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Meine kleine Burg

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Oh glückliche Tage der Kindheit, da ich in den Hofpausen heimlich zur Karl-Marx-Buchhandlung pilgerte um köstliches Lesefutter zu erwerben! Dort entdeckte ich Robert Merle eines Tages.
Madrapour, Die geschützten Männer, Malevil, Die Insel … ich verschlang, was ich in die Finger bekam. Jahre später entdeckte ich ihn wieder in einer Buchhandlung und erfuhr, dass er sich inzwischen mit einer Romanreihe zur französischen Geschichte befasste. Und vermutlich habe ich aus keinem anderen Land mehr nichtphantastische Romane gelesen. Ja, ich hatte eine richtige französische Phase. Dumas, Balzac, France, Flaubert und vor allem natürlich Zola, durch dessen Rougon-Macquart ich mich fast komplett gelesen habe. Also hatte ich keine große Hemmschwelle und fing einfach mitten in der Fortune de France Reihe an, weil der Aufbau-Verlag mir natürlich von grad erschienenen Band ein Rezi-Exemplar zusandte. Es war Der Tag bricht an, der letzte Band mit den Memoiren von Pierre de Siorac. Ich las dann kurz hintereinander auch die Bände 7-9. Obwohl sie tatsächlich mein grundlegendes Geschichtsinteresse befriedigten, gab es diverse Kritikpunkte und ich verschob die weitere Lektüre auf später.

Als sich nun dieses Später bei mir meldete, beschloss ich, mir endlich Band 1 zu besorgen und danach dauerte es bestimmt noch einmal zwei Jahre bis sich Fortune de France aus dem SUB erhob.

fortune

Fortune de France von Robert Merle

Der erste Band ist auch der Start von Pierres Erinnerungen. Merle beschreibt darin, wie sich der Vater Jean mit einem Soldatenkumpel im Périgord ein Landgut samt Burg kauft und es zu einem florierenden Unternehmen ausbaut. Dabei müssen Pest, Religionskriege, Staatsunruhen und natürlich amouröse Abenteuer überstanden werden. Recht schnell war ich wieder gefangen von Merles Kunst, Historie und spannende Familiengeschichte miteinander zu verknüpfen. Es macht Spaß, wenn er die kleine Baronie langsam wachsen lässt. Wie in einem Aufbauspiel kommen dabei dann nach und nach ein Steinbruch, eine Mühle, Ziegen, Schweine, Korbflechterei hinzu. Das erfreut das alte Siedler-Herz.

Der große religiöse Konflikt, der sich auch innerhalb der Familie Siorac auswirkt, hat mich nicht wirklich gereizt. Die Unterschiede zwischen den christlichen Strömungen sind für einen Außenstehenden dann doch eher gering. Interessant fand ich jedoch, dass das 16. Jahrhundert damit ähnliche Probleme besaß, wie sie etwa in arabischen Ländern heute auftreten. Arme Männer können keine Familie gründen, weil sie weder Frau noch Kinder versorgen können. Es entsteht unter anderem sexueller Frust. Und um Sex geht es bei Merle doch recht häufig. Ich vermute ja stark, dass Merle das Thema etwas über das historische Maß hinaus spannend fand.
Natürlich befinden wir uns in einem kriegerischen Zeitalter. Recht und Ordnung kann kaum aufrecht gehalten werden, jedermann musste sich selbst beschützen. Plünderungen waren an der Tagesordnungen, Vergewaltigungen gehörten zum Lohn der Söldner. Für Mädchen und Frauen war es überlebenswichtig, Schutz zu bekommen, versorgt zu werden. Unser netter Burgherr geht mit diesem Zwang, trotz angeblicher Frömmigkeit, recht egoistisch um. Gute Diener werden mit Frauen versorgt, die Rettung vor Hunger und Pest lässt er sich gern mit Sex vergelten, etwas, dass sein Sohn in einem späteren Roman ihm gleichtun wird. Pierre hat zudem in der Tochter seiner Amme ein heißblütiges Mädchen, das zu ihm ins Bettchen schlüpft und ihm bereits mit neun Jahren verführt. Und während die Amme stillt, erfreut sich die versammelte männliche Burgbelegschaft an ihrem Anblick. Die Amme darf übrigens jedes Mal, wenn Madame schwanger ist, zu ihrem Mann, und nur dann, um sich ebenfalls schwängern zu lassen. Die Milch für die Herrschaft soll ja fließen.
Diese vielen Beispiele der auch sexuellen Abhängigkeit von Frauen im 16. Jahrhundert stellt Merle doch recht freundlich dar. Klar, es sind Memoiren eines Mannes, aber der Ton ist doch recht lüstern. Fünfhundert Jahre später müssen immer noch Mädchen und Frauen unter denselben Gewalt- und Machtverhältnissen leben.
Marion vom schiefgelesen-Blog hat grad heute erste über ihre Lektüre von Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht gebloggt. Das passt thematisch hervorragend.

Ich werde die Fortune de France Reihe weiterlesen, weil sie spannende Geschichtslektionen enthalten, ich Frankreich mag und Robert Merle ein guter Erzähler ist.
Meine Rezi im Fantasyguide: Fortune den France von Robert Merle

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6 Kommentare

  1. christahartwig sagt:

    Das ist ja ein hervorragender Literatur-Tipp. Ich schlage mich gerade mit der Geschichte Oberitaliens herum, was mir verdammt schwerfällt, denn als Spätfolge tödlich langweiligen Geschichtsunterrichts in der Schulzeit werde ich schlagartig apathisch, sobald vom Mittelalter und den dazugehörigen Herrscherhäusern die Rede ist. Ein gut geschriebener und dazu noch gut recherchierter historischer Roman ist allemal lesenswert.

    Gefällt 1 Person

  2. Merle ist ja – für mich Ossi – fast so ein Ost-Ding; was natürlich Quatsch ist, er ist ja Franzose. Aber ich denke mal, es gab so ein paar Autoren, die waren in der DDR präsenter als in der BRD? Mir fällt da Michel Tournier ein (der ja seinerseits in die DDR-Sportler [/ innen vor allem] vernarrt war, und eben Merle.
    Seine Schreibkarriere habe ich nach den großartigen Büchern vor 1990 nicht mehr verfolgt, nur noch so neben gesehen, dass er „nur“ noch „reinfache“ historische Romane verfasste, die mich tatsächlich nicht mehr hinterm Ofen vorlockten. Schön, dass es dir damit anders erging und danke für die Schilderung deiner Eindrücke hier; es gibt also einen „Merle danach“ 🙂

    Gefällt 1 Person

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