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Wenn das Buch zum Monster wird

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Der Golkonda Verlag ist eine Aphrodite für bibliophile Leseratten wie mich. Nur einmal kurz ins Programm geschaut und man erliegt der Verführung. So erging es mir auch 2013, als Hannes Riffel das neue Klassiker-Programm vorstellte. Die dort erschienenen und noch erscheinenden Werke sind reine Liebhaberprojekte von Menschen, die ganz bestimmte Bücher endlich wieder in angemessener Buchform sehen wollen. Vergessene Werke ebenso wie ihrer Meinung nach zu Unrecht kaum beachtete.

Es hat eine Weile gedauert, bis ich die vier Bände von Victor Hugos Der lachende Mann in meinen Händen hielt und auch das Lesen selbst zog sich lange hin. Zum einen schob ich diverse andere Bücher dazwischen, zum anderen ist der Roman kein Buch zum schnell weglesen.

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Der lachende Mann von Victor Hugo, Cover: s.BENeš

Hugo steckte eine Menge Stoff hinein, sowohl politisch, als auch literaturtheoretisch. Klingt jetzt vielleicht nicht recht spannend, aber lasst mich das erklären.

Der Roman entstand im Exil. Hugo war kein Freund der Restauration der französischen Monarchie und konsequent verließ er den Staat. Als Verfechter der Republik sah er im Adel den Parasiten, der nur existierte, um das Volk auszusaugen. Ich stimme ihm da zu und schreibe es immer wieder gerne, wie froh ich bin, dass unsere Vorfahren 1918 den Adel bei uns abschafften. Möge er auf ewig in der Mottenkiste der Geschichte verrotten.

Hugo allerdings focht den Kampf noch aus und er wählte als historisches Setting seines Romans das Ende des 17. Jahrhunderts in England. Es war die Zeit wechselnder Dynastien bis hin zum Act of Union 1707, der die schottische und englische Krone vereinte und Schluss mit Bürgerkrieg und anderen gewalttätigen Auseinandersetzungen innerhalb der Insel machte. Der Adel konnte seine Tage mit feierlichem Nichtstun verbringen. Die Auswirkungen dieser Vergnügungen auf das einfache Volk beschreibt Hugo an mehreren Stellen eindringlich. So holte man sich irgendwen von der Straße, trieb üblen Schabernack mit ihm, um das nicht selten verletzte Opfer einfach in die Gosse zu werfen. Die Justiz ging dagegen nicht vor.

Um diesen Effekt zu verstärken, ersann Hugo für seinen Roman eine noch finstere Intrige. Aus einem Abrafaxe-Heft wusste ich bereits, dass es mal Mode war, besonders schrullige Hofnarren zu züchten, indem man Kinder in krumme Kisten sperrte und somit zu deformierten Geschöpfen heranwachsen ließ. Hugo erfand dazu gleich eine ganze Berufsgruppe, die Comprachicos. In einer solchen Gruppe wächst Gwynplaine auf. Seine Gesichtsmuskeln wurden zerschnitten und so zusammengenäht, dass es stets breit grinst.

Doch der politische Wind dreht sich, dem Comprachicos droht der Tod, sie fliehen des Nachts bei Sturm, mitten im Winter. Den Beweis ihrer Tätigkeit lassen sie barfuß an der Küste zurück. Das Kind taumelt durch den Schnee auf der Suche nach Wärme und Hilfe. Dabei stößt es auf den toten Körper einer Frau und ein Baby. Der Junge nimmt das weinende Bündel mit sich, obwohl er selbst kaum Wärme oder Kraft hat.

Wer diese Szenen liest, erkennt darin Hugos Meisterschaft in der Beschreibung menschlichen Elends wieder. Und doch ist es auch eine Lobpreisung menschlicher Fähigkeiten, solange sie unschuldig und unverdorben sind. Verderbnis und Verführung lauern jedoch überall. Zwar werden die beiden Kinder gerettet und erleben eine glückliche Zeit bei einem alten Schausteller, der sie bei sich aufnimmt, aber niemand wird bei Victor Hugo ein Happyend erwarten.

Was das Lesen des Buches zu einer Herausforderung macht, sind die vielen Passagen, die nur indirekt etwas mit der Handlung zu tun haben, die zudem auch nicht immer linear erzählt wird. Zwar ist oft zu erkennen, warum Hugo über bestimmte Themen referiert und er zeigt auch hier eine fesselnde Sprachgewalt, aber wer sich dafür nicht interessiert, wird Probleme haben.

Der Roman ist tatsächlich nicht allzu oft verlegt worden. Herausgeber Andreas Fliedner hielt sich an die deutsche Erstübersetzung, die schon im Veröffentlichungsjahr der französischen Originals, 1869, erschien. In meinem Bücherregal stand noch ungelesen die Ausgabe des Verlages Neues Leben aus dem Jahr 1980, welche in Genehmigung durch den Paul List Verlag, Leipzig unter dem Titel »Die lachende Maske« in der Übersetzung von Eva Schuhmann erschienen ist.

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Die lachende Maske von Victor Hugo, Cover: Jürgen Pansow

Sie wurde von Jürgen Pansow illustriert, einem Grafiker und Bildhauer, der mir bis heute völlig unbekannt war obwohl ich eines seiner Werke, Zwiesprache, schon des Öfteren im Fennpfuhlpark sah.

Seine vermutlich ebenso wie das Cover farbigen Illustrationen halten sich sehr dicht am Text und einige erstaunen durch ungewohnte Perspektiven, in denen man den Bildhauer erkennen mag.

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Dea und Gwynplaine – Illustration von Jürgen Pansow 

Wer lieber eine aktuelle Neuübersetzung lesen möchte, kann auf die Prachtausgabe der Achilla Presse zurückgreifen. Sie erschien 2013 unter dem Titel »Der Mann mit dem Lachen« und wurde von Rainer G. Schmidt übersetzt. Leider gibt es die Achilla Presse nicht mehr, das Buch ist antiquarisch zu einem ähnlichen Preis zu haben wie die vier Golkonda-Bände zusammen.

Puh, ich bin froh, die Lektüre durchgehalten zu haben. Frank Böhmert konnte sich nach dem ersten Band nicht entschließen, weiter zu lesen, dabei endete dieser gerade erstmal damit, dass Gwynplaine und Dea von Ursus aufgenommen werden. Vielleicht unterstützt die Aufteilung in vier Bücher das Durchhalten nicht besonders. Auch wenn es mich schon reizt, irgendwann einmal alles von Hugo gelesen zu haben, in naher Zukunft wird das aber nicht geschehen. Denn erst einmal werde ich mit meiner Urlaubslektüre beginnen. Ja, der Urlaub ist noch drei Wochen entfernt, aber ich hab so das Gefühl, dass die vier erwählten Werke ebenfalls eine etwas langsamere Lesegeschwindigkeit mit sich bringen. Außerdem juckt es mich schon in den Fingerspitzen, in die portugiesische Literatur einzudringen, von der ich bisher noch überhaupt nix kenne oder weiß. Neuland!

Bis dahin und wie gewohnt der Link zu meiner Rezi im Fantasyguide, die etwas mehr auf die Handlung eingeht als dieser schon wieder so lange Blogpost hier: Der lachende Mann von Victor Hugo

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2 Kommentare

  1. “ Seine Gesichtsmuskeln wurden zerschnitten und so zusammengenäht, dass es stets breit grinst.“ – Klingt nach einem historischen Vorbild für den Joker…
    Alle Achtung für deinen Lesefleiß; offensichtlich wird Ausdauer auch mal entlohnt.

    Gefällt 1 Person

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