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Das Unglück des Poeten

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Franz Kafkas Prozess las ich zur Wendezeit. Er passte damals zum Status dieses Landes und beschreibt ihn heute nicht minder treffend.

Kafka übte auf mich stets eine besondere Faszination aus wie Heine oder Rilke, denn ihnen fühle ich mich literarisch am verbundendsten. Und wie cool ist das Vorbild eines Büromenschen, der Weltliteratur in seiner Freizeit verfasst?

Meine Ambitionen sind da inzwischen deutlich gesunken, aber der Name Kafka bewirkt bei mir immer noch glänzende Augen.

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Kafka in Berlin

Noch bis zum 28.08. läuft im Martin-Gropius-Bau nun eine ganz besondere, feine, kleine Ausstellung zu Kafka und seinem Roman Der Prozess. Übrigens liegt das Gebäude nahe jener Stelle, da Kafka einst in Berlin nächtigte.

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Der Martin-Gropius-Bau ist für ambitionierte Ausstellungen berühmt.

Kafka schrieb den Roman nie fertig und wollte das Manuskript eigentlich nach seinem Tod vernichtet wissen. Sein Freund Max Brod verweigerte ihm diesen Dienst und brachte stattdessen nur wenige Jahre nach Kafkas Ableben eine von ihm aus der Rohfassung zusammengestellte Ausgabe heraus, die zumindest unter Literaten schnell berühmt wurde.

Der Großteil des Romans entstand in ein paar Monaten nach der Auflösung von Kafkas Verlobung und dementsprechend kann man vermuten, dass Kafka hier gegen sein Leid anschrieb.

In der Ausstellung sind Faksimilies der handgeschrieben Blätter zu bestaunen, samt den Editions-Anmerkungen von Max Brod und so konnte ich direkt in Kafkas Bearbeitungen, Streichungen und Wortsuche hineinblicken. Es entsteht eine große und intime Nähe zu Kafka, die ich so nicht erwartet hatte.

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Der Schatz

Zudem wird dreimal täglich die Orson Welles Verfilmung aus dem Jahre 1962 im Original mit deutschen Untertiteln gezeigt, von der ich bisher nichts wusste. Wir sahen nur die letzten zwanzig Minuten, aber der Film hinterließ gewaltigen Eindruck. Sehr expressiv, tolle Bildideen und neben Anthony Perkins als K. konnte man Welles selbst und eine sehr impulsiv aufspielende Romy Schneider bewundern. Jetzt nicht unbedingt eine getreue Buchverfilmung, aber sehr beängstigend und cineastisch sicherlich auch im Ganzen nicht zu verachten.

Abgerundet wurde die Ausstellung durch Fotos, Biographisches und fremdsprachige Ausgaben des Prozesses. Die Fotos übrigens in Originalgröße und wer alte Photographien seiner Großeltern kennt, wird sich an die Briefmarkenformate erinnern. Zum Glück hatte ich die Brille auf.

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Der ganze Prozess

Mit dem Kinoraum drei Säle im grandiosen Martin-Gropius-Bau – eine für mich völlig angemessene Würdigung des Romans und seines Autors. Es waren vielleicht 15 BesucherInnen da, alles darüber hinaus hätte vielleicht die Intimität zerstört. Ich kann‘s nur empfehlen!

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9 Kommentare

  1. finbarsgift sagt:

    Dort würde ich auch gerne mal ihm zu Ehren eine Runde drehen, muss großartig sein!

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  2. Danke für den Tipp! 🙂

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  3. christahartwig sagt:

    Eigentlich mag ich keine Literaturausstellungen. Ich habe das Gefühl, Plattfüße zu bekommen vom langen Lesen im Stehen vor Vitrinen, Rückenschmerzen … Und dann denke ich, das ich das, was die Ausstellung vermitteln will, lieber aus einem gut gemachten Buch bezöge – nicht durch Unbequemlichkeiten in der Konzentration gestört. Eine Ausnahme bildete die Kempowski-Ausstellung in der Akademie der Künste – wegen der Einblicke ins Archiv (eine unglaubliche Sammlung alter Fotografien, viele davon Familienporträts, die so viel erzählen. Aber vielleicht mache ich bei Kafka ja im August noch eine Ausnahme. Auf den Film bin ich neugierig. Und vielleicht ist zu Ausstellung ja auch ein Buch erschienen, das man zu Hause im bequemen Sessel studieren kann.

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