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Grummelnder Grime aus Görlitz

Ja, es hat eine gewisse Ironie, dass ich mir Sibylle Bergs »GRM Brainfuck« in Görlitz kaufte. Wir weilten in der östlichsten Metropole Deutschlands für ein geselliges Wochenende mit Freunden. Görlitz wurde nach den zweiten Weltkrieg geteilt, die Seite auf dem Ostufer der Neiße wurde polnisch. In der DDR vergaß man die Stadt irgendwie, wodurch sie fast zerfiel. Die Wende kam gerade noch rechtzeitig. Mit viel Geld, darunter die berühmte jährliche Million eines anonymen Spenders, wurde die Altstadt wunderschön restauriert. Leider gibt es kaum Arbeit, sodass die jungen Leute wegziehen. Es gibt viel Lehrstand, aber auch viel Tourismus. Und eine große Anhängerschaft populistischer Ideen.

An einem Buchladen vorbeizugehen, ohne ein Buch zu kaufen, ist Elfenwerk und sowas mach ich natürlich nicht. Der Laden war so ein schummriges, mit Buchstapeln vollgestelltes Zimmer, in dem ich ewig hätte stöbern können, doch bereits im Schaufenster winkte mir »GRM« zu. Als ob ich Klamotten kaufen muss, stürzte ich also zur Buchhändlerin und äußerste meinen Wunsch. Noch im Hotel begann ich zu lesen.

GRM Brainfuck von Sibylle Berg , Cover: Claus Richter

Das Buch erschien erst im April und mein Exemplar stammt schon aus der fünften Auflage. Was für ein Erfolg! Via Twitter hatte ich schon einen gewissen Hype um das Buch beobachten können. Ich folge Frau Berg dort schon eine ganze Weile, auf sie aufmerksam machte mich Frank Böhmert, der sie schon lange als Autorin schätzt.

Sie ist als Kolumnistin äußerst streitbar und bei Twitter auf sehr erfrischende Art, böse, spitzfindig und direkt. Mir kleinem Harmoniebolzen fehlt solch gespannte Armbrust, die mich ab und zu mal so richtig in die Realität schießt.

»GRM« ist eine hammerharte Dystopie. Dabei spitzt Sibylle Berg viele Gräuel gar nicht mal sonderlich zu. Vielmehr holt sie den ganzen alltäglichen Unrat zusammen und schüttet ihn über ihre Figuren aus. Sozialer Abstieg, Gewalt, technische Abhängigkeit, Diskriminierung – es gibt kein Erbarmen, weder für mich als Leser, noch für die Charaktere.

Natürlich beginnt man sich als alter weißer Mann recht bald ziemlich schlecht zu fühlen. Ein Großteil der Probleme dieser Welt und der von »GRM« steckt quasi in meinen Schuhen. Solche nicht dezenten Fingerzeige riefen viel Abwehr hervor. Was im Netz an Hass über das Buch und Sibylle Berg ausgeschüttet wurde, ist so erschreckend wie unverständlich. Keines der im Buch beschriebenen Verbrechen hat die Autorin begangen, erfunden oder befürwortet. Schon seltsam.

»Das Buch zur Stunde«, las ich irgendwo. Und das hätte »GRM« durchaus werden können. Aber für mein Empfinden hat Sibylle Berg irgendwann kein Ende mehr gefunden. Vielleicht wollte sie wirklich alles ins Buch packen, was sich Menschen gegenseitig antun und was an technischer Unterdrückung alles noch denkbar und möglich ist – jedenfalls setzt bald eine Übersättigung ein. Irgendwann relativieren sich die einzelnen Müllkrümel einfach zu einer Müllkippe. Zu viel des Üblen. Als Leser ist es ja recht leicht zu meinen: Das hätte man kürzer fassen können. Vielleicht gab es gute Gründe, »GRM« so ausufernd zu gestalten. Aber ich denke, dass sich diese umfassende Darstellung unserer düsteren Zukunft nicht ganz so tief eingraben wird, wie es ihr mit etwas feinerer Auswahl hätte gelingen können. Denn »GRM« ist an sich unser »1984«. Ein schwerverdauliches Buch, wirklich sehr gut geschrieben und über weite Teile fesselnd. Nun begrabt eure Handys, pflanzt eine Sonnenblume und seid lieb zueinander.

Wer etwas mehr über den Inhalt wissen möchte, findet das in meiner Rezi: »GRM Brainfuck« von Sibylle Berg

Jenseits der Party

Nach Volker Braun und Bert Papenfuß lud das Literarische Colloqium Berlin erneut zu einer Veranstaltung ein, die mein lyrisches Interesse maßlos entfesselte. In der Reihe Auf Wiedervorlage ging es um den Literarischen Salon von Ekke Maaß. Dabei handelte es sich um regelmäßige Abende mit Lesungen, Musik, Essen und Getränke, die in der Wohnung von Ekke Maaß stattfanden, Prenzlauer Berg, DDR. Der Salon existiert zwar noch heute, aber im Mittelpunkt standen die 80er Jahre, als eine junge Lyriker-Generation jenseits des staatlichen Kulturbetriebes eine eigene Szene bildete, die sich in solchen Wohnzimmern eine private Öffentlichkeit schuf, die ihnen der Staat verwehrte.

Als Mäzen und Türenöffner dabei auch Christa und Gerhard Wolf uns es war mir eine riesige Freude, dass Gerhard Wolf den Abend mit viel Wissen und Empathie einleitete.

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Gerhard Wolf

Für mich ist er seit seiner Herausgeberschaft von Außer der Reihe einer der aufregendsten Buchschöpfer des Landes.

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Meine Außer der Reihe

In dieser Reihe erschienen kurz vor der Implosion der DDR endlich jene aufregenden Dichterinnen und Dichter, von denen man meist nur hinter der Hand oder in diversen Sammelpublikationen ein zwei Bröckchen fand.

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sprachzeiten

Anlass des Abends war das Erscheinen des Buches Sprachzeiten, herausgegeben von Peter Böthig, der sich dem Salon von Ekke Maaß in Wort und Bild widmet. Zu Wort meldeten sich neben dem Gastgeber auch Elke Erb und Jan Faktor, beide feste Größen in der damaligen jungen Szene.

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Jan Faktor und Elke Erb

Ekke Maaß hatte sein Minipiano dabei und sang Biermann und Brecht und war insgesamt voller Begeisterung von sich und seinem Salon. Bestimmt hat er auch allen Grund dazu. Heute kümmert er sich zusätzlich auch noch um Migranten und aus dem Kaukasus.

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Ekke Maaß

Elke Erb schien dem Abend zunächst etwas skeptisch gegenüber zu stehen, denn sie las ihre Wortmeldung zum Salon aus dem Buch vom Blatt ab, quasi als Diskussionsbeitrag und würzte ihn mit lakonischen Bemerkungen.

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Elke Erb

Auch Jan Faktor wollte sich nicht so ganz als schmückendes Beiwerk verstehen und insistierte einige Male. So stellte er klar, dass die Abende in erster Linie Partys waren und man nach den Lesungen selten inhaltlich und überhaupt nicht politisch diskutierte.

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Jan Faktor

Der Kreis war auch recht groß, es wurden Zahlen von 50-70 Besuchern genannt. Ich kenne das aus eigenem Erleben, nach einer Lesung will kaum jemand etwas zu den Texten sagen.

Interessant war auch Jan Faktors Empfinden, sich bei Ekke immer sicher gefühlt zu haben und von der Stasi nichts mitbekommen zu haben.

Ekke Maaß gab dann aber Details aus seiner Stasi-Akte zum Besten und da lief dann doch einiges im Verborgenen ab.

Und damit sind wir beim Erstaunlichsten des Abends. Ganz deutlich war zu spüren, dass unsere drei Zeitzeugen den Verrat von Sascha Anderson bis heute nicht wirklich verwunden haben. Die Verletzungen liegen zum Teil ganz offen. Ekke Maß und Sascha Anderson mochten sich damals aus privaten Gründen nicht, dass Anderson ihn aber ans Messer lieferte und er nur deshalb nicht verhaftet wurde, weil man Anderson sonst enttarnt hätte, ist in der Tat eine bühnenreife Story, wie Moderatorin Sieglinde Geisel bemerkte.

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Sieglinde Geisel und Julia Schoch

Anderson gerierte sich selbst als Mittelpunkt der lose verbundenen Künstlerinnen und Künstler. Er schrieb viel, manifestierte und netzwerkte – und quasselte alles munter bei seinem Führungsoffizier aus. Auch Jan Faktor war es deutlich anzumerken, wie stark ihn diese sinnlose Verpetzerei von Nichts noch heute bewegt. Allerdings gab er gegen Ende des Abends zu, dass die Texte durchaus Angriffe auf den Staat waren. Man schuf eine Sprache, die von den Worthülsen befreit wurden, die man jeden Tag in den Zeitungen lesen sollte. Man decodierte den Text und setzte ihn neu zusammen. Was etwa Bert Papenfuß und Stefan Döring mit ihren Techniken an Kraft gewannen, ist noch heute zu spüren. Das durfte man als Diktatur schon mit Bedenken betrachten.

vorbereitung

Lektüre

Ich hab mir als Vorbereitung zu diesem Abend ein paar alte Bücher aus meinem Lyrikregal gegriffen und fand darunter ein bemerkenswertes Buch. VOGEL ODER KÄFIG SEIN erschienen bei der Edition Galrev, 1991. Das Verlagshaus wurde von Sascha Anderson und Rainer Schedlinski gegründet und das Buch erschien vor der großen Biermann-Abrechnung mit den Stasispitzeln.

Nun ist das Buch ein großartiger Fundus an Werken, Sachtexten, Grafiken und Fotos und wurde von einer Menge Leuten zusammengestellt, aber gerade die Beiträge von Anderson lesen sich aus heutiger Sicht doch arg geheuchelt.

Ob der Schwiegersohn von Martin Walser damit gerechnet hat, dass sein gesamtes publizistisches Werk mit ihm auf dem Orkus der Geschichte landen würde? Ich finde es ja sogar fraglich, ob seine Texte je ernsthaft literarisch waren oder nicht einfach imitierender Teil der Tarnung. Und ist es nicht irgendwie tragisch, dass man Stasi wohl für immer mit seinem Namen assoziieren wird?

Eine Sache fand ich hoch beachtlich. Elke Erb las nie bei Ekke Maaß obwohl sie fast immer bei ihm weilte. Sie hätte lieber zugehört. Wie die meisten Frauen.

Und dazu steht in VOGEL ODER KÄFIG SEIN ein bemerkenswerter Text von Cornelia Sachse. In VAGE ZAGENFRAGEN erklärt sie die Hürden, die man als Frau in der männerdominierten Kunstszene zu überwinden habe, allein schon, um einen Text in einem Untergrundblättchen gedruckt zu sehen. Und dann kommt ein Zitat von Gabriele Kachold:

schild: achtung hier ist szene

hier wirst du entmündigt wie noch nie

hier wirst du selbst zum satansbraten

Als von Außen Blickende wurde Julia Schoch ins Gespräch eingebunden, die sowohl Autorin, als auch ebenfalls Gastgeberin einer Leserunde ist.

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julia Schoch

Sie konnte einige der Erfahrungen bestätigen, die Jan Faktor kundgab und auch ich habe schon festgestellt, dass wenn man einen gastlichen Rahmen bildet, dazu einlädt und ganz wichtig: Essen und Getränke stellt, die Leute kommen. Ein einfaches: Wir sollten uns mal treffen, klappt nie. Es bracht immer einen Macher, einen Host, so wie Ekke Maaß. Viele Fotos aus seinem Salon wurden während des Abends auf eine Leinwand geworfen und es gab eine Menge Berühmtheiten darunter. Er bedaure heute sehr, kein Konzept gehabt zu haben. Bei ihm konnte jeder lesen, der wollte und fragte. Doch es sei schade um die, die sich nicht zu fragen trauten.

Zuguterletzt wurden noch Herausgeber Peter Böthig und Verleger Frank Böttcher zu Wort gebeten.

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Peter Böthig

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Frank Böttcher vom Lukas Verlag

Es war ein für mich sehr spannender Abend. Zum einen bin ich weiterhin heilfroh, niemals in die Bredouille geraten zu sein, Freunde zu verraten und zum anderen gehören diese aufregenden rebellischen Texte von Erb, über Papenfuß, Döring, Jansen bis hin zu Faktor zu meiner Jugend. Ohne sie hätte ich selbst nie ein einziges Gedicht geschrieben, das mir auch heute noch gefällt.

Mühsal auch noch

Als ich vor Jahren Winston Churchill in der Liste von Literaturnobelpreisträgern entdeckte, war ich bass erstaunt. Erst recht, als ich las, es sei für ein historisches Werk gewesen.

Mein Schulwissen über Churchill war sehr grob. Ich hatte die typischen Bilder von ihm im Kopf, wie er mit Stalin und Roosevelt zusammen gegen Hitler kämpft. Die britische Rolle am Zweiten Weltkrieg verblasste in unseren Büchern angesichts von Holocaust und Großem Vaterländischen Krieg. Allerdings stolperte ich später über Appeasement und Churchills Kampf gegen sie. Zudem kam mir mit zunehmenden Einfluss britischer Fernsehserien die Erkenntnis, wie bedeutend Churchill immer noch für die Briten ist.

Mein Interesse war geweckt und so nahm ich Frank Böhmerts Hinweis für eine gute Biographie ganz gern auf. Der Weihnachtsmann der Leselupe legte mir das Buch unter dem Weihnachtsbaum und schon kurz vor Silvester applizierte ich es ganz begeistert und ausgelesen wieder zurück.

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Winston Churchill: Der späte Held von Thomas Kielinger

Exakt mein Wunsch, mehr über das literarische Wirken Churchills zu erfahren, wurde mir erfüllt und darüber hinaus beleuchtete Thomas Kielinger auch noch die militärischen und politischen Aspekte Churchills. Stets respektvoll, mit vielen persönlichen Anmerkungen von ZeitgenossInnen und kritisch bei Erfolgen wie Niederlagen.

Nur einmal wurde Kielinger etwas süffisant, als er einen Churchill-Kritiker zwar interessant aber einen Revisionisten nannte. Ich glaub das Wort hatte ich seit meiner Schulzeit auch nicht mehr gehört. Vermutlich betraf es Feuerbach oder die SPD.

Interessant auch, dass Kielinger kaum auf die Beziehung zwischen Elisabeth II. und Churchill eingeht. Da wir gerade die Serie The Crown schauen, ergeben sich spannende Berührungspunkte und ganz unterschiedliche Sichtweisen. Überhaupt war mir zwar klar gewesen, dass Lady Di und Churchill verwandt waren, aber so richtig realisiert hatte ich nicht, dass er adlig war. Aber als drittes Kind trug er keinen Titel, war nur Mister, bis ihn Elisabeth damit versorgte. Aber ähnlich den Heiligsprechungen sind auch Ritterschläge keine wirklichen Raritäten mehr.

Aber davon abgesehen, bin ich immer wieder froh, dass unsere Ahnen vor hundert Jahren Schluss mit der Aristokratie machten.

Während ich also fast nichts über Churchill wusste, schwärmte Thomas Kielinger sehr oft von berühmten Worten des Briten, von denen ich tatsächlich nur das mit dem Blut, Tränen und Schweiß kannte – und selbst das war ja nicht ganz korrektmemoriert, weil die Mühsal fehlte. Eine weitverbreitete Auslassung, wie der Autor ergänzte.

Inzwischen habe ich mir auch eine ZDF-Dokumentation über Churchill auf youtube angesehen und dort wird eine Sache verschwiegen, auf die Kielinger einige Seiten verwendete und die Churchills Rolle im Zweiten Weltkrieg etwas ambivalenter erscheinen lässt. Churchill war nämlich in seiner Zeit als Finanzminister nach dem Ersten Weltkrieg entscheidend daran beteiligt, die britische Armee zu verschlanken was direkt dazu führte, die britische Rüstungsindustrie herunterzufahren.

Und so gibt es noch einige Dinge, die neu und überraschend für mich waren. Aber ich kann nur nahelegen, das flüssig zu lesende Buch selbst zu probieren. Es ist eine handliche, schnörkellose aber toll geschriebene Biographie, die ganz hervorragend für einen Einstieg in Churchills Leben und Werk geeignet ist, wie ich auch in meiner Rezi feststelle: Winston Churchill: Der späte Held von Thomas Kielinger

Das Blaue vom Himmel

Ich lebe in einer Gegend von Berlin, die von Einfamilienhäusern, Mietskasernen aus den 30ern und 50ern und sehr viel Grün geprägt ist. Es gibt drei Seniorenresidenzen, bestimmt fünf Physiotherapeuten, ein paar Supermärkte und einen libanesisch geführten Italiener, der wegen seiner moderaten Preise für Speisen meist gut besucht ist.

Die Polizei fährt bei uns durch, wenn sie zur Alten Försterei will. Streife dreht man hier mit dem Corsa. Die Wahrscheinlichkeit nach 23:00 Uhr einem Wildschwein oder Fuchs zu begegnen ist größer, als einem Menschen. Nachtschwärmer sind hier Insekten.

Es gibt keine Flüchtlingsheime und Kopftücher tragen alte Omas auf Fahrrad spazieren.

Unser Wahllokal befand sich im Zimmer der 3d. In diese Grundschule, die vom Aussehen her in jedes Brandenburger Dorf passt ohne aufzufallen, gingen all unsere Kinder und das größte Problem dort ist ein Mangel an Männern im Kollegium und übereifrige Eltern.

Trotzdem wählten 21 % die AFD. Ich hatte das schon befürchtet, als es im Wahllokal eine Schlange gab und man nicht nur die gewohnte Riege älterer Menschen sah.

Ja, man muss bei uns große Angst haben vor Überfremdung. Der gemeine Friedrichshainer benötigt keine zwanzig Minuten zu uns und auch die wilden Kulturschaffenden aus den Theatern der Stadt könnten in kaum einer halben Stunde hier einfallen und alles durcheinander bringen.

Wie schlecht es den Leuten geht, kann man am Wochenende auf dem Supermarktparkplatz oder auf dem nahen Recyclinghof der BSR sehen. Ja, es ist ein Drama. Nun haben sie es also der SPD und CDU gezeigt. Ein blauer Stadtrat darf nun die Geschicke von Köpenick mitbestimmen. Vielleicht bekommt er ja das Bauressort. In unserer Banlieue wird er sich da so richtig austoben können. Hoffentlich versteht er wenigstens einen der vielen Dialekte seiner Bauherren aus aller Herren Bundesländer.

Wird jetzt spannend, was das für die Bundestagswahl bedeutet. Der Worst-Case wäre wohl, dass Gabriel gegen Merkel antritt. Nichts dürfte die Deutschen mehr in die Arme der AFD treiben. Aber man sieht es ja an Wahlverlierer Müller: Nichts klebt besser, als Hintern an Sesseln. »Aber die anderen haben auch verloren!« Jap. So machen wir das in Berlin. Nur wer jammert, is jesund.

Lieber würd ich Wale wählen

Am Sonntag sind wieder einmal Wahlen in Berlin. Zeit, sich Gedanken zu machen, wo ich denn nun meine Kreuzchen mache, nach der Änderhaken auf dem Grund eines Sees aus Selbstzerstörung verrostet.

Mich selbst würde ich als linksliberal einschätzen. Guckt man ins Parteienspektrum fällt auf: Da ist nix an dieser Stelle. Nichts. absolut nichts.

Die Parteienlandschaft ist zwar in wildem Fluss, die einzelnen Farben mischen sich oder wechseln munter untereinander.

Traurig ist der Anblick der Wahlplakate. Da fordern die Regierungsparteien Dinge, die sie in den letzten Jahren nicht hinbekamen. Etwa irgendwas für Schule und Bildung zu tun, das nicht im Desaster kopfloser Experimentierlaune endete.

Das wunderbare an Berlin aber ist, dass uns die ganze Mischpoke egal ist und wir unser eigenes Ding machen.

Da passt ganz perfekt jenes kleine eBook hinein, das ich grad las. Ein Frühwerk von Gecko Neumke, der eine kleine Geschichte zu einer anarchistischen Kolonie erzählte.

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Der Chor der Anarchie von Gecko Neumcke und Stephan Strzoda, Cover von Lisa Naujack

Ein Kapitel Weltgeschichte, das mir unbekannt war. Der Spanische Bürgerkrieg wurde mir in der Schule als Kampf aufrechter Kommunisten gegen Faschisten erklärt, als Stellvertreterkrieg, als Waffentest der Reichswehr.

Dass die Spanier aber hauptsächlich eine anarchistische Gemeinde bilden wollten, wurde verschwiegen. Anarchie und Diktatur passen nicht gut zusammen.

Der Chor der Anarchie von Gecko Neumcke und Stephan Strzoda hat nun diese Wissenslücke gefüllt. Nicht mit Fakten und Zahlen, sondern mit Maronen, dem Geruch von Diesel, frisch geschlagenem Holz und einer großartigen Schneeballschlacht.

Und dieses Werk führt direkt zur ganz famosen Utopie ein totes im see’bolo.

Tja und dann guck ich wieder in die Wahlmöglichkeiten und bin am grübeln. Der Wahlomat brachte auch nicht viel, wenn dann Die Partei herauskommt. War so klar.

Ich glaub, am wichtigsten ist mir noch, dass die idiotische Stadtautobahn verhindert wird und obwohl sich die Grünen kaum noch mit Umweltthemen befassen und ihr Grün schon lange nicht mehr nach Frühling duftet, sondern mit all den schwarzen Flecken nach Herbstlaub in einem modrigen Wald, passt das dann doch noch am besten.

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Der Zustand der Grünen

Oh je.

Das war euer Land

Manche Blickwinkel ändern sich erst, wenn man tatsächlich einmal mit ganz anderen Augen schaut.
Es war ein seltsamer Nationalfeiertag. Es begann schon damit, dass sich am Freitag überall Hektik verbreitete, weil man am Samstag nicht einkaufen konnte. Die meisten hatten den Tag einfach nicht auf dem Plan. So gern man den 03.Oktober in politischen Kreisen auch hat, irgendwie hat sich um den Tag der Deutschen Einheit bislang noch kein Kultstatus gewickelt.

Was auch damit zusammenhängt, dass am 03.10.1990 einfach nur ein Vertrag unterschrieben wurde und sich die wesentlichen Ereignisse der Einheit an ganz anderen Tagen abspielten. Maßgeblich am 09.11.1989.

Neben dem Ende der französischen Revolution und dem Beginn der Novemberrevolution fand an einem neunten November auch die Reichskristallnacht statt. Verständlich, dass man diesen Tag nicht zum Nationalfeiertag machen wollte.
Andererseits feiert man nun am dritten Oktober den neunten November.

Was sich da eigentlich abspielte, vergisst man schnell oder blickt eben nicht mehr so scharf hin. Recht spontan entschieden wir uns an diesem Tag nun mit dem Nachwuchs mal wieder Retro-Fernsehen zu gucken. Bornholmer Straße erzählt in Form einer Komödie von den Grenzern, die am 09.11.1989 von den Ereignissen überrollt wurden und die Mauer öffneten.
Während meine Frau in Leipzig damals ziemlich dicht am Geschehen war, versumpfte ich bei der Asche. Dennoch hatten wir beide ziemlich deutliche Erinnerungen an die Zeit.
Aber erst im erneuten Erzählen und den Nachfragen des Milchbarts wurde mir wieder bewusst, was diese Einheit für mich bedeutet.

Interessiert las ich die Blogbeiträge von Uschi Zietsch und Klaus N. Frick, die fast unisono ein negatives Fazit ziehen. Ausplünderung, Milliardengrab usw. usf. – lest es selbst.

Beide schreiben von einem mir ganz fremden Deutschland. Irgendwie klingt bei beiden immer noch dieses »Im Osten ist alles grau.« an.
Ich kann gar nicht genau benennen, seit wann für mich Deutschland, die BRD, kein Substrat mehr aus West+Ost ist. Es geschah irgendwann in den letzten zehn Jahren. Wenn ich heute durch das Land fahre und irgendwo anhalte, mache ich das nicht irgendwo im Westen oder Osten, sondern in Münster, Passau oder Dresden. Diese mentale Abgrenzung ist völlig verschwunden.

Ausbeutung, Wirtschaftspleiten, Arbeitslosigkeit, korrupte Politiker – das alles sind Features des Einheitsvertrages, die wir am 18.03.1990 sehenden Auges für Einigkeit, Recht und Freiheit wählten. Als Berliner ist es garantiert einfacher, die Welt im Wandel zu sehen. Hier blieb kaum ein Stein auf dem anderen, die Gentrifizierung mischt Bevölkerung und Wirtschaft beständig neu von links nach rechts, im Kreis und querbeet. Mittendrin die Regierung mit ihren feuchten Architektenträumen.

Ja, mein Sohn, da gab es mal zwei Staaten. Doch da draußen ist nun unser aller bunter Einheitsbrei und der begann am Neunten November zu kochen. Du darfst das jetzt auslöffeln.

Armseliger Verfassungsschutz

Deutsche Geheimdienste haben keinen guten Ruf. Seit Jahrzehnten arbeiten sie daran, ihn zu bessern. Etwa durch Zuarbeit für andere Geheimdienste. Sicherheitshalber hat man auch immer ein Ohr bei Mutti, damit man ja kein Lob verpasst. Die neueste Idee ist nun, anderen Geheimnisverrat vorzuwerfen. Etwa Journalisten, die darüber berichten, wen man alles noch so bespitzeln möchte, außerhalb der Verfassung natürlich, darf ja auch niemand wissen. Geheim und so. Schon gar keine demokratische Instanz. Wäre ja gegen jede deutsche Geheimdiensttradition. Schon ein seltsamer Sommer. Terroristen zünden in Deutschland Häuser an und bedrohen Kriegsflüchtlinge. Aber unser Verfassungsschutz ist anderweitig beschäftigt, fühlt sich von Netzpolitik.org verraten. Vielleicht sollte mal jemand den Leuten vom Verfassungsschutz verraten, dass da draußen Häuser brennen, weil sie ihre Arbeit nicht machen!

Eine Mirror-Seite mit den Dokumenten gibt es unter Landesverrat.org

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