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Jeder nach seiner Fasson

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Als Schlummsy gerät man ab und zu in seltsame Situationen, die bei gründlicherem Lesen zumindest weniger obskur erschienen wären.

So interessierte mich die Ankündigung einer Lesung von Leif Randt im LCB sehr, der Anhang mit dem Deutschlandfunk gelangte jedoch nicht wirklich in meine Synapsen.

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Ein stürmischer Regenschauer überzog die Restauration des LCB

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Die aktuelle Ausstellung heißt Zeitsprünge. Fotografien von Renate von Mangoldt

Deutschlandfunk – diesem Sender habe ich noch nie gelauscht und das wird sich wohl jetzt auch nicht ändern. Die Sendung Studio LCB stellte Moderator Hubert Winkels als längste Literatursendung vor, was für den klassischen Hörfunk stimmen mag, Podcaster werden müde gähnen.
Drastisch an Sympathie verlor der Mann, als er süffisant eine Premiere ankündigte für seine Sendung: Der erste SF-Roman in diesem Format!

Okay, dachte ich mir, hör trotzdem zu. Hubert ging selbstbewusst davon aus, dass man seine Sendung kennen müsste und erwähnte auch nicht, dass es sich um eine Aufzeichnung handelt, vom Sendetermin ganz zu schweigen, aber um Hörer geht es meiner Erfahrung nach im öffentlichen Rundfunk eher selten. Das klingt negativ? Ich fange gerade erst an.

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Leif Randt und das Zuhören

Als Gesprächspartner für den 32jährigen Autor fungierten der Literaturredakteur von 3sat, Michael Schmitt, und der Literaturwissenschaftler Jochen Hörisch.
Als Hörisch sich zum Begriff Utopie äußern sollte, erlebte ich einen dieser Momente, da man sich in einer Satire gefangen glaubt. Würde ich Literaturkritik karikieren wollen, bräuchte ich nur Hörischs hektische Grundsatzrede nehmen und sie passte egal zu welchen Buch, egal zu welchen Thema oder egal zu welcher Autorin oder Autor. Er sprach extra schnell, um ja viele Begriffe, Zitate, Namen und jämmerliche Witze unterzubringen, bevor ihn jemand unterbrechen könnte, was der Moderator eh nicht versuchte, wohl in der Erwartung, dass man ihn dann auch ausreden ließe.

leif_randt_5Winkels, Randt und Schmitt.

Jedenfalls palaverte Hörisch einen derartigen Humbug zusammen, brachte im Laufe des Abends Goethe, Nietzsche und Benn in Stellung um darunter den armen Leif Randt zu verschütten, dass ich mich wunderte, nicht ebenfalls unter einem Berg von Blödsinn begraben zu werden, dicht genug saß ich ja.
Der Autor hingegen ruhte in sich weltvergessen auf seinem Platz und schien schnell jede Hoffnung verloren zu haben, den Gedankengängen der Großköpfe verfolgen zu können.
Moderator Winkels stellte hochkomplexe Fragen in denen er fleißig toll klingende Interpretationen einflocht, dazu betont nachdenklich in die Weite des LCB-Raumes seinen Phrasen träumerisch nachsah, und die verzweifelten Nachfragen Randts, wie die Frage lautete, mit noch größerem Wortschwall beantwortete, sichtlich erleichtert, seine magischen Gedanken noch weiter ausführen zu können.

Leif Randt rang nach Antworten, die auch mit ihm und seinem Werk zu tun hatten und schaffte es doch nur immer wieder, den Sprachkünstlern neue Stichpunkte für fröhliche Monologe zu liefern. Einzig der bei 3sat wohl Missachtung gewohnte Michael Schmitt kam kaum zum Zuge und musste wiederholt auf sein großes Problem hinweisen, dass in Planet Magnon die Schwerindustrie fehle.

Endlich durfte Leif Randt vorlesen.

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Der Autor und das sachliche Wort.

Und er nutzte seine Chance. Las lang, mehrere Szenen aus dem Beginn des Romans. Ganz im nüchternen Ton des Ich-Erzählers und versagte sich jede Humorhervorhebung. Gefeiert wurde er dann von seinem Gesprächseroberer Hörisch für das mutige Experiment, zwei Artikel aus dem Glossar vorgelesen zu haben.
Randt nahm es gelassen oder unbewegt oder vielleicht auch mit erschöpfter Gewöhnung. Vielleicht mag er solche Gesprächsrunden, vielleicht will er wirklich nicht über Star Wars reden und warum er seinen Roman als Space Opera bezeichnet, obwohl er dies nun so überhaupt nicht ist.

Wer weiß. Erst einmal lese ich nun den Roman, den ich mir natürlich kaufte und signieren ließ.

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Schwer, sich nicht in Planet Magnon von Leif Randt zu spiegeln

Gesendet wird die Aufzeichnung am 30. Mai 2015 um 20:05 Uhr im Deutschlandfunk und ich bezweifle, dass man sie lange danach noch herunterladen kann. Mit Inhalten, die wir über die Zwangsgebühren finanzieren, gehen die Öffentlich Rechtlichen meist nur auf eine Art um: Ab in den Keller, wenns kein Tatort ist.

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6 Kommentare

  1. Pogopuschel sagt:

    Der arme Autor. Aber für einen amüsanten Blogeintrag hätte es wohl gar nicht besser laufen können. 😉

    Ich bin jetzt jedenfalls sehr neugierig auf diese Sendung. Kann auch nicht behaupten, schon mal Deutschlandfunk gehört zu haben.

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  2. Martin Rath sagt:

    Der Mann, der da so viel geredet hat, heißt Jochen Hörisch. Ein Literaturprofessor mit Ha, nicht mit Bä. Der muss so schrecklich viel im Kopf haben (seine „Theorie-Apotheke“ ist zum Beispiel vollgestopft mit allem, was im 20. Jahrhundert mal in Theoriemode war [vielleicht daher das Lob aufs Glossar]), dass er wahrscheinlich ständig unter Druck steht, davon etwas abzulassen.

    Den Deutschlandfunk meide ich wegen der ulkigen Nachrichtensendungen (Kurzfassung-Langfassung-Kurzfassung). Aber das kleine Geschwisterchen Deutschlandradio bringt ganz gute Sachen, ab und zu auch zur Phantastik – insgesamt bestimmt nicht weniger als das Zeitungsfeuilleton. Mal zur Übersicht:
    http://www.deutschlandradio.de/text-und-audio-suche.287.de.html?search%5Bsubmit%5D=1&search%5Bword%5D=science+fiction

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