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Der unsichtbare Käfig

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Nachdem es Jahrzehnte dauerte, bis ich den ersten Roman von Joanna Russ las, folgt der zweite erstaunlich zügig.

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Zwei von ihnen von Joanna Russ, Cover: Michael Hasted 

Zwei von ihnen stammt aus dem Jahr 1978 und behandelt natürlich wieder die Position von Frauen heute und in der Zukunft.
Joanna Russ schildert ihre Hauptfigur als aktive und selbstbewusste Frau, die sich aus der Vorbestimmung ihrer Frauenrolle in der 1950er befreien konnte. Als Agentin für eine Art Geheimdienstorganisation reist sie mit ihrem Partner durch Raum und Zeit.
Auf einem muslimisch geprägten Planeten wird sie direkt mit der Unterdrückung von Frauen und patriarchalischen Denkmustern konfrontiert.
Was zunächst als Vehikel erscheint, feministischen Standpunkte zu vertreten und Standpauken zu halten, wandelt sich zu einem sehr zynischen Zukunftsbild.

Gerade der Einstieg ist sauschwer. Russ schreibt im Präsenz, nutzt diverse Namen für ihre Figuren und wechselt wild die Perspektiven. Wenn man sich da durch gekämpft hat, wird der Roman konventioneller ohne so auch zu enden.

Ich erwarte von Russ auch gar keinen einfachen Text, weder inhaltlich noch stilistisch. Es ist faszinierend, wie sie ihre Themen behandelt ohne je zu vergessen, dass sie SF schreibt. Gerade wenn man sich überlegt, wie man aktuelle Themen zu einem treffenden Science-Fiction Text formen kann, findet sich bei ihr ein beeindruckendes Beispiel.
Mal ganz unabhängig davon, dass sie mit der Überspitzung einer muslimischen Gesellschaft und dem Gleichsetzen mit westlichen Lebenswelten, wie sie die 50er prägten, punktgenau in aktuelle Debatten passt.
Das Problem an Käfigen ist tatsächlich, dass man sie zunächst erkennen muss. Das nämlich ist der krasse Twist in Zwei von ihnen.
Die bitterböse kritisierende Feministin wird sich bewusst, das ihr Leben kaum weniger mannbeherrscht ist, wie das der weggesperrten Frauen in den Harems des Planeten Ka’abah.

Ziemlich traurig eigentlich, dass Joanna Russ vierzig Jahre später immer noch aktuell ist. Schön für ihr Lebenswerk, aber mies für die Menschheit.

Trotzdem endet der Roman positiv, Joanna Russ war wütend und besaß eine bitterböse Zunge, aber sie blieb zumindest in den beiden Büchern, die ich jetzt von ihr kenne, eine Optimistin.
Sonst würde sich der Kampf wohl auch kaum lohnen.

Im Fantasyguide könnt ihr auch eine Rezi von mir finden: Zwei von ihnen von Joanna Russ

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3 Kommentare

  1. Was ich nie verstehen werde: wieso jemand einen schwierigen Einstieg als Romananfang wählt. Autoaggression? Subversiv geht anders.

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