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Wenn der Funktor strahlend morpht

Noch heute rätsle ich, wie ich durch das Mathe-Abi kam. Ähnlich dem Russischen habe ich das Meiste instant wieder vergessen. Aber vermutlich würde ich mit meinem Schulwissen, wäre es noch präsent, auch nicht mehr von dem verstehen, was in Dietmar Daths jüngstem Werk (hab nachgeguckt, stimmt noch) Der Schnitt durch die Sonne zum zentralen Thema erhoben wird.

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Der Schnitt durch die Sonne von Dietmar Dath

Intelligente Sonnenstrudel holen sich ein menschliches Expertenteam um einen Bürgerkrieg zu beenden (ganz grobe Inhaltsangabe).

Die Menschheit wurde dabei erst in dem Augenblick interessant, da sie die Kategorientheorie entwickelte, was bereits in den 1940er Jahren geschah. Von dieser Theorie hatte ich bis dato noch nie gehört.
Dath geht anscheinend davon aus, dass es einem Großteil der Leserschaft ähnlich geht und lässt eine uns bereits aus einem anderen Werk von ihm bekannte Mathematikerin, Vera Ulitz (Deutsche Demokratische Rechnung), diese Theorie ausführlich im Buch erklären. Nach der ersten Abstraktionsstufe hatte sie mich leider verloren trotz anschaulicher Beispiele. Mein Hirn verknäult sich dabei automatisch. Das ist wie mit der Definition von Hermeneutik. Ich lese die Worte aber sie transportieren keinen Sinn für mich.

Aber zumindest reicht mein Verständnis aus, um eine Vermutung von Daths Konstruktionsidee entwickeln zu können: Er nimmt ein mathematisches Modell und nutzt es als Ideen-Geber für einen SF-Roman.
Seine Figuren sind Abbildungen, ihre Beziehungen Morphismen und ihre Handlungen Funktoren. Die Sonnenstrudel werden kategorisch kategorientheoretisch fett geschrieben und selbst ein berühmtes Mathe-Monster darf als 196.883 eine zentrale Rolle spielen.

Sehr wahrscheinlich steckt noch viel mehr in den Zeilen, aber selbst das Wenige, das sich mir erschloss, ist schon ungemein faszinierend. Sobald man nämlich begreift, wie das da auf der Sonne tatsächlich abläuft, gewinnt der Roman eine viel größere Tiefe. Es ist wie mit diesen 3D-Bildern, für die man den Fokus der Augen verändern muss, um dann plötzlich in das Bild hineinsehen zu können.

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Dietmar Dath 2015 während einer Lesung im Brechthaus

Natürlich steht auch dieser Roman ganz in Daths politischem Kontext. Er will, dass sich bestimmte Dinge verändern, dass man jene anspricht, die falsch laufen und sich mit anderen zusammenschließt, um sie gemeinsam anzupacken.

Diese Verbindung von cooler SF-Idee, politischer Haltung und literarischem Anspruch liegt exakt auf meiner Wellenlänge, selbst wenn sie sich mal in ein Energieniveau aufschwingt, in der sie meinen Wahrnehmungshorizont verlässt.
Aber Literatur darf auch ruhig mal die Synapsen pieksen.

Ein paar Sätze mehr gibt’s in meiner Rezi: Der Schnitt durch die Sonne von Dietmar Dath

Gekaufte Utopien

Gelegentlich grüble ich darüber nach, warum mich Gegenwartsliteratur völlig kalt lässt. So genau kann ich das gar nicht begründen. Letztlich liegt es ja auch an den erzählten Geschichten. Aber irgendwie reizen mich die meisten Buchbeschreibungen überhaupt nicht.
Deutsche Demokratische Rechnung hätte ich nie angefasst, wäre sie nicht von Dietmar Dath gewesen.
Zu Beginn des Lesens war ich überrascht, wie interessant man dann doch über 2014 in der BRD schreiben kann. Ruckzuck steckte ich in der Geschichte und folgte Vera durch ihr verwirbeltes Leben. Stand ich plötzlich doch auf Gegenwartsliteratur?
Und dann sagte Dath auf der Lesung im Brechthaus, selbstverständlich sei das Buch SF.
War ja so klar.

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Andreas Platthaus kann Dietmar Dath das Wasser reichen. Deutsche Demokratische Rechnung im Brechthaus am 29.05.2015

Das letzte Mal, als mich aktuelle Literatur brennend interessierte, war zum Ende der DDR hin und hat vermutlich auch mit dem Erwachsenwerden zu tun. Vielleicht auch am Mangel an SF im Regal meiner Bibliothek.
Aber dieses Lechzen nach versteckten Wahrheiten gehörte irgendwie dazu. Im Vergleich zudem, was damals an neuen Gedanken auf mich einprasselte, gerade aus der jungen Sowjetliteratur, ist heute irgendwie die Luft raus. So scheint es mir zumindest. Aber ich suche auch nicht wirklich.
Im Gegenzug fehlt mir gerade in der deutschsprachigen SF das Interesse an Stoffen, die sich an der Gegenwart reiben. Politische SF ist Mangelware. Neben Dath fällt mir spontan nur noch Uwe Post ein.

Das mag etwas mit dem verstärkten Unterhaltungsanspruch in der Literatur zu tun haben. Dieses Schreiben für den Markt. Man muss ja davon leben können. So entstehen gekaufte Utopien.
Passend zum Thema fand ich heute in der FAZ online die Rede Erst verschwinden die Dörfer, dann wir von Norbert Niemann. Nachdenklich stimmender Text.
Wobei natürlich der Blick auf das professionelle Lage notwendiger Weise mehr Marktabhängigkeit offenbart. Unabhängige KünstlerInnen, auch in der Literatur, gibt es bestimmt weitaus mehr.
Tja und wäre es ohne Markt besser? Vielleicht. Man müsste, und da sind wie wieder bei Daths Deutscher Demokratischer Rechnung, aus den Fehlern des Scheiterns lernen.

Deutsche Demokratische Rechnung von Dietmar DathDeutsche Demokratische Rechnung von Dietmar Dath

Und was im sozialistischen Literaturwesen alles schieflief, erkundet gerade Gesine von Prittwitz auf ihrem SteglitzMind-Blog in der sehr lesenswerten Artikelreihe Das ungelöste Verhältnis von Politik und Ökonomie. – Buchhandel in der DDR.
Kaum vorstellbar, aber auch ich bin eine Zeitlang jeden Tag in die Karl-Marx-Buchhandlung gerannt, um ja keine spannende Neuerscheinung zu verpassen. Denn die Exemplare waren abgezählt. Seltsame Zeiten.

Aber ganz aktuell ist meine Rezi:
Deutsche Demokratische Rechnung von Dietmar Dath

Die richtigen Fragen

Während ich noch mit den richtigen Worten für die Rezi zu Verrückt nach Kafka von Anatole Broyard hadere, das mir Frank Böhmert kürzlich in die Hände drückte, kämpfe ich auch schon mit einer Meinung zum nächsten Buch, Dietmar Daths Deutsche Demokratische Rechnung.
Er selbst bezeichnet es als SF und das stimmt auch so ein bisschen aber vielmehr noch ist es ein ofenheißer Gegenwartsroman. Innensicht einer linken Szene, die mir vollkommen fremd ist.
Daran, wie es in mir grummelt und gärt, merke ich, dass Dath da die richtigen Fragen stellt und ich seine Antworten nicht mag, dass ich da noch werde nachdenken müssen.

Und was mach ein Dichter, wenn der Bauch und das Hirn in unterschiedlich dicken Suppen blubbern? Er schreibt ein Gedicht.

Wo die Kugel ihren Käfig berührt

An der Mauer stehen neue Parolen
frischer als jene
Wählt Liste 3, KPD!

unendliche Übermalungen
was einst Geschichte sein sollte
an der Friedhofsecke
wo der Geist meines Vaters den Vögeln lauscht
und alle Blumensträuße
in Baumeskühle länger überleben
geköpft und ins Wasser gestellt

nur eine Ecke weiter
gabs Molle mit Korn

frag mich nach Wunden
aus diesen Jahren
und keine wird politisch sein
nicht direkt
denn es gab fast nur
die ganze Welt in dem halben Land
das nicht klein sein durfte
und doch an Kleinmut zerbrach
und am Fluch jeder Diktatur

es gibt keinen Kit
für gebrochene Herzen
in verwesten Kadavern
am Ende bezahlt
jeder selbst seine
Deutsche Demokratische Rechnung
packt Trinkgeld dazu
oder gleicht bis auf den letzten Pfennig
die Schuld oder blinde Flecken aus

versuchen wir das nochmal
oder war es das jetzt
mit dem gerechten Leben
Zeit wird es doch
die Technik ist soweit
und jeder nach seinen Bedürfnissen
und jede erst recht

und mitten im bösen Kleinklein
guckt man hinaus in das lichte Morgen
dort winkt schon ein Banner
mit frohen Visionen
und weiteren Sprüchen
dazwischen das Nichts eines Abschnittswechsels
der nur für eine Maschine aus Zeichen besteht
damit sich der Schlitten bewegt
mit reichlich Klingklang
dem Schellen der Narrenkappe abgehört
doch er meint das alles ernst
in den sich verzweigenden Zeiten
mit veränderlicher Vergangenheit
und dem Achsoguten im Untergang
oder davor gewiss

bei all den Graffitis
die graue Wände lebendiger machen
oder rote Ziegelsteine
werde ich farblos bleiben

Entropie und Utopie

Nach drei Büchern und zwei Lesungen bin ich schon lange nicht mehr unvoreingenommen, wenn es um Dietmar Dath geht.
Meist begeistert mich ja eher das Werk bereits verblichener Autorinnen und Autoren, aber mit dem Dath kann ich wirklich etwas anfangen.

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Brecht schmult immer irgendwo hervor

Besonders reizt mich, dass er mich geistig herausfordert, Selten verstehe ich alles und ich muss oft genug über Sätze, Konzepte und Handlungsstrukturen nachgrübeln.

Daher ist es immer spannend, wenn er es selbst erklärt. Wie Freitag Abend im Brechthaus.

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Als Gesprächspartner, bzw. ein paar Fragen-Steller fungierte FAZ-Kollege Andreas Platthaus.

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Andreas Platthaus und Dietmar Dath sind Kollegen

Der stellte auch gleich den Abend unter den Eindruck eines anderen Kollegen, nämlich Dieter Bartetzko, den sie am Vormittag zu Grabe getragen hatten.

Dietmar ging später wiederholt auf ihn ein, eine vor allem kraftvolle Erinnerung an den Freund.

Es wurden die beiden Bücher vorgestellt, die im Frühjahr erschienen sind. Venus siegt, die Parabel über Stalinismus transferiert auf eine zukünftige Venus und Deutsche Demokratische Rechnung, eine Art Parallelweltgeschichte, die sich mit den Gründen für das Scheitern der DDR auseinandersetzt. Grob gesagt.
Beide Bücher lohnen sich, sie zu lesen und dann entdeckt man noch viel mehr darin.

Einige Geheimnisse verriet Dath am Ende seiner Lesereise, zumindest sagte er das.
Darunter auch, dass es sich bei Deutsche Demokratische Rechnung um einen SF-Roman handele, er könne auch gar nichts anderes schreiben.

Ich hatte mir das Buch am Vortag gekauft und schon bereits angelesen. Und tatsächlich wunderte ich mich, warum mir plötzlich ein Gegenwartsroman gefällt. Er spielt in 2014, BRD, Erde. Jetzt ist die Empathie erklärbar, SF, what else?

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Es stecken mehr als ein paar Worte in einem Buch von Dietmar Dath.

Auch wenn sehr vieles realistisch ist, gab Dath doch einige Beispiele, wo man diesen Realismus ruhig in Frage stellen sollte. Das betrifft zum Teil höhere Mathematik, wo man mir eh alles erzählen kann und ich hielte es für Phantastik.

Zu Venus siegt wusste Dath logischerweise noch mehr historische Figuren zu benennen, die darinnen zu finden sind. Funktionäre interessierten mich nie besonders. Da es in meiner Jugend zu viele von ihnen gab, musste ich etwa Bucharin googeln.
Mich wird das wahrscheinlich nie so faszinieren können, wie jemanden der im Westen nach Osten mit großen Augen sah.

Den Büchertisch bestückte übrigens die Otherland-Buchhandlung. Ich sah Simon Weinert da sitzen und just heute las ich im Newsletter, dass er am 14. Juli endlich die gedruckte Version von Tassilo – Der Mumienabrichter präsentieren kann.

Eine Sache berührte mich, weil sie so ein bisschen nach dem aussah, wie meine Zukunft sein könnte. Neben mich setzte sich ein alter Mann, der stolz erklärte, zur alten Garde zu gehören. Wie berühmt das Brechthaus schon vor dem Mauerfall war. Biermann in der Nähe und aus Westberlin seien sie gekommen. Ich vermutete, er hätte Deutsche Demokratische Rechnung nur gelesen und gekauft, der DDR wegen.
Und im Buch gibt es ja auch so eine feine Melancholie, die ich nicht mitempfinden kann. Auch mit Honecker habe ich kein Mitleid und mir ist es egal, wie zynisch es war, ihn im selben Knast festzusetzen, wie schon die Nazis.
Aber, ich finde es äußerst interessant. Entropie hat ihre Grenzen aber eben auch Potential.

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