, bis ich die vier Bände von Victor Hugos Der lachende Mann in meinen Händen hielt und auch das Lesen selbst zog sich lange hin. Zum einen schob ich diverse andere Bücher dazwischen, zum anderen ist der Roman kein Buch zum schnell weglesen.

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Der lachende Mann von Victor Hugo, Cover: s.BENeš

Hugo steckte eine Menge Stoff hinein, sowohl politisch, als auch literaturtheoretisch. Klingt jetzt vielleicht nicht recht spannend, aber lasst mich das erklären.

Der Roman entstand im Exil. Hugo war kein Freund der Restauration der französischen Monarchie und konsequent verließ er den Staat. Als Verfechter der Republik sah er im Adel den Parasiten, der nur existierte, um das Volk auszusaugen. Ich stimme ihm da zu und schreibe es immer wieder gerne, wie froh ich bin, dass unsere Vorfahren 1918 den Adel bei uns abschafften. Möge er auf ewig in der Mottenkiste der Geschichte verrotten.

Hugo allerdings focht den Kampf noch aus und er wählte als historisches Setting seines Romans das Ende des 17. Jahrhunderts in England. Es war die Zeit wechselnder Dynastien bis hin zum Act of Union 1707, der die schottische und englische Krone vereinte und Schluss mit Bürgerkrieg und anderen gewalttätigen Auseinandersetzungen innerhalb der Insel machte. Der Adel konnte seine Tage mit feierlichem Nichtstun verbringen. Die Auswirkungen dieser Vergnügungen auf das einfache Volk beschreibt Hugo an mehreren Stellen eindringlich. So holte man sich irgendwen von der Straße, trieb üblen Schabernack mit ihm, um das nicht selten verletzte Opfer einfach in die Gosse zu werfen. Die Justiz ging dagegen nicht vor.

Um diesen Effekt zu verstärken, ersann Hugo für seinen Roman eine noch finstere Intrige. Aus einem Abrafaxe-Heft wusste ich bereits, dass es mal Mode war, besonders schrullige Hofnarren zu züchten, indem man Kinder in krumme Kisten sperrte und somit zu deformierten Geschöpfen heranwachsen ließ. Hugo erfand dazu gleich eine ganze Berufsgruppe, die Comprachicos. In einer solchen Gruppe wächst Gwynplaine auf. Seine Gesichtsmuskeln wurden zerschnitten und so zusammengenäht, dass es stets breit grinst.

Doch der politische Wind dreht sich, dem Comprachicos droht der Tod, sie fliehen des Nachts bei Sturm, mitten im Winter. Den Beweis ihrer Tätigkeit lassen sie barfuß an der Küste zurück. Das Kind taumelt durch den Schnee auf der Suche nach Wärme und Hilfe. Dabei stößt es auf den toten Körper einer Frau und ein Baby. Der Junge nimmt das weinende Bündel mit sich, obwohl er selbst kaum Wärme oder Kraft hat.

Wer diese Szenen liest, erkennt darin Hugos Meisterschaft in der Beschreibung menschlichen Elends wieder. Und doch ist es auch eine Lobpreisung menschlicher Fähigkeiten, solange sie unschuldig und unverdorben sind. Verderbnis und Verführung lauern jedoch überall. Zwar werden die beiden Kinder gerettet und erleben eine glückliche Zeit bei einem alten Schausteller, der sie bei sich aufnimmt, aber niemand wird bei Victor Hugo ein Happyend erwarten.

Was das Lesen des Buches zu einer Herausforderung macht, sind die vielen Passagen, die nur indirekt etwas mit der Handlung zu tun haben, die zudem auch nicht immer linear erzählt wird. Zwar ist oft zu erkennen, warum Hugo über bestimmte Themen referiert und er zeigt auch hier eine fesselnde Sprachgewalt, aber wer sich dafür nicht interessiert, wird Probleme haben.

Der Roman ist tatsächlich nicht allzu oft verlegt worden. Herausgeber Andreas Fliedner hielt sich an die deutsche Erstübersetzung, die schon im Veröffentlichungsjahr der französischen Originals, 1869, erschien. In meinem Bücherregal stand noch ungelesen die Ausgabe des Verlages Neues Leben aus dem Jahr 1980, welche in Genehmigung durch den Paul List Verlag, Leipzig unter dem Titel »Die lachende Maske« in der Übersetzung von Eva Schuhmann erschienen ist.

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Die lachende Maske von Victor Hugo, Cover: Jürgen Pansow

Sie wurde von Jürgen Pansow illustriert, einem Grafiker und Bildhauer, der mir bis heute völlig unbekannt war obwohl ich eines seiner Werke, Zwiesprache, schon des Öfteren im Fennpfuhlpark sah.

Seine vermutlich ebenso wie das Cover farbigen Illustrationen halten sich sehr dicht am Text und einige erstaunen durch ungewohnte Perspektiven, in denen man den Bildhauer erkennen mag.

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Dea und Gwynplaine – Illustration von Jürgen Pansow 

Wer lieber eine aktuelle Neuübersetzung lesen möchte, kann auf die Prachtausgabe der Achilla Presse zurückgreifen. Sie erschien 2013 unter dem Titel »Der Mann mit dem Lachen« und wurde von Rainer G. Schmidt übersetzt. Leider gibt es die Achilla Presse nicht mehr, das Buch ist antiquarisch zu einem ähnlichen Preis zu haben wie die vier Golkonda-Bände zusammen.

Puh, ich bin froh, die Lektüre durchgehalten zu haben. Frank Böhmert konnte sich nach dem ersten Band nicht entschließen, weiter zu lesen, dabei endete dieser gerade erstmal damit, dass Gwynplaine und Dea von Ursus aufgenommen werden. Vielleicht unterstützt die Aufteilung in vier Bücher das Durchhalten nicht besonders. Auch wenn es mich schon reizt, irgendwann einmal alles von Hugo gelesen zu haben, in naher Zukunft wird das aber nicht geschehen. Denn erst einmal werde ich mit meiner Urlaubslektüre beginnen. Ja, der Urlaub ist noch drei Wochen entfernt, aber ich hab so das Gefühl, dass die vier erwählten Werke ebenfalls eine etwas langsamere Lesegeschwindigkeit mit sich bringen. Außerdem juckt es mich schon in den Fingerspitzen, in die portugiesische Literatur einzudringen, von der ich bisher noch überhaupt nix kenne oder weiß. Neuland!

Bis dahin und wie gewohnt der Link zu meiner Rezi im Fantasyguide, die etwas mehr auf die Handlung eingeht als dieser schon wieder so lange Blogpost hier: Der lachende Mann von Victor Hugo

Und in der Ferne ein grausames Kreischen

Seit Jahrmillionen schon bin ich Fan der Golkonda-Bücher. Fast alle sind wunderschön und liebevoll gestaltet, gerade auch durch die große Kunstfertigkeit von benSwerk.

So auch Armageddon Rock von George R. R. Martin; genau jener Autor, der durch seine Fantasy-Soap Das Lied von Eis und Feuer, samt Fernsehserie, berühmt geworden ist.

Armageddon Rock von George R. R. Martin, Cover von benSwerkArmageddon Rock von George R. R. Martin, Cover von benSwerk

Dieser frühe Roman nun erzählt die Geschichte eines Schriftstellers, der auf den Spuren seiner Jugend und dem Mord an einem Musik-Promoter herauszufinden versucht, was aus den Träumen geworden ist, die einst den Summer of Love bestimmten.

Martin erzählt das sehr dicht, für mich Laien in US-amerikanischer Geschichte höchst informativ und vor allem in den Beschreibungen der fiktiven Rock-Songs so plastisch, dass ich höchst traurig bin, die Musik nicht ergoogeln zu können.

Zum Schluss wird der Roman etwas esoterisch, oder religiös, je nach Gläubigkeit, aber trotzdem reißt Martin den derangierten Geist mit auf die Straßen der USA und hinterlässt trotz allem Blut liebliche Blumenmacht.

So ähnlich schrieb ich das nun auch endlich in meine Rezi Armageddon Rock von George R. R. Martin

Ein Herz für Science-Fiction

Seit Pulsarnacht bin ich Fan von Dietmar Dath. Mein Fanboytum verstärkte sich durch den grandiosen Roman Feldeváye und wurde bestätigt durch das Theaterstück zu Die Abschaffung der Arten in der Bearbeitung von Claudia Bauer.

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Dietmar Dath auf der Lesung im Otherland am 16.05.2014

Natürlich hat auch die Lesung im Otherland dazu beigetragen und darum bin ich ganz begeistert, dass ich über den Golkonda-Verlag Kontakt mit Dietmar Dath aufnehmen konnte und er trotz zeitlicher und anderer Probleme, die Zeit fand, mir auf meine Interviewfragen zu antworten.

Danke Dietmar und Danke Hannes!

Das ganze schöne Frage-Antwortspiel gibt es hier: Interview mit Dietmar Dath

Hübsche Klassiker bei Golkonda

Wenn ich soviel Geld wie inkompetente MinisterInnen hätte, würde ich jedes Buch des Berliner Golkonda Verlages kaufen. Hab ich aber nicht und darum wandern nicht alle der toll gemachten editorischen Meisterwerke in mein Bücherregal.

Bei der neuen Klassiker-Reihe aber konnte ich mich nicht zurückhalten. Zu verlockend ist die Aussicht, in einigen Jahren eine ganze Regalwand mit geilen Büchern zu besitzen. Zumal ich sehr gern in der Fülle fast vergessener deutscher Literatur des 18. Jahrhunderts schwelge.

Wilhelm Müller und andere: Bundesblüthen

Verleger Hannes Riffel geht es wohl ähnlich. Mit der Neuausgabe des Gedichtbandes Die Bundesblüthen aus dem Jahre 1806 erschien gerade der erste Band der Reihe. Folgen werden Texte von Ludwig Tieck, Karl August Varnhagen von Ense und sogar ausländische Klassiker wie Victor Hugo.
Warum es zu diesem Projekt kam, wie es weitergeht und was das Besondere daran ist, verriet er mir ein einem Interview, dass ich für den Fantasyguide mit ihm führte.

Ich fände es phantastisch, wenn die Reihe genügend Fans findet, um schön lange zu laufen. So eine Regalwand fast nämlich sehr viele hübsche Bücher!

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