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Alle Macht durch Drogen

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Es ergab sich eher zufällig, dass ich Neosapiens von Nik Page und Junktown von Matthias Oden parallel las und sich dadurch inhaltliche Überschneidungen aufzeigten.

Nik Page verwendet für seinen Maschinenstaat Namen aus der DDR, etwa Ministerium für Sicherheit (MfS), bei Oden wird die totalitäre Diktatur auch Maschinenstaat genannt und es gibt diverse LTI-Verwendungen wie Rauschparteitag oder Rauschsicherheitshauptamt, aber auch der Trabbi findet als Tripbant eine rauschaffine Würdigung.

In beiden Romanen spielen Drogen eine große Rolle und rebelliert die männliche Hauptfigur gegen das normale, graue Staatsbürgertum. Auch der im Hintergrund lauernde Schlag durch das System bringt in beiden Werken eine stets mitschwingende Besorgnis. In beiden Systemen drohen für Abweichler Erziehungsmaßnahmen. Wird bei Nik Page jedoch das drogenzerblasterte Hirn gereinigt (auch von kreativer Energie) wird man in Junktown wieder auf die drogenabhängige Linie gebracht.

Die staatlich verordnete Abhängigkeit und das darauf fußende konsumistische Ordnungsprinzip sind zwei der genialen Konstruktionsmechanismen mit den Oden seine Dystopie zum kraftvollen Leben erweckt.

Junktown

Junktown von Matthias Oden; Cover: Das Illustrat

In unglaublich vielen Details spürt man, wie sehr sich der Autor mit den möglichen Auswüchsen einer solchen Gesellschaft beschäftigt hat. Jürgen Doppler aka Josefson liefert in der SF-Rundschau dazu einige Beispiele. Ich fand neben der Müllanfuhr besonders das System der Brutmütter perfide. Intelligente Maschinen, in deren Innern genmanipulierte Kinder heranwachsen und die sogar über einen »Befruchtungsstutzen« verfügen, also über eine künstliche Vagina, die problemlos auch von einem Mann verwendet werden kann und wird. Das ist schon sehr harter Tobak.

Bei Oden wird das Bild immer weiter ausgebaut. Die ermordete Maschine wird obduziert. Man findet eine Vergewaltigungsdroge in ihrem System. Sie hatte einen Freund, ging fremd, schrieb Liebesbriefe – Oden hätte wohl noch viel weiter gehen können.

Folgerichtig für ein solches System beschreibt Oden alle Symptome des Niedergangs. Menschen auf Droge müssen zum Konsum gezwungen werden. Es gibt keine natürliche Vermehrung mehr, die Bevölkerung muss künstlich wieder aufgebaut werden. Fehlender Antrieb führt zu schwindender Innovationskraft, Stagnation bedeutet Verfall. Drohender Verfall treibt die Systemträger zu immer radikaleren Mittel, ihre Macht zu erhalten, unfähig, die ökonomischen und gesellschaftlichen Probleme lösen zu können.

Eine gigantische Mühle, zwischen deren Mühlsteinen ein einsamer Streiter für die Wahrheit gerät.

Ja, das erinnert stark an Brazil und 1984, oder an Schöne neue Welt, aber ich denke schon, dass Matthias Oden da noch etwas Neues und sehr Lesenswertes herausgeholt hat.

Und selbst, wenn man Junktown einfach nur als dreckigen Ermittler-Krimi liest, dürfte man seinen Spaß haben.

Aber es gibt eben noch sehr viel mehr darin zu entdecken. Wer mit Solomon Cain durch das Rauschsicherheitshauptamt läuft, wird an Beschreibungen von Hitlers Reichskanzlei erinnert und spätestens dann weitet sich Junktown zu einem abgrundtiefen Dystopiegemälde: Junktown von Matthias Oden

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