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Archiv der Kategorie: Kino

Was aus dem Wald herausschallt

Als der Antje Kunstmann Verlag die Southern-Reach-Trilogie von Jeff VanderMeer ankündigte, gehörte sie bereits zu den hochgelobtesten SF-Werken und eigentlich wollte ich mir die Bücher auch kaufen. Irgendwas kam dazwischen und ich vergaß es.

Dann aber brachte Netflix die Verfilmung vom ersten Band Auslöschung auf die Mattscheibe und einfacher kommt man ja nun nicht an den Stoff, dachte ich mir. So ließ sich die gesamte Familie von diesem außergewöhnlichen Film verzaubern, den wir gerne im Kino gesehen hätten. Natalie Portman verkörpert die Hauptrolle der Biologin mit einer Mischung aus Kühle und Zielstrebigkeit, die sich der geheimnisvollen Umgebung perfekt anpasst. Natürlich sind die Parallelen zu Tarkowskis Stalker mehr als deutlich, Regisseur Alex Garland gelang aber ein eigenständiger Film. Allein schon die Konstellation von vier Frauen als Protagonistinnen eines SF-Films dürfte bisher nicht allzu oft vorgekommen sein.

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Auslöschung von Jeff VanderMeer

Darüber hinaus ist der Film auch keine exakte Umsetzung des Buches. Jeff VanderMeer war involviert und so kann man aber davon ausgehen, dass zumindest einige seiner Motive direkt ins Script flossen. Kernidee des Films ist, dass die Umwelt in der seltsamen Area X wie unter einem gigantischen Prisma liegt und dadurch bis hin zu den Genen eine Zersplitterung stattfindet.

Nach dem Abspann einigte sich die Familie auf ein Boah und die Mittel für die Anschaffung der Trilogie wurden freigegeben. Auf der Leipziger Buchmesse erwarb ich dann die Taschenbuchausgabe von Knaur.

Da ich den Film zuerst sah, belegte mein Geist die Figuren automatisch mit den Gesichtern der Schauspielerinnen, allen voran Natalie Portman als Biologin.
Die Unterschiede zwischen Buch und Film sind teilweise groß. Aber die Änderungen für die filmische Umsetzung leuchten ein. Bestimmte Teile der Geschichte kann man nur schwer als spannende Momente einer zweistündigen Leinwandadaption verwenden. Daher gibt es im Film einige Actionmomente mehr und wird das visuelle betont. Wichtig zu wissen ist auch, dass Alex Garland nur den ersten Band der Trilogie kannte und auch nur ihn verfilmen wollte. Jetzt, nach der Lektüre des zweiten Bandes, in dem etwas mehr auf die Hintergründe der Psychologin eingegangen wird, fallen einige weitere Scriptentscheidungen auf, die der Story nicht ganz gerecht werden und tatsächlich einer Verfilmung von Autorität Steine in den Weg werfen könnten.

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Autorität von Jeff VanderMeer

Aber mit Autorität bekam auch die Leistung von Jennifer Jason Leigh für mich eine zusätzliche Bedeutung. Zwar spielt die Psychologin als Figur kaum eine Rolle im Buch, aber sie ist die gesamte Zeit über präsent und dann hatte ich Jennifer Jason Leigh vor Augen und dieses tief versteckte Meta-Wissen in ihren Blicken.
Bin schon gespannt, wie sich Band 3 in das Gesamtbild einfügt. Der Film gehört für mich auf jeden Fall untrennbar zu dieser Melange dazu.

Wer sich nicht spoilern lassen will, sollte meine Rezi zu Band 2 erst lesen, wenn sie oder er Band 1 durch hat.

Auslöschung von Jeff VanderMeer
Autorität von Jeff VanderMeer

Tja und nebenbei muss ich mich jetzt auch noch um die EU Datenschutz-Grundverordnung kümmern. Das mag hier im Blog einfach sein, für den Fantasyguide bedeutet es jede Menge Arbeit. Da wir nicht mit der aktuellsten Typo3-Version laufen, kann ich auch nicht einfach angepasste Extensions nutzen. Im schlimmsten Fall muss ich die Kommentarfunktion erstmal ausschalten. Der Wahnsinn für Hobbyseiten wird deutlich, wenn ich die bisherige und die zukünftige Datenschutzerklärung vergleiche. Von 146 Wörten zu 4542. Die einzigen, die das je durchlesen werden, sind Anwälte, vermute ich mal.

Party, Peace und Poesie

Bereits am Samstag ließ ich mich auf ein ganz besonders Event in den virtuellen Weiten des Second Life ein. Bisher besuchte ich nur die Lesungen und Aufführungen, die mich über Thorsten Küper, dem einzig wahren Kueperpunk, erreichten. Doch im Blog von Tante Nat erfuhr ich, dass sie aus Anlass ihres zehnjährigen SL-Lebens eine bunte Party plante.

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Tante Nat vor der Leinwand des Filmtempels

Zur Feier des Tages wurde der bereits vierundzwanzigste Machinima-Film gezeigt, den Nat mit Karima Hoisan zusammen erschuf. Nat kümmerte sich dabei um die Bilder, Karima lieferte das zugrundeliegende Gedicht und die Musik.

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Karima währender der sanften Lyriklesung

Vorab rezitierte Karima einige ihrer englischsprachigen Poems, während die Gäste meist als Hippies gewandet auf Decken im Gras lagen und bereitgestellte Getränke genießen konnten. Virtuelles Bier wird niemals schal!

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Mein Avatar lümmelte sich am Lagerfeuer hin und trank Bier

Der Filmtitel Derendered wies auch schon auf den Inhalt hin. Ein paar störende Dinge wurden aus der Welt entfernt. Die Bilder untermalten teils psychedelisch, teils fröhlich bunt das Gedicht von Karima und sorgten für eine ausgelassene Feierlaune.

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Derendered während der Aufführung

Nach Applaus, Lobes- und Dankesworte wurde die Beatbox angeworfen und die Avatare zum Abhotten gebracht. Ich bin ja immer noch SL-Laie und hätte das alleine nicht hinbekommen, aber zum Glück stand auf der Wiese ein Ball, dessen Berührung meine virtuelle Existenz zu einigen coolen Moves bewegte. Und mich daheim vorm PC überhaupt nicht ins Schwitzen brachten.

Zwischendurch erschienen unzählige Schmetterlinge und brachten zusätzliches Disco-Feeling. Nat verteilte dann noch Orka-Luftballons, die sich dann im Rhythmus der eigenen Tanzschritte über uns hin und her bewegten.

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Ein megacooler Moment

Eine ganz wunderbare Erfahrung. Ich hab zwar schon lustige Partys in WoW und Lotro besucht, aber dieser Abend hatte zudem noch diesen obercoolen Kunsteventcharakter. Da fühlt man sich gleich etwas hipper. Natürlich nix, was meinen Nachwuchs imponiert hat. Aber der hat einfach keine Ahnung von echter Hippigkeit.

»Slipping through my fingers all the time«

Jeder Mensch hat wohl so seine Songs, die für eine bestimmte Zeit im Leben stehen. Slipping through my fingers von ABBA bringt ziemlich genau das Gefühl auf den Punkt, welches ich mit dem rasendschnellen Großwerden der Kinder verbinde. Es gibt so viele Momente, die ich am liebsten einfrieren würde, um sie immer mal wieder erleben zu können.

Daran musste ich denken, als ich mich mit Geschichte deines Lebens von Ted Chiang beschäftigte.

Ich nahm mir den Storyband Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes vor, um auf den Kinobesuch von Arrival vorbereitet zu sein.

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Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes von Ted Chiang, Cover: s.BENeš

Der Band ist seit seinem Erscheinen nur gelobt worden, ich hatte ihn auch gekauft aber, wie das so ist, noch nicht gelesen. Als die Ankündigung kam, man verfilme Story of Your Life, gab es viele Stimmen, die das für kaum machbar hielten. Daher wollte ich mir die Sache vorher beschnarchen.

Wer nicht gespoilert werden möchte, sollte nach dem Spoilertag weiterlesen.

SPOILER-ANFANG

Geschichte und Film sind beide Klasse, entfernen sich aber an einigen Stellen weit voneinander.

Der größte Unterschied besteht tatsächlich darin, warum Louise die Geschichte ihrer Tochter überhaupt erzählt. Der Film stellt es als ihre bewusste Entscheidung hin, trotz des Wissens um die Zukunft, Hannah das Leben zu schenken. Durch die Veränderung der Todesursache vom Kletterunfall zu einer unheilbaren Krankheit wird es Louise auch abgenommen, das Ende irgendwie verhindern zu können. Sachlogische Zwänge quasi.

In der Geschichte existieren diese Zwänge nicht, da Louise die Zeit nichtlinear erlebt. Anfang und Ende von Hannahs Leben stehen fest. Chiang beschreibt das mit der physikalischen Betrachtung des Brechens von Licht in Wasser. Das Licht muss eigentlich schon vorher wissen, wo es im Wasser ankommen will, um den kürzesten weg zu nehmen.

Das Großartige an der Story ist genau dieses Unabdingbare. Das ist kein Fatalismus, sondern tatsächlich das Erleben eines bewussten Augenblicks.

Der Film löst diese Gleichzeitigkeit auf. Es gibt einen für mich überflüssige Wissenstransfer aus der Zukunft, um die eskalierende Weltpolitik zu beruhigen. Das mag von der Intention her nett sein, suggeriert aber, dass Louise sehr wohl den Ablauf der Geschichte ändern kann, in Bezug auf Hannah aber nicht will.

SPOILER-ENDE

Bis auf die Titelgeschichte sind auch die anderen Storys in Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes wunderbare Texte. Hier hat Meister molosovsky mit der Übertragung ins Deutsche eine feine Arbeit geleistet. Auch wenn das letztendlich bedeutete, dass er ins Profi-Lager wechselte und für seine Molochronik kaum noch Zeit hat. Ich vermisse die überbordenden Blogposts von ihm sehr.

Aber das ist wie mit den Kindern. Eben noch rennen sie mit Dinosauriern durchs Kinderzimmer und im nächsten Moment in ihr eigenes Leben davon.

Die Zeit schlüpft einem wirklich durch die Finger.

Zur Aufmunterung hier noch der Link zu meiner Buch-Rezi: Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes von Ted Chiang.

Flimmernde Fiction liebt süße Science

Ganz Berlin lag gestern unter einer dichten, grauen Wolkendecke, doch mitten im Herzen der Stadt strahlte das Licht der Wissenschaft. Die interdisziplinäre (englischsprachige) Tagung Wo/Man Mind Machine untersuchte im Einsteinsaal der Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW) Inerfaces und Interaktionen zwischen Mensch und Maschine.

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Typischer Berliner Zugang. Eine Baustelle

Einer der Teilnehmer und Vortragenden war Simon Spiegel, mir aus dem Fandom bekannt als streitbarer Filmwissenschaftler, der seit Äonen 2001 verteidigt, einen Film also, den ich nur bis zum Ende der Eröffnungssequenz erträglich finde.

Aber wir haben durchaus auch viele Übereinstimmungen etwa im Lob des grandiosen Under the Skin.

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Blick aus dem Einsteinsaal: Graue Wolken und Architektur in Progress

Recht spontan entschloss ich mich, eine Vortragsrunde zu besuchen, da Zeit und Thema passten. Artificial Minds in Film, Performance, and Fiction.

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Im ersten Vortrag sprach Caspar Battegay von der Universität Lausanne über Cyber-Golem. Sex, Science and Fiction. Es ging also um Golems. Eine spannende Sache, da der Golem fest mit jüdischen Mythen verknüpft ist. Er beschäftigte sich vor allem mit dem Fantasy-Roman He, She and It von Marge Piercy. Hier gibt es mit Yod einen golemartigen Cyborg, bei dem Mensch- und Maschinesein verschwimmen. Yod ist zugleich der zehnte Buchstabe im hebräischen Alphabet und das Gottessymbol in der Kabbala. Spannendes Thema und vielleicht sollte ich mir den Roman mal ansehen.

Danach sprach Sharon Aronson-Lehavi von der Bar-Ilan University in Tel Aviv zum Thema Deus ex machina: The Theatricality of Playing God. Sie untersuchte dabei verschiedene künstlerische Arten, Götter als Maschine einzusetzen. Vom klassischen griechischen Theater, wo mittels Kran Götterfiguren auf der Bühne erschienen, über Futuristen und Dadaisten bis hin zu aktueller Kunstperformance. Eine durchaus interessante Betrachtung, kannte ich Deus ex machina bisher nur als Begriff in der Literatur, wo er eher negativ verwendet wird und für einen willkürlichen Wendepunkt der Handlung steht.

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Hal und Simon Spiegel

Jetzt kam aber Simon. Sein Thema hieß ›Foolproof and Incapable of Error‹: Why Do Filmic Robots and AIs Always Go Bad? In einen kurzen und fluffigen Überblick zeigte er die Entwicklung von Robotern und Supercomputern im Film. Es gab kleine Filmschnipselchen, Hal aus 2001, logischerweise, und glänzende Augen bei Ex Machina, den ich mir endlich mal ansehen muss.

Für mich sehr angenehme und informative anderthalb Stunden.

Nachtrag: Simon hat seine Slides, also die Folien der Präsentation, online gestellt: Foolproof and Incapable of Error

Holzschnitte für Leben

Wie so viele Kinder in der DDR wuchs auch ich mit den Zeichnungen von Werner Klemke auf. Seine Bilder waren überall. Im Buch mit den Hausmärchen der Gebrüder Grimm, in der Frösi, in der Fibel und später folgte man den frivolen Covern des Magazins, suchte die Katze und dann das garantiert nicht jugendfreie Aktmodell.

Werner Klemke im Buch

Werner Klemke im Buch

Werner Klemke war beliebt. Er stand nicht für Propaganda, sondern für kleine fröhliche, irgendwie immer freche Bildchen. Oft nur mit Wachsstiften gezeichnet, quasi auf Augenhöhe mit den kindlichen Betrachtern.

Werner Klemke

Werner Klemke

Dass er in seiner Zeit als Wehrmachtssoldat in Holland Stempel fälschte, um aus Juden Arier zu machen und so vor der Verfolgung zu bewahren, dass er Mitglied in einem Widerstandsnetz gewesen war, wussten selbst seine Kinder nur in Ansätzen. Eher zufällig stolperte man nun in den Archiven einer niederländischen Synagoge auf den Deutschen und dessen Freund Hannes. Eine Spurensuche begann und ein Dokumentarfilm wurde gedreht, der nicht nur das Bild eines agilen jungen Mannes entwirft, sondern auch weit in die Familiengeschichten der Freunde von damals eindringt.
Immer wieder gibt es animierte Bilder aus Klemkes Soldatentagebuch. Filmaufnahmen, Fotos, Briefe. Beklemmende Szenen, wenn die Nichte einen Brief über den Tod ihres Onkels vorliest, den sie gar nicht richtig kennenlernen durfte. Oder wenn sich eine der Klemke-Töchter sichtlich über sich selbst ärgert, den Stasi-Gerüchten über ihren Vater aufgesessen zu sein. Man spürt die Verwerfungen dahinter.
Zum Schluss liefen mir die Tränen bei Treffpunkt Erasmus.

Nebenbei entdeckten wir mit dem Casablanca ein Kino für uns, dass es zwar schon seit 1994 unter diesem Namen gibt und direkt an unserer Hausbuslinie liegt, aber wie das eben so ist, manche Ecken Berlins sieht der Berliner nie.

Das Casablanka in Adlershof

Das Casablanka in Adlershof

Das Casablanca hieß bis 1958 Central und wurde 1914 eröffnet. Diese hundert Jahre sind zu spüren, wenn auch einiges modernisiert ist. Trotzdem bleibt es ein typisches Uraltkino mit engem Einlass, Duft nach altem Holz und Reinigungsmittel.

Gemütlich wie eine Hobbithöhle

Gemütlich wie eine Hobbithöhle

Geschichtsträchtige Sessel, kleine Leinwand und Poster von Filmen, deren Premiere vor meiner Geburt stattfand.
Besonders überwältigend sind die riesigen Fresken im Saal, die Straßenbilder aus Casablanca darstellen. Das atmet ein Flair, hinter dem jeder Superdupersexyplexisaal vor Schamesröte in der Filmkunsthölle versinkt.

As time goes by

As time goes by

Wir kommen wieder.

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