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Spulmaschinenabenteuer

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Bevor ich auch nur eine Zeile von »Tagebuch eines Killerbots« las, wurde mir das Werk bereits dringendst ans Herz gelegt, denn der Übersetzer Frank Böhmert plauderte während einer unserer Treffen nicht nur über den Spaß an der Sprache des mörderischen Bots, er beschrieb auch die Tricks, die er verwenden musste, um Problem zu lösen, die im Englischen kaum bestehen.

Tagebuch eines Killerbots von Martha Wells, Cover: Jaime Jones

So ergibt sich im Original aus der Icherzählung des Protagonisten erst einmal nicht, welches Geschlecht Killerbot hat. Das lässt sich im Deutschen nicht ganz so einfach darstellen, da diverse Artikel und Personalpronomen in eine Denkrichtung weisen. Die SecUnit, der Killerbot, die Kampfmaschine und so weiter. Und obwohl ich mir also der Thematik bewusst war, stellte ich mir Killerbot von Anfang an eher als weiblich vor. Was bei der Maschine und erst recht, wenn man die Handlung dann kennt, Quark ist, aber ich konnte diese Prägung bei mir beobachten. Was eigentlich nur wieder bestätigt, dass der Mythos vom generischen Maskulin ebenfalls Quark ist. Das Geschlecht von Wörtern beeinflusst sehr wohl das projizierte Geschlecht.

Allerdings ist mir das bei Martha Wells Roman gar nicht wichtig gewesen, denn auch als geschlechtslose Maschine wuchs mir Killerbot sofort ans Herz. Die nach außen hin distanziert und professionell auftretende Security-Einheit brodelt innerlich wie ein Sonnencluster, flucht vom Feinsten und hat ganz eigene Strategien, nervige Menschen-Dinge zu ignorieren. Wenn’s mal wieder langweilig sein sollte, wird einfach eine Unterhaltungsserie gestreamt, zur Not kann man ja die Aufzeichnung des äußeren Geschehens zurückspulen. Was einige Male passiert, oft genug von panischen Verwünschungen begleitet.

Die vier Novellen sind klassische SF-Abenteuergeschichten, wobei Killerbot stets ein paar Menschen retten und dabei andere Technik und böse Menschenfirmen bezwingen muss.

Das ist durchwegs unterhaltsam, amüsant und auch immer wieder sehr berührend, denn Killerbot hat ein paar Dinge, an denen das virtuelle KI-Herz hängt. Und ich hing dann da auch dran.

Klar, an ganz vielen Stellen hatte ich Franks diebisch vergnügtes Gesicht vor Augen, wenn er Killerbot wieder etwas mit Schmackes auf die Zunge legen konnte und letztlich steckt nun in Killerbot auch ein wenig seiner Mentalität. Er war quasi die ganze Zeit beim Lesen als Vorleser dabei. Was so ein klein wenig darüber hinwegtröstete, dass wir uns Corona-bedingt schon so ewig nicht mehr in natura sehen konnten.

Ein vergnügliches Buch, dass zwar keine innovativen SF-Momente bietet, aber sicher einen der coolsten Handlungsträger, denen ich in der SF bisher begegnete: Tagebuch eines Killerbots von Martha Wells


4 Kommentare

  1. Rath sagt:

    Etwas eigenartig finde ich es, die ausgedachte androide Figur „Killerbot“, die – soweit ich mich erinnere – weder fortpflanzugsfähig ist noch Vorstellungen zu einem binären Liebes- oder Sexualleben zu erkennen gibt als Beleg zu nehmen für:
    „Was eigentlich nur wieder bestätigt, dass der Mythos vom generischen Maskulin ebenfalls Quark ist. Das Geschlecht von Wörtern beeinflusst sehr wohl das projizierte Geschlecht.“

    Attraktive Kämpferfiguren (<<<< sprachökonomisches generisches Dingsbums oder maskulinistisch-normativierende Projektion?) sind im Genre zunehmend genderdivers. Dass Wells' Killerbot vor dem Hintergrund von zahllosen, vom zu assoziierenden Geschlecht statistisch uneindeutigen Haudraufinnen und -draufe in SF & Fantasy zu Geschlechterassoziationen anregt, scheint mir so wenig plausibel wie die Idee, nach dem Geschlecht der DeepL-KI zu fragen (in dem Augenblick, in dem literarisches Übersetzen nicht mehr – wie bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts – der Job von gebildeten Frauen ist, die von gescheiten akademischen Tätigkeiten ausgeschlossen blieben, gibt es dafür ja auch keinen Anlass mehr, das Bezeichnete ist uneindeutig geworden).

    Schade, dass Umberto Eco nicht mehr lebt. Sein Sequel zum "Namen der Rose", in dem ein Sherlock-Holmes-/William-von-Baskerville-Wiedergänger nach einem verborgenen Manuskript von Ferdinand de Saussure fahndet, das die Sache von Bezeichnung und Bezeichnetem auch für die Geschlechtermarkierungsprobleme narrensicher aufklärt – ich würd's lesen, schon weil ich spannend fände, wer dran glauben muss.

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    • lapismont sagt:

      Ich bezog mich konkret darauf, was _ich_ beim Lesen empfand. Die Verwendung eindeutiger Personalpronomen und Artikel, wie _die_ SecUnit brachte da bei mir etwas ins Rollen, dass ich trotz besseren Wissens nicht unterdrücken konnte. Genau das passiert, wenn man von Kriegern spricht und denkt, alle dächten sich Kriegerinnen mit.

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  2. Schnute sagt:

    Mir hat das Buch auch total gefallen. Habs auch noch als Hörbuch zusätzlich gehört und kehre gern wieder dahin zurück. Für mich war es ebenfalls schwer, in der deutschen Übersetzung die SecUnit nicht als weiblich zu sehen. Da ging es mir wie Dir. Ich sehe das auch oft, wenn Leute ein generisches Femininum verwenden, sprich z.B. generell von Leserinnen sprechen, dass ich in der angesprochenen Gruppe keine Männer sehe. Es ist schon spannend. Und ja, Sprache beeinflusst viel. Nicht nur genderrelevante Dinge, sondern auch, wie man sich fühlt oder sich selbst vom Befinden her einordnet.

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