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Laufband in den Tod

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Unser jüngster Milchbart möchte nach dem Abi gern Psychologie studieren. Zielsicher wählte er für unseren nächsten Theaterbesuch daher »4.48 Psychose« von Sarah Kane aus. Es hatte gerade erst in der Inszenierung von Ulrich Rasche Premiere am Deutschen Theater und so kannte ich auch schon eine Besprechung aus der Berliner Zeitung, die mich unter normalen Umständen davon abgehalten hätte, dem Stück einen Besuch abzustatten.

Das DT in der finstren Nacht

Sarah Kane kam vier Tage nach mir zur Welt und brachte sich zwei Tage vor der Geburt meiner Zwillinge, mit 28 Jahren um. Diese erschütternden Korrelationen brachte meine Liebste auf den Tisch.

»4.48 Psychose« – Programmheft und Eintrittskarte (mit Sammelmotiv)

»4.48 Psychose« schickte Sarah Kane kurz vor ihrem Freitod an den Verleger, es bringt quasi ihren Leidensweg auf den Punkt und kündigt ihren Fortgang aus unserem hassverseuchten Jammertal an.

Es ist kein Theaterstück an sich, sondern eine Monolog über die Krankheit, oder vielmehr über das Leben, dass sie führte, denn es fällt mir sehr schwer, irgendeine Psyche als krank zu bezeichnen, wenn doch meist nur Normabweichung gemeint ist. Ich bin kein Psychologe und bleibe da lieber vorsichtig. Unser Geist ist arg komplex, wer kennt sich darin wirklich aus?

Ulrich Rasche soll Laufbänder in seinen Inszenierungen gern einsetzen und sie bestimmten auch »4.48 Psychose«. Die Bühne war schwarz und dunkel, nebelverhangen. Es gab einige Lichtelemente wie waagerechte Leuchtröhren, Spots und die Lampen der Notenblätter, von denen die Band den Soundtrack ablas. Auf der Drehbühne fanden sich vier breite Laufbänder, die man ebenfalls vor und zurück ziehen konnte, dadurch war es den Schauspielern möglich, die ganze Zeit in Bewegung zu bleiben, mal frontal zum Publikum, mal in Seitwärtsbewegung begriffen, mal nach hinten sich in der Dunkelheit auflösend, dann wieder aus ihr hervortretend. Im Rhythmus der Musik gingen sie ruhig und beständig, jede und jeder in einem eigenen, verzerrten Gang, mal schief, mal hakelig, mal elegant vorwärts schreitend. Teilweise erinnerte es mich an animierte Strichmännchen.

Foto: Arno Declair
Auf dem Bild: Justus Pfankuch, Yannik Stöbener, Linda Pöppel, Thorsten Hierse, Toni Jessen, Jürgen Lehmann, Katja Bürkle, Elias Arens

Der Rhythmus gab auch den Takt für die Worte vor. Der Text verteilte sich auf drei Frauen und sechs Männer, die auch übergreifend ein und dieselbe Figur sprachen, aber auch ein deutlicher Wortkampf zwischen den Geschlechtern war ab und zu zu erkennen.

Die von Durs Grünbein übersetzten Texte wurden Wort für Wort in das Publikum gehämmert und so mit Bedeutung aufgeladen, selbst dort, wo es keine gab und daraus entstanden drei lange Stunden Schmerz.

Ich hatte zwischendurch mit einem RLS-Anfall zu kämpfen und hoffte auf eine Pause, die man uns aber verwehrte und so vermischte sich die Bühnenpsychose mit meinen Scheinkrämpfen – wenn das nicht mitgelitten ist, was dann?

Es zog sich unendlich hin, ganze Szenen zogen an mir vorbei, ohne dass ich mich aufraffen konnte, dem enervierenden Psalmodieren zu folgen. Gerade als es um das ganze Geseele ging, stieg ich aus. Nicht alle im Publikum hielten das aus.

Was natürlich nicht am Ensemble lag. Die Leistung, drei Stunden, im Rhythmus, im Gehen, im Chor und solo, solch schweren Text zu schreien, zu leben, ja selbst zu sabbern, kann man kaum genügend würdigen.

Foto: Arno Declair
Auf dem Bild: Kathleen Morgeneyer, Elias Arens

Das Highlight für mich aber war die Musik von Nico van Wersch, ich hätte den Text dazu nicht gebraucht. Entfesselte Trommeln, sphärisches Keyboard und eGitarre-Geraune, drängende und kraftvolle Steigerungen, Sounds die zum Ausrasten einluden und an den Drums sah man hin und wieder Špela Mastnak wie ein Irrwisch hüpfen, wie Goblins Kriegsmärsche zelebrieren, dachte ich – die Musik machte aus einem anstrengenden, postdramatischen Martyrium etwas Besonderes.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich diese Aufführung so schnell vergessen werde und es gab großen Applaus, aber keinen sehr langen, Thema und Anstrengung hielten die Hände zurück.


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