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Der Schatten der Bourgeoisie

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Gelegentlich werde ich ja immer noch schwach, wenn mir ein Verlag eine Neuveröffentlichung ans Herz legt. Ganz besonders, wenn es eine Klassiker-Ausgabe ist.

Diesmal empfahl mir die Presseabteilung des dtv-Verlages die Neuübersetzung von Martin Eden. Zum hundertsten Geburtstag von Jack London erschien sein autobiographisch gefärbtes Buch in schmucker Leinenausgabe samt ausführlichem Nachwort und Anmerkungen des Übersetzers Lutz-W. Wolff.

Das Buch hatte ich noch nicht gelesen, obwohl ich eine alte DDR-Leinenausgabe im Regal stehen habe. Vermutlich, weil es kein Abenteuerroman ist.
Vielmehr geht es um zwei große Themen: Evolution und das Schreiben.

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Martin Eden von Jack London, das rechte Cover ist von Horst Bartsch

Martin Eden verfällt nach einem Besuch einer Bürgertumsfamilie in Oakland Anfang des 20. Jahrhunderts nicht nur der Tochter des Hauses, sondern auch einem immensen Wissensdurst. Der einfache Matrose liest sich nicht nur durch die großen Dichter jener Zeit, er konsumiert Lexika und vor allem philosophische Werke. Ganz besonders hat es ihm Herbert Spencer angetan, dessen auf Evolution beruhende Soziologie exakt den Erfahrungen des jungen Mannes entspricht.
Bald beginnt er selbst zu schreiben und entwickelt sich auch intellektuell weit über das Niveau hinaus, das ihn an der bürgerlichen Familie Morse so verzauberte.

Ausführlich beschreibt London die Magie der literarischen Schöpfung, wie sie wohl nur jemand zu Papier bringen kann, der exakt dasselbe erlebt hat, bis hin zu den endlosen Ablehnungen, der zunehmenden Hungersnot, wenn man sein letztes Geld fürs Schreiben aufwendet.
Dieser Teil könnte glatt als Motivationshilfe für alle dienen, die sich dem Schreiben mit ganzem Herzen hingeben und an sich zweifeln.
Natürlich ist ein Roman von Jack London kein Ponyhof und gerade das bittere Ende unterstreicht die gallige Kritik an Zeitungsredaktionen, Verlegern und falschen Freunden.

Spannend ist der Vergleich meiner beiden Ausgaben. Übersetzerin Christine Hoeppener ließ Martin Eden 1971 noch deutlich prolliger sprechen, während Lutz-W. Wolff das etwas zarter andeutet. Auch die Nachwörter unterscheiden sich erwartungsgemäß.

Lutz-W. Wollf stellt heraus, dass London Individualismus und Sozialdarwinismus im Roman kritisieren wollte, Heinz Wüstenhagen – er war später Amerikanistik-Professor an der Uni Potsdam – sucht nach den Widersprüchen in Londons vermeintlichem Weltbild. Besonders wichtig war ihm die Einordnung des Endes. Scheitern oder konsequente Figurenentwicklung?

Ich vermute, dass Martin Eden nicht nur von der Missachtung seiner geleisteten Arbeit frustriert, sondern, dass er auch am Ende seiner persönlichen Evolution angelangt war. Es konnte aus seiner Sicht einfach nichts mehr kommen. Seine Ziele hatte er erreicht und dort angekommen, stellte er fest, dass sie zu erreichen bedeutungslos geworden war. Und neue Ziele sah er nicht oder hatte Angst, dass auch diese sich als Luftnummern erweisen könnten.

Es gibt Bezüge zu Nietzsche und auch zu Marx, selbst August Bebel wird erwähnt. Wahrscheinlich das allererste Mal, dass mir sein Name in einem Roman begegnet. Liegt wahrscheinlich an meiner konservativen Lektürewahl.

Den Roman zu lesen war mir eine große Freude, obwohl er quasi keinerlei phantastische Elemente enthält. Aber man kann ja nicht alles haben.

Meine etwas längere Rezi gibt es wie immer im Fantasyguide: Martin Eden von Jack London


4 Kommentare

  1. Frank Duwald sagt:

    Ich liebe die Übersetzungen von Lutz-W. Wolff. Habe ihn zwar noch nie mit einem Original verglichen, aber unvergessen für mich bleiben seine Übertragungen der Romane Madison Smartt Bells, die einen völlig eigenen Sound haben.
    Habe kürzlich ein paar Sätze seiner „Der große Gatsby“-Übersetzung mit der ersten Neuübersetzung bei Diogones verglichen, wobei ich Wolffs einfach „frischer“ und direkter, weniger umständlich, fand.

    Gefällt 1 Person

  2. Frank Duwald sagt:

    Ach, fast vergessen, deine Rezension ist wie immer Topp. Freue mich jedes Mal auf die Nächste.

    Gefällt 1 Person

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