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Mühsal auch noch

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Als ich vor Jahren Winston Churchill in der Liste von Literaturnobelpreisträgern entdeckte, war ich bass erstaunt. Erst recht, als ich las, es sei für ein historisches Werk gewesen.

Mein Schulwissen über Churchill war sehr grob. Ich hatte die typischen Bilder von ihm im Kopf, wie er mit Stalin und Roosevelt zusammen gegen Hitler kämpft. Die britische Rolle am Zweiten Weltkrieg verblasste in unseren Büchern angesichts von Holocaust und Großem Vaterländischen Krieg. Allerdings stolperte ich später über Appeasement und Churchills Kampf gegen sie. Zudem kam mir mit zunehmenden Einfluss britischer Fernsehserien die Erkenntnis, wie bedeutend Churchill immer noch für die Briten ist.

Mein Interesse war geweckt und so nahm ich Frank Böhmerts Hinweis für eine gute Biographie ganz gern auf. Der Weihnachtsmann der Leselupe legte mir das Buch unter dem Weihnachtsbaum und schon kurz vor Silvester applizierte ich es ganz begeistert und ausgelesen wieder zurück.

churchill_cover

Winston Churchill: Der späte Held von Thomas Kielinger

Exakt mein Wunsch, mehr über das literarische Wirken Churchills zu erfahren, wurde mir erfüllt und darüber hinaus beleuchtete Thomas Kielinger auch noch die militärischen und politischen Aspekte Churchills. Stets respektvoll, mit vielen persönlichen Anmerkungen von ZeitgenossInnen und kritisch bei Erfolgen wie Niederlagen.

Nur einmal wurde Kielinger etwas süffisant, als er einen Churchill-Kritiker zwar interessant aber einen Revisionisten nannte. Ich glaub das Wort hatte ich seit meiner Schulzeit auch nicht mehr gehört. Vermutlich betraf es Feuerbach oder die SPD.

Interessant auch, dass Kielinger kaum auf die Beziehung zwischen Elisabeth II. und Churchill eingeht. Da wir gerade die Serie The Crown schauen, ergeben sich spannende Berührungspunkte und ganz unterschiedliche Sichtweisen. Überhaupt war mir zwar klar gewesen, dass Lady Di und Churchill verwandt waren, aber so richtig realisiert hatte ich nicht, dass er adlig war. Aber als drittes Kind trug er keinen Titel, war nur Mister, bis ihn Elisabeth damit versorgte. Aber ähnlich den Heiligsprechungen sind auch Ritterschläge keine wirklichen Raritäten mehr.

Aber davon abgesehen, bin ich immer wieder froh, dass unsere Ahnen vor hundert Jahren Schluss mit der Aristokratie machten.

Während ich also fast nichts über Churchill wusste, schwärmte Thomas Kielinger sehr oft von berühmten Worten des Briten, von denen ich tatsächlich nur das mit dem Blut, Tränen und Schweiß kannte – und selbst das war ja nicht ganz korrektmemoriert, weil die Mühsal fehlte. Eine weitverbreitete Auslassung, wie der Autor ergänzte.

Inzwischen habe ich mir auch eine ZDF-Dokumentation über Churchill auf youtube angesehen und dort wird eine Sache verschwiegen, auf die Kielinger einige Seiten verwendete und die Churchills Rolle im Zweiten Weltkrieg etwas ambivalenter erscheinen lässt. Churchill war nämlich in seiner Zeit als Finanzminister nach dem Ersten Weltkrieg entscheidend daran beteiligt, die britische Armee zu verschlanken was direkt dazu führte, die britische Rüstungsindustrie herunterzufahren.

Und so gibt es noch einige Dinge, die neu und überraschend für mich waren. Aber ich kann nur nahelegen, das flüssig zu lesende Buch selbst zu probieren. Es ist eine handliche, schnörkellose aber toll geschriebene Biographie, die ganz hervorragend für einen Einstieg in Churchills Leben und Werk geeignet ist, wie ich auch in meiner Rezi feststelle: Winston Churchill: Der späte Held von Thomas Kielinger

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3 Kommentare

  1. Martin Rath sagt:

    Ich habe mit 15 die Rowohlt-Bildmonographie gelesen, von keinem Geringeren als Sebastian Haffner geschrieben – sichtlich geprägt von der Verehrung, die der England-Flüchtling Raimund Pretzel dem Widersacher Hitlers entgegenbrachte.
    Für mich war das eine der fruchtbarsten Leseerfahrungen, denn das hieß, selbständig und kritisch mit einer historischen/biographischen Erzählung umzugehen (Haffner trug manchmal schon sehr dick auf). Die Gleichaltrigen, die eine „selbständige“ und „kritische“ Auseinandersetzung als Pflichtstoff auf dem Gymnasium durchgenudelt bekamen, habe ich nie beneidet.

    Da die Familienverhältnisse bei den Marlboroughs ja jetzt kein Geheimnis mehr sind, vielleicht aus einem anderen Nähkästchen: David Cameron, der Ex-Premier, ist mit der Queen verwandt – King William Henry IV. hatte reichlich Kinder mit einer Schauspielerin. Hach, der Schmäh entgeht uns – ohne Adel.

    Gefällt 1 Person

  2. […] sehr breiten Lesegeschmack und bespricht neben Phantastik auch immer wieder gerne Klassiker  oder Biografien. Hier eine Übersicht über seine Besprechungen […]

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