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Jenseits der Party

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Nach Volker Braun und Bert Papenfuß lud das Literarische Colloqium Berlin erneut zu einer Veranstaltung ein, die mein lyrisches Interesse maßlos entfesselte. In der Reihe Auf Wiedervorlage ging es um den Literarischen Salon von Ekke Maaß. Dabei handelte es sich um regelmäßige Abende mit Lesungen, Musik, Essen und Getränke, die in der Wohnung von Ekke Maaß stattfanden, Prenzlauer Berg, DDR. Der Salon existiert zwar noch heute, aber im Mittelpunkt standen die 80er Jahre, als eine junge Lyriker-Generation jenseits des staatlichen Kulturbetriebes eine eigene Szene bildete, die sich in solchen Wohnzimmern eine private Öffentlichkeit schuf, die ihnen der Staat verwehrte.

Als Mäzen und Türenöffner dabei auch Christa und Gerhard Wolf uns es war mir eine riesige Freude, dass Gerhard Wolf den Abend mit viel Wissen und Empathie einleitete.

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Gerhard Wolf

Für mich ist er seit seiner Herausgeberschaft von Außer der Reihe einer der aufregendsten Buchschöpfer des Landes.

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Meine Außer der Reihe

In dieser Reihe erschienen kurz vor der Implosion der DDR endlich jene aufregenden Dichterinnen und Dichter, von denen man meist nur hinter der Hand oder in diversen Sammelpublikationen ein zwei Bröckchen fand.

sprachzeiten

sprachzeiten

Anlass des Abends war das Erscheinen des Buches Sprachzeiten, herausgegeben von Peter Böthig, der sich dem Salon von Ekke Maaß in Wort und Bild widmet. Zu Wort meldeten sich neben dem Gastgeber auch Elke Erb und Jan Faktor, beide feste Größen in der damaligen jungen Szene.

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Jan Faktor und Elke Erb

Ekke Maaß hatte sein Minipiano dabei und sang Biermann und Brecht und war insgesamt voller Begeisterung von sich und seinem Salon. Bestimmt hat er auch allen Grund dazu. Heute kümmert er sich zusätzlich auch noch um Migranten und aus dem Kaukasus.

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Ekke Maaß

Elke Erb schien dem Abend zunächst etwas skeptisch gegenüber zu stehen, denn sie las ihre Wortmeldung zum Salon aus dem Buch vom Blatt ab, quasi als Diskussionsbeitrag und würzte ihn mit lakonischen Bemerkungen.

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Elke Erb

Auch Jan Faktor wollte sich nicht so ganz als schmückendes Beiwerk verstehen und insistierte einige Male. So stellte er klar, dass die Abende in erster Linie Partys waren und man nach den Lesungen selten inhaltlich und überhaupt nicht politisch diskutierte.

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Jan Faktor

Der Kreis war auch recht groß, es wurden Zahlen von 50-70 Besuchern genannt. Ich kenne das aus eigenem Erleben, nach einer Lesung will kaum jemand etwas zu den Texten sagen.

Interessant war auch Jan Faktors Empfinden, sich bei Ekke immer sicher gefühlt zu haben und von der Stasi nichts mitbekommen zu haben.

Ekke Maaß gab dann aber Details aus seiner Stasi-Akte zum Besten und da lief dann doch einiges im Verborgenen ab.

Und damit sind wir beim Erstaunlichsten des Abends. Ganz deutlich war zu spüren, dass unsere drei Zeitzeugen den Verrat von Sascha Anderson bis heute nicht wirklich verwunden haben. Die Verletzungen liegen zum Teil ganz offen. Ekke Maß und Sascha Anderson mochten sich damals aus privaten Gründen nicht, dass Anderson ihn aber ans Messer lieferte und er nur deshalb nicht verhaftet wurde, weil man Anderson sonst enttarnt hätte, ist in der Tat eine bühnenreife Story, wie Moderatorin Sieglinde Geisel bemerkte.

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Sieglinde Geisel und Julia Schoch

Anderson gerierte sich selbst als Mittelpunkt der lose verbundenen Künstlerinnen und Künstler. Er schrieb viel, manifestierte und netzwerkte – und quasselte alles munter bei seinem Führungsoffizier aus. Auch Jan Faktor war es deutlich anzumerken, wie stark ihn diese sinnlose Verpetzerei von Nichts noch heute bewegt. Allerdings gab er gegen Ende des Abends zu, dass die Texte durchaus Angriffe auf den Staat waren. Man schuf eine Sprache, die von den Worthülsen befreit wurden, die man jeden Tag in den Zeitungen lesen sollte. Man decodierte den Text und setzte ihn neu zusammen. Was etwa Bert Papenfuß und Stefan Döring mit ihren Techniken an Kraft gewannen, ist noch heute zu spüren. Das durfte man als Diktatur schon mit Bedenken betrachten.

vorbereitung

Lektüre

Ich hab mir als Vorbereitung zu diesem Abend ein paar alte Bücher aus meinem Lyrikregal gegriffen und fand darunter ein bemerkenswertes Buch. VOGEL ODER KÄFIG SEIN erschienen bei der Edition Galrev, 1991. Das Verlagshaus wurde von Sascha Anderson und Rainer Schedlinski gegründet und das Buch erschien vor der großen Biermann-Abrechnung mit den Stasispitzeln.

Nun ist das Buch ein großartiger Fundus an Werken, Sachtexten, Grafiken und Fotos und wurde von einer Menge Leuten zusammengestellt, aber gerade die Beiträge von Anderson lesen sich aus heutiger Sicht doch arg geheuchelt.

Ob der Schwiegersohn von Martin Walser damit gerechnet hat, dass sein gesamtes publizistisches Werk mit ihm auf dem Orkus der Geschichte landen würde? Ich finde es ja sogar fraglich, ob seine Texte je ernsthaft literarisch waren oder nicht einfach imitierender Teil der Tarnung. Und ist es nicht irgendwie tragisch, dass man Stasi wohl für immer mit seinem Namen assoziieren wird?

Eine Sache fand ich hoch beachtlich. Elke Erb las nie bei Ekke Maaß obwohl sie fast immer bei ihm weilte. Sie hätte lieber zugehört. Wie die meisten Frauen.

Und dazu steht in VOGEL ODER KÄFIG SEIN ein bemerkenswerter Text von Cornelia Sachse. In VAGE ZAGENFRAGEN erklärt sie die Hürden, die man als Frau in der männerdominierten Kunstszene zu überwinden habe, allein schon, um einen Text in einem Untergrundblättchen gedruckt zu sehen. Und dann kommt ein Zitat von Gabriele Kachold:

schild: achtung hier ist szene

hier wirst du entmündigt wie noch nie

hier wirst du selbst zum satansbraten

Als von Außen Blickende wurde Julia Schoch ins Gespräch eingebunden, die sowohl Autorin, als auch ebenfalls Gastgeberin einer Leserunde ist.

julia_schoch

julia Schoch

Sie konnte einige der Erfahrungen bestätigen, die Jan Faktor kundgab und auch ich habe schon festgestellt, dass wenn man einen gastlichen Rahmen bildet, dazu einlädt und ganz wichtig: Essen und Getränke stellt, die Leute kommen. Ein einfaches: Wir sollten uns mal treffen, klappt nie. Es bracht immer einen Macher, einen Host, so wie Ekke Maaß. Viele Fotos aus seinem Salon wurden während des Abends auf eine Leinwand geworfen und es gab eine Menge Berühmtheiten darunter. Er bedaure heute sehr, kein Konzept gehabt zu haben. Bei ihm konnte jeder lesen, der wollte und fragte. Doch es sei schade um die, die sich nicht zu fragen trauten.

Zuguterletzt wurden noch Herausgeber Peter Böthig und Verleger Frank Böttcher zu Wort gebeten.

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Peter Böthig

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Frank Böttcher vom Lukas Verlag

Es war ein für mich sehr spannender Abend. Zum einen bin ich weiterhin heilfroh, niemals in die Bredouille geraten zu sein, Freunde zu verraten und zum anderen gehören diese aufregenden rebellischen Texte von Erb, über Papenfuß, Döring, Jansen bis hin zu Faktor zu meiner Jugend. Ohne sie hätte ich selbst nie ein einziges Gedicht geschrieben, das mir auch heute noch gefällt.

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