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Rom, Roman, Romantik

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Ein altes Lied des SF-Fans leiert so: Die Verlage verstecken ihre SF vor mir!
Okay, wer nicht sucht, findet auch nicht, aber es wäre schon toll, wenn Verlage ihren Job ernst nähmen und alle ihre Bücher bewerben würden. So hat Bastei Lübbe es nicht für notwendig erachtet, »Roma Nova« von Judith Vogt einer entsprechenden Kampagne zu würdigen. Nach ein paar Monaten stellte die Autorin frustriert fest, dass deutschsprachige SF-Autorinnen unsichtbar oder zumindest wenig sichtbar seien. Im Zuge dieser Twitter-Diskussion zwang die Webgemeinde nicht nur der Wikipedia eine Liste auf, ich erfuhr auch von Judiths Buch. Nun kannte ich Judith vom Sehen her von Cons und ihre meist politischen Äußerungen von Twitter, aber ich habe noch nix von ihr gelesen. Liegt auch daran, dass sie vornehmlich Fantasy schreibt.
Okay, ich musste überlegen, ob ich mitten im LBM-Rezensionsstapelwahn eine 620-Seiten Space Opera reinstopfen wollte, aber letztlich interessierte mich, ob sich hinter Judiths Aufregung auch entsprechendes Werk verbarg.

Ja.

Nach der Lektüre kann ich Judiths Frust nachvollziehen. Das Buch hat mehr Aufmerksamkeit verdient. Es ist eine gute Space Opera, in meinen Augen eine gute moderne Space Opera, die sich mit den Platzhirschen der deutschsprachigen SF messen kann.

RomaNova

Roma Nova von Judith Vogt, Cover: Arndt Drechsler

Modern bedeutet hier für mich im Wesentlichen die Verwendung von modernen Charakteren. Weibliche Figuren in plottreibender Funktion, inhaltliche Funktion von Hautfarben und Geschlecht. Themen wie Rolle und Manipulierbarkeit elektronischer Medien, omnipräsente Aufzeichnungsmöglichkeiten und damit verbunden die Vermarktung der Aufzeichnungen, aber auch ethische Frage wie das Recht, sich gegen eine erste Welt zur Wehr zu setzen. Letztlich auch das große Unterthema, ob man Liebe implantieren kann.
Als modern empfinde ich auch das Aufweichen strenger Gut/Böse-Strukturen und die ambivalente Auflösung der Konflikte.

Gerade zum Thema Hautfarbe gab es vor einiger Zeit eine Diskussion auf Twitter, an der sich Judith ebenfalls beteiligte. In »Roma Nova« zeigt sie, was es bedeutet, eine automatische Zuweisung durch die Leserschaft dadurch zu vermeiden, dass man Hautfarben als ganz normale beschreibende Funktion einer Charakterisierung verwendet. Ianos hat dunkle Haut und wird dafür nicht diskriminiert, es spielt vielmehr als ein Herkunftsindiz eine Rolle. In dieser Behandlung von Hautfarbe sehe ich schon etwas Neues. Hautfarben sind relevant und nicht nur Staffage, sondern haben Bedeutung ohne Rassismuskeule.

Diversität und Frauenfiguren durchziehen den Roman. Es gibt keine Scheu vor Sex, in vielen Spielrichtungen und moralische Urteile obliegen den Figuren, Judith als Erzählinstanz bleibt neutral.
Jedoch nimmt sie ihre weiblichen Figuren, Sklavinnen und Herrinnen, und lässt sie gegenseitig erkennen, in welchen gesellschaftlichen Käfigen sie leben. Die Sklavinnen als Besitz, die Patrizier-Frauen als Gattinnen, Mütter und optisches Element. Ein Verlassen der gesellschaftlichen Käfige führt für beide Gruppen zu schweren Konsequenzen.
Gladiatorenkämpfe und Auspeitschungen bleiben das, was sie sind. Menschenverachtend. Aber natürlich sind sie auch Actionelemente. Doch nicht mit heroischen Siegern. Sondern mit Menschen als Besitz von Leuten, die sich daran ergötzen oder damit Politik betreiben.

Die Bedeutung des Geschlechts wird auf mehreren Ebenen beackert. Die Nichtgleichberechtigung von Frauen, Möglichkeiten sich in einer Männerwelt durchzusetzen ohne den Mann zu spielen, Emanzipation durch Technik. Je mehr ich darüber nachdenke, umso spannender finde ich Judiths Frauenfiguren. Weil sie sich so stark unterscheiden. Die missbrauchte Seherin, die emanzipierte Gaia, die sich selbst findende Constantia, die loyale IT-Sklavin, die wütende Piratin, die umtriebige Journalistin …
Da steckt eine Masse Arbeit in der Erschaffung guter Frauenfiguren drin. Auch wer den Roman eher als reine Unterhaltung sehen möchte, dürfte Spaß daran finden, denn obwohl der Roman dick ist, kommt nie Langweile auf, dafür sorgt eine spannende Handlung, die großartige Kulisse Roms und jede Menge Intrigen, Liebe und Sex.

Etwas mehr zur Handlung gibt’s wie gewohnt drüben im Fantasyguide: Roma Nova von Judith Vogt

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6 Kommentare

  1. M. Rath sagt:

    Mir ist das Buch, bei nicht übertrieben umfangreicher Marktbeobachtung, durchaus begegnet. Selbst in Ketten-Buchhandlungen habe ich es zeitweilig als Stapelware gesehen. Abstand genommen habe ich vom Kauf, weil mir Stephen Baxters „Ultima“-Weltraumrömer schon unzugänglich blieben (ob derartige Beobachtungen auch von der Verlags-PR gemacht werden, sei einmal dahingestellt, besonders schlau stellt man sich dort auch nach meiner Ansicht nicht an).

    Was mich aber motiviert hat, hier überhaupt zu kommentieren, sind die vielen Rollenzuweisungen entlang der Achse Mann/Frau, die oben erwähnt wurden und die Frau Vogts historisierenden SF-Roman offenbar zu tragen scheinen. Damit ich SF&F als auf der Höhe der Zeit oder ihr voraus wahrnehme, muss sie den Stand der historischen Forschung aufgreifen. Dazu gehören dann beispielsweise auch die Rollenverhältnisse in Sklavenhaltergesellschaften, wie sie etwa https://www.nytimes.com/2019/02/26/books/review-they-were-her-property-white-women-slave-owners-stephanie-jones-rogers.html beschreibt.

    In meinen Augen, gerade weil auch von antifeministischer Seite stark stereotypisierend polemisiert wird, ist es der absolute Goldstandard historisierender Fantastik, derartige sozialhistorische Erkenntnisse zu den Geschlechterverhältnissen zu sublimieren, transzendieren, sie spielerisch aufzugreifen.

    Wenn Frau Vogt das leistet: Prima, dann gehört Lübbe doppelt kritisiert.

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  2. Columbus sagt:

    Dem ersten Satz von M. Rath kann ich nur unterstreichen. Wer sich über das, was in der deutschen SF auf den Markt kommt, kontinuierlich informiert, sollte von »Roma Nova« zumindest gelesen haben. Dass du erst durch die #wikifüralle-Debatte davon erfahren hast, finde ich erstaunlich. Dessen ungeachtet ist es aber nicht nachvollziehbar, dass Bastei Lübbe keine vernünftige Werbung macht. Wollen die ihre Bücher eigentlich nicht verkaufen?

    Gefällt 1 Person

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