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Der Teufel ist ein Romantiker mit großem Zorn

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Ein wunderbarer Sommerurlaub in Südengland liegt hinter mir und damit auch eine ganze Reihe von Büchern, die ich mir extra auserwählte, weil sie irgendeinen Bezug zu Dorset haben.
Das letzte Buch war nun Nightmare Abbey von Thomas Love Peacock.

NachtmahrAbtei

Nachtmahr-Abtei von Thomas Love Peacock

Er wurde in Weymouth geboren und tatsächlich besuchten wir diesen Ort während unseres Urlaubes auch. Wir fanden dort jetzt nichts, das auf Peacock hinwies, dafür einen touristisch arg überlaufenen Badeort, der so überhaupt gar nichts mit dem zu tun hat, was wir an Südengland mögen. Wahrscheinlich haben die Engländer eine spezielle Erholungskultur. Den Strand mit allen möglichen und unmöglichen Aktivitätsangeboten vollzupflastern ist schon eine eigene Kunst. Aber es soll ja nicht uns gefallen.

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Am Strand von Weymouth

So wenig nun also der Besuch von Peacocks Geburtsstadt auf das Buch einstimmte, so wenig erfüllte es auch meine Erwartungen. Denn ich wissensarmer Banause dachte tatsächlich, bei Nachtmahr-Abtei, wie das Buch auf Deutsch heißt, handele es sich um einen Schauerroman. Quasi das Gegenteil ist der Fall.

Weymouth1

Weymouth zwischen Vergangenheit und Moderne

Nightmare Abbey wurde geschrieben, um sich über bestimmte Mode-Romane Anfang des 19. Jahrhunderts lustig zu machen, von denen ich zwar gehört habe, aber bisher noch nichts las. Diese misanthropischen, romantischen Schmachtgeschichten interessieren mich gleich den französischen Schäferromanzen schon eine Weile, einfach um verstehen zu können, worauf so viele Zeitgenossen einst fleißig spuckten. Das Problem ist, an eine zufriedenstellende deutsche Ausgabe zu kommen, da die meisten von ihnen in den Abgrund des Vergessens fielen. Aber vermutlich muss ich das Projekt einfach nur mal richtig intensiv angehen. Hab ja noch nicht genug offene.

Jedenfalls hatte Peacock großen Spaß daran, sich ein paar Figuren auszudenken, die an der Welt leiden und das ganz großartig finden. Im Mittelpunkt steht dann auch deren Zusammentreffen und nicht so sehr die recht dünne Handlung. Peacock verwurstelte ein paar seiner Freunde und Bekannten in diesen Figuren und hier kannte ich jetzt wenigstens einige davon. Neben Coleridge, Byron und Peacock selbst treffen wir auch auf Shelley und eine Inkarnation seiner zweiten Frau Mary. Seit ich die Urfassung von Frankenstein las und in dem Nachwort mehr über den Einfluss ihres Vaters William Godwin und den von Shelley erfuhr, fasziniert mich dieser Kreis britischer Literaten und Literatinnen. In Nightmare Abbey verkörpern die Figuren jeweils nur bestimmte Aspekte der realen Vorbilder, nichtsdestotrotz bestimmte das meine Lektüre und produzierte entsprechende Bilder. Ich geriet in so eine romantische, sehnsuchtsvolle Stimmung, also genau dorthin, wo Peacock seine Leserschaft abholte, um sie dann mit sanftem Spott und liebenswerter Komik vor den Spiegel zu führen.

Einigen der philosophischen Diskussionen konnte ich nicht wirklich folgen. Zwar macht es großen Spaß der schnellen Rede und Gegenrede zu lauschen, besonders weil die Figuren mit lustigen Eigenarten, wie eben dem festen Glauben am drohenden Untergang, jeweils ganz eigene Akzente setzen und auch, weil ein jeder Streit friedlich endet. Immerhin wurden Themen diskutiert, die entweder religiös waren oder durch Zeitablauf obsolet wurden. Dem Amüsement schadete mangelndes Verständnis aber nicht.
Großartig ist auch das Nachwort in meiner kleinen Manesse-Ausgabe. Ich liebe es ja, wenn zwischen den Analysen und Fakten zu Autor und Text eine große Leidenschaft für beides herausströmt und mich mitreist. Und das gelang Werner Morlang ganz furios famos. Natürlich will ich jetzt am liebsten sofort noch mehr von Peacock lesen. Und bin wieder beim Beschaffungsproblem. Menno.

Übrigens ganz ohne Schauer ist Nightmare Abbey nicht. Die Szene mit einer Geistererscheinung gehört zu den besten Stellen des Romans und zwingt mich gleich erneut zu einem megabreiten Grinsen.
Nightmare Abbey wird 200 Jahre alt, eine phantastische Gelegenheit, die Buchläden zu stürmen!

Ein paar Zeilen mehr gibt’s wie gewohnt im Fantasyguide: Nachtmahr-Abtei von Thomas Love Peacock


3 Kommentare

  1. Oh, vielen Dank für den Hinweis auf diesen Titel, den ich auch wohl sofort als Schauerroman eingeordnet hätte. Ein Sub-Genre, das ich persönlich nur allzu gerne lesen. Aber auch so hast du mich echt auf den Geschmack gebracht. Zumal wir für nächstes Jahr einen Urlaub in Devon planen und Südengland schon seit jeher eins dieser Muss-ich-unbedingt-in-diesem-Leben-noch-hin-Zielen ist. Peacocks Buch wandert daher sogleich auf den Merkzettel! Und eigentlich wollte ich doch in den nächsten Monaten weniger Geld für Bücher ausgeben … *seufz*

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