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Als das Fischlein fortging

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Gestern luden Gisela Steineckert und Dirk Michaelis in der Freiheit 15 zu einem Liederabend ein.
Die Freiheit 15 liegt in der Köpenicker Altstadt und dient regelmäßig diversen Veranstaltungen als heimeliger Ort. Drinnen war ich gestern aber zum ersten Mal, während ich den Biergarten bereits kannte.

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Die Lyrikerin Gisela Steineckert gehört zu meiner DDR-Vergangenheit auf so substantielle Weise, dass es einem erst richtig bewusst wird, wenn man mal wieder darin herumstöbert.
»Komm wir malen eine Sonne« dürfte das erste Lied von ihr gewesen sein. Gesungen hat es Frank Schöbel und lange Zeit kannte ich von ihm nichts anderes, denn Schlager hab ich nur unter Zwang gehört.
Und dann kam seine Weihnachtsplatte und der Titelsong »Weihnachten in Familie« stammte ebenfalls von Gisela Steineckert.

So richtig bekannt aber wurde sie mir erst durch »Als ich fortging«. Das Lied kam just in dem Moment, als ich mich mit der bisher verpönten DDR-Musik anfreundete. 88/89 hatten die Bands von Pankow über Silly und City auch mir etwas zu sagen. Ich stöberte dann auch ältere Sachen auf, darunter Karussell. Die machten eigentlich Bluesrock, der mich ziemlich kalt ließ, da ich mit NDW und New Wave groß geworden war. Rock oszillierte für mich nur zwischen AC/DC und Queen.
Mitte der Achtziger suchten sich Karussell einen neuen Sänger, wahrscheinlich um mit der Zeit zu gehen und sich zu verjüngen. Und tatsächlich wurde Café Anonym ein Erfolg.

»Als ich fortging« berührte mich in den tiefsten Verstecken meines jugendlichen Herzens. Weitaus mehr als Schiller brachten mich die Gedichte von Hanns Cibulka und eben Gisela Steineckert dazu, selbst zu dichten. Ich las damals alles wild durcheinander, aber diese beiden frästen das Grundmuster meiner Lyrik in Haut und Knochen.
Die Wende zerstäubte für einige Jahre so ziemlich alles an DDR-Kultur. Ich erinnere mich an ein City-Konzert in einem Marzahner Jugendclub mit vier Gästen. Sie spielten wunderbar und tapfer. »Rüdersdorf«, der Song von City ist mein Soundtrack dieser Jahre.

Karussell verlor ich aus den Augen, ich verfolgte Pankow, City, Sandow und die Skeptiker.
Gisela Steineckert sah ich das erste Mal life 1992, da studierte ich noch Lehramt. Und sie bewunderte den Mut, in dieser Zeit und dieser Gesellschaft Lehrer werden zu wollen.
Mein Mut hielt nicht lang.

Gestern las sie ihre Texte und Gedichte mit derselben Mischung aus Ironie und Mutmachen. Als ob kein Tag vergangen wär. In ihren Gedichten hackt sie oft gleichermaßen auf Mann und Frau ein, reibt ihnen Fehler und Schwächen unter die Nase, dass man fliehen möchte und doch lachen muss. War sie der heiße Feger aus ihren Liebesliedern oder die Königin Meckertrine? Wer weiß.
Sie forderte Licht im Saal, um ihr Publikum zu sehen und sie lobte uns für Wissen und Treue. So ein bisschen Nostalgie ist wohl immer dabei. Es sind Osthits von OstkünstlerInnen, serviert im Osten. Da ist das alte Wir nie weit.

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Dirk Michaelis füllte den Platz neben ihr mit Stimme und überbordender Liebenswürdigkeit. Selbstvergessen und mit hervorbrechendem Temperament sang er seine Lieder und auch fremde. Man spürte den Vollblutmusiker, der seit Jahren im Untergrund lebt. Er macht Songs, die von anderen gesungen, im Radio kämen.
Ich kann es nicht erfühlen, was es heißt, für einen dreißig Jahre alten Song berühmt zu sein. Auf Ostrockfestivals zu singen, einer Szene angeklebt, der man so kurz nur angehörte. Mich würde das wahnsinnig machen. Jeder neue Text voll Herzblut und der uralte, längst ausgelebte überdeckt alles. Ist das der eine Song für die Unsterblichkeit wert? Und dennoch heulen die Leute auch gestern wieder, ja auch meine Augen füllten sich, als er »Als ich fortging« auf dem Klavier zu spielen begann.

Gisela Steineckert feierte am 13.05. ihren Geburtstag und bestand auf ein Wunsch. Dirk sollte ihr »Wie ein Fischlein unterm Eis« singen. A capella wie er es schon oft tat, youtube offenbarte es mir später.
Der Song ist großartig. Und von Dirk Michaelis gesungen, ohne Mikro in diesem doch recht kleinen Saal – das wird bleiben.

Wenn ich nicht mehr weiß, was richtig ist,
und ich rutsch herum in meinen Schuh’n.

Aber es führt unweigerlich zu Kurt Demmler. Es gibt Lieder von ihm, die kann ich problemlos hören, den Farbfilm etwa. Da macht Nina Hagen alles vergessen. Doch die Lieder vom kleinen Prinzen sind wohl auf ewig für mich verbrannt. Ich höre sie ja doch, wenn ich daran denke. Diese glasklare Mädchenstimme, die davon singt, wie Prinzen sind.

Ich weiß, ich bin kein Richter. Aber es fühlt sich an wie Verrat und mit seiner Hilflosigkeit ist niemand gern allein.

Aber die Lieder sind nicht der Künstler. Das steckt hinter dem Geburtstagswunsch.

Danke für diesen warmen Abend.

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