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Holzschnitte für Leben

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Wie so viele Kinder in der DDR wuchs auch ich mit den Zeichnungen von Werner Klemke auf. Seine Bilder waren überall. Im Buch mit den Hausmärchen der Gebrüder Grimm, in der Frösi, in der Fibel und später folgte man den frivolen Covern des Magazins, suchte die Katze und dann das garantiert nicht jugendfreie Aktmodell.

Werner Klemke im Buch

Werner Klemke im Buch

Werner Klemke war beliebt. Er stand nicht für Propaganda, sondern für kleine fröhliche, irgendwie immer freche Bildchen. Oft nur mit Wachsstiften gezeichnet, quasi auf Augenhöhe mit den kindlichen Betrachtern.

Werner Klemke

Werner Klemke

Dass er in seiner Zeit als Wehrmachtssoldat in Holland Stempel fälschte, um aus Juden Arier zu machen und so vor der Verfolgung zu bewahren, dass er Mitglied in einem Widerstandsnetz gewesen war, wussten selbst seine Kinder nur in Ansätzen. Eher zufällig stolperte man nun in den Archiven einer niederländischen Synagoge auf den Deutschen und dessen Freund Hannes. Eine Spurensuche begann und ein Dokumentarfilm wurde gedreht, der nicht nur das Bild eines agilen jungen Mannes entwirft, sondern auch weit in die Familiengeschichten der Freunde von damals eindringt.
Immer wieder gibt es animierte Bilder aus Klemkes Soldatentagebuch. Filmaufnahmen, Fotos, Briefe. Beklemmende Szenen, wenn die Nichte einen Brief über den Tod ihres Onkels vorliest, den sie gar nicht richtig kennenlernen durfte. Oder wenn sich eine der Klemke-Töchter sichtlich über sich selbst ärgert, den Stasi-Gerüchten über ihren Vater aufgesessen zu sein. Man spürt die Verwerfungen dahinter.
Zum Schluss liefen mir die Tränen bei Treffpunkt Erasmus.

Nebenbei entdeckten wir mit dem Casablanca ein Kino für uns, dass es zwar schon seit 1994 unter diesem Namen gibt und direkt an unserer Hausbuslinie liegt, aber wie das eben so ist, manche Ecken Berlins sieht der Berliner nie.

Das Casablanka in Adlershof

Das Casablanka in Adlershof

Das Casablanca hieß bis 1958 Central und wurde 1914 eröffnet. Diese hundert Jahre sind zu spüren, wenn auch einiges modernisiert ist. Trotzdem bleibt es ein typisches Uraltkino mit engem Einlass, Duft nach altem Holz und Reinigungsmittel.

Gemütlich wie eine Hobbithöhle

Gemütlich wie eine Hobbithöhle

Geschichtsträchtige Sessel, kleine Leinwand und Poster von Filmen, deren Premiere vor meiner Geburt stattfand.
Besonders überwältigend sind die riesigen Fresken im Saal, die Straßenbilder aus Casablanca darstellen. Das atmet ein Flair, hinter dem jeder Superdupersexyplexisaal vor Schamesröte in der Filmkunsthölle versinkt.

As time goes by

As time goes by

Wir kommen wieder.

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5 Kommentare

  1. Das Casablanca ist toll! Da war ich vor Jahren auch schon.

    Und Werner Klemke kannte ich auch im Westen, weil meine Köpenicker Tante mir gelegentlich Märchenbücher besorgte und mir schenkte, wenn wir wieder auf Verwandschaftsbesuch kamen. Ein witziger, virtuoser Künstler – wie schön, dass er sich jetzt auch als subversiver und mutiger Mensch entpuppt!

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  2. texte-jon sagt:

    Oooch. Wieder was verpasst. Hoffentlich gibt es ’ne DVD davon.

    Gefällt 1 Person

  3. Hübsches Märchenbuch!

    Und hübsches Kino – wär’s etwas größer und hätt’s hinten eine Empore, tät’s exakt zu meiner Story vom Kinosterben passen.

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