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Todesschatten

Meine Lese-Arbeit für den DSFP habe ich vollbracht. Leider steht die Wertungsrunde ganz im Schatten des Todes unseres Mit-Jurors Andreas Kuschke. Ich kannte ihn nur aus dem SFN-Forum als ausgleichenden und stets freundlichen Moderator.
Sein Fehlen macht mich sehr traurig und ich wünsche seiner Familie Kraft, den Verlust zu ertragen.

Keine Ahnung, welche Auswirkung es auf den DSFP haben wird. Einige Mitglieder der Jury, die Andreas näher kannten, sind ziemlich durch den Wind. Verständlich. Ich bekomme auch immer feuchte Tränen, wenn ich im Forum Threads sehe, die er begann.

Leider endete der Mai mit einem weiteren Trauerfall. Michael Szameit starb am Freitag. Seine SF-Romane gehören zu meiner Lieblingslektüre. Sie waren stets anders als die Werke von Kröger, Tuschel oder Frühauf. Hintergründiger. Auch die Handlung bewegte sich in ganz anderen Bahnen.
Vor einigen Jahren fuhr ich mit ihm für ein Interview auf seinem Boot über die Berliner Gewässer. Ich fauler Sack hab es nie geschafft, die zwei Stunden Band abzutippen. Nun gibt’s aber kein Entschulden mehr. Verdammt, manchmal kommt der Tritt in den Hintern zu spät.

Stammtisch in space

Der neue Roman Dschiheads von Altmeister Wolfgang Jeschke wusste gar nicht zu gefallen und darum gibt es von mir im Fantasyguide einen Verriss.

Dschiheads von Wolfgang JeschkeDschiheads von Wolfgang Jeschke

Wenn man sich mit religiösem Fanatismus beschäftig, sollte es fundiert sein und nicht auf Stammtischniveau. Das braucht niemand.

Nun muss ich nur noch Heinz Zwacks Nebenweit in meinen SUBS wiederfinden, dann kann ich das Projekt DSFP 2013 abschließen. Bisher gibt’s auf meiner Liste einen Favoriten, zwei gute Werke und zwei Totalausfälle.

Die letzte Kurzgeschichte habe ich schon angefangen zu lesen, mal sehen, ob hier noch ein Favoritensturz möglich ist.

Lass es regnen, Karsten!

Ich weiß gar nicht so genau, warum ich bisher noch keinen Roman von Karsten Kruschel gelesen habe. Es kann sich nur um Elfenwerk handeln.

Aber da ich nun im Rahmen der diesjährigen DSFP-Runde seinen dritten Vilm-Roman, Das Dickicht, lesen musste, hat es mich nun aber so richtig erwischt!

Karsten Kruschel – Das DickichtKarsten Kruschel – Das Dickicht

Was für ein schnuckeliger SF-Roman aus dem Wurdack-Verlag. Karstens Figuren sind scheinbar völlig selbständige Entitäten, die einen Planeten bewohnen oder durchstreifen, der sich fast noch emanzipierter benimmt als sie.
Okay, es ist nicht der Planet selbst, sondern ein den Äquator umspannendes riesiges Gewächsgewimmel voller Tiere, Pflanzen und Wildgemischten. Immer wieder zeigt es den kleinen außerirdischen Lebewesen einen Stinkezweigfinger.

Aber das Besten am Roman ist, das Karsten ungemein fokussiert schreibt. Es gibt keine Längen, weder im Umfang einer Szene, noch in den Beschreibungen oder Info-Vermittlungen. Selten habe ich eine so konzentrierte und trotzdem verspiele Handlung erlebt.
Großartig. Kruschel verwirbelt seine Handlungsstränge und Weltenbauideen wie Dietmar Dath, nur dass man bei ihm jeden Satz versteht.

Ihr seht schon, ich bin hin und weg. Keine Ahnung, ob ich diese Begeisterung auch in der Rezi unterbringen konnte, auf jeden Fall muss ich mir bald irgendwie Zeit freischaufeln (und sie dann auch nehmen), um die restlichen Vilm-Bände zu lesen.

Kollege Jeschke hat es da gerade ziemlich schwer, mich für seine seltsame Gut / Böse Story Dschiheads zu begeistern.

Was mit Physik

Nicht jeder SF-Roman, der sich auf eine wissenschaftliche Theorie stürzt, handelt auch von ihr.

H. D. Klein etwa benannte seinen jüngsten Roman nach Frank Drake, der durch seine Gleichung zur Ermittlung von anderen Intelligenzen in der Milchstraße bekannt wurde. Zwar benutzt Klein die Faktoren der Gleichung als Kapitelüberschriften, aber damit hat sich dann der Bezug im Wesentlichen schon erschöpft.
Vielmehr verliert sich Klein in einer aufgeblähten und arg in sich unschlüssigen Space-Opera. Leider ein Komplett-Ausfall.

Drake von H. D. KleinDrake von H. D. Klein

Ich las das Buch für die diesjährige DSFP-Wahl und es gehört nicht zu meinen Favoriten. Die ganze Rezi gibts hier.

Nächster Kandidat auf meiner Todo-Liste bis Ende Mai ist Das Dickicht von Karsten Kruschel aus seinem Vilm-Universum. Das erste Drittel ist schon mal um Welten spannender und faszinierender als Drake. Im Prinzip schreibt Kruschel einen meiner Lieblingsromane weiter, nämlich Midworld (dt. Die denkenden Wälder) von Alan Dean Foster, auch wenn es viele Unterschiede gibt.
Die Ähnlichkeiten aber freuen mich sehr.

Lektüreprobleme

Für den DSFP lese ich gerade Drake von H. D. Klein. Ach, was ist das schwer, sich mit diesem Buch zu beschäftigen. Klar, mich hatte der Klappentext nicht gereizt, das Buch schon vorab zu lesen und mein Gefühl scheint sich zu bewahrheiten. Zwar gibt es spannende Momente, aber erzählerisch bringt Klein mich ständig auf die Palme. Langweilige und redundante Innensichten von zu vielen Figuren und Plotwendungen, die ausgewürfelt scheinen.
Ohne Pflicht, hätte ich es schon längst beiseite gelegt. Ok, ich hätte es gar nicht erst angefangen.

Ein ganz anderes Problem liefert Dietmar Dath. Feldeváye macht unglaublichen Spaß. Hier gibt es erzählerisch und vor allem was die sprühende Fantasie anbelangt, nichts zu meckern.

Nichts zu meckern, ist, als Erklärung für Nichtberliner, der Olymp der Komplimente

Und was ist das Problem? Dath-typisch gibt es Auslassungen im Text, denen ich gedanklich nicht zu folgen mag. Bin ich einfach zu blöd für. Das betrifft wahrscheinlich sogar den Grundgedanken des Romans. Irgendwie geht es um eine Gesellschaft, in der es keine Kunst gibt, da sie verwirklicht ist. Dann kommt aber doch wieder Kunst hinzu und das verwirrt alle.

Ehrlich, ich hab bisher keine Ahnung, wo das Problem ist, oder was es bedeutet, wenn Kunst verwirklicht ist.

Ich sehe mich ja auch als Künstler. Aber das hat für mich nichts mit Verwirklichung zu tun, sondern mit Laufen- und Rauslassen. Und das wäre nichts, dass sich beenden könnte, außer mit meinem Ableben.

Nächste Woche issa im Otherland und ihr könnt euch drauf verlassen, dass ich den Kollegen dazu befrage. In Deutsch kann ich Fragen stellen. Da mangelt es mir bei den englischsprachigen AutorInnen-Events noch.

Eine große Sache noch zum Schluss. Mit schwellender Freude höre ich gerade das neue Notwist-Album CLOSE TO THE GLASS in Dauerschleife. Jedesmal gibt’s wieder etwas neues zu hören. Sounds, Effekte und melancholischer Gesang. Was für ein Glück, dass bald ein Konzert ansteht.
:wave:

Nominierungen zum DSFP

Seit letztem Jahr bin ich in der Jury des Deutschen Science Fiction Preises, der vom Science Fiction Club Deutschland vergeben wird. Es werden nur die beste Kurzgeschichte und der beste Roman eines Jahres ausgezeichnet, dafür aber mit Geld prämiert.

Mich hatte die Mitarbeit gereizt, weil ich dadurch gezwungen bin, etwas mehr deutsche SF zu lesen und da ich immer auch ein bisschen abseits des Mainstreams lese, ergibt sich so vielleicht die Möglichkeit, andere Stimmen in die Jury hineinzutragen. Das hat auch ganz gut geklappt dieses Jahr.
Das spiegelt sich auf der Nominierungsliste allerdings nur teilweise wider.

Reinhard Jirgls sprachspielerisches Nichts von euch auf Erden fand kaum Fans unter SF-Lesern. Zu extravagant ist die Sprache.
Die Zukunft des Mars von Georg Klein wurde zwar besser aufgenommen, verweigerte aber den Genre-LeserInnen die eigentliche SF-Handlung.
Das von mir sehr geschätzte Winteraustreiben von Jasper Nicolaisen konnte ich auch keinem schmackhaft machen. Vielleicht liegts am Weihnachtsthema oder an der reinen eBook-Veröffentlichung, oder der oft gehörten Einschätzung, das sei keine SF.
Übrigens ein Spruch, mit dem ich mich öfter rumschlagen muss, gerade auch bei den Kurzgeschichten. Mein SF-Begriff ist da ziemlich weit, im Gegenzug grenze ich Fantasy sehr streng ein.

Jedenfalls hatte ich auf meiner Nominierungsliste den Nicolaisen gepackt, da ich nur drei Romane nennen konnte, musste ich hart sieben.
Die beiden anderen meiner Vorschläge schafften es dann aber auf die offizielle Liste:
Kategorie »Bester deutschsprachiger Roman«

  • »Dschiheads« von Wolfgang Jeschke
  • »Drake« von H. D. Klein
  • »Das Dickicht [Vilm Band 3]« von Karsten Kruschel
  • SchrottT von Uwe Post
  • Traumzeitmonde von Sven Edmund Reiter
  • »Nebenweit (nebenan unendlichweit)« von Heinz Zwack

Klar, »Traumzeitmonde« ist einfach eine riesige Überraschung, der musste auf die Liste. Zum Glück fanden sich Unterstützer.
Beim neuen Post habe ich hin und her überlegt. letztlich siegte der Gedanke, politische SF gehört gewürdigt.
Die anderen vier Bücher muss ich allesamt noch lesen. Damit ist der Mai schon dicht.

Bei den Kurzgeschichten gab es letztes Jahr leider wenig Stoff. Zumindest füllte Michael Haitel mit seinen Publikationen im p.machinery Verlag das Anthologien-Loch. Deshalb taucht er auch so oft in der Liste der Nominierungen auf:

Kategorie »Beste deutschsprachige Kurzgeschichte«:

  • »Spuren im Sand« von Bettina Ferbus, erschienen in Enter Sandman – Inspiration Metallica, herausgegeben von Michael Haitel
  • »Seitwärts in die Zeit« von Axel Kruse, erschienen in »Seitwärts in die Zeit« von Axel Kruse
  • »Coen Sloterdykes diametral levitierendes Chronoversum« von Michael Marrak, erschienen in Nova 21, herausgegeben von Michael K. Iwoleit und Olaf G. Hilscher
  • »Agnes« von Tedine Sanss, erschienen in Die große Streifenlüge – Inspiration Kate Bush, herausgegeben von Michael Haitel
  • »Operation Heal« von Merlin Thomas, erschienen in Blackburn, herausgegeben von Michael Haitel

Drei der Geschichten standen auch auf meiner Liste.
Agnes fand sehr viel Begeisterung, mich kann man mit solchem Romantasy-Gedöns jagen, es war nicht mein Favorit aus der Anthologie.
Den Kruse muss ich noch lesen. Damit habe ich bei den Kurzgeschichten kaum Nachholebedarf.
Zu den Marrak-Geschichten sollte man fairerweise hinzufügen, dass sie bei aller Großartigkeit Teile einer längeren Story sind, deren Komplett-Veröffentlichung ich entgegenfiebere. Das könnte ein megageiles Buch werden. Ich hoffe Michael findet einen Verlag dafür.

So, erst einmal ist die Nominierungsarbeit geschafft, jetzt geht es ans restliche Lesen und bewerten. Ende Mai oder Anfang Juni muss ich mich festlegen und Punkte verteilen.

Grats aber schon mal allen Nominierten und Buchschaffenden.

Kopf voll, Hände auch

Ja, ich weiß Blogtitel sind nicht immer literarische Höhepunkte. Jedenfalls geht’s um diverses.

Die nächste Rezi ist in Arbeit, wie immer bei Büchern, die mich nicht zur Begeisterung treiben und deren AutorIn ich zumindest vom Sehen her kenne, fällt es schwer, sich dranzusetzen und das richtige Maß an kritischen Worten zu bestimmen.
Und wenn man erst einmal beginnt, tiefer darüber nach zu denken, was einem nun denn nicht gefiel, relativiert sich einiges wieder. Mal sehn.

Dafür bin ich von meiner neuen Lektüre sehr begeistert. Winteraustreiben von Jasper Nicolaisen flatterte als eBook auf mein Handy. Normalerweise rezensiere ich keine eBooks, weil ich Bücher in den Händen halten und behalten will. Dateien sind halt virtuell. Aber da ich Jasper von der Lesebühne Schlotzen & Kloben her kenne und seine Texte schätze, nahm ich sein Rezi-Angebot an. Storys der Lesebühne erschienen übrigens auch als Buch, ich hab’s damals natürlich rezensiert: Raumanzüge & Räuberpistolen. Unbedingt lesenswert!

»Winteraustreiben« ist so eine Art Jugendbuchweihnachtsgeschichte mit Aliens. Bitterböse, sehr gut geschrieben und fesselnd. Kann sein, dass das mit den Aliens nicht stimmt, ich bin noch nicht durch. Falls es stimmt, könnte das Buch ein Nominierungskandidat für den DSFP werden.

Weil man ja ausgelastet sein weil, spiel ich gerade nebenbei wieder etwas WoW. Ein Arbeitskollege reaktivierte mich, um ein besonderes Mount zu bekommen. Nun hab ich sieben Tage kostenlose Spielzeit. War recht ungewohnt, durch alte, neue und veränderte Gebiete zu streifen. Ich hatte zunächst keine Ahnung, was mein alter Troll-Priester Steinbauch so zu tun hatte. Inzwischen geht’s schon etwas flüssiger. Das Questen macht auf jeden Fall sehr viel Spaß, Guild Wars ist ja momentan ziemlich langweilig.
Aber ob ich länger in WoW verbleibe, weiß ich noch nicht. Ist sehr zeitfressend. Eigentlich war ich ganz froh, dass mich Guild Wars gerade nicht so an den PC fesselt.

Zumal im Februar ja die neuen Zwerge kommen. Was da aber an Gerüchten im Umlauf ist, macht nicht so glücklich. Games Workshop scheint Umsatzrückgänge mit höheren Preisen kompensieren zu wollen. Zum Glück bin ich nicht darauf angewiesen, die neuen Modelle kaufen zu müssen, um spielen zu können. Ich hab noch einen Gutschein für den grandiosen Buch- und Spielladen Morgenwelt und der sollte reichen, um das Armeebuch und eine Neuheit zu erstehen, falls sie mich aus den Socken haut.
Dann werden die Milchbärte zu Testspielen verdonnert!

Alle Hände voll zu tun und wer weiß, was der Februar noch so bringt, immerhin steht noch die Ohrreparatur an.

Wo laufen sie denn?

Ein Problem, das sowohl LeserInnen als auch AutorInnen von Genreliteratur haben, heißt Zielgruppe.

Man ist es ja inzwischen gewohnt, dass Science-Fiction kaum noch so benannt wird und man sehr sorgfältig die Neuveröffentlichungen beobachten muss, will man nichts aus dem Lieblingsgenre verpassen. Gerade die großen deutschen Verlage meiden das Stigma SF.
Oft stolpert die SF-Gemeinde eher zufällig über solche Veröffentlichungen, denn offenbar sieht man sie gar nicht als Zielgruppe.

Als Juli Zeh die Nominierung ihres SF-Romans Corpus Delicti für den Kurd-Laßwitz-Preis ablehnte, begründete sie das damit, dass sie ihren Roman nicht als SF sähe.
Das ist ihr gutes Recht, aber es stellt sich die Frage, für wen schrieb sie ihren Roman? Warum wählte sie explizit ein Zukunftsszenario um ihre Geschichte zu erzählen, wenn sie dann doch irgendwie Scheu davor hat?
SF-Fans lesen Bücher mit Zukunftsszenarien. Das ist quasi ein Teil ihrer Definition des Genres. Sie sind automatisch die Zielgruppe solcher Bücher.

Ein ähnliches Auseinanderdriften lässt sich bei Nichts von euch auf Erden von Reinhard Jirgl feststellen – meiner aktuellen Lektüre.
Der Roman wurde im Feuilleton besprochen, der Verlag hat offensichtlich ganz normale Pressearbeit betrieben, aber eben nicht in der genuinen Zielgruppe. Warum?

Das Buch selbst ist, ich hab davon berichtet, in einer Sprache geschrieben, DurchschnittsleserInnen ausschließt. Trotz der Verwendung interessanter SF-Themen und Topoi scheint sich der Roman an jemand anderes zu wenden. Nun braucht Kunst keine Adressaten, es ist also eigentlich sinnlos zu hinterfragen, warum Jirgl SF nicht für normale SF-Fans schrieb. Hätte er die Geschichte in gebräuchlichen Worten erzählt, wäre es immer noch ein grandioser SF-Roman geworden.
So aber engt sich Leserschaft dramatisch ein. Das Buch verschwindet aus der Wahrnehmung der SF-Gemeinde und schlägt auf im Westentaschenuniversum deutscher Hochliteratur.

Das wird dem Hanser Verlag klar gewesen sein. Und so landet ein prallvolles Füllhorn moderner SF im germanistischen Archiv und wird zur Fußnote in der Geschichte der Deutschen Science Fiction: Jirgl, Reinhard – schrieb auch mal einen SF-Roman.

Und das macht mich traurig. Wahrscheinlich liegt es am Herbst.

Gedanken zur Schriftcodierung bei Reinhard Jirgl

Während der Text mal flüssig, mal träge durch meinen Kopf rauscht, kamen mir einige Überlegungen zur Schriftcodierung in Reinhard Jirgls Nichts von euch auf Erden:

ent-2 brechen
jeder für=sich-all-1
werde im Haus der Sorge 1 Reparaturantrag stellen

1 und 2 nicht auszuschreiben, stört mich beim Lesen sehr, gerade wenn es gebeugte Formen von ein oder zwei ersetzen soll. Diese Ersetzung ist auch nicht konsequent durchgezogen. Ich habe mich aber auch nicht bemüht, ein System darin zu suchen. Vielleicht gibt es das.

?Welche Schlußfolgerungen hat !er daraus ableiten können.

Ausrufezeichen vor einem Wort verwirren mich hin und wieder. Ganz besonders, da ich als Programmierer gewohnt bin, dies als Negation zu lesen.
Gerade hier, wo ich automatischen eine logische Und-Verknüpfung las:

Daraus – !erstaunlich – erwuchsen !echte Reichtümer & !wirklicher Gewinn.

Aber Jirgl mach das auch mit Fragezeichen und dadurch entsteht schon eine zusätzliche Betonung von einzelnen Wörtern. Eigentlich eine nützliche Maskierung. Könnte ich mir in eigenen Gedichten durchaus als Mittel vorstellen. An manchen Stellen wirkt es aber auch albern, da man das Bedeutungsschwangere mit dem Dampfhammer in die Augen getrieben bekommt:

bilden den absoluten !Sonderfall, die !1malige !Ausnahme;

auf=Erden

Die Gleichheitszeichen sind meiner Meinung nach fast immer irrelevant. Man könnte sich damit beschäftigen und jedesmal über die Sinnaufladung nachgrübeln, aber zum einen gibts einfach zu viele Gleichheitszeichen und zum anderen will ich einen Roman lesen und kein Gedicht.

–Möcht er hören, was Damals geschah.

Die wörtliche Rede durch Anstriche und nicht durch Guillemets zu maskieren ist wohl Exzentrik. Bringt dem Text keinen Hinzugewinn.

Be=Geisterung

Sehr interessant und nützlich sind Zusammenschreibungen bzw. Trennungen von Wörtern, die dadurch neue oder exaktere Bedeutungen erhalten. Warum da im Beispiel ein Gleichheitszeichen ist, weiß ich auch nicht.

Es gibt auch einige lautmalerische Schreibweisen, die mich als Lyriker begeistern:

Keineruh fand ich damals, Keinenschlaf – ich grübelte, ?wie !herauskommen aus dieser Phalle…..

Das hat schon etwas.

Daraufhin nehme ich an seiner Seite Platz*.

Das Sternchen konnte ich noch nicht zuordnen. Muss ich mir eine Anmerkung denken? Das Wort Stern? Oder Asterisk?

Da ich als Lyriker gewohnt bin, Stilmittel nicht zu überstrapazieren, neige ich aber dazu, Jirgls Schriftcodierung nur mittelprächtig zu finden. Mir reichte es durchaus, wenn ich eine Wortidee einmal vorgesetzt bekäme. Ich erwische mich dabei, wie ich den Wort- und Zeichenzauber einfach überlese um die Handlung aufzuspüren.

Neue Lektüre: Reinhard Jirgl – Nichts von euch auf Erden

Reinhard Jirgl begegnete mir in Buchform das erste Mal in der von Gerhard Wolf herausgegeben Buchserie Außer der Reihe mit dem Mutter Vater Roman.
Als Lyriker fand ich Jirgls Schriftcode immer faszinierend, da ich jedoch kein Fan deutscher Gegenwartsliteratur bin, blieb mir Jirgl nicht im Lesefokus.
Nun jedoch erschien mit Nichts von euch auf Erden ein Roman, der Science Fiction zu sein scheint und da ich seit Kurzem in der Jury zum Deutschen Science Fiction Preis sitze, lag es nahe, mir das Buch als Rezensionsexemplar vom Verlag zu wünschen. Natürlich war ich damit zu spät, aber ich bekam eine pdf-Version und die lese ich nun.

Der Anfang stürmt auch gleich mit poetischer Wucht auf den Leser zu und lässt nur die übrig, die sich auf derartige Überlagerungen, Umdeutungen und Gegendenstrich-Kodierungen einlassen wollen.
Der zweite Teil des Prologs ist dann schon etwas konservativer. Eine wütende Utopie, ein umfangreicher Infodump, der offenbar den Background erklären soll. Durchaus mit netten Ideen, aber bisher las ich noch nichts, was mich vor Begeisterung jubeln lassen würde.

Aber warten wir es ab. Reinhard Jirgl hat, soweit ich suchte, keinen eigenen Internetauftritt. Schade.

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