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Der Gesang der Sirene

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Dem unausweichlichen Scheitern einer Figur zuzuschauen ist selten ein Vergnügen.
So lese ich gerade mit bangem Gefühl das Ende von Madame Bovary.

Am Anfang konnte man sich direkt ein bisschen in Emma verlieben, aber Flaubert stellt sie immer mehr als eine Frau dar, die nie zufrieden zu stellen ist. Dabei versucht er auch gar nicht, all zu tief in ihre Wünsche und Bedürfnisse einzudringen, sondern bleibt bei seiner ersten und einfachen Erklärung hängen. Seine Emma versucht jenes Leben zu erreichen, dass sie in romantischen Romanen kennenlernte. Sie sucht die dort jubelnd beschriebene Liebe, den prunkvoller Reichtum und die wundervolle Erhöhung von Gefühl und Existenz.

Also blanker Eskapismus. Doch Emma findet nie die Mittel oder Möglichkeiten, diese Träume wahr werden zu lassen.
Letztlich scheitert sie an den Männern ihrer Umgebung, aber vor allem an sich selbst. Weder erkennt sie die Unmöglichkeit, sich mit Geld ein märchenhaftes Leben zu erkaufen, noch durchschaut sie das Wesen ihrer Liebhaber und die Beschaffenheit der Gefühle, die man ihr entgegenbringt.
Flaubert umkreist die sexuellen Teile der Beziehungen stets vorsichtig, aber man spürt, dass ihre Männer ihr einfach nie genügen können, in allen Belangen.

Hohe Anforderungen und Erwarten zu haben ist natürlich nie verkehrt, problematisch wird es, wenn man die Mängel der anderen zu übertünchen versucht. Denn irgendwann blättert die Farbe ab und das Erwachen wird umso tragischer.
Insofern zeigt Flaubert die Grenzen weiblicher Selbstverwirklichung auf und beschreibt gleichzeitig, vielleicht nicht einmal gewollt, die einengenden Unzulänglichkeiten einer materiellen Männerwelt.

Wie der Zufall so will, überschneiden sich meine aktuellen Lektüren wieder einmal thematisch. Emma wird von der Mutter ihres Liebhabers als Sirene bezeichnet und somit als alleinig Schuld am Ehebruch.
Uns als was wird Troubadora Beatrix in Amanda – ein Hexenroman von Irmtraud Morgner wiedergeboren? Als Sirene, die erzählen will warum aus einer Querköpfin eine angepasste Frau wurde.
Irmtraud Morgner assimiliert einen negativen Frauentyp und dreht die Vorzeichen einfach um. Nicht, weil sie aus Minus Plus machen will, sondern weil es nie Minus war.

Das lässt die Synapsen doch so richtig blitzen und stürmen.

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4 Kommentare

  1. Ich persönlich hasse es ja, wenn Protagonisten in Romanen unbedingt für ihre moralischen Verfehlungen mit dem Tode bestraft werden. Dies ist der Hauptgrund, weshalb ich den Roman nicht sehr mochte.

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    • Montbron sagt:

      Ist es denn eine Bestrafung?
      Emma entzieht sich doch radikal dem System.

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      • Naja, sagen wir mal, sie wird von ihrem Autor bestraft. Es ist halt sehr selten, dass solche Verstöße gegen die Gesellschaft nicht übel enden. Es gibt so viele Beispiele dafür, von „Anna Karenina“ bis „Quell der Einsamkeit“.
        Ich war kürzlich fast geschockt, dass eine weitere Tabubruch-Novelle, „Dshamilja“, völlig überraschend happy endete.
        Okay, ich gebe es zu: Ich liebe Happy-Ends.

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      • Montbron sagt:

        Ja, Dschamila ist Klasse, wie eigentlich alles von Aitmatow.

        Du magst zwar darin Recht haben, dass Flaubert seine Protagonistin keinen anderen Ausweg in die hand gab und ihr Ende beschreibt er ziemlich schrecklich.
        Aber sie stand ja vor einem Weg, der sie zum einen weiter in Abhängigkeit von Männern gebracht hätte, die sie hasste und zum anderen erkannte sie, dass sie sich, wie auch ihre Gefühle zu prostituieren begann.
        So wählte sie lieber selbst, wohin sie will.
        Mir deucht, es ist wesentlich mehr ein gutes Ende für Emma geworden und ein Böses für ihre Umgebung. Ganz besonders natürlich für die Tochter.

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