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Im blutigen Gedärm des Krieges

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Es hat schon etwas Unwirkliches, dass uns mein jüngster Milchbart letzten Samstag in ein Theaterstück nach Euripides führte. In seinem Alter las ich mich durch alle erreichbaren Bände mit den Stücken der griechischen Antike – mein Lieblingsschreiber war eben jener Euripides.

Das Programmheft in meinem Antike-Regal

Seine Figuren wirkten auf mich lebendiger, moderner, näher. Und daran erinnerte mich auch »Hekabe – Im Herzen der Finsternis« in der Fassung von Stephan Kimmig. Keine direkte Umsetzung, sondern eher eine Collage aus Homers Illas und den Euripides-Stücken Die Troerinnen und eben Hekabe.

Das Theater-Plakat

Wer die Geschichte um den Fall Trojas kennt, weiß, dass in ihr ein Krieg beschrieben wurde, in dem sich Männer um Frauen prügeln, deren Meinung dazu ihnen egal ist. Hinterher sind viele der Männer tot und den Frauen steht ein Leben in Schmerz, Gewalt und Leid bevor. Und genau das wurde in den etwas über anderthalb Stunden aufs deutlichste präsentiert.

Paul Grill, hinten: Linn Reusse, Almut Zilcher, Katharina Matz; Foto: Arno Declair

Das Haus nennt des Stück ein Konzert und deshalb gibt es auf der Bühne auch nur vier Notenständer und einen großen Percussiontisch für einen Musiker – Michael Verhovec, der eine skurrile Soundlandschaft klimperte, hämmerte und fein ziselierte und später sogar mitspielte.

Die Texte aber wurden von drei Frauen und einem Mann vorgetragen, mit unterschiedlicher Verteilung der Rollen, ob Frau, Mann, Göttin oder Gott. Natürlich präsentierte Katharina Matz in ihrem neunten Lebensjahrzehnt die Rolle der Hekabe besonders eindringlich. Die alte Königin Hekabe, die Mord, Schändung und Versklavung ihrer Familie mit ansehen muss und letztlich in den Wellen eine zweifelhafte Erlösung findet.

Mit unterschiedlichen Mitteln wurde der Text präsentiert. Es wurde einzeln vorgetragen, als Chor, gesungen, getanzt, die Bühne als Raum genutzt, besonders Paul Grill offenbarte eine breite Wandlungsfähigkeit, aber mir gefielen auch die unabhängige Spritzigkeit von Linn Reusse und die abgeklärte Melancholie im Spiel von Almut Zilcher, wobei sie alle ja ganz unterschiedliche Figuren verkörperten und es daher keine einheitliche Darstellung über die gesamte Zeit gab.

Paul Grill, Almut Zilcher, Katharina Matz, Linn Reusse, Michael Verhovec; Foto: Arno Declair

Ich hatte dabei nie das Gefühl, dass mich hier jemand erziehen will, vielmehr wurde ich hineingezogen in die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Rollen, die Frauen in einem Krieg spielen. Was es heißt, die Schlacht zu überleben und als Opfer, Beute, Rest behandelt zu werden.

Sehr deutlich wurde das, als die Namen der toten Männer vorgetragen wurden und im Anschluss, als die Frauen hätten kommen sollen, der Text nur Leere aufwies. Die toten Frauen zu besingen, war damals nicht die Zeit, umso besser, dass es heute auffällt. So kann man es ändern, oder besser, gleich ganz verhindern. Ein Blick in die Tagespresse genügt ja. Männer führen Kriege und immer wieder um Nichts. Die Heldenfriedhöfe wuchern, während Frauen mit ihren Wunden leben lernen müssen.

Das Deutsche Theater in der Finsternis

Ja, das war ein beeindruckender Theater-Abend.


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