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Poe-Tick

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Ja, ein müder Kalauer, aber in der Tat bin ich ziemlich vernarrt in das Werk von Edgar Allan Poe und deshalb konnte ich mich nicht zurückhalten, als es darum ging die allerneueste Neuübersetzung zu besprechen.

poe

Umheimliche Geschichten von Edgar Allan Poe

Der dtv bringt gerade jene fünf Bände mit Poe-Werken heraus, die einst Charles Baudelaire auf Französisch herausgab. Baudelaire war ebenfalls vernarrt in Poes Poetik und glühte für das große Vorhaben den US-amerikanischen Autor in Europa bekannt zu machen.

Die wunderschöne Ausgabe weckte meine bibliophile Gier und ich wurde immerhin auch mit der Lektüre mir bisher gänzlich unbekannter Texte belohnt. Wobei ich gestehen muss, dass mir die Geschichten um den Mesmerismus nicht wirklich gefallen haben. Das Thema liest sich heute doch sehr skurril. Jedoch ist es spannend zu betrachten, wie raffiniert Poe die Horror in seine Jenseitserfahrungen einbaut und wie rasant sich die Düsternis in die Zeilen schleicht.

Auch die beiden Ballonfahrtgeschichten kannte ich noch nicht, dabei gilt »Das beispiellose Abenteuer eines gewissen Hans Pfaall« als eine der ersten SF-Stories. Erinnerte mich aber in Teilen an die Reise zum Mond und zur Sonne von Savinien Cyrano de Bergerac. Wäre interessant zu wissen, ob Poe das kannte.

Baudelaire als Literaturkritiker lernte ich bereits im Anhang von Gustave Flauberts Madame Bovary kennen – ebenfalls in einer dtv-Ausgabe. Der Mann hatte ein feines Gespür für das Besondere in literarischen Werken. Gerade wenn man sehr viel liest, besteht ja die Gefahr, dass man im Brei versinkt und die frische Luft nicht mehr erreicht. Baudelaire hat sich seine sieben Sinne bewahrt und wenn man den Brief an Poes Tante und Ersatzmutter Maria Clemm liest, bemerkt man hinter der schwärmerischen Verehrung auch das tiefe Mitgefühl.

Andreas Nohl als Übersetzer der Poe-Werke geht in seinem Nachwort auch auf diese Beziehung zwischen Baudelaire und seinem Idol ein und erklärt natürlich auch, was er in seiner Neuübersetzung anders machen wollte.

Das Ergebnis hat mich überzeugt und ihr könnt sichersein, dass sich mein raffgieriges Bücherherz bereits sehnsüchtig nach den Folgebänden verzehrt. Gar keine schlechte Möglichkeit, Poe in ganzer Breite zu erleben.

Meine Rezi steht, wie sollte es anders sein, an gewohnter Stelle: Unheimliche Geschichten von Edgar Allen Poe

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15 Kommentare

  1. Interessant. Habe erst vor ein paar Tagen mit Frank Duwald und anderen auf FB eine anregende Diskussion über diese Neu-Übersetzung gehabt, welche da insgesamt nicht ganz so gut weggekommen ist. Was mich wiederum verwundert hat, da Nohl ja augenscheinlich für Klassiker so ein bisschen der Übersetzer der Stunde ist. (Stoker, Stevenson, Kipling, Poe etc.) Wenn ich mir Deine (sehr gelungene!!) Rezension so durchlese, scheinst du aber an dieser neuen Übertragung ins Deutsche nichts zu beanstanden zu haben. Bin dennoch unentschlossen, ob ich zugreife. Habe den alten Insel-Schuber von Poe, mit dem ich eigentlich ganz zufrieden bin. Andererseits … als unheilbarer Bibliomane spricht mich das HC-Format natürlich ebenfalls an. Mal sehen. 😉

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    • lapismont sagt:

      Ich hab jetzt ja keine ältere Übersetzung daneben gehalten, um den Stil zu vergleichen. Den Ansatz, Colorit wegzulassen, wenn er im Original nicht vorkommt, finde ich aber ganz richtig. Gerade bei den Dupin-Stories verfällt man vielleicht schnell in Doyles viktorianischen Duktus. Nohl ist ja auch kein junger oder hipper Newcomer, insofern nehme ich ihm seine Beweggründe auch ab. Mich hat aber wesentlich mehr die Baudelaire-Ausgabe als solche gereizt. Vielleicht meldet sich Frank ja auch hier zu Wort.

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      • Soweit ich das mitbekommen habe, orientiert man sich ja zudem an der Chronologie der ursprünglichen französischen Fassung, um auch hier originalgetrau zu sein. Ich bin dennoch unschlüssig, zumal mir die äußerliche Aufmachung so gar nicht zusagt. Dafür kann Nohl natürlich nix. 😉 Bin mal gespannt, ob Frank da nochmal ein abschließendes Urteil abgibt. – Baudelaire ist noch ein blinder Fleck in meiner Lese-Vita. Hatte hier bereits vor einiger Zeit die Reclam-Ausgabe von „Die Blumen des Bösen“ ins Auge gefasst. Aber für die Klassiker muss ich wirklich Zeit und Muße haben. Da ist in der Regel nichts, was ich zwischen Tür und Angel lesen will.

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      • lapismont sagt:

        Lyrik ist in Übersetzungen auch nicht ganz so das Wahre.
        Das Design der neuen dtv.Ausgabe ist eine Mischung aus Moderne und eleganter Buchkunst. Definitiv nicht nostalgisch, trotz Skelettvogel. Ich hab aber auch grafisch aufwändigere Poe-Ausgaben im Regal. Die Büchergilde hatte da mal etwas unwiderstehliches …
        Blumen des Bösen hatte ich ich mir letztes Jahr in der zweisprachigen dtv-Ausgabe in einer deutschen Buchhandlung in Paris gekauft. 😀 Ein innerer Zwang.

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      • Da gebe ich Dir Recht, aber der Komplettist in mir müsste dann Original und Übersetzung kaufen, was wiederum die Kapazitäten meiner Bibliothek sprengen würde. 😉 – Gerade bei Klassikern darf es wegen mir ruhig ein nostalgischer Anstrich sein (Nohls „Dracula“-Übersetzung fand ich persönlich zwar schlicht, aber sehr passend). Meine Lebensgefährtin besitzt noch die Werkausgabe Poes von Haffmans. Die macht sich ebenfalls hübsch im Regal. – Die dtv-Ausgabe von Baudelaire habe ich mir gerade angeschaut. Juckt mich schon. Ich befürchte jedoch, dass mein Französisch seit der Oberstufe ziemlich gelitten hat. Insofern macht die zweisprachige Version (die optisch gefällt) wahrscheinlich für mich wenig Sinn.

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      • lapismont sagt:

        Mir ging es vor allem darum, sie mal auf französisch vor mich hin zu murmeln, um ein Gespür für die Melodie zu bekommen.
        Das fand ich auch ganz hilfreich bei meinem Versuch, W.H Audens Das Zeitalter der Angst zu begreifen.

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      • Hm, das macht Sinn. Wäre bei mir dennoch mit ner Partie Wehmut verbunden, da ich mich immer noch ärgere, dass ich die französische Sprache so verlernt habe. – Auden, Auden. Puh, das Literaturwissenschaftsstudium ist bei mir etwas länger her. *lach* Barock, oder? Ich meine, mein damaliger Dozent an der Buchhändlerschule in Seckbach hätte den mal zitiert.

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      • lapismont sagt:

        Kam über Delaney auf ihn. Wollte einfach mal reinschnuppern in diese Seite der US-Literatur.

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      • Ich habs mir gleich mal notiert.

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      • Frank Duwald sagt:

        Huch, habe diese Diskussion komplett verpasst…
        In der von Stefan erwähnten FB-Diskussion gab es ja zahlreiche Meinungen zu Nohl. Ich bin beileibe nicht der große Übersetzungsanalytiker, aber aus der Poe-Ausgabe habe ich mal einige Seiten aus „Ligeia“ zwischen Original, Nohl und einer Bastei-Lübbe-Übersetzung von Michael Görden verglichen. Mir persönlich hat das ausgereicht, die Nohl-Übersetzung nicht zu lesen. Klar, wenn man nicht mit dem Original vergleicht, liest sich das geschmeidig. Aber es ist überall die Tendenz spürbar, zu glätten, kantige Einschübe platt zu machen oder ganz zu eliminieren. Ich persönlich halte Nohl für einen Erfüllungsgehilfen der Verlage, die mit modernisierten und gebügelten Übersetzungen Leser des 21. Jahrhunderts gewinnen wollen. Im Falle von „Ligeia“ liest sich auch die Görden-Übersetzung sehr gut, und sie ist, wenn man genau hinschaut, pompöser, majestätischer. Und sehr dicht am Original. Es geht also auch anders.
        Die Änderungen und Kürzungen Nohls haben für mich exakt den Charakter der Arbeit eines Lektors, der durch kleine Streichungen und Angleichungen einen Text entschlackt und dynamischer macht. Aber, Poe war ein großer Künstler, der meiner Meinung nach keinen Lektor des 21. Jahrhunderts benötigt.
        Ist halt alles auch eine Geschmacksfrage. Wer nicht so viel auf hundertprozentige Werktreue gibt und lieber flüssig als öfter verhakend liest, ist mit Nohl wahrscheinlich sehr zufrieden. Ich persönlich bin aber der Meinung, dass man bei einem Giganten wie Poe so viel wie möglich erhalten sollte, da alles eine Bedeutung haben könnte.
        Niemand käme (den Übersetzungsprozess mal ignoriert) auf die Idee, Kafka zu glätten, damit er für ein modernes Publikum leichter lesbarer rüberkommt.

        P.S. Habe ähnliche Checks mit Nohls „Dracula“-Übersetzung gemacht. Ergebnis: dieselbe Tendenz.

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      • lapismont sagt:

        Das klingt in der Tat nicht sonderlich berauschend. Ich werde mal im Bücherschrank stöbern, was ich an vergleichbaren Übersetzungen habe.
        Allerdings finde ich es immer noch cool, dass die Baudelaire-Ausgabe neu erscheint.

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  2. finbarsgift sagt:

    Poe forever!!

    Dankeschön, das klingt gut und animiert zu einem Extrakauf zwischendurch 😎

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